[142] Die, durch eine schöne Landschaft in der Luft, vermehrte Schönheit einer irdischen Landschaft

Ein kühler Regen war gefallen,
Die Luft war gantz von Düften rein,
Es herrschet' überall ein heit'rer Sonnen-Schein,
Man sahe, was man sah, als säh' mans durch Krystallen,
Es gläntzt' und schien, bey aufgeklärtem Wetter,
Die Luft noch einst so blau, das Feld noch einst so grün,
Es gläntzten die getränckten Blätter,
Es funckelt' jedes feuchte Kraut,
Wenn sie der Sonnen Licht beschien,
Und sich in jedem Tropfen bildet:
Daher das helle Grün zugleich vergüldet,
Mit Farben, ja so gar mit hellem Glantz, bemalt,
Und recht illuminiret ließ,
Inzwischen daß am Himmel sich,
Nach ird'scher Art, auch eine Landschaft wies.
Der Himmel schien bemüht, durch manchen Wolcken-Strich,
Bald hohe Berge, flache Felder,
Bald niedre Büsche, dicke Wälder,
Ja bald ein Meer voll kleiner güld'ner Wellen,
Bald Thier' und Vögel vorzustellen.
Die Farben nun der zierlichen Figuren,
Von allen diesen Creaturen,
Sind Purpur, Silber, Gold, Carmin.
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Das Feld, an statt daß unsers grün,
War blauer, als Ultramarin.
Ich sah zugleich zwey weite Felder an,
Von welchen man des einen Zier
Mit einem gläntzenden Sapphir,
Das andre mit Smaragd, gar wohl vergleichen kann.
Ich sahe beyder Glantz von einer Höh'. Ich stutzte,
Vor Anmuth und vor Lust, daß die Natur
Mit Bildern, Farb' und Licht so Erd' als Himmel putzte.
War unsre Landschaft Wunder-schön:
So war die ob're fast noch schöner anzusehn.
Verband man aber beyder Zier;
So stellten sie dem fröhlichen Gesicht,
Von Bildung, Farben, Glantz und Licht,
Das herrlichste Spectackel für.
Es schien, ob wollte die Natur,
Damit wir GOTT, den Schöpfer, möchten preisen,
Wie sie so wohl an Farben, als Figur,
Gantz unerschöpflich sey, uns weisen.
Man sieht die Bilder dort, jedoch nicht minder schön,
In andern, als bey uns gewohnten, Farben stehn.
Man siehet güld'ner Berge Spitzen,
Gebäud' aus hellem Silber blitzen:
Man siehet Rosen-farb'ne Wälder,
Man siehet Purpur-rothe Felder,
Man siehet Büsche von Carmin,
Ja Thier' und Vögel von Rubin.
Ach, daß ein solches Farben-Spiel
Uns doch ins Hertz, durchs Auge, fallen möchte!
Ach, daß es uns doch nur so viel gefiel,
Daß man, dadurch gerührt, am grossen Schöpfer dächte!
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Indem ich nun bewundernd stehe,
Und Welt und Himmel gläntzen sehe:
Werd' ich gewahr, daß sich das Licht
Auf unsrer Welt, durch Schatten, artig bricht,
Und dieß vermehrte noch die liebliche Gestalt.
Hie stund ein Theil der Wiesen sanft verdunckelt,
Und dort ein halber Wald,
Inzwischen daß die andre Helfte funckelt,
So, durch den Gegensatz,
Noch so viel heller scheint. Hier sah' ich manchen Platz
In einem gelben Licht', und einen dunckeln dort:
Beyd' aber ändern sich. Ein itzt bestrahlter Ort
Wird schatticht, und was itzt noch dunckel war,
Tritt allgemach ins Licht, und stellt sich Wunder-schön,
In einem hellen Schimmer, dar.
Ein angenehm Gemisch von Schatten und von Licht
Erweckte dem Gesicht,
Das an Veränderung am meisten sich ergetzet,
Ein' ungemeine Lust. Ich dachte nach, woher
Die Schatten ihren Ursprung nahmen,
Und freute mich noch mehr,
Als ich verspürete, wie sie
Von oben von den Wolcken kamen.
In welcher Einigkeit und süssen Harmonie
Steht, sprach ich, itzt der Himmel und die Welt!
Sie wird, da uns allhier der Schatten auch gefällt,
Nicht nur mit Licht, mit Schatten auch, geschmückt.
Durch diesen lieblichen Verband
Des Himmels mit der Welt,
Den ich so herrlich vorgestellt,
Und mir vor Augen liegen fand,
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Ward meine Seele selbst, mein Innerstes, gerühret,
Und, durch der Creaturen Pracht,
Zu Dem, Der alles schöne macht,
In froher Ehrfurcht so zu dencken, angeführet:
Grosses ALL! Unendlichs Wesen!
Der Natur Buch giebt mir hier,
Voller Wunder, Glantz und Zier,
Deine Herrlichkeit zu lesen.
Unsre Seelen wissen nicht,
Sich was schöners vorzubilden;
Aber ach, was muß Dein Licht
In den himmlischen Gefilden,
Ohne Schrancken, sonder Grentzen,
Wo es unverhüllet, gläntzen!
Welch ein seel'ger Anmuth-Strahl,
Welche Vollenkommenheiten,
Süßigkeiten, Herrlichkeiten,
Sonder Ende, Maaß und Zahl,
Werden alle Himmel schmücken,
Und, mit ewigem Erquicken,
Seel'ge Geister dort entzücken!
Welch ein Abgrund voller Lust,
Welche Tiefen voller Wonne
Sind, o aller Sonnen SONNE
Denen, die Dich sehn, bewust!
Welch ein Meer von heil'ger Gluht
Muß aus Deinem Throne quillen!
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Welche sel'ge Liebes-Fluth
Muß der Himmel Himmel füllen!
Ach, wie muß so überschwenglich
Dort des Schöpfers eig'ner Schein,
Da schon das, was nur vergänglich,
So gar herrlich ist, doch seyn!
Lasst uns doch, in diesem Leben,
Seine Weisheit, Lieb' und Macht,
In der Creaturen Pracht,
Zu bewundern, uns bestreben!
Sind wir, bey den ird'schen Schätzen,
Ueber wenig treu gewesen:
Wird Er uns zu mehr erlesen,
Und dort über vieles setzen.

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TextGrid Repository (2012). Brockes, Barthold Heinrich. Gedichte. Irdisches Vergnügen in Gott. Die Schönheit einer irdischen Landschaft. Die Schönheit einer irdischen Landschaft. Digitale Bibliothek. TextGrid. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0002-44D5-3