[4] Auszug eines Briefs an den vorgemeldten, aus Lyon nach Jena

den 5. Sept. 1676.


Mein wehrtester Herr Bruder,


Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich in zween Monaten und länger keine Nachricht von dir erhalten, ungeacht ich hoffe, du werdest meinen Brief, so die Antwort auf dein letztes, und der erste gewesen, den ich bey meiner Ankunfft allhier geschrieben, wohl empfangen haben. Falß du die Deinigen, meiner gegebenen Nachricht zu Folge, über Augspurg hättest gehen lassen, würden sie mir wohl seyn zu Handen gekommen. Es scheinet aber, daß du bloß aus Nachläßigkeit, oder wohl gar aus Unvermögen, mein schönes poetisches Schreiben zu beantworten, so viel Posten vorbeystreichen lassen. Dem ungeacht hättest du, seit der Zeit, ein Haupt-Stück von meiner Muse wieder zu lesen bekommen, wenn das verdrießliche Abschiednehmen, Einpacken und Auszahlen es nicht verhindert hätte; denn ich gehe übermorgen von hier weg, und habe dir nur, zu guter letzt, noch einmahl schreiben, und dich ersuchen wollen, deine Briefe künfftig nach Pariß zu senden, oder vielmehr selbst bald dahin zu folgen. In den Leibes-Ubungen und in der Sprache bin ich hier ziemlich weit gekommen, und habe bißher getantzt, daß alles geraucht: denn weil in unsrer Tisch-Gesellschafft acht Jungfern waren, und ich also alle Wochen umwechseln können, so ist leicht zu erachten, [238] daß ich die Sprache mit Gewalt begreiffen müssen. Nichts destoweniger habe ich den Titel, gleichgültig und unempfindlich, bey dem meisten Frauen-Zimmer allhier erworben: aber ich schätze mich deßhalben glücklich, und bekümmere mich nicht darüber. Neulich sang ich unter dem Schatten hiesiger Linden:

Vorzug der Freyheit vor der Dienstbarkeit der Verliebten

Ihr Aermsten, die ihr selbst nach euren Ketten rennt,
Und um die Dienstbarkeit mit Thränen bitten könnt,
Wie? bietet ihr, zur stoltzen Phillis Füssen,
Euch selbst zu Sclaven an?
Sagt, was ist wohl der Freyheit zu vergleichen?
Sie übertrifft, was man sonst Wollust nennt;
Kein Sterblicher wird diesen Schatz erreichen,
Dem ihn nicht sonderlich des Himmels Güte gönnt.
Die Freyheit wohnet nicht in allen Seelen;
Zieht sie bey einem ein,
So kan er sich mit Recht zu diesen zehlen,
Die etwas mehr als Menschen seyn.
Wohl dem! der frey und ungebunden
Des kleinen Götzen Pfeil veracht.
Wer es so weit auf dieser Welt gebracht,
Der rühme sich, daß er gefunden,
Was mehr als Ormus Schätze gilt.
Er kan der andern Thorheit lachen,
Die offtmahls um ein falsches Bild
Ihr eignes Hertz zur wahren Folter machen.

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TextGrid Repository (2012). Canitz, Friedrich Rudolph Ludwig von. Gedichte. Vermischte Gedichte. [4] Auszug eines Briefs. Vorzug der Freyheit. [4] Auszug eines Briefs. Vorzug der Freyheit. Digitale Bibliothek. TextGrid. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0002-4AC8-4