Erstes Kapitel.

Aet unerklärliche Weise begann im Laufe des letzten Jahres der Prokurist Wilhelm Krätke, der sich bisher der besten Gesundheit erfreut hatte, zu kränkeln. Ein Riese war er auch vorher nicht gewesen. Zum Beispiel hatte ihn sein Lebensdrang nicht dazu bewogen, mit fünfundzwanzig oder dreißig Jahren eine Frau zu nehmen. Als er die zwanzigjährige Ilse Gutnik, die Tochter des Regierungsbaumeisters, heimführte, ging er sogar schon stark gegen die Vierzig, und war er eigentlich ein wohlbestallter und gesetzter Mann, dem niemand mehr solche Sprünge zutraute. Wer nachher seine junge Frau kennen lernen durfte, begriff ihn freilich. Sie war sehr hübsch, aus guter Familie,wohl erzogen, hatte eine mehr als nur angenehme Figur, und die Lebenslust blickte ihr aus den Augen.Ob sie eigentlich klug war oder nicht, hatte man nie richtig ergründen können. In Gegenwart ihres bedeutend älteren Mannes schwieg sie meistens, und da er diese Gewohnheit an ihr lobte, so behielt sie sie auch bei; vielleicht hatte sie sie schon vorher gehabt. Sie kleidete sich gern hübsch; darin leistete er ihr nach Möglichkeit Vorschub, da er ihre Jugend nicht unterdrücken wollte. Manche meinten trotzdem, er habe sein Verhält[]nis zu ihr stark auf Selbsterhaltung eingestellt; da sie nicht darüber sprach, so konnte niemand etwas Sicheres wissen. Sie machte zwar nicht den Eindruck einer sehr verliebten, durch Liebe erschlossenen Frau, doch hatte sie ihrem Mann zwei gesunde, hübsche Kinder geboren, die sie ganz auszufüllen schienen.

Soweit ging alles ordentlich. Um den fünften Geburtstag des Altesten, eines Jungen, begann Krätke aber, wie gesagt, zu kränkeln. Zuerst hielt man sein Leiden für einen etwas hartnäckigen Bronchialkatarrh, dann für Lungenentzündung, darauf für Schwindsucht, und ziemlich spät kam man dahinter,daß es sich um ein Sarkom handelte, eine jener gutartigen Geschwülste, die rettungslos zum Tod führen.Als man ihn endlich durchleuchtete, hatte es schon die Größe eines kleinen Kinderkopfes. Dann wuchs es noch drei Wochen, von den Arzten aufmerksam beobachtet, um endlich seinen Wirt in einer Mondnacht voll großartiger Schönheit zur Strecke zu bringen, und drei Tage später samt ihm zur Grube zu fahren.

An seinem Grab stand weinend unter einigen andern Leute seine hinterlassene Witwe, deren braunhaarige Lieblichkeit aus allem Schwarz unverwüstlich herausschimmerte. Ihre Wangen erinnerten an verregnete Pfirsiche, und bei ihrer schluchzenden Gestalt dachte man an einen vom Sturm bewegten jungen Baum. Übrigens fanden einige Leute, darunter der Pastor, daß sie ihr Trauerkleid etwas zu schick gewählt habe, aber über die Empfindung eines Menschen, was ihm ansteht und was nicht, läßt sich bekanntlich nicht

J []rechten. Schüchtern und mit einer verlassenen Bewegung warf sie, ohne den sehr gut sitzenden schwarzen Glacéhandschuh auszuziehen, etwas märkischen Sand auf den Sarg ihres toten Gatten hinunter, nahm mit bestürzter und verständnisloser Miene die Beileidsbezeugungen der Trauergäste entgegen, unter denen auch nicht ein Verwandter weder von ihr noch von ihrem Mann war, stolperte plötzlich noch einmal zum Grab hin, in das sie aus ihren großen dunklen Augen einen letzten fragenden Blick warf, und ließ sich dann willig vom Pastor an der Hand wegführen.

Auf vielen Gräbern standen Chrysanthemen. Die Sonne schien herbstlich vom zartblauen Himmel herab,als forderte sie auf, nur noch die letzten schönen Tage recht zu genießen; es war tatsächlich so warm wie im Oktober, obwohl man Anfang Dezember hatte. Die Leute verließen Ilse nun unter sehr achtungsvollen Grüßen. Der Pastor versprach, schon in den nächsten Tagen nach ihr zu sehen, obwohl sie nicht zu seiner Gemeinde gehörte. Krätke war auf dem Kirchhof des Krankenhauses begraben worden, welcher eine kleine Stunde, mit der Elektrischen zu fahren, von Ilses Wohnung entfernt lag. Es hatte sich niemand gefunden,der ihr geraten hätte, ihn auf ihrem Gemeindefriedhof beisetzen zu lassen, und sie glaubte, es müsse so sein,obwohl man sonst seine geliebten Toten gern in der Nähe hat. Diese Ergebenheit hing wohl mit dem noch Ungeweckten zusammen, das manchmal an ihr zu beobachten war. Ihre häusliche Tüchtigkeit stand ganz außer Frage, und mit ihren Kindern wurde sie aus[]gezeichnet fertig, aber außerhalb des Hauses, sozusagen in der Offentlichkeit, kannte sie sich vielleicht nicht recht aus, war es nun, weil sie sich noch nicht wagte,oder weil sie überhaupt nicht gelernt hatte, wie man die Menschen und Verhältnisse benutzt. Sie glaubte im allgemeinen, was man ihr sagte, und von einem Lächeln dachte sie aufrichtig, daß das etwas sei, um sich darauf zu verlassen. Sie begriff zwar, denn sie war nicht dumm, daß sich ihre Lage sehr verschlechtert hatte, aber sie wußte zuviel Menschen, deren Mitgefühl sie besaß wenigstens acht hatten es ihr des bestimmtesten ausgedrückt , als daß sie einen Grund sehen konnte, um zu verzweifeln. Zum Verzweifeln wäre wohl die Einsamkeit gewesen, die sie zu Hause erwartete, doch hatte sie wenigstens die Kinder; für diese dankte sie ihrem Dahingegangenen nachträglich noch aus ganzem Herzen, denn nichts wäre ihr so furchtbar gewesen wie vollständige Verlassenheit. Den Blick prüfend und etwas bange, aber im ganzen doch vertrauend in die Zukunft gerichtet, bestieg sie den in der Nähe des Kirchhofes haltenden Wagen der Straßenbahn, und nach einem letzten schmerzlich geflüsterten „Lebe wohl, du Lieber, Guter!“ über dies Trümmerfeld des Lebens fuhr sie allein davon und zu ihren Kindern zurück.

Wenn sie die Hinterlassenschaft ihres Mannes betrachtete, so bestand sie nach menschlichem Ermessen in einer eingerichteten hübschen Dreizimmerwohnung,einem Gnadengehalt von einem Vierteljahr aus dem Geschäft des Verewigten, etwas Erspartem, aber nicht []sehr viel, denn das Leben hatte Geld gekostet, einem ausgezeichneten Ruf und den beiden Kindern. Von den Ersparnissen hatte zudem die Krankheit Krätkes den größten Teil aufgefressen. Ein ganzes Geld war auch für die Trauerausstattung daraufgegangen, die vielleicht wirklich ein wenig über ihre Verhältnisse ging.Auch die Kinder hatte sie schwarz eingekleidet. Nun erholte sie sich etwa eine Woche lang von den Anstrengungen der Sterbenacht, die furchtbar und alarmierend gewesen war, von den hundert Gängen zur Polizei, zum Standesamt, zur Druckerei, zur Beerdigungsfirma, zur Schneiderin und so weiter, vom Begräbnis selber nicht zu reden. Jeden Abend las sie etwa eine halbe Stunde in der Bibel und war überrascht von deren Schönheiten, doch fühlte sie auch ihre große Jugend, und unruhig entdeckte sie, daß zwischen ihr und der Heiligen Schrift große Gebiete liegen mußten, die sie noch nicht kannte. Manchmal erschien in ihren Augen ein sehr nachdenklicher Zug. Ihr Gesichtsausdruck nahm etwas Aufmerksames, Fragendes an. Ein Ernst zeigte sich auf ihrer Stirn, der eine neue Selbständigkeit anzuzeigen schien. Wenn die Leute zu ihr sprachen, so war sie noch so schweigsam wie früher, aber sie dachte sich jetzt mehr dabei. Und allmählich begann sie zu überlegen, was nun weiter mit ihr geschehen solle. Aber da zeigte sich wieder ihre Lebensunkenntnis im hellsten Licht; sie hatte gar keinen Begriff davon, was sie anfangen sollte. Die Natur hatte sie dazu eingerichtet, einen Mann glücklich zu machen und von ihm selber beglückt zu werden,[]häusliche Tugenden zu entfalten und ihre Kinder zu gesitteten Menschen zu erziehen. Allein ganz andere Notwendigkeiten kamen hier in Betracht, und für diese fehlte ihr jede Vorbereitung. Sie war wirklich noch sehr unfertig; das sah sie selber ein.

Für das laufende Vierteljahr hatte sie zu leben.Am nächsten Ersten fiel das Monatssalär Krätke hatte immer Wert auf diesen Ausdruck „Salär“ gelegt und das Gnadengehalt. Bis die beiden Summen verbraucht waren, mußte sie unter Dach sein.Es stellte sich immer mehr heraus, daß die Beileidsbezeugungen das letzte waren, was die Bekannten des Verewigten von sich hören ließen, dagegen erfüllte der Pastor seine Zusage, und er war es auch, der ihr riet,in einer Handelsschule praktische Klassen zu belegen, und einen Teil ihres Geldes zur Erlernung der Stenographie, der Buchführung, der Korrespondenz und der Maschinenschrift zu verwenden. Als er hörte, daß sie etwas Französisch und sogar Englisch verstand, ermunterte er sie sehr, auch diese Kenntnisse zu erweitern. Viel war es indessen nicht; das Schicksal hatte ihren vielleicht verheißungsvollen Bildungsgang früh abgebrochen. Da sich kein anderer Ratschlag fand und endlich etwas begonnen werden mußte, machte sie sich mit der ihr eigenen Schweigsamkeit daran, die angedeuteten Fertigkeiten zu erlernen. Sie wurden ihr nicht besonders sauer, aber sie konnte ihnen nicht den mindesten Geschmack abgewinnen; alles dies schien ihr nicht zu ihr zu gehören. Andererseits entsprach das Ziel ihrer Bemühungen, wie es ihr schien, den Lebensprinzipien

10 []ihres Dahingegangenen, der es mit ihnen vom Sohn eines armen Dorfschulmeisters zum Prokuristen einer angesehenen Firma gebracht hatte, eine Leistung, die auch sie anerkennen mußte. Der Pastor hielt es für möglich, daß sie nach Ablegung eines guten Examens bei derselben Firma unterkommen konnte, aber das schien ihr noch sehr im weiten zu liegen, und obwohl sie sich nicht darüber äußerte, enthielt ihr die Aussicht keine Verlockung.

Mehr Anregung gab ihr das wieder aufgenommene Studium der Sprachen. Sie hatte von beiden das zweite Berlitzbuch absolviert, sogar die Fabeln des Lafontaine konnte sie lesen, und im Englischen war sie zu Kiplings Dschungelbuch vorgedrungen. Diese klugen Werke nahm sie von neuem vor, aber bald ersetzte sie die Fabeln durch einen Band Maupassant, von dem ihr der Pastor abgeraten hatte. Auch darüber schwieg sie, aber sie fand, daß er besser ins wirkliche Leben einführte, und oft war sie überrascht von seiner Richtigkeit; beinahe könnte man sagen, sie hätte nicht gedacht, daß sie so sei. Sie kam dahinter, daß man leicht für dumm gehalten wird, weil man wenig spricht.Selbst ihr Verewigter schien sie in diesem Punkt unterschätzt zu haben. Aber sie hatte sehr wohl die Fähigkeit,von ungefähr zu verstehen, was das Leben will, und über diesen Willen des Lebens machte sie sich in der nächsten Zeit viele Gedanken.

Inzwischen kam die Frage heran, auf welche Weise sie ihre erworbenen Kenntnisse verwerten solle. Es zeigte sich nun, daß sie ganz entschieden gegen den Plan

1f []mit der Firma ihres Verklärten war. Sie remonstrierte nicht wortreich; sie hatte einfach so eine Art, nicht darauf zu hören, daß der Pastor die Vergeblichkeit seiner Bemühungen einsah. Kurz gesagt: sie besaß zwei Kinder,die sie unmöglich tagelang allein lassen konnte. Verwandte, um sie bei ihnen abzusetzen, hatte sie nicht,und wenn sie welche gehabt hätte, so würde es sich herausgestellt haben, daß sie, bei ihrer Gemütsanlage,keinen Gebrauch von ihnen machen konnte; sie wäre auf ihre Kinder einfach zu eifersüchtig gewesen, um sie wochenlang dem Einfluß anderer Menschen auszusetzen, das Bewußtsein zu ertragen, daß andere ihren Liebreiz und das ständige Wunder ihrer Sinnenentfaltung genossen. Sie erkannte auch mit ziemlich klarem Blick, daß dies unmodern und unpraktisch gefühlt war und daß es nicht zu ihren Verhältnissen paßte, aber wer kann über sich selber hinwegsteigen? Als die Rede darauf kam, die Kinder vielleicht von einer Nachbarin verwahren zu lassen, schien es dem Pastor, der sonst ein wirklich wohlwollender und sogar lebenskundiger Mann war, zum erstenmal, daß Ilse Krätke von einem gewissen Hochmut beseelt sei, den er bei ihr nicht erwartet hatte; jedenfalls war auch darüber nicht mit ihr zu reden.

Der seelsorgerliche Umgang mit Frau Krätke wurde nun bei ihrer zunehmenden Widersetzlichkeit schwierig.Beim Hinweis auf das Fröbelhaus und den Kindergarten schwieg sie verstimmt. Eines Tages hatte sie dagegen eine Schreibmaschine angeschafft, um zu Hause Arbeiten auszuführen. Das Instrument kostete beinahe

49 []die Halfte des Gnadengehaltes, aber Ilse konnte nun wenigstens wegen ihrer Mutterpflichten ruhig sein.Darauf legte sie sich noch Papier, Farbbänder, Kohlepapier und andere Notwendigkeiten auf Vorrat zu,fand, daß sie auch einen richtigen Schreibmaschinentisch brauche, und kaufte diesen ebenfalls, richtete umsichtig in der guten Stube ihr Bureau ein und gab ein Inserat in die Zeitung: „Schreibmaschinenarbeiten, Abschriften,Vervielfältigungen, auch Stenogrammdiktate usw. fertigt prompt und geschäftsmäßig an Ilse Krätke.“ Dazu Straße und Hausnummer. Auf das „geschäftsmäßig“legte sie besonderen Wert, weil sie doch eine so wenig geschäftsmäßige Seelenverfassung hatte; die Menschen schätzen immer das am höchsten, was sie nicht besitzen.Die gedruckte Anzeige las sie vielmals mit glänzenden Augen und leicht geröteten Wangen. Sie übte geradezu einen sinnlichen Reiz auf sie aus; die schweigsamen Menschen haben ja ihre besonderen Tiefen und Abgründigkeiten. Der Gedanke, daß nun alle Leute ihren Namen gedruckt lesen konnten, erfüllte sie mit einer Art von erwartender Scham. Außerdem schien ihr das Inserat eine Gewähr dafür, daß nun das neue Leben, über das sie in der letzten Zeit so mancherlei gedacht hatte, beginnen werde; Erfahrungen konnte man doch nur mit den Menschen machen. Diesen Erfahrungen sah sie mit stillem Herzklopfen, doch auch mit Genugtuung entgegen. Mit bescheidenem Ernst liebte sie sich als zielbewußte Erhalterin und Erzieherin ihrer Kinder und als Vertreterin ihres Dahingegangenen an seiner unmündigen Jugend. Das Bild

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Krätkes stellte sie so auf dem Vertiko auf, daß sie

Krätkes stellte sie so auf dem Vertiko auf, daß sie es bei der Arbeit im Auge hatte, und er ihr dabei sozusagen zusah.

Die Wartezeit füllte sie zweckmäßig damit aus, sich in der Maschinenschrift noch größere UÜbung zu verschaffen. Zunächst schrieb sie alle Gedichte, die sie wußte, aus dem Gedächtnis hin, den „Gang nach dem Eisenhammer“, den „Erlkönig“, „Lillis Menagerie“, die „Glocke“, die „Kraniche des Ibikus“,den „Zauberlehrling“ und noch eine ganze Reihe anderer Balladen und Lieder. Bei einzelnen Gedichten sah sie auf die Uhr, um den Zeitverbrauch festzustellen,und wiederholte sie, um das nächste Mal einige Minuten weniger zu brauchen. Dabei unterhielt sie sich nicht einmal schlecht. Die Gedichte versetzten ihr empfängliches und etwas schwärmerisches Gemüt in einen leicht gehobenen Zustand. Durch die Ballade vom „Gott und der Baijadere“ wurde sie jedoch wieder zum wirklichen Leben abgelenkt. Lange dachte sie über die Rolle der Bajadere nach, und bisher schlafende Saiten ihres Wesens kamen ganz leise und geheimnisvoll zum Schwingen. Nachher kam sie auf den Gedanken, Abschriften aus den „Wahlverwandtschaften“ zu machen, da sie sich doch auch im Abschreiben üben mußte. Das fand sie schon mühsamer, aber voll Pflichtbewußtsein schrieb sie wenigvoller Verwunderung, manchmal erregt, noch öfter befremdet, und im ganzen fand sie, daß es sich hier doch um eine von der ihren sehr entfernte Lebenslage handle.Nachher las sie den „Werther“; der kostete sie eine Nacht

4 []und verdarb ihr eine ganze Reihe weiterer Nächte, die mit sinnlich bunten Träumen erfüllt und von ungewohnten geheimnisvollen Sehnsüchten beunruhigt waren.Solche Erlebnisse konnten ihr jedoch gegenwärtig gar nichts nützen, und unter einer scheuen Regung beschloß sie, die Leserei zu lassen; genug, daß sie den heißen Hauch des Lebens an der Wange verspürt hatte. Da sie auch das Abschreiben von Gedichten nicht wieder aufnehmen mochte, verbrachte sie die nächsten Wartetage untätig. Nur wenn die Kinder verlangten, daß sie schreibe, klapperte sie ihnen irgend etwas vor.Nachgerade fühlte sie sich sehr arbeitswillig. Als daher nach dem Verlauf von zehn Tagen noch niemand gekommen war, der ihr Abschriften brachte, dachte sie,daß etwas weiteres geschehen müsse, und sie inserierte zum zweitenmal; nun ließ sie gleich in drei verschiedene Zeitungen setzen, und in jede zweimal hintereinander.Das kostete eine Menge Geld mehr als vierzig Mark und etwas kleinlaut über die neuerliche große Ausgabe ging sie direkt nach Hause. Diese Inserate betrachtete sie nicht mehr mit der Gemütsbewegung, mit welcher sie das erste begrüßt hatte.Trotzdem war sie noch weit davon entfernt, die ungünstigen Voraussetzungen für ihren Erfolg einzusehen.Ihre Wohnung lag sehr seitab von der Geschäftsgegend und auch von den Stadtteilen, in welchen Schriftsteller oder Doktoranden wohnten, die Abschriften zu vergeben hatten; sie wohnte in einem ausgemachten Kleinbürgerviertel des Nordens. Um sonstwie zu Kundschaft zu kommen, hätte sie Beziehungen haben müssen, aber

[]ihre einzige Beziehung war der Pastor. Zudem fand dieser den Weg zu ihr auf die Dauer zu weit; er gab ihr zwar eine Empfehlung an einen Kollegen, allein sie hatte etwas gegen diese Pastorenfürsorge und legte die Empfehlung stillschweigend in eine Schublade. Sie konnte nun wohl sagen, daß die Freiheit ihr Ideal sei,seitdem ihr Gatte sie verlassen hatte. Da Krätke tot war, fügte sie ihm dadurch nicht einmal eine Beeinträchtigung in seinen Rechten zu.

Doch schien sie mit ihren neuesten Inseraten Erfolg zu haben. Etwa zehn Tage später bekam sie mit der Morgenpost einen Brief, in welchem sie aufgefordert wurde, „zwecks Besprechung Ihre Anzeige betreffend“,sich vielleicht Mitte nächster Woche jetzt war Dienstag in der Leibnizstraße 48 vorzustellen. Sie hätte lügen müssen, wenn ihr die Wendungen „zwecks Besprechung“ und „Ihre Anzeige betreffend“ nicht einen streng geschäftsmäßigen, ja, sogar zurechtweisenden Eindruck gemacht hätten; dieser wurde noch erhöht durch die Hinausstellung auf die Mitte der nächsten Woche.Sie ging mit dem dringenden Gefühl herum, sich irgendeiner Leichtfertigkeit schuldig gemacht zu haben. Beinahe reuevoll setzte sie sich an die Maschine und begann wieder Abschriften zu machen; diesmal nahm sie Leitartikel aus Zeitungen und Aufsätze aus dem Handelsteil als Ubungsmaterial. Am nächsten Mittwoch bestellte sie ihr Hauswesen für zwei Stunden, zog sich für einen Gang bei schönem Frühlingswetter so vorteilhaft an,als sie konnte, ohne auf den Gedanken zu kommen, daß sie schon wieder dem Reiz einer ganz unsachgemäßen []Eitelkeit unterlag, und machte sich auf den Weg, um sich bei ihrem ersten Kunden vorzustellen. Ihr Spiegelbild in den Schaufenstern sagte ihr, daß sie sehr gut aussah in ihrer Witwentracht. Die Volants am Rock,das zarte Jabot, das vom Kragen der Bluse über die Brust herabfiel, der weiße Streifen am Witwenhütchen,den ihr die inzwischen eingetretene Halbtrauer erlaubte,alles machte ihr einen angenehmen Eindruck. Ihre Haltung war, wie sie sie von sich verlangte, gut, aber bescheiden und einfach. Etwas Neues war auch darin,aber darüber dachte sie nicht weiter nach.

Schaffner, Kinder des Schichsals.

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Zweites Kapitel.

8 Haus oder vielmehr die numerierte Abteilung des langen steinernen Kastens der einen Straßenseite, worin Ilses zukünftige Kundschaft wohnte, zeichnete sich durch nichts vor den anderen aus. Das Gebäude hatte kleine, kistenartig übereigander gehängte Balkone wie alle, war grau und verrußt wie sie, und ohne die Nummer wäre es unmöglich gewesen, es sich zu merken. Es hatte einen besondern Eingang für Herrschaften und einen für Lieferanten und die tiefer stehenden Bewohner des Hinterhauses. Ilses Kunde wohnte im Hinterhaus. Übrigens unterschrieb er sich Peter Schormann; einen Beruf hatte er nicht beigefügt. Der Hof enthielt auf seinem Grund eine Parkanlage von drei mageren Büschen, einem efeubewachsenen Steinhaufen vom Charakter einer Eremitage, einer ummauerten Pfütze davor, in welcher vier Goldfische schwammen einer augenblicklich verendet mit dem Bauch nach oben und einem tönernen Zwerg unter einem der Büsche, der eine Karre vor sich herschob. Dann war noch da ein Gerüst zum Teppichklopfen, das nach einer beigefügten Tafel bloß am Freitag und Sonnabend benutzt werden durfte. Vom Portier erfuhr Ilse,daß Schormann vier Treppen hoch wohne, und das

18 []enttäuschte sie etwas; sie konnte sich nicht recht denken,was für ein Geschäft das sein sollte im Gartenhaus vier Stockwerke hoch, und hätte gern eine feudaler untergebrachte Kundschaft gehabt. Doch gleich fand sie das unerfahren und zimperlich gedacht; als bodenständige Berlinerin vermutete sie vielmehr, daß es sich um einen Schriftsteller oder Gelehrten handelte, der möglichst zurückgezogen und vom Straßenlärm unangefochten seinen Arbeiten da oblag. Wieder ganz im Bild betrat sie die rückwärtige Höhle, die sich ihr öffnete, Hauseingang genannt, erstieg die Treppen, die so schmutzig waren wie alle Hinterhaustreppen, und stand darauf mit leichtem Herzklopfen vor dem angehefteten Zettel, der mit Tinte in großen Buchstaben geschrieben den Namen „P. Schormann“ zeigte. Nach kurzem Zögern drückte sie auf den Knopf der elektrischen Klingel.

Verhältnismäßig bald näherten sich lange, leise Schritte der Tür. Diese ging auf und in ihrem Rahmen erschien ein ziemlich großer, noch jüngerer Mensch von sehr ernsthaftem Aussehen, der ihr durch eine große horngefaßte Brille halb zerstreut, oder jedenfalls auf ganz andere Gegenstände, als sie einer war, gesammelt,entgegenblickte. Etwas Einsames war um ihn, das Ilse sofort mit Achtung erfüllte; sie hatte immer von einsam lebenden Menschen hoch gedacht. Doch schien er sich auch als durch sie gestört zu betrachten, und das machte sie befangen. Mit beinahe schüchterner Stimme sagte sie, daß sie auf seine Aufforderung wegen des Inserates käme. Er überflog mit einem Blick voller

48 []Mißovergnügen anders konnte sie ihn nicht deuten ihre schlanke, modern gekleidete junge Witwengestalt und hieß sie in bedauerndem Ton eintreten.

Sie kam in einen schmalen Gang, dessen eine gekrümmte Wand mit Bücherregalen verbaut war. Durch die gegenüberliegende führten zwei Türen, die eine:zur Küche, die andere: zum Bad. Vom Ende des Ganges kam man durch eine dritte Tür in die vordere Stube;dahinter blag das Schlafzimmer. In der Küche sah es sehr bunt aus, wie Ilse mit einem geübten Hausfrauenblick im Vorbeigehen feststellte. Desto behaglicher schien ihr die Wohnstube. Hier lag zwar auch alles durcheinander, aber da diese Unordnung offensichtlich auf Geistesarbeit und Gelehrsamkeit zurückzuführen war, so sprach sie ihr eine gewisse Berechtigung zu. Zuerst bemerkte sie einen großen runden Tisch mit einem kupfernen Teekessel darauf; auf dem Sofaplatz stand eine leergetrunkene Tasse. Das Sofa, geräumig und altmodisch, öffnete seine großväterlichen Arme weit, um jedermann auf sein niedergerittenes und durchgesessenes Polster herabzuziehen. Beide, Tisch und Sofa, hatten jedoch trotz des Alters nichts von ihrer friedlichen Vornehmheit eingebüßt, die sich so gut mit wahrer Gemütlichkeit vereint. Nachher sah sie noch mehr alte, gemütliche, niedergerittene Polstermöbel, weitere Regale mit Büchern, deren Farben in der Sonne mit mattgoldenen oder zartgetönten farbigen Lichtern zu leben schienen, einen geflammten Birkenschrank mit Zylinderaufbau, einen runden weißen Kachelofen, einen alten Schreibschrank mit herausgezogener

79 []Platte, auf dem sich Berge von Papieren aufbauten,einen Stoß Papiere und Drucksachen auf einem Sessel daneben, an den Wänden alte und neuere Bilder, auf der Schreibplatte, auf der Kommode, auf den Ecken des Schrankes vor dem Zylinderaufbau, auf den Vorsprüngen des Ofens Statuetten und Köpfe, auch Tiere kurz es kam ihr bei Schormann vor wie in einem Trödelgeschäft, und es war auch alles so vergraut.In den einstmals weißen Vorhängen schwebten Nebelschleier von Staub, bereit, bei der ersten Berührung je nach der Beleuchtung als flimmerndes Geriesel oder als trübes Gestöber niederzugehen. In den Winkeln hing Spinngewebe genug, um einen Betthimmel daraus zu machen; ganze Hängematten von Spinnetzen breiteten sich unter der Decke aus. So viele Aschbecher in allerlei Formen herumstanden, so waren sie doch alle bis zum Rand und höher voll Tabakasche und Zigarrenstum nel.Es herrschte daher in diesem Raum ganz unbeschränkt,was Ilse sonst einen Mannsmuff nannte; aber hier erlaubte sie sich kein Urteil, da sie sich in unbekannten Verhältnissen befand.

„Also Sie wollen Abschriften machen?“ fragte Schormann, nachdem er seinem frühen Gast es war wenig nach neun Uhr einen der Sessel zugewiesen hatte. Sozusagen geradezu mißtrauisch musterte er Ilses Erscheinung durch seine große Brille.Er hatte übrigens auffallend schöne Augen, dunkelbraun mit einem weichen, traurig versonnenen Glanz voll verhaltener Männlichkeit, die er aber aus irgendeinem Grunde den Menschen verbergen zu wollen schien; seine

*1 []Blicke bekamen einen sanften Ausdruck von Leid und Vertrauen, wenn er mit jemand sprach, aber jetzt saß,wie gesagt, ein argwöhnisches Licht darin. „Haben Sie denn ein Bureau?“ forschte er.

Ilse fühlte deutlich, daß es ihre Pflicht gewesen wäre, ein Bureau zu haben, denn wie durfte sie sonst auf das Vertrauen der Menschen Anspruch machen.Allein da sie nun einmal keines hatte, so sagte sie ehrlich und in aller Bescheidenheit: „Nein, ein Bureau habe ich nicht. Ich schreibe zu Hause.“ Eine solche Art zu erwidern, findet nicht überall Anklang; Ilses knappe Antwort machte sogar einen nahezu unmvorteilhaften Eindruck. Um daher ihre und ihrer Kinder Sache nicht gleich wieder durch unzeitige Einsilbigkeit zu verderben,fügte sie mehr in unternehmendem Ton hinzu: „Ich beabsichtige aber, meinen Betrieb zu erweitern.“

Kratke hatte ihr ja langes und breites davon erzählt,was die kaufmännische Redeweise für eine Kunst sei; mit dem Nachsatz berüucksichtigte sie jetzt seine diesbezüglichen Bemerkungen als einen strengen Ratschlag, den er ihr aus der Ewigkeit erteilte. Wahr ist, daß sie sich dabei doch auch sehr für den Mund dieses lebendigen Dichters interessierte, um den jetzt ein flüchtiges Lächeln huschte. Er hatte gewisse Schönheiten. Von Natur war er groß und edel geschwungen, aber er schien frühzeitig einzusinken. Tiefe Furchen zogen sich neben ihm herunter, und die Gewohnheit, eine dicke Zigarre zwischen den Lippen zu halten, mochte ihn auch etwas entstellt haben. Wenn er ihn öffnete, so erschien ein sehr schlechtes Gebiß, das den Zahnarzt nötig hatte.

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*[]Sein Kinn war beinahe weich, und doch hatte es so eine hochsinnige Energie, die ihn im Verein mit der schönen, vornehmen Stirn und der starken, schwungvollen Nase geradezu zu einer Männerschönheit hätte machen können, wenn er dieser Wirkung nicht selber so feindlich gewesen wäre. Ilse verstand ihn ganz richtig dahin, daß er viel mehr war als eine Männerschönheit; er war ein Geist.

„Haben Sie denn so viel zu tun?“ forschte er inzwischen. Er schien sich zu wundern, während er noch einmal ihre Volants und Jabots mit den Blicken streifte.Unter dem schwarzen Oberrock kam ein Streifen weißer Spitzen zum Vorschein. Die ganze frische Person sah so wenig abgeschrieben und in Hinsicht auf das Leben so erwartungsvoll aus, daß er ein Mißverhältnis zu fühlen begann. „Vielleicht besitzen Sie Referenzen?“setzte er unruhig werdend hinzu; die letzte Frage tönte schon beinahe wie eine versteckte Unfreundlichkeit.

„Referenzen?“ wiederholte sie etwas betreten, da der väterlich strenge Gesichtsausdruck ihres Verewigten vor ihr erschien. „An Referenzen habe ich leider nicht gedacht. Aber vielleicht genügt Ihnen Herr Pastor Delius?“ Sie fühlte, daß Schormann, dem Herrn Pastor Delius nicht viel nachfragen konnte. „Wie ist das alles so schwierig!“ dachte sie voller Bedauern.„Augenblicklich habe ich weniger zu tun,“ nahm sie noch einmal einen Anlauf, um seine erste Frage zu beantworten. „Letzte Woche mußte ich halbe Nächte arbeiten. Dann lehnt man Aufträge ab, weil man zu lange warten lassen müßte!“

27 25 []Krätke strafte nicht nur, er half auch. „So muß man reden!“ dachte sie enttäuscht. „Und draußen scheint eine solche Sonne!“ Peter vollends überkam eine Trübung. Wie schnell geht das manchmal, daß man in eine verwickelte Lage kommt! Von dem Moment an,in welchem er Ilses persönlichen Duft wahrgenommen hatte und das war beinahe sofort geschehen wußte er infolge seiner dichterischen Divinationsgabe,daß er im Grund ein abenteuerndes Weibchen vor sich hatte. Das setzte sie zwar nicht in seiner Achtung herab, im Gegenteil, er sprach jedermann das Recht zu, zu abenteuern, da er ein human denkender Mensch war, und hier handelte es sich zudem um eine junge Witwe. Er aber war ein armer Teufel, wenn er auch in der literarischen Welt schon ein gewisses Ansehen genoß, und Erwartungen wach hielt, die einen ganz großen Dichter voraussahen. Doch gerade infolge dieser Verhältnisse brauchte er, um offen zu sprechen, eine Abschreiberin, die ein großes Bureau hatte, die ihm wenn möglich mißfiel, an welcher er einen dummdreisten Hochmut wahrnahm, der ihm im Verein mit den anderen Voraussetzungen erlaubte, sie zum Ansichreißen der Arbeit sozusagen gegen seinen Willen zu verlocken, denn das Geld dafür dachte er schuldig zu bleiben. Diese junge Frau aber war in geradezu aufregender Weise reizend, und zugleich offenbarte sie eine Bescheidenheit, die einem das lebhafte, ehrlich empfundene Bedürfnis eingab, sie in den Arm zu nehmen: „Nun laß diese dumme Schreiberei! Sieh mal,was bist du doch für ein junges Weib!“ Worauf 7*

A4 []dann vielleicht noch eine Bemerkung über das Leben folgte. Allein zu solchen Methoden gehörte eine gehingegen er vieles war, bloß kein Flibustier.

„So und auf mich hin wollen Sie nun diese Erweiterung vornehmen?“ hielt er ihr unzufrieden und auch etwas spöttisch vor. „Wissen Sie was? Das ist alles nicht wahr, was Sie mir da erzählen. Nichts haben Sie zu tun. Frauen, die viel auf der Maschine geschrieben haben, zeigen einen ganz anderen Ausdruck.“ Er jedenfalls zeigte nun einen auffallend unzufriedenen, ja, trauernden. „Darauf kann ich mich leider nicht einlassen,“ bedauerte er. „Sie überschätzen bei weitem meine Bedeutung für Ihre Zukunft.“ Er führte eine abwehrende Bewegung mit seiner langen weißen Hand aus und drehte sich wie erbittert dem Fenster zu. „Könnte sie nicht wenigstens geschmacklos angezogen sein?“ dachte er aufgebracht. „Aber es kommt immer alles zusammen.“

Sie erhob sich ganz verwirrt. Ihr war, als hörte sie den Dahingegangenen sagen: „Da siehst du nun,mein Kind!“ Indessen konnte sie nicht darüber im unklaren sein, daß Peter ihre Leistungsfähigkeit anzweifelte. Ohne sich noch viel davon zu versprechen,sagte sie mit stockender Stimme: „Ich kann Ihnen die Referenz einschicken, wenn Sie noch wünschen. Auch eine Schriftprobe. Die habe ich sogar mit.“ Sie öffnete ihre Tasche und entnahm ihr einige zusammengelegte Blätter, die sie entfaltete und ihm schüchtern hinhielt.

5 []Diese Bewegung ging ihm wieder nahe. Gegen seinen Willen wandte er sich ihr von neuem zu und trat ihr sogar näher, um die Blätter entgegenzunehmen. Nun, sie schrieb mit einer nagelneuen Maschine, das bewiesen die scharfen Abdrücke der Lettern.Und die Schriftproben enthielten „Heiliger Herrgott!“ dachte er Goethesche Prosa, nicht etwa moderne Korrespondenzen oder sonst welche Dokumente,die auf bestehende Geschäftsverbindungen hindeuteten.Uberrumpelt gab er zu: „Ja, ja, das ist tatsächlich sehr sauber geschrieben. 75 Was nehmen Sie denn für die Seite Abschrift?“

„Mit oder ohne Durchschlag?“ fragte Ilse mit einem kleinen Hoffnungsschimmer.

„Mit natürlich. Sogar mit zweien.“

Sie nannte einen Preis, sah aber sogleich, daß sie ihn wieder nicht befriedigte.

„Na, gut,“ sagte er wie verstimmt. „Warum nicht ganz umsonst? Mit Ihnen soll sich übrigens einer auskennen. Wie wollen Sie dabei bestehen?Sogar Angestellte wollen Sie damit besolden? Also davon begreife ich aber nichts “···

Er blickte sie, wie sie glaubte, anklagend und strafend durch seine großen Brillengläser an, und sie fühlte sich ganz schuldbewußt. Errötend stotterte sie: „Ich wollte Ihnen bloß entgegenkommen ! Sie sind doch kein Geschäftsmann !“

„Werde schon keiner sein,“ achselzuckte er. „Aber wer heißt Sie, mir entgegenzukommen? Habe ich Sie vielleicht gebeten, sich mir unter dem ortsüblichen

2 []Preis anzubieten? In Verlegenheiten locken Sie einen,das ist alles. Aber das können Sie nicht verstehen.Jedenfalls lehne ich es ab, Ihnen gegenüber als Blutsauger und Ausbeuter aufzutreten. Ich bin kein Kapitalist.“

Er reichte ihr die Blätter zurück. Seine Lippe hing vor Verdrießlichkeit. Seine schönen sanften Augen blickten voll ehrlicher Bedrängnis durch die großen Gläser an ihr vorbei. Immer besser gefiel ihm dies liebe, unerfahrene Geschöpf. „Wenn nun so was ins Räderwerk gerät!“ dachte er gereizt. „Na, leid tun kann sie einem!“ Er war wieder ganz aufgewühlt von ihrem Duft, von dem erdfrommen Schein ihrer Wohlgestalt ja, man kann sagen, daß dies alles, der unbewußt sinnliche Mund mit den weich geschwellten Lippen, die zart geröteten Wangen, die feine Schmalheit ihres offenen guten Gesichtes, ihre Einsamkeit, das Unschuldige und das Abenteuernde an ihr ihm zu Herzen ging wie der Dampf von frischem Brot einem Hungrigen. Solange er als Junggeselle hauste und dichtete, war noch kein so anziehendes, so naturechtes weibliches Wesen bei ihm aufgetreten, und vor allem keines, das ihm so auf den ersten Blick gefallen hätte.Er war arm und anspruchsvoll und dazu noch nicht anerkannt. Die bürgerliche Ordnung verwies ihn an billig zu habende Kreaturen oder auf die Entsagung,aber die letztere hatte er nachgerade satt, das durfte er ohne jede Uberhebung sagen; mochte man ihn deshalb für einen Don Juan halten oder für einen Ritter Blaubart, das war ihm vollkommen gleichgültig. Übrigens 27 []erfuhren diese Triebkräfte, die seine Lage in keiner Weise erleichterten, eine gewisse Dämpfung durch den Mangel, dem er beinahe ständig unterworfen war, und da nun bald der Mangel an seinen Triebkräften nagte und bald die Triebkräfte sich gegen den Mangel auflehnten, so wurde seinem Irdischen nicht eben besonders dabei gedient; seine Mutter, wenn er noch eine gehabt hätte, würde sich über ihn gegrämt haben.„Dann entschuldigen Sie die Störung,“ erwiderte inzwischen Ilse mit enttäuschter Stimme. Er regte sich nicht, und sie glaubte, auf seinen Vorwurf des Kapitalismus zurückkommen zu müssen. „Ich würde natürlich die billigeren Arbeiten selber machen,und den Angestellten die besser bezahlten geben !“Leise seufzend verstummte sie und wandte sich zum Gehen. Doch schien sie nun seine widerstrebende Gesinnung plötzlich besiegt zu haben. Die vereinsamte Regung ihrer Glieder in der Witwentracht brachte ihn vollends um den Rest seiner stoischen Moralgrundsätze.Etwas ungeduldig, weil er sich überwunden fühlte,versetzte er gleichwohl überraschend freundlich „Schon gut. Sie haben die Verhältnisse ja auch nicht gemacht. Und Geschäft ist Geschäft. Augenblicklich bin ich noch nicht ganz so weit. Aber in ein paar Tagen vielleicht können Sie den ersten durchgesehenen Teil abholen. Sagen wir: nächste Woche.Oder hören Sie.“ Er bedachte, wie unwürdig diese Lauferei für sie wäre. „Nein, nein, ich kann es Ihnen auch bringen, es liegt mir ja am Weg.“ Er wußte zwar nicht, an welchem Weg, da sie eine gute halbe

*28 []Stunde von ihm entfernt wohnte in einer Gegend,wo er überhaupt nie hinkam. Aber desto besser! Es war ja doch ausgeschlossen, daß er die Hoffnungen dieser Frau in so skrupelloser Weise ausnutzte. „Ich weiß ja nun Ihre Adresse. Also vielleicht nächste Woche. Ich danke Ihnen, daß Sie sich zu mir bemüht haben.“

Unrecht wäre es zu verschweigen, daß dieser Mensch,dieser „Geist“ einen starken Eindruck auf Ilse machte;er hatte für sie etwas geradezu Anziehendes, Ansichreißendes, aber sie war bereits davon überzeugt, daß sie ihn nie mehr im Leben zu sehen bekommen werde.Mit einem Gefühl stiller Angefochtenheit darüber verließ sie seine Wohnung, von ihm sehr höflich hinausgeleitet. Wirklich mühevoll war es für ihn, dabei zu bemerken, was für eine natürliche, leichte Haltung sie hatte. Und wie ihr die Haare im Nacken angewachsen waren, das hätte ihn geradezu beunruhigen können;da war Kraft und Lieblichkeit. „Nun, Gott mit dir,du junges, suchendes Leben! Mache einen andern glücklich!“ Mit einem stummen Neigen des hübschen Kopfes verabschiedete sie sich draußen von ihm; Worte waren schon viel zu viel verbraucht. „Mannsmuff ist das eigentlich nicht,“ dachte sie, während ihr der Duft seiner Wohnung noch einmal nachschlug. Und während sie die Treppen hinunterstieg, schwebte ihr mit großer Achtung das Wort „vGeistig hochstehender Mann!“ auf den Lippen. Ein weiteres Urteil über ihn erlaubte sie sich nicht.

So achtungsvoll beeindruckt und voller Nachdenk

29 []lichkeit übersah sie beinahe einen hochgewachsenen blonden „Ausländer“, der ihr im Hauseingang begegnete, aber doch nur beinahe, denn einerseits sah er ihr so unverschämt von sich selber eingenommen unter den Hut, daß es schwer war, ihn nicht zu bemerken, und andrerseits befand sie sich vielleicht wirklich nicht in der Lage, um einigermaßen wesentliche Dinge oder Erscheinungen zu übersehen. Ihr schien sogar, daß er sie anlachte, aber dafür fehlte ihr das Verständnis; es war, als ob ihr der Zufall auch gleich das Gegenstück zu Schormann zeigen wolle, wovon sie freilich den Zweck nicht einzusehen vermochte. Etwas bedrückt über das fehlgeschlagene erste Geschäft vergaß sie den Blonden sofort wieder. Sie hätte ruhig auch den erzürnten „Geist“ droben vergessen können, denn was sollte es nützen, weiterhin an ihn zu denken?Indessen war sie ja genötigt, „ganz geschäftsmäßig“ sich darüber klar zu werden, welche Fehler sie mit ihm gemacht hatte, um beim zweiten Versuch diese zu vermeiden.

BR []

Drittes Kapitel.

Neten Peter Schormann hinter der abziehenden Huldgestalt umsichtig die Tür geschlossen hatte,begab er sich in sein Zimmer zurück. Seinem Gewissen hatte er vollkommen Genüge getan; es war der an ihn herangetretenen Verführung nicht gelungen, ihn zu einem voreiligen Versprechen zu verleiten, ja, genau genommen konnte man ihm nicht einmal vorwerfen,daß er Hoffnungen erweckt habe, im Gegenteil, seit langer Zeit hatte ihm nichts so leid getan wie die Enttäuschung, mit welcher das liebenswerte Menschenkind von ihm weggegangen war. Er war also richtig verstanden worden, und auf Ilses Enttäuschung röstete er sein Gewissen wie einen Zwieback von beiden Seiten.Seine geringe Begeisterung über den moralischen Erfolg buchte er unter die Rubrik „Notwendigkeiten“ beim Kaufmann heißt sie „Verlustkonto“ und darin geübt, seinen armen Adam zu vergewaltigen, wandte er sich der Beschäftigung zu, in welcher ihn der Besuch unterbrochen hatte. Sie bestand nicht etwa darin, seine Schuhe anzuziehen oder sein Zimmer aufzuräumen;das erstere geschah beinahe immer traumhaft ohne vorgefaßte Absicht, mit ganz andern Gedanken beschäftigt,das letztere beinahe niemals. Beschäftigung war in 31 []seinen Augen nur eine auf die Herstellung eines literarischen Produktes gerichtete geistige Unternehmung.Er war im Beginn eines Gedichtes begriffen, wie der Vogel Phönix im Beginn einer Selbstverbrennung;bei beiden waren der zündende Funke und dann der ungestörte Prozeß sehr wichtige Verläufe. Aber während man noch nie gehört hat, daß der Vogel Phönix in der Selbstverbrennung gestört worden sei,war es Schormann vorbestimmt, nachdem er die erste Strophe seines neuen Gedichtes noch einmal gelesen und die zweite bereits scharf ins Auge gefaßt hatte, von neuem abgelenkt zu werden.

Diese Ablenkung kam von innen. Ein ziehendes Gefühl von Unbefriedigtsein wie die Voranzeige einer Erkrankung oder wie die telepathische Mitteilung von einem empfindlichen Verlust, den er gerade erlitt,verdarb ihm die Stimmung. Die neue Strophe entschwebte. Das Verständnis dafür verduftete. Der Geist fuhr ärgerlich grunzend hinterher, so bitter es ist, dergleichen mitzuteilen. Und mit unzufriedener Verwunderung fand sich Peter allein auf dem Plan. Plötzlich war ihm zumute wie dem Kind, dem der Schnuller fehlt.Da dachte er, er solle damit wahrscheinlich erinnert werden, daß seine Zigarren zu Ende seien und er neuen Vorrat einkaufen müsse. Von ungefähr ergriff er einen Schuh und begann ihn anzuziehen, während er in Gedanken immer noch der entschwundenen Strophe durch die Luftleere nachbohrte. Der Schwung war hin, aber er wußte ja, was er gewollt hatte, und, wiederum von

32 []ungefähr, stoppelte sich etwas wie eine neue Strophe in seinem entstimmten Kopf zusammen, als es zum zweitenmal draußen kliñgelte. Nun, die Strophe war wohl ohnehin nicht viel wert. „Uberhaupt, die ganze Dichterei na!“ Mit diesem Seufzer vergaß er das Gedicht und den andern Schuh und ging sehen, was schon wieder vorliege. Man hatte schon liebenswürdigere Gesichter an ihm bemerkt als das, womit er darauf seinen Freund Sam Cumberland begrüßte, obwohl dieser als eine Art von Parlamentärflagge ein schwarzgesäumtes Damentaschentüchelchen schwenkte, das er vor Peters Tür gefunden hatte. Übrigens hätte es keinen Zweck zu verheimlichen, daß er jener blonde „Ausländer“ war, der im Hauseingang Ilse Krätke so unternehmend · unter den Hut geguckt hatte.

Peter hatte ziemlich viel Freunde. Es gab kaum einen Künstler oder sonst einen geistigen Menschen von irgendwelcher Bedeutung, den er nicht wenigstens von Ansehen kannte, und zu den meisten stand er in persönlicher Beziehung, sei es auch nur in schriftlicher. Dabei fehlte ihm aber die geschäftliche Betriebsamkeit und das gesellschaftliche Strebergenie, um daraus den richtigen Vorteil zu ziehen. Bürgerlich gesprochen besaß er nicht einmal das Interesse für sein leihliches Wohl, um denen treu zu sein, die sich vielleicht ebensosehr für sein hinfälliges Irdisches bemühten, als sie seinen Geist und dessen Erzeugnisse schätzten. Dagegen ließ er sich grenzenlos ausnutzen, und am wärmsten saß er da, wo aus Gehirnen wie aus entkorkten Flaschen der Intellekt brodelte und der Geschmack, dies hungrige Parfüm der

Schafkner, Kinder des Schichsals.

33 []Nichtshabenden und der Nichtskönnenden er gehörte bloß zu den Nichtshabenden in duftigem Bukett aufstieg. Aus diesem Freundeskreis stammte aber nicht Sam Cumberland. Er war ein persönlicher Trabant Schormanns, angezogen durch dessen geistige Kraft, die Schönheit seiner Gedichte und das Geheimnis seiner Wesensart. Eines Tages war er eben dagewesen. Eines Abends hatte er Bruderschaft mit Peter getrunken.UÜbrigens war er ein hübscher, eleganter Schlacks, ein blühender Schlagetot von etwa sechsundzwanzig Jahren,Sohn eines amerikanischen Wurstfabrikanten deutscher Herkunft und Besitzer beider Bürgerrechte. Es ist beinahe schade um ihn, noch zu bemerken, daß er eigentlich Max Nuschke hieß, und seine erste Jugend in Poseritz verlebt hatte, aber weshalb soll man nicht die Wahrheit sagen, wenn es auf Kosten anderer Leute geschieht?

„Also Ableugnen ausgeschlossen!“ rief er mit der besagten hübschen Parlamentärflagge in der Hand dem Freund - entgegen. „Hier ist der Indizienbeweis. Vor wessen Tür so was am frühen Morgen gefunden wird,der ist mindestens ein Glückspilz, wenn er kein Verbrecher ist. Gratuliere herzlich, Mensch. Aber also ohne allen Spaß !“

„J, nu komm schon herein und schrei mir nicht das ganze Haus voll!“ sagte Schormann verdrießlich. „Ein Provinzler bleibt immer ein Provinzler, ob er aus Dessau oder aus Ohio stammt.“

„Also erlaube mal!“ rief Sam lachend. „Eine Laune hat sie dir hinterlassen ! Habt euch wohl

34 []gezankt? Warum nicht? Man muß sogar zanken,weil die Versöhnung so süß ist. Da hast du das dir Gehörige!“ Mit einer Gebärde mannhafter Diskretion stellte er ihm das Taschentuch zu. „Hier hört die Gütergemeinschaft auf.“ Er spazierte Peter voran nach dessen Wohnzimmer. „Na, aber ein Duckmäuser bist du auch,“ sprach er, in seinen gewöhnlichen, etwas phlegmatischen Ton zurückfallend. „Also Ehrenwort, ein süperbes Weibchen. Ihr Geistigen habt nun einmal so einen Geschmack ! Die meinen sind ja auch nicht ohne, na ! Aber da ist so was so was Urfeines von der alten Welt dran, verstehst du.Immer, wenn ich mir meine Eroberungen näher besehe, so habe ich wieder ein Stück Amerika geheiratet. Paß mal auf, daß du hier das Heft in der Hand behältst,“ mahnte er beinahe ernst. „Für dergleichen schießt man sich nämlich mit Gelegenheit auch ein bißchen tot.“ Dann schnüffelte er aufmerksam in die Luft. „Also hier riecht es entschieden nach dem Fanatismus der europäischen Poesie!“ stellte er, vollends andächtig werdend, fest, während er sich auf denselben Sessel niederließ, auf dem kurz zuvor Ilse gesessen hatte.Unter ihm krachte er in allen Fugen; geradezu nach Hilfe schrie er.

„Nun hör aber endlich auf mit deinem Galimathias!“ rief Peter halb erbost, halb lachend. „Das ist ja, um Krämpfe zu kriegen. Verströme dich auf der Bühne. Hast dich wohl sehr niedlich gemacht vor ihr im Hof drunten oder wo du ihr sonst begegnet bist? Wie kannst du dich überhaupt unterstehen, einen

35 []Menschen mitten am Vormittag bei der Arbeit zu stören ?“

„Also deine aufgewühlten Gefühle in Ehren,“ gab Sam ruhig zu, indem er langsam die gelben Handschuhe abstreiftꝛ. „Aber, mein Sohn, bei mir liegen doch solche Leitungen, daß ich es höre, wenn ein Frosch in Australien etwas krampfhaft hustet. UÜberhaupt neigst du dazu, mich schlecht zu behandeln. Du schätzest mich gering, weil du mir geistig überlegen bist. Ich fange an zu zweifeln, ob du Verehrung auf die Dauer verträgst. Bist zwar ein hochstehender Mensch, aber auch der Sterblichkeit unterworfen. Habe ich meine Überlegenheiten schon gegen dich ausgespielt? Sieh mal,das wollte ich dir schon länger einmal sagen.“

„Na, das ist schon so,“ wehrte Peter ein bißchen besänftigt ab. „Aber manchmal bewegst du dich da in unserm Porzellanladen unter amerikanischen Voraussetzungen. Die Frau war lediglich hier, um wegen Abschriften zu verhandeln. Nimmst du eine Zigarette?“

Sam wählte sich eine aus der dargereichten Dose.

„Gut! Und?“ fragte er, Feuer nehmend.

„Sie ist mir zu kostspielig,“ bemerkte Peter,während er sich gedankenvoll ebenfalls bediente.

„Sieh mal an,“ wunderte sich Sam. „So sieht sie eigentlich gar nicht aus. Ich würde darauf wetten,daß ihr an der ganzen Schreiberei überhaupt nicht viel liegt. Na, also, Menschenskind, und wenn sie nun schon ein paar Pfennige für die Seite mehr fordert,läßt man deshalb so ein blühendes, junges Wesen, dem der Lebenshunger aus den Augen blickt, unverrichteter

86 []Dinge wegkaufen? Die sucht ja was ganz anderes als Abschriften. In allem Anstand, versteht sich.“

Schormann tat ein paar Züge aus seiner Zigarette,aber da er die Dimensionen von Exportzigarren gewöhnt war, zeigte sein Gesicht dabei einen ausgeprägt unbefriedigten Zug, und ein wenig nervös, wie ein Mensch, dem etwas fehlt, begann er in seinem Zimmer auf und ab zu gehen immer noch mit einem Schuh und einem Pantoffel.

„Die Sache ist die,“ erklärte er dann, um nicht mißverstanden zu werden: „Ich brauche jemand, den ich um das Honorar begaunern kann. Dazu ist sie zu arm; sie schreibt nämlich ab, um Geld zu bekommen,wie ohne übermäßigen Scharfblick zu bemerken ist. Sage mal, wenn du jemand weißt, der ihr da weiter helfen kann : du würdest ein gutes Werk tun.“

Sam saß da mit übergeschlagenen Beinen in einem hellen Frühlingsanzug aus weichem, lockerem Stoff,gelben Halbschuhen und braunen seidenen Strümpfen und folgte mit den Augen erwägend der hin und her pendelnden Gestalt seines Freundes; dabei zeigte er den Gesichtsausdruck eines Menschen, der sich über das Gesehene ganz bestimmte Gedanken macht. „Also das geht so nicht mehr weiter!“ besagten diese. Wie innerlich, so war Peter auch äußerlich in allem das Gegenteil von Sam. „Etwas weniger wäre ihm gesünder!“fand Sam immer mehr. Peter lief in der Welt herum in einem versessenen braunen Anzug, dessen ursprüngliche Farbe und Musterung nur bei sehr großer konfektioneller Erfahrung annähernd anzugeben waren;37 []einigermaßen sicher stand der Preis, der einer bescheidenen Kategorie angehört hatte. Alles schlotterte wirklich formlos um seine Glieder. Die Hose zeigte große abgescheuerte Kniebeulen. Die Armel des Rockes waren vorn aufgestoßen. Die Weste wulstete sich mit so viel Falten, als sie Knöpfe hatte, über seinen negativen Bauch hinauf. Einen gewissen Schwung besaß die Form seines Kragens, den er hoch und hohlgebügelt trug, aber er war schmutzig, und der schmale, einstmals violette Selbstbinder sah in dem leinenen Röhrenwerk mehr aus wie ein Strick, den ihm die Armut um den Hals geworfen hatte, als wie eine modische Zierde;außerdem saß er schief neben dem stählernen Hemdknopf. Der Schuh, den er anhatte, war abgetragen,und aus dem Pantoffel am andern Fuß sah ein grober grauer Proletarierstrumpf heraus. „Das ist mein Peter Schormann,“ dachte Sam. „Siaat ist mit ihm nicht zu machen.“ Indessen antwortete er auf dessen letzte Bemerkung.

„Werde sehen, was sich tun läßt,“ nickte er phlegmatisch, aber mit aufmerksamem Blick. „Also ich weiß sogar schon was. Die Frau ist bereits auf dem Wege zu einer eminenten Steuerveranlagung. Wo wohnt sie?“ Peter nannte ihre Adresse. Sam zog sein Taschenbuch aus rotem Saffianleder heraus und schrieb alles auf. „Also die Dame ist ein gemachter Mann,“ beruhigte er nochmals. „Weniger verstehe ich dich, mein Sohn. Warum pumpt man angesichts einer solchen na, also Konjunktur nicht frischfröhlich,sagen wir, den Sam Cumberland an? Wozu hat man

38 []Freunde, als um durch sie zu Freundinnen zu kommen?Du denkst wohl, ich pflege deinen Umgang bloß, weil ich vor deinen Talenten auf dem Bauch liegen will?Bin ich solch ein literarisch verdorbener Mensch? Ein AÄsthet? Also ein Praktiker des Lebens bin ich, wenn dich jemand danach fragen sollte. Und damit kommen wir zu Punkt zwei. Du hast die freundliche Erkundigung an mich gerichtet, warum ich schon zu so früher Morgenstunde die Notwendigkeit empfinde, in den Bannkreis deiner schönen Augen zu treten. Hast dich persönlich etwas lapidarer ausgedrückt; Schwamm drüber. Ich kam, um eine geschäftliche Unterredung mit dir zu haben. Also, paß mal auf. Setz dich da auf deinen Dichterthron; machst mich seekrank mit deinem Wogengang. Und denke nicht, daß ich jetzt auf einen Spaß ausgehe.“

Schormann gehorchte mit einem verwunderten:„Nanu!“ und Sam reichte ihm die Zigarettenschachtel herüber, weil er mit seiner Manoli schon zu Ende war.„Gut, also leg los!“ forderte er darauf den Amerikaner auf, nachdem er sich selber mit Feuer versehen hatte.

„Also meine Lebensumstände kennst du ija,“ setzte Sam voraus. „Ich muß nämlich mit mir beginnen.Habe da auch meine Probleme. Mein Vater hat es sich geleistet, seinen Sohn in Germany zum Sänger ausbilden zu lassen. Etwas Besseres kann man gegenwärtig bei uns für eine gute Stimme nicht tun. Jetzt bin ich fertig, und er will, daß ich rüber komme.Die Deutschen sind verhaßt. Deutschland wird kaput gehen. Er kann die Verantwortung aus privaten und

39 []patriotischen Gründen nicht länger übernehmen. Und wenn ich nicht den Anschluß für immer verpassen will,so ist jetzt der psychologische Moment. Aber ich pfeife auf den psychologischen Moment, und am Anschluß liegt mir gar nichts. Mir gefällt es hier. Bin auch der Meinung, daß Deutschland kaput gehen wird. Keinesfalls werde ich mit kaput gehen. Habe ich erst einmal fünf Jahre hier an einer erstklassigen Oper gesungen,so zahlt mir die Metropolitain drüben für ein Gastspiel ein Vermögen. Außerdem kann ich durch alle Staaten laufen, ohne einen Menschen zu finden, wie du einer bist. Das genügt mir für jetzt. Sieh mal, nun könnte ich nach Kassel oder Meiningen gehen. Hatte dort kolossalen Erfolg. Diese Provinzler glauben, ich ziele mit meiner Gastrolle auf Kassel oder Meiningen. Ich spiele doch in der Provinz na, für Berlin. Oder ziehst du vielleicht mit mir nach Meiningen? Rönnte nur abraten. Der hüpfende Punkt ist aber, daß mir mein Vater die silberne Strippe abschneidet. Kriege kein Geld mehr, wenn ich hier bleibe. Schön, schlagen wir also zwei Fliegen mit einer Klappe. Mein Sohn,die Schieberei ist eine große und edle Sache. Ich bin dazu übergegangen, mich ihrer als Mittel zur Erreichung meiner idealen Zwecke zu bedienen. Du machst dir ja keinen Begriff von der Wanderung, die gegenwärtig mit Besitzwerten eingesetzt hat. Nichts kann sich mehr ruhig halten. Alles will zu einem andern Eigentümer.Also man muß sich schon geradezu blödsinnig anstrengen, um nicht über Nacht um zehntausend Mark reicher zu werden, als man, gestern war. Bildet man

40 []das nun noch ein bißchen zur Fertigkeit aus, dann denke dir den Effekt. Mein Alter würde staunen, wenn er sähe, wie sein Maxe in Berlin Geld macht. Also direkt verehren würde er mich. Kurz, ich werde durchhalten.“Er erhob sich mit einer für seine Verhältnisse ungewöhnlichen Elastizität und ging ein paarmal nachdenkend im Zimmer auf und ab.

„Kommt also Punkt zwei,“ fuhr er darauf fort.„Dafür muß ich mich näher mit deiner Person beschäftigen. Na, also, will dir nicht zu nahe treten,Schormann, aber ein Schieber bist du einmal nicht.Dichtest, hungerst, kelterst deinen Geist, liebst dein Volk, hassest seine Feinde könntest damit ruhig ein bißchen über die Grenzen greifen; die Deutschen haben noch andere Feinde als ihre Militaristen und Monarchisten rackerst dich dem bißchen Tagesbedarf zuliebe für einen ausbeuterischen Brotherrn Peter hatte eine Hungerstelle in einem Theaterverlag, dem er das „geistige Niveau“ gab na, um hundertundzwanzig Mark monatlich, kommst nicht zum eigentlichen Leben,gehst langsam ein zwischen deinen Büchern, Bildern und Statuetten, und mit vierzig Jahren ist dein Film abgeschnurrt, wenn du's so weiter treibst. Also, Mensch,überlege dir das mal und erschrick. Das Leben ist doch,Himmeldonnerwetter, der Güter höchstes, um einmal in aller Ehrfurcht eure moderne Literatur zu zitieren. Was für Geistessaft willst du auf die Dauer produzieren, wenn du vorzeitig zur Mumie geworden bist? Heute zehrst du noch von deinen mütterlichen

41 []Reserven. Peter, ich warne dich als Freund, wenn du mich auch verachtest und mir andere weit vorziehst,die eine weise Klappe haben und dich zum Rechthaben brauchen, weil sie noch größere Hungerleider sind. Du umgibst dich mit zu viel lebensunfähigem Pack, Schormann. Du hast das Zeug, einer der ersten Deutschen zu sein. Das grimmt mich, Peter. Ganz fromm und menschlich gesprochen: eine hübsche und temperamentvolle Freundin wäre jetzt für dich mehr wert als deine ganze Brüderschaft von geistigen Schnorrern und Wichtigtuern.“

Er machte eine Pause, zum Teil, weil er merkte,daß er in Rage kam, zum Teil, um Peter Zeit zum Nachkommen zu geben. Einige Augenblicke betrachtete er eines von Schormanns Bildern an der Wand, als hätte man sich just ganz sachlich über Kunst unterhalten, und dann nahm er noch eine neue Zigarette.Peter seufzte unmutig auf.

„Ich habe dir schon mehrmals verboten, in diesem Ton von meinen Freunden zu sprechen,“ sagte er, ohne erst abzuwarten, daß Sam aufs Geschäftliche kam.„Wo du deine Informationen beziehst, weiß ich. Du selber besitzest vollends nicht das Kaliber, um ihre Bedeutung abschätzen zu können. Das andere, wovon du sprichst, das gehört nicht zu mir. Meines Wissens bat ich dich überhaupt nicht, dich mit meinen Privatangelegenheiten zu befassen. Ich soll mir wohl an dir ein Beispiel nehmen und ebenfalls zur Schieberei übergehen?“

Sam setzte sich wieder; er tat es diesmal mit einer

*[]gewissen Behutsamkeit, durch welche er seine Zärtlichkeit für Peter ausdrückte.

„Ich bin nicht so dumm, von der Lerche Froschleistungen zu verlangen,“ erwiderte er in sachlichem Ton. „Hab dir ja schon gesagt, daß ich dich für keinen Schieber halte.“ Mit der Miene eines erfahrenen Weltmanns betrachtete er seine Zigarette, um dann den Blick Peter zuzuwenden. „Aber ein wenig schieben bassen könntest du dich vielleicht. Also kurz und gut, Peter: verkaufe, was du hast, und gib es den Weibern. Oder gib es einer! Man darf dir ja nicht ankommen. Gut, ich sage nicht, was dir aus den Augen blickt. Deine Hände na, nobel und rein sind sie; wer da drein gerät, der ist gut aufgehoben. Es liegt ein tiefer Sinn in dem Wort, daß die Natur ihr Recht verlangt. Und nun das Geschäftliche. Ich erbiete mich, dir deinen Kunstzauber zu verschärfen, damit er dir leben hilft, und zwar nicht unter na, also sagen wir;: dreißigtausend Mark.Das ist doch ein Wort. Ich weiß alles. Der Kopf dort stammt von deinem Vater, das Seestück sogar von deinem Großvater und ist ein echter Turner. Hab nichts vergessen. Den Mädchenkopf hast du von Ingres eigenhändig bekommen. Alles persönliche Andenken.Damit werde ich mich nicht einlassen. Ich zeige dir Möglichkeiten, weil ich dich liebe, Schormann, wie dich keiner von deinem Klüngel liebt. Ich nehme die Sachen übrigens auch einzeln. Der kleine Turner kann dir ein ganzes Jahr leben helfen samt einer hübschen Freundin.“ Er erhob sich wieder, diesmal, wie es schien,

43 []um zu gehen. „Soviel vom Geschäft. Die Antwort werde ich mir gelegentlich holen. Jetzt noch eine andere Sache, Peter. Das hübsche, liebenswürdige Ding, das trauergesäumte Taschentücher verliert also der Vorsicht zuliebe: du machst keinen Anspruch darauf? Mir steckt sie nämlich offen gestanden bereits in der Nase,spukt mir im Blut. Sowas von echter Holdseligkeit ist mir noch nicht über den Weg gelaufen. Das hat so ein natürliches Parfüm also reingezogener Johannisberger ist nichts dagegen. Willst du mir glauben, daß ich danach schon seit Jahren geradezu fahnde? Eigentlich hast du sie mir ja bereits zur Fürsorge überwiesen,aber heimliches Spiel hinter deinem Rücken lehne ich ab. Habe ich freie Hand, Schormann? Mußt dich diesmal schon in bürgerlicher Prosa klipp und klar ausdrücken.“Schormann blickte grübelnd vor sich hin. Ihm erschienen wieder schwarze Volants und Jabots vor dem innern Blick. Ein Streif weißer Spitzen kam darunter zum Vorschein. Das übrige waren Augen, Wangen,Lippen, alles so beunruhigend beziehungslos, daß auch er wieder aufstand.„Ich habe dir da keine freie Hand zu geben,“ sagte er mit abgewandtem Gesicht. „Was fragst du mich?Bin ich ihr Vater? Tu, was dir dein Gewissen erlaubt.“ea gWe be- erlaubt mir sehr viel,“ warnte In „Ich fragte, ob ich von dir aus freie Hand

14 []„Du wirst von mir aus nie freie Hand haben,eine Frau zu verderben.“

„Vielleicht würde ich sie nicht gleich verderben.Na, man kann es natürlich nie vorher wissen. Also schön, du nimmst sie selber, da wird sie nicht verdorben.“„Ich glaube nicht, daß ich größere Freiheit habe als du.“„Mit andern Worten, du kannst im Augenblick momentan nicht hurtig einen so plötzlichen Bescheid geben. Stellen wir auch diese Frage auf Piquet, obwohl es mir schwer fällt. Wie rasch kommt da eine dritte Hand dazwischen. Ich werde also vorläufignichts tun. Auch die geschäftliche Fürsorge lehne ich ab.Habe ebenfalls meinen Charakter. Wie ich euch eventuell finanzieren will, habe ich dir gesagt. Apropos,was wird sein, wenn ich einfach die Rücksichten beiseite setze und hingehe? Ich habe ja ihre Adresse.“

Nun drehte ihm Peter das Gesicht zu. Er hatte einen „verteufelt ernsthaften Kopf““, wie Sam immer wieder feststellte.

„Nach der Vorsicht, mit der du diese Sache selber behandelst, würdest du wohl nicht darüber im Zweifel sein, daß dann ein Vertrauensbruch vorläge. Wenn sogar du bedenklich wirst, so weiß ich sicher, daß eine Niedertracht in der Luft liegt.“

„Um das starke Wort etwas zu mildern,“ meinte Cumberland langsam, „denn immerhin betrifft es ein Freundesverhältnis, an dessen Erhaltung wenigstens

45 []einer Seite gelegen ist: so würde es dir also ein Schmerz sein. Sieh mal, dann würde ich es aber doch unter keinen Umständen dahin kommen lassen. Denn deine moralische Beurteilung, selbst wenn du sie mir schriftlich oder sogar gereimt gibst, wird mich, wie ich mich kenne, nicht weiter zerschmettern. Ich rechne nach sinnlhich wahrnehmbaren Größen, verstehst du.Ich singe eine Arie aus dem Lohengrin, und alles fällt von mir ab. Was meinst du, was für eine Lebenskraft darin liegt! Nimmst du mich mit, wenn du zur Ilse gehst ?„Ich werde nicht hingehen.“„Wirst du sie noch einmal hierher kommen lassen?“„Nein.“

„Na wollen uns nicht erzürnen, Schormann.Zieh den andern Schuh an und komm mit mir. Ich lade dich zu einem Frühstück bei Dressel ein. Es ist so ein schönes Frühlingswetter. Und mir ist so splendid zumute, seit ich die hübsche Witwe gesehen habe. Wird noch ein hartes Stück Arbeit werden zwischen uns,wenn ich sie nicht plötzlich über einer andern vergesse.“

Er lachte sehr jung und vergnügt und fing plötzlich mit dröhnender Stimme aus dem Fliegenden Holländer zu singen an: „Wie aus der Ferne längstvergangner Zeiten spricht dieses Mädchens Bild zu mir!“ Er erhob den Arm und machte die entsprechenden Gebärden dazu, wie er es auf der Bühne in Kassel und Meiningen getan hatte. Schormann fühlte sich erst wie auf den Kopf geschlagen, und ganz über

A []rumpelt starrte er Sam an, als ob er einem pathologischen Ausbruch unterläge. Aber gleichzeitig erklang in seinem Gehirn eine andere, viel süßere, edlere Stimme,deren stille Güte ihn mit frommem Feuer durchdrang.Plötzlich wurde er inmitten des musikalischen Lärms ganz fröhlich aufgeregt, und lachend rief er:

„Aber so sei doch um Gottes willen nur still.Willst du mir die Bude sprengen? Und was für einen Sinn hat das, halbe Stunden lang mit ausgestrecktem Arm dazustehen!“ Er lachte, daß ihm die Tränen kamen. Nun sah auch er jung und beinahe übermütig aus. „Man muß sso eitel sein, wie es Opernsänger sind, um sich damit wichtig zu nehmen. Halt! Bist du denn toll? Singe, schiebe, streck alle Viere pathetisch von dir, aber nicht hier, bitte! Schone mich; ich habe zu tun! Und zu Dressel lade ein, wen du willst. Da sind deine Handschuhe. Da ist dein Hut. Und so Gott mit dir. Kommt der Mensch morgens um zehn und stellt mir das Haus auf den Kopf!“

Sam schwieg, aber er sah nun ernst darein.

„Es ist nicht gut, daß du mich 'jetzt humoristisch nimmst,“ sagte er ein bißchen empfindlich. „Ich sang nicht zum Spaß; mich macht diese Ilse ganz traurig.Wer soll sich nun mit dir auskennen? Wirfst einen mit Späßen aus dem Haus.“ Mit melancholischer Miene betrachtete er seinen Hut. „Du, das mußt du nicht wieder tun,“ warnte er sorgenvoll. „Mußt mich nie mehr in ernsten Momenten lächerlich nehmen. Ich kann das nämlich sehr schlecht verknusen. Meistens räche ich mich dafür. Na, werde noch näher darüber

47 []nachdenken. Mit euch geistigen Menschen kann man nicht so rechnen wie mit andern. Brauchst mich nicht hinaus zu geleiten; weiß den Weg allein. Bin ja hier auch kein leidenschaftlich gern gesehener Besuch. 'n Morijen!“Den Hut im Genick, das Stöckchen unter den Arm geklemmt, ging er leise pfeifend davon. Wenn er so pfiff, war er entweder sehr nachdenklich oder zornig.

[48]

Viertes Kapitel.

S chormann war also mit sich überein gekommen,daß in Sachen Ilse Krätke überhaupt nichts zu geschehen habe. Da auch jenes Gedicht nicht weiter gerückt war, so kann man sagen, daß sein Leben stand.Durch die nächsten Tagen zänkelte er sich in wohlgebildeten Ausdrücken mit seinem Prinzipal herum, der schlechte Laune hatte, befaßte sich mit Autoren und deren Manuskripten, redigierte die neue Monatsnummer der Zeitschrift, die der Verlag herausgab, ein wahres Hausiererblatt, aber es brachte Geld ein, schrieb motivierte Waschzettel, in welchen er die Dramen seines Verlages nur warm empfehlen konnte, wohnte Konferenzen bei, verhandelte mit Setzern und Druckern, die nachgerade zu Großmächten aufgerückt waren, diktierte trockene Geschäftsbriefe, trabte mit einem Stoß neuer Manuskripte unter dem Arm nach Hause, um bis in die Nacht hinein zu „prüfen“, da er über Tag nicht dazu kam, bereitete seinen Bericht für die nächste Konferenz vor, und nebenher verfaßte er noch persönlich beschwichtigende Briefe an Autoren, die ihm wegen einer Ablehnung auf den Pelz rückten. Er gehörte, wie schon angedeutet, zu jener Garnitur von talentierten jungen Leuten, die sich manche Verleger gegen kleine Schreiber

Schaffner, Kinder des Schicksals.

9 []gehälter als hochwertige geistige Arbeitskräfte halten, um ihrem Unternehmen das „literarische Gesicht“ zu geben.Diese jungen Leute hoffen, sich in den Jahren ihres schwersten Kampfes auf besagtem Weg vor dem Verhungern zu bewahren, und verfallen dafür einer fortschreitenden Abhängigkeit und einer Verkümmerung ihres bürgerlichen Menschtums, wofür sie sich durch Verachtung der Bürgerlichkeit schadlos halten. Sie werden Proletarier, ohne sich deren kulturelle Bedürfnislosigkeit aneignen zu können, sind Hochgebildete ohne die zugehörigen Einkünfte, ja, nicht einmal die gesellschaftliche Stellung, die sie beanspruchen müßten,nehmen sie ein, denn jeder gedrechselte Assessor läuft ihnen bei Müttern und Töchtern den Rang ab; den Vätern sind sie als wirtschaftlich und politisch unsichere Kantonisten ohnehin unheimlich, da der Mann mit der Verheiratung und öffentlichen Bestallung das selbständige Denken bekanntlich aufgibt.

Zweifellos war Schormann bereits zu alt, um sich noch lange in ein solches Verhältnis ohne ernsten Schaden fügen zu dürfen, auch war sein Talent dafür zu groß; darin trafen alle Meinungen über ihn zusammen. Aber er gehörte zu den Spätreifern, brauchte Zeit, viel Zeit, besaß auch nicht den kleinsten Charakterzug, um sich in der Zwischenzeit als Schieber oder Streber erfolgreich zu machen, und so hieß es für ihn:„Vogel, friß schlecht oder stirb gut!“ Um das letztere so lange als möglich zu vermeiden, tat er das erstere ohne besondere Leidenschaft. Vorläufig weigerte er sich noch, sich die UÜberzeugung beibringen zu lassen, als

5*[]ob er zum Elend geboren sei, und auch für die Rache, die einer solchen hochfahrenden Verstocktheit droht, fehlte ihm das Verständnis. Vielleicht war er vom Anständigkeitsfimmel besessen, ja, vielleicht hätte er ruhig mehr unbedenkliches Draufgängertum haben können, aber eine Regung war ihm nicht bekannt:Menschenfurcht. Möglicherweise hatte er überhaupt kein Organ dafür. Er“hatte sich Zeit seines Lebens noch vor keinem Menschen und auch vor keinem Gespenst geängstigt, auch nicht vor einer Ansammlung von beiden.Und öffentliche Zu oder Mißstände, die seinen Weg störend kreuzten, bedachte er mit seiner stillen Verachtung, ohne ihnen eine Beweiskraft zu überlassen.Allein dadurch, indem er sich die vulgäre Überzeugung von der Schlechtigkeit der Menschen vom Leibe hielt,vermochte er sich innerhalb seiner dünnen Lebensluft,in die ihn nach seiner Auffassung der Kapitalismus versetzte, eine gewisse sittliche Fruchtbarkeit zu erhalten.Unerbittlich war er allerdings gegen die Monarchisten und Militaristen; sie waren ihm sogar so peinlich, daß er es vermied, über sie zu sprechen.

Nach dem vorher Gesagten wird er also nun nicht plötzlich begonnen haben, sich wegen Sams leise knurrendem Abgang zu beunruhigen; wenn ein Sam drohte,so bewies das nur, daß er UÜbermacht spürte und die Zähne bleckte. Mochte er die Zähne blecken; nichts sieht man bei einem schönen Tier lieber. Eine gewisse Genugtuung erfüllte Peter sogar darüber, trotzdem war es nicht von der Hand zu weisen, daß seit jenem Gespräch sein Leben stand. Den andern Schuh hatte

31 []er zwar seither angezogen und auch wieder mehr als einmal ausgezogen, aber seit vier Tagen fiel ihm zum Beispiel auf das Wort „Sorge“ kein anderer Reim ein als „Borke“, und jedes Kind weiß, daß ein solcher Reim unecht oder unrein genannt wird, und wenn er von Schiller kommt. Daraus schloß er, daß es sich eine höhere Macht gefallen ließ, ihr Spiel mit ihm zu treiben. „Diese höhere Macht könnte sich auch was Gescheiteres einfallen lassen!“ murrte er. Allein am fünften Morgen nach Ilses Besuch beschloß er, daß die Sache unwidersprechlich ihr Ende haben müsse. Mochte es kosten, was es wollte, das Gedicht mußte zustande kommen.

Er leitete die Unternehmung damit ein, daß er sich von oben bis unten mit kaltem Wasser abwusch; ein solches Verfahren befördert den Blutkreislauf und zieht die Lebensgeister aus ihren Verstecken nach außen. Darauf machte er sich einen extra starken Tee, der genug Stimulanzen enthielt, um eine ganze lutherische LandesDD 0 vertrug unglaubliche Portionen von allen Kulturgiften,Teein, Nikotin, Koffein und Alkohol. Also rauchte er auch eine extraschwarze Importzigarre dazu. Ferner hatte er die Bemerkung gemacht, daß das Lesen von Zeitungsinseraten seine Phantasie anregte; also studierte er sämtliche Inserate der vier Beilagen des Berliner Tageblattes. Als sich noch nichts zu regen begann,erinnerte er sich, daß er manchmal mit dem Bestarren der gegenüberliegenden Hauswand gute Erfahrungen machte. Er starrte sie etwa eine Viertelstunde be

*9 []wegungslos an, bis ihm die Augen tränten und er die Nase schnauben mußte. „Wenigstens im Taschentuch ein Resultat,“ dachte er mit tadelndem Nachdruck. Darauf begann er in seiner Stube auf und ab zu laufen, um den rettenden Gedanken auf dynamischem Wege zu erfassen. Nachher setzte er sich noch ganz still in seine dunkelste Ecke, schloß die Augen und bemühte sich, an gar nichts zu denken. Als auch dies Mittel versagte, ging er dazu über, sein Zimmer aufzuräumen; im Verlauf von andern Tätigkeiten waren ihm schon wertvolle Einfälle gekommen, aber man mußte sich ihnen restlos hingeben, durfte an alles denken, nur nicht an das, woran man dachte.

Es ist gesagt, daß sein Zimmer eine solche Bemühung sehr wohl gebrauchen konnte. Er rückte also die übervollen Aschbecher an andere Plätze, türmte einen Papierstoß auf den nächsthöhern hinauf, und als das ganze Gebäude umfiel, verteilte er die Dokumente weise im Zimmer, wofür er noch einen dritten Sessel in Anspruch nahm. Nachher machte er tatsächlich sein Bett,was schon seit einer Woche nicht mehr geschehen war.Und plötzlich war er fertig, ohne um einen Vers weiter gekommen zu sein, aber er hatte ja auch fortwährend daran gedacht. Also da war die Borke wieder; mochte sie doch der Teufel endlich holen. Mochte er auch die andere Hälfte des unreinen Reimes für alle Zeiten holen; nichts Gemeineres auf der Welt als die Sorge.

„Wirst jetzt die Schuhe anziehen, den Hut aufsetzen und deinen Krempel hinter dir lassen! Im Grunewald blauen die Seen! Anemonen blühen an

53 []ihrem Rand! Geister der Tiefe steigen auf, und Geister der Höhe kommen ihnen lachend entgegen. Na, und was wird aus dem Zimt? Aber vielleicht, daß dir der Gott des Lebens ein holdes Geschöpf von geringerer Kostspieligkeit in den Weg führt.“

In ihm war neue Bewegung. Gewiß, sein Leben stand an, aber auf und nieder stiegen auch in ihm die geheimnisvollen. Geister des neuen Werdens. „Sorge“und „Borke“, das wird zwar nie einen zufriedenstellenden Reim ergeben, aber Frühling und dreißig Jahre reimt sich allemal. Zwar auch er dachte manchmal an seine dreißig Jahre, aber er tat es wie ein Vierziger, heute jedoch war er, wie gesagt, darauf gefaßt, daß ihm der Gott des Lebens ein seiner wahren Alterslage angepaftes Abenteuer in den Weg führen werde. Allein als er im angenehmen Vorgefühl, heute sein Geschäft zu schwänzen, in den Vorplatz oder Verbindungsschacht trat, der ihn mit der Außenwelt verband, sah er einen Brief auf dem Boden liegen.In Berlin werden die Briefe durch einen Türschlitz hereingeworfen, und nur wer überflüssiges Geld hat,fängt sie in einem Briefkasten auf, den er von innen davor anbringt. Peter hob ihn auf, betrachtete seiner Gewohnheit gemäß ihn zuerst von beiden Seiten und öffnete im Schein der Küchentür. Zuerst fiel ihm ein Schreiben in die Hand, worin Pastor Delius die moralische Unbescholtenheit der Frau Ilse Krätke bezeugte und sich für ihre Zuverlässigkeit verbürgte. Darauf fand er einen Brief von Ilse selber; er war mit der Feder geschrieben und lautete folgendermaßen:54 []„Sehr geehrter Herr Schormann! Es ist vielleicht überflüssig, daß ich Ihnen die beigefügte Referenz übermittle, aber da Sie danach fragten, so halte ich es für meine Pflicht. Im nicht konvenierenden Falle erbitte ich sie mir höflichst zurück. Das Porto liegt bei.Hochachtungsvollst Ilse Krätke.“

Es wäre nun eine glatte Vermessenheit zu behaupten, daß dies ein Brief gewesen sei wie alle übrigen. Oder stammte er vielleicht doch nicht von Ilse Krätke? Schon dier! Zudem war er mit der Hand geschrieben und nicht mit der Maschine. Er hatte also Seele. Diese klugen, geraden Buchstaben blickten ihn an, als ob sie reden könnten. Das Papier er führte es zur Nase hatte Duft. Es war zartbläulich, von bescheidenem und doch nicht zu kleinem Format. Die Referenz des Pastors legte er auf die Herdplatte in der Küche. „Als ob ich den brauchte, um ihre moralische Unbescholtenheit zu erfahren!“ dachte er spöttisch.„Hat sie nicht bei mir auf dem Stuhl gesessen?“Ihren Brief steckte er zu sich. „Da sie nun doch einmal geschrieben hat!“ Mit froheren und jüngeren Bewegungen, als er vorgesehen hatte, schloß er die Wohnung ab, stieg die Hinterhaustreppe hinunter, durchschritt den Hof und die Durchfahrt „Uberall ist sie gewesen!“ und trat auf die Straße hinaus.„Vo kam sie her?“ fragte er sich. „Aus dieser Richtung natürlich.“ Wie beschenkt verfolgte er sie, da es auch die seinige war. Prophetisch sah er Ilse vor sich herwandeln, hörte den Aufschlag ihrer Absätze auf dem Asphalt, fühlte ihr nach, wie ihr der Wind um die

55 []Wangen strich, und bereits zum erstenmal zog er ihren Brief aus der Tasche, um ihn wieder zu lesen. Schon der Name eines Wesens, das Eindruck gemacht hat,bedeutet eine intime Begegnung, die sogar nach Belieben zu wiederholen ist; mit jedem Mal wird sie intimer. In der Schweiz heißt der Familienname „Geschlechtsname“, aber das ist falsch, der Taufname ist der Geschlechtsname. Wenige Gelegenheiten gibt es,um einem Mann die menschliche Hilflosigkeit schmerzlicher nahe zu bringen als die Notwendigkeit, der verehrten Frau den ersten Brief zu schreiben oder das erste Buch zur Lektüre zu schicken, ohne ihren Taufnamen zu wissen.Peter konnte sich also insofern glücklich preisen!Er befand sich in dem Zustand, in welchem man mit besonderer Liebe der Rauferei von zwei Sperlingshähnen beiwohnt, die einander im Staub herumzerren,oder die Lebensgewohnheiten der Hunde beobachtet, dieser kleinen Großstädter, deren Dasein wie das der Italiener sich auf der Straße vollzieht. Ab und zu tat sein Herz einen kleinen Ruck, weil er eine schwarzgekleidete Person bemerkte, aber es war dann immer etwas ganz anderes, das sich in keiner Weise vergleichen ließ. Als er zur Straßenbahn kam, blieb er an der Haltestelle stehen und wartete einige Wagen ab, um heraus zu bekommen, mit welcher Nummer sie gekommen und gegangen war; nach seiner Berechnung mußte es die Linie 5 sein. „Da fährt so manches schöne Kind durchs Land!“ dachte er mit liebevoller Sorgfalt. Er selber fuhr dem Grunewald zu. Den Brief in der Tasche

*4 []fühlte er unausgesetzt; er verbreitete eine elebtrisch knisternde Wärme, die mindestens so wohl tat, wie der neugeschenkte warme Frühlingssonnenschein nach dem langen bangen Winter.

Daß man sich für seinen Beruf entscheidet, daß man auf die erste große Reise geht, daß man sich einer Frau zueignet, das sind alles Prozesse, auf die man wenig Einfluß hat. Eines Tages hat sich eben das Faktum eingestellt, und dem Betreffenden liegt ob,die Folgerungen zu ziehen. Naturen vollends, wie Schormann eine war, die wenig mit dem Willen leben,die ganz auf Schicksal und Einmaligkeit eingestellt sind,die dem Leben statt eines klaren Egoismus eine edle Freiwilligkeit entgegenbringen, fühlen sich im Dasein geführt. Bei ihnen ist Reife alles, der Betrieb nichts. Sie haben so eine morgenländisch chinesische Größe. Einen Weltkrieg würden sie nie entzünden,und keineswegs würden sie ihn gewinnen. Schormann durchwanderte den Grunewald wie ein junger Mandarin, der die erste Belehrung durch Laotse erhalten hat.Er ist beglückt, ohne sich seiner vorigen Unwissenheit zu schämen und ohne der zweiten Belehrung entgegen zu gieren, denn jetzt ist er satt und nur satt. Das Nachher ist dann wieder eine Sache für sich. Peter hatte zwar bloß fünf handgeschriebene Zeilen von der Hand einer jungen Witwe bekommen, aber als er mit diesem Brief in der Tasche das erste Rudel Hirsche sah, hätte er mit keinem Schüler Laotses getauscht.

Als er selber wie ein Rehbock bei den Pichelsbergen, einen vom Meer nachgelassenen Dünenkranz,57 []zur Havelniederung durchbrach, die Lungen voll Luft,die Augen voll Licht, über sich leise rauschende Kieferwipfel, unter sich auf dem Wasser ziehende Schleppzüge und sonst Weite, Himmel, schimmernde Ufer,Inseln, Waldsäume, Schilfdickichte mit lärmenden Wasservölkern, sagte er träumend vor sich hin: „Dies alles könnte vielleicht auch im Kuß einer Frau sein!“Lange dachte er noch wandernd darüber nach. Es dämmerte schon stark, als er nach Hause fuhr. Diese Nacht brannte ihm das Gesicht von all der Luft und Sonne. Er schlief leicht und dankbaren Herzens. Einmal erwachte er und sagte leise: „Ilse!“ Das Gesicht brannte ihm noch. „Das muß auch so sein, wenn einen eine Frau abgeküßt hat!“ dachte er lächelnd.Höher kann man es wohl nicht treiben. Er schien wirklich für die Liebe „reif“ geworden. Den Rest der Nacht träumte er von seiner Kindheit und von seiner Mutter, einer schönen, lebensfrohen Frau, die er sehr verehrt hatte und die ihm aus den Augen sah.

Am andern Morgen ging er mit seinen Mitteln zu Rate. Eigentlich war es ja ausgeschlossen, daß er von seinem ursprünglichen Beschluß absprang, denn was hatte er zu bieten? Aber er konnte seine Teilnahme am Geschick des schönen Wesens jetzt war sie schon schön! doch dadurch beweisen, daß er Ilse etwas verdienen ließ, und es auch wirklich zu bezahlen suchte.Das war sogar eine Anstandspflicht. Jeder nobel denkende Mensch hätte so gehandelt. Es war zwar der Dreizehnte des Monats; und nach der Abführung von beinahe der Hälfte seines magern Gehaltes an seine

558 []schwer erkrankte Schwester hatte er genau noch so viel Geld, um sich für die andern siebzehn Tage Brot und eine Suppe in der Mittelstandsküche zu kaufen. Seine durchgelaufenen Armensel uhe n ußten noch vierzehn Tage herhalten, ehe man sie zum Schuster bringen konnte.Rechnete er dann acht Tage Wartezeit, da er den Schuster nicht mit einem Wurstzipfel „schmieren“konnte, so durfte er die Schuhe, wenn es seiner Schwester wieder besser ging, bald nach dem kommenden Ersten zurückholen.

Es stand also immer noch die Beantwortung der nebensächlichen Frage aus, durch welche Mittel er der jungen Witwe ihre ehrliche Arbeit entlohnen werde.Nun, vielleicht konnte er seinen Sonntagsanzug versetzen. Er mußte dann freilich darauf verzichten, die nächsten Wochen in Gesellschaft zu gehen. Beim rapiden Ablauf der Geschicke eines Dichters war es auch keineswegs ganz sicher, daß er in absehbarer Zeit überhaupt imstande sein werde, den Anzug wieder einzulösen. Jedenfalls mußten die Schuhe vorher daran kommen, und konnte er somit rechnen, daß er seinen Anzug erst nach dem übernächsten Ersten wieder zu sehen bekommen werde. Um sich bei dieser Sachlage keiner Unbesonnenheit hinzugeben, wartete er noch einige Tage zu, ob nicht vielleicht etwas passierte, was ihm die ganze Disposition umwarf, auf Unglücke immer gefaßt, wie er nun einmal war, aber es geschah nichts.

Da packte er seine Blätter ein und machte sich auf den Weg zu Ilse Krätke. „Gott will es!“ dachte er ergeben. Und dann gab es da gewisse „Impondera

5.[]bilien“ ! Mit einem Wort: er schickte sich an, um unter vollkommener Nichtberücksichtigung etwaiger privater Wünsche mit Frau Krätke einen streng sachlichen, auf Maschinenabschriften einschließlich zweier Durchschläge gerichteten Geschäftsvertrag einzugehen, der wohlverstanden unter allen Umständen zu honorieren war. Wenn das nichts sein sollte, so muß dem entgegengehalten werden, daß es eine ganze Menge Wagnis und Gefahr in sich schloß. Peter wollte wirklich froh sein, wenn alles gut ablief.[]

Fünftes Kapitel.

O lse Krätke wohnte in einem ebensolchen Steinkasten J wie er; man konnte sich einbilden, daß ihr Eingang zum gleichen Höhlenlabyrinth gehörte, in das man auch durch seine Durchfahrt gelangte. Das brachte sie ihm geschwisterlich näher. Auch an ihrer Wohnungstür war solch eine schmutzig braune Kapsel mit einem Beinknopf dari, auf den man drücken mußte, damit es drinnen klingelte. Er tat es, brauchte auch nicht lange zu warten, denn schon kam sie mit ziemlich raschen, sozusagen begierigen Schritten, um zu öffnen. Als sie seiner ansichtig wurde, betrachtete sie ihn schweigend; darauf übergoß sie sich langsam mit Rot bis auf die Halsgrube hinunter.

Eine Frau im Haus ist noch einmal etwas anderes als dieselbe Frau im Straßenaufzug. Es war noch ziemlich früh am Vormittag, aber sie kam ihm fertig angezogen und wohlfrisiert entgegen. Ihr Haar trug sie nach der Mode, die eine Art von Helmbau verlangte. Das hatte er nicht erwartet, aber es kleidete sie vorzüglich. Der Mann, wenn er ehrlich und unverbildet ist, hält wenig vom „unabhängigen“ Geschmack der Frau; sie muß in Beziehung bleiben mit den andern Frauen. Wie aber nun das Licht von der Vorplatz31 []beleuchtung über Ilses dunkelblonden Haarbau fiel, war es tatsächlich, als ob sie einen goldenen Helm trüge.Peter war sich darüber sofort klar, daß er dies an einer Freundin sehr lieben würde. Vom Treppenhaus her spiegelte sich der Tagesschein in ihren dunklen Augen,und Schormann sah hier zum erstenmal den so viel besprochenen Sammetglanz. Er bemerkte, daß das keine Eigenschaft war, sondern ein Ausdruck; neulich hatten sie mehr an reife Kirschen und an junge Mädchen erinnert, denen sie im Alter ja noch so nahe stand.Um den Mund lag wohl ihr Frauenleben; da war etwas, wovon einem das Gefühl überkam, daß man es trinken könne, und Peter schien es, daß es sich dabei nicht einmal um ganz leichten Wein handle. Schweigsame Frauen haben, wie gesagt, ihre Abgründigkeiten.Sie trug eine halsfreie, dunkel gestreifte Bluse, die noch das Grübchen frei ließ. Um die weiße Kehle schlang sich ein schwarzes Samtbändchen mit einem goldnen Medaillon. Dies alles war bedeutend mehr,als Schormann vorausgesehen hatte und als zu einem streng geschäftlichen Übereinkommen notwendig war.

„Ich komme wegen der Abschrift,“ hatte er indessen in etwas zögerndem Ton erklärt. „Wir haben ja neulich verabredet !“ Zwar sympathisierten seine schönen Augen mit ihr, allein seine Stimme war voll gütiger Bedenklichkeit. „Es dauerte noch, bis ich fertig war,“ entschuldigte er. „Vielleicht haben Sie jetzt gar keine Zeit für mich ?“

Er sah aus, als hätte er dies für eine sehr günstige Lösung betrachtet, aber sie hatte im Gegenteil viel Zeit.52 []Beinahe zu ernst, wie das alleinlebenden Leuten leicht passiert, hieß sie ihn eintreten. Sie empfing heute von ihm den Eindruck wie * einem Menschen, der in der großen Welt verkehrt. Etwas Gewandtes, Überlegenes schien er ihr von draußen mitgebracht zu haben, während sein Besuch, den sie bereits nicht mehr erwartet hatte, sie gleich der Jungfrau Maria in eine gewisse Bestürzung versetzte, eben weil dieser Gabriel nach so langer Zeit plötzlich doch noch kam.

„Nein, ich habe gerade nichts zu tun,“ erklärte sie mit natürlichem Lächeln, in welchem ein Schatten ihrer Einsamkeit mit lächelte. Plötzlich wurde hier so vieles heiter und hoffnungsvoll. „Bitte, gehen Sie nur voran. Es ist zwar bei mir noch nicht aufgeräumt „Wird schon aufgeräumt sein,“ vermutete er, ein paar Schritte machend. Sie fand ihn besonders liebenswürdig mit dem leisen Lachen, womit er diese Worte begleitete. „Wie Sie selber aussehen. Außerdem riecht es nach frischer Luft. Finden Sie es auch so köstlich,daß man jetzt wieder die Fenster aufmachen kann?“

An der Tür zur Wohnstube blieb er stehen, um ihr seine großen strahlenden Augen zuzuwenden. Sie fand,da könne man geradezu hineinstürzen, und ein bißchen befangen erwiderte sie:

„Gewiß, diese Jahreszeit ist überhaupt ein Geschenk! Aber wollen Sie nicht hineintreten?“ fügte sie hinzu. Sie fühlte, daß er Lust hatte, auf der Schwelle ein richtiges Gespräch über den Frühling mit ihr zu beginnen, und mit solchen Augen; davor über

53 []kam sie eine kleine Bangnis, und beflissen schob sie ihn in die Stube. Voller Gedanken und Empfindungen gehorchte er ihrer sachten Leitung.

„Ach, da sind ja auch Kinder!“ rief er darauf überrascht aus. Von der innern Wohnung her schallte das herzhafte Gelächter eines kleinen Jungen. „Ich wußte ja gar nicht, daß Sie Mutter sind!“ sagte er,schon wieder ihr zugewandt. Es schien ihm wichtig und rührend zu sein, daß sie Mutter war. „Wieviele haben Sie denn, Frau Krätke?“

„Zwei,“ sagte sie mit lachendem Gesicht; es hatte irgend etwas Schönes, Ermutigendes, ihm zu sagen,daß da zwei Kinder waren.

„In jedes Auge eines,“ bemerkte er, auf ihren Ton eingehend. „Aber Ihr Mann?“ fragte er darauf ernster. „Ist er gefallen?“ Seine guten Augen musterten sie voller Teilnahme.

„Nein, er ist in der Heimat gestorben,“ gab sie Auskunft. Geradezu wohl tat das, mit ihm über diese Sachen zu reden. „An einer Krankheit.“

„Ja, ja, beinahe alle sind wir krank geworden,“bemerkte er mit trauernder Stimme. „Und die nicht krank werden, die werden einsam.“ Doch hielt er es für seine Pflicht, dabei nicht zu verweilen. „Nun,einige sind noch gesund und gesellig. Ihren Kindern geht es doch gut?“

„Gewiß, soweit es die Umstände zulassen. Was wir alles hatten, das ist ja für sie nicht da. Aber ,wer nicht weiß, der vermißt nicht, sagte meine Mutter immer.“

244 []Das Wohnzimmer war natürlich ausgezeichnet aufzgeräumt. Geradezu appetitlich und einladend war alles.An den Fenstern hingen sehr weiße Gardinen. Die Möbel glänzten vor guter Behandlung. Auf einem kleinen Tisch beim Fenster stand die Schreibmaschine zugedeckt. Zwischen den Beinen des großen Tisches saßen die Kinder, ein Junge von fünf und ein Mädchen von dreieinhalb Jahren, und blickten mit prüfendem und neugierigem Gesichtsaudruck dem Besuch entgegen.

„Kommt mal vor und sagt dem Herrn Guten Tag,“forderte die Mutter sie auf. „Sie sind ein bißchen scheu,“ erklärte sie Schormann. „Es kommt ja selten ein Fremder hier herein. Na, macht vorwärts.Also paßt auf, was der Herr da in der Mappe hat;da werdet ihr aber Augen machen. Mäxchen, wenn ich eins von euch wäre, da würde ich mich mal als klugen Kopf zeigen. An wen denke ich wohl?“

„An mich,“ sagte Mäxchen von sich überzeugt, aber er machte noch keine rechte Miene, hervor zu kommen.Er wartete ab.

„Das ist ja nun klar,“ sprach jetzt Peter die Kinder an, „die sogenannte Mappe hier ist ein Hund. Wer nicht in Zeit von Null Komma eine Kleinigkeit angeturnt kommt, mir die Hand gibt und seinen Namen nennt, der wird etwas gebissen. Ins Bein oder in den Bauch, das weiß ich nicht so genau vorher. Na, und was sagt ihr nun dazu?“

Märxchen war schon unterwegs.

„Ich komme so, nicht wegen dem Beißen,“ er

3Schaffner, Kinder des Schicksals.

65 []klärte er. „Ich heiße Mäxchen und bin fünf Jahre.Guten Tag.“

„Na, und ich heiße Schormann und bin einunddreißig,“ antwortete ihm Peter. Mäxchen war dunkelblond wie seine Mutter und hatte denselben lebenstreuen feuchten Glanz auf der Hornhaut, leicht gewölbte Lippen wie sie und ihre hauchzarte Pfirsichhaut. „Max heißt auch ein großer Freund von mir,“teilte Peter ferner mit. „Das heißt, der Name gefiel ihm nicht mehr, und nun nennt er sich Sam. Findest du das dumm?“

„Wie heißt denn du zum Vornamen?“ erkundigte sich Mäxchen, bevor er sich näher auf die Frage einließ.„Ich heiße nur so Peter. Man hätte keine rechte Zeit, mich zu taufen.“

„Ja, Max ist besser,“ stellte Märxchen fest.

„Aber ich heiße Emma!“ schrie nun das Mädchen,das sich inzwischen ebenfalls herbeigemacht hatte. Es war blond, wie sein Vater gewesen sein mochte, und dessen Pedanterie wiederholte sich im Kind in Form einer urgesunden und liebenswürdigen Sauberkeit ber ganzen Erscheinung.

„Auch Emma ist gut,“ gab er zu. „So hat nämlich meine Mutter geheißen. Wenn du eine so schöne,freundliche Frau wirst, wie sie gewesen ist, so wirst du auch sehr glücklich werden. Einen guten Anfang hat sie schon dazu gemacht,“ bemerkte er herzlich gegen Ilse.„Nutti, ist das der Onkel mit die vielen Bilder,“

560 []erkundigte sich Emma, „der so böse auf dir war, daß du nachher zu Hause weintest?“

Ilse errötete jäh, und Peter blickte rücksichtsvoll weg; er sah ein bißchen betreten und auch ein wenig traurig aus.

„Nein, das war jemand anderes,“ erwiderte sie in aller Verwirrung. „Und überhaupt sollst du nicht so vorlaut sein.“

„Aber es war doch noch niemand sonst hier!“ beharrte Emma weinerlich. „Wenn doch sonst noch niemand hier war!“

„Na, also das wissen wir ja ohnedem,“ suchte Peter das Mädchen unter einem Anflug von Laune zu beruhigen. „Aller Anfang ist schwer, bloß das Lumpensammeln nicht!“ bemerkte er mit freimütigem Lächeln gegen Ilse. „Wißt ihr, warum?“ fragte er die Kinder. „Weil da der Sack noch leer ist.“

„Das ist aber nicht der Onkel mit die Bilders,“stellte Märchen ein für allemal seiner Schwester gegenüber fest. „Bücher mag der viele haben, auch ein Klavier. Du, kannst du predigen?“ wandte er sich an Schormann. „Wir wollen nämlich begraben spielen,und niemand kann predigen.“

„Na, predigen werde ich wohl für den Hausgebrauch ein bißchen können,“ gab der zu. „Aber wollt ihr nicht lieber Hochzeit spielen ?“

„Nee, begraben ist richtiger. Emmas Puppe ist doch gestorben, da kann sie nu nich noch Hochzeit machen.Willst du die Predigt halten, dett wir mit den Klimbim zu Ende kommen?“

F []„Na, wenn es durchaus sein muß ! Also gut,ich werde predigen, daß die Wände wackeln. Gesungen habt ihr doch schon?“ Sie nickten gespannt. „Gut.Hm. Ham. Verehrte Trauergäste !“

„Du mußt aber auf den Stuhl steigen,“ machte Mäxchen aufmerksam. „Der Pastor steht immer höher als die Gemeinde.“

„Na, ich stehe doch höher als ihr, will ich meinen!Ihr müßt ja schon die Hälse verdrehen, um mir auf den Mund zu sehen.“ Das leuchtete ein; mehr wäre wahrscheinlich nicht einmal gut gewesen. „Also verehrte Anwesende! Diese alte, neunzigjährige Frau, die wir heute begraben, die ist nun glücklich auch gestorben.Na, was soll man denn dazu sagen? Bevor sie den letzten Seufzer tat, vermachte sie noch den Armen ihre Nähmaschine. Darauf können sich nun alle armen Leute Hemden nähen. Möchten noch mehr solche wohlmeinende alte Frauen sterben. Möchte ich auch ein Hemd von ihrer Maschine bekommen! Möchtet ihr alle Hemden von ihrer Maschine bekommen. Amen. Ihre Seele ist nun im Himmel und spinnt Seide. Führt ein christliches Leben, wenn's euch möglich ist. Und somit begrabt die guten alten Gebeine. Der Friede sei mit ihnen. Amen.“„Du, jetzt nochmal die Orgel!“ sagte Mäxchen leise zu Emma. Fromm begann er zu summen, und Emma summte mit. Ilse kamen unwillkürlich die Tränen.Still ging sie beiseite, um sich nicht dabei betreffen zu lassen. Zu deutlich standen ihr wieder alle letzten Zeichen vor den Augen, und gerade die milde, freund

[]liche Beleuchtung, die Schormanns Predigt darüber verbreitete, ergriff sie mehr, als irgend etwas anderes vermocht hätte, da sie ihr zeigte, was sie alles im Grunde ausgestanden hatte. Schon liefen ihr die ersten Tropfen über die Wangen. Hastig ergriff sie ihr Taschentuch, um sie abzuwischen. Da hörte Emma auf zu orgeln und sah mit großen Augen nach ihr hin.

„Mutti weint aber!“ bemerkte sie darauf. Auch Mäxchen verstummte. Er hatte es noch vor Emma gesehen, aber aus Verlegenheit so weiter gesummt.Jetzt blickte er wie um Rat fragend nach Schormann auf.

Der hatte aber seine Augen bereits bei Ilse. Wie von einem Geist geführt, näherte er sich ihr, und sehr brüderlich und einfach nahm er ihre Hand. „Jetzt habe ich Sie wohl schon zum zweitenmal weinen gemacht!“ hörten ihn die Kinder leise sagen. Mäxchen schloß daraus, daß es mit die Bilders also doch wohl stimmen werde. Doch nun sah er seine Mutter lieblich abwehrend und sogar um Entschuldigung bittend lächeln, ohne daß sie schon wieder sprechen konnte.Und Schormann sagte noch etwas ernster, doch auch sehr freundlich: „Nein, nein, das hat schon seine Richtigkeit! Aber ich habe wirklich nicht die Absicht, so fortzufahren!“ In seinem bedenklichen Gesicht ging ebenfalls ein Lächeln auf, und Mäxchen fand es sehr gut, daß er nicht die Absicht hatte. Mit weisem und befriedigtem Gesichtsausdruck wohnte er der Szene bei.

„Und nun wollen wir von unsern Geschäften reden,“schlug darauf Schormann vor. „Ich muß nämlich ins

09 []Bureau,“ erklärte er entschuldigend. „Haben Sie schon Gedichte geschrieben?“ Ilse dachte an das „Heideröschen“, den „Taucher“ und so weiter und bejahte.„Nun, dann wissen Sie ja Bescheid. Die Strophen voneinander absetzen,“ erinnerte er noch zur Vorsicht.„Jeden Anfang um drei oder vier Buchstaben zurückziehen. Und so einrichten, daß unten keine halbe Strophe hängen bleibt. Nun, das werden Sie schon recht machen.“ Er klappte die leere Mappe zu und nahm sie zum Gehen unter den Arm.

„Bis wann wollen Sie die Arbeit haben?“ erkundigte sich Isse mit roten Wangen, denn immerhin war es ihre erste Bestellung.

„Na, bis sagen wir, bis Mitte nächster Woche.Das können Sie doch leisten? Die Sachen sollen zu Weihnachten als Buch erscheinen. Ende des Monats muß ich sie spätestens einreichen. Ach, das wollte ich noch sagen: den Titel gesperrt und hübsch symmetrisch etwas über der Mitte des Blattes.“ Er sagte es bloß,weil er nicht recht loszukommen wußte; im Grunde fand er sich spießig und lächerlich. „Na, und euch werde ich bestimmt etwas mitbringen,“ kündigte er den Kindern an. „Ich weiß sogar schon etwas. Wollt ihr auch hübsch artig sein?“ Unwillkürlich blickte er sich um. Wie hell und lebendig hier alles war! Es wurde ihm ordentlich schwer, sich in seine dunkle, nach Norden gelegene Studier und Rumpelkammer zurückzudenken,und es schien ihm nicht mehr würdig, so einsam nur für sich zu hausen. Der Mensch war doch kein Maulwurf! Märchen nickte ernsthaft.y.*,4 []„Du, kannst du nicht mal Fritzen verkloppen?“schlug er dann vor. „Der ist so frech zu uns, seit wir keinen Vater mehr haben. Wenn ich erst größer bin,werde ich ihn selber vornehmen, aber dann nich zu knapp. Er ist nämlich schon acht Jahre.“

„Na, bei den Ohren nehmen will ich ihn sicher,“versprach Peter. „Wie heißt er denn sonst noch?“Er erfuhr es und nahm darauf seinen Abzug. Ilse reichte er an der Tür die Hand; sie hatte einen festen,auffallend klaren Druck. Die Haut war warm und trocken; sie fühlte sich seidig an und war mit so einer freundlich knisternden Elektrizität geladen, von der man wackere und unternehmende Empfindungen wie kleine herzliche Schläge oder Stöße empfing. Ilse sagte noch etwas vom Wetter, und er fügte seine eigene Erfahrung darüber hinzu. Er machte ihr wieder einen sehr bedeutenden und weltmännischen Eindruck. Als er ging,bemerkte sie, daß er ein bißchen vornüberhing; geradezu geschmackvoll, ja, eine Zierde erschien ihr das an ihm, da es auf Wissen und Geistesarbeit deutete. Obwohl er nicht übermäßig viel älter war als sie, sah sie ihn doch mit einer Regung von Scheu und Ehrfurcht die ersten Stufen hinabsteigen. Gelehrsamkeit und Dichtung waren ihr die höchsten Dinge, mit denen sich ein Mensch befassen konnte. Daß es von Peter Schormann in so natürtlicher und einfacher Weise geschah, das nahm sie geradezu für ihn ein.

Wieder allein „wie zurückgelassen“ in ihre Wohnung tretend, war es ihr, als wäre soeben ein guter,mächtiger Geist gegangen. Seufzend und leise ent

71 []täuscht blickte sie sich um. Da bemerkte sie die Blätter auf dem Tisch, und ihr betrübter Blick leuchtete wieder etwas auf. Achtungsvoll und mit einer geheimen Regung von Zärtlichkeit näherte sie sich ihnen. Zuerst las sie bloß den Titel. Das ganze Werk hieß „Die göttliche Kaiserpfalz“. Dann blätterte sie die einzelnen Gedichte durch. „Pansmusik“, las sie da, „Nächtliche Körpermelancholie“, „Inbrunst““, „Der Dichter am Neujahr“. Mit diesem Gedicht begann sie zu lesen.Unsterbliche Wortgebilde stiegen ihr entgegen. „Das alte Jahr, schwerreich war's an Entbehrung und also überreich an Selbstentehrung.“ „Die Lampenfunken schwelen auf wie Lunten, der Regenhimmel stürzt sich hohl nach unten.“ Sofort vom Menschenschickfal wie von Fäusten erfaßt las sie weiter, von der Tiefe zur Höhe fortgeführt, von der Höhe zu neuen Tiefen abstürzend. Bald glühte ihr der Kopf, pochte ihr das Herz und sah und hörte sie, in Peter Schormann versunken, nichts mehr als den ebenso stolzen als zärtlich trotzigen Gang seiner Strophen, das Hohelied seiner edlen Männlichkeit.

Schormann fand jedoch heute sein Bureau nicht so kahl und hoffnungslos wie sonst. Eine milde Verklärtheit umgab ihn diesen ganzen Tag, und ihm war,als ob ein ernster Engel alle seine Schritte begleitete.Selbst als er mit seinem Prinzipal, einem kleinen, brutalen, tyrannischen Kerl von zeternder Gemütsart, zu verhandeln hatte, befiel ihn nicht die stille, ratlose Verzweiflung, mit der er sonst dessen geistige Mißhandlungen erduldete. Seinen Geiz, seinen Größen

24 []wahn, seine zänkische Borniertheit alles begriff er; es war ja keine Kleinigkeit, ein großes Unternehmen durch diese Zeit zu bringen. Und welche joviale Väterlichkeit konnte er entfalten, wenn er bei guter Laune war! Er ließ sich auch nicht dadurch entmutigen, daß der Mann einen längst erwogenen Vorschlag Schormanns auf zeitgemäße Gehaltserhöhung,zu welchem er gerade heute den Schwung fand, mit den Worten kurz abtat: „J wo, ich denke ja gar nicht daran!“ Gefaßt lachend erwiderte Peter: „Sie sollten aber daran denken!“ Die Antwort war ein geärgertes Achselzucken. „Sie mit Ihrem Geist immer!“Für diesmal hatte er die gute Stimmung wieder verdorben. Aber dafür nahte sich ihm der ernste Engel desto tröstender.

Als er am Abend sehr müde und ausgebeutet nach Hause kam, fand er einen Zettel vor, auf dem der Steuereinzieher ihm mitteilte, daß, da er bei einem Besuch nicht angetroffen worden sei, er aufgefordert werde, innerhalb von drei Tagen den angegebenen Steuerbetrag zu entrichten, widrigenfalls zur Vornahme der Pfändung seine Wohnung gewaltsam geöffnet werden müßte. Die Steuerrate betrug etwa so viel, als er durch seinen Anzug im Leihhaus zu lösen hoffte. Es war die gleiche Summe und genau das Geld, wofür er seine Gedichte bei Ilse Krätke auslösen wollte. Zweimal hatte er es nicht in Aussicht, da er nicht zwei Anzüge zum Versetzen besaß. Wenn der Beamte aber pfändete, so griff er nicht nach einer alten Hose und einem getragenen Rock; an den Wänden

73 []hingen für ihn viel lockendere Objekte. Es war keines darunter, mit dem nicht Peters ganzes Herz und Gemüt verwachsen gewesen wäre. Die Bilder und Sachen gehörten im strengsten Sinn zu seinem Leben, ja, sie bildeten sogar einen Teil desselben, und er vermochte sich nicht vorzustellen, wie er auch nur e in Stückchen davon vermissen sollte. Ebensogut hätte man ihm bei seiner ungewöhnlichen Anhänglichkeit und Pietät zumuten können, einen seiner Freunde zu verkaufen oder eine Niere, einen Lungenflügel, das Herz selber herzugeben.

Ein wahrer Haß auf diesen Staat erfüllte ihn.Er pflog den Abend sehr anarchistische Betrachtungen.Die Alternative: die Steuerquittung oder seine abgeschriebenen Gedichte! erfüllte ihn mit einer gelinden Raserei. „Nun bist du doch in die Falle getappt!“dachte er einmal aufgebracht, aber gleich schämte er sich dafür. An allem waren diese gemeinen, niederträchtigen, kapitalistischen Verhältnisse schuld! Er verachtete Schiller für sein Gedicht von der Teilung der Welt mit dem versöhnlichen Schluß, der den zu kurz gekommenen Dichter in den Mitbesitz des Olymps setzt.„Alles Schwindel!“ schalt er gramvoll. „Auch im Olymp sitzt der Kapitalismus!“ Wollte er aber schon den stupiden Geldanspruch dieses Staates anerkennen,indem er hierfür seinen Anzug versetzte wie wurde er dann Ilse Krätke mit seinen Gedichten gerecht?Und mit ihren zwei Kindern? „Na, also eine Kleinigkeit ist das nicht!“ seufzte er, während er vollkommen unberaten zu Bett ging. Es fiel ihm ein, daß Sam

7 []Cumberland einen planvollen Freundespump unter gewissen Umständen für selbstverständlich gehalten hätte;daran war jetzt nicht mehr zu denken. Und einen andern, dem er fünfzig Mark schuldig bleiben konnte,wußte er nicht. „Welche werfen mit Hunderttausenden um sich, kaufen sich Automobile, Villen, Weiber,wälzen sich im Geld wie die Schweine!“ knurrte er leidvoll. „Netter Staat! Und dafür noch Steuern!Laß doch die Steuern zahlen, die etwas von dieser Ordnung‘ haben!“ Beinahe weinend vor Grimm schlief er endlich ein. Er träumte die ganze Nacht, daß ihm seine Bilder weggenommen würden, schlug sich mit Gerichtsvollziehern, Schiebern, Kapitalisten, Verlegern und Schutzleuten herum, und am andern Morgen fühlte er sich krank.

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Sechstes Kapitel.

At Ilse Krätke hatte nun einen Kunden. Sie arbeitete mit großem Eifer und einer stolzen Gewissenhaftigkeit, die ihren Wert in ihren eigenen Augen hob.Sie kam sich bedeutsamer, wichtiger und besser vor.Wenn sie ihre Kinder bemerkte, so sagte eine Stimme zu ihr: „Erhalterin deiner Unmündigen!“ Zugleich erinnerte sie sich daran, daß Herr Schormann ihnen etwas mitbringen wollte. Wenn sie schrieb: „Wie messe ich, ohne zu messen, den Flug der Tauben, so hoch und tief er blitzt?“ so begriff sie, daß es eine richtige Frage war, des Nachdenkens wert, und sie dachte mit Schormann nach. Es beglückte sie, daß es solche Fragen gab und daß es gerade Schormann war,der sie aufwarf; sie hielt dies für ein fragloses Verdienst, und sie zweifelte nicht daran, daß es viele,wenn nicht alle Menschen anerkennen würden. Mit wahrer Bewegung schrieb sie diese Strophe nieder:„Zuletzt steigen Nebel- und Wolkenzinnen in mir auf wie die göttliche Kaiserpfalz. Ich ahne, die Ewigkeit will beginnen mit einem Duft von Salz.“ Beim ersten Lesen hatten die Worte sie getroffen wie eine überirdische Erscheinung. Sie fühlte, daß dies sehr hochsinnig und überaus vornehm gedacht war, aber das

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schien ihr nicht alles. Da rauschte und geisterte eine

schien ihr nicht alles. Da rauschte und geisterte eine solche unerwartete Schönheit und Pracht der Ausdrucksweise, daß sie nur mit scheuer Verehrung an den stillen, leise gebeugten Menschen denken konnte, der solcher Gebilde wie seliger hoher Geister Herr war. Sie schrieb sich sogar die Strophe noch einmal besonders ab, um sie auch später lesen zu können, obwohl sie hierzu gesetzlich nicht berechtigt war. Und im Hintergrund trauerte bereits ein stilles Gefühl, daß sie längst nicht mehr für ihn in Betracht kommen werde,wenn diese Gebilde in der Welt ihren Weg machten.

Immerhin wollte sie sich bemühen, die hohe Kundschaft auch für spätere Bedarfsfälle zu behalten,und sie ließ sich keinen Fehler durchgehen. Hatte sie auch nur einen Buchstaben verschrieben, und war es auf der letzten Zeile, und hätte sie den Fehler leicht mit dem Radiergummi beseitigen können, so spannte sie unerbittlich ein neues Blatt ein und begann von vorn; das Radieren hätte eine leichte Spur zurückgelassen, und das beleidigte ihr Schönheitsbedürfnis,ja es verletzte ihren Stolz, der von ihr sozusagen eine kongeniale Leistung verlangte. Da sie noch von andern Strophen besondere Abschriften machte, so ist es wahr,daß sie die ganze Sammlung ungefähr zweimal abschrieb. Trotzdem war sie vor der in Aussicht genommenen Zeit fertig, und damit fing sie an, auf Schormann zu warten.menschlichen Beziehungen. Der verabredete Tag von Peters Wiederkommen verging, ohne daß er sich ge

77 []zeigt hätte. Ilse hatte die Kinder hübsch angezogen.Sie selber war besonders gut und modern frisiert; zu ihren bescheiden durchbrochenen schwarzen Florstrümpfen trug sie niedere Sammetschühchen mit Spangen über dem Rist. An den Fingern trug sie alles, was sie von Ringen besaß; es waren ihr Trauring, der ihres verstorbenen Mannes und dazu zwei goldene Reifchen mit je einem roten und einem grünen Stein; den einen hatte ihr Krätke in der Brautzeit und den andern nach Mäxchens Geburt geschenkt. So und so oft hatte sie die abgeschriebenen Blätter noch einmal nachgesehen.Die Strophen waren voneinander abgesetzt, die Anfänge um drei Buchstaben zunückgezogen, und nirgends hing unten eine halbe Strophe, trotzdem waren auch keine leeren Stellen geblieben, und der Titel stand mit dem Namen schön symmetrisch auf dem ersten Blatt.Es war eine tadellose typographische Leistung. Aber Schormann kam nicht, um sich daran zu freuen. Er erschien auch nicht am Tag darauf, der ein Donnerstag war, und es muß gesagt werden, daß er überhaupt diese Woche von sich weder etwas sehen noch hören ließ.

Die Kinder warteten nun schon ungeduldig und fragten endlos, warum er nicht komme, und wo er denn bleibe? Ilse selber wurde still und ernst. Sie fuhr so oft mit der Hand über die erste Seite seiner Handschrift, auf der mit eigenwilligen und zugleich sanft geschwungenen Buchstaben stand „Die göttliche Kaiserpfalz“, daß sie in der Abenddämmerung wie eine Wolke zu leuchten begann, aber besser wäre es gewesen, Schormann hätte sich endlich selber eingefunden.

78 []Erstens bestand die Gefahr, daß diese einsame Frau ihre Liebe entdeckte, während sie bloß ihren heimgegangenen Gatten zu lieben glaubte, und was sollte dann werden? Eine unaussprechliche und ganz nutzlose Verwirrung drohte ihr, aus welcher ihr nach menschlichem Ermessen doch gerade deren Erreger am wenigsten heraus helfen konnte, obwohl er außer seinem Fernbleiben auch sonst genug dazu beigetragen hatte.Seit seiner Strophe „Du, hingst du mir am Hals vor einer Stunde noch? Noch glüht mein Mund,mein Nacken spürt dein süßes Joch!“, regten sich unter dem Tagesbewußtsein bei ihr Gefühle und Sehnsüchte,die zur Einrichtung eines gutgehenden Maschinenschreibbureaus vollkommen entbehrlich waren. Soviel hiervon.Dazu traten andere Fragen nicht weniger ernster Natur. Als sie von Peter kam, überzeugt, einen erfolglosen Gang gemacht zu haben, war es ihr richtig erschienen, noch einmal zu inserieren. Sie hatte in mehreren Zeitungen nun je dreifach einrücken lassen, was wieder ein großes Stück Geld kostete. Da sie hörte,daß das Papier teurer werde, hatte sie sich noch einige tausend Blatt auf Lager gelegt. Man hatte ihr auch geraten, sich auf Vorrat mit Farbbändern zu versorgen, und bei ihrer Unerfahrenheit wäre es ihr gewissenlos vorgekommen, einen solchen Fingerzeig nicht zu befolgen, zumal von ihren Entschließungen in dieser schweren Zeit das Schicksal ihrer Kinder abhing. Indessen hatte sie nun so viel „Kapital in ihrem Geschäft investiert“, daß sie mit ihrem Geld voraussichtlich noch

78 []diesen Monat reichte, die nächste Vierteljahrsmiete entrichten konnte, dann aber unwiderruflich auf dem Trockenen saß. Das Honorar für die Abschrift spielte also in ihrem nächsten Monatsbudget eine große Rolle.Um nicht untätig zu bleiben, verfaßte sie eine Geschäftsempfehlung, auf die Peters dichterischer Schwung und ihr heimlich liebender nicht ohne Einfluß geblieben war;sie aber glaubte, sie ganz im Sinn ihres Verewigten im hohen Kanzleistil, von welchem sie ihn manchmal hatte sprechen hören, verfaßt zu haben, und hielt es für möglich, daß er sich in seinem Himmel über sie freuen würde, wenn er erführe, wie würdig sie sich seiner zeigte. Die Empfehlung fertigte sie etwa in zweihundert Exemplaren aus, welche sie kuvertierte und mit Adressen versah; diese entnahm sie ihrem Notizbüchelchen, worin sie alle Firmen, die ihr in Betracht zu kommen schienen und deren Schilder ihr in den Straßen auffielen, notiert hatte. Es ist richtig, daß sie hier nicht mit ganz klaren Begriffen arbeitete, aber sie dachte, wenigstens könne eine solche Anzeige nichts schaden. Auch kostete diese Reklame bloß zehn Mark Porto; das Papier hatte sie ja ohnehin. War nun dem neuen Schritt eine bessere Wirkung beschieden als den vorhergehenden Versuchen, so schien es jedenfalls keine, die sich sofort äußerte; bis zum Ersten wartete sie vergebens auf eine Anfrage oder Aufforderung,die sich darauf bezog.

Am Sechzehnten hatte ihr Schormann die Arbeit gebracht. Um den Zweiundzwanzigsten herum wollte er sie abholen. Am Ersten bezahlte sie ihre Viertel

30 []jahrsmiete und behielt noch vier Mark und sechzig Pfennige übrig. Als sie von der letzteren Verrichtung in die Wohnung zurückkam und die Häupter ihrer Kinder betrachtete, die so rückhaltlos auf sie vertrauten,ging sie ins Schlafzimmer, um sich ihre Einsamkeit vom Herzen zu weinen. Darauf kam sie mit sich ins reine, daß etwas weiteres geschehen müsse. Vielleicht war Schormann krank geworden, und dann war ihre Lage sehr ernst. Daß der Monatserste in seinem Leben ebenfalls eine große Rolle spielte, bildete sie sich bei dem hohen Begriff, den sie sich von seiner Bedeutung machte, immer noch nicht ein. Sie dachte nichts anderes, als daß ein Mann mit so edlen Gedanken und einer solchen wunderbaren Dichtkunst in der Welt eine nicht nur geachtete, sondern auch einträgliche Stellung einnehmen müsse. Würde man ihr versichert haben,daß es für Schormann aussichtsreicher gewesen wäre,einen Grünkramladen aufzumachen, so hätte ihr dafür jedes Verständnis gefehlt. Fühlte sie sich aber wirklich durch diese Befürchtung beunruhigt, daß er krank sein könnte, so war doch nach dem Gedicht von dem brennenden Mund und dem süßen Joch zu hoffen, daß er jemand hatte, der für ihn sorgte. Diese Annahme beruhigte sie so unausgesetzt, daß sie vor lauter Erleichterung zeitweise an gar nichts anderes zu denken vermochte, und sie war darüber so froh, daß sie manchmal nicht wußte, wo sie bleiben sollte vor Ungewißheit und innerer Benötigung. Vielleicht war er glücklich verheiratet, oder im Gegenteil wer wußte es? fehlte es ihm an liebender Pflege und an einer weiblichen

Schaffner, Kinber des Schidfals.

31 []VeSo blind machte sie nämlich alle Verehrung nicht,daß ihr an seinem Bild nicht nachträglich eine gewisse Verwahrlosung auffiel. Möglicherweise war Ilse sehr dumm, und sicher war sie ungebildet, aber sie war eine Frau; ihr Seliger wenigstens hatte sich überall sehen lassen können, und selbst im Sarg, das sagten alle,machte er den Eindruck eines sorgfältig gehaltenen Mannes, über den ein scharfes und liebendes Auge wacht. Diesen Eindruck machte, offen gesagt, Peter Schormann nicht.

Nun, Ilse konnte sich davon Gedanken bilden,so viele sie wollte, aber etwa hinzugehen und Untersuchungen darüber anzustellen, wie es mit Schormanns Lebenshaltung beschaffen sei, stand ihr keinesfalls zu.Viel wichtiger und näher liegend war es, daß sie sich über die Fortführung ihrer eigenen Angelegenheit eine Anschauung schuf. Sie war nämlich dahinter gekommen, daß sie alles mögliche angefangen hatte, um ihr Geschäft bekannt zu machen, aber das einfachste hatte sie übersehen. Neben die Haustüre gehörte ein sichtbares Emailschild, das auf weißem Grund die Inschrift enthielt: „Maschinenschreibbureau von Ilse Krätke. Vervielfältigungen, Diktate, Abschriften!“ Sie begriff nicht, wieso sie das übersehen hatte, und machte sich Vorwürfe deshalb, da sie es ihren Kindern schuldig war, nichts zu übersehen. Nun fiel es ihr endlich ein,wo sie bloß noch vier Mark und sechzig Pfennige besaß.Doch erschien es ihr eine solche Hauptsache, eine solche unmittelbare Tür zum Erfolg, eine solche nicht zu über

82 []arbeiten zu lassen, daß fie auch jetzt wenigstens einen Versuch machen mußte, um der Anforderung nachträglich gerecht zu werden. Denn wenn sie dadurch zum Beispiel sofort einen Auftrag bekam, wie viel besser war sie daran, als wenn sie vor Angst das Geld in der Tasche behielt? Doch als sie fragte, was solch ein Schild ungefähr kostete, erfuhr sie, daß der Betrag ihr derzeitiges Vermögen überstieg. Ganz niedergeschlagen ging sie nach Hause. Nachdem sie wieder ein bißchen heimlich geweint hatte, fiel es ihr ein, einmal ganz grundsätzlich alle Schubladen, Winkel, Kästen und Behälter ihrer Wohnung nach verkramtem Geld zu durchsuchen; schon einmal war sie doch schon auf einen Kassenschein gestoßen, von dessen Vorhandensein an dem betreffenden Ort sie gar nichts geahnt hatte;selbst ihr so genauer Mann war mit Geld manchmal ein bißchen „schußlich“ gewesen, so daß man sich am Ende eines Monats stets etwas reicher fand, als man gedacht hatte. Seither ging es ihr, Gott sei es geklagt,genau umgekehrt.

Im Verlauf einer genauen Untersuchung fand sie in den Schubladen nichts, aber im Sonntagsanzug ihres Mannes wie ein Geschenk aus dem seligen Jenseits einen Zwanzigmarkschein. Lange streichelte sie den Anzug mit feuchten Augen. „Du bist immer noch mein bester Freund!“ flüsterte sie, während ihre Lippen wieder verräterisch zuckten. Doch war sie zu gerührt,um zu weinen, und zu stolz darauf, daß sie dem Rat des Pastors, die ganze Garderobe ihres Mannes zu

8 r []verkaufen, widerstanden hatte. Darauf ging sie schnurstracks nach dem Geschäft und bestellte ein Schild, wie sie es sich dachte. Einige Tage später leuchtete es weiß mit schräger Schrift neben der Haustür. Es sah gleich sehr nützlich aus. Der Portier hatte es ihr angebracht; von ihm war sie auch darauf aufmerksam gemacht worden, daß sie dazu erst die Erlaubnis des Hausbesitzers brauchte. Infolge davon erfüllte sie nun ein Bewußtsein von hoher Berechtigung, das ihr den Erfolg zu garantieren schien. Jetzt war sie eine richtige Firma. Sie erklärte ihren Kindern alles, und auch sie waren stolz darauf. Mäxchen erbot sich sofort,darauf aufzupassen, daß Fritze nichts dagegen unternahm; freilich hielt er es für nachteilig, daß Herr Schormann ihn noch nicht verdroschen habe. Indessen hatte er, Max, ihm die Aussicht davon gemacht; schon dies schien einen gewissen Eindruck hinterlassen zu haben. Emma war bereit, die Leute, die nach Mutti fragten, heraufzuführen; während der nächsten Zeit hielt sie sich in der Umgebung der Haustür auf.

Für die laufende Woche sah Ilse noch keine unmittelbare Gefahr, da das Geld für Brot und Gemüse ausreichte. Die Milch bezahlte sie wöchentlich.Von Sonntag an eröffnete sie unauffällig eine kleine Schuldenwirtschaft. Schormann mußte ja nun jeden Tag kommen und Geld' bringen. Meistens hatte sie „ihr Portemonnaie vergessen“. Oder sie sagte: „Ach,ich habe nicht genug bei mir; ich zahle morgen!“ In der zweiten Wochenhälfte schickte sie die Kinder einkaufen mit der Verheißung: „Mutti zahlt dann zu

4 []sammen; sie hat so viel zu tun!“ Der Tag konnte aber nicht ausbleiben, an dem sie zum erstenmal mit leeren Händen und verwunderten Augen zurückkamen. „Mutti,sollst erst Geld schicken. Drei Mark sechzig!“ Der Fall wiederholte sich, die Gesichter der Kinder wurden bedenklicher, und jedesmal war eine Tür zugeschnappt.Man brachte der stillen Witwe alle Sympathie entgegen. Keiner traute ihr etwas Schlechtes zu, aber niemand mochte auch gern Geld verlieren, ohne daß er darum gefragt wurde. Als sie am Sonntag ihre neue Milchrechnung nicht bezahlte, versiegte auch diese Quelle.Man hatte nun noch ein halbes Brot im Haus.Zwei Fragen erheben sich hier. Erstens, warum schrieb sie nicht wenigstens an Schormann, um ihr Geld zu bekommen? Die Darlegung ihrer Not hätte ihn doch sicher dazu gebracht, lieber ein kleines Bild zu verkaufen, als in diesem belastenden Sinn ihr Schuldner zu bleiben. Nun, hier' liegt der Fall klar. Sie war durch Verehrung und geheime Liebe an einem solchen Schritt gehindert, und solange sie selber noch etwas tun konnte, wollte sie nicht ihn und sich beschämen. Aber warum begann sie nicht jetzt damit, die Garderobe ihres Mannes zu verkaufen? Hier ist die Wahrheit schwieriger zu finden. Nach ihrer eigenen Meinung waren es die Zärtlichkeit, die sie immer noch für die Sachen empfand, und das frische liebevolle Andenken an den Verewigten, die ihr hier im Wege standen. Es ist sodann natürlich, daß der Gedanke daran, wie gut die Sachen Peter Schormann stehen würden, das Geschäft auch nicht förderte. Der Gedanke war ihr in

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9*[]einer Nacht gekommen, in der sie keinen Schlaf finden konnte. Er war an sich auch vollkommen richtig;die Sachen hätten Schormann gut gestanden, da er ungefähr den Wuchs des Verewigten hatte. Gerade gegenwärtig zwar begannen alte Kleider außerordentlich im Preis zu steigen. Richtige Kesseljagden wurden in den Zeitungen danach angestellt, und kein Mann konnte über die Straße gehen, ohne daraufhin angesprochen zu werden. Aber davon ahnte Ilse nichts.Wie unter einer zauberhaften astronomischen Konstellation ging sie traurig und bereits leise hungernd in ihrer Wohnung umher, links das untergehende Gestirn ihres toten Gatten, rechts den aufgehenden Stern Peter Schormanns.

Aber allmählich sah sie doch ein, daß sie einem zweiten Gang nach der Leibnizstraße nicht länger ausweichen durfte. Sie setzte nun keineswegs ihre Verehrung und Liebe beiseite, denn das vermochte sie nicht,im Gegenteil, sie beschloß, lediglich nachzusehen, wie es Schormann gehe und ob sie vielleicht etwas für ihn tun könne. Es ist leider wahrscheinlich, daß bloß des Geldes wegen sie weitaus den Gang zum Trödler vorgezogen hätte, aber aus Sorge um ihn und aus Hilfsbedürfnis unternahm sie den Weg beinahe schwungvoll.Nur das Herz klopfte ihr ängstlich, wenn sie an die Sache mit dem brennenden Mund und dem süßen Joch dachte. Um diesem Fall gegenüber eine Stellung zu haben, nahm sie die Abschrift mit.

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Siebentes Kapitel.

Ser mann fühlte sich nicht gut. Ihm war zumute wie einem Menschen, der von einer unbekannten Mixtur genascht hat und nun nicht weiß, wie es ihm gehen wird. Manchmal war ihm wind und weh, aber dazwischen bekam er so schwermütig leichtsinnige Anwandlungen, als ob er ein Vogel wäre und sich auf Flügeln davon heben wollte, um sich voll Selbstmordbegier in den brennenden Abendhimmel zu stürzen.Früher, als es ihm bloß schlecht ging, hatte er ab und zu an Gott gedacht und übersinnliche Spekulationen nicht völlig von der Hand gewiesen. Seitdem es ihm ganz miserabel ging, dichtete er „Alles ist an ein Jenseits nur Glaube!“ und wandte sich mit einem gewissen kummervollen Interesse den Unvollkommenheiten des Diesseits zu. Seitdem er den Erlös für den versetzten Anzug, den er in der Phantasie schon doppelt ausgegeben hatte, dem Staat überlassen mußte, ging er mit einem neuen kommunistischen Manifest schwanger, gegen welches das Marxische ein Lerchengezwitscher war.

Da seine Schwester noch krank war und einen wiederholten Zuschuß brauchte, war auch der Zeitpunkt herangekommen, der ihn mit seiner geliebten Erde, auf 87 []die er so viel hielt, durch die Fußsohlen wieder in unmittelbare Berührung brachte. Das konnte die Empfindungen, die er für dieselbe hegte, nur steigernd beeinflussen, und da gesteigerte Empfindungen die Voraussetzung für gute Gedichte sind, so hatten die Damen und Herren der kommenden Generation, die für die seinigen in Betracht kamen, viele Aussicht auf angenehme Erschütterungen. Zum Glück kam nun eine Trockenwetterperiode, so daß er sich auf der Straße nur ab und zu einen Nagel oder einen Glassplitter in die nackte Sohle trat, aber von nassen Füßen und daher rührenden Erkältungen konnte keine Rede sein. Ebenso war die Ferse durch den Absatz noch auf lange hinaus geschützt, und wenn er die daran herum hängenden kederfetzen hier und da mit dem Taschenmesser abgeschnitten hätte, würde er noch einen ganz ordentlichen Anblick geboten haben. Allein ihm fehlte die Aufmerksamkeit dafür, und da auch nachgerade seine Hose unten herum auszufransen begann, so war es wirklich schwer, in ihm den bedeutenden Zeitgenossen zu erkennen,der er tatsächlich war. Um diesen Umstand auszuweisen, besaß er ja nicht einmal mehr seine Gedichte;sie befanden sich im Besitze einer zwar liebenswerten,aber ganz unliterarischen Bürgersfrau, und zum UÜberfluß wimmelten zwei kleine Kinder darum herum,denen er vollends kein Verständnis für die Wichtigkeit und Unersetzlichkeit der Blätter zumuten konnte. Manchmal war er sehr verzagt, und nur das Vertrauen auf den ausgesprochenen Anstand, den die ganze Wohnung dort ausstrahlte, richtete ihm stets von neuem die

2 []Hoffnung auf, sein Werk in unverstümmeltem Zustand wiederzusehen.

Inzwischen hatte auch er die Vierteljahrsmiete zu entrichten; er mußte zu diesem Zweck sein Konto im Geschäft mit einem Vorschuß belasten. Die bis zum letzten Tag erwartete Gehaltserhöhung war nicht zur Tatsache geworden; statt dessen hatte er den neuen Monat sogar mit einer wesentlichen Unterbilanz zu beginnen. In der gesteigerten Notlage griff er auf einige Novellen zurück, die er geschrieben hatte, um sie zum achten oder zum zehnten Mal auf die Reise zu Redaktionen zu schicken. Aber abgesehen davon, daß es ihm nicht gegeben war, sich in Prosa gemeinverständlich auszudrücken, dauerte die Prüfung dort wenigstens vierzehn Tage meistens sechs Wochen und die Zeit, wenen eine von den Arbeiten angenommen werden sollte, bis zur Drucklegung und Honorierung im günstigen Fall doppelt so lange. Peter Schormann hatte die Erfahrung gemacht, daß es für ihn keine „günstigen Fälle“ gab, was aber wollte er dann eigentlich mit diesem ebenso tollkühnen wie starrköpfigen Unternehmen? Zumal er selber sich davon überzeugt hatte,daß er keine Novellen schreiben konnte! „Argerst die Redakteure und nimmst sie gegen dich ein!“ sah er voraus. „Das wird alles sein!“ Aber mit Galgenhumor dachte er, daß man immerhin nicht wissen könne, ob nicht doch einmal ein Dummer darauf hereinfalle!

Denn dies blieb das nächste Ziel: die Arbeit bei Ilse Krätke verhältnismäßig bald auszulösen und so

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9 []rechtzeitig beim Verlag einzureichen, daß sie noch zu Weihnachten erscheinen konnte. Vielleicht ist jemand so hochzeitlich animiert zu glauben, daß er dann aus aller Not gewesen wäre! Das Erscheinen seiner Gedichte im Buchhandel brachte ihm zunächst bloß Rezensionen ein. Es kam alles darauf an, wieviel Exemplare seiner „Göttlichen Kaiserpfalz“ verkauft wurden.Für das Stück fielen ihm bei einem Preis von vier Mark im broschierten Zustand fünfzehn Prozent, also sechzig Pfennige zu. Brachten es todesmutige Sortimenter zustande, im Laufe des kommenden Jahres hundert Exemplare zu verkaufen, so verdiente er sechzig Mark, die ihm nach der herbstlichen Verrechnung im kommenden Oktober „ausgefolgt“ wurden, falls er seinen Vorschuß bis dahin wieder abgetragen hatte.Auf einen größeren Absatz als hundert Exemplare konnte er aber erfahrungsgemäß nicht rechnen. Er genügte,um die bestehende Nachfrage zu befriedigen, den Glauben seiner Gemeinde an ihn und an seine nationale Mission neu zu stärken und die Abschreibekosten zu decken. Offen blieb dabei immer die Frage, wie er wieder seines Anzuges habhaft werden sollte.

Es ist in Verbindung mit ihm das Wort „Halsstarrigkeit“ gefallen. Bürgerlich betrachtet, war er ein phantastischer und halsstarriger Charakter, dem man schwer helfen konnte. Warum zum Beispiel ging er nicht in eine Munitionsfabrik, wenn er doch in seiner standesgemäßen Fron nichts verdiente? Er hätte dort sogar Anregung zu sozialen Gedichten bekommen und hätte die Schwerarbeiter studieren können. Wie viele

0 []Leute taten jetzt etwas ganz anderes, als was ihnen die Parzen an der Wiege voraus gesagt hatten! Da waren doch Typen, an die Gott nicht das feinste Material verwendet hatte, die gestern noch dem Blick der Gesellschaft und des Staatsanwalts in den Niederungen der Menschheit verborgen gewesen waren und die heute mit Sachen en gros handelten, welche es vor wenigen Jahren nicht einmal gegeben hatte. Zum Beispiel war da diese beste nationale Imitation von Ja Lederersatz.Warum imitierte Schormann nicht auch etwas Nationales? Warum stellte er keinen vaterländischen Ersatz her? Zumal die Imitation auch in der deutschen Literatur ein stets lebhaft gesuchter Artikel war, ja, man muß zu seinem Vorwurf sagen, daß. DichtungErsatz zu allen Zeiten ein größeres Geschäft erzielt hat als die Dichtung selber. Zu seiner Entschuldigung könnte man dann anführen, daß keiner seiner Freunde ihn darauf aufmerksam machte, welcher Daseinserleichterung er sich durch diese wahrhaft unpraktische Enthaltsamkeit entzog. Sogar Sam Cumberland empfand eine zwar an ihm sympathische, aber durchaus nutzlose Hochachtung vor Peters geistigen Kundgebungen, die stets nach dem Echten strebten und den Erfahrungen der Lebensmittelchemie und der Unterhaltungsliteratur geradezu ins Gesicht schlugen. Dagegen war Sam über andere Dinge mit ihm uneinig.

„Also, Mensch,“ sagte er zu ihm, „du bist ein Cello ohne Bauch. Da gibt's auch sphärische Töne. Sphärische Töne sind etwas Schönes. Weiß sie zu schätzen.Aber die sinnliche Resonnanz ist auch nicht zu ver

31 []achten. Was meinst du, warum wir Sänger alle so gute Fresser sind? Weil ohne Resonnanz kein Ton ist!Wirst noch bei den Dadaisten landen mit deinen hochfliegenden Gesichtspunkten. Dort gehen die Gespenster am hellen Mittag um. Bista Mirakuli okuli Pokuli hokuspokatzki, und Hundski geht leer aus. Noch ein paar Tage so weiter, und du machst den erfreulichen Eindruck eines Menschen, der sich zum Sterben hingelegt hat. Warum den Kritikern und sonstigen Philistern dies Vergnügen bereiten? Besser, du stopfst deinen Balg wieder ordentlich aus, gehst hin und zeugst zwanzig junge Schormännchen, daß deine Feinde den Mut endgültig verlieren und deine Sache für ewig triumphiert. Warum kriechst du denn nicht zum Arzt,wenn du dich doch krank fühlst?“

Dies Gespräch fand statt in Schormanns Schlafzimmer. Peter hatte sich zu Bett gelegt, weil er sich so marode und abgetrieben fühlte, daß ihm geradezu der Mut zum Weiterleben fehlte. Außerdem schonte er dadurch seine Schuhe und Kleider. Das Dichten hatte er in den letzten Tagen ganz aufgegeben; er dachte jetzt nur an eine philosophischpoetische Abhandlung, in welcher der Tod als das beste Teil des Lebens erschien, und worin gewisse nihilistische Gedankengänge pessimistisch,ungläubig und dunkel wie Efeu das Grab der Welt umranken sollten. In der gleichen Zeit war er auch dem Geschäft fern geblieben. Den Arzt mied er aus wenigstens drei Gründen. Erstens scheute er die Geldausgabe. Zweitens war ihm am Leben nichts mehr gelegen. Drittens fürchtete er, daß der Arzt eine wirk

*4.[]liche Krankheit bei ihm entdecken könnte. Das Herz tat ihm etwas weh; wie es Lungenraucher gibt, so war er ein Herzdenker, und beides ist ungesund.

Ferner ist ungesund die einseitige Beanspruchung eines Organs durch dieselbe Leistung wie zum Beispiel des Herzens durch dauerndes Radfahren; es müßte dazwischen auch einmal Holz gesägt werden. In der gleichen Weise schädigte Schormann das seine, indem er ständig an Ilse Krätke dachte; es wäre gut gewesen,gelegentlich an seinen Prinzipal, an den Präsidenten Wilson oder auch an andere Feinde zu denken. So war es für Sam nicht schwierig, hier auf dem Stuhl neben dem Bett zu sitzen und zu fragen: „Warum kriechst du nicht zum Arzt?“ Aber außerordentlich verwickelt war es, in Peters augenblicklichen Umständen überhaupt Fragen zu beantworten, denn es gab nichts, was für 00 die unabsehbarsten Widersprüche verstrickt hätte. Tatsächlich, bloß der Tod schien ihm ein Zustand zu sein,der noch eine einigermaßen eindeutige Vergnüglichkeit versprach.

Mancher wird sich jetzt wundern, daß diese Bekanntschaft einer mittleren Frau aus dem Volke ohne gesellschaftliche Stellung einen so mächtigen Eindruck auf den Geistesheros hervorbrachte, aber manchmal genügt die zarte Klaue eines Vögelchens, sagt man, eine zum Sturz vorbereitete Lawine ins Gleiten zu bringen.Mit andern Worten: er war nun einmal ein seelisch und körperlich unterernährtes Kriegssubjekt, in unfreiwilliger Abstinenz und Askese blutarm geworden, durch 33 []zu große Selbstachtung daran verhindert, sich mit Liebesersatz und Erlebnisimitation durchzuschwindeln, und bis zum letzten Atemzug fanatisch seiner hohen geistigen Mission hingegeben, welche er bei seiner geradezu verstimmenden Bescheidenheit mit Daseinsglück bezahlte,dies alles, ohne seiner Sehnsucht wehren zu können.

„Laß mich schon mit diesen Scharlatanen zufrieden!“beantwortete er daher Sams Einladung zum Arzt.„Und überhaupt, so krank bin ich nicht, daß du dich schon darauf gefaßt machen könntest, meine Bilder zu verauktionieren. Ich muß vielleicht ein paar Tage ausspannen. Das Quartalsverzeichnis hat mich diesmal ganz kaput gemacht.“

„Der Quartalssuff wäre gesünder!“ beharrte Sam sehr erfahren. „Und noch gesünder wäre kaput geliebt. Weißt du, warum? Weil deine verplemperten Kräfte dann bei einem andern aufgehoben wären, wo du sie in anderer Form wieder beziehen könntest. Wie stehst du nun mit der schweigsamen Ilse ?“

„Weißt viel von ihrer Schweigsamkeit,“ spottete Peter. „Wie stehst du mit dem Küster, der bei deiner Taufe geläutet hat? Sie hat mir meine Gedichte abgeschrieben. Das ist nun alles.“

„Woso alles? Man denke sich doch was dabei.Mithin ist der Weg für mich offen? Mußt dir nicht einbilden, daß ich sie schon vergessen hätte. Na?“

„Singe Arien.“

Sam schwieg einen Moment, während er den Freund durch leicht gekniffene Augenlider betrachtete. Er hatte

34 []sich dieses Mienenspiel in der letzten Zeit angewöhnt,weil er es für sehr gerissen und abgebrüht hielt. Peter sah mit einer Falte zwischen den Brauen nach den,Gardinen genannten, Zumpeln an seinem Fenster. „Ilse würde die nicht mehr alt werden lassen,“ dachte er unwillkürlich; dazu wunderte er sich, daß sie ihm überhaupt auffielen, aber neben ihrer graziösen und saubern Gestalt mußte einem so ausdauernden Betrachter mit der Zeit noch vieles andere auffallen. Unwillkürlich seufzte er, weil sich das Herz wieder bemerklich machte.

„Dich versteh ich nicht!“ versetzte endlich Sam.„Du hältst übrigens auch hinterm Berg. Na, jeder nach seiner Art! Solltest aber unser Verhältnis nicht so grob unterschätzen. Bei dir bin ich, weißt du, noch so in der Anständigkeit verankert. Vor der Haustür der Schweigerin hab ich schon patrouilliert sage es offen. Hat vor ein paar Tagen ein Schild anbringen lassen; ich hätte also ein Recht, hineinzugehen und mich zu erkundigen. Ging aber vorbei. Hab mich noch nicht mal mit ihren Kindern befreundet.Peterchen, es ist manches unanständig, was man nicht dafür ansieht. Gebet dem Leben, was des Lebens ist.Diese einsame Witwe hab Nachrichten eingezogen hängt in der Luft. Wirst du ihr die Hand zum Erfolg bieten? Was braucht der Mensch zum Leben?Darüber denke mal nach. Wer Zähne hat, der pfeift auf vieles.“

Mit beinahe traurigem und ernst grübelndem Gesichtsausdruck, den Hut im Genick, verstummte er.Er wußte nicht einmal sicher, ob Peter ihm zugehört a5 []hatte. „Die mit ihren hohen Gedanken was erwarten sie sich von uns!“ dachte er ein bißchen bitter.

Schormann betrachtete immer noch seine Gardine;zweifellos hatte sie elf Löcher; vielleicht waren es sogar mehr. Eine Weile spielte Sam noch mit dem Stöckchen auf dem Boden. Dann, unter einem raschen Entschluß und etwas ungeduldig geworden, erhob er sich, um zu gehen; plötzlich war es ihm, er könnte den Anschluß an das pulsende Leben draußen verlieren, und es wurde ihm Angst vor dem Geist, der hier, auch wenn alles schwieg, sein übersinnliches und leise zehrendes Wesen trieb. Eben wechselte er das Stöckchen in die linke Hand, um sich von dem Kranken zu verabschieden, als es klingelte. Beim geringsten Geräusch hätte man es überhört, so schüchtern und flüchtig schlug die Glocke an. Sam blickte auf Schormann, der aufhorchte.„Es wird die Post sein vermutete er, plötzlich unruhig. „Sieh doch mal nach. Mehr als Drucksachen kriegt man zwar auch so nicht!“ setzte er ärgerlich hinzu. „Man existiert, und kein Mensch nimmt Notiz davon.“Der Krieg hatte ihn vereinsamt; es war mit ein Grund, warum er ihn mit allen Generälen und strategischen Genies haßte. Von seinen Pariser Freunden war er abgeschnitten er hatte ein Jahr von einem Preis in Frankreich gelebt und dann noch eines von nichts und die deutschen staken im Schützengraben.

Sam ging pfeifend aus der Stube, um zu öffnen.Als er statt des Briefträgers Ilses schlanke Gestalt

96 []draußen fand, wunderte er sich nicht einmal sehr;beinahe hatte er es erwartet. Als ob er sie schon seit Jahren kennte, sagte er: „Aha, Frau Krätke.Bitte, treten Sie ein!“ Mit gleichmütigem Gesichtsausdruck nur ein blauer Blitz aus seinen Augen verriet, was in ihm vorging trat er von der Tür zurück und nötigte sie in die Wohnung.

Ilse machte zunächst nur große Augen. Irgend etwas sehr Geistesgegenwärtiges ist von ihr nicht zu vermelden. Sie war gefaßt gewesen auf die Gestalt Peter Schormanns wenn es sein mußte, mit dem brennenden Mund oder auf eine Figur, die nach einem süßen Joch aussah. Das Erscheinen dieses langen eleganten Lulatsch mit dem Hut im Genick und der Zigarette zwischen den Lippen verblüffte sie so, daß sie erst noch einmal auf das Schild draußen sah, ob sie sich auch nicht geirrt habe. Da sie ein unverbrauchtes Gedächtnis besaß, erkannte sie in ihm sofort den „Ausländer“ von damals, der ihr so unverschämt unter den Hut gesehen hatte. Im weitern ging ihr ein Licht auf, daß der Schlingel wohl irgendwie zu Schormann gehören mußte.

„Ja, ja, all right! Sie sind ganz richtig!“ lachte jener zum Überfluß. „Peter Schormann, der große Dichter. Hier wohnt er. Ich glaube, er erwartete Sie.Darf ich bitten ?“

Nach einem letzten, fragenden Blick auf sein Gesicht trat sie ein. Wie konnte Schormann sie erwarten?Hatten sie ausgemacht, daß sie ihm die Arbeit bringen solle? Hatte er es ihr vielleicht geschrieben, und war

Schaffer, Kinder des Schicksals.

7 []der Brief verloren gegangen? Sie war geradezu betroffen.

„Herr Schormann ist doch nicht krank?“stotterte sie plötzlich heraus. Sie blieb stehen und wandte ihm noch einmal ihre dunklen Augen zu, die jetzt ungemein viel Tiefe hatten.

Sam erinnerte sich anständig daran, daß er hier nicht das erste Recht habe, und anstatt sie kurzerhand in den Arm zu nehmen, wie er Lust verspürte, antwortete er entsagungsvoll lachend: „Na, so schlimm wird's nicht sein. Er liegt zwar im Bett und will von nichts sehen und hören. Aber ich werde Sie melden,und ihm wird gleich anders werden.“

Sehr dankbar war sie der Dunkelheit im Vorplatz,weil sie ihm ihr Erröten vielleicht verbarg.

„Er ist wohl erkältet?“ fragte sie, um noch etwas zu sagen.

„Vielleicht ist er auch erhitzt,“ meinte Sam vrakelhaft, indem er ihr die Tür zur Stube öffnete. „Wird wohl so ein Wechselfieber sein. Na, setzen Sie sich,“hieß er sie ein bißchen mißlaunig, denn im vollen Tageslicht war sie noch viel hübscher, als er sie in der Erinnerung hatte, auch reizender, als sie ihm dort bei einem Gang über die Straße zwischen ihren Kindern erschienen war. Sogar ihre Formen schienen ihm jugendlicher und straffer, und in ihrem Wesen war so etwas Frisches und trotz ihrer Kinder mädchenhaft Unangebrauchtes, das ihm beinahe ein zwingendes Bedürfnis verursachte, darin einen Umschwung herbeizuführen. „Ich werde Herrn Schormann benachrich

38 []tigen,“ maulte er und ging zur Tür des Schlafzimmers,die er um einen Spalt öffnete. „Du kannst jetzt aufstehen,“ sprach er hinein, „Frau Krätke ist da. Ich werde sie solange unterhalten.“ Er schloß wieder und kehrte zu Ilse zurück.

Ilse wunderte sich zuerst über den plötzlich umgeschlagenen Ton bei Sam. Indessen schlug er gleich wieder um, denn sobald er in ihrer Nähe war, fing er an zu poussieren. Er setzte sich auf die Sofalehne, ließ eines seiner langen Beine pendeln und begann das Gespräch mit ihren hübschen Kindern, für die er ihr Komplimente machte. Darüber besorgte sie sich ein bißchen.

„Wohnen Sie denn in meiner Nähe?“ fragte sie ungewiß, wobei sie aussah, als ob sie das wirklich nicht gern sehen würde. Er lachte.

„Nein, ich wohne in Schöneberg,“ beruhigte er.„Im bayrischen Viertel, genannt Schieberschweiz. Aber Sie haben mir einen so energischen Eindruck gemacht,daß ich schon zweimal zu Ihnen heraus gefahren bin.Einmal sah ich, wie das Schild an Ihrer Haustür angebracht wurde. Sie standen alle darum herum und freuten sich.“ J

Ilse senkte den Kopf und errötete langsam. „Ja,wir freuten uns,“ sagte sie leise.

„Haben Sie schon viel zu tun?“ erkundigte er sich,aber da er gar kein Verlangen danach empfand, sie stark beschäftigt zu wissen, so tönte die Frage ein bißchen scheinheilig. Sogar ihr fiel sein falscher Ton auf.Wieder wandte sie ihm fragend die Augen zu.

30 []„Es geht an,“ sagte sie. „Augenblicklich sind viele Leute in den Ferien.“

Er hielt es für richtig, ein kurzes, vielwissendes Lächeln über sein Gesicht huschen zu lassen, während er wieder herausfordernd mit dem Bein schlenkerte. „Ja,von mir sind auch viel Leute in den Ferien, die ich nicht kenne,“ erwiderte er. „Zum Beispiel der Intendant der königlichen Oper, der mich nicht anstellen will, ist in Scheweningen. Ich bin nämlich Opernsänger. Habe eine ganze Masse Engagements aus der Provinz, aber mit meiner Stimme geht man nicht in die Provinz.Wenn wir uns näher kennen, werde ich Ihnen mas was vorsingen; sowas haben Sie noch nie gehört.Waren Sie schon in einer Oper?“

„Ja, im deutschen Opernhaus. Mein Mann hat da manchmal Billette bekommen.“

„Aha. Na, bleiben Sie mal in Verbindung mit Sam, dann können Sie sie von mir bekommen. Ich werde im nächsten Winter zuverlässig dort singen. Sam,das bin nämlich ich. Schormann wird Ihnen doch noch nicht von mir erzählt haben.“

„Doch, Sie heißen sogar eigentlich Mar,“ platzte sie heraus. „Mein Altester heißt auch so; dabei kam das zur Sprache,“ erklärte sie, als sie an seinem Aufhorchen seine Empfindlichkeit erkannte.

„Und Nuschke heiße ich auch noch eigentlich,“ setzte er zornig lachend hinzu. „Mein Vater ist Hausbesitzer in Amerika, verstehen Sie. Das heißt auf Deutsch Millionär. Man muß nämlich alles wissen. Schormann ist ein armer Schlucker, der von seinem Geist

92*

F

R []lebt. Haben Sie von seinen Gedichten etwas verstanden ?“

Sie dachte an die göttliche Kaiserpfalz und an die Ewigkeit, die mit einem Geruch von Salz beginnen will, und für Peter eintretend versetzte sie: „Ja, die Gedichte sind sehr schön. Und man kann sie ganz gut verstehen, wenn man will.“ Dann senkte sie den Kopf D Augen nicht wohl. Auch verdroß es sie ein wenig, denn was hatte er sie anzublitzen? Sie war hier, um Schormann zu sehen.

„Na, die Gedichte verstehe ich ja auch,“ gab Sam zu. „Natürlich. Da müßte man ein Kaffer sein.Aber ihn selber? Pah! Also es kostet mich ein paar Worte, und Sie können mit zwei Gehilfinnen arbeiten.Mir können Sie ja nichts weismachen, Frau Krätke; ich kenne mich aus in Ihrer Kiste, können Sie mir glauben.Das ist wohl freundschaftlich von ihm gehandelt? Hat er selber vielleicht die Mittel, Ihnen auf den grünen Zweig zu verhelfen?“

Sie verdüsterte sich ein wenig. Unwillkürlich gingen ihre Blicke nach der Tür zum Schlafzimmer. Aber sie war verschlossen, und indem sie die Augen wieder ihrem Bedränger zuwandte, erwiderte sie leise, doch voll natürlicher Wärme:

„Herr Schormann wird mich schon empfehlen, wenn er meine Arbeit gesehen hat. Sie sagen ja selber, daß jetzt alles auf dem Lande ist.“

Er rutschte von der Sofalehne herab und näherte sich ihr.31 []„Also auch Sie verzichten auf meine Mithilfe ?“fragte er ebenfalls leiser mit einem fernen Grollen in der Stimme. „Schweigen Sie nicht immer. Reden Sie mit mir!“ Dazu bohrte er ihr seine Augen ins Gesicht wie frisch geputzte Gewehrläufe, wenn in der pazifistischen Wohnstätte der militaristische Vergleich erlaubt ist, so daß Ilse ganz geblendet war von so viel männlicher Gewalt und amerikanischer Gefährlichkeit.Doch sie entgegnete ruhig als ein Mensch, der außer seinen Lieferanten niemand etwas schuldig war:

„Mir kann Arbeit bringen, wer will. Darum hängt ja mein Schild an der Tür.“

„Da haben Sie wohl Abschrift?“ vermutete er mit einer Kinnbewegung nach dem Paket. Die eine Hand hatte er in der Hosentasche, und die andere spielte mit dem Stöckchen.

„Ja.“„Etwa die Gedichte?“ Er verzog spöttisch den Mund, während sie schwieg. „Sieh mal an! Ich denke, das ist längst all right! Also eine glänzende Geschäftsverbindung!“ Sie blickte voll sorgenvollen Trotzes an ihm vorbei. „Wollen Sie mir mal zeigen,was Sie gemacht haben?“

Ilse öffnete langsam das Paket. Nach der Frechheit, mit der Sam über Schormann sprach, mußte es diesem ziemlich schlecht gehen, und zum erstenmal ahnte sie, daß er vielleicht sogar wirtschaftlich übel dran war.Dunkel zog ihr durch den Sinn, was sie schon über arme Dichter gelesen und gehört hatte. Zwar unter armen Dichtern hatte sie immer solche verstanden, die

37 []nichts konnten und besser taten, Schaufenster zu reinigen. Ohne etwas dagegen tun zu können, fingen ihr die Tränen an übers Gesicht zu laufen. Eine davon fiel auf das Titelblatt, dadurch wurde Sam aufmerksam; bisher hatte er nur ihre weißen schlanken Finger betrachtet und gewünscht, daß sie sich mit Dingen befassen möchten, die ihm näher lagen als diese Gedichte.

„Na, nu sehen Sie mal,“ stellte er ihr in gut zuredendem Ton vor. „Wozu mir also Theater vorspielen? Ich habe ihm gesagt: Mensch, hier setzt es nämlich Verantwortungen!“ Wie Sie hier gewesen waren, wollte er Ihnen die Arbeit nicht geben. Er brauchte eine, die er um den Lohn behumsen konnte.Noch so 'ne Frage: Warum ist er dann doch zu Ihnen gegangen? Nun kann er Ihnen richtig Ihre Arbeit nicht bezahlen. Was denken Sie, was für ein Mann er sein könnte, wenn er seine Bilder losschlagen wollte?Fünfzigtausend Mark habe ich ihm schon geboten. Das Zeug steigt ja täglich im Wert. Verkooft nich. Dicknäsig auch noch!“

„Er soll auch nicht verkaufen, wenn sein Herz daran hängt,“ sagte Ilso so verloren vor sich hin zu Sams großem Erstaunen. Er brauchte sogar etwas Zeit, um sich davon zu erholen.

„Das ist glänzend: Soll auch nicht verkaufenl Ausgezeichnet!“ spottete er dann leidend. „Inzwischen verhungern Sie mit ihren Kindern. Logik der alten Welt. In Amerika, wenn es einem schlecht geht, so verkloppt er, was er nicht zum Leben braucht, und 103 []haust in einer Dachstube, bis er sich wieder herausgemausert hat. Frau Krätke, Bilder kann man immer kaufen, wenn man das Geld dazu hat.“

„Ja, das ist keine Kunst,“ versetzte sie wie vorhin.„Und verkauft ist immer bald.“

„An Unterernährung zugrunde gehen dauert allerdings etwas länger. Wenn die Deutschen den Krieg verlieren, ist der Plunder kein Diner bei Borchardt mehr wert.“

„Dann gibt es Revolution, und allen armen Leuten geht es besser.“

Wenn sie ihn gewinnen, wird es ihnen nicht besser gehen ?“

Darauf blieb sie ihm die Antwort schuldig.

9 „Na, so ungefähr spricht Schormann auch. Aber ich sage Ihnen: es wird allen schlecht gehen. Und wenn sie so fort machen, werden sie ihn verlieren.“

„Sie werden ihn gewinnen!“ warf Ilse ein.

„Mir auch recht. Ich bin ein Amerikaner! Wir sind Geschäftsleute; wir werden den Ausverkauf hier machen. Also ich habe ihm gesagt, daß ich mit ihm bei Ihnen konkurriere. Auch Sie find eine Geschäftsfrau. Herr Schormann kann nicht vor Ablauf eines Monats zahlen. Seine Schwester ist krank. Er mußte Steuern blechen. Und so weiter. Also ich werde an seine Stelle treten. Sie werden mir erlauben, Sie zu besuchen. Ich werde Ihnen Aufträge verschaffen. Ich könnte ja einfach bei Ihnen eindringen. Sind Sie eiwa in der Lage, viel Widerstand zu leisten? Aber ein Amerikaner hat Sinn für die Freiheit.“ Er hatte seine Brief

.04 []tasche herausgenommen und einige Geldscheine auf das Titelblatt gelegt. „Das wird ungefähr stimmen. Sie haben es ehrlich verdient; das ist sehr schön geschrieben.“

Ilse erhob sich. Sie war etwas blaß, aber ganz ruhig.„Ich muß jetzt gehen,“ sagte sie, ohne einen Blick auf das Geld zu werfen. „Es tut mir leid, daß ich Herrn Schormann nicht sprechen kann. Ich dachte,vielleicht könnte ich etwas helfen ?“ Seufzend und voll trüber Gedanken wandte sie sich zum Gehen.

Sam pfiff leise durch die Zähne. „Also lieber der Hungertod ?“ knurrte er erbost. Dann dachte er wieder an das abgekürzte Verfahren. Doch inzwischen regte es sich hinter der Tür zum Schlafzimmer. Im nächsten Moment ging die Klinke nieder; die Tür öffnete sich, und über die Schwelle trat vollständig angezogen das Leidensbild, das Peter Schormann gegenwärtig vorstellte.Aber doch nur sein Körper war hinfällig. Denn während seine Wangen tief eingefallen an den Zähnen lagen und scharfe Falten von seiner Nase zum Mund herunterliefen, die von ausgestandenem Leid sprachen, traf sein Blick mit einem stillen entschlossenen Licht die freund liche Gestalt, an die er schon so viele vergrämte Gedanken und Betrachtungen gewendet hatte. Ilse war von seinem Aussehen so ergriffen, daß sie ihm unwillkürlich ein paar Schritte entgegen trat. Das Licht in seinen schönen Augen nahm an Innigkeit zu, aber gleichzeitig erschien in seinem Gesicht eine Strenge, die sich gegen ihn selber wandte, so ein Zug von hoch herziger Gewissenhaftigkeit, der auf die Anwesenden 05 []wirkte wie ein Mirakel, das in der profanen Welt der Krieger und Schieber erschien.

„Ich wollte Ihnen Ihre Gedichte Sind Sie denn sehr krank?“ stotterte Ilse, während sie ihm ohne ihr Wissen die Hand entgegenstreckte. Die schüchterne und zarte Bewegung, mit welcher sie es tat, war seiner Haltung ganz gleichwertig, und von seiner eigenen Freude über die ihre, ihn wieder zu sehen, erschüttert,kam er ihr schnell zuvor.

„Nein, nein!“ beruhigte er lachend und bemüht,seiner Stimme einen festen Ton zu geben. „Eine Erkältung oder so was. Es ist schon vorbei.“ Tatsächlich war es ihm augenblicklich so wohl ums Herz, wie er es seit vierzehyn Tagen nicht mehr erlebt hatte. Ganz

‚dankbar sah er sie an. „Sie wollten wohl mal selber sehen kommen, weil ich nichts mehr von mir hören ließ?“ vermutete er darauf verlegen lächelnd und mit einem traurigen Glanz um die Augen, wie ihn Menschen haben, die an Armut und Mühseligkeit gewöhnt sind. „Mein Freund hat Ihnen wohl alles gesagt. Ja, so ist das hier. Ich möchte Sie bitten, das Geld zu nehmen. Ich werde Sam dafür einen kleinen Kunstgegenstand geben. Er hielt mir neulich vor: Was braucht der Mensch zum Leben? und ich finde, daß er recht hat. Sie können es ruhig nehmen; ich werde ihm nichts schuldig werden.“ Er ging selber hin und nahm die Scheine auf, um sie ihr persönlich zu überreichen. „Ich hörte schon, daß Sie so schön geschrieben hätten,“ sagte er freundlich. „Ich danke Ihnen dafür und freue mich darauf. Wenn es Ihnen Vergnügen 196 []macht, so werde ich Ihnen ein Exemplar des fertigen Buches schicken, damit Sie ein Andenken daran haben.“

Dies alles schien ihr nun wieder so richtig und in allem Zartgefühl selbstverständlich, daß sie ihn von neuem tief bewunderte. Sie konnte bloß dazu nicken,weil aus dem ersten Wort ein Tränenausbruch geworden wäre, denn schließlich: bedeutete das alles nicht einen Abschied nach kurzem Kennenlernen? Er hatte eine kranke Schwester, die er sicher sehr liebte. Zudem stand er, auch in seiner Armut, turmhoch über ihr. Es war ja schon eine große Güte, daß er sie anerkannte und liebreich zu ihr sprach. Da er es selber sagte, fand sie es übrigens nicht mehr unmöglich, daß er so ein kleines Bildchen ihretwegen weggab. Ihre Augen glänzten wieder sehr dunkel, da sie nun voll Schwermut waren. Gern hätte sie ihm eine seiner schönen Hände geküßt, doch sie wagte es nicht.

„Aber das ist zu viel,“ wandte sie mit Mühe ein;geschäftlich konnte sie sich zur Not noch äußern. „Ich habe bloß die Hälfte zu bekommen.“

„Es ist viel zu wenig!“ versetzte er schnell mit einem Ton, als ob er sagte: „Ich liebe dich, aber sieh doch !“ Sie verstand ganz genau. „Außerdem habe ich Ihren lieben Kinderchen etwas versprochen.Warten Sie mal!“ Er ging an sein Bücherregal und nahm zwei Bilderbücher herunter, die ihm einmal zum Rezensieren zugeschickt worden waren; es waren die bekannten Blumen und Insektenmärchen eines Münchner Malers. „Das wird ihnen gefallen!“ sagte er,sich selber freuend, während er sie ihr überreichte.107 []„Und dann ach ja, noch was. Hier, die Märchen von Grimm haben Sie sie schon? Nein? Ach, wie schön. Nehmen Sie sie; das sind die schönsten Märchen,die es gibt. Davon lesen Sie Ihren Kinderchen vor,wenn Sie Zeit haben. Und küssen Sie sie von mir.Ich bin ja nun leider krank geworden !“

Beschenkt und ohne ausdrückliche Worte um Verzeihung gebeten, taumelte Ilse wie in einem schönen traurigen Traum aus dem Zimmer. Den Ausländer hatte sie völlig vergessen. Dasselbe ist nicht von Peter zu sagen, doch er hob ihn sich für nachher auf. Als aber Ilse draußen am Kleiderständer Schormanns Wintermantel hängen sah, überkam sie doch noch das Weinen, denn der hatte ja längst nicht mehr hier zu sein; er sollte eingekampfert im Schrank hängen. Mit einer verwaisten Bewegung blieb sie stehen und wandte ihm das Gesicht zu. „Versorgen Sie auch Ihren Winterüberzieher, sonst kommen die Motten darein!“sagte sie in tiefer Traurigkeit zu ihm. Er sah sie hart ergriffen und seiner selber kaum mehr mächtig an.Darauf ergab es sich völlig traumhaft, daß er das liebe Wesen in den Arm nahm. Auf einen Moment lag sie an seiner Brust, und die ganze Welt mit ihren Systemen und Rätseln floß ihnen zusammen zum geisterhaften Kristall eines Kusses.

Ebenso traumhaft, als Sam sich pfeifend drin regte,wichen sie auseinander. Das heißt, Ilse wich. Schormann lehnte eine Weile überwältigt und halb ohnmächtig unter dem ungeheuren Aufstand aller seiner Gefüble an der Wand. Das war noch etwas anderes

038 []als ein Gedicht gemacht, aber es war doch nur darum so viel, weil es ihm, diesem König unentdeckter Reiche, geschehen war. Will man ihn einen Schwächling nennen, so wäre mancher Frau ein solcher Schwächling zu gönnen anstatt ihres Kaffernhäuptlings, der ihr Bett bewohnt wie ein großes Insebkt. Nicht ˖ er war so hinfällig, sondern seine Empfindungen waren so neu und göttlich gewaltig, daß selbst er, der Gefühlsriese, darunter erzitterte. „Fahr wohl, du liebe Seele, Naturgeist!“ dachte er innerlich schluchzend und lächelnd.

Derselbe Mann ungeküßt und geküßt das können zwei ganz verschiedene Leute sein. Als Peter wieder seine Stube betrat, sah er zwar still und innerlich sehr beschäftigt aus, aber dieser stille und beschäftigte Mann hatte ein anderes Maß. Sam bemerkte es sofort. Er hatte wieder auf der Sofalehne Platz genommen, schlenkerte wie vorhin mit dem Bein und schlug den Voden mit seinem Stöckchen. Peter ging einige Male in der Stube auf und ab, und Sam kam es endlich sogar vor, als hätte er ihn überhaupt vergessen.

„Na, und?“ fragte er schließlich dreist, als ihm die Vorbereitungen zu lange währten. „Welches Bild soll ich also haben ?“

Schormann blieb stehen. Er schien sich zu erinnern.Wie aus einer hellen Ferne kam sein immer etwas dämmeriger Blick zurück. Einer seiner Pariser Freunde hatte von ihm gesagt, seine Augen feien wie fliegende dunkle Tauben, die Sonne auf den ausgespannten Flügeln trügen.5 []„Ach so, ein Bild willst du von mir?“ verstand er. „Wohl für die Banknoten?“ Er betrachtete ihn lange und mit aufmerksamem Interesse. „Ich hätte doch nicht gedacht, daß du wirklich ein so netter, unverzagter Schieber in allen Lebenslagen bist!“ bemerkte er ruhig voll ernster Nachsicht zu ihm. „Hast in meiner Wohnung beinahe unter meinen Augen einen Angriff auf die junge Frau gemacht. Mag ich dich geistig gering geachtet haben, wie du mich immer warnst;ich weiß es nicht. Jedenfalls hast du mich als Mann gering geachtet. Sieh mal, du Unternehmer, ich denke ja gar nicht daran, dir ein Bild zu geben. Wie komme ich denn dazu. Die Geldscheine werde ich dir zurückgeben wenn ich sie habe. Kannst mich noch fragen, falls du daran etwas nicht ganz verstehst. Aber sonst ist mein Entschluß gefaßt.“

Sam stellte sich auf die Füße. Er war nicht größer und nicht kleiner als vorher, allein er begriff,daß ihm der Handel fehlgeschlagen war. Er zuckte die breiten Schultern, die der Schneider durch reichliche Wattierung noch künstlich verbreitert hatte. Da sein Rock im Gegensatz dazu scharf auf Taille gearbeitet und in der Hüfte durch einen Gürtel zusammengehalten war, so machte er trotz seiner ansehnlichen Figur einen jungenhaften, naseweisen und recht schlacksigen Eindruck. Peter sah zwar verwahrlost,aber durch Schwermut reif und durch die Atmosphäre von Ernst und hoher Verständigkeit, die ihn umgab,vergrößert aus. Es gibt Menschen mit und Menschen ohne Atmosphäre. Doch dumm war auch Sam nicht.

119 []Er zuckte also die hohen Achseln und wandte sich zum Gehen.

„Danke. Brauche keine Erklärungen. Mache mir meinen Vers alleene,“ warf er schnoddrig hin. „Einen Standpunkt nimmst du ein ! Na, du bist eben ein Intellektueller. Kannst dir was dichten. Dabei zieht der andere den kürzeren. Außerdem hast du mir ja ein Vergehen nachzuweisen. Trotzdem wie ein Triumphator siehst, du nicht aus. Mensch, ich müßte mich sehr irren, wenn du meine Sympathie nicht weiterhin brauchen könntest! Genieße dein Überlegenheitsgefühl. Und geh zu den Dadaisten, kann ich dir raten. Das sind noch ganz andere Schieber als ich.Kriegst einen Mäzen. Sei so verrückt, wie du willst wirst immer einen Interessenten finden. Aber einen Kerl zu treffen, der deine hohe Vernunft kapitalisiert mein Junge, da sehe ich allerdings nach wie vor sehr schwarz!“

Den Stockgriff im Genick, ging er langsam aus dem Zimmer. Draußen brannte er sich noch eine Zigarette an. Auf der Straße kaufte er drei rote Nelken, die er ins Knopfloch steckte. So hatte er hinlängliche Vorbereitungen getroffen, um unter neuen Unternehmungen den heutigen Ausfall zu begleichen oder wenigstens zu vergessen. Aber seine andern Freunde fanden ihn in der nächsten Zeit nicht richtig untergebracht.

Peter dagegen verfaßte am gleichen Abend einen Brief an Ilse Krätke, worin er sie noch einmal um Verzeihung bat. Darauf machte er ihr und sich alle

111 []äußern und innern Gründe klar, aus denen er nicht wert sei, ein Glück, wie es ein holdes, junges Wesen an seiner Seite wäre, zu genießen. „Ich weiß dabei nicht, was schlimmer ist: meine Mißgestalt oder meine dichterische Begabung, die mich zum Leben ungeschickt macht. Was mein Körperliches angeht, so bin ich nicht gesund und nicht krank, nicht stark und nicht schwach,nicht energisch und nicht gleichgültig eben so ein graues Einerlei, in welchem jede Poesie des Lebens ertrinken wird. Ich werde mich über das Leben einer andern Person ziehen wie ein Spinnweb, und es werden sich nicht einmal Fliegen darin verfangen, wenigstens soweit meine bisherige Erfahrung geht. Hypochondrisch,ein Stubenhocker, dazu nicht treu, wo man mich liebt,im bürgerlichen Sinn ein ganz untüchtiger Mensch ich weiß kaum, wie ich es wage, vor Ihre frischen,lebensgläubigen Augen ein solches trauriges Bild zu bringen.“

Er wagte es auch gar nicht. Als er den Brief geschlossen hatte, steckte er ihn in seine Schublade.Es wäre möglicherweise interessant und aufschlußreich gewesen, darüber nachzudenken, warum er das tat, aber er unterließ auch das. „Man muß vielleicht wirklich nicht alles wissen,“ dachte er scheu.

[112]

Achtes Kapitel.

Rse wartete drei Tage auf diesen Brief, das heißt, sie J fürchtete sich vor ihm. Für freundlicher und aussichtsreicher hielt sie es, wenn kein Brief eintraf. Ein Abschied war ohnehin ein Abschied; wozu brauchte der besiegelt zu werden? Als drei Tage herum waren,fing sie leise an zu leben. Von den Bankscheinen ging die Hälfte für die Bezahlung der Schulden drauf.Der Rest gab eine Woche zu existieren, wenn man's geschickt anfing. Fleisch war nicht nötig, und man bekam ja auch nicht mehr viel. Mit Kartoffeln, etwas Gemüse und den städtischen Rationen an Butter und Margarine nebst drei Pfund Brot auf den Kopf konnte man sich hinlänglich ernährt fühlen; die Kinder erhielten auch noch Milch. Ilse war gar nicht mutlos.Hatte ein so hochstehender Geist wie Schormann es für gut gefunden, sie in den Arm zu nehmen und zu küssen, dann brauchte sie über ihre Umstände nicht zu ängstlich zu denken. Gegen vieles Schlechte war sie nun gefeit, und für das Unvermeidliche besaß sie Kräfte,um es zu ertragen und zu überdauern, bis bessere Zeiten kamen. Sehr gern hätte sie ein Bild von Peter gehabt, um es auf dem Vertiko aufzustellen gegenüber von ihrem seligen Gatten; dann hätte sie zwei g

Schaffner, Kinder des Schicksals.

13 []Schutzgeister gehabt. Aber das Bild war ja nicht das Ausschlaggebende. Vielleicht hätte es dem, was sie im Konfirmandenunterricht gelernt hatte, entsprochen, darüber nachzudenken, wie sie jetzt eigentlich zum Schemen ihres Dahingegangenen stand. Aber auch sie dachte nun, man brauche nicht alles zu wissen.

Nach dem bisherigen Verlauf ihrer Unternehmungen ist es nicht verwunderlich, daß sie nach acht Tagen wieder auf dem alten Fleck stand. Eine Woche lang hatte sie sein Brot gegessen, hatte sie jede Mahlzeit mit ihren Kindern als eine Art von heiligem Abendmahl gefeiert, bei welchem er ungesehen mitten untet ihnen saß, um mit ihnen zu sprechen und sie zu segnen. Bei jeder Berliner Stulle hatte sie zu den Kindern gesagt:„Das ist Herrn Schormanns Brot; eßt es mit Vernunft!“ Oder beim Mittagessen, wenn es Pellkartoffeln mit Kohlrüben gab: „Das schickt euch Herr Schormann; ihr sollt heute abend für ihn beten.“Vor den Augen der Kinder stand er bereits als ein großes Zauberwesen von fabelhafter Güte und Umsicht. Mäxchen hielt es freilich für möglich, daß er auch einmal eine Wurst oder wenigstens ein paar fette Heringe schicken möchte, aber darüber äußerte er sich nicht. An einem gewissen Tag war aber die ganze kurze Herrlichkeit zu Ende. Herr Schormann hatte nichts mehr geschickt, und es bestand auch keine Aussicht, daß er es so bald wieder tun würde. Als die Sache an die Kinder kam, hatte Ilse bereits eine Reihe von Hungertagen hinter sich. Sie machte sich jetzt Vorwürfe darüber, daß sie in den ersten Tagen so drauf

5 []los gegessen hatte, als ob schon weiß Gott was für Aufträge vorlägen; bei größerer Zurückhaltung hätte es für die Kinder wenigstens einen Tag weiter gereicht,vielleicht auch zwei. Aber was half das? Selbstvorwürfe eigneten sich weder in gekochter noch in gebratener Manier zur Ernährung von jungen Lebewesen.

Die Kinder hatten heute die letzte Milch geholt.Sie besaß zwar noch. eine Brotkarte, aber bloß Geld für den dritten Teil des Gewichtes, das sie ihr zusprach; dies ließ sie holen. Aus der Speisekammer und den Schubladen des Küchenschrankes suchte sie zusammen, was sich noch vorfand, etwas Graupen, zwei Maggiwürfel, eine Zwiebel, drei gekochte kalte Kartoffeln; davon machte sie eine Suppe. Da sie von dem Brot hineingeschnitten hatte, wurde die Suppe sogar ziemlich dick, und die Kinder aßen sich „dudelsatt“,wie Märchen signalisierte. Für Ilse fiel wenig ab vielleicht fünf oder sechs Eßlöffel voll und das wenige schmeckte ihr gallebitter, da sie überhungert und halb krank war vor Angst und Unnachgiebigkeit. Sie hatte das Empfinden, keinen Moment ruhig auf ihrem Stuhl sitzen zu können, dabei fühlte sie sich so müde und entkräftet, daß sie gar nicht den Entschluß zum Aufstehen fassen mochte. „Na, und, Mutti,“ mahnte endlich Emma, „werden wir heute denn nich Mittag schlafen?“ Ilse sah das Kind an. Wenig fehlte,und sie hätte laut gefragt: „Wozu schlafen?“ Genau so, wie sie vorher gedacht hatte: „Wozu aufstehen?“Aber dann fiel ihr ein, daß der schlafende Mensch glück

115 []lich und untergebracht ist, und außerdem zeigten ihr diese Gedankengänge, wie weit es schon mit ihr gekommen war. So erhob sie sich und brachte die Kinder zu Bett. Mäxchen bestand darauf, seinen Bären zu haben; ohne den Bären schlief er nie ein. Über dessen Aufenthalt schwieg er sich aus, und Ilse mußte ihn suchen. Sie fand ihn endlich unter dem Kleiderschrank, wohin ihn Mäxchen am Vormittag unter dem Aufwand von viel Mühe und Ausdauer aus Liebhaberei gestampft hatte. Das Doppelte davon benötigte Ilse, um ihn wieder hervorzubringen, denn er war außerordentlich viel dicker, als der Zwischenraum zwischen dem Boden und der untern Schrankleiste betrug.Beinahe blieb sie ohnmächtig auf dem Platz liegen,und sie unterzog sich dieser Qual nur, weil sie schon so schwach und willenlos war; im andern Fall hätte sie die Sache mit Mäxchen kürzer abgemacht. Davon schien auch dieser einen Begriff zu haben, denn als ihm die Mutter mit blicklosen Augen den Bären überreichte, prügelte er ihn sofort durch, weil er sich „weggestochen“ habe. Dann zankte er noch mit Emma,die behauptete, daß er ihn selber weggestochen habe und überhaupt ein dummes Ferkel sei. Fünf Minuten später schliefen sie schon wie Peter Schormanns Bücher im Keller seines Verlegers.

Ilse begab sich still und erschreckt in die Wohnstube zurück, um den Tisch abzuräumen, und dann in die Küche, um abzuwaschen. Da sie ein gesunder,saftvoller Mensch war, konnte ihre Natur den Hunger als nichts Nebensächliches behandeln. Er griff ihren

16 []Bestand an, stellte ihre Funktionen in Frage und umnebelte ihr bisher so klares Bewußtsein, so daß es sich mit Bildern und Vorstellungen erfüllte, die ihr das Gegenteil von dem wünschenswert erscheinen ließen, was sie bisher erstrebt hatte. Ihr bisheriger Wunsch war gewesen zu leben, ihr Dasein zur Geltung zu bringen,ihre Kinder zu schönen und achtenswerten Menschen aufzuziehen und dann alt und ehrenwert im Kreis ihrer Enkel zu sterben. Dies war sogar nicht bloß ihr Wunsch gewesen sondern auch der Wunsch ihrer Eltern und Großeltern und aller ihrer Vorfahren, ein heiliges, unausweichliches Vermächtnis, das mit dem Sinn des Lebens selber zusammenfiel. Jetzt aber umschwebte sie eine vorzeitige Todessucht wie die verführerische Lockung eines dunkeln, verborgenen Feindes, der auf ihre Vernichtung ausging. Durch ganze Zeitspannen vermochte sie an nichts zu denken als an den Gashahn.Diese Mündung des Todes stand ja im Schicksal der gedrückten großstädtischen Klassen von jeher in hohem Ansehen. Das Gaos begleitete mit dem Lysol als barmherzige Schwester das Dasein des Unglücks und der Unglücklichen ungefähr von der Wiege bis zur Bahre.Viele schreckliche Ausbrüche, Revolten, vielleicht Verbrechen sind verhütet worden, weil im Bewußtsein der Bevölkerung dies letzte Auskunftsmittel in Not und Schande von jung auf unter den andern Möglichkeiten eingereiht wird; der Gashahn spielt die Rolle eines populär philosophischen Grundsatzes, der überall dort,wo er zur Anwendung kommt, unwiderleglich ist. Noch eine andere gefährliche Sache kam hinzu. Da Ilse den

117 []Peter Schormann liebte und da sie vermutete, daß auch er in Not lebte und Hunger litt, so liebte sie diese Not und diesen Hunger mit. Zwischen ihrer Körperschwäche und ihrer Liebeskraft erwuchs eine innige,ja leidenschaftliche Verbindung; aus beiden entstand etwas Neues, Übermächtiges, etwas, das sie nicht zu nennen oder auch nur zu begreifen vermochte, das sie aber beherrschte wie ein süßer, tränenvoller und sehnsuchtsschwerer Fanatismus. Auch außerordentlich eigensinnig, ja, hartnäckig und aufsässig war dies neue Gefühl. Sie hätte jeden besinnungslos angegriffen, von dem sie glaubte, daß er sie darin beeinträchtigen wolle.Sie hatte in Peters Arm gelegen und seinen Kuß gefühlt! Was besaß sie noch von diesem Wunder?Eben das, was ihr Kopf damit in Verbindung brachte.

Das waren die deutlichen und festen Vorstellungen,an denen sich die trüben, treibenden Wasser ihrer Hungerphantasien hinauftasteten. Immer öfter sah sie sich ihre Kinder aus den Betten nehmen und in die Küche tragen, hörte das Schloß in der Tür knirschen und dann alle Gashähne singen und rauschen, und manchmal überkam sie eine überwache Gier danach.Während sie das Geschirr abwusch, kämpfte sie mit der Versuchung, das Abwaschwasser zu trinken. Schließlich goß sie es schnell aus, aber dann plagte sie die Reue darüber. Wiederholt mußte sie an den Brotrest denken, der noch da war und von dem die Kinder heute abend eine letzte Suppe bekommen sollten. Immer war die Küche voll von Gestalten und Stimmen.Manchmal vernahm sie Musik und hielt ein, um zu

15*V []zuhören, vergaß sie aber auf der Stelle und beachtete die Ausdrucksweise irgendeines fremden Menschen, der in der Küche sprach, ohne daß sie sich im geringsten darüber wunderte. Ein flüchtiges Erstaunen überkam sie höchstens, als sie einen Teller fallen ließ und, von dem Lärm geweckt, sah, wo sie sich befand. Die Sonne schien draußen. Keine Gashähne sangen. Aber groß und fragend blickte ihr das Morgen entgegen wie das schwarze, stumme Tor einer Grabkapelle. „Aus Nebeln erhebt sich die göttliche Kaiserpfalz!“ hörte sie sprechen.Sie wußte, daß der Vers nicht richtig zitiert war, besaß aber nicht die Kraft, ihn zu verbessern. Plötzlich ließ sie alles liegen und ging nach der Speisekammer,wo das Brot lag. „Das Brot deiner Kinder!“ sagte eine andere Stimme zu ihr. Sie hörte nicht darauf.„Schormanns letztes Brot!“ bemerkte jemand flüsternd;sie hatte es selber geflüstert. Mit fiebernden Händen ergriff sie es. Da kein Messer dabei lag, kehrte sie damit in die Küche zurück, um eins zu suchen. Sie fand es. Wie dick? So? Aber das war schon zu viel; womit sollte sie dann eine Brotsuppe für die Kinder kochen? Vielleicht so? Oder war dies erlaubt?Plötzlich überfiel sie eine so krampfhafte Sucht, zügellos ohne jede Rücksicht einzubeißen, daß ihr schwindlig wurde. Dazu hörte sie ihren Altesten mit sachlicher Stimme feststellen: „Mutti will uns das Brot wegessen!“ UÜber ihr durchbrachen die Worte „Mit einem Duft von Salz!“ wie gütig warnend einen unerklärlichen Lärm, der sie ebenfalls zu verurteilen schien.Im nächsten Moment wurde es ihr rot und dann 4119 []schwarz vor den Augen. Sie sah noch die Küche mit allen Gegenständen darin um sie wanken und zusammenbrechen. Darauf vergingen ihr die Sinne, und sie schlug ohnmächtig zu Boden.

Als sie wieder zu sich kam, schrien draußen im Vorplatz die Kinder. Es war irgendeine Zeit des Nachmittags, vier oder fünf Uhr ihrem Gefühl nach.Natürlich sollten die Kinder längst ihr Vieruhrbrot haben und auf der Straße sein, aber warum schrien sie im Vorplatz und nicht hier in der Küche? Nun, sie waren auch hier gewesen, aber da die Mutter am Boden lag und sich nicht erwecken ließ und obendrein eine blutende Wunde am Kopf hatte, so waren sie von der Angst erfaßt worden und hinausgelaufen. Sie wären in den Hemden zu den Nachbarn gerannt, wenn sie die Tür aufgebracht hätten, aber Ilse legte die Türsicherung vor, seitdem der Vater tot war, und nun saßen sie vor dem Briefschlitz und heulten. Sie richtete sich auf.Der Kopf war ihr wie verwüstet. Die wunde Stelle schmerzte. Im Hals hatte sie ein trockenes Kratzen;umsonst versuchte sie, zu schlucken. Halb erinnerte sie sich, einmal wach geworden zu sein und eine bequemere Körperlage gesucht zu haben; sie wunderte sich, daß es ihr nicht eingefallen war, überhaupt aufzustehen,da dies sich doch nicht gehörte. Jetzt richtete sie sich an den blanken Gasröhren des Herdes in die Höhe, strich sich dann unter einem Seufzer der Enttäuschung darüber, wieder das Leben zu fühlen, das Haar aus der Stirn und setzte sich ratlos in Gang, um zunächst ihre Schreihälse zum Schweigen zu bringen.120 []Indem klingelte es. Ihr erster Gedanke war nach alter Gewohnheit: „Der Briefträger!“ Vielleicht brachte er doch noch den Brief von Schormann. Beinahe hätte sie gesagt: „Mag er schon!“ Konnte er nicht auch etwas Gutes für sie enthalten? Die Kinder zeterten lauter. Sie trat in den Vorplatz. „Nun seid mal seill. Was ist das für ein Geschrei!“ sagte sie und trat vor den Spiegel. Sie hatte schon wieder vergessen,was sie erwartete und wollte nach der schmerzenden Stelle auf ihrer Stirn sehen. Kaum hörten die Kinder ihre Stimme, so fuhren sie herum und wie die Irrwische auf sie los. „Mutti! Mutti! Wir haben uns so gefürchtet!“ Schon hingen sie ihr beide am Kleid.Sie froren und Hunger hatten sie auch wieder. Warum sie nicht geantwortet hatte auf ihr Rufen, wagten sie nicht zu fragen; dafür betrachteten sie ihre Muttter mit großen Augen, in denen noch die ausgestandene Angst um sie lag. Sie schienen ihr noch gar nicht recht zu trauen.

„Es hat doch aber so oft geklingelt!“ mahnte Märchen.

„Ach, ja, ja, richtig!“ sagte Ilse, die ihn während der ganzen Zeit wie geistesabwesend betrachtet hatte,mechanisch. „Geht mal hin und sagt, ich käme gleich.“

Sie rannten zur Tür zurückh und schrien mit vereinter Lungenkraft durch den Schlitz: „Mutti kommt sofort.Einen Augenblick!“ Gleichzeitig ging man dazu über,Sturm zu läuten. Es war ein furchtbarer Lärm, der Ilses Nerven unendlich marterte. Fortwährend zuckten ihr Fetzen von Gedanken durchs Hirn, und eine Unruhe

121 []nach der andern jagte ihr über die Glieder. Auch ihre Empfindungen waren abgerissen, zusammenhanglos und einander gram. Da kam ihr aber der Gedanke, daß vielleicht jemand draußen stehe, der eine Abschrift von ihr wolle, und der brachte wieder ein bißchen Sammlung in ihren Kopf. Jetzt wurde an ihre Tür geklopft. „Frau Krätke! Frau Krätke! So machen Sie doch mal auf!“ Unklar erinnerte sie sich, daß sie schon eine ganze Weile draußen Leute gehört hatte.

„Sofort,“ antwortete sie hastig. „Ich komme schon.“

„Mutti kommt schon!“ schrien die Bälge durch den Briefschlitz.

„Na, denn wartet noch mit dem Schlosser!“ ordnete draußen eine Stimme an. „Sie ist ja drinne und wird selber uffmachen.“

Ilse bemerkte auf dem weißen Kragen, den sie nun zu Hause zur schwarzen Bluse trug, einen Blutstropfen; eigentlich hätte sie schnell wechseln müssen,doch dazu war nun keine Zeit mehr. Als sie endlich öffnete und im Türrahmen erschien, stand sie einer ganzen kleinen Volksversammlung gegenüber.Beide Parteien brauchten einige Zeit, bis sie sich über das klar wurden, was sie sahen und was sie nicht sahen.

„Aber Frau Krätke, wat is denn mit Ihn'n!“riefen darauf etwa sechs Stimmen gleichzeitig. „Warum machen Sie denn nich auf? Un wie sehen Sie aus? Sie bluten ja, Frau Krätke. An Krachen!Nee, links. Nee, rechts. Ihre Kinderchen brillen doch

1990 []schon seit balle zwee Stunden, und da wollten wir mal sehen, ob Sie überhaupt zu Hause sind, und ob Ihnen voch nischt passiert is. Wat war d'nn los,Frau Krätke?“Ilse hatte sich inzwischen davon überzeugt, daß von einer neuen Kundschaft keine Rede sein konnte; da sahen ihr lauter wohlbekannte Gesichter entgegen. Beinahe wäre sie vor Enttäuschung in Tränen ausgebrochen. Außerdem machte sie in ihrem Zustand diese Weiberversammlung so nervös, daß sie am liebsten ausfällig geworden wäre.

„Mir ist nichts,“ brachte sie mühsam hervor;es war, als hätte man ihr jedes Wort für hundert Mark abkaufen oder mit einer Zange aus dem Mund ziehen müssen. „Sie sehen ja!“ versuchte sie zu lächeln.„Und die Kinder schreien öfter. Ich hatte zu tun.“

„Aber det Blut an Krachen!“ wandte eine Nachbarin ein.

„Und warum ham Sie nich wenigstens aufjemacht auf det Klingeln?“ erstaunte sich eine andere. „Wir klingeln und pochen doch schon eene Viertelstunde!“

„So lange war das?“ Ilse sah aus, als ob sie nachdächte. „Ja, ich bin nämlich ausgeglitten,“ gab sie wie um Entschuldigung bittend an. „Und dabei bin ich wohl ein bißchen liegen geblieben. Wollte denn jemand zu mir ?

„Zu Ihn'n? Nee! Oder is sonst jemand dajewesen? Also niemand. Deswegen hätten Sie ruhig weiter schlafen können. Eene Ohnmacht. is det 123 []Schlimmste noch lange nich, Frauchen. Geht's denn nu wieder? Soll Ihnen wer helfen? Jeschieht kostenlos und jerne. Also nee. Man jut, dett Sie wieder auf die Beenekens sin. So hibsche Kinder, wie Sie ham, Frau Krätke. Und so nett jebrillt haben sie;also drei Straßen weit war det zu heeren. Brillen war ja ooch det beste Mittel jejen Erkältung. Wenn wir mehr brillten, det wäre ooch for uns besser. Na,un nu kochen Sie sich eenen scheenen Ersatzkaffee. Ham Se schon uffjesetzt? Denn aber dalli!“

Mit großer Zartheit schoben sie Ilse selbsechst in die Wohnung hinein und zogen die Tür hinter sich zu.Ilse hörte sie davontrampeln und den Fall auf der Treppe noch weiter verhandeln. Na, wird eben wieder wat unterwegs sein!“ vermutete irgend jemand. „Die arme kleene Frau, wo nu der Vater untern Boden liegt.Det is keene einträgliche Erbschaft.“ Die wieder eintretende Stille schmetterte sie vollends nieder. Noch niemals im Leben, auch nicht nach dem Begräbnis ihres Mannes, hatte sie sich so einsam und verlassen gefühlt als jetzt, da der mitfühlende Weibertroß sich verzogen hatte. War dort nicht Teilnahme, Hilfsbereitschaft, Menschlichkeit? Würden nicht ihre Kinder und sie selber zu essen haben, wenn sie diese Wesen als ihre Schicksalsschwestern betrachtete.? Sie brauchte ihnen ja nun nicht sofort nachzulaufen, aber nachher, wenn die Kinder besorgt waren, konnte sie bei einer von ihnen einsprechen.

„Na, und wie jeht det nu immer so, Frau Krätke?“

„Ach, das Leben ist schwer!“

95

7 []Es handelte sich ja für sie lediglich um einen Vorsprung von wenigen Tagen. Morgen gingen die Ferien zu Ende, und dann mußte sie zuverlässig Kundschaft bekommen! Freilich die göttliche Kaiserpfalz seitdem ihr die erschienen. war, hatten sich manche Verhältnisse für sie geändert. Von einem dummen Hochmut wußte sie zwar nichts, aber ihr Körpergefühl wandelte sich; sie kam sich im Vergleich zu früher größer und noch einsamer vor. Nichts verleiht ja auf der Welt dies unveräußerliche Anrecht auf Not und Elend wie eine hohe Idee, mit welcher man Ernst macht.

Während Ilse die Kinder anzog, erklärte sie ihnen,daß es heute keine Vieruhrstulle gebe, zumal es schon halb sechs sei, aber dafür werde man früher zu Abend essen. Irgend etwas werde ferner geschehen und das alles ändern; man könne sogar nicht einmal wissen, ob nicht sie selber einen Gewaltstreich ausführen werde,der sie über Nacht zu reichen Leuten mache. Dann versprach sie den Kindern die göttliche Kaiserpfalz; von der Ewigkeit und dem Salz sagte sie nichts, da es nach ihrer Meinung über ihr Verständnis ging, aber in der Pfalz herrsche als Kaiser Herr Schormann und der werde sie an seine Seite erheben. Mäxchen fragte, ob er Minister werden könne, und sie erklärte, daß sie daran gar nicht zweifle, wenn Mäxchen in der Schule gut lerne. In der göttlichen Kaiserpfalz herrschten Freiheit und Gerechtigkeit, und da werde immer geVX gar nicht selber aufbrauchen könne; man müsse davon 125 []an die armen Leute abgeben, damit sie nur nicht verdürbe. Die Kinder gingen ihr nicht von der Seite.Halb hatten sie wieder Furcht vor ihr, da sie so ungewohnt viel redete. Sie sprach manchmal wie im Fieber. Daneben erfüllte sie doch auch eine freudige Erregung wie vor Weihnachten; sie hatten das Gefühl, daß Außerordentliches in der Luft liege. Um halb Sieben bekamen sie die Abendsuppe; Ilse nahm sich unter der Empfindung, daß ihr noch viel bevorstehe, selber einen kleinen Teller voll. Darauf las sie ihnen noch aus Herrn Schormanns Märchenbuch vor:vom Tischlein deck dich, von den Bremer Stadtmusikanten, vom gescheiten Hans und andern armen Hungerleidern, und vor dem Einschlafen saß sie noch lange auf ihrem Bettrand und schwatzte mit ihnen.

„Mutti, Märxchen wackeln seine Zähne,“ teilte Emma mit. „Warum tun sie das?“„In einem gewissen Alter verlieren die Kinder ihre Zähne, weil die richtigen erst nachwachsen. Die ersten sind doch bloß die Milchzähne. Aber das dauert bei ihm noch.“„Verliert man sonst noch was?“

„Gewiß. Du hast doch auch bloß Milchfinger und Milchzehen. Wenn du in der Schule das ABC gelernt hast, dann fallen dir die Finger ab, und die eigentlichen Finger kommen gewachsen wie die Spitzbuben so leise und schnell. Da sollst du mal sehen. Dann paß nur auf, daß sie nicht wirklich Spitzbuben werden.“

„Wie macht man das Aufpassen?“

2 []„Durch das Drandenken. Wenn einer immer daran denken würde, daß er sehr fromm oder sehr klug werden möchte, dann würde er es auch werden. Aber das kann keiner; das dauert zu lange. Bloß Herr Schormann, der denkt, glaube ich, an nichts anderes. Der ist sehr fromm und sehr klug. Habt ihr schon für Herrn Schormann gebetet ?“

„Wir haben überhaupt noch nich gebetet!“ schrie Emmchen; sie schrie immer alles.

„Na, dann wollen wir beten,“ befahl Ilse, plötzlich wieder sehr unruhig. „Und dann ist Schluß.Ich habe noch zu tun.“

Damit war es neun Uhr geworden. Die Kinder taten noch eine Weile, als ob sie diese Nacht kein Auge schließen würden; plötzlich versanken sie in den Schlaf wie Marmeln in die Hosentasche, und Ilse stand allein und leise fiebernd wieder den Gestalten und Stimmen gegenüber. Scharf nachdenkend wie eine Irre und heimlich delirierend wie eine Kranke ging sie leise durch die Wohnung. Ihre Blicke schweiften suchend von Gegenstand zu Gegenstand. Ihr Gesichtsausdruck bekam nun etwas Gespanntes, Erwartendes; sie war gleich bereit zur Ausführung des einfach Vernünftigsten wie des verworren Phantastischsten, wenn es nur weiter zu helfen versprach.

Mso da hingen in dem Patentschrank die Kleider des Verstorbenen, ganz richtig. Wozu brauchte ihr toter Mann noch Kleider. Gut, daß ihr das einfiel!„Man sollte einmal einen Blick hineinwerfen,“ dachte

127 []sie; aber sie hatte schon keine Ruhe mehr. Sie mußte immer gehen, gehen, von der Küche ins Wohnzimmer,von da ins Schlafzimmer, dann zu ihrer Schreibmaschine, darauf wieder in den Vorplatz. Geheimnisvolle Schauer überrieselten ihre Haut. „Natürlich,“nickte sie, „wenn man das alles verkaufte, so hätte man vielleicht auf ein Vierteljahr zu leben. Mancher ˖ würde da lachen.“ Sie wußte zwar nicht, warum da mancher lachen würde; und dann hatte die Sache ja auch ihre Haken. Aber sie sollte jetzt wohl über Haken nachdenken? „Sogar ausgezeichnet würden sie ihm stehen!“flüsterte sie in die Luft hinein. „Der arme liebe Mensch hat ja nichts Rechtes anzuziehen.“ Aus Neugierde ging sie doch endlich an den Schrank im Schlafzimmer und schloß ihn auf. Da hingen drei, vier, fünf komplette Anzüge nebeneinander, zwei für den Sommer,zwei für den Winter und dazu ein schwarzer Gehrockanzug für feierliche Gelegenheiten. „Es ist ja vollkommen ausgeschlossen, daß ich seine Sachen verkaufe,ohne ihm etwas davon zu sagen!“ Aber ihre Stimme hatte diesmal einen unendlich zärtlichen Klang bei allem tiefen Ernst, den ihre Augen ausdrückten. Darauf erblickte sie ihre eigenen farbigen Kleider. „Da hängen sie und werden unmodern. Wie komme ich dazu? Nun ja, ganz richtig, ich bin eine Witwe, und sogar eine sehr arme.“

Irgendwo fern draußen, „dort, wo es dies Schöne gibt“, winkte geisterhaft die göttliche Kaiserpfalz herein.Sie begann sehnsuchtsvoll zu zittern. „Was braucht der Mensch zum Leben? sprachen ihre Lippen wie im

28 []Traum die Frage des Amerikaners nach. „Sieh mal,das ist eine Sache!“ Sie hing ihr bestes Kleid, das,in welchem sie mit Krätke ins deutsche Opernhaus gegangen war, von der Stange ab und trat damit unter die Lampe, um es von allen Seiten zu betrachten.Darauf legte sie es übers Bett. Voll einsamer Verzweiflung, Sehnsucht, Hunger und geheimnisvoller Laune begann sie sich zu entkleiden. Zuerst wollte sie bloß den Oberroch und die Bluse ablegen, aber dann erinnerte sie sich an ihren feinen weißen Unterrock mit den Spitzen und als sie in der Leibwäsche dastand,hielt sie es für richtig, sich von Kopf bis zu den Füßen überhaupt nun, wie zur Hochzeit einzurichten.Sie suchte ihre besten Sachen heraus, dämpfte das Licht und zog sich schnell von Grund auf um. Den Spiegel in der Schranktür mied sie dabei; vor ihrer schlanken Nacktheit hatte sie eine gewisse Scheu, die ihr auch in der Ehe nicht abhanden gekommen war. Desto sorgfältiger nahm sie ihn nachher in Anspruch, als sie sich frisch frisierte hochmodern und sehr kunstvoll, mit einer laufenden Welle über der Kopfmitte von der Stirn bis zum Wirbel und dann das Kleid überstreifte; dies entsprach zwar nicht mehr streng der Mode, aber sie sah doch noch recht schick und zierlich darin aus. Dazu zog sie die gelben Chevreauxhalbschuhe an und setzte den kleinen blauen Hut auf. Gern hätte sie auch den Sonnenschirm genommen, aber es war Nacht, und daß sie ihn „vielleicht morgen brauchen konnte“, gab ihr kein Recht, sich jetzt so auffällig zu benehmen. Sie lebte, dachte und handelte wie im

Schaffner, Kinder des Schichals

229 []Vraum. Ehrfürchtige und liebenswürdige Vorstellungen von „ihrem Bräutigam“ huschten ihr durch den Kopf; übrigens war dies bald ihr verstorbener Gatte,bald Peter Schormann, und sogar die unternehmende Figur des Ausländers tauchte einmal an ihrer Seite auf, doch verließ sie ihn bald wieder, um Schormann zu suchen. Noch einmal beugte sie sich über ihre zwei Kinder, um sie leise zu küssen. Dabei kam sie flüchtig zu sich und sah, was im Werk war; aber sie befremdete sich nur einen kurzen Augenblick, denn die innere Stimme sagte gleich in überzeugendem Ton zu ihr:„Es ist alles unabänderlich! Heute nacht wirst du dein Schicksal sehen!“ Und dann sagte sie noch: „Morgen wird in keinem Fall Heute sein. Das sollte genügen!“Nun war es schon zehn Uhr. Als sie aus der Wohnung trat, hatte man eben die Treppenbeleuchtung ausgedreht. Auch im Hof war es dunkel. Niemand begegnete ihr, der sie hätte aufhalten können;sie war übrigens auf diesen Fall mit den schrecklichsten und unwahrscheinlichsten Lügen gerüstet. Unbehelligt kam sie auf die Straße. Einen Moment besann sie sich, aber lange konnte sie über die einzuschlagende Richtung nicht im Zweifel sein. Damals war sie den Weg mit der Elektrischen gefahren; da sie keinen Pfennig mehr besaß, mußte sie ihn zu Fuß zurücklegen. Trotzdem war es gar nicht etwa nun ausgerechnet die Leibniz oder sonst irgendeine Straße,nein, das Ziel war ganz bedeutend größer und präch

9 []Sie begann gleich ziemlich rasch zu gehen. Wer sie so in dem leichten blauen Staubmantel, den ihr Krätke geschenkt hatte sie war eine geliebte und auch erfolgreiche Frau gewesen und dem blauen Hütchen dahineilen sah, der kam sich vollkommen gescheit genug vor, wenn er dachte, daß sich da so ein Weibchen irgendwo verplaudert habe und nun nach Hause laufe; vielleicht kam sie auch aus einem Konzert oder aus dem Theater. Keiner bemerkte sie ohne männliches Wohlgefallen, und mancher dachte: „Wenn man zu Hause auf so ein hübsches Fleisch und Blut zu warten hat, das ist besser als im Massengrab.“ Sie schien nun sehr rank und sogar ein bißchen über mittelgroß, und es fehlte ihr nichts von allem, was die Herren gern sehen. Sozial betrachtet war sie zweifellos etwas Besseres, wenn sie auch nicht zu den Reichen gehörte. Übrigens war sie so verträumt und unstet, daß sie immer wieder den Weg vergaß und ganz andere Richtungen einschlug, worauf sie sich verbessern mußte. Aus der Geschäftsgegend kam sie in eine Wohngegend, vom Asphalt auf Pflastersteine und in Alleen und plötzlich geriet sie in ein Baugelände, wo sie Angst bekam und schnell umkehrte, um wieder den hellen Straßen zuzulaufen. Dabei erinnerte sie sich mit wahrer Unruhe daran, wie lange sie schon von ihren verlassenen Kinderchen weg war; doch gleich oergaß sie das wieder. Sie mußte nun ihre Schritte mäßigen, weil die Kräfte sie zu verlassen begannen,auch machten ihr der Atem und das Herz zu schaffen.Sie zog ihr spitzenbesetztes, blütenfrisches Taschentuch

151 []heraus und trocknete sich den Schweiß von der Nase;sie gehörte zu den Nasenschwitzerinnen, wovon nach ihrer Meinung auch die Sommersprossen rührten, die sie dort. hatte. Im Mai vermehrten sie sich so, daß sie Mittel dagegen anwenden mußte.

Nun war sie schon sehr müde, wußte auch gar nicht mehr, was sie eigentlich auf der Straße wollte,und hätte herzlich jedem gedankt, der ihr erlaubte,wieder nach Hause zu gehen. Sie sehnte sich nach ihrem weißen Bett, und gut wäre es gewesen, darin zu sterben. Mein Gott, es gab doch Gas! Mußte sie sich denn alles gefallen lassen? Manchmal zitterten ihr vor Hunger die Knie, so daß sie in Gefahr kam zusammenzubrechen; bis heute hatte sie nur in schlimmen Träumen einen derartigen Zustand erlebt, in welchem sie nicht mehr Herr über ihre Knie war.Sie träumte viel und interessant; am Morgen konnte sie oft Romane erzählen. Aber jetzt war sie geradezu furchtbar wach; sie war infolge davon unsäglich allein,und niemand sagte ihr, was sie tun sollte. Ab und zu sprach sie ein Mann oder ein Soldat an, aber die wollten etwas ganz anderes von ihr; stumm und sehnsüchtig wanderte sie weiter.

Es ging schon auf halb zwölf. Der Verkehr auf den Straßen hatte sehr abgenommen; selten zeigte sich mehr ein Mensch. Die meisten Häuser standen dunkel; sogar finster und ablehnend standen sie da und wiesen jeden weg, der etwa einen Versuch machen wollte, durch ihre Tür einzutreten, ohne daß er hier Miete bezahlte. Nur die Wirtschaften waren noch er

928 []leuchtet; da konnte jeder hinein, wenn er etwas zu verzehren hatte. Ilse ging mit schmerzenden Füßen vbrüber. Immer neue Dunkelheiten nahmen ihre schlanke Figur auf. Es sah schon nicht mehr aus, als würde diese Schicksalsnacht sie ihren Kindern glücklich und unversehrt wieder zuführen; ein Zufall, „die Klaue des Vögelchens“ und die Lawine, die Katastrophe brach über sie herein! “

[133]

Neuntes Kapitel.

Verte wäke es zu glauben, daß Schormann sich um Ilse nach dem Kuß nicht weiter gekümmert habe, und ihm deshalb die Sympathien, die er vielleicht besitzt, zu entziehen. Er hatte sie nicht nur nicht vergessen, einfach im Stich gelassen, sondern sich an einer ganzen Reihe von Stellen nachdrücklich für sie bemüht. Wenigstens sechs Leute hatten ihm fest versprochen, ihr Arbeit zu geben. Auch im Verlag hatte er verlangt, daß ihr Abschriften zugewiesen würden,aber er hatte in dieser Abteilung nichts zu sagen und als er wiederholt vorstellig wurde, bekam er eine Art von Antwort, deren hemdärmeliger Originalität er nicht gewachsen war. Viel zu erfahren, um von seinem sanftmütigen Auftrumpfen eine Wirkung zu erwarten, zog er sich zurück. Denn zugleich hatte sich im Verlag sein Schicksal auch sonst entschieden. Er fand es seit einem gewissen Zeitpunkt seiner unwürdig,hier länger als schlecht behandeltes Ausbeutungsobjekt zu dienen, und sich obendrein noch als Lohndrücker zu betrachten. So hatte er seinem Chef eines Tages das Ultimatum gestellt und ihm dann überraschend kühl die Dienste aufgesagt. Was ihn zu dieser Tollkühnheit,wenn es keine milde Raserei war, veranlaßte, band er

134 []niemand auf die Nase; es ist sogar fraglich, ob er es selber so genau wußte, zumal er neuerlich der Meinung huldigte, es müsse einem nicht alles so klar sein.Er philosophierte in der letzten Zeit wieder eingehender über gewisse „Imponderabilien“, die walten müßten,über „irrationelle Kräfte““ als die eigentlichen Beweger des Lebens und so weiter. Alles in allem: er war ein geküßter Mann; das soll man nicht aus den Augen lassen. Und hatte nicht eines seiner letzten Gedichte mit dem Vers geschlossen: „Leben! rief ich laut. Nur leben! Liebste, und du lachst mich aus!“ Man mag also daraus schließen, daß bei ihm vielleicht wirklich einige von diesen geheimnisvollen Dingen, die er Imponderabilien nannte, wirksam waren, aber wer weiß so sicher, was ein Dichter meint, wenn er etwas sagt oder gar, was noch viel schlimmer ist, dichtet.Einstweilen konnte er sich getrost als einen Mann betrachten, der auf dem Pflaster sitzt und das gründsich, denn sein Prinzipal sah für weite Kreise wahrnehmbar nicht so aus, als hätte er jemals der Armut die Ehre erwiesen, außer wenn er sie als Buch nutzversprechend verlegen konnte. Ein solches Buch war aber die „Göttliche Kaiserpfalz“ durchaus nicht, und Peter konnte sich also auch von der sonstigen „tatkräftigen Förderung“ durch dies „kulturell orientierte Institut“, wie er es selber so oft hatte charakterisieren dürfen, nichts mehr versprechen. Ilses schon eingereichte Abschrift nahm er bei seinem Abzug mit. Es ist möglich, die Zugehörigkeit zum Islam mit sämtlichen Segnungen durch einen einfachen Willensakt zu 135 []erwerben, nicht aber diejenige zur einflußreichen Gesellschaftsschicht, auf die ein wohl fundierter Unternehmer Rücksicht nimmt. Sie hängt mit arithmetischen Voraussetzungen zusammen, und das kaufmännische Rechnen nicht Algebra! war auf dem Gymnasium Peters schwächste Seite gewesen; noch bessere Noten hatte er in der hohenzollernschen Genealogie gehabt, obwohl er für diese wirklich auch nicht eben begabt oder gar voreingenommen war. Indessen gab es ja noch andere Existenzmöglichkeiten in Deutschland, und wenn man recht zusah, so verstand Schormann nicht einmal so schlecht zu rechnen. Eben wurde eine sozialistische Wochenschrift neu gegründet, die ihm die Theaterkritik und die Besprechung der wichtigeren Büchererscheinungen anbot. Er griff zu. Das Unternehmen war von einem Liebhaber ganz gut finanziert,und allein durch diese Arbeit schlug er die Summe heraus, die ihm durch die Aufgabe seiner Stelle verloren ging. Aber viel mehr war aus vielen Gründen nötig. Es gab Berliner Korrespondenzen, die man für auswärtige Zeitungen übernehmen konnte. Er war zwar sowas wie ein individueller Anarchist, ein Antimilitarist, ein Pazifist, aber brauchte das bei jeder Zeile durchzubrechen? Sein weiter Schädel war voll von sozialen, philofophischen, volkserzieherischen und andern Ideen; wenn sein Arbeitstag zwölf oder noch mehr Stunden hatte anstatt bloß zwei, wie bisher,wieviele gute und wesentliche Aufsätze konnte er da zu den Fragen der Zeit beisteuern. Geradezu ein Vergehen gegen sein keimendes Leben war es ge136 []wesen, sich von sogenannten traurigen Verhältnissen so lange unterdrücken zu lassen. Gewiß, bisher hatte er sich nicht reif gefühlt, auf eigenen Füßen zu stehen,obwohl das Land für eine Selbstbefreiung schon viel bessere und dazu geeignetere Zeiten gesehen hatte als die gegenwärtige, aber Reife läßt sich einmal nicht im Geschäft kaufen. Reife fällt vom Himmel, steigt aus der Erde, der Mensch saugt sie aus der Luft, oder sie wird ihm auch von einem Frauenmund, alles, wie Gott will. Ach, wer wußte denn, wie das in Wahrheit stand mit seinem Anarchismus? „Laßt mich leben,und ich lebe für euch!“ Haß war an Zeit gebunden!Abscheu war an Zeit gebunden! Kummer, Leid,Hoffnungslosigkeit: alles war an Zeit gebunden!Schließlich wußte er schon, was der Mensch zum Leben braucht. Ferner war er ein unter interessanten Umständen durchgefallener Dramatiker, und zu welchen Hoffnungen berechtigte allein diefe Tatsache!In erzählender Prosa wußte er sich nicht gemeinverständlich auszudrücken, aber für das Drama hatte er einen Stil am Leibe, der ihm bereits eifrig nachgeschrieben wurde, während er im Diensthaus frondete und wartete, wartete! Auch hier sah er neue Form. Er kümmerte sich nicht darum, ob er das nächste Mal obsiegen oder wieder durchfallen werde,ja, er hielt diese Frage sogar für vollständig nebensächlich; die Hauptsache war die „neue Form“.Dann etwas über das Praktische. „Mensch, hier sind Sie reklamiert!“ hatte ihm sein Prinzipal auf die Kündigung erstaunt vorgehalten. „Ist das nicht auch 187 []hundert Mark allein im Monat wert? Rechnen Sie doch richtig. In vier Wochen buddeln Sie Schanzgräben.“ Worauf Schormann die ruhige Antwort gab: „Ich werde schon nicht buddeln. Und wenn auch,so bin ich in vierzehn Tagen wieder zu Hause. Denken Sie denn, ich habe in Ihrer Atmosphäre nicht wenigstens gelernt, eine Sache zu schieben?“ Gewiß wäre einem Vaterland unter den obwaltenden Umständen mit lauter Schormanns schlecht gedient, aber einem Schormann war auch mit solchen Umständen schlecht gedient, und das Vaterland wie die ganze Welt vermochte er sich anit Leichtigkeit vernünftiger, humaner und schöner zu denken. Auch er befand sich also im Kriegszustand. Außerdem kämpfte er ja für sein mehr oder weniger krankes Herz, das er ganz unmittelbar diesem von ihm so sehr gehaßten Militarismus verdankte. Eine zu spät erkannte und anerkannte Rippenfellentzundung in der Rekrutenzeit er war Gardist gewesen hatte ihm innerliche Verwachsungen verursacht, die das Herz störten und in der Folge jedenfalls seinem leiblichen Leben eine ganz andere Richtung gaben. Von ihnen hatte er diesen geduldig leidenden Zug im Gesicht. Alles in allem glaubte er, auf dem besagten Gebiet der „Gesellschaft“ nichts mehr schuldig zu sein. Das war der moralische Standpunkt,auf dem er wachsam und mit großer Umsicht fußte.Kein Engel vom Himmel hätte ihn darin wankend gemacht, so bereit er übrigens war, sein Leben für jedes arme Kind, ja sogar für einen mißhandelten Hund daranzugeben. „Für wen ich mich opfern soll, das

20 []muß ich selbst bestimmen!“ das war ihm das heilige Grundrecht, welches er nicht nur für sich in Anspruch nahm.

Ubrigens war er jetzt bereits ein einflußreicher Mann, da er bei jeder Premiere, die es in Berlin gab,über zwei Theaterplätze zu verfügen hatte. Wenn er wollte, so konnte er immer umschichtig sein Butterfräulein und die Tochter seines Schlächters mitnehmen,und er durfte sich darauf verlassen, daß dies Opfer sich hundertfältig lohnte, denn die Plätze kosteten ihn nichts,und die einschlägigen jungen Geschöpfe waren, abgesehen davon, daß sie über Viktualien geboten, gar nicht unschönen Leibes oder unwilliger Gemütsart. Aber er gehörte ja zu den Monogamen, oder vielmehr, es gamte sich bei ihm überhaupt nichts, da er dafür viel zu hoch von der Frau dachte. Als Katholik in einem andern Jahrhundert geboren, hätte er vielleicht die schönsten Marienlieder gedichtet, die wir heute besäßen. So trug er mit seinem zweiten Freiplatz bei seinen Freunden herum Liebesschulden ab.

Aber Gott hat wirklich seltsame Geschöpfe geschaffen;es konnte auch eine Anwartschaft auf seine Aufmerksamkeit bilden, ihm etwas schuldig geworden zu sein;in diesem Fall hatte dann diese einen sorgsamen und besonders toleranten Inhalt. Sein heutiger Gast im besagten Sinn war Sam gewesen. In diesem Jungen lebte seit dem letzten größern Gespräch mit Schormann um Jlses zweiten Besuch herum eine Art von wehmütiger Frechheit. Er sah ein, daß er dem Freund gegenüber nicht eben im besten Licht er

1539 []schien; daß Peter darüber hinwegsah, war ihm viel unbequemer, als wenn er ihm durch die Entfaltung beleidigter Männlichkeit den Anlaß gegeben hätte, nunmehr rücksichtslos den süßen Lockungen seiner Unverschämtheit zu folgen. Er war nun so etwas wie ein durch den Blick des Fakirs gebannter Tiger oder ein Köter, der jaulend und maulend an der Leine geht,während er zur Erhaltung der geistigen Ungebrochenheit nach Niederträchtigkeiten ausschielt. Etwas versegen war er auch, und jedenfalls gab es da nach wie vor in seinem Gesichtsfeld ein appetitliches junges Weib,das nicht in festen Händen war; ein solcher Fall hatte ihn bisher noch nie ruhig schlafen lassen.

Das war der eine Grund, warum er die Verbindung mit Schormann weiter pflegte, aber er hätte wenig bedeutet, wenn ihm dieser nicht gleichzeitig nach wie vor imponiert hätte. Auch eine Schieberseele hat ja ihre Zusammengesetztheiten, und zur Unterscheidung von seinen moralischen Vettern und Basen war es nicht einmal ein Scharlatan und Windmacher, der ihn faszinierte. Schormann hatte den ganzen Abend wachsam und zärtlich nach dem „neuen Geist“ ausgesehen, Sam nach hübschen Damen; der letztere war besser auf seine Rechnung gekommen, da die Natur keine Ermüdungen kennt. Dagegen hatte der erstere die originelleren Gedanken über beides, den neuen Geist und die hübschen Damen und über Sam dazu. Er machte sich wie ein älterer Bruder ein bißchen lustig über Sams einfache Lebensweise, was den Geist anging. Er sagie, er hätte nicht gedacht, daß man mit einem so geringen mora1*0 []lischen Stoffwechsel auskommen könne, aber vielleicht habe ihm ein Gott gegeben zu schieben, was er leide,und Sam gefiel das Wort so gut, daß er ihn bis nach Hause begleitete, ja, es animierte ihn dazu, wieder eine kleine Attacke auf Schormanns Galerie zu unternehmen. Nachdem er sich durch detaillierte Umfragen die Aberzeugung gebildet hatte, daß bei geschicktem Vertrieb hier eine Summe von hunderttausend Mark herauszuschlagen sei, ging er Peter gegenüber vorsichtig auf zweiundvierzig hinauf. Für den kleinen „Turner“bot er ihm freundschaftlich seine Vermittlung an, um ihn für „vielleicht“ dreitausend Taler an den Mann zu bringen, wobei er keinen Pfennig verdienen wolle;Schormann solle sogar mit dem betreffenden Herrn selber verhandeln und nur erlauben, daß Sam ihn dabei unterstütze. Für die vorherige Abrede wollte er schon sorgen.

„Also, Mensch, ein Jahr kannst du davon leben bei deinen bescheidenen Bedürfnissen, kannst frei arbeiten und nachher bist du ein berühmtes Gebäude. Dir fehlt offenbar die Ahnung davon, wieviel Ankratz du eigentlich hast. Ich komme doch ordentlich in Berlin herum, kannst du mir glauben, bin gern gesehen, nicht wahr, gute Figur, phänomenale Stimme, die Männernot, na, und so weiter. Peter, mein Ehrenwort, geradezu die Augen der Welt sind auf dich gerichtet.Ich kann ja diese Anfragen gar nicht mehr alle bewältigen. Kaum lasse ich merken, daß ich dich kenne,gleich geht's los. Ja, aber warum schweigt denn dieser herrliche Dichter so ganz und gar? Mein Gott, natür41 []lich, alle sind sie verstimmt durch die Brutalität des Krieges! Aber er ist doch größer als der ganze Krieg!Er soll mit Macht in die Harfe schlagen, damit seine Stimme gehört wird und die Völker zur Selbstbesinnung kommen. Sagen Sie ihm, er soll unbedingt wieder dichten, aber unbedingt! Da hast du die Temperatur. Und gerade die schönsten Damen sind die begeistertsten. Richtig eifersüchtig bin ich manchmab!“

Von diesen Ausführungen hatte Peter bloß den Anfang gehört. Noch bevor er eine freundlich spöttische Antwort im Kopf ganz beisammen hatte, wurde seine Aufmerksamkeit durch etwas anderes in Anspruch genommen. Die ganze übrige Zeit, während deren Sam schwatzte und prahlte, fühlte er eine ungeheure Erschütterung in ihm sich vorbereiten. Es war ihm weiter nichts widerfahren als daß er am Ende der Straße im Schein einer elektrischen Bogenlampe eine einsame Frauengestalt erblickte, die ihn in Wuchs und Bewegung an Ilse Krätke erinnerte. Er war beinahe zu Hause. Die Gestalt kam aus der Leibnizstraße her ihm entgegen. Sie trug einen hellen Sommermantel und einen blauen Hut; auch dies hatte er sofort bemerkt.Ilse war in Trauer; es konnte sie also nicht sein, aber daß schon der Schein ihrer Existenz genügte, ihn seine ganze Umgebung vergessen zu machen und seinen Herzschlag in diese tiefe Erregung zu versetzen, das war es,was ihn bestürzte. Verwundert fragte er sich zwar,ob er das denn eigentlich nicht erwartet habe, und es war daran auch nichts Überraschendes, aber wie der Tote immer toter ist, als man gedacht hat, so ist

142 []zum großen Glück auch die erste sichere Kundschaft vom Vorhandensein einer Liebe stets ein Ereignis von übersinnlicher Wunderbarkeit; wir fühlen in solchen Momenten, ohne es uns zu sagen, daß wir nicht allein sind mit dem Tod, und dies ist der wahre Glanz der Liebe. Nun kam aber hinzu, daß die optischen Täuschungen bei der Annäherung der Person nicht abnahmen, sondern größer wurden, und während Sam von den schönen Damen schwadronierte, hatte Peter schon eine ganze Weile die Gewißheit. Sam haite noch nichts gemerkt, obwohl auch er interessiert nach dem einsam wandelnden Weibchen äugte. Schließlich blieb Schormann einfach stehen und ließ die Person allein die letzten Schritte zwischen ihnen tun.

„Sind Sie das?“ fragte er sozusagen mit dem Zweifel der Gewißheit, als sie ganz herangekommen war. „Mein Gott, ja,“ antwortete er sich selber. „Wie gut, daß wir Sie noch getroffen haben. Warten Sie schon lange?“

Sie hatte still zu weinen begonnen, sobald sie seiner ansichtig geworden war. Der Tag ist für uns ein Maß; ihre heutigen Erlebnisse hätten den Inhalt vieler Tage bilden können und sie hätten sie noch bis zum Rand, bis zum Überlaufen gefüllt. Unfaßliches war in ihr geschehen; noch Geheimnisvolleres kündigte sich an. Eine Welt lag zwischen ihr und ihren Kindern. Und sie irrte umher als eine vom Hunger ausgebrannte Ruine der Sehnsucht.

„Ich bin so furchtbar müde!“ klagte sie.

Dies Wort machte in seinem vollreifen Erdenleid 143 []auch auf Sam, der endlich begriff, was hier vorging,einen Eindruck. Er rückte sich achtungsvoll den Hut in die Stirn.„Ja, ja, natürlich!“ erwiderte inzwischen Schormann. „Wir werden jetzt miteinander irgendwo hingehen, wo Sie sich erholen können. Wollen Sie vielleicht meinen Arm nehmen? Tun Sie es doch! Nachher werden wir Sie nach Hause bringen.“„Gehen wir da in die Weinstube, an der wir eben vorbeikamen,“ riet Sam mitleidig knurrend. „Da ist's gemütlich; war schon mal drin.“Peter überlegte, daß es bis zum nächsten Caféè etwa zehn Minuten war. Ilse aber machte den Eindruck,als sei sie dicht vor dem Zusammenbruch. „Nun, dann kommen Sie!“ sagte er. „Es sind nur ein paar Schritte.“ An die Geldfrage dachte er flüchtig; er rechnete, daß er noch so viel habe, um Sam nichts schuldig werden zu müssen; mehr brauchte es für heute nicht. Erst jetzt fiel ihm ein, daß Ilse farbig ging.„Der Mann ist noch kein halbes Jahr tot,“ dachte er.„Was geht vor?“ Auch Sam stellte eine dahingehende Betrachtung an. Er beneidete seinen Freund ehrlich um einen solchen Erfolg. War ihm vielleicht schon eine Frau in Nacht und Nebel zugelaufen? Mit einer Stimme, die vor Diskretion leise dröhnte, und ein bißchen melodramatisch, da er sich leid tat, erklärte er,um sich gewissermaßen ebenfalls einzuführen, daß sie miteinander gerade aus dem Theater kämen, wohin Schormann ihn mitgenommen habe. Schormann sei 1 []nämlich unter die maßgebenden Persönlichkeiten aufgerückt, rühmte er ihr zuliebe.

„Also alle Theater beherrscht der jetzt, kann ich Ihnen sagen. So ein Direktor will ein neues Stück herausbringen, möchte seine dritte oder vierte Million vollmachen. Aber da ist nun dieser Schormann, dieser Geistesfürst. Na, also, seien Sie so liebenswürdig,kommen Sie und sehen sich's mal an!“ Fragt sich, ob's ihm paßt. Nehmen wir an, er setzt sich gnädig hin und läßt sich was vorspielen. Gefällt's ihm und er schreibt günstig darüber, so kriegt also der Mensch seine vierte Million voll. Im andern Fall kriegt er sie nicht voll. Spaß beiseite, da kann einem was aufgehen!Wenn ich bei meiner Unverschämtheit und Gerissenheit seine Bildung hätte also eine neue Kultur baute ich auf, ein großes Weiberdorf gründete ich mit mir als einzigem Mann darin. Der weiß sein Glück ja nicht zu schätzen !“

Eine gewisse männliche Erbitterung klang durch diese Lobsprüche und durch die Verehrung, welche sie ihm eingab. Ilse hatte scharfe Ohren; der Klang machte sie wieder nach dem Leben hinhorchen. Eine neue Hoffnung kam ihr aus Sams Worten. Sie fühlte sich nun sozusagen auf dem Weg nach Hause. Für den Zuspruch dankbar, hörte sie auf zu weinen; es bestand ja auch kein Grund mehr dazu. Mehr konnte sie jedoch für Sam nicht tun. Sie lächelte nicht einmal, und er wurde geradezu traurig, daß er immer noch keinen Eindruck machte.

Indessen trat man in die Weinstube. Die neuen

10 Schaffuner; Linder des Schidsals.

45 []Gäste wurden ins Hinterzimmer gewiesen, da im vorderen Raum der Polizeistunde wegen die Lichter gelöscht werden mußten. Schormann dachte einigermaßen besorgt, daß es für diese Aufmerksamkeit mit einem Gläschen Portwein oder Madeira nicht getan sein werde; von so späten Gästen erwartete man mehr.Außerdem bemerkte er, daß man hier ganz selbstverständlich den eleganten Schligel als das finanzielle Haupt der kleinen Gesellschaft betrachtete und ihn demgemäß behandelte. Schormann war zwar infolge einer Vorschußabmachung mit seiner neuen Redaktion wieder in den Besitz eines bessern Anzuges gekommen, aber es war ein bescheidener dunkelblauer Sakko, während Sam in Cutaway mit gestreiften Hosen, Lackschuhen und dem hellen Sommerüberzieher auf dem Arm keineswegs den Eindruck von sich weisen wollte, als sei in weitgehendem Sinn mit ihm zu rechnen. Als er das große Zutrauen erkannte, das man ihm hier entgegen brachte, ließ er also einen behaglichen Tisch nachweisen. Er befahl in erfahrenem Ton die Weinkarte. Er verlangte bessere Beleuchtung, da man bei diesem Licht nicht lesen könne. Er setzte seine Gesellschaft, die sich nicht zum Platznehmen entschließen konnte; Ilse stand noch aus Verehrung für Schormann,dieser aus Rücksicht für JIlse und überhaupt aus Ehrfurcht vor der Weiblichkeit. Und bevor Schormann sich in seiner neuen Lebenslage einigermaßen orientiert hatte, war von Sam auch schon die Wahl unter den Weinmarken getroffen worden. Mit einem Blick, der soviel hieß wie: „Du, streng dich da mal an einen

* 77 46 []Augenblick!“ reichte er ihm die Karte hinüber; unter der von ihm ins Auge gefaßten Nummer lag als Unterstreichung sein sorgfältig gefeilter Daumennagel.

„Nanu!“ machte Peter ganz überrascht. „Die Veranlassung ich meine, das ist doch an mir !“

Doch obwohl er genau sah, wohin Sam ihn drängen wollte, kam er sich mit seiner Einrede fast spießig vor,sozusagen bürgerlich ehemännlich, und Sam, der für den täglichen Gebrauch ein raffinierter Psychologe war,las es sogleich von seinem verlegenen Lachen ab.

„Na du also du wirst da plötzlich anfangen,den Genauen zu spielen!“ mahnte er, ebenfalls lachend,aber dies gegenseitige Lachen war ein geheimer Ringkampf der jungen Männer gegeneinander. Übrigens lachte Sam schon ganz sicher. Peter gehörte zu den Männern, die im Glück großmütig und zartfühlend werden. „Mensch, ich muß doch auch was dabei zu tun haben! Also eine Heidsiek, Herr Ober!“ befahl er dem Kellner. „Eine nette Kleinigkeit zum Essen. Na, sagen wir, ein paar Kaviarbrötchen; es ist doch Kaviar da? Direkt Pflicht für Sie. Und Zigaretten. Auch Zigarren!“ rief er ihm noch nach,da er sich erinnerte, daß Schormann ein starker Zigarrenraucher war.

„Wir werden schon noch miteinander abrechnen!“meinte Peter, stoßweise lachend, wie immer, wenn ihn jemand in eine ungünstige Lage gebracht hatte, aus welcher er sich aus Schonung für den andern nicht gleich befreien wollte.

Sam blickte ihm blinzelnd in die strahlend warnen

147 []den Augen. „Nu laß das schon!“ schnob er dann unbehaglich wie eine „fixierte“ Katze. „Vei euch Geistigen kommt man ohnehin immer zu kurz.“ Darauf wieder ganz Weltmann, sprang er zu Ilse ab. „Sitzen Sie auch bequem, Frau Krätke? Gib ihr doch das Kissen von dem andern Stuhl noch in den Rücken.Wozu ist denn das Zeug da? Das ganze Lokal solltest du ausräumen. Bist doch zu Dank verpflichtet.“

Schormann kam der Aufforderung nach. „Dank ist das schlimmste noch nicht,“ bemerkte er lächelnd,während er der verschämt widerstrebenden Ilse das Kissen in den Rücken stopfte. „Siehst du sonst noch etwas für Frau Krätke zu tun? Du bist ja ein Mann von Erfahrung.“

„Du,“ warnte Sam, „spiele nicht mit dem Feuer.Erfahrung ist eine Macht! Hättest mit Erfahrung nicht mich ins Theater mitgeschleppt, während Frau Krätke auf der Straße herumstand.“

„Frau Krätke ist wohl nicht so auf der Straße herumgestanden,“ versetzte Peter ein wenig unwillig.„Das wird sich vielleicht freundschaftlicher ausdrücken lassen !“„Also deine Taktik finde ich nicht klar, Himmeldonnerwetter !“

„Mit der deinen kann man vielleicht rascher zu Erfolgen kommen,“ spottete Peter. Die Röte stieg ihm langsam in die Stirn. „Aber du bist in einem Irrtum, wenn du bei mir überhaupt Taktik vermutest.Es ist alles noch viel schlimmer, als du denkst. Und dabei kannst du dich vielleicht beruhigen.“

148 []„Den Teufel werd' ich mich beruhigen,“ maulte Sam. „Ich kann dich bloß vor meinem Dazwischentreten warnen! Ach, Knatsch, verfluchter! Also wenn's mir zu dumm wird, lasse ich euch alle sitzen.War ja im heiligen Deutschland immer 'ne große Sache,bis der Hans die Grete bekam. Dem schlage ich übrigens die Zähne ein, der etwas anderes sagt, als daß ich in euch beide verliebt bin.“

Schormann erwiderte nichts. Ilse ließ wie entmutigt den Kopf hängen. Sie fand es ungezogen,daß Sam sich so gehen ließ; sie war für gute Formen eingenommen, wie Schormann sie hatte. Übrigens befielen sie jetzt wieder Schwächen, in denen ihr alles unwirklich und fern vorkam; wie ein schalldämpfender Schleier lag es manchmal zwischen ihr und dem Leben.„Es ist doch sehr viel zerstört!“ fühlte sie. Außerdem lauerte da noch eine besonders drohende Erkenntnis im Hintergrund, die wie eine ganz unerwartete neue Gefahr sich auf sie zubewegte. Seit ihrer Konfirmation war sie ein heimloses und einsames Geschöpf gewesen,und daß sie in diesem Zustand Gattin und sogar Mutter von kleinen Lebewesen geworden war, ohne ihn dadurch merklich beeinflußt zu haben, das war die herzbewegende Aberraschung, die sie jetzt heimsuchte. „Was braucht der Mensch zum Leben?“ Ach, für manchen mochte das eine Frage sein. Aber hier erstand ihr nun das genaue Gegenteil. Ihr schien in großer Bescheidenheit, der Sinn dieses ganzen Abends sei der,noch einmal den lieben, holden Schormann zu sehen und dann hinein zu taumeln in den schwarzen Abgrund.

40 []„Zum Schluß das Gas!“ Alles andere mußte die gemeine heulende Verzweiflung werden. Darum war sie dem Amerikaner nicht einmal so böse, wie er es eigentlich verdiente und hätte brauchen können, denn er konnte sie nicht gefährden.

„Herr Cumberland ist wohl unzufrieden mit uns,weil etwas nicht nach seinem Kopf geht?“ sagte sie nach kurzem Nachdenken ein wenig singend. „Es ist hier aber keins dem andern etwas schuldig.“

Sam schleuderte Schormann einen Blick zu, als ob er sagen wollte: „Da hörst du's, Menschl Sogar bedingungslos!“ Peter erwiderte sehr ernst:

„Ja, wir wollen alle einfach in irgendeiner Form leben. Wie die Kinder!“ setzte er noch ergriffen hinzu.

Sein Gehör war nun ganz voll von dem sinnlichen Klang ihrer Stimme. Dazu fühlte er sie wieder so stark, daß er nicht wagte, nach ihr zu sehen. Mit liebendem Schauer sog er den keuschen,starken Duft ein, der von ihr ausströmte. Wie alle seine Sinne war auch sein Geruch sehr verfeinert.Er unterschied deutlich das Parfüm ihres Haares von dem ihrer weiblichen Reife und erschrak davor, daß es erlaubt ist, schon liebend und anbetend in das Geschlecht des andern einzutreten, noch bevor die Kleider fallen dürfen, ja, mit naturfürchtiger Beunruhigung bemerkte er, daß in seiner Vorstellung die Kleider sich zu nichts auflösten, indem sie durch den Duft der Persönlichkeit ersetzt wurden, der an Macht nun immer wuchs.

150 []Sie saß und dachte: „Ja, leben! Wäsche zur Hochzeit angezogen haben und nicht zum Sterben! Wie wir doch so sehr arm sind!“ Und: „Wie oft mich Krätke umfing, so wußte ich doch nicht, was Liebe ist!“ Vor Bestürzung darüber bewegte sie sich und beugte sich horchend vor. Es war so ein heiliger Ernst in ihrem Gesicht, daß Sam den Ausdruck nicht länger ertrug und mit streitsüchtiger Miene einen Herrn am Nebentisch zu fixieren begann. Auch das leise Rauschen ihrer Wäsche vernahm Peter. „Eine solche unermeßlich süße Frau!“ dachte er sehnsüchtig.

„Wie geht es Ihren Kinderchen?“ erkundigte er sich freundlich bei ihr. „Wissen Sie, daß die mir sehr gefehlt haben? So kleine Wesen womit die einen gleich in der Welt in Verbindung bringen !“

„Sie haben viel nach Herrn Schormann gefragt!“erwiderte Ilse sehr einfach und sah ihn geradehin an.

Seine Augen leuchteten ein bißchen auf.

„So, haben sie das? Leider gehen jetzt die Masern um, und' diese andere geheimnisvolle Kinderkrankheit grassiert, aber die Ihren sind ja noch nicht schulpflichtig.“

„Mäxchen kommt im Herbst daran. Ich fürchte,er wird heulen und sich totunglücklich fühlen. Fürchten Sie nicht auch?“

„Doch, gewiß!“ pflichtete er bei. „Die Schule ist ja das erste niederschmetternde Erlebnis. Damit beginnt die Kette der Enttäuschungen. Als mein Vater mich in der Schule abgeliefert hatte und davon gegangen war, fühlte ich zum erstenmal meinen Glauben 51 []an ihn erschüttert. Ich heulte, daß es mir aus Augen und Nase troff, und schlug um mich, um wieder hinauszukommen.“

„Das wird auch er tun. Er hat es mir nachgetragen, daß ich ihn dem Doktor überlieferte, der ihm ein Geschwür am Finger aufmachte. Ich sah es an den Blicken, mit denen er mich noch nach Wochen betrachtete.“

„Ach, das Kind hat recht,“ versetzte Schormann lebhaft. „Dies alles sollten wir ihm selber sein können,Lehrer, Arzt, Priester. Dafür sind wir solche Spezialisten für Herrenkleidung oder Flugzeuge, für Zähne,Straßenbau, Schriftstellerei und so weiter. Die zartesten Beziehungen der Menschen zueinander werden im ersten Entstehen zerrissen und verraten. Ständig haben wir darunter zu leiden. Ich weiß gar nichts von Ihrem Vorleben, Frau Krätke. Sie sind wohl eine echte Berlinerin ?“

„Schon meine Eltern waren eingesessene Berliner!Mein Vater hat sogar einige Häuser im alten Schöneberg gebaut. Es ging ihm sehr schlecht da. Ich besuchte die höhere Mädchenschule, aber als die Mutter starb,mußte ich den Haushalt führen von meinem fünfzehnten Jahr an. Vater war damals auch schon sechzig. Die Mutter ist mit fünfunddreißig gestorben. Ich fand eigentlich immer diese Ziffern: sechzig,fünfunddreißig, fünfzehn so unrichtig kommt mir das vor.“

Sie fühlte sich plötzlich wieder sehr müde, so daß sie vor Mattigkeit seufzte. Dazu stützte sie die Stirn 57 []auf die Hand, was ihr ein nachdenkliches und schwermütiges Aussehen gab. Sogar Sam blickte, von der Bemerkung und dem grübelnd ernsten Ton überrascht,wieder nach ihr hin. Im übrigen litt er und erwartete inbrünstig den Kellner.

„Ich begreife,“ sagte Schormann. „Dies alles ist ja sehr zusammengesetzt. Wir haben die Naturgesetze entdeckt und dienstbar zu machen verstanden,aber in unseren Geschicken herrscht der blinde Zufall.Jahrelang, oft jahrzehntelang sind wir infolge der Umstände verhindert, das Natürliche, Naheliegende zu tun; endlich tun wir irgend etwas, und das hat dann nicht mehr diesen ursprünglichen Sinn !“

„Na, das wenigstens ist kein Zufall!“ rief Sam hier geradezu erlöst. Das Wort galt dem Kellner,der mit den bestellten Sachen kam. „Nu wird's wieder menschlicher, Donnerwetter. War hohe Zeit!“ Er nahm ihm die Sektflasche ab und begann sie sofort zu öffnen.„Frau Krätke puh! Also lassen Sie sich mal mit diesem Dichter in Gespräche über das Leben ein! Sie brauchen wohl von ihm Aufklärungen? Klären Sie doch ihn auf! Aber vorher lesen Sie das Buch: Wie sag' ich's meinem Kinde!“

Der Pfropfen knallte. Sehr befriedigt über seinen Witz lachte Sam auf. Angesichts der irdischen Verläßlichkeiten, die der Kellner gebracht hatte, durchdrang ihn eine neue Unternehmungsfreudigkeit. „Uberhaupt,Schormann, hoher Geist, du gibst Philosophie der besitzlosen Klasse von dir. Das Leben ist aber der größte Besitzer. Solltest mal den Versuch machen, wie es E []sich mit na, sagen wir, fünfzigtausend Mark im Rücken lebt? Fünfzigtausend, was? Das ist doch ein Wort!“

Aber Schormann sah ihn nur an, als ob er eine sehenswerte Tiergattung zur Kenntnis nähme, und pessimistisch schenkte Sam ein. Doch gleich tröstete er sich.Er stellte Isse ihr Glas zu, ergriff das seine und hob es ihr entegen. „Auf das diesseitige Dasein! Auf das Leben! Auf die Liebe!“ toastete er. Immerhin war er mit solchen Realitäten wieder obenauf und fühlte sich als Herrn der Lage. Seine Augen lachten. Seine starken weißen Zähne leuchteten. Seine Ringe blitzten.Doch Ilse begriff, daß er Schormanns Verhalten mißbilligte und das seine richtiger, ja, überlegen fand,und auch sonst hatte sie einiges gegen ihn, obwohl er hier den ganzen Abend wie ein Vater für sie sorgte,allein des Menschen Herz ist ein trotziges und verzagtes Ding. Da war sein glattrasiertes Gesicht Schormann trug ein gestutztes Schnurrbärtchen mit dem selbstsichern Blick, der langen Oberlippe und der schweren Unterlippe, dann die sorgfältig gepflegte blonde Mähne,und dagegen die starke Behaarung seiner Hände und Unterarme, mit welcher wieder die goldene Armbanduhr in Widerspruch stand. Sam ging nach ihrer Auffassung durch die Schormannsche Sternennacht als ein schöner, aber schlimmer Mond. Bald hatte er Hörner,bald einen trüben und wolkigen Hof, bald umgab ihn ein überklares, kaltes Licht, bald ein gewitterhaft prahlerisches und schwüles. Immer stand hinter ihm noch eine andere Gestalt als seine eigene, die drohte, während

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4 []er lockte. Ilse stieß voll entgegenkommender Höflichkeit doch ein wenig flüchtig mit ihm an; den tieferen Blick bekam Schormann, als sie mit ihm darauf dasselbe tat und sie nahm sich mehr Zeit dazu. Indessen fuhr ihr der Heidsiek in die Adern wie Feuer.Cumberland legte ihr umsichtig vor und nötigte sie zum Essen.

„Aber alles, was recht ist,“ beschwerte er sich. „Wie da einer den Leuten mit weisen Reden das Wasser abzugraben sucht! Na, wollen sachlich bleiben. Sage Ihnen einfach, was der im Grund ist. Ein Feind des Fortschrittes ist er mit seinem Mystizismus. Ein Leugner der Wirklichkeit! Ilse, Sie dürfen sich unter keinen Umständen zufrieden geben, bevor Ihnen ein Betreffender die Rocksäume küßt. Ihr bloßer weißer Fuß muß ihm mehr wert sein als die ganze Literatur,Kunst und Wissenschaft der Welt. Kennen Sie Boccaccio? Lassen Sie ihn sich mal von Ihrem Schormann leihen. Jede Frau kann daraus, ob ein Mann es wagt, ihr den Boccaccio in die Hand zu geben, sehen,ob er sich was zutraut. Peterchen, wirst du Frau Krätke den Boccaccio leihen ?“

„Ich sehe keinen Grund, der dagegen spricht. Wenn die Zeit dazu reif sein wird, werde ich ihn ihr sicher ohnehin zu lesen geben.“

„Also Ausflüchte!“ triumphierte Sam gegen Ilse. „Er fürchtet sich!“

„Hast du die gleiche Leidenschaft für die modernen Russen wie für den alten Italiener ?“

Na, wärst imstande und gäbst Frau Krätke den 25 []Raskolnikoff in die Hand,“ argwöhnte Sam beunruhigt.

„Er wird vielleicht das erste Buch sein, das Frau Krätke aus meiner Bibliothek bekommt.“

„Schön, so werde ich ihr den Boccaccio schicken.Wir werden dann sehen, wer stärker ist.“

„Weder du noch sonst jemand wird bei richtiger Aberlegung Frau Krätke den Boccaccio schicken. Von einer solchen Handlung müßte man sich doch mindestens einen Vorteil versprechen können.“

Sam richtete ihm die Flintenläufe seiner Blicke auf die Augen, aber Schormann hielt sie ganz einfach aus,und der Amerikaner wandte sich leise gereizt wieder an Ilse.„Finden Sie das in Ordnung, daß er Ihrer schon so sicher ist?“ knurrte er sie an. Er hätte ihr nichts sagen können, das ihr lieblicher in die Ohren klang.Still erfreut, wenn auch sehr einfach, erwiderte sie:

„Weshalb soll ich mir darüber den Kopf zerbrechen,Herr Cumberland? Außerdem habe ich doch den Boccaecio mit meinem Mann längst gelesen. Aber den Raskolnikoff kenne ich noch nicht.“

Tatsächlich hatte Krätke einmal in einer „tollen Laune“ und um ihr zu zeigen, was für Beziehungen er besaß, von „einem Herrn“ einen Band dieses berühmten und berüchtigten Schriftstellers nach Hause gebracht, ihn aber ziemlich rasch daraus wieder entfernt. Sie fand heute, daß Maupassant „richtiger“schreibe, das heißt, „wie es im Leben jetzt wirklich zugeht.“

156 []Sam war von ihrer Antwort geradezu verblüfft.

„Na dann gratuliere ich,“ maulte er. „Hätten uns beide die Aufregung sparen können. Aber er kommt zu billig zu allem, sage ich. Und ich kann überhaupt nur jeden vor der Monogamie warnen!“

„Monogamie was ist das?“ erkundigte sich Ilse efsend. Es schien beinahe, als finge sie an, ein bißchen mit ihm zu spielen. Er fixierte sie daraufhin scharf.

„Das ist,“ definierte er, wachsam wie ein Schießhund, „wenn man sich ganz dem Einen ausliefert und alle andern Pflichten darüber vernachlässigt. Konkurrenz erhält die Liebe frisch und würzt das Leben.“

„Sie möchten also immer Konkurrenz haben?“folgerte sie mit einem Anflug von Frauenlaune, der sie in seinen Augen geradezu gefährlich machte.

„Na,“ meinte er, überführt lachend, „mit Maß,versteht sichh. Bei Ihnen möchte ich, offen gesagt,keine haben.“

„Aber Sie möchten welche machen?“

Er sah sie ein bißchen dumm an. „Was machen?“

„Na, Konkurrenz! Ich dachte, davon sprachen wir doch.“„Also hören Sie mal, als ob Sie von keinem Mann wüßten und doch alle kennten. Frau Ilse, Konkurrenz mache ich doch schon lange, aber Sie tun, als ob Sie nichts davon merkten, weil Sie mich herausfordern wollen.“ Einen Moment betrachtete er sie wie drohend. „Aber vor einer halben Stunde fehlte wenig, und Sie brachen vor Hunger und Erschöpfung auf der Straße zusammen. Ist das wahr oder nicht ?“37 []Ilse blickte flüchtig auf seine behaarten Handgelenke mit der goldenen Armbanduhr und dann auf Peters edle Hände. Bevor dieser, dessen Augen zürnend aufleuchteten, einschreiten konnte, antwortete sie wieder.

„Wer weiß, was vor einer halben Stunde gewesen ist,“ sagte sie leicht errötend mit einer Natürlichkeit,über die sich bloß Sam wunderte.

„Gewiß, niemand weiß das!“ stimmte ihr Peter mit sachlicher Wärme bei. „Auch niemand weiß, was jetzt ist. Jeder Augenblick ist ein undurchdringliches Geheimnis.“ Seine Augen enthielten nun einen so ruhigen Liebesglanz, daß er sich wohl erlauben konnte,„sachlich“ zu sein. „Wer das bedenkt, braucht niemand nahe zu treten.“

Sam lachte kurz auf. „Könnte mich also wie sagt man: zurechtgewiesen fühlen,“ sagte er, während flüchtig zwei weiße Flecken auf seinen Wangen erschienen. „Aber ich bin in der Lage, darauf zu pfeifen.Mein Sohn, es geht erst los.“ Er sah Peter mit einem zornigen Blick zwischen die Brauen; die Augen vermied er nun. „Bedenken auch! Jetzt werden,wir mal eine Arie singen, damit Frau Krätke erfährt,was der Sam Cumberland los hat.“

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Zehntes Kapitel.

Dem erhob er sich. Langbeinig und seines Eindrucks gewiß ging er quer durch das Lokal nach dem Klavier, das an der Mitte der andern Wand den Platz unter einem Spiegel einnahm. Ohne links und rechts zu sehen, setzte er sich davor, schlug den Deckel zurück und die ersten Akkorde an, und schon begann er zu singen: „Wie aus der Ferne längstvergangener Zeiten steht dieses Mädchens Bild vor mir.“ Aber er war noch nicht ganz beim „Mädchen“ angekommen, als der Oberkellner auf ihn zustürzte.

„Bitte, mein Herr, Sie werden uns die Polizei auf den Hals ziehen! Also bitte! Augenblicklich hören Sie auf zu singen und verlassen das Klavier!“

Er suchte ihn wegzudrängen und den Klavierdeckel zu schließen. Sam sah ihn an, als wäre er sprachlos über die Dreistigkeit eines Kaffernhäuptlings.

„Sie, Herr Ober,“ sagte er endlich, jedes Wort gefährlich betonend und vor Arger leicht erblassend,„augenblicklich lassen Sie einen respektvollen Abstand zwischen uns eintreten, oder ich schlage Sie ungespitzt in den Boden hinein, daß Ihre Beine beim Keller herausfahren. Mensch! Jam American! Wissen Sie,was das heißt?“

157 []Er erhob sich zu seiner vollen Größe. Die schwere Unterlippe hing ihm schmollend. Dem Oberkellner,obwohl auch er nicht „von gestern“ war, imponierte die originelle Ausdrucksweise soweit, daß er halb lachend von ihm etwas zurücktrat.

„Gewiß, mein Herr,“ gab er zu. „Aber wenn Sie hier Musik machen, so ist das ein Fall für sich, der uns die Konzession kostet.“

„So, Fall für sich, der Sie die Konzession kostet !“äffte Sam dem Kellner nach. „Was geht uns aber Ihre Konzession an? Wir sind hier lauter erwachsene Menschen, soweit ich beurteilen kann, selbständige Gentlemen and Ladies. Meine Damen und Herren, ich bin ein Sänger, den Sie beurteilen können. Ich will singen,weil ich dazu verdammt Lust habe. Sagen Sie, ich soll die Schnauze halten, so muß ich schweigen. Im andern Fall wollen wir was steigen lassen. So ist meine Meinung.“

Es zeigte sich, daß man im Prinzip fürs Steigenlassen war. „Gut,“ entschied Sam, gegen den Kellner gewendet, bringen Sie an unsern Tisch eine neue Flasche. Von einem andern Fall weiß ich nichts! Tun Sie Ihre Pflicht!“ Und leise setzte er hinzu: „Da haben Sie fünfzig Mark. Stören Sie nicht mehr die Freiheit.“Er begann seine Arie von neuem. Ab und zu schoß ein stahlblauer Blitz unter seinem blonden Schopf hervor nach Ilse Krätke hin. Zu sagen, er habe gesungen, als ob er es bezahlt bekäme, wäre eine bittere Unzulänglichkeit, die man ihm nicht antun soll, denn 119 []er sang unvergleichlich besser, da er für Ilse sang.Er sang so gut, so feurig, so werbend, so mit Prärien,Seen und wildem Westen in der Stimme, wie er noch nie gesungen hatte, auch nicht vor der Konzertdirektion Wolff. Auf so etwas war hier außer Peter niemand gefaßt gewesen. „Wohl hub auch ich voll Sehnsucht meine Blicke aus tiefer Nacht empor zu einem Weib“:diese Stelle sang er vielleicht zu melodramatisch, zu viel als amerikanisches Kristall, aber Ilse traf sie wie eine Offenbarung des Männlichen. Sie horchte innerlich auf, während sie die Augen vor sich niederschlug,und ihr die Röte voll und warm ins Gesicht stieg.„Die düstre Glut, die ich hier fühle brennen, sollt'ich Unseliger sie Liebe nennen!“ Nein, gewiß nicht,dies Grollen in der Stimme und der dunkle Glanz der Tongebung waren keineswegs leicht zu nehmen.Der ganze Raum war voll von dem zornig sinnlichen Werben und dem geschlechtlichen Ungestüm dieses schönen starken Männchens. Nicht nur Ilse fühlte das unratbare geheime Schwingen ihres Seelenbestandes, aber sie fühlte es zum erstenmal und da sie keine Routine mit Kunsteindrücken hatte, nahm sie alles sehr ernst.

Sam trat, noch lodernd, wieder an den Tisch, von Beifall umrauscht. „Na, und was sagen Sie nun?“rief er Isse an. „Hat's Ihnen gefallen?“

„Sehr!“ sagte sie mit scheuem Ton. „Das ist wieder so ganz anders als im Theater !“ fügte sie hinzu, um noch etwas zu sagen.

Er prüfte ihr Aussehen. „Ja, da kann man den Frauen mehr intim zu Leibe gehen,“ gab er zu, indem

11 Schaffner, Kinder des Schicsals

31 []er ihr entschlossen seinen Stuhl näher rückte. Gleichzeitig dämpfte er den Ton. „Aber Sie sollten mich mal in der Rolle auf der Bühne sehen!“ Angeregt griff er nach der Flasche. „Dazu würden Sie auch nicht Pappe sagen. Mir ist alles gleich. Ich fange die Frauen so und so.“

Nachdem er ihr und sich wieder eingeschenkt hatte Peter schien er als nicht mehr vorhanden zu betrachten stieß er mit ihr an. Seinen Blick fest auf ihren Augen, leerte er langsam sein Glas. Ilse trank das ihre wirklich benommen wenigstens halb. Schormanns Glas hatte sie diesmal bloß mit einer scheuen Zärtlichkeit leicht gestreift, ohne ihn eigentlich dabei anzusehen.

„Und Sie waren schon richtig auf der Bühne?“fragte sie. Um sich seiner zu erwehren, griff sie auf die weibliche Kunst zurück, den Gegner zu beschäftigen.Er aber vermutete unter der Frage die ersten Schauer der Ehrfurcht.

„Na, und ob!“ lachte er, ins Treiben kommend.„Da sollten Sie mal meine Besprechungen lesen. Also in Meiningen einen solchen Stoß von Briefen hatte ich am andern Tag im Hotel auf dem Tisch. Alle von Frauen. So was ist ja noch nicht dagewesen! Sie wollten mich doch unbedingt behalten! Gingen mit der Gage beinahe auf das Doppelte. Aber ich gebe mich nicht unter dem Preis. Berlin oder der Tod!“

Er steckte sich eine neue Zigarette an. Ilse sah fragend nach Peter, ob man so etwas glauben solle,und ob es ratsam sei, ihn nicht ernst zu nehmen?Aber der erwiderte diesmal ihren Blick nicht.

62 []„Nun, wir sind weiter auch kein Lumpenpack,“sagte er jetzt geheimnisvoll lächelnd zu Sam. „Stöße von Damenbriefen werde ich wohl nie kriegen, dagegen habe ich solche von sehr ernst zu nehmenden Männern vorzuweisen. Und da wir einmal die deutschen Sitten durchbrochen haben also gut. Seit Paris hab' ich's nicht mehr getan. Berlin ist eine nüchterne Stadt;polizeilich konzessioniertes Kabarett oder das Maul halten.“ Er erhob sich, nickte nun Ilse leicht zu und ging auf leisen Sohlen nach dem Klavier, setzte sich aber nicht daran, sondern blieb dabei stehen, während er auf Ruhe wartend seine dunkeln Augen die Taubenflügel mit dem aufliegenden Sonnenglanz auf die Gäste richtete.

„Nanu!“ brummte Sam, indem er erst überrascht Ilse musterte und dann mit nicht ganz achtungsvollem Aufsehen sich umständlich auf seinem Sitz drehte. „Wat soll woll det wer'n?“ Denn in Sachen der „Wirklichkeit“ hielt er sich nun einmal für die Vorhand.Ilse klopfte das Herz. Das hatte es beim Amerikaner nicht getan. Allmählich wurde es still. Ganz einfach und natürlich begann Schormann zu sprechen. Geeich der erste Vortrag hatte ein ausgemachtes Werbelied zum Gegenstand, in welchem sogar deutlich und mit Absicht die Worte „Ich liebe dich!“ vorkamen, und zwar in jeder Strophe einmal. Er sprach sehr gut, da er schon viel Mühe auf reinen Vortrag verwendet hatte. Darüber hinaus war ihm eine schöne, weiche, ausdrucksvolle Stimme angeboren, welche die Fähigkeit hatte,kraftvoll anzuschwellen. Vor allem durchbrach er heute

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163 []unbedenklich eine gewisse schuchterne Zurückhaltung, die er bisher beim Vortrag von Liebesliedern geübt hatte.Von den mehr bräutlichen Liebesliedern ging er zu den wissenden über, die sich nicht für Kinder eignen,und sogar verwegen spielende waren darunter, die sich auch nicht für alle Erwachsenen eignen. Er selber blieb sich treu, ein Mann, dem nichts Menschliches fremd war und der seit einiger Zeit außerdem wußte, was der Mensch zum Leben braucht. Das wurde aus seinem leise von Sinnlichkeit beschwingten Vortrag so fühlbar,daß auch andere Leute als nur seine Freunde eine Empfindung hatten für das Edelmütige in seiner Frivolität,das die Gattung ihrer Frechheit entkleidete. Peter brauchte also keine Anstrengung, um Sam zu besiegen; er zeigte einfach Ilse, daß er stärker und reifer war, und sie war ebenso einfach stolz auf ihn und voll dankbarer Beglücktheit. Er hatte einen Beifall, wie ein sehr wirkungsvoller Kabarettkünstler, nämlich einen gedämpften, und diese fühlsame Gedämpftheit hielt auch noch eine ganze Weile vor.

Mit leisen Schritten in seinen durchgelaufenen Schuhen ging er zu seinem Platz zurück. „Haben Sie was davon gehabt?“ fragte er Ilse mit der liebenden Sachlichkeit, die ihn heute auszeichnete. Statt der Antwort nahm sie plötzlich seine Hand und küßte sie; in wenigen Stunden war ja doch alles vorbei. Sam tat,als ob er nichts gesehen hätte und trank sehr nachdenklich geworden sein Glas leer. Darauf begann er so nebenbei von einer Jagdpartie in Alaska zu erzählen, die er mitgemacht hatte. Geradezu taktvoll war

22 34 []er jetzt, und Ilse wunderte sich, was für ein verständiger Junge in diesem großmäuligen Burschen steckte. Einen kleinen Trumpf spielte er ja gleich darauf dennoch wieder gegen Schormann aus. Er hatte gesehen, daß bei der Büfettdame in einem Glas einige sehr schöne Rosen standen, die ihr wohl von einem Freund verehrt worden waren. Als seine Blicke zufällig wieder darauf fielen,wurde ihm plötzlich klar, daß Ilse die Flora besitzen müsse. Er stand auf und begab sich zielbewußt wie ein Mann, der eine Sache zu nehmen weiß, zum Büfett, ließ sich zu einer neuen Zigarette Feuer geben,scharmierte ein bißchen mit dem Fräulein und kehrte nach einiger Zeit mit den Rosen in der Hand zu seinem Tisch zurück; er hatte zehn Mark für das Stück gegeben. Im nächsten Moment hatte sie Ilse auf dem Schoß. „Solche Schwestern müssen beisammen sein!“sagte er; seine Stimme klang schon wieder leicht erhitzt.

Doch ließ er Ilse keine Zeit, sich zu äußern. Kurz darauf stand er am Klavier, rief in den Raum:„Niggersongs!“, setzte sich und legte los. Er schmachtete, trompetete, zerfloß in Wehmut oder lächelte heftig entzückt, rollte herausfordernd die Augen oder ließ tragisch die Mähne hängen und trug so kalefornisch auf, daß die Hörer aus dem Lachen nicht herauskamen.Selbst Ilse mußte lachen, da sie nicht wie Schormann das Knurren in der verliebt jaulenden Tigerkehle hörte;sie glaubte, das sei wirklicher, harmloser Spaß und in beinahe freudiger Vergnügtheit rückte sie unwillkürlich mit ihrem Stuhl näher zu Peter hin. Aber doch war ihr vor dem losgelassenen Temperament auch ein wenig

22 2 *

35 []bange, und die Gebärde des Näherrückens enthielt etwas Schutzsuchendes.

Sam, der trotz seines Erfolges irgendwie verstimmt von dieser Darstellung zurückkam, bemerkte gleich die räumliche Veränderung. Er zeigte sich gereizt, weil er bei Peters Freundin nicht genug Beifall fand. „Wenn Sie vielleicht denken, das ist keine Leistung,“ beschwerte er sich. „Na also dazu gehört Witz, und Herz und Lunge müssen auch in Ordnung sein.“ Ilse, um ihn zu beschwichtigen, begehrte zu Hisfen, ob die Neger wirklich so sängen, und mürrisch ging er darauf ein. Doch wider Erwarten arbeitete er das Thema aus, da er fand, daß es schöne Gelegenheit zur Entfaltung von Zweideutigkeiten bot. In dieser Konjunktur wollte Peter ihn nicht zu lange belassen; ohnehin war er ihm die Parade für den Seitenhieb wegen Herz und Lunge schuldig.

Er erhob sich also seinerseits, um diesmal zu Ilses Ehren südfranzösische Eseltreiber nachzuahmen.Sehr schmelzend sang er, tremolierte, zankte sich in geläufigem Französisch mit einem unsichtbaren andern Eseltreiber er hatte die Szene schon Dutzende von Malen seinen Freunden vorgespielt und vergaß vollkommen seine Achillesferse oder vielmehr -sohle. Seine durchgelaufenen Schuhe und Strümpfe erregten kein kleines Aufsehen, ja, sie waren das eigentliche Ereignis des Abends, wie das Flüstern und Hälserecken bewies, das bei ihrem Anblick durch das Lokal ging.Auch Ilse bemerkte die schamhafte Stelle des Freundes. Sie hätte ihm nun nicht bloß die Hände küssen mögen, nein, auch die bloßen Fußsohlen, mit denen er

122 323 []den Boden berührte. Jetzt wußte sie ganz sicher, daß sie zugrunde gehen würde, denn er war so furchtbar,so hoffnungslos arm, daß es nicht einmal jemand im Saal einfiel zu lachen! Geradezu ein Gericht waren diese durchgelaufenen Schuhe und Strümpfe!

Das bewies vollends der Zwischenfall, den sie noch hervorriefen. Schormann hatte schon wieder eine Weile am Tisch gesessen, als der Kellner in diskreter Haltung zu ihm trat und ihm ein verschlossenes weißes Kuvert überreichte. Sam blickte krampfhaft weg, und auch Ilse, als sie merkte, daß der Amerikaner es für anständig zu halten schien, nicht anwesend zu sein,wandte errötend das Gesicht zur Seite, doch hatte sie tief erschreckend noch bemerkt, daß Peter aus dem Umschlag eine beschriebene Visitenkarte und einen Hundertmarkschein hervorzog. „Was für ein Skandal das nun plötzlich geworden ist!“ dachte sie für ihn leidend.So und so viele' Augen richteten sich schon nach dem Tisch. Man besprach ihn, und sie bemerkte, daß auch über sie geredet wurde. Sie wußte bald nicht mehr,wohin sie sehen sollte. Sam war blaß vor geheimer Wut. Er starrte wieder den Nachbar am Nebentisch an und wäre zu einer Boxerei bereit gewesen. Schormann las auf der Karte die Worte: „Von einem, der weiß, wie es in der Welt zugeht!“ Einen Moment war er tatsächlich verwirrt. „Warten Sie,“ sagte er tief betreten zum Kellner, obwohl er noch gar nicht ahnte,was er tun werde. Indessen zog er seine verschlissene Brieftasche heraus, nahm eine Karte und den Bleistift, und ohne sich weiter zu besinnen, schrieb er hin:167 []„Herzlichen und aufrichtigen Dank, aber die Armut ist nicht mein größter Übelstand!“ Unter starker Bewegung sah dann Ilse, die doch nicht Sams Charaktergröße aufbrachte, wie er den Schein mit der Karte in den Umschlag steckte und den Kellner mit beiden zu dessen Auftraggeber zurückschickte.

Der rüstete sich eben mit zwei jungen Damen zum Aufbrechen. „Du, also da ist ein ganz begeisterndes Wesen,“ sagte Sam nun unter einem wahren Ausbruch von Feindschaft zu Peter. „Die Schwarze, die eben aufsteht. Die muß mich noch tanzen sehen. Los,kannst nochmal auftreten. Zeig dich erkenntlich!“ Mit der Gebärde zorniger Verachtung erhob er sich und ging zum Klavier. Die bezeichnete Dame gehörte zu der Gesellschaft, deren Herr Peter die Aufmerksamkeit erwiesen hatte; eben nahm er den Brief vom Kellner zurück. Peter begriff, daß Sam auf eine Demütigung hinarbeitete. Bestürzt obendrein über seine eigene Behauptung, daß die Armut nicht sein größter Übelstand sei, folgte er Sam, setzte sich ans Klavier und begann zu spielen. Alles ging wie in einem bösen Traum. „Aber das hat doch mein früherer Mensch geschrieben!“ grübelte er, während ihm Ilses Gestalt vor den innern Blick trat. „Die Armut ist ja mein schlimmster Ubelstand. Mein Todfeind ist sie geradezu! Freilich, mit hundert Mark wäre ihr nicht beizukommen!“

„Niggertanz!“ hatte Sam inzwischen angekündigt.„Meine Damen und Herren, Sie müssen sich hier so eine sentimentale Affenfratze vorstellen. Schuh und

68*[]Strümpfe sind zerrissen, durch die Hosen pfeift der Wind! Uh!“ Mit dieser kaum mißzuverstehenden Unartigkeit gegen den Freund, zu welcher ihn sein Kraftgefühl und das Bewußtsein, gut angezogen zu sein,verführten, begann er zu tanzen. Seit seiner frühesten Jugend hatte er unaufhörlich Niggertänze geübt und sich in die Psychologie des Negers eingelebt. Er tanzte daher mit vollkommener Naturtreue, da er als moderner Zeitgenosse der Seelenverfassung des Niggers ja nicht so absolut weltfern gegenüber stand. Er tanzte seine eigene geistige Bedürfnislosigkeit, seinen abergläubischen Respekt vor den glänzenden Dingen dieser Welt, seine liebenswürdige, naive Sinnlichkeit, seine unbekümmerte Männchennatur, seine Brutalität, seine eingleisige, einfache Laune, sein Schieberglück, seinen jungen Sängerruhm und seine Rivalität gegen Peter,den er augenblicklich von ganzem Herzen haßte und verachtete. Er tanzte auch etwas schlechtes Gewissen und Verlegenheit über seine Niedertracht. Dies alles ließ sich mit Hopsen, AufdenBauchschlagen, Beineschlenkern, Augenverdrehen, Schaukeln und Wackeln in hinreichender Weise ausdrũcken. Dazu rief er mit sozusagen liebenswürdiger Frechheit: „Uch, ich habe mir einen Nagel zu meinem Sarg in die Sohle getreten!“Manche empfanden das als eine „befreiende Tat“,da man sich durch Peters Armut etwas bedrückt gefühlt hatte. Alles in allem, das Publikum brüllte diesmal vor Lachen, zumal es Sam an einigen wohl angebrachten Unanständigkeiten auch sonst nicht fehlen ließ. Aber man lachte weniger auf Peters Kosten als 169 []auf die seinen, da man aufhörte, ihn als das zu nehmen, als was er gern genommen sein wollte: als Gentleman.

Peter hatte das Gefühl, an einem Spektakelstück des Lebens mitzuwirken. Während er von einem hübschen jungen Philister mit seiner Armut lächerlich gemacht werden sollte, wußte er doch zugleich, daß alles dies in ihm, Peter Schormann, enthalten war. Ilse und Sam Cumberland was sie jetzt waren, das waren sie durch den Eintritt seiner Persönlichkeit in ihr Leben. Der nächtliche Gang der jungen Frau,dieser beinahe viehische Tanz, das Champagnergelage,das noch spielende Ringen der Nebenbuhler um Ilse,alles waren Vorgänge, durch ihn bewirkt. Wie für Furcht, so besaß er auch für Lächerlichkeit kein Verständnis. Dagegen hatte er einen lebhaften und besorgten Einblick in das Tempo, mit dem Sam zerfiel und sich prostituierte.

Tatsächlich war es aber dies Träumerische, Selbstvergessene in seinem Wesen, was ihn vor der Niederlage bewahrte. Das empfand niemand so tief wie Ilse, die der ganzen grotesken Schaustellung tief ernst mit großen Augen zugesehen hatte. Als Sam zum erstenmal das von den zerrissenen Schuhen und Strümpfen sagte, zuckte sie erblassend zusammen, aber beim Anblick von Peters nobler Gelassenheit wurde auch sie wiedee still; sie ahnte, daß ein Sam Cumberland ihren Helden wohl beknurren und bebelfern konnte, aber im übrigen blieb Peter eine Größe für sich. Sam dagegen wurde ihr nun wieder sehr unverständlich.170 []Er schien sich selber nicht durchaus wohl zu fühlen.Als die jungen Männer an den Tisch zurückkamen, war er ganz außer sich, lachte, sang, warf herausfordernde Blicke um sich, um bewundert zu werden, und dazwischen rechnete er mit dem Kellner ab, dem er auf den Rücken schlug: „Na, ist die Welt nu untergegangen, Sie oller Knickebein?“ Diesmal hatte er nicht nur Peter vergessen, sondern auch Ilse; er kokettierte unterschiedslos mit allen Frauen im Lokal, stampfte den Boden wie ein brünstiger Bulle, schnaufte und schwatzte unaufhörlich. Indessen half Schormann Ilse in den Mantel. Sie mußte sich in seiner lieben Nähe bemühen, ihre Wange nicht an seine Hand zu legen,während er ihr den Kragen über den Mantel ordnete.Obwohl sie etwas betrunken war, hatte sie die Geistesgegenwart einzusehen, daß ihr das schon nicht mehr erlaubt war. „Adieu jetzt!“ dachte sie wehmütig. „Lebe wohl, du Süßer! Wirst andere glücklich machen!“Einen Moment war sie so bestürzt über diesen Ausgang, daß sie gar nicht wußte, was sie nun sollte und sich verständnislos im Lokal umsah.

Bald darauf stand sie aber mit den Männern auf der Straße. „Sam hat ja alles bezahlt!“ dachte sie verwundert. „Wie kommt das? Nun, wie es eben kommt, wenn der andoere so arm ist und ich plötzlich nachts auftauche!“ Das war jedoch ihr letzter klarer Gedanke. Sie begriff jetzt, daß sie wohl ein bißchen betrunken sei. Auch Peter schien leicht benommen,wenigstens zeigte er Neigung, still zu werden. Sam hatte dagegen seine große Stunde; von den vier Flaschen 171 []Sekt waren beinahe zwei auf seinen Verbrauch gekommen, ohne die verschiedenen Liköre und Kognaks, die er dazu getrunken hatte. Auf der Straße fing er sofort wieder an zu singen: „Wenn es meine Mutter wüßte, wie mir's in der Fremde geht! Schuh und Strümpfe sind zerrissen; durch die Hosen pfeift der Wind!“ Er schien diese Verwendung des Volksliedes für außerordentlich witzig und wirksam zu halten und wollte sich dazwischen ausschütten vor Lachen über Peters nackte Fußsohlen. „Also, Junge, geradezu um den Hals hätten sie mir fallen mögen, daß ich so die Situation gerettet habe!“

Mochte das nun so sein, so hatte doch Ilse Peter noch nie so sterblich geliebt wie jetzt. Sie hatte den herzlichen und ganz rückhaltlosen Wunsch, mit diesem armen, treuen, gütig wunderbaren Menschen zu Bett zu gehen. Darüber erfüllte zwar gleich eine schreckliche Scham ihr Gemüt, als ob sie den Wunsch laut ausgesprochen hätte, aber auch die Scham änderte nichts daran; es war nun eben einmal wahr, daß sie furchtbar gern mit ihm zu Bett gegangen wäre. „Nun hat man gut gegessen und getrunken, und alles ist aus !“ dachte sie seufzend. „Na, Sam hat's eben bezahlt. Aber es ist ein Unglück!“ Darauf sagte sie so verloren vor sich hin: „Ich liebe dich!“ Das sagte sie in Erinnerung an das erste Gedicht, das Peter vorgetragen hatte. „Ich liebe dich!“ wiederholte sie träumerisch und lachte leise dazu.

Das Wort war so etwas wie ein Signal. Sam warf Peter einen jähen Blick zu. „Wie ein sprung172 []bereites Tier!“ empfand Schormann. Aber den Blick erwiderte er nicht. Inzwischen begann er sich gefaßt zu machen. „Kommen Sie,“ sagte er brüderlich zu Ilse. „Nun wollen wir Sie miteinander nach Hause bringen.“ Freundlich nahm er ihren Arm unter seinen,und sie lehnte sich sofort voller Vertrauen und Geborgenheitsgefühl an ihn. Sam ging eine Strecke schweigend nebenher. Er sah nun selber ein, daß das Spiel zu Ende war und der Ernst begann. „Soll ich ihn einfach niederschlagen?“ erwog er mit kaltem Augenmaß. Doch sah er sofort, daß er dadurch sein Verhältnis zu Ilse in keiner Weise verbessern würde und vor Betretenheit darüber begann er wieder laut zu singen. Plötzlich blieb er stehen. Mit brüsker Stimme erklärte er Ilse: „Also ich schlage mich nun seitwärts in die Büsche, oder Sie hängen bei mir auch ein. Wer hat Sie bis heute kümmerlich am Leben erhalten, der da oder ich? Das Affenspiel habe ich jetzt satt!“ Abwartend war Peter mit ihr ebenfalls stehen geblieben.Aber noch einmal ging die Gefahr vorbei. Erschreckt von der Androhung denn wie sollte sie allein mit Schormann nach Hause kommen, ohne der Verzweiflung zu verfallen? nahm Ilse auch Sams Arm. Er grunzte halb befriedigt, halb drohend.

Nach einer Weile stummen Nebensihr-herTrottens begann ihn aber ihre körperliche Nähe zu beschäftigen.Verliebtheit weckte stets den Schauspieler in ihm; darin besaß er ungebrochen die Natur des Auerhahns oder irgendeines andern Tiermännchens, das sich in der Brunst produzieren muß. Seine gute Laune brach

173 []wieder durch. Er hob von neuem an zu näseln und zu locken, schwenkte die Hüftgegend und begann zu schreiten. „Na, also, Kinder, seid mal keine Stiesels !“forderte er gutmütig auf und trällernd begann er einen Cake-Walk vorzutanzen. Ilse zog er ohnehin mit,und Peter blieb um des Friedens willen nichts anderes übrig als Schritt zu halten, zumal er bemerkte, daß die Sache Ilse Spaß machte. Daran erbaute er sich sogar und schließlich betrieb er den Tanz ihr zuliebe mit einer gewissen Passion. Während er aber so kunstgerecht die Füße stellte und die Beine warf, mußte sie an seine durchgelaufenen Sohlen denken; sie horchte auf seinen Tritt und fand ihn ganz lautlos, wogegen Sam herausfordernd mit den Sohlen aufschlug, und plötzlich mußte sie über all das lachen, über Sams Bullengrazie, über Peters Geistergang, über ihre Verlorenheit, über alles. Sie lachte unaufhaltsam, daß ihr das Herz zu klopfen begann. „Ach du lieber Gott,sind wir denn nicht alle verrückt ?“ kicherte und klagte sie. „Sagen Sie doch, Herr Schormann, geht das mit rechten Dingen zu? Puh, morgen ist auch ein Tag. Wenn das meine Mutter wüßte!“ sang sie nun auch. Aber die Stimme zitterte ihr, und sie hatte Lust zu weinen. Gleich überkam sie jedoch wieder der Lachkrampf.

Peter hörte plötzlich auf zu tanzen. Sam wurde wieder aufgeregt. „Also wenn Sie nicht sofort zu lachen aufhören, so werde ich Sie mitten auf der Straße küssen!“ drohte er; sie wußte nicht, war er nur aufgebracht oder zudringlich. Mit Mühe bezwang sie 174 []sich etwas. Um sie abzulenken, fing Peter an, eine Orchestermusik zu parodieren. Er kannte ganze Symphonien nach der Partitur auswendig und alles führte er auf, die Geigen, die Posaunen, die Celli, die Klarinetten, die Pauken, jedes Instrument nach seinem Klang und seinem symphonischen Charakter. Wie ein Kind ging sie auf seine Ablenkung ein. Sie liebte ihn wieder grenzenlos und wurde ganz traurig vor Bedürfnis, ihm um den Hals zu fallen. Die Lachlust war ihr sogar vollkommen vergangen.

Sam verfiel wieder vorübergehend in ein tückisches Schweigen. Er sah aus wie jemand, der einen Plan bebrütet. Plötzlich brachte er eine neue Art von Tanz auf, vier Schritte vorwärts, zwei zurück, vier vorwärts, zwei zurück, dies alles in einem schnellen Tempo und rhythmisch angeführt von schrill ausgestoßenen Pfiffen, wie man sie von Raubvögeln und Murmeltierböcken kennt. Ilse interessierte sich gleich wieder sehr; sie brauchte heute nun einmal Unterhaltung, um ihr Unglück zu vergessen. Peter wollte zuerst widersprechen; er erklärte einen solchen Tanz für Unsinn.Aber Sams grollendes: „Na, wenn der große Geist meint!“ und Ilses Bitte: „Aber so tanzen Sie doch auch, Herr Schormann! Das ist so lächerlich!“ bewogen ihn noch einmal zum Mitmachen. „Wenn du aber lieber deine Sohlen schonen willst ?“ stellte ihm Sam noch rauflustig frei. „Wir tanzen ganz gern allein, Ilse und ich.“ Darauf antwortete Peter mit einem kurzen Lachen, worin Sam zur Not noch einmal unterkam. Wer dafür Ohren hatte, konnte

175 []sich aber sagen, daß es fraglich sei, ob Schormann seinen Rivalen noch sehr lange decken werde. Sam nannte seinen Tanz „Immer feste druff!“ Er trottete ihn mit dem Stöckchen unter dem Arm, dem Hut im Genick, in modischen Halbschuhen aus Lackleder und schwarzen seidenen Strümpfen. Ilse bog sich leidenschaftlich vor und zurück; sie horchte auf Peters Geisterschritt, aber diesmal lachte sie nicht, da sie fühlte, wie stark seine Lunge arbeitete. Eigentlich wollte sie immer sagen: „Halt, Herr Schormann kann ja nicht mehr atmen!“ Aber sie fürchtete, ihn zu beleidigen und vor Sam bloßzustellen. Peter selber sah ein, daß es auf diesem Wege zur Katastrophe kommen mußte, die Sam auch zweifellos suchte. Sein Herz schlug wie ein Hammerwerk, und seine linke Lunge pfiff. Doch reizte ihn sein Leiden zum Widerspruch. Um diesen gegen die Macht, die es ihm eingebracht hatte, den „deutschen Militarismus“, zu äußern und um gleichzeitig neben Sam auch anderweitig tätig zu fein, begann er obendrein noch laut ein franzoösisches Chanson zu singen.

Nun hatte aber Sam bereits auf eine Straße voraus mit den Augen eines Prariejägers, die er besaß,eine Nachtpatrouille vom Bürgersteig weg in einem Hauseingang verschwinden sehen, ohne daß es ihm nötig erschienen war, Peter darauf aufmerksam zu machen.Diesem fiel nun auch nicht Sams plötzlich wieder eintretende Stille auf; er war ganz an sein Trotzlied hingegeben. Ilse sah und hörte überhaupt nichts als ihn.So kam es für diese und für Peter ganz überraschend,76 []daß wie aus dem Boden gewachsen zwei Schutzleute vor ihnen standen und Halt geboten. Peter hörte auf zu singen. Ilse entfuhr ein leiser Aufschrei, und sie wollte Sam loslassen, aber nicht Peter.

Sam hielt ihren Arm fest. Sein Plan war erwogen. Bevor noch weitere Worte gefallen waren,versetzte er dem nächststehenden Beamten einen Fauststoß unter das Kinn und fing mit Ilse sofort aus voller Kraft an zu laufen. Da an Ilse Schormann hing,und sie ihn unwiderstehlich nach sich zog, lief er ebenfalls mit. Alles geschah in vollkommenem Schweigen,das nach dem vorigen Lärm beinahe unheimlich wirkte.Der zweite Beamte wurde von Schormann nicht absichtlich um, aber notwendigerweise im Anlauf stark angerannt. Peter zitterte wieder still vor Haß gegen eine Gewalt, die sich abermals in einem wichtigen Moment seines Lebens grob störend ihm in den Weg stellte. So kam es aber, daß von beiden Schutzleuten zuerst keiner zur sofortigen Verfolgung bereit war. Bis sie sich aufgesammelt, ihre Waffen gelockert und ihre Figuren in Schwung gebracht hatten, war das Kleeblatt bereits um die erste Ecke herum ihren Blicken entschwunden. Zudem schien Peters Kontrahent beim Straucheln sich beschädigt zu haben; er hinkte. Der andere würgte noch an seinem Faustschlag. Sie erreichten die besagte Ecke und geboten mit erhobenen Waffen von neuem Halt; die Gesellschaft verschwand um eine zweite. Die beiden jungen Männer nahmen mit ihrer gemeinsamen Last, wozu Ilse jetzt vor Schreck und Betrunkenheit wurde, noch mehrere Ecken, und

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Schaffuner, Kinder des Schichals.

177 []es beständ alle Aussicht, daß sie sich in Sicherheit brachten. Ja, sie waren bereits überhaupt so gut wie geborgen, aber Sam bestand darauf, die Flucht fortzusetzen. Er war darauf eingerichtet, so lange zu laufen,bis Peter aufgab oder zusammen brach.

Peter begriff. Er tat gutwillig noch ein paar hundert Schritte. Dann ließ er Ilse los, um nach dem Herzen zu fassen. Die Kehle schnürte sich ihm zu.Wie gebrochen wankte er nach den Häusern hin. Dort stützte er sich einige Sekunden hindurch mit einer Hand gegen die Mauer. Am Verputz ließ er sich darauf langsam niedergleiten, bis er schwer atmend und vornüber geneigt auf den Platten des Bürgersteigs saß, eine Hand seitwärts unter sich gestemmt, die andere tastend an seiner Halsbinde und dem Kragenknopf. Solange hatte Sam, von Ilse aus aller Kraft gehemmt, seinen Lauf eingehalten. Jetzt zerrte er sie wieder vorwärts. „Wir haben keine Zeit, einem Schwächling abzuwarten,“knurrte er grimmig. „Die Schutzleute sind hinter uns!Los!“ Sie kämpfte gegen ihn. „Ich will aber nicht!“klagte sie. „Ich will bei Herrn Schormann bleiben!“Leidenschaftlich suchte sie sich von ihm zu befreien. Peter selber beendigte diesen Kampf. „Gehen Sie mit!“winkte er ihr zu. „Sie sollen nicht hier bleiben.Morgen oder übermorgen sehen wir uns wieder!“Ergriffen von seiner Stimme und Handbewegung begann sie zu schluchzen, aber Sam ließ ihr keine Zeit mehr. „Da hören Sie selber,“ schnob er ungeduldig.„Seien Sie doch vernünftig. Wollen Sie als Straßendirne ins Loch kommen?“ Er riß sie mit sich weg.79 []Als sie sich weiterhin wehrte, nahm er sie kurzerhand über die Schulter und trug sie.

Nicht sehr lange danach kamen die Beamten bei Schormann an; auf einen so leichten Fang hatten sie bereits nicht mehr gerechnet. Sie wurden miteinander einig, daß der Hinkende bei ihm bleiben sollte, während der andere mit neuer Hoffnung die Verfolgung fortsetzte. Sam hatte mit Ilse bei Schormann Zeit verloren. Auch nachher wurde er durch sie aufgehalten,da sie sich fortgesetzt sperrte und gegen ihn schlug.Wenn er sich von hinten einholen ließ, so war alles verloren. Er hatte ja für mehr zu kämpfen als nur für seine Freiheit; er kämpfte um den Besitz dieses Abenteuers, das sich Ilse Krätke nannte. Stehen bleibend überlegte er. Darauf trug er Ilse zum nächsten Hauseingang und setzte sie auf die Stufen nieder.„Wenn Sie uns verraten, so fliegt Schormann mit hinein!“ bedrohte er sie. Erschreckt ergab sie sich; Peter wollte sie nicht in Gefahr bringen. Neben ihr sitzend erwartete Sam das weitere. Nach einiger Zeit kamen eilige Schritte von genagelten Stiefeln die Straße herab. Ilse zitterte an allen Gliedern. Sam lauerte.Die Gestalt des Schutzmanns tauchte aus dem Halbdunkel auf. Beinahe wäre Sam die List gelungen.Im letzten Augenblick wurde er jedoch mit Ilse entdeckt; ihre hellen Kleider hatten die Blicke des Verfolgers auf sich gezogen. Sam erkannte sogleich die Lage. Mit zwei Sprüngen war er neben dem überraschten Beamten. „Nehmen Sie hundert Mark?Zweihundert? Dreihundert?“ fragte er ihn knurrend

*

178 []wie ein Puma. Der Beamte stutzte noch einmal, doch dann erhob er den Dienstrevolver. „Hände hoch!“befahl er. Hierauf war Sam gefaßt gewesen. Von einem Fausthieb getroffen flog die Waffe zu Boden,und schon folgte ihr der Schutzmann nach. „Pachulke,verdammter!“ brummte Sam wütend über ihm.„Kannst kein Geld nehmen, nee?“ Der Schutzmann rief um Hilfe und gebrauchte die Pfeife. Sam beeilte sich, ihn zum Schweigen zu bringen. Darauf raffte er Ilse wieder auf und begann die Flucht von neuem.Jetzt widerstand sie ihm nicht mehr, da sie glaubte,&

Etwas später kam der andere Schutzmann, von dem Hilferuf seines Kameraden herbei gezogen. Diesen fand er halb betäubt und Blut spuckend auf dem Asphalt sitzen, vorerst noch ganz unfähig, sich aufzurichten.Nachher zeigte es sich, daß auch der Platz, auf dem Peter mit seinem Herzen gerungen hatte, leer war.Alles, was der Hinkende von ihm in Händen hielt,war seine Brieftasche und sein Notizbuch.

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Elftes Kapitel.

We Gott seine Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen läßt, so dient auch die Erfindung des Automobils den Schlimmen und den Guten. Vielleicht macht es Schwierigkeiten, Sam Cumberland unter diesen Kategorien exakt einzureihen. Für übermäßig gut hatte ihn selbst seine Mutter nicht immer gehalten.Ohne ihm weh zu tun, darf man sagen, daß sein Charakter gewisse Schattenseiten enthielt. Vom Automobil aber kann man geradeaus erklären, daß es in den Großstädten wenig Gewalttäter und Verführungsgeschichten gibt, in denen es keine Rolle spielt. Sam, als er seinen Verfolger für die nächsten Minuten sicher untergebracht wußte, hatte wie gesagt seine süße Last wieder aufgenommen und die Flucht fortgesetzt. In der dritten Straße kam ihm ein leeres Auto erwünscht. Er rief es an, setzte Ilse hinein, nannte deren Straße und Hausnummer, und unter einem starken Frohgefühl, der Aufsicht von Polizei Und Freundschaft entronnen zu sein, nahm er neben der Frau Platz. Im nächsten Augenblick fuhr man schon dem Norden zu. „Es wird gut sein, sich während der nächsten Wochen in diesem Revier nicht sehen zu lassen,“ überlegte Sam.

Unruhe machte ihm der Gedanke an Peter, der ,81 []offenbar den Häschern in die Hände gefallen war,aber er verließ sich auf dessen Ehrenhaftigkeit, so wenig Verlaß auf seine eigene war. Auch ließ ihn die Nähe dieser Frau nicht weiter darüber nachdenken.Bald lag sie schwer mit ihrem ganzen heißen, betrunkenen Gewicht auf seiner Schulter. Bald stemmte sie sich gegen ihn mit Händen und Knien. Raunte er ihr aber ins Ohr: „Sei gut, my darling, ich bin doch Peter!“ so brach sie in erbittertes Schluchzen aus.Diese Entfaltung von weiblichen Düften voll schwüler Essenzen aus der Liebeschemie der Natur, diese Wolken von Körperparfüm, diese Laute, Bewegungen und sehenswerten Darbietungen eines ganz unverbrauchten Lebens, alle diese Empfindungen und Sensationen machten ihn vollkommen toll.

Ilse hatte nun wie ein brennendes Haus oben und unten zu wehren. Sie organisierte ihren Widerstand mit den traumhaften Kräften, die ihr ihre anständige und von Hause aus reine Natur zu diesem Zweck verliehen hatte, aber sie war betrunken und sie hatte ihre eigenen Triebe gegen sich. Außerdem war sie zum Sterben müde und hatte den Wunsch, besinnungslos durch Tage, Wochen, Monate, ja für ewig, ewig zu schlafen und nie mehr aufzuwachen. Sie dachte immer wieder an den Gashahn zu Hause und dazwischen erinnerte sie sich liebe- und sehnsuchtsvoll an Schormann und an ihre Kinder. Aber stets, wenn sie erwachte, fand sie sich in Sams Armen, hörte sein Liebesgespräch dicht an ihrem Ohr er sprach immerfort,ob sie hörte oder nicht fühlte seine Hände an ihrem

244 X []Körper und seine Wange an der ihren, und verzweifelt begann sie den Widerstand von neuem. „Ach, mein Gott,“ klagte sie. „Ich bin doch so entsetzlich müde.Wohin fahren wir eigentlich? Ich will nach Hause!“Indessen erinnerte sie sich, daß Sam selber ihre Wohnung als Ziel der Fahrt angegeben hatte. Eine Zeitlang grämte sie sich noch still weiter, darauf schlief sie wieder ein. Sofort saß Peter Schormann neben ihr.Während Sam wieder ihre Hand nahm, begannen ihre Finger liebend und gewährend in den seinen zu vibrieren und zu spielen. Träumend neigte sie ihr Gewicht seinen Schultern zu, und in dem bekümmerten Gesicht ging ein Lächeln von bezaubernder Lieblichkeit auf.

Die Straßenlaternen beleuchteten und zeigten ihm alles. Aber er traute ihr plötzlich nicht mehr. Ihr Dasein schien ihm nun so eine stille Hoheit zu atmen.Ihre schlafende Wachsamkeit hatte etwas Warnendes.„Na, also,“ knurrte er mit zweifelvollem Verdruß.„Schormann überall!“ Eifersüchtig erlitt er das Feuer und die Schmerzen dieser sittlichen Konfrontierung,während sein Kopf wieder hingegeben Pläne zu spinnen begann. „Sogar ganz zuverlässig wird sie Lärm schlagen!“ erwog er sprunghaft voraus denkend. „Der Teufel verlasse sich auf diese Schweigsamen!“ Nun flüsterten ihre Lippen im Schlaf; sie formten Worte, die mit hoher Wahrscheinlichkeit „Peterchen“ und „Liebling“hießen. „Ach was, Quatsch!“ fuhr es ihm noch einmal durch den Sinn. „Fang sie an zu küssen; das weitere wird sich finden!“ Allein er widerstand.183 []„Nicht hier!“ wehrte eͤr sorgenvoll ab. „Bei ihr zu Hause.“

Um weniger zu leiden, blickte er nach der andern Seite. „Donnerwetter, ist es denn bloß der Leib,den ich liebe ?“ verteidigte er sich darauf. „Diese ganze entzückende Person, dies duftige Wunder, diese herrliche Seele !“ Doch dies kam ihm dumm vor, obwohl es vielleicht auch etwas Wahrheit enthielt; er sah Schormanns gutmütiges Lächeln, das er stets zeigte,wenn Sam geistig werden wollte. Go to helll“schimpfte er. Auf deutsch wiederholte er: „Fahr zur Hölle!' Hol dich der Teufel, verdammter Intellektueller!“ Trotzdem hatte er seinetwegen bis zu diesem Moment nicht gewagt, Ilse zu küssen, und er wagte es auch ferner nicht. „Wie aus der Ferne längstvergangner Zeiten “ klang es ihm wieder durch den Kopf, aber das kam ihm ebenso dumm vor. „Gequassel!“ knurrte er. Hier schien ihm jedes Wort unzulänglich. „Nur Oberlehrer können da noch Worte machen! Na, und solche Dichter. Denk nicht an die unanständige Gesellschaft, Sam, smarter Junge!“

Zu seinem Glück hielt nun das Auto. „Jetzt werden wir sehen,“ brummte er liebend. Mit einem geschickten Griff hatte er Ilses Täschchen geöffnet und ihre Schlüssel herausgefischt, die er in seine Tasche steckte.Darauf stieg er aus Alse schlief wohlunterhalten weiter lohnte den Fahrer ab, schloß die Haustür auf, die er mit seinem Stock verklemmte, und ging Ilse holen. Wenn sie keine ungehörige Berůhrung merkte, so schlief sie. Sanft hob er sie aus dem Ver[]schlag und stellte sie draußen sofort auf die Füße, um nicht wieder ihren Widerstand zu wecken. Von seinem Arm in erlaubter Weise gestützt, begann sie zu gehen. Drinnen wartete sie träumend, bis er die Tür verschlossen hatte. Darauf setzte sie ihre nachtwandelnde Heimkunft fort. Sie roch ernsthaft beruhigt die bestimmte Atmosphäre ihrer Hauseinfahrt. Flüchtig erwachend sah sie die bekannten Wände und Raumverhältnisse. Der ganz besondere Hall, den ihre Schritte auf den Platten erweckte, sagte ihr, daß sie nach Hause gekommen sei. Droben fühlte sie ihre Kinder voraus.Ihre Wohnung, die Küche, der Gashahn, die Seele ihres Heims, sein Schweigen, seine Verdassenheit, seine ehrbare Armut: alles das war nun der Inhalt ihres Geistes. Schormann schwebte mit dem Sinn der Welt über diesem Dasein. Mit dem Zuschlagen der Haustür hinter ihr war sie wieder einsam geworden, war sie allein diese verlorene, stille, zum Untergang bestimmte Prokuristenwitwe Ilse Krätke.

So betrat sie den Hof. In der kühlen Nachtluft kam sie zum zweitenmal zu sich. Einer der Büsche hatte ihr Gesicht mit einem Zweig gestreift, als wollte er sie wecken und sozusagen freundschaftlich warnen.Sie besann sich angestrengt. Da fand sie es verwunderlich, daß noch jemand neben ihr ging. „Wer mag es sein?“ dachte sie unklar. Sie fühlte, daß sie einen Grund hatte, nicht hinzusehen; auch dies beunruhigte sie. „Es wird wohl mein Zimmerherr sein,“ vermutete sie, indem sie ins Haus eintrat. Beinahe augenblicklich spürte sie, daß sie auch für diese Vermutung 185 []einen Grund hatte. Sie war eine Vorstellung, die ihr sozusagen der Geist des Hauses zu ihrer Rückkehr als Eintrittsgabe schenkte. So und so viele Frauen hatten nun einen Zimmerhern oder eine Zimmerdame. Wenn Ilse die große Stube vermietete, so bekam sie monatlich wenigstens fünfzig Mark dafür. Darüber lohnte es sich vielleicht, näher nachzudenken. Wieder wurde der Schlaf Herr über ihre Sinne. Langsam Schritt für Schritt erstieg sie mit Sam die Treppen. Manchmal stieß sie mit den Fußspitzen an eine Stufe an,aber sie strauchelte nicht. Ihr Geist kämpfte. Eine geheime Bewegung ging darin vor. Je mehr sie sich ihrer Etage näherte, desto größer wurde diese seltsame Bestimmtheit und Klarheit auf dem Grund ihres Wesens. „Ich bin zwar betrunken, aber doch ganz nüchtern,“ flüsterte sie, und diese Formulierung überzeugte sie so, daß sie zum drittenmal wach wurde.

Eben überwand sie den letzten Absatz der Treppe.Unwidersprechlich nahm sie bereits den Duft ihrer Kinder wahr. Gespannt horchten ihre Ohren. Es war alles still. Aus der gegenüberliegenden Wohnung drang leise das Gewimmer eines Säuglings. Oben schlug ein kleiner Hund an. Aber hinter dieser Tür regte sich nichts; sie blickte ihr mit schweigendem Ernst entgegen. Nun war Ilse ganz wach. Aus diesem Briefschlitz hatten die Kinder geheult und gerufen wie lange war das her? Wohl noch nicht zwölf Stunden.Trotzdem schien es eine Ewigkeit zu sein. Auch der liebe Schormann war einmal durch die Tür getreten; dadurch hatte sie eine Weihe empfangen. Die Treppen36 []beleuchtung brannte; darüber wunderte sie sich wieder.Wieder fiel ihr ihr Begleiter auf. Ohne hinzusehen,wußte sie nun, wer er war. Wie im Traum erinnerte sie sich, was sich zuletzt mit ihr begeben hatte, an ihren Kampf mit ihm, an sein heißes Geflüster, an ihre Bitten und jetzt stand er mit ihr vor ihrer Wohnungstür. Sie errötete jäh. „Mein Gott, was nun tun?Da schlug seine Stimme an ihr Ohr: „Kannst du stehen, darling?“ Noch einmal war alles da, in diesem zärtlich knurrenden, verliebten und männchenhaft verwegenen Klang. Mit dem gleichen Ton hatte er ihre ganze Heimkehr begleitet. „Achtung, Engel, eine Stufe! Warte, ich werde Licht machen! Bißchen höher das süße Füßchen! Ach, du Schatz, wohnst du denn im Himmel?“ Die Beleuchtung war ausgegangen, als er eben den Schlüssel eingeschoben hatte.„Ja, ich kann sehr gut stehen,“ erwiderte sie in einem Ton, der ihr selber tollkühn vorkam. „Machen Sie nur wieder hell.“ Es klang da etwas mit, eine Schwingung sozusagen von der Urmutter Eva, die in der Mitte zwischen Gott, Adam und der Schlange stand; das machte ihn wieder ganz toll. „Ach, du wunderbare Frau!“seufzte er hingerissen. Er fiel wieder aus der Rolle,so daß er sie umarmte; er fand es nun sogar erlaubt,sie zu küssen. Aber sie drängte ihn nach dem elektrischen Knopf an der Wand. „Machen Sie Licht!“verlangte sie hastig. „Man kann ja nichts sehen!“Lachend ließ er sie und ging nach dem Knopf. In der Zeit schloß sie mit dem Schlüssel, den er vor Verliebt187 []heit hatte stecken lassen, ziemlich geschickt auf. Als es wieder hell war, sah er sie gerade durch die Tür eintreten, aber anstatt sie ihm offen zu lassen, wandte sie sich mit derselben wiedergewonnenen Behendigkeit herum und schlug sie ihm vor der Nase zu.

Als leidlich intelligenter Junge, der sich in der Welt auskannte, konnte Sam nicht lange darüber im Zweifel sein, was ihm passiert war. Vor Verblüffung schob er den Hut ins Genick. Darauf begann er zu überlegen. Was war zu tun? Gewiß, er hätte können an ihre Tür schlagen, die Klingel in Betrieb setzen und andere knabenhafte Demonstrationen ausführen, aber einmal hätten sie ihm nichts geholfen, da Schormann hier der Sieger war und der Sieger blieb, und andererseits hätte er sich höchstens die Hausbewohner auf den Hals gezogen. Seine Lage, in einem fremden Haus eingeschlossen, ohne Schlüssel, ohne Hausrecht, in vorgerückter Nachtzeit, war ohnehin nicht eben vorteilhaft,wie er gleichfalls einsah. Ehe er dazu überging, die Folgerungen daraus zu ziehen, steckte er sich eine Zigarette an. Noch versuchte er sich mit einem Vergleich. Er ließ die Klingel ein wenig anschlagen. Darauf sprach er in versöhnlichem Ton durch den Briefschlitz: „Also, Frau Krätke, dann werfen Sie mir wenigstens den Hausschlüssel heraus, damit ich auch nach Hause kann.“ Vergeblich wartete er auf Antwort oder auch nur auf eine leise Regung in der Wohnung.„Hat sich natürlich eingeschlossen und will nichts mehr hören.“Achselzuckend trat Sam von der Tür weg und

188 []begann nun ernsthaft nachzudenken, wie er den Rest dieser Nacht anderweitig verbringen solle. „Na, also trommelst eben für fünf Mark den Portier heraus!“entschied er. „Doch einfach!“ Es war aber nicht so einfach. Erstens lag die Portierwohnung irgendwo versteckt im Hof. Zweitens hatte sie wohl eine Klingel,aber keine elektrische, sondern eine kleine Türrassel, die kaum einen Ton gab. Eine Zeitlang unterhielt er sich damit zu drehen. Dann klopfte er. Schließlich hämmerte er. Mit demselben Erfolg hätte er diskret mit der Zunge schnalzen können. Die Portierhöhle lag so,daß es im Schlafzimmer unmöglich war, etwas zu hören, selbst wenn man nicht im besten Morgenschlaf lag. Es war eines jener idyllisch angeordneten Wohnlöcher, wo von der Tür ein langer Korridorschlauch zuerst an der Küche und dem Bad vorbei zur guten Stube führt; hinter dieser guten Stube liegt dann die Schlafkammer. Rechnet man, daß beide Türen geschlossen sind, daß der Mieter Gefallen an dicken Portieren hat, daß im Schlauch noch Schränke stehen, und daß er überdies krumm liegt, beinahe einen rechten Winkel beschreibt, so ist es ganz unnötig, beim Uberhören eines bescheidenen oder auch unbescheidenen Pochens an der Außentür Böswilligkeit anzunehmen.Alle diese Voraussetzungen trafen hier in gesammelter Weise zu; sie treffen fast überall in gesammelter Weise zu.Sams Gemütsumstände verschlechterten sich nun rapid.

Welt und Leben sind ja schließlich bei keinem etwas anderes, als der kleine Bezirk innerhalb seiner Haut.39 []In derselben Tür hatte Sam das Rosentor der Liebe und Ilse die Pforte der Erinnerung an Peter gesehen.Nachher sah er darin ein ernüchterndes braun angestrichenes Brett, und sie die sichere Planke der Bergung.Wie Sam vermutete, war sie aber dabei nicht stehen geblieben, sondern, ohne abzulegen, und ohne links und rechts zu sehen, nach der Schlafkammer zu ihren Kindern gegangen. Sie atmete nicht hoch auf. Sie streckte nicht die Arme aus oder griff an den Kopf mit dem Ausruf: „Gerettet!““ Sie ging einfach zu ihren Kindern. Den Amerikaner hatte sie bereits vollkommen vergessen.

Sie fand Mäxchen mit ausgestrecktem Arm und geballter Faust auf der rechten Schulter liegend; er sah immer sehr ernst und gesammelt aus, wenn er schlief,wie ein kleiner Mann. Emma lag mit offenem Mund auf dem Rücken, das blonde Haar um sie her, einen Arm unter dem Kopf, und schien zu lächeln; sie hatte schon etwas von einer jungen Schönheit an sich. Ilse betrachtete sie beide lange. Geweint schienen sie wahrend ihrer Abwesenheit nicht zu haben; sie wußte, wie ihre Kinder aussahen, wenn sie geweint hatten. Sie sah ihre kleinen Kleider, ordentlich über die Stühle gelegt, wie sie es von ihrer Mutter gelehrt waren, zu oberst die Hemdchen. „Wirklich ordnungsliebend sind sie. Sehr wohlgezogene, artige, kluge Kinder!“ Doch brachte ihr diese Betrachtungsweise keinen Trost, eher war sie ihr eine schwere Anfechtung. Sie hätte doch einen Sinn enthalten müssen. Es wäre nötig gewesen,daß sie irgendwohin wies, eine Zukunft versprach, An25 []haltspunkte bot. Gut, die Kleidchen lagen auch heute ordentlich genau über den Stühlen, obwohl es, Gott wußte, warum, besser gewesen wäre, sie hätten auf dem Boden verstreut gelegen. Es wäre auch besser gewesen,daß Mäxchen nieht dies entschlossene Gesicht im Schlaf machte, und Emma nicht lächelte wie eine verführerische Schönheit. „Mein Gott, worauf verlassen sich denn diese Kinder? Diese Seelen! Da wachsen immer und und unaufhörlich diese Leiber auf, gierig, hoffnungsvoll,lebenssicher. Und was ist sicher im Leben? Nun,der Tod ist sicher !“

Sie prüfte ihre Kinder, ob auch vom Tod ein Zug in ihren Gesichtern enthalten sei. Gewiß, sogar ganz sichtbar drückte er sich aus. In ihren Schläfen saß der Tod. Aus den Schläfen aller Menschen sprach der Tod. Sie atmete auf. Plötzlich hatte dieser entschlossene Ernst ihres Sohnes und das verlockende Lächeln der Tochter einen andern Sinn. Der Tod, der Tod war überall. Diese Möbel künstlich hergerichtete Teile von längst gestorbenen Bäumen. Wie Gespenster kamen sie ihr vor. Diese Teppiche und Gardinen gewebte und aufgefärbte Überreste einstiger Pflanzen.Die Schuhe Hautfetzen verendeter Tiere. Aus allen Winkeln und Gegenden des Daseins kamen ihr die Gedanken und Vorstellungen ihrer Lebensbage. Auf einmal begriff sie, warum sie so einsam war zwischen all den Gegenständen und Einrichtungen.„Der Tod ist Gott!“ flüsterte sie. Die Sentenz war der Titel und Schlußruf eines Schormannschen Gedichtes.

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74 []Sie wollte niemand anklagen, nein. Wen hätte man auch anklagen sollen? Die Eltern, die sie gezeugt hatten? War sie nicht selber Mutter von zwei Kindern geworden? Ihren verewigten Gatten? Gott wußte es: er hatte es nur gut gemeint. Wer blieb noch?Schormann. Aber Schormann war ihr nichts, nichts schuldig. Er war zudem arm und machtlos. Die göttliche Kaiserpfalz hinterließ ja einen gewissen Schmerz von unerfüllten Hoffnungen und unerfüllter Sehnsucht. Mochte man sich das ehrlich zugeben. Doch hinter diesem stand das leere, hohläugige Morgen, dieser Tag, dem ebenfalls, noch nicht ganz geboren, schon der Tod aus den Schläfen sah, der Hungertag, der Tag der Schande. Genau so, wie sie es gedacht hatte, war es gekommen: heute noch einmal gelebt, und dann ein Ende. „Ich ahne, die Ewigkeit will beginnen mit einem Duft von Salz.“ Sie erbleichte tief und nachhaltend.Nun brach dies Allgewaltige, das sie immer vorausgefühlt hatte seit den Tagen ihrer frühesten Jugend,mit Schormanns Zeichen versehen über sie herein. Der ganze Weltraum war ihr jetzt voll von seinem Wort.Himmel und Erde umfaßte ihr seine Stimme. „Führ uns an der Hand bis ins Vaterland!“ sang es in ihr.Es war kein Wort Schormanns, doch war es eine Empfindung Ilses. Sie hatte nun die Vorstellung, daß Schormann, da er zu arm und zu machtlos war, um mit ihr zu leben, und vielleicht auch viel zu hoch dafür stand, wenigstens sie an der Hand ins Vaterland des Todes führen wollte.

Voll übermächtigen Verständnisses für ihren Unter[]gang erhob sie sich. Sie setzte den Hut ab und zog den Mantel aus; beides versorgte sie in den Schrank.Auch ihre Kleider, die sie, bei dem letzten Ausflug nach dem Leben, hier hatte liegen lassen, brachte sie unter.Mochte man leere Schüsseln und Vorratsbüchsen hier finden, aber Unordnung sollte man nicht antreffen.Vorübergehend bemerkte sie durch die hochliegende Lichtscheibe über der Außentür, daß das Treppenbaus dunkel lag; Sam war also abgezogen. Gut, mochte er in Gottes Namen abgezogen sein. Dies singende und tanzende Männchen: was hatte sie mit ihm zu tun? Sie ging in die Küche und schloß das Fenster. Da sie Durst hatte, trank sie ein Glas Wasser aus der Leitung. Dann rückte sie die Küchenbank vor den Herd und kehrte ins Schlafzimmer zurück, um die Kinder zu holen. Die paar Schlücke Wasser hatten sie entspannt; es war nun nicht mehr die übernatürliche Gehobenheit in ihr. Die mütterliche Erde hat ja viele Mittel und Wege, um Zugang zu ihren Kindern zu finden. Ilse fühlte sich so recht irdisch müde und schlafsüchtig. Auch die geisterhafte Klarheit in ihrem Kopf nahm ab. Sie dachte beinahe nicht mehr an Schormann; das lag nun ebenfalls hinter ihr.

Immerhin: in ihr weinte es leise. Eine ferne,traurige Stimme klagte um ihre frühe Vernichtung.Das Bild ihrer Mutter erschien ihr vorüberschwebend vor dem Blick; vielleicht war sie es, die da klagte. Sie begann wieder zu träumen. Eine gute Zeitlang stand sie mitten im Zimmer und schien ganz vergessen zu haben, was sie wollte. Darauf schüttelte sie langsam,

13 Schaffner, Kinder des Schicksals.

193 []beinahe feierlich den Kopf. Nein, es gab kein Zurück.Abgesehen von dem gemeinen Jammer des Daseins, der Bettelei und dem sittlichen Niedergang, die dann Besitz von ihr ergriffen, würde auch der Amerikaner nicht aufhören, um ihre Tür herum zu streichen. Morgen klingelte er vielleicht ganz dreist an. Ach, und was das dann bedeutete, das zu ermessen, war sie vollkommen erfahren‘ genug. Ein leises, kummervolles Ekelgefühl durchdrang sie. Von nirgends her und niemand hatten ihre Kinder nicht dies Reinlichkeitsbedürfnis und den hochfliegenden Sinn. Der Ekel verbreitete sich nun wie ein Schleier oder ein Schneckenschleim über das gesamte Dasein. Wer dies zu sehen bekommt, der ist reif zum Sterben.

Die Uhr schlug drei. Vor den Fenstern regte sich der erste Schein der Dämmerung; der Morgen graute.Sie trat an Mäxchens Bett und nahm ihn auf. Sie war nun so müde, daß sie einen zweimaligen Ansatz brauchte, um damit zustande zu kommen. Auch fühlte sie zum erstenmal eine innere Verwüstung nach allem Wein und Zigarettenrauch und nach den unerfüllten Liebeswallungen. Sie kam sich beschmutzt und betastet,sozusagen betreten vor. Männer waren in ihrem Vorhof gewesen. Der eine hatte alles an sich gerissen,der andere nur gebetet. Schluchzend und mit ihrer Last schwankend trug sie Mäxchen nach der Küche, wo sie ihn auf die Bank setzte. Er blieb geduldig sitzen.Nach einigen Augenblicken kam sie auch mit. Emma.Die Küche lag nach einem andern Hof hinaus; hier war das Tagwerden schon fühlbarer. Ein Stern flim

19 4 []merte noch blaß durch das Fenster herein. Ilse schluchzte stärker, während sie die Küchentür hinter sich zuzog.

Allein, nun ging hier eine geheime Bewegung vor. Die Küche füllte sich mit einem grauen Schein,der rechnend und pedantisch war, und dessen Leben aus einem andern Reich stammte. Dieser Schein war er, Krätke, der Verewigte, den sie hatte verlassen,hinter sich bringen wollen, und der sich als stärker erwies, als alle diese lebenden Männer, diese Lebemännchen und edlen Dichter, treibend auf der Woge des Lebens. „Der Tod ist Gott!“ schien er mit Schormann zu sagen, aber er sagte es in einer andern, sozusagen zurechtweisenden Bedeutung. Nun, mochte der Tod schon wirklich Gott sein! Was wuß!e Er davon?„Hast du mich etwa vor diesem Ende bewahrt?“ fragte sie den Geisterschein ihres Dahingegangenen. „Bis zu deiner legalen Ehe hast du doch ein freies Junggesellenleben geführt. Jetzt bist du da, um mich zu holen, aber ich sterbe von Herzen ungern und in Verzweiflung; das kannst du immerhin denken!“

Ihre Slimmung verdüsterte sich unaufhaltsam. Sie hatte auf der Bank Platz genommen, rechts neben sich Mäxrchen, links Emma. Eine Decke, um sie alle einzuhüllen, hatte sie gleich mitgebracht. Umsichtig packte sie die Kinder ein. Alles tat sie wie im Traum oder in der Todestrunkenheit. Es war eine unendlich bittere Trunkenheit. Schmerzvoll öffnete sie die Gashähne. Eine Zeitlang starrte sie noch gedankenlos auf den Herd. Schon schwanden ihr die Sinne. Im letzten Auftauchen bemerkte sie noch einmal den Geister5

9 []schein um sich, aber sie war schon zu befremdet, als daß er noch einen Eindruck auf sie machte. Außerdem bemühte sie sich, zu hören, ob das Gas auch wirklich singe. Damit beschäftigte sie sich bis ganz zuletzt, doch schlief sie endgültig ein, ohne die Frage entschieden zu haben. Die Kinder sanken nacheinander über ihren Schoß, und sie stützte sich unruhig träumend vornüber auf die Herdkante. Schwer und klagend seufzte sie auf, darauf wurde sie still; Tag und Nacht, Leben und Tod kamen in ihr zur Ruhe. Der Morgen brach über die große Stadt herein. Der geisterhafte Schein in der Küche verschwand und machte einem zarten silbernen Leuchten Platz. In ihrem Traum hörte Ilse wie den Gesang von Vögeln das Rauschen der Gashähne. Ein großes Schluchzen schien ihr in der Natur aufzukommen.Doch tröstend vernahm sie Schormanns gütige Stimme:

„Bald wird die Grundharmonika verhallen,

Die Seele schläft mir eiin.

Nun wird der Wind aus seiner Höhe fallen,

Die Tiefe nicht mehr sein.“Es war eine jener Strophen, die sie für sich abgeschrieben hatte. Eine leise kummervolle Freude darüber, daß der Wind aus seiner Höhe fallen und die Tiefe nicht mehr sein werde, erschien in ihren müden,blassen Zügen.

*1953 []

Zwölftes Kapitel.

N Peter Schormann merkte, daß er am Leben bleiben solle, daß man ihn allein gelassen hatte, und daß sein Herz wieder arbeitete, tat er, wie die drei Hasen im Lied: er rappelte sich zusammen. Der Schutzmann hatte verschiedenes von ihm wissen wollen, vor allem seinen Namen, aber Peter war ihm den Gefallen widersetzlich schuldig geblieben. Statt dessen hatte er es geschehen lassen müssen, daß der Beamte,bevor er seinem Kollegen zu Hilfe eilte, seine Brieftasche und das Notizbuch mitnahm. In Gottes Namen, im Notizbuch standen keine Personalien, sondern bloß Gedichtideen und Merkworte für Besorgungen. Was aber die Brieftasche anging, so zeigte es sich, daß der edle Stolz immer etwas für sich hat; hätte Peter nicht jene hundert Mark mit seiner letzten Visitenkarte dem Herrn zurückgeschickt, so wäre er jetzt in Schlamassel gesessen.Er hatte also alle Ursache, sich zu dieser Haltung zu beglückwünschen. Es bleibt noch ein Wort über seinen Gesundheitszustand zu verlieren. Er besaß ein großes,starkes Herz, das auch für einen Riesen ausgereicht hätte, sogar ein besonders gesundes, leistungsfähiges Herz hatte er von Hause aus, wie er überhaupt mit einer kräftigen Konstitution begabt war. Hinsichtlich seiner

97 []Gesundheit hätte er also ruhig in manchen Beziehungen mehr drauflos leben können, bloß laufen und sich zu stark körperlich bewegen durfte er nicht, denn da hinderten seine Verwachsungen das Herz an der Betätigung,und der Atem ging ihm aus.

In der richtigen Auffassung seiner Gesamtlage erhob er sich also und ging so schnell, wie es seine Verhältnisse zuließen, nach Hause. Als er die Haustür hinter sich geschlossen hatte, murmelte er hinsichtlich der Polizei einen Wunsch, den schon Götz von Berlichingen in anderer Beziehung geäußert haben soll, der einem aber selten erfüllt wird. Ich teile das mit, um zu zeigen, daß er sich im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte und auch seines Lebensgefühls befand. In seiner Wohnung angelangt, entdeckte er dann, daß er nicht die geringste Lust habe, zu Bett zu gehen. Er überlegte, was zu tun sei, und bemerkte, daß er eigentlich die Theaterbesprechung verfassen müsse; heute abend war seines Wissens Redaktionsschluß. Sam, erwog er weiter, hatte zweifellos Ilse gerettet und nach Hause gebracht. Es konnte aber sein, daß beide der Polizei in die Hände gefallen waren. Den Hilferuf und den Pfiff hatte auch er vernommen. Möglicherweise war von Sam Widerstand geleistet worden, und vielleicht war er in seiner Weinlaune wieder zu Gewalttätigkeiten übergegangen. Peter seufzte leicht. Welche Not war das mit diesem Menschen! Unter solchen Umständen schien es ihm aber wirklich schwer, eine Theaterbesprechung zu schreiben. Ilse war ja der Polizei nichts schuldig geworden; nicht einmal randaliert hatte fie.

*20 []Trotzdem würde sie wohl unerbittlich auf der Wache,dieser unsittlichen Institution, festgehalten werden, wie er die Polizei kannte. „Tanzen und Lachen ist ja in unsrer großen Zeit verboten!“ spottete er bitter. „Ubrigens,“ vervollständigte er der Gerechtigkeit zuliebe, „ist Fröhlichkeit zu allen Zeiten polizeiwidrig gewesen.“Aber auch die Möglichkeit, daß Sam Ilse nach Hause gebracht habe, vermochte ihn nicht voll zu beruhigen.

Er zog die Schuhe aus und die geliebten Pantoffeln an, um ohne den Einspruch seiner Unterwohner in seiner Wohnung herumlaufen zu können. Da gab es ja noch anderes zu überlegen. Warum war Ilse plötzlich in tiefer Nacht mit farbigen Kleidern in dieser Stadtgegend erschienen? Die Möglichkeit hatte sich ja nicht gefunden, darüber ein vernünftiges Wort zu wechseln. Und noch eine Sache gab ihm zu schaffen.Er war doch ein Dichter mit hochfliegenden Ideen.Also schön. Was hätte er mit Ilse gemacht, wenn er ihr allein ohne diesen großmaäuligen jungen Philister begegnet wäre? Nun, ehrlich gesagt, er hätte mit ihr ein Café aufgesucht, um womöglich hinter einer Tasse schwarzer Ersatzplirre ein gedanken und gefühlvolles Gespräch zu führen. Und dann hätte er sie in der Elektrischen nach Hause gebracht und sich ehrbar von ihr verabschiedet, denn er war ein armer Teufel. Dies alles wäre genau ebenso richtig gewesen wie lächerlich.Statt dessen war dieser Sam dazwischen gekommen ER Jlse auf den „Schwung“ gebracht, und tatsächlich 99 []befand man sich jetzt auf einem vollkommen neuen Standpunkt.

Die anschließende ehrliche Untersuchung über Philisterium und dergleichen, zu welcher Peter sich genötigt sah, verursachte ihm nun doch einige Beschwerden,da sie ihm das günstige Vorurteil über sich selber nicht im ganzen Umfang beließ. Und was für ein „neuer Standpunkt“ war das, auf welchem man sich jetzt befand? Gewiß, während des Verschleißes von vier Pullen Sekt haben schon manche „Antezedenzien“ ihren Charakter verändert, ohne daß man nachher genau feststellen konnte, wie es zugegangen war. Doch kann man es als eine sicher belegte Tatsache betrachten, daß der Gedanke an Sam in Peter langsam zu bohren und zu fressen begann. Sollte Sam also von beiden diesmal nicht der Philister sein: gut. Sollte er sogar den „neuen Standpunkt“ veranlaßt haben; auch dies angenommen. „Irgendwie werde ich ja damit fertig werden!“ dachte er sorgenvoll. „Aber wie ist's mit Ilse? Der Weg zu ihr nach Hause führt durch viele Straßen, und der Raum eines Autos ist eng!“ Die Theaterkritik hatte er schon ganz vergessen und das Stück, das er beurteilen sollte, dazu; hier schien ihm eine wesentlichere Handlung agiert zu werden. Aber bis auf weiteres spielte er keine Rolle darin, ja, vor Anbruch des neuen Tages konnte er nicht hoffen,wieder Gelegenheit zum Auftreten zu bekommen. Welche Wendungen waren bis dahin möglich, die er mit gebundenen Händen geschehen lassen mußte! Es war gar nicht voraus zu sehen, was für eine Szene er vor700 []finden würde, und manchmal war er sehr verzagt, aber dazwischen bekam er immer einmal einen mannhaften stillen Wutanfall.

Bis um vier Uhr lief Peter in seinen beiden Zimmern hin und her. Dann wurde er müde und er legte sich angezogen aufs Bett. Draußen lag der erste zarte Hauch des neuen Tages; es war so hell, daß man knapp lesen konnte, aber noch herrschte vollkommene Stille. Eine wunderbar würzige Luft drang durch das offene Fenster; Schormann atmete sie mit vollen Zügen in seine verkrüppelte Lunge hinein. „Kraft und frisches Blut ist jetzt nötig!“ dachte er. „Punkt sieben Uhr : na, da sollst du mal sehen, mein Junge!“ Nebenher begann er tiefgründige Erwägungen über die Frage anzustellen, was der Mensch zum Leben braucht. Nicht eine einzige Gedichtidee, auch nicht der Schatten einer lyrischen Stimmung kam ihm diese Nacht, aber die dramatischen Impulse flossen ihm in uüͤberraschender Fülle und Dichtigkeit zu; es war vorauszusehen, daß er nun überhaupt einer dramatischen Epoche entgegen ging. So paradox das klingt, aber die Not hatte ihn etwas verweichlicht, dagegen bestand Aussicht, daß die volle reiche Wirklichkeit ihn zum ganzen Mann erhärten werde nämlich wenn er nicht zu spät kam. „Das wird sich finden!“ dachte er stoisch,da es doch keinen, Zweck hatte, sich jetzt darüber aufzureiben.Es war halb Fünf. Aus einem Keller krähte ein Hahn, so ein Kriegshahn, den sich jemand wegen der Eierknappheit zu drei oder vier Hennen hielt. Der

201 []Frühwind spielte in Peters Fensterzumpeln. Im Hof plachanderte irgendeine Frühaufsteherin mit einem Frühaufsteher. Peter hörte zu, während die Vorhangfetzen altweiberhaft und sogar ein bißchen schamlos vor seinen Augen tanzten. Er grämte sich, und ein Arger darüber stieg in ihm auf. Jene „Zumpeln“ und unten im Hof die „Plachanderei“ brachten ihn darauf, daß er seine Jugend in Westpreußen verlebt habe. Der große Strom, der durch seine schönen Verse rauschte, das war die Weichsel. Auch eine gewisse Uppigkeit und eine Neigung zum Großartigen hatte er von seiner Heimat.„Sie sind Großsprecher, und ausgemachte Windbälge kommen von dort,“ dachte er liebevoll. „Wollen auch mal ein bißchen na, westpreußischer leben.“ Nun schlug die benachbarte Kirche fünf Uhr. Er hielt es für richtig, sich einen Tee zu kochen. Die erste Straßenbahn rumpelte und kreischte schon die Kantstraße hinunter. Ein früher Flieger knatterte durch die blaue Höhe. Das nahm er als gutes Zeichen.

Etwas stellte sich nun heraus. Gestern auf dem Weg zum Theater war ihm eingefallen, daß er seine Butterration erheben könne, so brauche er nicht mehr daran zu denken. Er erhob sie und dachte auch wirklich nicht mehr daran. Die ganze Nacht bis zu diesem erkenntnisreichen Moment hatte sie in seiner Rocktasche gesteckt. Er zog sie hervor und brachte durch das Entfalten des Papiers ein Etwas ans Tageslicht, das nach allerlei Stoffen aussah, nach dickgewordenem Rüböl,nach zerlaufener Pomade, nach Läusesalbe, nur nicht nach Butter. Er ging damit in die Küche und suchte []der Materie unter dem laufenden Wasser wieder eine gewisse Festigkeit beizubringen. Dann erhob sich die bekannte Gewissensfrage: „Sollst du diese siebzig Gramm Staatsbutter, entfettet und entfleischt, wie du bist, durch die Woche erakt verteilen, oder auf einen Sitz auffressen?“ Bisher hatte er verteilt. Jetzt erinnerte er sich aber an den „neuen Standpunkt“, und da es außerdem noch beinahe zwei Stunden bis sieben Uhr war, entschied er sich fürs Auffressen. Er trug die ganze Bescherung in sein Wohnzimmer, setzte sie auf den Tisch ab und sich dazu, und für diesmal schmierte er sich zwei Butterstullen, wie er ihnen seit Jahren nur noch in üppigen Erzählungen begegnet war.

Nicht, als ob er nie in reiche Häuser gekommen wäre; mit seinen Talenten war er immer ein gesuchter Gast. Aber außer „schlapprigem“ lauen Tee und Keks aus, Gott wußte, was für Bestandteilen, und dann und wann einem Kriegsabendessen widerfuhr seinem armen asketischen Adam wenig Sinnenfreude; er hatte eben den Salon geziert, und damit gut. Wohlbewußt,welche Schicksalswendung ihm bevorstand, hieb er mit seinen schadhaften Zähnen ohne jeden Rückhalt „anständig“ ein, zumal er sich daran erinnerte, daß man in seiner Heimat von einem Mann auch einen tüchtigen Esser verlangte. Eine Animalität durchdrang ihn, über deren unbändiges Gehaben er sich freilich etwas wunderte; er hatte doch nicht gedacht, daß derartiges in ihm enthalten sei, aber viel mehr war noch nötig, wenn er an Sam dachte, mit dem es unter Umständen abzurechnen galt. „Nun, handgemein werde ich mit ihm 203 []werden!“ dachte er gefaßt. „Wenn ich ihm nicht Deutschland verleide, so besitze ich meine männlichen Abzeichen irrtümlicherweise!“ Westpreußischer dachte er etwas später: „Das Ansehen der deutschen Literatur muß wieder hergestellt werden!“ Sogar ein bißchen patriotisch wurde er: „Dieser transozeanische Schieber!Dieser singende amerikanische Provinzler! Mit was für Pack es doch das alte, anständige, vornehme Europa zu tun hat!“ Er wollte eigentlich „Deutschland“ sagen,aber der Gedanke an den Militarismus und die Polizei hielt ihn im letzten Moment davon zurück. Außerdem war er doch nun einmal ein Europäer.

Um halb sieben Uhr begann er sich herzurichten.Er rasierte und wusch sich, bürstete seine Kleider aus,wichste seine Schuhe, insofern noch Leder daran war,und eine Zeitlang verbrachte er mit Nachdenken darüber, ob er seinen eichenen Wanderknüppel mitnehmen solle oder nicht. Schließlich entschied er sich als Antimilitarist dazu, dem Feind mit bloßen Händen entgegen zu gehen; das schien ihm würdiger und der menschlichen Hoheit besser entsprechend. Punkt sieben Uhr trat er aus seiner Wohnung. Die Sache lag so: Sam hatte doch für seine ausgedehnten Kunst, Lieebes und Schieberbeziehungen die täglichen Hamstergeschäfte nicht gerechnet ein Telephon. Läutete nun Peter bei ihm an, und er meldete sich, so war er zu Hause, und es bestanden freundwillige Wahrscheinlichkeiten. Meldete er sich nicht und Peter wollte klingeln lassen bis zur vollständigen Gewißheit so befand er sich noch außer dem Haus, und na, und man mußte 204 []weiter sehen. In der Destille gegenüber machte er die Sache für zehn Pfennige im Verlauf einer Viertelstunde ab. Sam hätte sich nicht gemeldet.

Als Peter, annähernd über seine Umstände, im klaren,wieder ans Licht des Morgens trat, sah er entgegen aller Erwartung um einige Jahre jünger aus, gestrafft,entschlossen, wenn auch etwas blaß, und seine Augen enthielten einen Glanz, von Absichten herrührend, deren Unerbittlichkeit und Unwiderstehlichkeit auch fremde Menschen, die ihn gar nicht kannten, ahnungsweise ermessen konnten. Er wurde diesen Morgen besonders von jüngeren Frauen und Mädchen, die zu ihren Geschäften eilten, ernsthaft beachtet, und das widerfuhr ihm sonst nicht oft, eher hatte man bisher in diesen Kreisen über ihn gelacht, wenn man auch gewisse Schönheiten nicht übersah, und im Grund lachte man auch bloß aus Opposition, weil man bei ihm den Blick für die Schönheiten der Gegenseite vermißte. Heute hatte er ihn zwar auch nicht, aber er schien ihn zu haben und tatsächlich war er ganz voll von den Reizen,Holdseligkeiten und Schicksalen des Geschlechts. Eine für Millionen genommen, diese Eine aber ganz hemmungslos in vollkommener Ergriffenheit! Der Ausgang des Zusammenstoßes, dem er entgegenging, beunruhigte ihn nicht mehr. „Einer von beiden wird auf dem Platz bleiben,“ dachte er voll warmer Entschlossenheit. „Körperlich oder moralisch. Richtunggebend ist Ilses Schicksal.“ Gestern hatte er geglaubt,sie zu lieben. Das schien ihm heute eine inhaltlose Spielerei gegenüber dem Gefühl, das ihn nun erfüllte.205 []Auch jener Kuß : Größerem, Gewaltigerem näherte er sich mit jedem Schritt! In das Ungeheure des Lebens schlechthin sah er sich später mit der Straßenbahn einfahren.Die Sonne schien hell und sieghaft. Die Frauen gingen in leichten weißen Kleidern schon frühmorgens.Alle Fenster leuchteten und lachten. Die Büsche vor den Häusern und die Bäume in den Straßen verbreiteten eine kräftige Stimmung der Daseinssicherheit,obwohl doch gerade sie keinen ganz leichten Kampf gegen den Asphalt und die Steine führten. Aber von Jahr zu Jahr steigerten sie den neuerworbenen Sinn ihrer Geschlechtigkeit, der in der Großstadt an die Stelle des unbewußten Naturdaseinstriebes trit. Es gibt Tage, da sind die Straßen voll Liebesduft, den die Pollen der Blumen, die Fruchtnarben der Blüten, die Haut der Tiere und die Kleider der Frauen verstreuen.Da wirft auch der Mann seine Düfte hinein, und das Liebesspiel beginnt in der Luft, lange bevor die Körper die erste zarte Schwingung empfinden. An solchen Tagen erfüllt diese steinerne, nüchterne Stadt eine tiefe,von sich selbst überzeugte Schönheit, die beglückt, erhebt, Kräfte entfesselt, den Gedanken Schwung verleiht und die Empfindungen mit jener geheimnisvollen

Befruchtung versieht, von welcher die eigentlichen Taten ausgehen. Kein schöpferisches Individuum ist ohne diese sinnliche, feine Verschärfung denkbar. Dort beruht seine Liebenswürdigkeit und das Rätsel seines Erfolges bei Frauen und Männern, ja, bei Freund und Feind und sogar bei den Tieren. 206 []Nachdem Sam in der Nacht lange genug an der Tür des Portiers Lärm geschlagen hatte, fand er es unratsam, schließlich den ganzen Hof zu alarmieren.„Richte keinen Teeps an, Mensch,“ murrte er. „Wirst sonst wo unterkomm̃en.“ Erst suchte und durchstöberte er den Keller. Mit der Witterung eines Einbrechers fand er überall die elektrischen Schalter, um sich Licht zu machen. Alles beklopfte er mit seinem Stöckchen, den Kokshaufen des Portiers, die Heizkessel, die herumstehenden Kisten, und immerzu dachte er dabei an Ilse Krätke, die ihm diesen Streich gespielt hatte. Er empfand Lust, dem Portier das Feuer unter dem Warmwasserkessel auszumachen, aber er war ungewiß, ob er das Leid nicht einer Frau antat, und ließ es.Ubrigens fand er im Keller keinen Unterschlupf und stieg wieder hinauf. „Sieh dich mal auf dem Boden um so zum Zeitvertreib,“ sagte er zu sich. Auch im Treppenhaus des Vordergebäudes drehte er Licht an.Er las alle Türschilder und machte sich seine Gedanken dazu. Hier in der Gumpertschen Wohnung schlief vielleicht ein hübsches Mädchen mit schwarzen Zöpfen,gerade sechzehnjährig und im Erblühen. Gott mochte wissen, von welcher Sünde sie träumte. „Selber Sünde!“ brummte er. „Wie ein Pfaffe sprichst du.Was soll da Sünde sein? Leben ist das.“ Aber die Sünde hatte doch auch einen Reiz; ganz wollte er sie nicht fallen lassen. Bei Litzmann im zweiten Stock stellte er sich eine voll erblühte junge Frau vor, blond,uppig, in verführerischem Nachtkleid mit vielen Spitzen,einem weißen vollen Arm unter dem Kopf, eine Brust 207 []halb entblößt, und ganz dünn zugedeckt, weil ihr das Bett zu schwül war. Der Mann stand natürlich im Feld; ihn sich nebendran schlafend vorzustellen, das vermochte er sich nicht anzutun. Hinter dem Schild mit dem Namen Rädtke im vierten Stock vermutete er ein Geheimnis von unbefriedigten, nobeln sechsunddreißig Jahren, eine schlanke, stolze Seele, die sich von ihrem Kaffer von Mann getrennt hatte und natürlich auf nichts und niemand wartete als auf einen Sam Cumberland, der ihr zeigte, was Leben und Großzügigkeit ist. Unmutig seufzend verließ er auch diesen Bereich.

Der Boden stand vorschriftswidrig offen. Licht war nicht da; er zog seine elektrische Taschenlampe hervor. Sehr hineingelegt fand er sich nun von der schweigsamen Frau im Hinterhaus; er bedauerte sich aufrichtig und wurde ganz elegisch. „Wie aus der Ferne längstvergangner Zeiten blickt dieses Mädchens Bild mich an!“ summte er träumerisch. Na, immerhin wußte er seit dieser Nacht, wie die Arie zu singen war;morgen wollte er sie an den rechten Mann bringen.Ein Labyrinth von Verschlägen nahm ihn auf. Lattengitter, Türen, Winkel, Schlösser, und darüber Dachziegel, hin und wieder ein blasser Stern, fahles Morgenlicht. „Könnte ganz interessant sein für eine geheime Zusammenkunft,“ maulte er müde. „Zum Beispiel mit der schwarzen Sechzehnjährigen drunten. Na,inzwischen bist du ein Sechzehnen diger. Ordentlich was aufgesetzt hat dir die Ilse, also wie einem Ehekrüppel. Na, wenn alle Stränge reißen, nächtige oder morgige ich auf dem Treppenläufer.“ Im nächsten 208 []Moment bemerkte er durch einen Lattenverschlag hindurch einen alten Ohrenstuhl, den man hier wohl in den Ruhestand gesetzt hatte, so ein einladendes hochlehniges Polstermöbel aus Birkenholz, und sofort war er mit sich einig, daß er hier einen Frühschlaf halten werde.Die Tür war durch ein Hängeschloß gesichert. „Na, da warte mal!“ brummte er, setzte den Fuß gegen den Pfosten, packte die Tür mit beiden Händen ein Ruck, ein mäßiger Krach, und sie war offen. Zufrieden trat er ein, indem er sorgfältig hinter sich zuzog. Im nächsten Augenblick knackten und läuteten die Sprungfedern unter ihm. Seufzend streckte er die langen Beine von sich. Wie ein glühender Tropfen Liebe oder Reue, der ihm auf die Nase fallen wollte, hing ein Stern über ihm in der Glasscheibe. Eine Zeitlang grübelte er darüber nach, wieviel begehrenswerte Mädchen und Frauen es in Berlin und in der Welt gab,die er noch nicht gehabt hatte, und was für ein unübersichtliches, verworrenes Arbeitsfeld noch vor ihm lag, worein es Ordnung und ein gewisses System zu bringen galt, denn auch Don Juan führte sozusagen Register, um sich nicht ganz zu verlieren. Vorläufig sah er seiner Kraft und Unternehmungslust noch keine Grenzen gesteckt. „Mensch, und was du nicht lieben kannst, das singst du!“ Noch einmal blickte er mit philosophischem Ausdruck nach dem glühenden Tropfen über der Glasscheibe. Dann schlief er ein.

Als er wieder erwachte, ging es gegen acht Uhr,und lag eine graue Katze auf seinem Schoß. Er streichelte sie lachend. „Bist du die stolze Unbefriedigte

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Sschaffner, Kinder des Schichals

209 []aus dem vierten Stock?“ fragte er sie. „Na, dann würdest du mehr davon haben, wenn du mich in deiner richtigen Gestalt besuchtest. Bitte, bemühe dich weiter.“Er erhob sich, und das Tier sprang mit einem ärgerlichen Mauzen zu Boden. „Nu aber mit Vorsicht, mein Sohn!“ ermahnte er sich. „J wo, im Gegenteil!“widersprach er sich aber sofort. „Tu, als ob du hier zu Hause wärst, das ist immer das beste!“ Er klopfte Rock und Hose ab, trat aus seinem Verschlag und bald darauf stieg er mit dem selbstverständlichen Ausdruck eines rechtmäßigen Hausbewohners die Treppe hinunter. Unangefochten kam er auf die Straße. Es war ein schöner Tag. Er pfiff „vergnügt, wenn auch ein bißchen traurig“ vor sich hin. So eine milde,menschenfreundliche Stimmung erfüllte ihn vom Kopf bis zu den Füßen. Um Ilses willen war er bereit,allen Frauen weiter zu vergeben und sie weiter zu lieben.Als er noch um eine Straße weiter war, kam ihm eine männliche Gestalt entgegen, die er beim besten Willen für niemand anders als für Peter Schormann halten konnte. Unwillkürlich rückte er sich den Hut aus dem Nacken in die Stirn. „Da kann's Knaatsch geben,“ murmelte er. Kurz entschlossen trat er vor ein Schaufenster und tat, als wäre er tief versunken in den Anblick von Käseatrappen und Ersatzmitteln.„Ist er klug, so erkennt er meine Diskretion an und geht vorbei!“ dachte er. „Sehe ich etwa aus, wie ein bevorzugter Rivale ?“

Als Peter so früh am Tage seinen Freund mit dem 30 []Hütchen im Genick von Ilses Gegend her schlendern sah, zweifelte er nicht daran, daß ihr Unglück nun voll sei. Nach seiner Meinung hätte nach einer solchen Nacht an Sam etwas Ergriffenes, Dankerfülltes sein müssen, wenn dabei Ilse Glück gehabt haben sollte, und nicht diese freche Schlacksigkeit auf den nüchternen Magen. Vollends mit brennendem Mitleid für Ilse erfüllte ihn die verlegene Bewegung ohne Rührung und Reue, mit welcher Sam sich ans Fenster stellte, nachdem er Peter bemerkt hatte. Aber, um die volle Wahrheit zu sagen: auch Sam selber tat ihm leid, daß er nun einmal nicht anders war, und daß ihm dies Mißgeschick mit der Begegnung passierte, ja, er empfand eine so starke menschliche Verlegenheit darüber, daß er schon beinahe entschlossen war, an ihm vorbei zu gehen,ohne ihn zu sehen. Aber da fiel ihm etwas auf, das ihm zu denken gab. Sams Schuhe waren nicht geputzt; sie waren sogar sehr staubig, und wie er Ilse beurteilte, so hätte sie ihn kaum nach einer Liebesnacht in diesem Zustand aus ihrer Wohnung gehen lassen.Ferner hingen an seinem Cutaway Fasern oder Fusseln,die er beim Näherkommen für Seegras ansah. Sein XDV hatte er sich an einer Kalkwand gerieben. Solche Kalkwände gab es im Gefängnis. Gewaschen war er vollends nicht. Wie angedonnert blieb Schormann stehen. Hatte er gerade Ilse von der Wache nach Hause gebracht, und war nun selber auf dem Heimweg, übernächtig und nüchtern? Dann hatte das Betrachten von Kaãseatrappen sogar einen tiefern Sinn.

211 []„Guten Morgen, Sam!“ sprach er ihn nun doch an. Sein Ton war vorurteilslos und enthielt sogar neben der offenkundigen Unruhe eine starke Regung von Verständnis für ihn. Sam hatte mit aufrichtigem Verdruß bemerkt, daß Peter stehen blieb; über die Anrede erschrak er beinahe, denn er konnte sich für das künftige Freundschaftsverhältnis wenig Gutes davon versprechen. Er tat daher, als wäre ihm nichts aufgefallen, und als bezöge er den Gruß auf einen andern.Auch Peter erschrak; er glaubte nun aus Sams Verhalten schließen zu sollen, daß es ihm, Peter, noch viel schlechter gehe, als er zuerst gedacht hatte. Er trat ihm noch etwas näher. „Da sind wohl besonders anziehende Sachen für deinen Geschmack?“ spottete er traurig und etwas aufgebracht. „Man muß nach dem Norden kommen, um so was zu sehen.“ Sam begann langsam zu erbleichen. Mochte Ilse diese Leidensgestalt bevorzugen; über Geschmack ließ sich nicht streiten. Aber war es nötig, daß Peter auch noch seinen Übermut an ihm ausließ? „Zertrümmerst dem Apollo das Schlüsselbein und gehst deiner Wege!“ überlegte er bereits sehr verdrießlich; er konnte sich gar nicht besinnen, wann er sich so mutlos gefühlt hatte. Plötzlich trat Schormann ganz nahe an ihn heran und faßte ihn am Arm: „Was ist mit Ilse, Sam?“ fragte er so voll Leid und Mannesangst, daß Sam ein grimmiges Selbstbedauern anfiel. Mit leicht verzogenem Gesicht wie ein gereizter Junge wandte er sich ihm zu.

„Also ich mache wohl den Eindruck, als hätte ich bei einer hübschen Frau genächtigt?“ schnob er ihn an.212 []„Führ dich schon nicht so dämlich auf, jal“ Doch gleichzeitig fielen ihm die vorteilhaften Veränderungen an Peters Erscheinung auf, der entschlossene Glanz seiner Augen, die höher gereckte Gestalt, der jungmännlich spannkräftige Ausdruck der Züge, kurz, das ganze Wunder, das die ausgebrochene Liebe an ihm vollbracht hatte. „Voraussetzungen scheinst du zu haben !“fuhr er sozusagen achtungsvoller fort, denn Peters Anzug war gebürstet, seine Schuhe glänzten, und frischgewaschen stand er da in aller Lebensungewißheit. „Was mit Ilse ist? Hab' sie an ihrer Wohnungstür abgesetzt. Hat mir die Planke vor der Nase zugeschlagen.Den Rest der Nacht machte ich Entdeckungsfahrten im Haus. Rechne, bin um Vier in einen herrschaftlichen Boden eingebrochen; habe dort auf einem ausrangierten Großvaterstuhl etwa drei Stunden geschlafen. Kannst endlich meinen Arm loslassen.Also zieh die Krallen ein, Mensch, oder ich werde nervös.Gib mir lieber eine Zigarette; meine sind alle. Ich hab' einen Geschmack in der Schnauze, kann ich dir sagen ! Seh wohl aus, wie in den ersten Morgenstunden verloren und noch nicht annonciert ?“

Peter flimmerte es so still und glückselig vor den Augen, als ob Goldstaub aus dem blauen Himmel niederrieselte, und noch nie war ihm Sams Organ so schön und klangvoll erschienen, wie jetzt, wo er unverhohlen eine allumfassende Katerstimmung in den gottesfürchtigen Sommermorgen hinein grunzte. Ganz mechanisch wie im Traum ließ er seinen Arm los und griff in die rechte Rocktasche, aus welcher er ein braunes,213 []unendlich verbrauchtes Lederetui zum Vorschein brachte.„Zigarren hab' ich mit,“ sagte er mit so behutsamer,schwebender Stimme, als fürchtete er, ein Erlöserkindlein zu wecken. Er öffnete und bot ihm an.

„Ach du mit deinen Negerzigarren!“ knurrte aber Sam. „Ich soll mir wohl eine Nikotinvergiftung zuziehen? Du hast natürlich schon gefrühstückt. Ein anständiger Mensch schläft überhaupt um die Zeit noch.Hilf mir lieber ein Lokal suchen, wo ich wenigstens eine heiße Lurke und eine Stulle mit Kriegsmarmelade in den Bauch kriege.“ Sehr übellaunig wandte er sich zum Gehen. Peter klappte lächelnd sein ledernes Völkermordarsenal zu und folgte ihm. „Was für eine elende Gegend ist das hier!“ schimpfte Sam. „Na,also: überhaupt keine Gegend ist das! Sogar das genaue Gegenteil von einer Gegend. Kannst mich zu einem Rostbeef rösten, bevor du mich noch einmal hier heraus bringst, und wenn hundert Polizisten hinter mir her sind. Das hat man von der Galanterie.Stoße das nächstemal deine Dulcinea selber nach Hause.Und tanze nicht Foxtrott auf der Straße, wenn dir das Zeug dazu fehlt. Da muß man Vitalität haben,mein Junge, Brustkasten. Davon kommt alles her. Wie ist das denn weiter abgelaufen mit dir? Laß mal hören, ob du dich wenigstens nachher wie ein Mann von Welt verhalten hast.“

Peter ließ eine kleine, still amüsierte Pause vergehen, ehe er antwortete. „Na, viel zu verhalten war da nicht,“ versetzte er darauf lächelnd in einem Ton,der ungefähr besagte: „Sam, mein Junge, wir beide 214 []brauchen uns ja nun nichts mehr vorzumachen!“ Sam sah angelegentlich nach zwei alten Straßenkehrerinnen,obwohl ihn kaum etwas daran reizen konnte; er hatte einmal heute abgelegene Interessen. „Als der Schutzmann davongehinkt war, um dem andern zu helfen, stand ich auf und ging nach Hause. Personalien sind nicht. Aber du? Sage mal “ Er blieb stehen: „Du bist doch nicht kriminell geworden ?“ Aufrichtig um ihn besorgt sah Peter aus, aber Sam war nicht in der Laune, sich darauf einzulassen.

„J wo,“ machte er schnoddrig und ohne seine Schritte einzuhalten. „Zur Rettungsmedaille bin ich notiert. Ich sollte wohl deine Liebste ritterlich in Schlamassel bringen?“ ärgerte er sich, als Peter wieder nachgekommen war. „Markiere doch nicht den Neugeborenen!“

„Gewiß, deine Person kam ja auch gar nicht in Betracht,“ bemerkte Peter langsam. „Ilse soll dir ein Monogramm für den Winterüberzieher sticken.“

Diesmal blieb Sam stehen. „Meine Person?“grollte er, indem er ihn vom Kopf bis zu den Füßen maß. „Also, meine Person hätte ich durch die Fixigkeit meiner Beine umgehend in Sicherheit gebracht. Das merke dir gefälligst. Keine asthmatische Lunge hätte mich daran verhindert. Und deine Ilse na: also einen weg hatte sie, und nicht zu knapp. Mit euch werde ich nochmal was unternehmen! Zu unbeliebt macht man sich dadurch bei den öffentlichen Organen!“Er setzte sich wieder in Gang.

Du hast also rein mir zu Liebe den Schutzmann auf 215 []dich genommen und Ilse in Sicherheit gebracht,“spottete Peter ernst. „Hast dich in der Ausubung deiner Ritterpflicht sogar bedeutenden Unbequemlichkeiten ausgesetzt. Sieh mal, auch ich frage mich nun, wer von uns eigentlich den Neugeborenen markieren will. Wenn ich vergessen soll, daß ich dich bei der Betrachtung von MünsterkäseAtrappen betraf, so mußt du vielleicht eine andere Sprache reden.“

„Weiß nicht, ob ich den Schutzmann auf mich genommen habe,“ murrte Sam. „Ich denke, ich hätte ihn in die Fresse gehauen, daß ihm das Sprachzentrum in Unordnung kam. Unbequemlichkeiten waren schon da!“Peters Augen begannen zu leuchten. Es schien ihm wieder sehr schwer, mit diesem Menschen freundschaftlich auszukommen; immer mußte man vor ihm auf der Hut sein.

„Dann will ich dir sagen, daß zu dieser Brutalität nach meiner Auffassung ein Grund in der Sache selber nicht vorlag,“ versetzte er erzürnt. „Den Grund hast du hinein getragen. Sam, ich kann dir's nicht ersparen: du hast gehandelt wie ein Schubjak. Ich kam ohnehin ursprünglich her, um mit dir einmal abzurechnen.“„Ich kann boxen,“ erwiderte Sam trotzig.

„Es gibt auch moralische Niederlagen.“ Dazu schwieg Sam. „Ich sagte zu Hause, einer von beiden müsse auf dem Platz bleiben,“ fuhr Peter darauf sehr einfach fort. „Das finde ich jetzt unnötig. Ich teile es dir bloß mit, um dir die Antezedenzien zu zeigen.216 []Denn andererseits reizte ich dich durch meine Unentschiedenheit, meinen Kleinmut dem Leben gegenüber.Du gehörst zu den Naturen, die kein Verständnis für langsam verlaufende Prozesse haben; gleich fühlen sie sich aufgefordert über zu greifen. Ich kann es mir vielleicht leisten, gerecht zu sein. Das Leben, richtig betrachtet, macht bescheiden.“

„Na, hast nun mal deine geistige Überlegenheit,“gab Sam etwas erleichtert zu. „Und man soll tatsächlich nicht immer nach dem Schein urteilen. Sieh mal, auch ich war doch in Alkoholstimmung, mußt du bedenken. Aber was meinst du mit den hinein getragenen Gründen, warum ich den Schutzmann niederschlug? Da bist du einigermaßen dunkel, muß ich sagen.“Sein Ton war schon wieder ein bißchen keck, da er schließlich den Schubjak doch nicht gern auf sich sitzen lassen wollte. Aber Peter hätte es für verfehlt gehalten, ihm diesmal etwas nachzulassen.

„Frage dein Gewissen,“ riet er. „Was wäre dir im andern Fall, bei deiner Erscheinung und deiner Schnauze, passiert? Aber du hattest über diese Nacht bereits sonstwie verfügt.“

„Also höre mal!“ empörte sich Sam. „Alles hat seine Grenzen. Nutze meinen verkaterten Geisteszustand nicht zu skrupellos aus. Das hat sich doch alles erst ergeben !“„Nun, wenn es sich ergeben hat ! Dagegen kann man freilich nichts machen. Kinder des Schicksals 217 []sind wir ohnehin alle. Hast was gelernt auf deinem herrschaftlichen Dachboden.“

Sam sagte nichts mehr. Außerdem war nun das Café gefunden, und er brauchte seine Divinationsgabe für andere Lebensgebiete. Mochte er also ein Schubjak sein; das verschlechterte seine Lage nicht weiter. Dagegen war es von Wert, heraus zu finden, ob in diesem Lokal bei entsprechender Gegenleistung nicht erstens ein echter Kaffee, zweitens Milch, drittens Zucker, viertens und fünftens ein Butterbrot mit Wurst oder Schinkenbelag realisierbar sei. Er befand sich körperlich und moralisch in einer zu geschwächten Verfassung, man hatte ihm zu großes Unrecht getan, als daß er sich hätte unterstellen können, diesen angefochtenen Tag mit einem schwarzen Rübenkaffee und einer gesetzlich erlaubten sauren Marmeladenstulle zu eröffnen. Nun,Gott sei Dank, wenigstens diese Sache gelang; das war doch wieder ein Anfang. Er bekam nach einigem Verhandeln, was er wollte, aber Peter lehnte es ab,mitzuhalten; er steckte sich eine seiner geliebten schwarzen dicken Zigarren an.

„Sage mal,“ begann darauf Sam in merklich gestärktem Ton das Gespräch wieder: „Was hast du jetzt eigentlich so im Sinn? Du mußt dir doch bei all dem was denken. Hast du weitergehende Pläne mit deiner Ilse?“

„Na, seitdem du keine mehr hast, kann ich versuchen, die meinen zu verwirklichen,“ lächelte Peter hinter seiner Rauchwolke.

„Du, also das kannst du nun beiseite lassen,“ er

218 []laubte ihm Sam. „Darüber haben wir uns ja ausgesprochen. Deine Billigung für mein Verfahren werde ich doch nie erhalten. Vermutlich willst du bei Ilse Zimmerherr werden. Das ist am unverbindlichsten.Mietest ihr einfach eine Stube ab, und ihr seid vollkommen gedeckt.“

„Hast wohl noch mehr Ideen?“ spottete Peter.

Was: „Hast wohl noch mehr Ideen?‘ Was soll das heißen?“ muckte Sam auf. „Also mit dir ist ja die Unterhaltung geradezu anstrengend, seitdem du dich meinem Einfluß entziehst. Wenn's alle ist, ziehst du wieder aus. Diese Umstände immer! Schließlich wird sie doch auch wieder heiraten wollen. Davor kannst du ihr nämlich nicht stehen, mein Lieber.“

„Nein, gewiß nicht.“ Peters Ton wurde immer undurchdringlicher. „Möglicherweise werde ich ihr selber dazu verhelfen. Na,“ lenkte er jedoch gleich ab,als Sam groß aufsah, „zuerst müssen wir zu leben haben. In vielen Dingen bist du nämlich ein Kaffer.Wenn du eine Ahnung davon hättest, was hinter der Person steckt, so hättest du dir nicht diese Blamage auf DDDDimmer zu verstehen geben wollte. Kannst mir den Turner! verkaufen, aber nicht für, vielleicht dreitausend Taler“‘. Das mindeste sind fünftausend.“

„Wir wollen uns über Dinge aterdalten, von denen du was verstehst,“ schlug Sam indigniert vor.

„Davon verstehst wieder du nichts.“ Peter erhob sich. Es ließ ihm keine Ruhe mehr. Es zog und trieb ihn gleichzeitig. So unpassend er die Tageszeit fand,219 []eine alleinstehende Frau zu besuchen, so sah er doch immer Ilses einsame Gestalt vor Augen, und manchmal war geradezu etwas an ihr, das nach im rief. Er konnte nicht mit dem Gedanken fertig werden, daß ihr Erscheinen in hellen Kleidern gestern etwas zu bedeuten hatte, worüber man sich auf der Stelle hätte aussprechen müssen, eine Gefahr, eine Not, eine unumgängliche Dringlichkeit. „Leb wohl,“ sagte er zu Sam. „Ich will noch um ein paar Häuser weiter.“

„Na, ruf mich heute mittag an,“ forderte ihn der Amerikaner auf. „Kannst dann mitkommen und den Herrn selber hochtreiben. Werde dir loyal helfen.“

„Kartet miteinander ab, was ihr wollt,“ achselzuckte Peter, seinen Hut nehmend.

„Abkarten! Warte mal, mein Junge! Hast deinen Vorteil ausgenützt. Bist auch nicht edler als andere. Na, nu geh schon. Und laß dich nicht gleich zu tief ein, hörst dul Sollte mir leid tun, wenn du dich festrenntest! Das will alles mit Kenntnis betrieben sein.“

Aber Peter hörte ihn schon nicht mehr.

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Dreizehntes Kapitel

E s war vielleicht sechs Uhr, als Ilse über dem Herd erwachte. Der Rücken schmerzte sie. Ihr Kopf war dumpf. Eine große Verwunderung erfüllte sie wie ein Gram über den Verlust von etwas unwiederbringlich Verlorenem. Über ihrem Schoß lagen ihre Kinder und schliefen mit tiefen, regelmäßigen Atemzügen. Im Fenster stand die Sonne. Alles bebte und glänzte vor Licht. Dies prangende, prahlende Licht schon wieder versprach es, machte Anerbietungen,Aussichten. Sie aber fühlte, daß dies eine furchtbare,unausdenkbare Enttäuschung war!l Ein Zittern überkam sie: sie lebte! Eine Katastrophe bedeutete es!Würdigere und barmherzigere Absichten hatte sie mit sich und den Kindern gehabt. Nun, man mußte das von Gott Verhängte hinnehmen. Es war nicht erlaubt,zu grübeln und zu rechten. Gott hatte einmal beschlossen, sie zu verfolgen, zu schlagen, zu erniedrigen;mochte sein Wille geschehen. Seufzend und viel zu mũde, um Nachforschungen anzustellen, erhob sie sich und brachte ihre Kinder ins Bett zurück. Sie erwachten flüchtig, und Emma beschwerte sich in weinerlichem Ton, aber sobald sie wieder im Bett lagen, schliefen sie 7221 []besinnungslos weiter. Sie wühlten sich eifrig wie kleine Tiere in das Weiche, Mollige hinein, und schon hoben ihre tiefen, gleichmäßigen Atemzüge wieder an.

Ilse legte sich angekleidet auf ihr Bett. Alle Glieder taten ihr weh vor Ermattung. In zwei Stunden würden die Kinder erwachen und zu Essen verlangen.Es war nichts vorhanden. Nun mußte sie dennoch mit den Sachen ihres Verewigten auf den Handel gehen.A würde; darin war nicht Gottes Wille gewesen. Dann würde sie einen Zimmerherrn nehmen. Man konnte immer noch einsamer und unglücklicher werden als man schon war. Mit welchen Hoffnungen und abenteuerlichen Erwartungen hatten die Sterne sie zum Beispiel gestern abend ausziehen sehen! Sie erinnerte sich an einen Spruch, den sie zu Hause immer in der Kammer ihrer alten Dienstmagd gelesen hatte, die,nach vierzigiähriger Treue bei ihrer Mutter und der Mutter ihrer Mutter, das Zeitliche segnete. So lautete er:„Was sind Wunsche? Der Säugling schon weint,Sobald sein erster Wunsch ihm bleibt verneint.Der Jüngling wie die Jungfrau flucht,

Bleibt erster Herzenswunsch ihnen ungebucht.Das Alter derohalb auch grollt,

Als wenn der schwere Donner rollt.

Nur der Greis, der alles weiß,

Der auch weiß, daß alles in der Welt rollt:

Er weder weint, flucht, noch grollt!“252 []Das waren wiederum keine Schormannschen Verse,aber doch war auch ihnen Wirkung verliehen. Ilse dachte lange darüber nach, schaute die Schickungen an,mit denen das Leben die Menschen herabdrückt, und verstand heute zum erstenmal all die Weiber, die sie unter Preisgabe ihrer Würde ihr mehr oder weniger nacktes Dasein fristen sah. „Unter Preisgabe der Würde!“ dachte sie, während in ihr ihre Menschlichkeit weinte. Es war unsäglich traurig, seine Würde preisgeben zu müssen, denn werden wir nicht mit Erwartungen und mit Selbstgefühl geboren? Trotzdem blieb wohl vielen nichts anderes übrig. „Was braucht der Mensch zum Leben?“ Unter der Betrachtung dieser Frage schlief sie wieder ein. Um acht Uhr erwachte sie ein wenig erquickt, wenn auch trauernd; sie hatte geträumt, daß Schormann ihr Kundschaft geschickt habe.Dies nahm sie immerhin als einen Gruß, ein günstiges Zeichen für ihre neue Laufbahn. Indem sie still und demütig darauf verzichtete, ihm noch einmal in ihrem Leben zu begegnen, erhob sie sich, um ihre neue Laufbahn zu beginnen. Sie wusch und frisierte sich, zog sich wieder schwarz an und suchte die Sommeranzüge ihres Mannes heraus. Mit den Winteranzügen und dem Gehrock wollte sie noch warten. Als sie das Paket unter dem Arm und den Hut auf hatte und eben zur Tür wollte, ging die Glocke. In ihren Gram und ihr Armutsgefühl versunken, öffnete sie mechanisch. Vielleicht wollte die Portiersfrau etwas von ihr; die Eitelkeit, auf Kunden zu hoffen, hatte sie schon ganz aufgegeben.3

12 []Zu ihrer maßlosen Bestürzung stand Schormann vor der Tür. Das Erlebnis davon war so übermächtig,daß sie es als endgültigen Sieg der Alltäglichkeit auffaßte. Ohne zu begreifen und zu realisieren, starrte sie ihn an mit einem Ausdruck, als wollte sie sagen:„Nun ist auch der schönste Traum meines Lebens in nichts zerronnen!“ Sie bewegte die Lippen, vermochte aber nichts zu sprechen, sonst hätte sie vielleicht gefragt:„Was wünschen Sie?“ Ja, ihr Leben war nun sehr öde geworden. Das Spiel war zu Ende.

Peter hatte sich die Szene so gedacht: Morgensonne im Zimmer, ein gedeckter Kaffeetisch, Kinder daran, Ilse mit frohem oder stillem Erstaunen ihm entgegen und das weitere nach Gottes Wohlgefallen.Statt dessen stand er einer schwarzen verhärmten Frau gegenüber, deren erloschener Blick aus einem Abgrund von Hoffnungslosigkeit und Armut zu steigen schien.Und hatte sie nicht noch vor wenigen Stunden getanzt und gelacht? Ihr Bündel auf dem Arm : Nun,Schormann wußte aus Erfahrung, wie das aussieht,wenn man zum Pfandverleiher oder zum Trödler geht.Die Wohnung lag still. Keine Kinderstimmen tönten.Eine nüchterne, leere Frühe herrschte darin. Ahnungsweise wußte Peter plötzlich, was Ilses Erscheinen diese Nacht in seiner Gegend, und was die farbigen Kleider zu bedeuten gehabt hatten! Das Herz erzitterte ihm.Sein Blick bekam eine mit Leben bis zur Grenze des Faßbaren erfüllte Schwere. Ein goldner Schein ging darin auf, aber es war kein flitterhaftes Gold, sondern ein durch Schmerzen erkauftes. Er bedeutete ja so 224 []etwas wie einen norddeutschen Buddha, allerdings nicht einen herabsteigenden, aber einen heraufdringenden. Das übrige war erwachende Mannheit, was eben bei ihm Mannheit hieß, denn er war kein Sam Cumberland,und sein Teil war der sorgsam liebende Zweifel.

„Ja ich wollte mal nach Ihnen sehen kommen,“sagte er nach der Begrüßung und nachdem seine Seelenkamera eine groß gefühlte erste Aufnahme der vorgefundenen Umstände gemacht hatte. „Wir haben ja eigentlich noch so wenig miteinander gesprochen; heute nacht kamen wir überhaupt nicht dazu. Darf ich eintreten? Oder ist Ihr Gang unaufschiebbar ?“

Endlich kam wieder etwas menschliche Regung in sie, so daß sie von der Tür zurücktrat und ihm Raum gab.

„Nein, nein,“ brachte sie seufzend hervor, „es hat Zeit. Bitte, treten Sie ein. Die Kinder sind noch im Bett,“ fügte sie hinzu, ohne zu wissen, warum sie es sagte. Wie fragend sah sie ihn an, dann schlug sie den Blick mutlos zu Boden. Was sollte dies alles jetzt noch?„Dann haben Sie wohl noch gar nicht gefrühstückt?“ fürchtete Peter. Sie antwortete nicht darauf.Immer mehr begriff er diese Nacht. Diese tanzende Motte! Und daß sie dabei Sam widerstanden hatte !„Mein Gott,“ dachte er erschüttert, „sind dabei nicht wichtige Teile ihres Menschtums verbrannt?“ Sie geleitete ihn nach dem Wohnzimmer.

„Ich bin noch nicht an die Hausarbeit gekommen,“bemerkte sie in demselben verlorenen Ton. Er lachte

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Schaffner, Kinder des Schichsals

225 []leise brüderlich, mit einem seiner selbst sicher werdenden Frohmut.

„Nun, an Hausarbeit wollen wir jetzt auch nicht denken, liebe Frau Ilse. Manchmal, wissen Sie, da ist's eben Zeit zu feiern. Ich bin doch nicht da, um Also hören Sie: Ich werde jetzt den Kaffee kochen und alles herrichten. Darauf verstehe ich mich nämlich ausgezeichnet. Bei mir zu Hause mache ich ja auch alles allein. In der Zeit nehmen Sie die Kinderchen auf. Wissen Sie, man arrangiert gewöhnlich ein sogenanntes Katerfrühstück nach einer durchbummelten Nacht. So wollen wir das betrachten. Das da “sie hatte immer noch ihr Bündel auf dem Arm „das können wir uns zum Beispiel noch überlegen.Gott ist ja groß!“ Er nahm ihr die Sachen ab und trug sie behutsam nach dem Eßzimmer, wo er sie über einen Stuhl legte. „Oft,“ betrachtete er zurück kommend in seinem freundlich hellsehenden Ton, „ist es nämlich richtig, sich über solche angebliche Tatsachen auch mal hinwegzusetzen. Zuviel Schwindel ist da dabei. Man muß sie mit großem Mißtrauen behandeln. Um davon zu reden: Haben Sie gebrannte Gerste? Oder kochen Sie Ihren Kaffee ganz mit Rüben? Na ja, um Gerste zu bekommen, muß man sehr gute Beziehungen haben. Ich hätte auf alle Fälle Tee mitbringen sollen, aber ich war mir ja auch noch nicht so klar, als ich aus dem Haus ging .“

Er hatte jetzt das Bedürfnis zu sprechen, da er fühlte, daß es augenblicklich das Wohltätigste sei.Immer, was man gerade zum Leben braucht! Manch

226 []mal bedeutet ein gutes Gespräch eine Seelenrettung.Er war bereits auf dem Weg zur Küche. Ilse ließ ihn halb betäubt, stumm und bewegungslos gewähren. „Nun wird alles herauskommen!“ dachte sie mit einer grauen Gleichgültigkeit. „Er wird schon selber merken, daß es zu spät ist!“ Plötzlich hörte er mitten in einem Satz zu sprechen auf. Eine Stille trat ein, in welcher sie ihr eigenes Herz schwer und langsam klopfen hörte.

„Aber da sind ja alle Gashähne offen!“ sagte er endlich leise. Sie sah, daß seine Blicke zugleich nach der Bank vor dem Herd gingen, die noch da stand.„Gott sei Dank,“ fügte er nach einer Weile mit stiller,aber tief erschütterter Innigkeit hinzu, „der Haupthahn ist geschlossen! Was für ein Unglück hätte das werden können!“

Länger hielt sie ihre eigene Starre und dies alles nicht aus. Wie ein Mörder kehrte das Grauen dieser Nacht zurück. Zitternd wandte sie sich ab, und unter dem letzten Aufgebot ihrer Kraft schlich sie weg. Sich den Wänden nachtastend, ging sie der nächsten Tür zu wie ein Gespenst, das sich selbst besucht. Während die ganze Welt über ihr zusammenzubrechen schien,wankte sie zum Sofa, über das sie, bereits von einem furchtbaren Schluchzen durchschüttelt, sich hinwarf. Ein Lebensschmerz durchdrang sie, daß sie einen Herzkrampf zu haben glaubte. Alle Glieder zitterten ihr vor Gram,aufgewühlt durch die Stöße der wiederkehrenden Sehnsucht und des neuerwachenden Verlangens, denn sie war jung. „Warum mußte er mir das noch antun?“

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227 []jammerte es in ihr. „Konnte er mir nicht diese unfruchtbare Qual ersparen?“ Wie gesichert und aufgehoben hatte sie sich in ihrem Scheintod gefühlt!„Und zum zweitenmal geht man nicht in den Tod!“Flüchtig dachte sie daran, aus dem Fenster zu springen,aber sie war zu erschöpft dazu. „Leiden! Dulden!Durchmachen!“

Sie hatte nicht gehört, daß Schormann ins Zimmer getreten war. Er sah aus wie ein Mann, der nun vollkommen unterrichtet ist; einige Blicke in ihre Büchsen und in die Speisekammer hatten ihm alles gesagt, was er / noch nicht wußte. „Und heute nacht hat sie getanzt!“ dachte er immer wieder. Nachdem er auch noch die arme schluchzende Gestalt auf dem Sofa mit einem letzten großen Blick des Verständnisses umfaßt hatte, ließ er sich bei ihr auf die Knie nieder, zog ihr sanft eine Hand vom Gesicht und begann diese liebevoll und mit tief bewegter Zartheit zu küssen.Sie zuckte zusammen. Zuerst wollte sie sich ihm entziehen, aber er war stärker als sie, und unter einem neuen Tränenausbruch ließ sie ihn gewähren. Doch war in ihr Weinen ein neuer Ton gekommen; sie weinte nicht mehr so furchtbar verlassen, sondern wie ein Mensch, der weiß, daß er gehört wird. Das ist ein sehr großer Unterschied.

Dies in edler Tiefe verstehend, legte er schweigend seine Schläfe an die ihre und ihre Hand an seine Stirn,bis sie anfing, ruhiger zu werden, und bis er wieder menschliche Wärme und das Zittern des zurückgekehrten Lebens in ihren Fingern fühlte. Dann empfand er, daß 32 []er sie jetzt küssen durfte. Erst küßte er ihr Haar, darauf ihre Wange, und als sie ihm, von Schauern neuer Daseinsgefühle durchflutet, verwirrt das Gesicht zuwandte, küßte er auch ihren Mund. Sie legte den Arm um seinen Hals. Überwältigt und voll scharf zurückschlagender Todesfurcht zog sie ihn enger an sich.Ein Zittern neuer Art erfaßte sie. Peter roch den herben Duft von Tränen und den ihres Atems, der ihm sagte, daß sie im Begriff war, ihn mit der ganzen Liebeskraft ihrer fünfundzwanzig Jahre zu verstehen.

Da begann auch er zu zittern. Die Zeit der Worte war vorbei. Ein selig blůhendes Schweigen ging ihm auf. Sie selber war dies Schweigen. Sie war das Blühen. Sie war auch die Seligkeit. Durch dasselbe Tor gelangt man zum Tod und zur Liebe. Zurückgewendet durchschritt es ihre Seele zur Liebe. Die mißlungene Handlung der Verzweiflung löste sich ihr und ihm auf in die wunderbarste und gottnächste Handlung des Entzückens. Schauernd und bebend traten beide in die Wirklichkeit ihres Menschseins ein. Lächelnd fanden sie sich dann als neuerschaffenes Paar im Paradies, im selben Paradies, aus welchem noch keine Glücklichen durch die Erkenntnis ausgetrieben wurden, denn die wahre Erkenntnis ist die Erhalterin und Wächterin des Glückes. Wenn Menschen das Paradies verlieren, so verlieren sie es durch Unwissenheit oder Mangel an Großmut.

230 []Beschluß.U nun, süße Frau,“ sagte Schormann umsichtig zu seiner noch ganz verwirrten Geliebten, „wollen wir uns ein bißchen weiter einrichten in unserm Leben. Zuerst gibst du mir deinen ganzen Kartenzauber,die Brotkarten, die Milchkarten, die Butterkarten na, das genügt für heute. Bei dir ist ja alles leer,du arme Seligkeit. Du setzt Wasser auf und machst in Gottes Namen einen Ersatzkaffee. Bis du fertig bist, bin ich mit dem übrigen wieder da. Wo bekommst du deine Milch?“

Sie sagte es. Die Butter konnte er auch dort beziehen. Er nahm seinen Hut, küßte sie noch einmal,kehrte an der Tür um und küßte sie wiederholt, und darauf ging er die Treppe hinunter. „Jetzt bin ich ein Familienvater!“ lächelte er. „Kinder des Schicksals müssen sich zusammen tun. Allemal!“ Drunten dachte er, jung wie ein Primaner: „Ob sie mir nicht nachsieht ?“ und blickte zu ihren Fenstern hinauf. Sie tat es und nickte ihm zu mit so einer Neigung des lieben hübschen Kopfes am liebsten wäre er gleich noch einmal hinaufgerannt, um sie abzuküssen oder um vor ihr auf die Knie zu sinken. Beides hatte etwas für sich.Aber er mußte ein Mann sein. Er kaufte Milch die

230 []Flasche hatte er im Papier bei sich Butter, Brot,erhandelte ein halbes Pfund Kieler Sprotten ohne Marken, und zufällig gab es auf die Butterkarte auch ein bißchen Käse. „Man muß nichts verfallen lassen !“lachte er im Laden, und das Mädchen lachte mit. Ihm schien, die Menschen könnten sich sehr wohl verständigen,alles läge ja so nahe beisammen, und den Kopf von einer bekömmlichen Mischung aus Liebe und Philosophie erfüllt, kehrte er zurück. Nachher gewann allerdings die Liebe wieder die Oberhand, aber auch dies war bekömmlich. Ilse freute sich über seine Einkäufe,dauerte an seinem Hals auch noch einen kleinen Nachschauer von Weltangst aus, und dann kamen die Kinder.

„Onkel Schormann, wo bist du so lange geblieben 7examinierte Mäxchen ein bißchen streng.

„O, ich mußte doch eine Reise um die Erde machen!“ entschuldigte sich Peter. „Das war nun gar nicht länger aufzuschieben!“

„Da kannst nu sehn!“ Mäzxchen betrachtete ihn prüfend. „Na, und jetzt ?“

„Jetzt? Was da: jetzt? Jetzt wird gefrühstückt !“belehrte ihn Peter. „Ich hab' auch Sprotten mitgebracht von Grönland.“

„Sprotten gibt's bei der Peltzen auch,“ bemerkte Emma. „Hast du sonst was mitgebracht ?“

„Na, Kinderfragen mit Zucker bestreut die schwere Menge.“

Jise hörte in der Küche dies Gespräch. Ihr Augenblicksgefühl war so groß, daß sie die Hand aufs Herz legen mußte, weil es ihr beinahe zu weit werden wollte.231 []Obendrein war es ein Sonntag. Man entdeckte das zur allgemeinen Freude; Peter hatte sich mit dem Redaktionsschluß geirrt. Die Glocken fingen an zu läuten;so kam man darüber. Später spazierte Mäxrchen mit sehr wichtiger Miene auf der Straße herum. Einiges von seinen neuen Lebensumständen war ihm bereits aufgegangen, und er glaubte nicht, daß auch bei andern Leuten sich so wichtige Dinge vollzogen. Man sagte ihm ja nichts, aber er hatte doch Augen im Kopf.UAbrigens begriff er, daß der Umschwung mit dem Wert seiner Mutter zusammenhing, und das war ihm lieb.Eine besondere Beruhigung war es für Ilse, als sich im weiteren übersehen ließ, daß Schormann nun doch die Kleider ihres Mannes tragen konnte. Er mußte sogar gleich dessen Schuhe anprobieren; sie paßten ihm wie angemessen.

„Wirklich, nun sieh mal an!“ freute sie sich für ihn. „Jetzt kannst du wieder auftreten !“

Ein bißchen schämte er sich trotzdem. „Dieser verfluchte Schuster ist ja nie zu haben!“ klagte er errötend. „Na, nu wird ja hinter die ganze Geschichte ein neuer Dampf kommen! Dafür stehe ich aber ein!“Einstweilen ging er in Krätkes Stiefeln, an jeder Hand eines von Ilses hübschen Kindern, nach dem Savignyplatz spazieren. Ilse hatte endlich entschieden auf die Notwendigkeit hingewiesen, für das Mittagessen zu sorgen. Auch dafür waren von Peter wie von einem sommerlichen Sankt Nikolaus die verschiedensten Dinge hergeschafft worden, wie ein Tragnetz voll Kar232 []toffeln, ein Kopf Blumenkohl, Salat und Essig, die Fleischration. Jetzt ruhte er auf einer Bank des Savignyplatzes von allen seinen Werken aus, und die beiden kleinen Morgensterne lobten ihn zwar nicht, aber sie umkreisten ihn und hielten ihn weiter in Atem. Es war genau genommen hohe Zeit, daß sie einen Vater bekamen. Die Züge der Stadtbahn zum Beispiel, die alle zwei Minuten donnernd hoch vorbei fuhren wer sollte Märchen alle sie betreffenden Fragen sachund sinngerecht wie ein Mann beantworten, wenn es nicht der Dichter Peter Schormann tat? Sie waren ja nicht bloß von Dampf und Rauch umhüllt! Ach, das war sogar das wenigste daran! Von Sehnsucht und Phantasie waren sie überirdisch umwittert und überb'itzt!Mäxchen wurde sehr ernst und geradezu nachdenklich.Auch das Reich der Sonnenschirme, der Soldaten mit ihren Bräuten und Frauen und der stillen Kranken, von denen welche hier herumsaßen, hätte der kleinen Emma niemand so lebendig ausdeuten können wie die reiche Seele Schormann. Emma schrie zwar alles über sieben Häuser weg, aber sie war doch auch sehr zugänglich und mitfühlend, und vor allem war sie furchtbar wißbegierig und manchmal geradezu schwer zu befriedigen. Das fand wenigstens ihre Mutter. Ihm begegnete mit ihr eine ganz neue und eigenartige Talentprobe, die er keineswegs leicht nahm. Mit dieser Auffassung hatte er aber alle Aussicht, sich ihre Zufriedenheit zu erwerben.Sie sprach ihm diese heute noch nicht geradezu aus, doch fühlte er gerne, daß er bei fortgesetzter guter Führung sicher darauf rechnen durfte.

22*23 t []„Wie sollen wir nun eigentlich zu dir sagen?“ fragte sie auf dem Heimweg, nachdem ihr klar geworden war,daß das Zusammensein diesmal auf Dauer angelegt schien.

Er dachte nach.

„Nennt mich vorläufig Peter,“ schlug er vor. „Das weitere wird sich dann finden.“

„Peter ist gut!“ bemerkte Mäxchen ernsthaft. „Jetzt sind wir wieder zwei Männer. Det merke dir man, Emmaken. Und ooch Fritzen wird villes nu anders kommen. Zu Vatern sagte ich auch manchmal Willem,“teilte er Peter noch mit.

„Kannst zu Peter auch manchmal Vater sagen, wenn du willst!“ stellte ihm Schormann frei. Aber das war so nebenbei bemerkt, daß Max bloß schnell an ihm hinaufblickte, ohne etwas darauf zu erwidern.

Als man nach Hause kam, hatte Ilse sich frisch frisiert und eine helle Bluse angezogen. Sie errötete,als sie Peter aufmachte und ihre Kinder mit ihm eintreten sah.

„Es ist auch etwas gekommen!“ machte sie in einem halb verlegenen, halb komischen Ton bekannt. „Komm,sieh !

Da hatte Sam einen ziemlich umfang und inhaltreichen Geschenkkorb geschickt mit Herrlichkeiten darin, die Stück für Stück unter Riskierung von Gefängnisstrafe wegen Ubertretung der Rationierungsgesetze für diese Verwendung frei geworden waren, außer Wein für die Großen und Malzextrakt für die Kleinen Speck, Sardinen, Schinken, ein Huhn, etwas Butter, Fett, Käse 234 [] diesmal keine Atrappen eine Ziegenwurst, weißes Mehl für einen Kuchen kurz, ein Gedicht, wie selbst Schormann noch kein schöneres und vor allen Dingen noch kein einträglicheres gemacht hatte. Dabei lag ein Brief, der ebenfalls bemerkenswert war.

„Lieber Schor und Dichtersmann! Es hat keinen Zweck, sich länger etwas vorzumachen. Dieser Korb ist ein graziöser Abschiedsgruß! Leb sowohl als auch! Ich glaube sogar, daß mir der Abschied schwerer fällt als dir. Wisch deine Tränen ab mit Löschpapier! Ich sehe ein, daß du auch so eine Art Friedländer bist, bei dem es Nacht sein muß, wenn seine Sterne strahlen sollen.Ein rechter Deutscher will einmal sein Schicksal haben!Hoffe für meine Person, unbelästigt von jeder Art Schicksal mich so freudig weiterhin durchzuschieben!Amen! Grüße deine Ilse. Kannst ihr sagen, das ist der Korb gefüllt zurück, den sie mir verdammt leer heut Nacht gegeben hat. Wegen des Turner geh schon selber zu dem Herrn. Heißt Manfred Knoop, stammt aus Amsterdam. Gib ihm das Bild nicht unter 2000 Gulden holländisch, hörst dul Macht 10 o00 Emm.uUnnötig, daß der Knoop die Valuta schindet. Schinde sie deinerseits. Aber du wirst es ohne mich doch für tausend hergeben! Schluß! Ich fahre heute nachmittag mit einer Juno nach Grünaul Da ist der Himmel blau! Alles Gute wünscht dir knüppeldicke dein Sam Cumberland!“

Das war Sams Brief. Wegen des Abschiedes hatte er nicht so unrichtig vorausgesehen, und Peter brauchte nicht einmal Löschpapier.236 []„Die Menschen gehn von Ort zu Ort!“ zitierte er lächelnd nicht sich selber. „Ich glaube, daß sich heute nacht unsre Wege gekreuzt haben. Gut, daß wir ihn den Nachmittag in Grünau wissen. Wir gehen nach Potsdam. Da ist der Himmel auch blau. Keine andere Gegend hier hat diese atlantische Aimosphäre. Kinder, heut haben wir alle Geburtstag. Der wievielte ist es denn eigentlich ?“

Zum Essen trank man auf Sams Wohl das erste Glas von seinem Wein. Nachher zog Ilse sich von Kopf bis zu Fuß ganz weiß an, mit Ausnahme einiger schmaler schwarzer Bändchen, die sie ihrem Dahingegangenen noch schuldig zu sein glaubte. Ein Paar ist eigentlich erst ein Paar, wenn es dies auch unter andern Menschen gewesen ist. Sanssouci machte sie vollends zur Familie, und als sie auf dem Dampfer von Potsdam nach der Pfaueninsel fuhren, um dort Kaffee zu trinken,und dann nach dem Wannsee, dessen festliche Weite sie aufnahm wie eine glückliche Ewigkeit, da war es ihnen,als seien sie schon zehn Jahre beisammen, ohne sich seither auch nur eine Minute gelangweilt zu haben.

Es gibt vielleicht bedenkliche Gemüter, die gerne die Versicherung vernehmen, daß auch fernerhin alles gut und löblich ging, daß das Paar endlich, mehr der Leute als seinetwegen, Hochzeit machte, daß Peter nie der Wunsch nach einer „kongenialen Gattin aus den bessern Ständen“ überkam, denn die hatte er ihr bester Stand war an seiner Seite und daß er das Bild tatsächlich für tausend holländische Gulden verkaufte,da er es für unanständig gehalten hätte, Valuta zu 236 []schinden, und „mehr fur den Anfang auch nicht brauchte“. Außerdem fand er ja einen angesehenen neuen Verleger für seine Gedichte. Rechnete er Krätkes Anzüge hinzu, so unterlag er manchmal beinahe der Versuchung, sich für einen reichen Mann zu halten. Außerdem brachte er eine erfolgreiche Uraufführung hinter sich kurz, es läßt sich mit wenig Worten überhaupt nicht sagen, was an ihm heute alles neu oder angesehen oder erfolgreich ist, da dafür zu viele Leute und zuviel innere wie äußere Tatsachen in Frage kommen. Immer mehr geht ihm auf, was der Mensch zum Leben braucht, und da das Leben die Gewohnheit hat fortzuschreiten, so schreiten mit ihm auch die Erkenntnisse unterhaltend fort.

Vollends Ilse ! Nun, Gott mit der längst gewesenen Ilse Krätke! Als man sie in Peters Kreisen näher kennen lernte, begriff man seinen unbedachten Schritt. Man fand sie nicht nur sehr, sondern nachgerade auffallend hübsch. Aus ihren Augen blickte jetzt viel mehr als nur die Lebenslust. Und ob sie eigentlich klug sei oder nicht, danach fragte diesmal überhaupt miemnand. Was ist Klugheit! Andere Geistesinhalte sind es, die das Schicksal seinen Kindern mitteilt! Sie überstrahlen so eine Klugheit, wie ein schöner Sommertag einen wohlangelegten Spaziergang überstrahlt. Um davon zu reden, so könnte sie zum Beispiel jedem versichern, daß es sich mit der göttlichen Kaiserpfalz mindestens um keinen leeren Traum und auch um keine Schiebung handelt. Aber sie zieht es vor, sich darüber wieder auszuschweigen.257 []Sam und Peters Wege führten künftig wirklich auseinander, aber in aufsteigender Richtung. Sam gehört heute zu den geschätztesten Mitgliedern der Charlottenburger Oper. An diese sichtbare Stelle hat er fich eigentlich durch die Arie „Wie aus der Ferne langstvergangner Zeiten“ hinaufgesungen. Alles, was er weder lieben noch singen kann, das schiebt er. Darin befindet er sich in großer Gesellschaft.[]Romane oon Jsaßkob Schaffnuer


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TextGrid Repository (2023). Swiss German ELTeC Novel Corpus (ELTeC-gsw). Kinder des Schicksals. Roman: ELTeC Ausgabe. Kinder des Schicksals. Roman: ELTeC Ausgabe. European Literary Text Collection (ELTeC). ELTeC conversion. https://hdl.handle.net/21.T11991/0000-001D-4678-C