25. Die kleine Mühle.

Mündlich in Platendorf.


Es war einmal eine Frau, die hatte eine kleine süße Tochter und weiter nichts; und sie wohnten zusammen auf einem hohen Berge. Einst wurde die Mutter krank, und da mußte das kleine Mädchen alle Tage allein ins Holz und Beeren suchen. Als es nun einmal gar keine mehr finden konnte, setzte es sich hinter einen Busch und weinte. Da kam eine alte Frau aus dem Busch, die hatte eine lange Nase und fragte: »Was fehlt dir?« Das Mädchen klagte seine Noth, und die alte Frau holte eine kleine Mühle aus dem Busch hervor und sagte: »Drehst du die Mühle links herum, so mahlt sie schönes weißes Mehl; drehst du sie rechts herum, so mahlt sie feine Graupen; legst du den kleinen Finger hier oben auf den blanken Knopf, so hört sie auf, und sagst du dieß jemandem, so mahlt sie gar nicht mehr.« Damit war die alte Frau weg; das Mädchen aber lief mit der Mühle nach Haus, und nun hatten sie zu eßen, so viel sie nur wollten. Einige Jahre nachher wurde das Mädchen krank, und die Mutter mochte beten, so viel sie wollte, es starb und gieng zum lieben Gott. Nun zog ihm die Mutter das beste Kleidchen an, legte es in ein Grab und weinte und weinte. Nachher, als sie wieder hungerig wurde, drehte sie die Mühle rechts herum, und sie mahlte lauter feine Graupen. Als es genug waren, sollte die Mühle [78] wieder aufhören; die mahlte aber immerzu. Die Mutter hielt einen Stock zwischen die Flügel; der Stock zerbrach, und die Mühle mahlte immerzu und mahlte die ganze Hütte und den ganzen Berg voll. Da lief die Mutter fort, und keiner weiß, wo sie geblieben ist; die Mühle aber mahlt noch immerzu, und wenn sie einen großen Haufen gemahlen hat, so kommt der Wind und weht es über die Erde, und dann sagen die Leute: »Es graupelt.«

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Zitationsvorschlag für dieses Objekt
TextGrid Repository (2012). Colshorn, Carl und Theodor. Märchen und Sagen. Märchen und Sagen aus Hannover. 25. Die kleine Mühle. 25. Die kleine Mühle. Digitale Bibliothek. TextGrid. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0002-5741-7