[131]

Die an uns gelangte, übersorgfältig gepackte Sendung ist von mir nicht ohne Schwierigkeit entwickelt worden, hierbey erhalten Sie davon:

1. Die Gmelinschen Kupfer. Sie werden dem Kupferstecher und überhaupt dem Unternehmen billige Beurtheilung widerfahren lassen; wer aber nur irgend einen Sinn für Poesie hat, muß solches Zeug verfluchen. Durch die Übersicht der Ebene von Troja ist die Ilias aufgehoben, beynahe geht es der Aeneis nicht besser in den Sümpfen von Ostia. Ich wüßte kein Bild darunter zu bezeichnen, welches der Einbildungskraft nachhülfe. Da nun aber Herzoginnen, Reisende, wandernde Zeichner und zu Haus gränzenlos strichlende Kupferstecher alle conspiriren, und conspiriren müssen, um zu scheinen und zu seyn; so sollte man von geschehenen Dingen das Beste reden.[132]Mögen Sie auf eine feine Weise diese Seite bey der Beurtheilung berühren, so wird es nicht übel seyn, denn da man ein für allemal verzweifeln muß, so bleibt nichts übrig als hie und da eine gelinde Protestation einzulegen.

2. Der kranke Königssohn nach Cortona ist allerliebst und das Erfreulichste der ganzen Raabischen Sendung; das andere, wahrscheinlich Abigail, nicht ganz gut gedacht, das blaue Gewand in der Mitte nicht erfreulich; vielleicht in einer andern Abtheilung des Plafonds balancirt, da ja von Verzierung des Ganzen die Rede ist.

3. Die beiden Frauenfiguren der Aldobrandinischen Hochzeit beurtheilen Sie selbst am besten.

4. Die Aldobrandinische Hochzeit selbst hier zu sehen, werden Sie sich, mein theurer Freund, entschließen. Sie aus- und einzupacken ist ein beschwerliches Geschäft, unserer Dreye sind kaum damit fertig geworden. Sie kennen das Bild zwar auswendig, sehen Sie aber doch das Ihrige, ehe Sie herüber fahren, nochmals an. Das Raabische hebt ganz den Begriff auf einer heiteren, reihenhaften Wandverzierung. Das Innere des Hauses, zur linken Seite des Beschauers, ist viel zu kräftig gegen die rechte, ohnehin offene Seite. Die Mitte beurtheilen Sie selbst. Raabe scheint sich treu gehalten zu haben; was mir beschwerlich ist, mag an der Restauration liegen.

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Das Actenfascikul hat sich gefunden, Sie erhalten es und beurtheilen das Vorliegende nach Bequemlichkeit. In einigen Stunden Hierseyns werden Sie Herr über das Hauptbild, ich übernehme das endliche Einpacken und schicke die Kiste von hier weg. Das ist das Compendioseste, was ich mir habe ausdenken können. Übrigens ist außer dem kranken Königssohn für meinen Sinn nichts erfreulich, finden Sie mehr, so lassen Sie mich es genießen.

Auf baldiges Wiedersehen
G.
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TextGrid Repository (2022). Goethes Farbenlehre in Berlin. Repositorium. 28. Juli 1820. Goethe an J. H. Meyer. Z_1820-07-28_d.xml. Wirkungsgeschichte von Goethes Werk „Zur Farbenlehre“ in Berlin 1810-1832. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek. https://hdl.handle.net/21.T11991/0000-001B-FB3B-7