Die Kuh

Frau Magdalis weint' auf ihr letztes Stück Brot.
Sie konnt' es vor Kummer nicht essen.
Ach, Witwen bekümmert oft größere Not,
Als glückliche Menschen ermessen.
[204]
»Wie tief ich auf immer geschlagen nun bin!
Was hab' ich, bist du erst verzehret?« –
Denn, Jammer! ihr Eins und ihr Alles war hin,
Die Kuh, die bisher sie ernähret. –
Heim kamen mit lieblichem Schellengetön
Die Andern, gesättigt in Fülle.
Vor Magdalis Pforte blieb keine mehr stehn
Und rief ihr, mit sanftem Gebrülle.
Wie Kindlein, welche der nährenden Brust
Der Mutter sich sollen entwöhnen,
So klagte sie Abend und Nacht den Verlust
Und löschte ihr Lämpchen mit Thränen.
Sie sank auf ihr ärmliches Lager dahin,
In hoffnungslosem Verzagen,
Verwirrt und zerrüttet an jeglichem Sinn,
An jeglichem Gliede zerschlagen.
Doch stärkte kein Schlaf sie von Abend bis früh.
Schwer abgemüdet, im Schwalle
Von ängstlichen Träumen, erschütterten sie
Die Schläge der Glockenuhr alle.
Früh that ihr des Hirtenhornes Getön
Ihr Elend von neuem zu wissen.
»O wehe! Nun hab' ich nichts aufzustehn!« –
So schluchzte sie nieder ins Kissen.
Sonst weckte des Hornes Geschmetter ihr Herz,
Den Vater der Güte zu preisen.
Jetzt zürnet' und hadert' entgegen ihr Schmerz
Dem Pfleger der Witwen und Waisen.
Und horch! Auf Ohr und auf Herz, wie ein Stein
Fiel's ihr, mit dröhnendem Schalle.
Ihr rieselt' ein Schauer durch Mark und Gebein:
Es dünkt' ihr, wie Brüllen im Stalle.
»O Himmel! Verzeihe mir jegliche Schuld,
Und ahnde nicht meine Verbrechen!«
Sie wähnt', es erhübe sich Geistertumult,
Ihr sträfliches Zagen zu rächen.
[205]
Kaum aber hatte vom schrecklichen Ton
Sich mählich der Nachhall verloren,
So drang ihr noch lauter und deutlicher schon
Daß Brüllen vom Stalle zu Ohren.
»Barmherziger Himmel, erbarme dich mein,
Und halte den Bösen in Banden!«
Tief barg sie daß Haupt in die Kissen hinein,
Daß Hören und Sehen ihr schwanden.
Hier schlug ihr, indem sie im Schweiße zerquoll,
Daß bebende Herz, wie ein Hammer;
Und drittes noch lauteres Brüllen erscholl,
Als wär's vor dem Bett' in der Kammer.
Nun sprang sie mit wildem Entsetzen heraus;
Stieß auf die Laden der Zelle;
Schon strahlte der Morgen; der Dämmerung Graus
Mich seiner erfreulichen Helle.
Und als sie mit heiligem Kreuz sich versehn:
»Gott helfe mir gnädiglich, Amen!« –
Da wagte sie's zitternd zum Stalle zu gehn,
In Gottes allmächtigem Namen.
O Wunder! Hier kehrte die herrlichste Kuh,
So glatt und so blank, wie ein Spiegel,
Die Stirne mit silbernem Sternchen ihr zu.
Vor Staunen entsank ihr der Riegel.
Dort füllte die Krippe frisch duftender Klee
Und Heu den Stall, sie zu nähren;
Hier leuchtet' ein Eimerchen, weiß wie der Schnee,
Die strotzenden Euter zu leeren.
Sie trug ein zierlich beschriebenes Blatt,
Um Stirn und Hörner gewunden:
»Zum Troste der guten Frau Magdalis hat
N.N. hieher mich gebunden.« –
Gott hatt' es ihm gnädig verliehen, die Not
Des Armen so wohl zu ermessen.
Gott hatt' ihm verliehen ein Stücklein Brot,
Das konnt' er allein nicht essen. –
[206]
Mir däucht, ich wäre von Gott ersehn,
Was gut und was schön ist, zu preisen:
Dabei besing' ich, was gut ist und schön,
In schlicht einfältigen Weisen.
»So, schwur mir ein Maurer, so ist es geschehn!«
Allein er verbot mir den Namen.
Gott lass' es dem Edlen doch wohl ergehn!
Das bet' ich herzinniglich, Amen!

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TextGrid Repository (2012). Bürger, Gottfried August. Gedichte. Gedichte (Ausgabe 1789). Zweites Buch. Episch-lyrische Gedichte. Die Kuh. Die Kuh. Digitale Bibliothek. TextGrid. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0002-47C5-F