Michael Georg Conrad
Was die Isar rauscht

Erster Band

[1] 1.
Neapel, Vicoletto del Petrajo, 25.

Am Tage des lieben, guten, heiligen Josephus – oder:

Der Mensch entgeht seinem Schicksal nicht.


Mein lieber Max v. Drillinger!


Seit Neujahr, also seit beinahe drei Monaten, habe ich nichts von mir hören, lassen.

Während ich die Feder ansetze und mich nach so langer Unterbrechung zu brieflicher Plauderei mit Dir rüste, kracht auf dem Scheitel des ehrwürdigen Vesuvius ein prachtvolles Gewitter los, das erste Frühlingsgewitter, das ich in Italien erlebe. Wenn ich vom Blatt aufsehe, fällt mein Blick durchs offene Balkonfenster auf den Berg. In ganzer Lebensgröße steht er vor mir, die bezauberndste [1] Vedute im Fensterrahmen, die sich denken läßt, und gerade in der richtigen Entfernung zur Erzielung einer vollkommenen künstlerischen Wirkung: im Vordergrund kräftig braune Konturen neapolitanischer Kuppeltürme und leicht gewölbter Hausdächer, links eine wunderschöne Gruppe von dunkelgrünen Palmenkronen und fast schwarzblau aufstrebenden, sanft verlaufenden Zypressenwipfeln, im Mittelgrund in geschwungener Linienbegrenzung ein Streifen Meer in den silbergrau wogenden Wollustschauern des heiß und flach darüber streichenden Scirokko-Windes, dann üppig aufrollend die alten Herkulaner Ufer mit den dunklen, schattenschweren Gärten, Hainen, Weinbergen, daraus wie lichte Punkte in langer gebrochener Reihe die roten und gelben Villen und die Häuser und Kirchen von Portici und Resina glänzen, darüber hinauf die schwarzen Lavageröll-Gürtel mit dem phantastischen Auf und Nieder der verschiedenen Eruptions-Höhen, wunderbar schattiert nach der Zeit der Verwitterung, so daß sich die Ausbruchs-Epochen genau abstufen, endlich das Prachtstück der kühn und anmutig zugleich formenden Südlands-Natur: der Berg in seiner unbeschreiblichen Herrlichkeit, in leichter, eleganter Plastik schwimmend im himmlischen Aether.

[2] Die schwarze Gewitterwolke sitzt ihm buchstäblich auf dem Scheitel, ringsum scharf begrenzt von der blaugelb überhauchten, mit dem grauen Scirokko-Schleier leicht verhängten Luft.

Wie irrsinnige Glutgedanken umzucken die Blitzschlangen das tiefer und tiefer sich verhüllende Haupt des Berges und werfen einen fahlen Widerschein über die träumende Landschaft zu seinen Füßen.

Erst leise, dann mächtig anschwellend in stolzen Rhythmen, dann abnehmend und verhallend, wie in ersterbendem Grollen, wieder übertönt von dem Rauschen der Strandwellen, klingt die Donnermusik zu mir herüber. Bald scheint es mehr nur ein heiteres akustisches Spiel – bald kracht es plötzlich los, Schlag auf Schlag, wie mit der tragischen Wucht des Schicksals. Ich lege die Feder einen Augenblick weg und lausche – –

Es ist zu schön.

Es ist ein ganzes Musikdrama, eine Symphonie mit elektrischen Beleuchtungs-Arabesken, was weiß ich. Die urewige Künstlerin Natur spottet in ihren grandiosen Launen jedes Regelzwangs. Sie mag mit nichts beginnen und in nichts enden, aber was dazwischen liegt, ist Unerhörtes, Unerschautes, nie Auszuhörendes, Auszuschauendes – [3] kurz Etwas, und wäre es tausendmal eine Apotheose der Sinnlosigkeit. Etwas! Und man bekommt's nie satt. Während man den menschlichen Erfindungs-Krempel so leicht satt bekommt, übersatt.

Ich lege die Feder nochmal weg.

Es ist wirklich zu schön.

Und nun dringt ein Duft herein – ein unbeschreiblich süßer, berauschender und zugleich erfrischender Duft! Wie aus dem Paradiese. – – Man möchte ganz Nase sein! Ich schnuppere und blase die Nasenflügel auf. – – O Gottesluft, erfüll' mich ganz! Oder in der Sprache Dante's: Aria di Dio, entrami in corpo! Ausruf meiner Hauswirtin Donna Rosalia. Zwar ein Phänomen an Häßlichkeit: rothaarig – soweit ihre Glatze noch Haare erkennen und nach der Farbe bestimmen läßt – blatternarbig, schiefmaulig, kropfig, aber eine enthusiastische Seele, die sich täglich mit den Schönheiten der Natur vermählt. Bei diesem mystischen Akt streckt sie ihre nackten magern Arme gen Himmel, schlägt sie dann kreuzweis über zwei längliche, sogar sehr längliche, leere Hautbeutel, welche die Stelle der abwesenden Brüste vertreten, sogar sehr täuschend vertreten, schiebt den Unterleib vor mit der entsetzlichen Grazie eines Schlangenmenschen, wirft den Kopf mit dem kropfigen [4] Schwanenhals zurück, bebt mit den Hüften und den Schenkeln wie eine ekstatische andalusische Tänzerin, schlägt mit den Augenlidern auf die rollenden Augenkugeln und kreischt mit einer Stimme, deren Timbre an die Klangfarbe eines alten blechernen Topfes ohne Boden erinnert: Aria di Dio, entrami in corpo. Daraus kannst Du ersehen, wie überwältigend die Schönheit der südlichen Natur sein muß, wenn sie auf eine von ihr doch einigermaßen stiefmütterlich behandelte schlichte Frau aus dem Volke, Zimmervermieterin und Wittib – ihr Seliger war Schlotfeger-Meister – eine solche orgiastische Wirkung ausübt.

Ich überlese das Geschriebene, wenn Du erlaubst, mit Deinen Augen und mit Deiner Nase. Du schwelgst doch in Gedanken, nichtwahr, so stümperhaft auch meine Schilderung ist? Du siehst, Du hörst, Du riechst? Und Deine Brigitta nickt mit dem Kopf dazu und lächelt so nachdenklich, als ob sie etwas vermisse. Richtig! Die Sonne fehlt in meiner Beschreibung?

Eine süditalienische Landschaft, dazu am Josephi-Tag, feierlichste Natur-Parade in Vorfrühlings-Ausrüstung – und keine Sonne am Himmel?

Sehr gut bemerkt, lieber Leser und Kritiker Max von Drillinger, Hauptmann a.D., fein [5] herausgefunden, aufmerksame Hörerin Brigitta! Keine Sonne! Das ist freilich gegen das Exerzier-Reglement.

Aber es ist so.

Das ist eben der Effekt wunderbarster Beleuchtungszauberei bei Scirokko-Stimmung mit einem Vormittags-Donner-Konzert auf dem Vesuv.

Es blitzt immer noch.

Ich mache wieder eine Pause. Diesmal, um meinen Anzug zu vervollständigen. Ich erwarte nämlich Damenbesuch. Und eben über die Langeweile der Wartezeit will ich mir mit diesem Brief hinweghelfen. Zwei Fliegen mit einem Schlag: ich tilge eine Briefschuld und zerstreue mich. So können wir beide zufrieden sein. Also, wie gesagt, Damenbesuch. O, etwas sehr – Unschuldiges: eine ehemalige Erzieherin, jetzt Malerin in Temperafarben. Auch aus München natürlich; wir haben uns unterwegs kennen gelernt. Alles sehr temperiert.

Nur die hiesige Temperatur nicht.

Darum, ganz unter uns und vielmals Pardon, habe ich das Vorstehende im Hemde geschrieben. Pardon sage ich nur der Jungfrau Brigitta wegen und aus konventioneller, deutscher Wohlanständigkeit. Du selbst bist ja nicht so schamhaft. Was [6] liegt Dir an einem Hemd – mehr oder weniger, nichtwahr? Selbst im sogenannten Aufruhr der Elemente, der reinen, nackten Natur gegenüber – was ist uns da ein Hemd!

Es blitzt noch immer.

Die Silhouette der Gewitterwolke hat sich jetzt total verändert. Ein verrückter Anblick: fast wie –

Nein, ich unterdrücke lieber das Bild. Es – wäre auch zu naturalistisch, und ich weiß, Du Uberfeiner magst den Naturalismus nicht, d.h. den geschriebenen. Chacun à son goût.

Es wimmelt überdies heutzutage so viel Verrücktes mit und ohne Naturalismus in der Welt herum, daß selbst einem ausgemachten Narren ganz ängstlich dabei wird.

Da sitze ich vor dem Vesuv und höre in meinem armen Kopfe plötzlich die Isar rauschen, genau so, weißt Du noch, wie sie damals im Abendrote rauschte, draußen bei den Thalkirchener Überfällen. Wir saßen unter der alten Linde. Geputztes, schwatzendes Philistervolk kam auf den schönen, stillen Waldpfaden daher und verlor sich, heimstrebend, in den dunkelnden Isarauen. Wie die Schritte und Worte dieser banalen Naturschänder verhallten, nahmst Du immer die unterbrochenen Betrachtungen wieder auf über – ich [7] weiß nicht mehr was; ich dachte nämlich (in dieser Entfernung kann ich Dir's ja gestehen) an ganz etwas anderes – und ließ Dich deklamieren. Ich wälzte damals in meinem Quadratschädel (tête carrée nennen's die Franzosen, wie Du Dich aus dem Feldzug erinnerst) die ungeheuerlichsten Baupläne; da aber Deine geliebte Isar dabei arg in die Klemme gekommen wäre, so zog ich's vor, Dich nicht in mein Vertrauen zu ziehen, sondern Dich ruhig Deine geistreichen Betrachtungen über die schönsten und rührendsten Dinge in die laue rotgolddämmernde Abendluft und in die rauschende Isar hineinplaudern zu lassen.

Diese Baupläne übrigens – –

Schon wieder so ein irrsinniger Blitz! –

Dieses ewige Geschlängel und Gezickzack macht mich schließlich doch nervös. Es hat etwas so Aufdringliches, wie alles Wälsche.

Ich lege die Feder weg, bis das blödsinnige Gewitter zu Ende. Es wäre jetzt wahrhaftig eine vernünftige Abwechslung, wenn die Tempera-Malerin endlich käme, obwohl ich neulich, als ich ihr die Architektur des San Martino-Klosters (hier von meinem Fenster aus weiter nach links) sehr volkstümlich erklärte, den Verdacht nicht loswerden konnte, sie möchte auch einen Sparren zu [8] viel im Dach haben. Das Tempera-Frauenzimmer produzierte zwischenhinein so merkwürdige Redensarten – und dann hat sie manchmal eine so unheimliche Art des Schauens und des Zuhörens. Kurz und gut, ich werde sie schärfer beobachten. Verrücktheit wirkt ansteckend, weißt Du; wie die Dummheit und Verliebtheit. (In Parenthese: vielleicht verliebe ich mich auch noch – hier, wo ich Dein abschreckendes Beispiel nicht vor Augen habe.) Bei der Gescheidtigkeit kommt ja so etwas niemals vor. Drum sind die Wunder der Aufklärung ebenso sporadisch wie lächerlich. Übrigens so ein Kloster wie das von San Martino (es ist schade, daß man's vom Fenster aus nicht sieht, wenn ich hier sitze, ich würde es Dir sonst sehr anschaulich beschreiben, aber wenn ich mich so setze, daß ich es sehe, so sitze ich so unbequem, daß ich nicht mehr schreiben mag, und so muß ich darauf verzichten, es Dir zu beschreiben, da ich in architektonischen Schilderungen grundsätzlich sehr diffizil bin und nur momentan Geschautes beschreibe – Augenblicksbilder, weißt Du!) – ehrliche, rechtschaffene Augenblicksbilder – –

Ich lege die Feder zum Xten Mal weg, denn ich habe mich im Periodenbau verhaspelt und nun mag ich das Zeug nicht wieder von Anfang an [9] lesen, um den Faden zu suchen. Mit den Parenthesen habe ich nie Glück gehabt. Da habe ich regelmäßig den Zusammenhang verloren. Und immer tappe ich als Periodenbauer wieder in so eine vermaledeite Parenthese hinein und schände die Syntax. Sei versichert, lieber Max v. Drillinger, Du verlierst nichts dabei. Dieser Brief wird noch so schön und reich, daß ich Dir ohne Gewissensbisse eine ungefüge Periode unterschlagen darf. Das macht der Liebe kein Kind, wie Herr Raßler, der große Kunstmäcen in der Quaistraße, so sinnig zu sagen pflegt. Verkehrst Du noch mit – – nein, nein, am heiligen Josephitag keine so indiskreten Fragen. Siehe das Motto!

Es blitzt wahrhaftig immer noch. Diese italienischen Blitze haben etwas so Epileptisches, wie die Gestikulationen eines Tollhäuslers. Ich mag gar nimmer hinsehen. Bei uns daheim, im disziplinierten Vaterland der reinen Vernunft, hat auch die Natur mehr Bescheidenheit und Manier, mehr Zurückhaltung.

Der ehrenwerte Herr Raßler ist mir durch den Sinn marschiert, weil die Tempera-Malerin, von der ich übrigens noch keinen Pinselstrich gesehen habe und deren geschätzten Morgenbesuch ich ebenso sehnsüchtig und, wie's scheint, vergeblich [10] erwarte, mir neulich von ihrem Debüt als Erzieherin in der Raßlerschen Familie die denkwürdigsten Dinge erzählt hat. Natürlich schwebte mir sofort Dein Name auf der Zunge, und schon wollte die Apostrophe dem Gehege meiner Zähne entschlüpfen: »Ach, Fräulein Flora Kuglmeier, da hat wohl auch der Blick meines Freundes Max von Drillinger ermunternd und tröstend auf Ihnen geruht und Ihr Sinn hat sich gelabt an den weisen Sprüchen dieses beredten Hausgeistes der Raßlerschen Familie!« – als mir noch rechtzeitig das Unschickliche eines solchen Einfalls zum Bewußtsein kam. Später merkte ich, daß die züchtige Maid, deren pädagogischen Künsten die Erziehung der Raßler'schen Sprößlinge anvertraut war, zu einer Zeit ihres Amtes waltete, wo Du noch in der Pasinger Malzfabrik dem Gotte Merkur Deine ersten schüchternen Huldigungen darbrachtest. Und der Weg nach Pasing führte damals noch nicht durch die Quaistraße, und der dienstbare Hausarzt hatte der vor überschüssiger Gesundheit kranken Frau Raßler noch nicht die heilsam schwächenden Bäder des romantischen Würmkanals in Pasing verordnet. Nichtwahr, ich bin gut unterrichtet?

Ich bin – warum soll ich Dir's nicht ohne [11] Rückhalt gestehen? – manchmal noch so sehr in den kleinbürgerlich engen Anschauungen vom Zulässigen und Anständigen befangen, daß Du mir's wahrhaftig nicht übel nehmen kannst, wenn ich nicht die Flugkraft besitze, mich hinsichtlich der Moralität Deiner Beziehungen zu jener Frau aus der Enge meiner Vorurteile zu erheben.

Inzwischen bin ich allerdings über Verschiedenes hinausgewachsen. Womit nicht gesagt sein soll, daß ich Deine verschiedentlichen Dummheiten als Geniestreiche preise.

Erlaube, daß ich mir's wieder bequem mache und Rock, Weste und Hofe von mir werfe. Bei dieser wahnsinnigen Scirrokko-Temperatur wäre das adamitische Paradieskostüm das angemessenste; die keuschen Feigenblätter wachsen hier einem zum Fenster herein, man braucht nur die Hand darnach auszustrecken.

So – jetzt sitze ich wieder in Hemd und Strumpf, vor Dir. Da schreibt sich viel leichter. Die Tempera-Malerin kommt heute doch nicht mehr, was mir eigentlich lieb ist, denn ich bin jetzt einmal im Zuge, daß ich Dir gern noch einige Stunden ungestört widme. Eine Plauderei mit Dir hat große Reize, besonders so lange man allein [12] das Wort hat. Du wirst diese Aufmerksamkeit zu schätzen wissen.

Oder nicht? Bist Du seit unserer bald einjährigen Trennung ein kühler Selbstsüchtling geworden? Der Anfang Deines letzten Briefes könnte mich schier auf diese Vermutung bringen. Da steht nämlich in deiner steilen, schattenlosen Schlemihl-Handschrift zu lesen: »Die weite Entfernung verschuldet, daß die Briefe nur langsam und spärlich laufen.« Dabei beziehst Du die Entfernung nur auf den Raum.

Sophist! Sei aufrichtig: beziehst Du sie nicht auch ein wenig auf die Interessen?

Jawohl, und darin allein finde ich einen ausreichenden Grund für die Erkaltung Deines epistolarischen Eifers. Und nun erlaube, daß ich loslege – ich krämple erst die Ärmel auf und streife das Hemd über die Schenkel, damit ich mehr Luft kriege (Flora Kuglmeier überrascht mich leider diesen Vormittag doch nicht mehr, vielleicht macht sie jetzt das interessante Vesuvbild mit Temperafarben an): Du bist im Grund Deines Herzens ein verdammter Egoist, der sich wie ein kostbarer Wurm in sein seidenes Interessengespinst verpuppt; Du denkst ungeheuer viel, aber nicht an mich; Du fühlst ungeheuer tief (Beweis: was sich die Isarwellen [13] an der Quaistraße über Deine Liaison zurauschen – ich hör's bis hierher!) aber Du fühlst nicht die süßen Schauer der Freundschaft in Deinem Mannesbusen – – Das kommt von der Weiberknechtschaft.

Sünder! Bei aller Phantasterei Deiner Gefühle bist Du doch nur ein kühler Realist – oder thue ich Dir Unrecht, mein alter Kamerad? – während ich im Idealismus hängen geblieben bin, wie der fabelhaft langhaarige Absalon am Geäst des Eichbaums. Nun ich dahänge und zapple, rennst Du mir den Spieß Deiner Sophistik ins Herz – –

Es klopft. Herein! Donnerwetter, nein! Mein Negligé! – – Es war nichts.

Also siehst Du, wie unsere Sachen stehn. Dir thut die Aufsicht eines ehrlichen großen Freundes not. Es ist Zeit, daß wir uns wieder näher rücken. Und nun laß mich auch ein wenig von mir selbst reden, nachdem ich mich so lange und liebevoll mit Dir beschäftigt.

Meine italienischen Studien nahen ihrem Ende. Meine Mappen platzen von Kopieen, Skizzen, Entwürfen – ob ich jemals ausgiebigen Nutzen daraus ziehen werde? Ich will's hoffen. Ich mache noch einen Abstecher nach Pästum und [14] Sizilien, um die griechischen Tempelreste (dies lediglich zu meinem Privatvergnügen, versteht sich!) zu studieren und an Land und Leuten einigen Spaß zu haben, dann rutsche ich wieder nordwärts in unsere gemäßigte Kultur- und Kunstzone, nach Biermaniens Hauptstadt an der kühlen Isar, bevor mich hier die vernichtende Hochsommerhitze vollends in Schweiß und Idealität auflöst. Ich hasse dieses Wälschland Italia, wenn ich bedenke, wie unzählig viele deutsche Künstler von Talent und hohem Streben es seit einem Jahrhundert an Leib und Seele ruiniert, wie viel deutsche Original-Anlage und Eigenart es verwüstet hat. Behaupte ich damit, daß das Vaterland eitel Güte und Vorteil für seine Künstler sei? Keineswegs. Aber es ist patriotischer, zwar dem Ausland die Leviten zu lesen, jedoch mit der Besserung daheim anzufangen. Da wäre bei uns freilich ein greulicher Augiasstall auszumisten. Besonders bei uns in München hat die arrogante Mittelmäßigkeit in der königslosen Kunststadt eine so korrupte Wirtschaft auf die Beine gebracht, daß einem für den Ruhm Isarathens bange werden kann, tritt nicht bald eine radikale Änderung ein. Und was sonst noch im Verborgenen gesündigt wird! Das Schicksal unseres armen Knöbelseder, des gehirnerweichten[15] Heiligenmalers, tritt mir hier oft warnend vor die Seele. Ihn haben Heimat und Fremde zu gleichen Teilen auf dem Gewissen.

Was ich daheim zunächst beginnen werde, darüber mögen sich einstweilen die lenkenden Götter ihre allweisen Köpfe zerbrechen. Der Gedanke, bei den Bauten des Königs zugezogen zu werden – ist wohl nichts weiter als ein leerer Wahn. Zum Handlanger und Streber und Katzbuckler hab' ich nicht das mindeste Talent. Von chinesischer Schloß-Architektur versteh' ich auch nichts; auch nichts vom Hundinghütten- und blauen Grottenbau. Also! Überdies durchschwirren jetzt ganz unheimliche Gerüchte über die Verhältnisse des Königs die europäische Presse. Man nimmt sich ja gar kein Blatt mehr vor den Mund und spricht ganz rücksichtslos von der moralischen und materiellen Insolvenz des Idealisten auf dem Throne. Das ist wieder ein gefundenes Fressen für die herrschende Gemeinheit, für diese ewig hungrige und ewig stinkende Vettel, genannt öffentliche Meinung: ein König, verfolgt von dem Gespenst des Bankrotts! Welch' ein Gaudium für die rohe Exaktheit der Kurszettel-Wissenschaft, der nüchternen Einmaleins-Simpelei und der börsenjobbernden Demagogie, die Majestät eines genialen [16] Kronenträgers frech kritisieren zu dürfen auf Grund des Kassabuchs und unbezahlter Fakturen! – An gewöhnlichem Maßstabe gemessen, mag man ja zu Vielem den Kopf schütteln; schwere Fehler liegen vor und dunkle Rätsel – den künstlerischen Verirrungen möchte ich am allerwenigsten das Wort reden – allein das Alles treibt mich nur zu dem heißeren Wunsch, es möge sich das gegenwärtige Chaos recht bald zu voller Ordnung und Schönheit lichten.

O, wenn ich Glück hätte und selbständig und im Großen leben und bauen könnte – meine alten Isarpläne verwirklichen! Aber da werden mir auch wieder andere Macher zuvorkommen und bis ich mich durchgerungen und endlich die Aufmerksamkeit der hohen Herren auf mich gelenkt, wird mein Platz besetzt sein. Vor Jahren stand ich schon einmal hart an der Linie des Erfolgs – noch ein kleines Schrittchen und ich wäre ganz patent vorwärts geschoben worden. Schon hatte ich den Fuß erhoben, das entscheidende Schrittchen zu thun, da strauchelte ich – an einer dummen kritischen Äußerung über ein allmächtiges Tier – und wie durch Zauber war ich der Linie entrückt. Zur rechten Zeit schweigen und sich neigen, ist aller Künsten größte und für einen geraden, ehrlichen [17] Kerl schwerste. Wir stehen uns mit unserer dummen Ehrlichkeit immer selbst im Wege. Die Welt – die Welt! das heißt die paar Leute, welche das Heft in der Hand haben – ist nie fähig, die volle Wahrheit zu vernehmen; sie will immer belogen sein, damit ihr die Freude an ihrer eingebildeten Herrlichkeit nicht verdorben werde. Also schweigt der Wissende oder Vernünftige oder Vorsichtige. Aber zuweilen ist man das nicht, sondern ein widerhaariger Esel mit langen Idealitäts-Ohren. Da predigt man sich vor, daß die unumwundene Aussprache unserer tiefsten Gedanken und Stimmungen der Menschheit bestes Teil sei; daß die Schlachten des Geistes nicht von Schweigern, sondern von den lauten Zeugen und furchtlosen Bekennern geschlagen werden. Ja, wenn das Lumpengesindel nicht wäre! Und der Knechtssinn!

Blauer Dunst bringt Ehr und Gunst. Leider gehörte der Dunst bis jetzt nicht zu dem Material, aus dem ich zu bauen verstehe. Vielleicht lern' ich's noch!

Mit dem spekulierenden Kapital zusammenzuarbeiten, mit dem vollen Einsatz gereiften Talentes, wäre freilich das verlockendste. Das Aufblühen aller Kunst, besonders aber der auf Riesensummen [18] angewiesenen Baukunst, ist an den Besitz des Goldes gebunden. Sind wir endlich über den blutigen Milliardensegen mit seiner gemeinen Protzerei, seiner geilen Genußgier auch im Kunstschaffen, glücklich hinaus, so sind wir doch der rohen materialistischen Richtung noch nicht entwachsen. Was fordert heute noch die Aufschneiderei und Reklamemacherei der Geldprotzen und Börsenjobber und Spekulanten und Bodenwucherer nicht für haarsträubende Zugeständnisse vom Baukünstler! Wie verroht und unsolid ist der Geschmack des großen Publikums in allem, was mit der Bauthätigkeit zusammenhängt!

Unter solchen Umständen die Möglichkeit zu finden, Werke zu schaffen, welche des aufgewendeten Talents würdig sind und den feinen Sinn, das edle Gemüt befriedigen, ist unendlich schwer.

Und dann die Stilfexereien, die altertümelnden Schrullen der zahlungsfähigen modischen Halbbildung, überhaupt die Renommisterei der Mode in der Kunst! Und das spielt sich als maßgebendes Kennertum auf! Wie mich das anmaßliche Treiben dieser lackierten Barbaren oft kunststadtmüde gemacht hat, kann ich nicht mit Worten sagen. Kreuzmillionendonnerwetter!

Aber wie natürlich ist's auch wieder, daß sich [19] diese Stilhanswurste an ihre »echt« etikettierten Schachteln anklammern: sind sie doch bei allem äußeren Reichtum innerlich so bettelarm, so aller wurzelhaften Empfindungen und quellenden Ideen baar, daß sie nur durch das emsige Spielen mit allen erdenklichen, aus allen Himmelsgegenden und Kunstepochen zusammengeschleppten und mit einem Heidengeld bezahlten Stilformen sich über ihre individuelle Armseligkeit hinwegtäuschen können. Man muß eigenartige, weltbewegende Gedanken haben, um das heiße Bedürfnis zu verspüren, sie in eigenartigen Baudenkmalen niederzulegen; man muß eine starke Persönlichkeit mit bedeutsamen künstlerischen Triebkräften sein, um einen originellen Baumeister zur Ausgestaltung neuer Ideale nötig zu haben. Von der monumentalen epochemachenden Kunst gar nicht zu reden, da eine Blüte derselben den monumentalen Zug des Geistes und Charakters eines hochstrebenden Geschlechtes zur Voraussetzung hat. Kein Wunder, daß diese ästhetischen Schnorrer ihren künstlerischen Lebensbedarf bei den Trödlern und Antiquaren zusammenfechten – ein wahrer Hohn auf alles ernste, vernünftige Sammlertum.

(In Parenthese: es ist doch rücksichtslos von dem Tempera-Frauenzimmer, mich umsonst warten zu lassen.)

[20] Jetzt stehen die Sachen so: wie es Mode-Schneider gibt, so etablieren sich die Mode-Architekten. Diese thun ein Büreau auf. Da liegen die architektonischen Modezeitungen. Man hat alle Stilmuster auf Lager: das klassische, das gotische, das deutschrenaissanceliche, das kompromißliche u.s.w. Alle Vierteljahre schiebt man, den neuesten alten Stil als den tonangebenden in den Vordergrund: dem gehört die Zukunft!

Wie man zum Schneider geht, um sich einen Anzug nach neuester Mode zu bestellen, so geht man jetzt zum Baumeister und steckt die Nase in das letzte architektonische Modejournal und bestellt sich ein Haus nach neuester Mode.

»Sie befehlen, Herr Kommerzienrat?«

»Wünsche mir ein Haus beizulegen.«

»Sehr schön. Stehe zu Diensten. Habe die größte Auswahl.«

»Was können Sie mir als das Modernste empfehlen?«

»Hier dieses Barock, ein steinaltes famoses Muster, würde Ihnen ausgezeichnet stehen.«

»Gut. Lassen Sie das Maß nehmen. Baugrund liegt da und da.«

»Wie Sie befehlen.«

»Und bis wann kann ich das Haus haben?«

[21] »Wir liefern in kürzester Frist fix und fertig ab. Ist die Witterung günstig, spätestens in drei Monaten. Garantie für gute Ware.«

Auch die architektonischen Abzahlungsgeschäfte kommen mehr und mehr in Schwung. Da werden im Fabrikbetrieb gleich eine ganze Anzahl Häuser fertig gestellt. In irgend einer unmöglichen, aber billigen Gegend, in der Nähe der Vororte, auf steiniger, schattenloser Ebene, wo alle Winde im Winter zusammenheulen und pfeifen, daß es ein Grauen ist, schießen plötzlich Dutzende von Häusens, gleich Pilzen aus einem Sumpfe, aus der Erde. Nun sucht das wohllöbliche Baukonsortium seine Fabrikware stück- oder wenigstens stockwerkweise an den Mann zu bringen. Natürlich gibt man dieser noch unbewohnten Ansiedlung gleich einen lockenden, am liebsten recht patriotisch klingenden Namen, z.B. Neuwittelsbach, Neugermanien u.s.w.

Und eine solche Kunst soll das Volk ins Herz schließen? Eine solche Kunst soll unsere nationalen Bestrebungen, unsere sozialen Ideale verkörpern? Eine solche Bauerei soll einen edleren, lebendigeren Zusammenhang zwischen den Menschen stiften und zur Begeisterung für höhere Ziele entflammen?

Wenn Du einmal, mein lieber Max von Drillinger, in kritischer Stimmung bist und nicht gerade [22] in verliebten Absichten durch die Quaistraße schlenderst, bitte, betrachte Dir diesen ungeheuerlichen Häuserblock mit ästhetisch prüfendem Auge; stelle Dich unter eine der schönen alten Kastanien, die man bei der Quai-Anlage allerdings bis zum Halse hinauf in Kies eingestampft hat, so daß sie über kurz oder lang elend ersticken müssen, einstweilen aber lebensmüden Münchener Packträgern als einladende angenehme Naturgalgen zum Aufhängen dienen – und mustere einmal Haus für Haus!

Daß das Material unecht und der Sandstein nur nachgeahmt ist, wäre noch die geringste Ausstellung an diesen erlogenen Prachtbauten, die wie Schwalbennester aneinandergeklebt sind, plump und massig; aber diese Öde der Stilmengerei, diese entsetzliche Langeweile in der Linienwirkung, dieser Ungeschmack im gelben, roten, grauen, ochsenblütigen Verputz!

Und nun überschreite die Isar auf der Maximiliansbrücke und betrachte Dir am andern Ufer von der Höhe, der Gasteig-Anlagen nochmal dieses Barbarenwerk der Quaistraße, wie es mit seiner blöden, plumpen, protzenden Massigkeit die schöne, malerische Silhouette der alten Stadt zudeckt, als hätte man einen Riesenwürfel oder eine Kulisse davorgeschoben, so daß mit knapper Not [23] noch einige ferne Turmspitzen über diese dicke wagerechte Linie am Horizonte aufragen. Und erst bei Mondschein, wie schlägt diese trostlose Ausgeburt der Architektenspekulation aller Poesie des Isar-Ufers ins Gesicht! Überhaupt die ganze Gegend der Maximiliansbrücke: ist das nicht alles wie eine Satyre auf die vielbelobte Kunststadt, die hier das schönste Stück Natur, zu den geistreichsten architektonischen Aufgaben lockend, jammervoll verpfuscht hat? Die imposante Maximilianstraße durch den schauerlichen Kasten des Maximilianeums in eine »innere« und »äußere« auseinandergerissen, hart an der Brücke auf der Praterinsel eine Schnapsfabrik, weiter hinauf eine stinkige Fell-Niederlage, eine Gipsmühle u.s.w. u.s.w.! Was ließe sich hier Herrliches schaffen, wenn die Isar einmal aus ihrem Bette treten und diese Schandgeschichten fortspülen wollte!

Aber ich weiß, ich entrüste mich vergeblich: um eines holden Weibes willen, das dort zwanzig Schritte von der Brücke aus einem Eckfenster Dir heimliche Liebesgrüße und verheißende Liebeszeichen zuwinkt, – nichtwahr, ich bin gut unterrichtet? – spottest Du aller Architekten-Phantasieen und erklärst die Quaistraße an der rauschenden Isar für das größte und schönste Bauwunder der Welt.

[24] Und wenn Du noch einer seligen Stunde am Busen des süß verbuhlten Weibes im nächtlichen Sternenschein heimwandelst, isaraufwärts, am baufälligen Torf-Magazin mit dem hohen, windschiefen Ziegeldach, am alten Ketterl- und grünen Baum-Wirt und an der schweren Reiterkaserne vorüber, immer den rauschenden Fluß, mit seinen hochwaldduftigen Flößen zur Linken, weiter und weiter bis unter die hochragenden Uferbäume an der Auenstraße: da ziehen Dir andere Märchen durch die Seele, als die ich hier träume mit offenen Augen, auf der Höhe des neapolitanischen Vicoletto del Petrajo gegenüber dem Vesuv, im sehnsüchtigen Gedenken an die ferne bayerische Heimat.

Ah, es hat ausgeblitzt und ausgedonnert. Es ist, als ob die ganze Spektakel-Maschinerie im Krater des Berges, des alten Feuerspeiers, versunken wäre. Darüber hin schweben, ziellos, planlos, wie vergessen, einige Wolkenfetzen. Der Himmel hat eine Regenmiene aufgesetzt. Das ist immer das nasse Ende vom Lied, aber es ist ein gutes, erfrischendes Ende. Man kann dabei wieder aufatmen.

Mir selbst ist jetzt so wohl und leicht, nachdem ich mich ausgegrollt, und bei Gott, wenn jetzt [25] plötzlich meine bayerische Landsmännin hereinträte, die jungfräuliche Flora Kuglmeier, ich wäre im stande, sie in die Arme zu schließen und an die vaterländische Brust zu pressen, daß uns beiden Sehen und Hören vergehen sollte.

Flora Kuglmeier scheint mich mit ihrer Besuchs-Zusage für diesen Vormittag positiv zum Besten gehabt zu haben. Eigentlich gefällt mir das von dem zarten und doch so eigenwilligen Ding; ja, es imponiert mir sogar. Dieses eigentümliche Persönchen mit seinem blonden Falkenköpfchen fängt an, einen unheimlichen Reiz auf mich auszuüben. Ich nehme mich schon ordentlich zusammen in ihrer Nähe. Ihr langer, kritischer Blick hat etwas Beängstigendes; sie hat eine gewisse Art, mit ihren dunkelblauen Augen Fragen zu stellen, daß man sich selbst, bei Gott, ganz fragwürdig vorkommt. Und ich, der ich gewohnt bin, das weibliche Geschlecht so schopenhauerisch von oben herab zu nehmen! (In Parenthese: Brigitta galt mir stets als eine große Ausnahme; ihr schlichter, starker Sinn, ihr hausmütterlich treues Walten, ihre Entsagungskraft – ja, da gehe Einer hin und thue desgleichen!)

Mein lieber Max v. Drillinger, gemütreicher Leichtfuß, spitzfindiger Phantast, pessimistischer [26] Optimist, Mann der Widersprüche, Zusammenreimer von Ungereimtheiten – ist das genug auf einmal? – was wärst Du, ohne Brigittas Herz, diesen festen Schlußstein im luftigen Gewölbe Deines Lebensbaues?

Ich lege nun einen Eid darauf ab, daß mich die Tempera-Malerin mit Wissen und Willen gefoppt hat und schmiere ruhig Briefbogen um Briefbogen voll; ich tilge nicht nur Briefschuld, sondern kapitalisiere, damit ich für den Rest meiner Italiafahrt von epistolarischen Renten leben kann und Dir überhaupt nicht mehr zu schreiben brauche. Wenn ich Flora Kuglmeier auf diesem Stern jemals wiedersehe, werde ich sie überzeugen, daß sie mir mit ihrem Wortbruch einen nützlichen Dienst geleistet hat.

»Fragwürdig« habe ich oben gesagt. Ja, eigentlich sind wir zwei, Du und ich, fragwürdige Kerls, d.h. Du hauptsächlich, ich viel weniger. Schon deshalb, weil ich jetzt fest entschlossen bin, bei der Stange zu bleiben, mir im Leben nichts mehr gefallen zu lassen, was meine Thätigkeit stören oder beeinträchtigen könnte, und schließlich als freier Mann zu irgend einem schönen Fleck Erde in der bajuwarischen Heimat zu sprechen: »Hier ist gut sein, hier laßt uns Villen bauen!«

[27] Fräulein Flora, wie gefällt Ihnen der Scherz?

Das ist zwar noch alles ziemlich kompliziert, aber ich stehe für mich ein, daß ich hinausfinde. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg – das Wort soll nicht bloß für Amerikaner gesprochen sein.

Aber Du? ...

Wille und Weg, wohin sollen sie schließlich führen? Zur Berühmtheit, zur Unabhängigkeit und Herrschaft großen Stils, zu Reichtümern und allem, was damit zu erwerben?

Was damit zu erwerben? Käuflich ist heute nahezu alles. Leider. Und das verdirbt dem feineren Ehrgeiz alle Freude. Erstreben was jeder reiche Lump haben kann, ist das noch erstrebenswert für den raffinierteren Kopf? Gewährt uns das noch eine höhere Befriedigung, was für jeden aus der gemeinen Herde erreichbar ist, sobald ihm das große Los zufällt?

Aufgepaßt: das wäre ungefähr Dein Gedankengang, nicht Dein eingestandener, sondern Dein geheimer – und das ist just nicht der meine.

Ich will mich einfach ausarbeiten und ausleben; ich will beweisen, daß ich eine Kraft bin. Die kleinen Hilfsmittel und Verzierungen des Lebens kümmern mich wenig, sofern sie nicht eine [28] besondere Verstärkung meiner Kraft bedeuten. Ich will meine eigenen Werte prägen: ich will meine höchstpersönliche Meinung vom Glück allen andern Meinungen gegenüber zur Geltung bringen. Großzügig, siehst Du; monumental in Gesinnung!

Nun glaubst Du aber selbst, daß die geheimnisvolle Flora Kuglmeier heute nicht mehr zu mir kommt, so heiß auch meine – Neugierde sie ersehnt, nichtwahr? Krampfhaft halte ich die Feder und schreibe fort, wütend, zähneknirschend – wenn nur kein Handschriftendeuter diese Blätter jemals in die Klauen bekommt und Dir mit dem Tüpferl auf dem I und dem U-Häuberl und dem andern Schnickschnack beweist, daß der Schreiber ein rasend verliebtes Rhinozeros gewesen. Da thäte ich mir selbst leid. Denn gerade meine Schreibfuria soll ja bezeugen, daß ich nur kraft körperlichen Zwanges in dem Vicoletto del Petrajo, einer Steinbruchgasse hoch über Neapel, hause, hingegen mein Geist bei Dir weilt an der rauschenden Isar, bei Dir, Max v. Drillinger, dem unausstehlichsten Freunde, den mir Gott in seiner unergründlichen Gnadenlaune beschieden.

Träte Fräulein Flora Kuglmeier jetzt plötzlich durch die verschlossene Thür zu mir, oder schwebte sie über den Balkon leise herein, oder senkte [29] sie sich vom Plafond herab, etwa am Faden eines Spinngewebes, oder tauchte sie aus der schwarzen Tiefe meines Tintenfasses auf – Du wirst's erleben, daß sie nichts dergleichen thut – aber angenommen: ich versichere Dir, ich bliebe kalt wie eine Hundenase und plauderte ganz gelassen da weiter, wo ich gerade mit der Feder aufgehört.

Also von Dir, Unvergleichlicher!

Komisch. Sie erzählte mir neulich aus ihrer Lehrerin-Vorbereitungszeit von einem Examen, das ihr die erste Auszeichnung eingetragen, eine Prämie in der Physik, weil sie so gründlich und anschaulich die Gesetze von der Anziehung der Körper dargelegt habe.

Anziehung der Körper, welch' ein Thema für eine junge, feurige, geistreiche Dame! Freilich muß es schon recht lange her sein, da sie selbst so wenig mehr von der Wirkung dieses interessanten Gesetzes verspürt. Oder sollte mein Körper alle intimere Anziehungskraft verloren haben? Sollten keine geheime Kräfte mit siegender Allgewalt sich Bahn brechen zu der entfernten Ersehnten, daß sie dem Zwange der Natur sich füge? Und heute ist Josephitag!

Wie ganz anders haben wir gewirkt in unserer Jugendjahre Maienblüte, guter Max! Neulich, [30] in einer schlaflosen Nacht, habe ich die Flammen rekapituliert, die ich einst als studentischer Schmetterling umgaukelte.

Wieder ein Beweis, was ich für eine treue Seele: ich habe im Stillen den Lebenslauf dieser unschuldigen Kinder verfolgt. Die Beobachtung ergab seltsame Resultate. Die dicke, runde Klara, die Bräumeisters-Tochter, ist mit einem Kassier verduftet; Seraphine aus der Sendlingergasse hat ihr Herz an einen Pfaffen gehängt und hat sich aus mystischen Gewissensskrupeln in der Isar ertränkt; die sentimentale Amalie der Professorswittwe Streuhuber ist eine tüchtige Geschäftsfrau geworden und verkauft Hosen an die Landshuter Garnison; Fanni Kranzler vom Rochusberg hat sich dem Trunk ergeben und ist im Irrenhause gestorben; die rabiate Bella ist zuerst Komödiantin und dann eine resolute Pensionatsmutter geworden. Was für Lebenswendungen!

Und unsere Jugendeseleien! Noch nicht hinter den Ohren trocken, wollten wir berühmt werden und die Augen von ganz Europa – oder wenigstens von unserm Stadtviertel auf uns lenken. Berühmt werden! Jeden Morgen war die erste Frage: wie fangen wir's an? Und dabei erreichten wir zunächst, daß wir beim Examen mit [31] Pauken und Trompeten durchfielen. Dann wiederum: sollen wir fünfaktige Dramen schreiben, um schneller ans Ziel zu kommen, wenigstens öffentlich ausgepfiffen zu werden, oder eine neue Religion oder ein neues Schießpulver erfinden, um der Menschheit ein ungeahntes Heil zu bringen? Mit unserer Sehnsucht nach der Heilandschaft verband sich nur ganz selten die sehr praktische Erwägung: Berühmtheit bringt Moneten, jene Berühmtheit, welche von den Kindern einer materialistischen Zeit als die überhaupt allein erstrebenswerte betrachtet wird. Unser Sinn ging zunächst immer, dieses Lob dürfen wir uns nicht versagen, auf etwas Schönes ohne Hinterlist, etwas Reinliches ... Zum Teufel auch, hätten wir doch wenigstens Richard Brands Schweizer-Pillen erfunden!

Da fällt mir eben etwas sehr Menschliches ein: wenn Fräulein Flora Kuglmeier krank geworden wäre? Wir haben gestern bei einem Ausfluge eine Menge Zeug durcheinander gegessen: Orangen, Makkaroni, Salat, Würste, Feigen ...

Ich werde mich ankleiden und im Gasthofe nach ihr sehen. Sie wohnt da unten, dem Meere zu, in einem Kranze blütenreicher, duftiger Gärten, Rione Principe Umberto. Ich bin ganz gerührt, [32] wenn ich mir das liebe Kind leidend denke, im Bett vergraben, mit der Kolik, der Ruhr oder sonst einer wüsten Krankheit ringend; das Gesichtchen bleich, verzagt, von einem weißen Häubchen umrahmt; auf dem Nachttischchen eine herabgebrannte Stearinkerze in einem grünspanfleckigen Messingleuchter mit zerbrochener Glasmanschette, daneben halbleere Medizinflaschen in allen Größen und Farben. Hilfesuchend streckt sie mir aus der Decke ihr feines, vom Fieber brennendes Händchen entgegen ...

Ja, ich will gleich hinuntergehen. Ich erfülle eine heilige Menschenpflicht. Das hätte ich eigentlich schon vor einer Stunde thun sollen. Statt an diesem unnützen, überflüssigen, ungeheuerlichen Brief zu schreiben, für den ich doch keinen Dank ernte, höchstens eine mokante Kritik.

Trotzdem will ich zum Schlusse auch Dir gegenüber das Maß meiner Güte voll machen und Dir zu Deinem bevorstehenden Geburtstage gratulieren – ich merkte ihn, weil er in den kalendermäßigen Frühlingsanfang fällt, worauf Du Dir in grenzenloser Eitelkeit immer so viel zu Gute thatest, obwohl Du diesen Datums-Vorzug mit einigen Millionen anderer Menschenkinder teilst, hochgeborener Max von Drillinger. Da ich Dich nun [33] einmal mehr liebe, als Du verdienst, und das Schicksal – die präsumptive Krankheit – meiner armen Flora mich in weiche Stimmung versetzt, hat, so will ich ein ganzes Füllhorn innigster Wünsche auf Dein edles Haupt ausgießen. Möge das neue Lebensjahr all' die Wechsel – so warte doch mit Deiner nervösen Grimasse! – all' die Wechsel – einlösen, welche Dir das alte auf Glück ausgestellt haben sollte. Im Übrigen kannst Du bleiben wie Du bist; Du bist mir drollig und amüsant genug. Ziehe aus dem Umstande, daß die Zahl Deiner Jahre um eins vermehrt wird, nicht den voreiligen Schluß, daß Du älter geworden seist. Ich weiß, man ist gerade an solchen Tagen zu so jammerhaften Meditationen geneigt, und besonders Leute, die wie Du gar kein Talent zum Altwerden haben, sind's am meisten.

So. Und jetzt lass' mich gefälligst in Ruhe. Schreib' mir gelegentlich, was die Isar neues rauscht, wie's der tapfern Brigitta geht, der bewundernswerten Heldin, die das Unerträglichste erträgt – Dich!

Gott mit uns. Amen.


Mit Schwert und Eichenlaub


Dein getreuer Joseph Zwerger.


– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –


[34] Nachschrift. Zwei Stunden später. Flora Kuglmeier ist gekommen, Flora Kuglmeier ist gegangen; sie ist frisch und gesund, der Name des Herrn sei gelobt! In die Arme sind wir uns zwar nicht gesunken, aber das kommt noch. Sie! ist ein wunderbares Geschöpf. Ein Charakter! Da läßt sich daraufbauen. Ich habe mich nicht enthalten können, sie auszuforschen: sie kennt Dich nur vom Hörensagen, aus weiter Entfernung. Das gereicht mir zu großer Beruhigung. Nun hab' ich ihr zum Dank viel Gutes von Dir erzählt.

Entsetzlich war's, daß ich vor Zerstreuung, Eile, freudigem Schreck u.s.w. im Hemde die Thür öffnete. Je nun, Flora hat nicht aufgeschrieen, ist nicht in Ohnmacht gefallen – sie hat den Anblick ertragen wie ein Mann! Das werde ich ihr all' mein Lebtag nicht vergessen.

Sie wünscht, Du möchtest die Bekanntschaft des Bildhauers Achthuber machen. Er hat sein Atelier drunten am »Gries«, im Wäscherinnen-Viertel, Ende der Isarstraße.

[35] 2.

Die Vorstellung im Gärtnerplatztheater war zu Ende. Jung-München lärmte heraus.

Der Schwarm der Besucher hatte sich bis auf wenige Nachzügler im urbajuwarischen Gaslichthalbdunkel der von der Rotunde strahlenförmig auslaufenden, schön langweilig nach der Schnur gebauten Straßen mit allmählich verhallendem Geräusch von Menschenstimmen, Massenschritten und Wagengerassel verloren. Die Kandelaber an der Freitreppe des Theaters wurden gelöscht und die Thüren geschlossen. Die Feuerwehrmänner mit ihren blitzenden Helmen marschierten in militärischem Tempo und kräftigem Absatzaufschlag davon.

Ehrsame Nachtstille lagerte wieder über dem dämmerigen Platz und träumte in den schwarzen Wipfeln der Kastanienbäume, welche die statuengeschmückte Rotunde umsäumen.

Aus dem Seitenausgang des Theaters gegen die Klenzestraße war eine elegant in Kapuze und Mantel gehüllte Dame in eine wartende Droschke gestiegen. Der wohlabgerichtete Kutscher fuhr [36] langsam die Theaterseite hin und zurück, bis endlich behenden Schrittes eine Männergestalt den Platz durchquerte, direkt auf den Wagen zueilte und den Schlag öffnete.

»Aber Max, wie konntest Du mich wieder so lange warten lassen!« erklang zärtlich vorwurfsvoll eine tiefe Frauenstimme aus dem dunklen Wagengehäuse. »Rasch herein!«

»Den alten Weg,« rief der Herr zum Kutscher hinauf und schwang sich zu der vor Ungeduld und verliebtem Begehr fiebernden Dame in die Droschke. Kaum war die Thür geschlossen, so fielen auch schon die Gardinen und das Liebesgespann – nahm den alten Weg. Hü, hot!

»Natürlich war er's wieder, Max v. Drillinger, der Heißbegehrte,« höhnte eine meckernde Baßstimme aus einer Gruppe, die beobachtend im Dunkel der Hausecke den Vorgang verfolgt hatte.

»Kein Zweifel.«

»Die Abfahrt stimmt. Der Rest läßt sich denken.«

»Wie gewöhnlich hat die kluge Dame ihren eigenen Wagen heimgeschickt mit der Erklärung, sie ziehe bei dem schönen Wetter den Spaziergang vor, die Nachtluft werde ihr wohl thun und so weiter.«

[37] »Wird ihr auch wohl thun.«

»Sehr wohl. Der Drillinger versteht sein Metier als patentirter Frauentröster.«

»Wie der brave Gatte in der Quaistraße – sprich auf münchenerisch: G'weih-Straße! – sein Metier als König Menelaus versteht.«

»– Laus der Gute, – Laus der Gute –« spottete der Dritte, den Offenbachschen Refrain aus der »Schönen Helena« summend.

»O, der hat als richtiges Ehe-Trampelthier eine Elephantenhaut. Alle Pfeile des Spottes auf dem letzten Faschingsball im Hoftheater sind wirkungslos abgeprallt.«

»Und es sollte kein Mittel geben, ihm die Augen zu öffnen?«

»Er gehört zu jenen Blinden, die nicht sehen wollen. Und die sind inkurabel.«

»Bah, man müßte ihn nur bei den Ohren nehmen und einmal der Katze die rechten Schellen anhängen.«

»In der Presse?«

»In dem berüchtigten, ›Vaterland der schönen Seelen‹, Organ für sittliche Unterhaltung und Belehrung der Wachtstuben- und Kasernenwanzen?«

»Das ist abgeschmiert. Die kluge Donna ist [38] eine zahlungsfähige Klientin der Revolverpresse unserer königlichen Haupt- und Residenzstadt.«

»Ein Versuch wäre doch zu machen. Aber welcher reinliche Mensch mag sich mit solchen Schmieranten und Preßbanditen einlassen?«

»Ich! Reinlichkeit in Ehren, aber gibt es nicht Zangen, mit denen sich auch das Schmutzigste anfassen läßt? Gibt es nicht Mittelspersonen? Das sind zwar auch Hallunken, aber wenn's einmal nicht anders geht! Dem Drillinger muß endlich ein ordentlicher Prügel zwischen die Beine geworfen werden.«

»Einverstanden. Das wird wenigstens eine Abwechslung sein für seine verehrten Beine. Also überlegen wir das Geschäft!«

»Preis ist Nebensache!« spottete der Dritte.

Die Gruppe entfernte sich durch den dunklen Portikus, überschritt die Reichenbachstraße und trat in das Café Paul, dem Stelldichein der Theaterbummler und Nachtschwärmer des Gärtnerplatz-Viertels.

Auf dem Asphalt unter den Kastanienbäumen promenierten mehrere Studenten, schweigend ihre Zigaretten rauchend und die Pferdebahn erwartend.

»Ich muß sagen, nach der ›Nacht in Venedig‹ mit der entzückenden Straußschen Musik verspreche [39] ich mir wenig von dieser Nacht in München, die Ihr mir zum Besten geben wollt«, nahm eine schlanke Gestalt mit ein paar Schelmenaugen im träumerischen Siegfriedskopfe die Rede auf. »Eine Gondel auf den Lagunen und eine Droschke auf dem Münchener Pflaster – wer weiß mir lächerlichere Gegensätze?«

»Und eine Droschke, die nie zu haben ist, wenn man sie braucht, und zu deren Ersatz man auf eine Trambahn wartet, die nie ankommt.«

»Ihr Norddeutschen könnt eben unser herrliches München nur in kritischer Sauce genießen. Das ist zwar fade für unsern Gaumen, aber wir haben uns daran gewöhnt.«

»Nun hören Sie einmal, Kuglmeier, die Rheinländer sind nicht so norddeutsch, wie Sie glauben und meine Wiege hat bekanntlich in der großen Pfaffengasse am Rhein gestanden,« protestierte der träumerische Siegfriedskopf und schob seinen Arm unter den seines Münchener Kameraden. »Wir Rheinländer wissen zu leben und leben zu lassen. Wir sind die gemütlichsten Kerls.«

»Na, und wir Münchener erst!«

Das brachte der kleine Kuglmeier so drollig heraus, daß alle lachten.

[40] »Na, und diese Luft, direkt aus Italien, von einer Weichheit ...«

»Als ob sie Deine Schwester Flora in Neapel extra für uns präpariert hätte.«

»Also heute nicht raisonnieren!« hob wieder der Rheinländer an. »Nehmen wir Kuglmeiers Münchener Nacht, wie sie ihm Gott beschieden hat; trinken wir noch Eins, scherzen mit hübschen Mädchen womöglich – plaudern, faseln, kannegießern, aber warten wir nicht länger auf diese marode Pferdebahn!«

»Dort kommt sie schon herangekrochen mit müdem Geklingel.«

»Wir haben noch gar kein Vergnügungs-Programm gemacht!«

»Das laßt meine Sorge sein,« rief Kuglmeier.

»Da kann's uns nicht fehlen. Kuglmeier ist die rechte Hand des Zufalls,« bemerkte der Mediziner Stich, der auf den Kneipnamen Hippokrates hörte.

Der einspännige blauweiße Kasten rollte vorüber, die jungen Herren sprangen einer nach dem andern auf die Plattform. Im Innern saßen, beschienen von der gelben Laterne, zwei etwas auffallend geputzte Mädchen, eine stumpfnäsige Brünette und eine langnäsige Blondine, beide mit [41] exzentrischen Hüten aus hochgestülptem, schwarzem Filz und steifen, gespreitzten Federn, wodurch die ermüdeten Gesichter etwas gewaltsam Kühnes und Herausforderndes erhielten. Fest im straffen Korsett sitzend, die Beine übereinander geschlagen, mit den Stiefletten klopfend, die einen kräftigen, aber wohlgeformten Fuß umspannten, wandte sich die Brünette mit einer raschen Bemerkung ans Ohr der Blondine, worauf diese mit einem schmachtenden Blick auf die Plattform antwortete. Als Fortsetzung unterdrückte sie ein Gähnen, hielt die gelbgantierte Hand muschelförmig über den Mund und flüsterte: »Hunger hab' ich.«

»Und ich Durst. Prost Mahlzeit!« kicherte die Brünette und gähnte gleichfalls mit Anstand.

»Wohin fahren die Herren?« fragte der Kondukteur.

»Ja, wohin fahren wir gleich –« meinte Kuglmeier mit komischer Unsicherheit.

»Der rechte Führer! Prädestiniert für den deutschen Generalstab! Du lieber Gott, Damen haben überall den Vortritt: wir fahren den Damen da drinnen nach!« vermittelte lachend der Rheinänder und seine Schelmenaugen umspielten einladend die beiden Mädchen, denen die Geschichte offenbar gar nicht übel gefiel, denn sie stießen sich [42] an, schlugen die Augen à tempo halb nieder und zwinkerten durch die Lidspalte mit leisem Kopfnicken dem munteren Sprecher zu.

»Also geben Sie uns für zehn Pfennige pro Mann,« sagte Kuglmeier trocken und steckte dem Kondukteur ein halbes Markstück in die Hand.

Der Wagen durchrollte die lange Reichenbachstraße und hielt an der Haltestelle bei der Einmündung in die Frauenhoferstraße. Niemand machte Miene zum Aussteigen. Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. Eine leichte Steigung gegen die Reichenbachbrücke veranlaßte den Kutscher langsamer zu fahren; auf der Brücke angekommen, einem alten Balkengerüst von der architektonischen Schönheit der Pfahlbauzeit, ließ der Kutscher sein Pferd vorschriftsmäßig im Schritte gehen. Der müde Schimmel, dankbar für diese ortspolizeiliche Vorschrift, streckte den Kopf rechts und links, pustete seinen glühenden Atem in die schwarze Nachtluft hinaus, daß weiße Nebel um seine Nüstern sprühten, hob den Schweif und blieb mitten auf der Brücke stehen, um ein natürliches Bedürfnis zu befriedigen.

Die Mädchen stießen sich wieder an, zupften ihre exzentrischen, hochgestülpten Filzhüte mit den [43] gespreitzten Federn zurecht – und benützten den unfahrplanmäßigen Halt zum Aussteigen.

»Erlauben Sie, daß wir die schöne Gelegenheit bei der Hand ergreifen,« sagte der Rheinländer galant und erhaschte die flinke Brünette bei den Fingerspitzen, zog damit ihren Arm an sich und, mit ihr gleichzeitig den Boden betretend, schlang er als vorsichtiger Ritter noch seinen Arm um ihre Hüfte, damit sein Schützling auf der schlecht beleuchteten Brücke ja nicht zu Fall komme.

Die übrigen Kameraden, elektrisiert von seinem Beispiel, wollten sich gleichzeitig um die Blondine bemühen, aber da kam einer dem andern in die Quere, das Pferd zog plötzlich an und der kleine Kuglmeier blieb mit dem Absatz am Tritteisen hängen, fiel und drückte die lange Blondine mit zu Boden.

Die Brünette schrie und lachte zugleich, sich fest an den Rheinländer drückend, der sie im ersten Schreck mit beiden Armen umschlang, während die Andern im Rettungseifer blind dreintappten – merkwürdigerweise keiner nach Kuglmeier, alle nach dem Mädchen! – und der eine ein Bein, der andere einen Arm, der dritte den Federhut erwischte.

»Hippokrates vor!« rief der Rheinländer.

[44] Inzwischen hatte sich die Blondine in die Höhe gearbeitet und lachend den kleinen Kuglmeier mit aufgezogen.

»Hippokrates, walte Deines Amtes! Biete der Gefallenen Deine hilfreiche Kunst!«

Die Brünette hatte sich mit einem letzten zärtlichen Druck von dem Rheinländer losgemacht, um ihrer Freundin die Kleider und den Hut ordnen zu helfen.

»Ach, es ist gar nichts,« versicherte die Blondine mit dem besten Humor von der Welt.

Hippokrates ließ sich aber dadurch nicht abhalten, als gewissenhafter Medizinmann seine Pflicht zu erfüllen. Er strich und tastete und drückte mit beiden Händen an dem Mädchen herum, das sich nur zum Schein gegen so sachverständige Sorgfalt wehrte. Die Brücke war menschenleer; die kleine Gesellschaft stand allein in ihrer abenteuerlichen Intimität da, über sich den schwach besternten Wolken-Himmel, unter sich die rauschende Isar, ringsum die dunkle, laue Nacht, in welche die Gasbeleuchtung diskrete Lichtpünktchen säete.

Der emsige Hippokrates ließ sich auf ein Knie nieder, nahm die Fußknöchel der Blondine zwischen Daumen und Zeigefinger, frottierte mit der Hand [45] hurtig bis an die halbe Wade hinauf – und »Eine Röte, eine verdächtige Röte! Thut's weh?« rief er und erfaßte das Strumpfband.

»Was Röte! Das ist ja die Farbe des Strumpfes!« rief lachend das Mädchen. »Sie sind mir ein schöner Doktor –« und mit einem Ruck entzog sie ihm das Bein.

Allgemeine Heiterkeit. Der Heiterste aber war Hippokrates: er richtete sich hoch auf und schwang triumphierend das Strumpfband.

»Nein, ist das lustig!« und die Brünette hüpfte wieder zu ihrem Ritter, der ihr galant den Arm bot.

Der Rheinländer mit den glücklichen Schelmenaugen hob jetzt mit kömischem Pathos an: »Meine Herrschaften, danken wir unserem Freunde Kuglmeier für die ungeheuere Geschicklichkeit, mit welcher er dieses ebenso erschütternde wie angenehme Ereignis inszeniert hat. Er ist der Mann der Überraschungen und stets Herr der Situation.«

»Bravo! Bravo!«

»Da wir nun in anbetracht der vorgerückten Stunde die Damen nicht mehr allein ihrem Schicksale überlassen dürfen ...«

»So bleiben wir hübsch beieinander,« fiel Kuglmeier ein und machte sich begehrlich an die[46] lange Blondine, die sich in schwachen Anstrengungen gefiel, von dem glühenden Hippokrates ihr Strumpfband wieder zu erlangen.

»Ausreden lassen!«

»So finde ich es schicklich, daß wir uns den Damen zunächst vorstellen. Hier der Medizinmann Herr Stich, Herr Kupfer, genannt der ›große Schweiger‹, Herr Schlichting, der ›Einsame‹, Herr Kuglmeier und meine Wenigkeit, der ›große Unbekannte‹, der in diesem Augenblicke gar nicht weiß, in welcher wildfremden Gegend er sich befindet.«

»Wir sind Blumenmädchen,« lachte die Brünette.

»Aus der Nacht in Venedig – oder aus Parsifal? – Zauberhaft!«

»Nein, – aus dem Bellingerschen Atelier. Ich mache Blätter und Blüten und die Nanni die Stiele.«

»Noch zauberhafter.«

Helles Gelächter.

Der als Herr Kupfer, der »große Schweiger« Vorgestellte, wollte nun die Last seiner Gefühle in dieser närrischen Frühlingsnacht auch nicht länger stumm bei sich tragen. Die Dunkelheit machte ihn so kühn, daß er sich mit allerlei phantastischen Griffen an des Rheinländers [47] Schützling heranzuschlängeln mühte. »Ja, sehen Sie, holde Wunschmaid und Blütenfabrikantin, wir sind ganz unschuldige Säuglinge der Wissenschaften und schönen Künste.«

Aber die Brünette wehrte ab: »Bitte, Sie scheinen mir im Gegenteil ein ganz verflixtes Schweinchen zu sein.«

Die Lebhaftigkeit der Unterhaltung und der Gesten hatte das Auge des Gesetzes angezogen das jetzt in Gestalt zweier Gendarmen feierlich beobachtend im Dunkel auftauchte und den Raum der Brücke durchmaß.

Die Gesellschaft war an die Ballustrade getreten, an eine Stelle, wo dichtere Finsternis herrschte.

»Orientieren wir uns. Herr Kuglmeier, urmünchenerischer Ansiedler, leihen Sie uns Fremdlingen Ihr Licht!«

Nun wollte sich der kleine Kuglmeier aus Rache für sein Mißgeschick auch einige Witze leisten. Er warf sich in Positur und brachte folgenden Unsinn zustande:

»Wir sind in Bajuwariens nächtigsten Gefilden. Dort im Süden dehnt sich der furchtbare Urwald von Harlaching- Thalkirchen- Großhessellohe-Höllrieglskreut, durchströmt von dem wildesten [48] und gefährlichsten aller Alpenflüsse. Rätselhaft ist sein Wesen gleich dem Acheron und unheilvoll ist sein Wasser. Wer unbedacht hineinfällt, ersäuft, wenn ihm nicht der Magistrat einen Rettungsbalken zuwirft; und sitzt er auf dem Rettungsbalken, so erfriert er, wenn ihm nicht die barmherzige Kathi vom Beisel in der Wasserstraße einen steifen Grog hinüberbringt. Hier, rechts, sehen Sie eine der gewagtesten menschlichen Ansiedlungen, Monachia, die Stadt der Mönche und anderer Klosterbrüder und ungeschundener Raubritter; links die Au, die sich an einem Nebenflusse der Isar, am duftigen Entenbach, zu einer der größten und elegantesten Villenstädte europäischer Biersümpfler zu entwickeln verspricht; ferner flußauf und -abwärts zwischen dem Ufer und den menschlichen Wohnstätten dehnen sich Promenaden, Alleeen, Gärten, Haine, Wiesen, Mist- und Schutt- und Eisplätze in lieblichem Wechsel, allwo die große heidnische Göttin im Schutze der Nacht ihren Gläubigen die Opferstellen anweist ...«

»Haltet ihm den Mund zu!«

»Was sind das, Opferställe?«

»Opferstellen! Das werdet Ihr heute Nacht [49] zum hundertundsoundsovielten Male praktisch expliziert bekommen, geliebte, keusche Mädchen.«

»Ich verbitte mir solche Randglossen zu meinem Vortrage!« schrie der kleine Kuglmeier, als der Medizinmann Stich die fragende Blondine in die Arme schloß und leidenschaftlich küßte.

»Alle Wetter, Kuglmeier ist eifersüchtig,« spottete der ›große Schweiger‹, noch verstimmt über seinen Mißerfolg bei der braunen Blütenmacherin mit der lustigen Stumpfnase.

»Ich eifersüchtig? Das wäre geradezu beleidigend, wenn ...«

»Kinder, nehmt Vernunft an, die Gendarmen sind in der Nähe. Deren Zartgefühl erträgt solche Scherze nicht. Da kommt auch eine Droschke mit ehrbaren Spießbürgern, skandalisiert sie nicht! Seid dezent!« mahnte der Rheinländer spöttisch, während er mit der Hand seines um die Taille der Brünette gelegten linken Armes den vollen straffen Busen streichelte, daß das Mädchen erregt aufseufzte und in heißem Schmachten sich förmlich in die Feuer und Leben atmende Gestalt des blonden Recken vergrub.

»O, seht hin, die Gardinen zugezogen; ein Ehebett auf Rädern!«

[50] »Ich erkenne den Kutscher; er nahm am Gärtnerplatztheater ein heimliches Pärchen auf.«

»Hetzen wir die Gendarmen darauf!«

»Willst Du gleich stille sein, Kuglmeier?«

»Kutscher, Sie haben wohl etwas Zerbrechliches in dem Fuhrwerk? Schreiben Sie doch ein anderesmal ›Vorsicht‹ auf Ihre Kiste!«

»Ich habe Hunger. Was stehen wir länger da herum? Davon werd' ich nicht satt,« platzte Nanni heraus, die zarte Stengelfabrikantin. »Komm, Mali!«

»Also gehen wir hinüber in die Wasserstraße, in den Isarhof?« fragte Kuglmeier.

»Ich bin zu allen kulinarischen Schandthaten bereit, obwohl ich keinen Hunger habe; nur endlich los!« setzte der Rheinländer kräftig ein.

»Nein, nicht in die Wasserstraße,« protestierte Mali; »da hält man uns für nichts Rechtes, da streunen lauter schlechte Frauenzimmer herum.«

»Dann gehen wir auf die andere Seite, durch die Anlagen mit den hübschen Sitzgelegenheiten – oder über das Muffatwehr, das ist auch romantisch und führt auf die Kohleninsel, eine sehr poetische Gegend.«

»Da mag ich nicht hin,« fiel jetzt wieder die blonbe Nanni ein; »da drüben ist's auch nicht geheuer, [51] und die Gendarmen haben bereits ein Auge auf uns geworfen – dort stehen sie immer noch und passen. Ich fürcht' mich. Mit der Polizei mag ich nichts zu thun haben.«

»So bleibt uns nichts übrig, als in die Isar hinabzuspringen und schwimmend ein sicheres Ufer zu suchen,« bemerkte der Rheinländer ungeduldig.

»Schwimmen? Ja, Schnecken. Da dank' ich. Das ist wirklich stark. Am Ende macht's Ihnen noch Spaß, uns in's Wasser zu werfen! In der Isar sind schon so viele Mädchen umgekommen. Verliebte Mannsbilder mit lauter Redensarten, das sind mir die Rechten! Die sind zu allem fähig!« Mali machte sich vom Arm ihres großen Unbekannten los: »Ich glaube wirklich, die Herren halten uns zum Besten? Prosit Mahlzeit, suchen Sie sich andere dazu aus. Komm, Nanni!«

»Ja, wohin denn?« rief der Rheinländer verdutzt. »Na, das ist komisch.«

Die Mädchen aber schritten tapfer fürbaß, ohne sich umzublicken, an den Gendarmen vorüber, gegen die Au zu. Die Studenten blickten eine Weile den Flüchtigen betroffen nach, dann brachen sie in ein Gelächter aus, aus welchem ebensoviel Enttäuschung wie ärgerliche Spaßhaftigkeit schallte.

[52] Nur einer fand das Wort für die Situation, Schlichting: »Es geschieht uns recht.«

»Der gute Mensch! Uns sagt er – und er hat wahrhaftig von der ganzen Geschichte am wenigsten gehabt,« meinte der Rheinländer treuherzig. »Aber was jetzt thun, Kuglmeier, rechte Hand des Zufalls?«

»Jacta est alea.«

»Ein klassisches Wort. Das stimmt. Aber es hilft uns nichts. Wir können doch nicht so heimtrollen, ohne etwas für die Unsterblichkeit und unser Vergnügen gethan zu haben?«

»Über lauter Narretei habt Ihr vergessen, einen Blick in diese wunderbare nächtliche Flußlandschaft zu thun,« nahm jetzt der stille Schlichting wieder das Wort, über die Ballustrade gelehnt, während die Kameraden heftig vor ihm auf und ab marschierten zwischen zwei Laternenpfählen und beratschlagten, was ferner zu unternehmen sei.

»Die Kneipe? Nein, das ist mir zu öde,« sagte der Rheinländer. »Eine solche milde Frühlingsnacht in der dumpfen Stube?«

»Ich wette, sie erwarten uns da drüben, in einem grünen Versteck der Anlagen. Es war nur eine Finte, der Gendarmen wegen. Wir sollten uns die Geschichte nicht so entschlüpfen lassen.«

[53] »Donnerwetter, es waren doch ein paar patente Mädels mit einer pikanten Nüance ins Verdrehte, Phantastische.«

»Eigentlich that einem die Wahl weh; ich konnte mich gar nicht schlüssig machen, welcher von beiden ich meine spezielle Neigung zuwenden sollte,« behauptete Kupfer mit Wärme.

Der Rheinländer biß sich bei diesen Worten leicht auf die Zunge. »Na, höre!«

»Hast Du das Strumpfband noch?«

»Habe gehabt. Nicht einmal diese bescheidene Trophäe haben wir gerettet. Es ist zu dumm.«

»Eigentlich sind wir die Genarrten. Männer der frischen, fröhlichen That hätten ganz anders gehandelt. Die Mädchen müssen uns für rechte Gimpel halten.«

»Wir haben die schöne Gelegenheit verschwatzt.«

»Was hält uns denn ab, das Versäumte wieder gut zu machen?« rief Kuglmeier ganz erregt und leckte sich die Lippen.

»Die Selbstachtung!« rief Schlichting herüber im Tone kühler Überlegenheit.

»Wieso, die Selbstachtung?« fragte der Medizinmann zurück.

»Weil ich es für eine zweifelhafte Auszeichnung[54] halte, jeder Schürze nachzurennen. Übrigens thut, was Ihr wollt.«

»Das werden wir auch, Herr Schlichting.« Und für sich brummte Stich noch hinzu: »Eine saftlose Seele, ohne elementare Leidenschaft.«

Schlichting warf ruhig den Kopf zurück, sog die milde, wasserduftige Nachtluft ein und lauschte dem Gemurmel der dunklen Flut, die bis zur nächsten Brücke in schnurgeradem, gleichmäßigem Bette mit hastigem Wellenspiel dahinglitt, die Spiegelung der Lichter des Himmels und die Reflexe der Gasflammen auf den Brücken und an den Ufern zitternd zurücklassend. Neben dem kanalartig für die Zwecke der Flößerei regulierten Hauptbett breitete sich wild und regellos, mit niedrigem Buschwerk bewachsen, aus welchem geschlängelte Sandwege und Kiesbänke weiß herausglänzten, das vom Hochwasser alljährlich überflutete Feld aus, eine Art flaches Reservebett, wohl viermal so breit als das Hauptbett, um den Überschwall gefahrlos aufzunehmen und durch Wehre und Kanäle und Seitenbäche abzuleiten. Die rücksichtslosen Launen einer gigantischen Naturgewalt spotten hier der kleinlichen Ökonomie der Menschen und zwingen sie, weite Strecken Landes ungenutzt der Sicherheit der Stadt vor [55] Überschwemmungsgefahr zu opfern. Was jetzt im Dämmer der Nacht wie eine verwahrloste, träumerische Haidelandschaft neben dem geregelten Flußlauf da unten liegt und am Tage von zahlreichen Kinderscharen aufgesucht wird zu fröhlichen Spiel- und Jagdzügen: das verwandelt sich zur Zeit des Hochwassers im Frühjahr und Herbst in einen brausenden, gurgelnden, gelb schäumenden See, gepeitscht vom Föhnsturm und umrauscht von den gewaltigen, vielhundertjährigen hochwipfeligen Weidenbäumen und Pappeln und Buchen und Eichen, welche sich außerhalb der Stadt zu dichten Wäldern zusammenschließen und der Isar vom Fuße des Hochgebirgs bis zur Mündung in die Donau folgen, wie eine grüne lebendige Mauer.

Eine herbe, epische Melancholie liegt über dieser nächtlichen Flußlandschaft ausgebreitet, eine heroische Trauer-Stimmung.

Schlichtings Blicke aber schweifen jetzt südwärts, wo seine Seele durch die Wolken und die Düsternis der Ferne die Konturen der Alpen erschaut in lichter Pracht, und darüber wölbt sich aus reinem Äter der ewige Himmel. Und über das Gebirge hinweg schwingt sich seine Seele, bis an das blaue thyrrenische Meer, bis zum Gestade der Sirenen am leuchtenden Golf der [56] klassischen Wunderstadt Parthenope. Ja, dort weilt sie jetzt, in den glücklichen Gefilden Kampaniens, im Duft und Glanz einer wonnigen, lachenden, mit sich selbst zufriedenen Natur.

O, wie sich sein junges Herz nach ihr sehnt!

Wie er dieses stumme Liebes-Schicksal nur erträgt un dieser dumpfen Werkeltäglichkeit bajuwarischer Bierversumpfung ... Daß der König diese, Stadt meidet, wie innig begreift er's jetzt .... Eine chaotische Häusermasse, liegt sie hier zu seiner Linken; eine dicke, träge, blaugraue Wolke schwebt über ihr gleich einem dummen, boshaften Dämon.

Was ist das? Aus der häßlichen Wolke löst sich plötzlich eine faustgroße Feuerkugel, in wunderbarem grünen Licht beschreibt sie einen Bogen gegen den östlichen Horizont, erleuchtet magisch wie ein langsamer Blitz die schwarze Gegend – das Maximilianeum am Isarufer auf der Gasteig-Höhe glüht auf wie ein Geisterschloß – und die Erscheinung verlöscht ohne Geflacker, bevor sie den Horizont erreicht.

»Flora, ich denke Dein!« rief Schlichting in überquellender Empfindung und hielt die Hand über das geblendete Auge.

»Aber Schlichting, wo bleibst Du denn?« hörte er plötzlich wie durch eine Wand Kuglmeiers [57] Stimme. »Die Andern sind ja längst voraus, den Mädels nach.«

»Die Andern?« fragte Schlichting verwundert aus seinem Traum, erwachend; »ach so! Geg' nur Hans. Ich finde den besseren Weg allein heim. Mich begleitet Flora ...«

Der kleine Kuglmeier war verschwunden.

»Wie wenig er seiner Schwester gleicht! – Daß sie zehn Jahre älter ist – älter ist? – zehn Jahre mehr zählt als ich, das macht sie nur reifer und tüchtiger und begehrenswerter, mehr älter ... Begreiflich, daß die Raßlerischen Kinder für eine solche Erzieherin schwärmen und sie nicht vergessen können. Besonders der Hermann. Ich werde ihn anstiften, ihr wieder zu schreiben und dann werde ich einiges Persönliche von mir hineinkorrigieren – das ist unauffällig und verträgt sich ganz gut mit meinen Verpflichtungen als Nachhilfs-Lehrer in klassischen Sprachen. Und selbst wenn Frau Raßler dahinterkäme – ein so herzensgutes Weib, resolut, und dabei lustig und versteht einen Spaß – lachen würde sie, weiter nichts ...«

Schlichting fühlte sich so wohl und frei bei diesem Selbstgespräch und sein Alleinsein kam ihm jetzt vor wie die Befreiung aus einer Haft. Seine [58] Brust hob sich in unendlichem Kraftgefühl, und elastischen Schrittes verließ er die Brücke. Plötzlich hielt er an: links führt der Weg durch eine schmale Anlage über das Muffatwehr, rechts in die Lindenallee mit dem kleinen Park vor der Frühlingsstraße – geradeaus in die Vorstadt Au. Wohin also?

Daß er den abenteuernden Kameraden nicht noch einmal in die Hände läuft! Die überütigen Bursche hatten ihn überdies heute schon zu Unziemlichkeiten und Geschmacklosigkeiten verleitet. Ein Scherz mit leichtfertigen Mädchen, die dazu noch sauber und anmutig sind, ist zwar kein Verbrechen, allein es ist sicherer, man geht dem verliebten, beutelustigen Gesindel aus dem Weg.

Also links, über das Muffatwehr, das ist der kürzeste, einsamste und sicherste Weg – und der abwechslungsreichste zwischen den beiden Isarläufen, frischeste und lustigste obendrein. In zehn Minuten ist man an der Maximiliansbrücke.

Vom Thurm der Auer Mariahilfskirche schlug eben die elfte Stunde in kräftigen, sonoren Schlägen, so schmetternd, als ob auch die Glocken in ihrer Höhe vom nahenden Frühling wüßten und von der neuen Kraft und Schönheit, die er über die sehnende Kreatur ergießt.

[59] Der ›Einsame‹ zählte halblaut und bog links ab.

»Schon elf! Links, nicht wahr, Flora? Der Nachtschwärmer soll sich sputen, daß er in die Federn kommt, damit er in fröhlicher Herrgottsfrühe ...«

Was ist denn heute auf Weg und Steg Verrücktes los?

Schlichting blieb in seinem Selbstgespräche stecken, als er des seltsamen Bildes ansichtig wurde.

Hart am Ufer stand ein riesig hoher, mannsdicker Weidenbaum mit weitausladendem, gegen den Fluß überhängendem Astwerk. Eine Wurzel, dick wie ein Mannsschenkel, war vom Stamm frei in die Höhe gewachsen mit einer länglichrunden Schlinge nach auswärts, die einen natürlichen Sitzplatz bot, jedoch nur hochgewachsenen Leuten erreichbar.

Auf dem Wurzelsitz hockte ein Mann mit herniederbaumelnden nackten Füßen, angethan mit einem weiten, weißgrauen Talar, das Haupt unbedeckt, Haare und Bart ungeschoren. Neben ihm kauerte ein Weib, in schwarze Tücher und Fetzen regellos gehüllt; die Gestalt war mehr zu erraten, als deutlich zu sehen. Sie hatte die Beine an den Leib gezogen; Kopf und Brust lagen im [60] Schooß des Mannes, die Arme hingen schlaff herab.

Es war Zufall, daß Schlichtings Blick die Gruppe auf dem Wurzelsitz gewahrte. Vom Wege aus war sie nicht leicht zu bemerken; die Schattenwirkung war an dieser Stelle der Anlage so stark, daß nur ein gewitzigtes Auge durch die weißgraue Talarsilhouette angeleitet werden konnte, hier menschliche Gestalten zu suchen. Zudem hielten sich die Umrißlinien fast unbeweglich: nur der herabhängende Arm machte ab und zu eine pendelnde Bewegung, gleich einer Geste, die ein Wort begleitet, und der ruhende Frauenkopf hob sich zuweilen zu einer seitlichen Drehung, um dem Manne ins Antlitz zu sehen, mit dessen Bart- und Haupthaar-Gelock die Nachtluft spielte.

Wie der Jäger sich an ein edles Wild heranpirscht, so schritt Schlichting, nachdem er zuerst überrascht zurückgewichen, auf den Zehenspitzen in weitem Kreise, von Buschwerk und Baumstämmen gedeckt, auf den Weidenbaum zu, um möglichst nahe an das seltsame Menschenpaar heranzukommen, dessen Gebahren und Gespräche zu belauschen, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das gelang. Schlichting hatte endlich seinen Standpunkt hinter dem dicken Weidenstamm [61] selbst gefunden, so daß er jedes geflüsterte Wort vernehmen konnte. Zuerst war er so erregt, über diese heimliche Annäherung und so wenig dieser indiskreten Lauscherrolle mächtig, daß er sein Herz laut pochen und seine Ohren sausen hörte.

Das Weib fragte fast immer, aber mit merkwürdiger Betonung, und dann kam wieder ein Tonfall, der wie ein bewußtloses Traumreden klang, und hernach wieder ein leidenschaftliches Wort, dem ein totmüdes folgte.

Der Mann sprach ganz ruhig, ganz gleichmäßig, fast schläferig, doch lag eine wundersame Ueberzeugungskraft in seinen Worten und dazu eine Milde und Herzlichkeit, wie wenn eine Mutter zu einem kranken Kinde spricht. Er antwortete nicht auf jede Frage und nicht in der gestellten Reihenfolge; dann wieder brachte er etwas außer allem Zusammenhang vor, das vielleicht eine gedachte Frage beantworten oder von anderen Fragen ablenken sollte. Zuweilen wurde der Eindruck, als ob der Mann hier nur als Seelenarzt zu einer Verirrten und Geistes- und Gemütsgestörten spreche, doch wieder beeinträchtigt durch Anreden allerintimster Empfindung von ihr zu ihm.

Ungelöst blieben dem Lauscher als ebensoviele schwere Rätsel die seltsame Tracht der Beiden, [62] der seltsame Ort, die seltsame Art und Bedeutung der Gespräche. Er kniff sich in die Nase, um sich zu überzeugen, daß er nicht das Opfer einer Halluzination, einer Vision oder dergleichen sei, sondern alles leibhaftig mit zurechnungsfähigen Sinnen erlebe. Und ächzten nicht die Zweige hoch über seinem Haupte im Nachtwind und tauschte nicht die Isar wehmütig leise herüber? Und war es nicht wie der belebende, drängende und süß erregende Atem des erwachenden Frühlings, was ringsum wehte und webte in geheimnisvoller Nacht? Nein, es ist kein Geisterspuk.

Jetzt aber galt es, alle Kritik zurückzudrängen und von dem Gehörten und Geschauten so viel als möglich und so genau als möglich dem Gedächtnisse einzuprägen. Als sie nach einigem Stillesein wieder zu fragen anhob, unterschied Schlichting ganz deutlich, daß die Stimme des Weibes älter klang, als die des Mannes. Sollte es die Mutter sein, die zu ihrem Sohne spricht? Nein, diese Annahme hat gegen sich, daß der Mann sie stets bei dem Namen Magdalena nennt. Oder wäre es ein verheimlichtes, oder dem einen oder andern Teile unbewußtes Kindesverhältnis? Rätsel über Rätsel! Hieroglyphen vielleicht eines Familiendramas?

[63] ... »War's nicht zur Frühlings-Tag- und Nachtgleiche, da das Ungeheure geschah? Wie kann eine Gleiche bestehen, wenn Missethat nicht gerochen wird? Hat Gott seinen Arm erhoben mit dem Schwerte des Rächers? Wird es Frühling und Gott ist nicht nahe? Schreitet er als der Strafende durch die Welt und schlägt die Bösewichte nieder, die seinen Frühling schänden? Wie kommt der Ewige zu uns? ...«

»Als der Allerbarmer ist er uns nahe, wenn wir dem neuen Leben unser Herz erschließen und alles auskehren, was unrein und verdorben.«

»Hast Du ein Zeichen für seine Erscheinung? Wer gibt uns Zeugnis?«

»Gedenke des Propheten Elias; als er von seinem Volke verstoßen war, da ging er in eine Höhle des Berges Horeb, in der Einsamkeit sein Herz zu läutern. So bin auch ich in die Einöd gezogen, in den Steinbruch ... Aber dem Propheten ward der Befehl, auf den Berg zu steigen und vor Gott zu treten. Und siehe, der Herr ging vorüber. Ein großer, starker Wind, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, ging vor dem Herrn her – aber der Herr war nicht im Winde. Nach dem Winde kam ein Erdbeben, aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und [64] nach dem Erdbeben kam ein verzehrend Feuer, aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen ...«

»O, ich höre es ...«, hauchte das Weib.

»Und da Elias es hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel, denn Gott, der Allmächtige, war in dem stillen, sanften Sausen.«

»Später aber, als der Prophet der Welt entrückt wurde für immer, nahm ihn Gott hinweg in Sturm und Feuer. Ist's nicht so?« fragte sie.

»Er war nicht der Prophet der Liebe und der Hoffnung; er war der Prophet der Buße und der schrecklichen Vergeltung.«

»Wann wird uns Vergeltung für alles Leid und ihnen Vergeltung für alle Bosheit? Sag' an, warum fliehen sie vor mir, daß ich sie nicht treffen kann mit meinem Fluch? Warum weichen sie aus, wenn ich nahe mit meiner Liebe? Ich habe nach Jahren ihr Haus gesucht, warum fand ich's nicht?« – Und die Stimme des Mannes darauf:

»Ihr altes Haus ist zerstört und der Garten verwüstet, und wo sie nun wohnen, da ist nicht ihr Haus. Je näher sie den Menschen der großen Stadt gerückt und mit ihnen gemeinsam leben, desto weiter sind sie in die Fremde gekommen und trauriger ist ihr Herz geworden.«

[65] »Einst habe ich meine Füße blutig gelaufen auf ihren Pfaden, da ich den Zorn und den Haß brachte; jetzt, da ich Liebe zu ihnen trage, warum verhüllen sie mir ihre Pfade? Und würde ich noch elender auf den neuen Wegen, was ginge sie's an? Hat sie mein erstes Leid gerührt?«

»Darum kehre wieder zu mir zurück in meinen Steinbruch, dessen Felsen die Hölle verriegeln. Wer will Dich dort anfechten?«

»Die Dich anfechten, sagen sie nicht, Du seiest ein verlorener Mann, und dem Untergang bleibe geweiht, wer sich an Dich hält, an Deine Lehre und Dein Leben?« Sie hob fragend den Kopf.

»Ich fürchte nichts, so lang' ich mir selbst Treue halte. Glaube mir, Magdalena.«

»O Dein Leben, ist's nicht schauerlich? Und triebest Du das seligste Werk, nimmer wirst Du Deinen Lohn finden. Du bist anders als die Andern, das ist Dein Verbrechen in ihren Augen. Anderssein ist Schuld. Ist nicht alles verdorben von Anfang an?«

»Ich bin getröstet, wenn Du bei mir bleibst. Dein gutes Schicksal will ich sein. Säume nicht länger, folge mir!«

»Du leidest Hunger und Durst im Steinbruch und Dein Leib friert, wie soll Dein Beispiel der [66] Menge fruchten, die nach Wohlleben lüstet, die kein Laster und Verbrechen scheut, Wohlleben zu erreichen? Armer Mann, Du treibst ein traurig Handwerk! Und die Welt geht an Dir vorüber, zuckt die Achseln und verachtet Dich.«

»Ich gehe an der Welt vorüber und weihe ihr mein Mitleid,« klang des Mannes Stimme.

»Spricht sie nicht, Du seist ein Überflüssiger und Dein Mitleid Thorheit?«

»Die Welt ist, so lange ich sie will, sie ist nicht mehr, werfe ich den Willen von mir.«

»Hörst Du die Isar rauschen? Begrabe Deinen Willen in ihrer Flut und Du hast Ruhe. Alles fließt und zerfließt und sammelt sich wieder. Rauscht die Isar nicht auch an Deinem Steinbruch vorüber?« Das Weib richtete sich auf.

»Sie rauscht vorüber, aber ich höre sie nicht. Ich höre nur Dein Herz an dem meinigen schlagen und fühle Dein Elend. Komm' wieder zu mir, daß ich Deine Last tragen helfe. Es ist Zeit, folge mir!« Weich, bittend sprach's der Mann.

»Geh' an der Zeit vorüber. Es ist nichts.«

»Du zitterst. Deine Hände sind kalt. Feucht fühle ich Deine Haare. Mitternacht naht und verscheucht die Wachenden. Ich trage Dich in meinen Armen davon. Dulde, daß meine Liebe [67] Gewalt braucht ... Das Frührot findet uns geborgen im Steinbruch, Dich und mich ...«

Ein Herabgleiten, ein Wanken, ein Mühen, auf die Beine zu kommen. Endlich war das rätselhafte Paar müden Schritts auf dunklem Waldwege verschwuden. –

Mit sanftem Blinken schlüpfte die Sichel des abnehmenden Mondes aus dem Gewölke und umhüllte Isarlandschaft mit zartem bläulichen Schein. – –

[68] 3.

Brigitta rieb sich wiederholt die Nase. Das that sie gewöhnlich, wenn sie voll innerer Unruhe war.

»Meine Nase juckt so, da erfahr' ich heute gewiß noch was Neues.«

Sie brachte diese Redensart in einem Ton heraus, der einem aufmerksamen Ohre sofort verraten hätte, daß die Alte mit einer obenhin gesprochenen Phrase nur vor der Kundgebung ihrer eigenen quälenden Gedanken sich flüchten, oder durch Gleichgültiges viel Wichtigeres, das in ihrer Empfindung bohrte und nach Aussprache rang, zerstreuen und ablenken wollte.

Allein Max v. Drillinger besaß in diesem Augenblick die Feinheit eines aufmerksamen Hörers durchaus nicht.

»Schließ das Fenster, Brigitta, ich bitte Dich; ich bin ja in Hemdärmeln! Die Luft ist mir zu frisch, kaum fünfzehn Grad. Und das Rauschen der Isar ist mir heute so zuwider; das ewige [69] Gesumme, Gesause und Geplätscher, Geklatsche und Gegurgel – schließ zu, schließ zu! Es geht mir auf die Nerven. – So recht, mein Hausmütterchen. Danke!«

Brigitta hatte die Nase wieder hereingezogen und den halbgeöffneten Fensterflügel mit zitternder Hand zugelehnt. Nun fuhr sie tastend an dem Rahmen hinauf, drückte und klopfte, daß die Scheiben leise klirrten und die Angeln knarrten.

»Ach, diese neumodischen Verschlüsse!« seufzte sie; »es ist jedesmal eine ordentliche Arbeit, bis man so ein hohes, schwankendes Fenster wieder zubringt. Die alten Reiber in unserem Gartenhäuschen da droben waren so einfach und hielten so gut. Es ist nichts mit dem neuen Zeug. Überhaupt –, ach, das war dort doch ein ganz anderes Wohnen, so zwischen Wiesen und Feldern und Gärten, und die Isar-Auen vor der Thür und die Stadt weit fort im Rücken und doch nah genug, wenn man sie brauchte. Das Glockengeläute hat man immer so schön in unsere Einsamkeit hereingehört. Einmal, an Ostern oder Charfreitag – – ich hör' ihn noch, diesen tiefen, bebenden, von fern hallenden Ton, er schwebte her wie aus dem Himmel. – – Und die Isar rauschte wie Auferstehungslieder ...«

[70] So schwatzend, trippelte sie vom Tisch zur Komode, Kleinigkeiten ordnend.

»Da hast Du wohl recht, Brigitta; es ist nichts mit dem neumodischen Zeug. Aber erst das Allerneueste! Da wirst Du was erleben, wenn wir hier wieder ausziehen müssen aus unserem stillen Winkel und weiter hinaufgedrückt werden in die Wasserstraße oder Quaistraße. So eine wachsende Großstadt – wie ein Riesenungeheuer sperrt sie den höllischen Rachen auf und frißt sich weiter und weiter in die stille, geduldige Natur hinein, und Felder und Wälder und Dörfer ringsum werden von ihr verschlungen und verschluckt wie kleine Kaninchen von der Klapperschlange. Und wir werden mitverschluckt, Brigitta. Die Klapperschlange Großstadt frißt uns auf ... Es ist keine Rettung mehr. Hinaus können wir nicht mehr ... Hier lassen sie uns gewiß auch nicht mehr lang in Ruhe, die verfluchten Stadterweiterer und Bauspekulanten. Dann sind wir verdammt, in einem allerneuesten Massen-Miets-Palast billigen Unterschlupf zu suchen; die Zeit des eigenen, freien Gartenhauses ist ewig dahin ... Lauter architektonische Fabrikware. Sicht großartig aus und ist doch nur stilvolles Gelump, mit Wohnungen, eng wie Häftlings-Zellen. [71] Ist das Fenster wirklich zu? Ich spüre immer noch einen leichten Luftzug. Geh' mir, die Isar ist doch ein rechtes Zugloch. Ich pfeife auf die ganze Wasser-Poesie, wenn man nichts als Schnupfen und Rheumatismus und Ärger davon hat. Ist das Fenster wirklich dicht geschlossen? Brigitta? Antworte, Hausmütterchen! Träumst Du denn schon wieder? Vom nächsten Umzug vielleicht und unserem Zukunftspalast? Sei ohne Sorge, das kommt nicht über Nacht und an der Isar bleiben wir doch immer – gibt ja in der ganzen Welt nichts Schöneres als unsere frische, grüne, wilde Isar zwischen – sagen wir einmal: Großhesselohe und Brunnthal. Na, Hausmütterchen?«

Die alte Wirtschafterin hatte inzwischen ein ganz anderes Gedankenfädchen weiter gesponnen und von den abgerissen gesprochenen Sätzen Max v. Drillingers nichts als den musikalischen Klang einer nervösen Bariton-Stimme vernommen. Indem sie mit den magern, blutleeren, vom Alter und von der Gicht gekrümmten Fingern die weiße, dünne Haarlocke, welche der Morgenwind unter dem schwarzen Wollhäubchen hervorgezaust hatte, zurückstrich, tappte sie nach dem ledernen Lehnstuhl und ließ sich auf dem alten, durch ein aufgelegtes [72] Federkissen verbesserten Sitz nieder. Dann sprach sie, ohne Übergang und Anrede, halblaut vor sich hin:

»Es ist komisch mit der Luft. Wenn ich so am Morgen einen Mund voll am offenen Fenster einschnaufe, erinnert sie mich immer an etwas. Ja, es ist wahr, es liegt etwas in der Luft. Sie ist gewiß nicht bloß zum Schnaufen da. Und sie ist oft so anders. Heute ist sie gerade so wie damals, als Ihr Herr Bruder abgereist ist nach Amerika. Sie riecht so, und kitzelt so. Man wird so unruhig davon, ganz ängstlich. Es geht auch wieder der nämliche Wind. Das seh' ich an der großen Wetterfahne da drüben über der Isar auf dem Steigerturm der Feuerwehr. Die ist gerade so gestanden, als Ihr Herr Bruder in dieser Stube heimlich Abschied von mir genommen hat. Damals waren wir kaum hier eingezogen. Ach Gott, es hat schlimm angefangen im neuen Haus – – Jetzt ist draußen wohl alles verwüstet, das Häuschen mit seiner Holzaltane und den Epheuranken, und der Garten. – Eine Fabrik haben sie hingebaut? Etwas so Garstiges. Und uns haben sie verjagt, und die vielen Vögel, die werden von selbst davon sein – und die wilden Tauben mögen den Rauch und [73] Dampf auch nicht. Der schöne Duft im Garten – –«

»Ja, Du hast noch eine ausgezeichnete Nase und vortreffliche Augen, Brigitta,« bemerkte Max v. Drillinger. Er stand vor dem Pfeilerspiegel; die eine Hälfte des Gesichts noch dicht mit weißem Seifenschaum bedeckt, hantierte er jetzt mit dem Rasiermesser an einer schwierigen Stelle der linken Wange. Er drückte das linke Auge zu und zog, die halbe Unterlippe schief nach rechts. Das Licht war heute selbst in der Wohnstube, wohin er seit dem Winter der besseren Beleuchtung wegen einen Teil seiner Toilette-Besorgung verlegt hatte, wirklich recht unzulänglich. So große Mühe hatte ihm das leidige Rasieren schon lange nicht mehr verursacht. Aber er konnte sich nicht entschließen, in seinem Gesicht eine fremde, von Schweiß und Seife duftende Hand herumfahren zu lassen. Das wäre ihm zu ekelhaft.

»Für mein hohes Alter freilich,« fiel Brigitta langsam ein. »Aber ich spüre doch, wie's mit den Kräften abwärts geht.«

Drillinger machte noch eine Grimasse, dann setzte er das Messer ab, um das Schabicht von der feinen Klinge abzustreifen und diese wiederholt auf dem Streichriemen zu schärfen. Dabei [74] wandte er den Kopf gegen Brigitta und bemerkte lächelnd: »Geh' Du mir doch mit Deinem Alter. Siebzig Jahre – die schönste Jugend! Die ganze Weltgeschichte wird heute von lauter so jungen Leuten in Deinem Alter gemacht: der Kaiser, der Papst, der Bismarck, der Moltke, der Grévy in Paris, der Gladstone in London – das sind ja lauter historische Wunderkinder zwischen siebzig und hundert Jahren. Wer unter fünfzig oder sechzig ist, der ist ein Grünschnabel, der in der Weltgeschichte gar nichts mitzureden hat. Und den Windthorst nicht zu vergessen – was macht der noch für jünglinghaften Spektakel in der großen und kleinen Politik! Und Dein Liebling Döllinger! Und Du sprichst von der Abnahme der Kräfte mit Siebzig – heute, wo die Greisenhaftigkeit das Monopol hat, so kräftiglich die Welt zu regieren! Brigitta, versündige Dich nicht an Deinen Zeitgenossen! Ich habe mir auch einen runden Hunderter vorgenommen. Kein einigermaßen anständiger und gebildeter Mensch thut's mehr unter hundert. Es ist taktlos, früher die Platte zu putzen. Erst der steinalte Mensch ist der wahre, der moderne und zeitgemäße Mensch. Methusalem – das ist das hohe Vorbild, dem wir nacheifern müssen. Dann blüht vielleicht [75] auch uns noch die Möglichkeit, es zu etwas zu bringen. Hörst Du?«

Aber diese halb spaßhafte, halb ironisch ärgerliche Rede war für die gute Alte doch zu lang. Ihr siebzigjähriges Fassungsvermögen mochte so ausgedehnten Vorträgen nicht mehr folgen. Besonders heute nicht. Sie spann daher ihr abgerissenes Fädchen wieder an:

»Auch vom Südbahnhof herüber der nämliche Pfiff. Das ist ein Zeichen, daß das Wetter umschlägt.«

»Paperlapap, das ist ein Zeichen, daß der Kufsteiner Schnellzug hereingefahren ist, unfehlbare Wetterprophetin! Vielleicht bringt er Nachrichten von unserem Italia-Bummler, dem groben Architekten. Seit seiner kurzen Neujahrsepistel hat er nichts mehr von sich hören lassen. Vielleicht fängt er schon an über neue Bekanntschaften die alten zu vergessen. Die Menschen sind einmal so. Man muß sich auf alles gefaßt machen, besonders bei einem Weltläufer von verrücktem Künstler. Hast Du's nicht über die Isarbrücke stampfen und schnauben hören, das sogenannte Dampfroß?«

»Schon, schon. Ich meine doch, es müsse von dem Architekten ein Brief unterwegs sein.«

[76] Brigitta war wieder an die Scheiben getreten und hob ihr rührend edles, wenn auch verrunzeltes Gesichtchen mit der feinen dünnen Nase zum grauen Frühlingshimmel empor. Die matten Augen zwinkerten.

»Es ist halt kein Frühling mehr wie in meinen jungen Jahren. Die ganze Natur ist nimmer froh. Da war alles so voll Sonnenschein und Wärme und Blumen und hellen Kleidern, und die Füße waren so leicht, und die Wolken schwebten viel heiterer. Heute ist der Himmel gar so schwer und dunkel. Sehen Sie nur, wie die schwarzen Wolken sich in das Thal hereinschieben. Man meint, das Isarwasser fließe heute noch schneller, um den drückenden Wolken zu entkommen. Es ist, als wollt' es Reißaus nehmen .....«

»Ja, Du magst Recht haben, gute Alte,« bemerkte Drillinger ebenso zerstreut wie liebreich, indem er, den linken Arm hoch erhoben, mit Daumen und Zeigefinger seine Nasenspitze faßte und nach links zog, um die rechte Wangenfläche glatt unter das Messer zu bekommen. »Geh' mir ein wenig aus dem Licht, Brigitta, ja? Es wird ja ganz dunkel.«

»Jesus Maria, ein Blitz!« rief die Alte und [77] fuhr sich mit der Hand ins Gesicht, mechanisch das Zeichen des heiligen Kreuzes machend.

»Und ein tüchtiger Schnitt gerade unter'm Ohrläppchen, zum Donnerwetter!« fuhr Drillinger auf. Er legte das Messer weg und griff nach dem Schwämmchen, das Blut zu stillen. Eine Perlenreihe roter Tröpfchen zog sich schon den Hals hinab.

Die Alte war in den Lehnstuhl gesunken. Sie schloß die Augen und bewegte lautlos die Lippen wie im stummen Gebet. Draußen rumorte der Donner und übertönte mit seinem Krachen und Rollen das Rauschen des Flusses. In die Intervalle des Donners fielen die hohen Uferweidenbäume mit mächtigem Sausen und Brausen ein, und pfeifend warfen wuchtige Windstöße den klatschenden Regen gegen die Scheiben. Im Nu war die ganze zweifenstrige Stube in Dämmer gehüllt.

»Da hast Du die Neuigkeit: das erste Frühlingsgewitter – Deine juckende Nase hat's richtig erraten!« Drillinger schob das flüchtig gereinigte Rasierzeug beiseite, schlüpfte in seinen roten Schlafrock und warf einen raschen Blick durchs Fenster auf das Aufruhrschauspiel der Elemente. Dann wusch er sich noch das Gesicht, stäubte [78] etwas Puder auf und trat zu der Wirtschafterin, die wie entschlafen im Lehnstuhle hockte, das Haupt gegen die Schulter geneigt.

»So, Wetterhexe, das hast Du wieder brav gemacht mit dem überraschenden Donnerwetter,« scherzte Drillinger und strich der Alten das Kinn.

»Ist's vorüber?« – Brigitta hob ein wenig, den Kopf.

»Ei, das war ein kurzer Schreck; sieh nur, wie die Sonne jetzt durch die zerfetzten Wolken zu uns hereinlacht! Und die Isar rauscht wieder ganz gemütlich, als ob sie der Spaß gar nichts angegangen wäre. Komm, Brigitta, Dein Tyrann hat Hunger bekommen von all' der Aufregung. Ein Gabelfrühstück wär' jetzt sehr schön!«

Aber Brigitta blieb fest sitzen. Sie richtete aus den halbgeschlossenen Augen plötzlich ihren Blick wie forschend auf sein lächelndes Gesicht. Wie im Verfolge unausgesprochener Gedanken sagte sie dann: »Und so wird der Mensch von schweren Wettern heimgesucht und seine Ahnungen bestätigen sich. Man weiß niemals, woher es kommt und wohin es geht. Aber Gott spricht durch Ahnungen.«

»Was, Ahnungen! Es ist ja alles vorbei [79] und die goldne Frühlingssonne lacht vom Himmel. Mir ist jetzt ganz warm und wohl geworden. Der Donner hat meine Nervosität fortgeorgelt. Hungrig bin ich, Brigitta, nur hungrig!« Und Drillinger wiegte seine leichte, zierliche Gestalt, die keine Spur von Münchener Bierverschlammung zeigte, auf den Zehen, die Hände in die Hüften gestützt. Man merkte die Gewöhnung eleganter, ritterlicher Körperbeherrschung des ehemaligen Offiziers, trotz der vierzig Jahre. Die Augen glänzten freundlich, wenn auch leicht verschleiert, in ihrem lichten Braun; der von einem nicht sehr starken dunklen Schnurrbart überschattete Mund, in dessen Winkelspiel sich zuweilen eine interessante Mischung von Widerwillen, schmerzlicher Empfindung und genußlüsterner Erregung auszudrücken pflegte, hatte jene feine jugendliche Schwellung der Linien, als ob über die Lippen niemals ein schneidiger Kommandoruf, sondern stets nur ergötzliches Geplauder und verliebtes Gekose geflossen wäre. »Ein süßer, phantastischer Dichtermund« hatte ihn einst eine Kennerin definirt. Nur von der wenig gewölbten, fast steil ansteigenden, nicht mehr ganz, glatten Stirn schwebte ein Schatten hernieder, der dem offenen, geistvollen Gesichte einen Anflug von Melancholie verlieh.

[80] Unbeweglich verharrte Brigitta in ihrem Lehnstuhl. Die verschlafene weiße Angorakatze Franzi war lautlos vom Sopha gesprungen, hatte sich den hochgezogenen Rücken wollüstig an den Waden Drillingers gerieben und reckte sich jetzt auf den Hinterbeinen am Lehnstuhl empor. Die Alte legte der Schmeichlerin die welke Hand auf den Kopf, eine bescheidene Liebkosung, welche das Thier gewohnheitsmäßig als Einladung betrachtete, unter der Armlehne hinweg der Alten in den Schooß zu schlüpfen.

Draußen rauschte die Isar und die goldene Sonne sprühte übermütigen Lenzes-Glanz, während in Drillingers neuer Junggesellenklause in der Auenstraße eine fast beklemmende Stille herrschte und von dem stummen, bleichen Bilde der greisen Brigitta, die vorhin noch so erinnerungssüchtig schwatzte, es wie lebenerstickendes Grabeswehen durch die schweigende Stube schauerte.

Da schrie Drillinger angstvoll auf: »Gute Brigitta, sprich doch, ist Dir was? Du machst einem ordentlich bange!«

Und ohne eine Entgegnung abzuwarten, stürzte er ans Fenster, riß mit den Worten »Luft, Luft!« beide Flügel auf, nahm vom Toilettentisch ein Riechfläschchen und bespritzte mit dem starken [81] Duftwasser seiner Wirtschafterin Stirn und Schläfe und rieb ihr kräftig die Hände und den Puls. Mit einem Satz flog Franzi auf den Boden, und Brigitta öffnete langsam und mit erstauntem Blicke die Augen, als käme ihr Geist aus einer fernen, fernen Welt. Drillinger drückte seinen Kopf zärtlich an ihr Gesicht und behorchte dann die aussetzenden, kraftlosen Schläge des Herzens.

»Es kann ja nicht sein, nicht wahr, gute, treue Brigitta?« flüsterte er.

»Ach, das war wohl ein Anfall – eine Ohnmacht?« Und ein flüchtiges Lächeln bewegte ihre schlaffen Züge. »Wie das so schnell über einen kommt! – Aber es war diesmal nicht schmerzlich – es that nicht weh – ich hörte eine süße, berauschende Musik – und Bilder sah ich, zuerst deutlich, dann verschwommen – und Musik und Bilder gingen in eins – dann war ich wohl tot? Und Sie haben mich wieder aufgeweckt?«

»Geh, geh, treue Brigitta, ein garstiger, plötzlicher Traum am hellen Tage war's; aber erschreckt hast Du mich doch. Das darfst Du mir nicht wieder thun, hörst Du?« Und er streichelte ihr die Wangen und küßte sie auf die Stirn: »Hausmütterchen, Du weißt, ich bin kein sentimentaler Einfaltspinsel, aber diesmal ist mir's [82] ans Herz gegangen, und das Weinen ist mir jetzt noch näher als das Lachen. Solche Scherze darfst nicht wieder machen! Hörst Du, wie die Isar zu Dir herauf rauscht? Das war Deine Traum-Musik. Siehst Du, wie die Sonnenstrahlen zu Dir hereintanzen? Das waren Deine Traumbilder. Und nun komm', jetzt will ich, der Herr, Dein Diener sein, und ich, der Hungrige, will Dich speisen, damit Du rasch wieder zu Kräften kommst. Bist Du's zufrieden?«

Brigitta nickte unbestimmt mit dem müden Kopfe. Sie wußte selbst noch nicht recht, was sie zu so viel gütiger Aufmerksamkeit sagen sollte, obwohl sie das liebreiche Herz ihres Herrn kannte. Warum er denn nicht das Dienstmädchen, die Resl, hereinrufe?

»Die schlendert noch auf dem Marktweg herum, oder gafft irgendwo oder schwatzt sich einen Kropf. Auf diese Mädels ist ja kein Verlaß.«

Drillinger war an die Thür geeilt, welche auf den Hausgang und in die Küche führte. Den Drücker in der Hand, wandte er sich noch einmal um: »Nicht wahr, Brigitta, es war nur blinder Lärm? Ich brauche keinen Arzt zu holen? Du wirst sehen, meine Kochkunst bringt's auch fertig. Nun will ich 'mal mit dem Kochlöffel die dumme [83] Ohnmacht in die Flucht schlagen. Ich hab's in meiner Karriere bloß bis zum Hauptmann gebracht, aber kochen kann ich wie ein General, wenn's sein muß. Du hast einen leeren Magen, das war's. Die elende Kaffeebrühe ...«

Die Alte mußte lächeln über die Wärter-Geschäftigkeit ihres Herrn Hauptmanns. Sie winkte ab.

– Nicht doch! Am Essen lag's nicht. Die Nacht war schon so eigentümlich gewesen. Böse Träume. Ihre Schwester, die verrückte Magdalena, hatte ihr zugesetzt. Die verschollene Afra war auch wieder aufgetaucht und schnitt teuflische Grimassen. Dann war der amerikanische Bruder des Herrn dazu gekommen, mit einem Strick um den Hals; an das eine Ende band er die Magdalena, an das andere knüpfte er die langen schwarzen Zöpfe der Afra, und dann tanzten sie alle drei wie wahnsinnig, bis ihm schließlich die zwei Frauzimmer den Hals zuzogen und ihn elend erdrosselten. Es war eine fürchterliche Hetzjagd im Halbschlummer. Und von der Isar krachte es herauf, als wäre es ein Wasserfall, der geradenwegs vom Himmel stürzt und auf die Straße schlägt und vom Pflaster wieder aufklatscht und die ungeheure Wassermenge zurück an die Himmelsdecke [84] wirft, als ob geplatzte Wolken wie Riesengummibälle zwischen Himmel und Erde mit mörderischem Geplatsch hin und her hüpften. Und der amerikanische Bruder des Herrn, der »rote Ludwig«, kam in diese tosende Wassermenge auch wieder hinein, mit den beiden Schwestern, in Form langer, schlapper Schläuche zu einem häßlichen Knoten verknüpft, an welchem man die drei Gesichter deutlich unterscheiden konnte – nur waren sie schauderhaft verzerrt, entstellt, grinsend wie Totenköpfe – – O, es war schrecklich. Erst gegen Morgen verschwanden allmählich die Phantome und es stellte sich ein kurzer, ruhiger Schlaf ein.

»Und von all' den Greuelgeschichten hast Du mir bis jetzt keine Silbe gemeldet?«

– Freilich nicht. Brigitta wollte selbst nicht mehr daran denken; sie wollte die Erinnerung gewaltsam niederdrücken. Drum war sie die ganze Frühe her so unruhig, so zerstreut. Besonders den Bruder des Herrn brachte sie nicht aus dem Sinn.

»Laß den roten Ludwig; Du weißt, wie peinlich es mir ist, ihn nur nennen zu hören.«

– Natürlich wußte sie das; aber sie konnte es doch nicht überwinden. Sie mußte vorhin wie [85] zufällig seiner gedenken und merkte es wohl, wie der Herr Baron dabei die Miene verzog. O, er hat nicht bloß des bequemeren Rasierens wegen ein krummes Gesicht gemacht. Brigitta kennt dafür ihren Herrn zu gut.

Drillinger war von der Thür wieder zurückgegangen, hatte einen Stuhl herangeschoben und sich kopfschüttelnd neben Brigitta gesetzt. Er faßte ihre Hand, hielt und rieb sie zwischen seinen beiden Händen und lauschte auf ihre mit schwacher Stimme zusammenhanglos hervorgestoßene Erzählung mit gepreßtem Herzen wie ein Kind, dem ein grausiges Ammen-Märchen erzählt wird. Die verrückte Magdalena, die verschollene Afra, der rote Ludwig! – – – Vor den dunklen Abgründen des Lebens schauert der Stärkste zusammen, und der schweifende Geist hält geduldig an, wenn alte, bebende Lippen, die viel Gift und Weisheit geschlürft in einem langen, prüfungsreichen Dasein, mit gebrochener Stimme an die Rätsel des Schicksals rühren.

»Ich weiß alles,« warf Max v. Drillinger dazwischen, »und ich weiß nichts. Wissen macht Herzweh, gute Brigitta.«

– Wer ergründet, was die Isar rauscht? Wer findet die Noten zu ihrem ewig wechselnden [86] und ewig gleichen Wellenlied, und wer setzt den Text unter diese Noten? Alles ist Geheimnis. Wer vermöchte auch sonst das Leben auszuhalten?

»Hör' auf, Brigitta, Du ermüdest Dich zu sehr. Nach der qualvollen Nacht laß Dir einen stillen, milden Tag beschieden sein. Ich will den Vorhang niederlassen. Im Dunkeln wirst Dich wohler fühlen.«

– Einen Schluck Wein? Warum man doch in solchen Fällen nicht immer gleich an das Nächste und Beste denkt! Auf dem Kredenztisch steht noch eine volle Flasche neben einer angebrochenen von gestern Abend, ganz passabler Bordeaux. Natürlich darf man's mit der Echtheit der Marke nicht so genau nehmen. Daran liegt aber nichts; ist's nur unverfälschter Traubensaft, so mag die Rebe in Spanien oder Italien oder sonstwo gewachsen sein. Und die alte Brigitta weiß einen guten Tropfen zu schätzen. Sie macht sich aus dem Bier nicht übermäßig viel; nur im Hochsommer, wenn's recht heiß ist, da ist eine frische Halbe, oder auch eine Maß, ein rechtes Labsal. Jetzt geht eben ein schräger Strahl durch's Zimmer und trifft die Flasche. Sonnengrüße! Wie das feurig funkelt! Rasch den Pfropfen heraus!

[87] »Zur Gesundheit, Brigitta! Noch einen Schluck?«

»Danke, das thut wirklich gut!«

– Aber nein, das Zimmer nicht verdunkeln, die freundliche Helle verscheucht eher die bösen Gedanken und Einbildungen und Ahnungen. Und wenn heute Herr v. Drillinger die Alte nur nicht so lang allein lassen wollte. Mit dem dummen Mädchen ist nichts zu reden; was macht sich auch so eine Gans aus einer alten gebrechlichen Frau! Jedoch Herr v. Drillinger – ei, der versteht das Plaudern, der ist nachsichtig und gütig und weiß, was einer alten Frau wohl thut.

»Auch was einer Jungen wohl thut Brigitta!« warf Max v. Drillinger unbedacht scherzend dazwischen und lachte und reichte der braven Wirtschafterin, die sich wieder sichtlich erholt hatte, noch ein Glas Bordeaux, schänkte sich auch eins ein und stieß mit ihr an: »Prosit, den Alten und den Jungen!«

»Ja, Sie haben gut lachen – ich weiß doch, was ich weiß. Stellen Sie sich nur nicht so leichtfertig!«

»Und was weißt Du denn, Brigitta?«

»Daß Ihnen nicht so wohl um's Herz ist, als Sie sich den Anschein geben. Sie haben zu [88] lange mit den Weibern getändelt. Wie oft habe ich Sie gewarnt. Und es ist immer schlimmer geworden. Ihr Ruf hat darunter gelitten, man traut Ihnen alles zu. Ich weiß, daß man Ihnen vielfach Unrecht thut. Manche gute Gelegenheit, in ein braves, glückliches Verhältnis zu kommen, haben Sie mutwillig verscherzt. Wie sicher könnten Sie heute dastehen, wenn ... Doch, guter Gott, das ist ja alles vorbei ... Jetzt wird Ihnen der Entschluß so schwer, sich für eine zu entscheiden.«

»Ich traue keiner. Und habe auch gar nicht nötig, einer zu trauen. Wozu?«

»Das ist ja das Unglück. Und doch müssen Sie heiraten.«

»Muß ich? Jede Ehe ist ein Verhängnis, ein Schicksal, besinne Dich! Muß ich wirklich?«

»Ja, Sie müssen,« antwortete Brigitta bestimmt und mit merkwürdig fester Stimme, und ihre Augen leuchteten seltsam auf in jähem Glanz. »Ich habe es Ihrer seligen Frau Mutter in der letzten schweren Stunde versprechen müssen, daß ich ihren Lieblingssohn, auf den sie so große Stücke gehalten, nicht eher verlasse, als bis Sie an der Seite einer rechtschaffenen Frau Glück und Ruhe gefunden und einen Hausstand begründet.«

[89] »Ja, willst Du mich denn verlassen, Brigitta? Du denkst doch nicht daran? Ich bin Dir ja auch die große Abrechnung noch schuldig!«

»Gewiß denk' ich daran.«

»Geh', Du phantasierst! Der Wein hat Dich in Fabulierlaune gebracht.«

»Ich stehe auf dem Sprung, ich verlasse Sie.«

Brigitta hatte bei diesen Worten die Hände gefaltet und sich im Sessel aufgerichtet, als wäre eine geheime Kraft über sie gekommen.

»Du redest irr!« sagte Drillinger mit vibrierender Stimme und sein Blick flimmerte in scheuer Erregung.

»Ich habe Ihnen noch nicht alles erzählt, was heute Nacht sich zugetragen. Eine hohe dürre Gestalt, in einen grauen Mantel gehüllt, ist an meinem Bett erschienen und hat mich lange betrachtet. Ich wollte aufschreien, aber der Schreck hatte mich gelähmt. Dann strich die Gestalt mit der Hand vom Kopfende des Bettes bis ans Fußende am Rande hin. Eine Kälte, die mir durch Mark und Bein fuhr, daß meine Zähne klapperten, ging von dieser Hand aus, wie ich's noch nie erlebt. Ich konnte immer noch nicht reden – aber fragend riß ich meine Augen auf, daß ich ordentlich ein Krachen an den Schläfen spürte. Da [90] nickte die Gestalt fast traurig mit dem Kopf und sprach – ich vernahm keinen Ton und doch hörten meine Ohren deutlich jedes Wort: ›Brigitta, ich habe das Maß zu Deinem Sarg genommen; ich bin der Tod.‹ Dann war die Erscheinung verschwunden. Eine Weile sah und hörte ich gar nichts. Es war, als läge ich schon im tiefsten Grab. Plötzlich höre ich leise die Isar rauschen: ›Ich bin der Tod, ich bin der Tod ...‹«

Stumm schloß Drillinger das alte zitternde Weib in seine Arme.

Nach einer Weile fragte er: »Und warum hast Du mich nicht aufgeweckt? Es geht doch ein Klingelzug von Deinem Zimmer ins meine?«

»Weil Sie noch nicht zu Hause waren. Sie sind jedenfalls wieder bei jener Frau gewesen – – und hatten sich verspätet.«

Es entstand eine neue Pause.

Drillinger hatte die Alte sanft in den Lehnstuhl zurückgedrückt. Er ging unruhig in der Stube auf und ab. Seine Stirn runzelte sich; er fuhr wiederholt mit der Hand darüber, als wollte er die Falten glätten und unbequeme Gedanken verwischen.

Endlich platzte er unmutsvoll heraus – seine [91] Stimme klang merklich heiser: »Ist denn heute der reine Gespenstertag? Wie viel dummes Zeug habe ich nun diesen Morgen schon von Dir hören müssen! Es ist wirklich ärgerlich. Ihr Weiber könnt einem auch gar nichts ersparen. Und dann immer diese Umständlichkeit! Alles wird so nach und nach herausgedrückt, tropfenweise – damit einem der Genuß des Unangenehmen ja nicht verkürzt wird. Ich bin gewiß ein guter Kerl, aber heute, Brigitta, hast Du mir den Humor gründlich verdorben. Hättest Du beim Aufstehen gleich alles herausgesagt, was Dir in dieser Nacht Tolles durch den schlaflosen Kopf gefahren, dann wären wir jetzt längst darüber hinweg. Aber so ...«

Er grollte noch eine Weile leise in sich hinein. Träume – Ahnungen! Mein Gott, ja, dergleichen kann freilich sehr unangenehm und beängstigend sein: aber welcher vernünftige Mensch wird etwas darauf geben? Eine schlechte Lage, ein verstimmter Magen – richtig: Brigitta hatte gestern gewiß etwas Unverdauliches genossen. Und ein mißhandelter Bauch rächt sich durch allerhand böse Träume und Gemütsbeklemmungen. Was im Unterstübchen gesündigt wird, dafür muß man gewöhnlich im Oberstübchen büßen. Das ist trivial, aber es ist einmal so. Und Drillinger mußte [92] plötzlich laut auflachen, daß er selbst auch nur eine Minute solche Schlafstuben-Geschichten einer zwar lieben, aber gebrechlichen und abergläubischen Wirtschafterin tragisch nehmen und zersetzend auf seine gute Laune wirken lassen konnte. Er hatte wahrlich auch keine übermäßig gute Nacht gehabt – in den Armen »jener Frau«. Es können's nun einmal nicht alle gleich gut haben. Was weiter? Und die Alte hatte die Marotte, vom Hundertsten ins Tausendste zu fahren und alles durcheinander zu wursteln und in den nämlichen geheimnisvollen Ahnungs- und Schicksals-Darm zu stopfen. »Jene Frau!« Wußte er nicht selbst recht gut, daß es mit dieser Liaison bald ein Ende haben müsse? Daß es im Grunde ein dummes, unmoralisches Verhältnis war? War es sein erstes – oder auch nur einziges? Und im Vergleich zu anderen! – Aber sind unmoralische Skrupeln in solchen Fällen nicht überhaupt lächerlich? Bis hinauf zu den höchsten Sittenwächtern kommen solche Dinge vor. Man thut so etwas, wenn das Blut dazu treibt und läßt's bleiben, wenn der Sinn sich ändert. Man kommt dazu und weiß nicht wie. Alles ist Zufall. Dergleichen Dinge zu sittlichen Haupt- und Staatsaktionen aufzubauschen, ist doch gewiß abgeschmackt. Die[93] Dummheit solcher Beziehungen ist eigentlich schlimmer, als deren Unsittlichkeit ...

»Ach, gute Brigitta, Kleinod des Drillingerschen Hauses, thu' mir zu den tausend Gefälligkeiten, die Du mir von Kindesbeinen an erwiesen hast, noch die einzige, außerordentliche –: rück' mir jene Frau nicht mehr vor. Willst Du? Die Geschichte wäre wahrscheinlich längst im Sand verlaufen, wie so manche andere, wenn Du nicht so hartnäckig einen raschen Schnitt empfohlen hättest. Jene Frau hat neben allerlei andern Qualitäten den Teufel im Leibe – und ich habe Teufelsaustreibungen satt, glaube mir. Ich sehne mich selbst nach edleren Befriedigungen. Solche Dinge lassen sich aber nicht im Handumdrehen machen.«

»Die Sünde frißt das Glück. Es gibt keine Befriedigung im Unrecht.«

Drillinger stutzte. Wahrlich, das war wieder jener unerbittliche Geist der einstigen jugendlichen Erzieherin, deren hohe Sittenstrenge sprichwörtlich war in der Drillingerschen Familie, welcher jetzt aus der greisen Wirtschafterin redete.

Brigitta schwieg aufs neue. Ihr Antlitz nahm einen sehr gramvollen Ausdruck an, allein Drillinger achtete im eigenen plötzlichen Gefühlsaufruhr [94] nicht darauf. Auf- und abgehend zwischen Thür und Fenster, sprach er weiter: »Ich bin leider kein Mensch aus ganz hartem, deutschem Eichenholz. Meine Eltern mögen's verantworten, wie ich gewachsen bin und welche Säfte meine Art bestimmten. Aber wie ich bin, bin ich kein Mann der Gewaltsamkeiten. Man muß mir Zeit lassen – auch zur Tugend, wie Du sie verstehst. Ich habe schon schwer genug an meiner Eigenart zu leiden gehabt. Denke nur an den Jammer meiner Karriere und meiner späteren freien Existenz! – Bei dem Abstreifen des Militärrocks ist auch ein gutes Stück Haut mitgegangen. Aber ich habe doch gezeigt, daß ich auch ohne die bunte Jacke leben kann. O, ich habe den Stoß gespürt und mir nie einreden lassen, daß meine angebliche Invalidität meine Entfernung aus dem Dienst allein bewirkt habe! Und wie sie mich dann gnädigst berücksichtigen und in einem Ämtchen unterducken wollten – die menschenfreundlichen Feinde, die gütigen Zivilversorger! Weißt Du das noch alles? Du solltest mich endlich durch und durch kennen. Und weil ich mich kenne, sage ich Dir: Brigitta, sei ohne Sorge, gräme Dich nicht um meinetwillen, ich will alles allein durchfechten. Wie habe ich schon gerungen, um Ordnung [95] und ruhigen Gang in mein Leben zu bringen! Mehr als Du glaubst. Aber ich habe vielleicht kein Talent zum Glücklichwerden ... Wozu habe ich überhaupt noch Talent?!«

»Morgen ist Ihr vierzigster Geburtstag.«

»Da wirst Du mir gratulieren und mir einen Strauß von schüchternen Märzenveilchen überreichen, vielleicht auch etwas vom Schwabenalter deklamieren – und ich werde Dich herzlich auslachen. Das heißt – im Ernst, ist morgen schon mein Vierzigster? Diesmal habe ich wirklich nicht daran gedacht. Ja, ja, um die Sturmzeit der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche war's – o, die selige Mutter hat mir's oft erzählt, wie entsetzlich weh ich ihr mit meinem Einzug in die Welt gethan – Mutterglück! wie teuer muß es erkauft werden – Brigitta, danke Gott, daß Du ein altes Jüngferchen geblieben! Also morgen mein Vierzigster. Hm. – Eigentlich ist mir das überraschend.«

»Und am Einundvierzigsten werde ich nicht mehr bei Ihnen sein.«

»Das wollen wir in Gottes Namen abwarten.«

»Sie sollten meinem alten Herzen die Erfüllung einer heiligen Pflicht nicht so schwer [96] machen. Ich will Ihnen keine Strafpredigt halten und nichts Vergangenes mehr vorrücken. Nur möchte ich ...«

Die Alte hielt inne.

Drillinger war an den Spiegel getreten. Ängstlich musterte er seine braunen Haare. »Kein Zweifel, die weißen Fäden fangen bedenklich zu wuchern an.« Plötzlich einen etwas erzwungen humoristischen Ton anschlagend: »Übrigens hat meine Zukünftige, die Du für mich jedenfalls schon in petto hast, nicht zu befürchten, daß sie bald eine widerwärtige Junggesellenglatze mit zärtlichen ehefräulichen Händen streicheln müsse. Das Wachstum ist noch gut. Und wenn ich mich jetzt wirklich an der Schwelle des Schwabenalters entschlösse, noch die Pomade der Tugend aufzustreichen und etwas Glorienschein der Enthaltsamkeit drunter zu mischen, so würde das einen ganz superben Kopf geben, nicht wahr? Bist Du aber auch ganz sicher, Brigitta meines jungen und meines alten Herzens, daß morgen mein Vierzigster ist?«

»Ach, wie Sie heute so leichtsinnig scherzen mögen!«

»Strafpredigten sind gegen die Verabredung, gib Acht!« Und er reichte ihr die Hand mit [97] herzlichem Drucke. »Bin neugierig, was uns morgen Deine Isar zu meinem Vierzigsten vorrauscht. Wird sie keifen, wird sie schelten?«

Das Dienstmädchen öffnete leise die Thür, steckte ihr breites, häßliches Kartoffelgesicht durch die Spalte und reichte einen Pack Zeitungen und Briefe herein.

»Die Post für den gnädigen Herrn.«

Die Thür schloß sich wieder. Aber noch eine Weile blieb das breite Kartoffelgesicht lauschend und spähend am Schlüsselloch.

Drillinger musterte die einzelnen Briefe. Es war richtig schon wieder einer darunter, der sich durch sein Parfum als von »jener Frau« herrührend verriet. Er glitt unbemerkt in die Rocktasche. Da ein anderer, der besondere Aufmerksamkeit erregte – mit einem Totenkopf auf dem schwarzen Siegel.

»Von meinem guten Schmerzenreich Dr. Edgar Trostberg; weißt Du, dem Pessimisten. Was der nur wieder für Anliegen und Kümmernisse haben mag. Will er mich anpumpen? Da kommt er jetzt an den Unrechten.«

Nachdem er flüchtig gelesen: »Zu einem philosophischen Bummel lädt er mich auf morgen Abend ein. Köstlich! Ich soll ihm aus allen [98] Frühlingsblumen wieder Gift saugen helfen. An meinem Geburtstage! Das trifft sich gut. Nun soll er mich diesem bösen Vormittag zum Trotz einmal in der ganzen Pracht und Macht meines Optimismus kennen lernen.«

»Nichts aus Amerika? Nichts aus Italien?«

»Nein. Nichts.«

»Dieser Doktor Trostberg ist auch kein richtiger Umgang für Sie. So ein unzufriedener, unpraktischer Raisonneur ... Da ist kein sittlicher Ernst dahinter ...«

»O, ich bin ihm viel Anregung schuldig zu mancherlei philosophischen und sozialen Studien.«

»Und was ist dabei herausgekommen?«

Drillinger schüttelte den Kopf. »Erlaube, das verstehst Du nicht. Und nun, beste Brigitta, feierlicher Friedensschluß zur morgigen Lebenswende! Auf welchen Forderungen beharrst Du?«

»Daß Sie sich endlich ein braves Weib – und für den Hausstand wieder eine geregelte Beschäftigung suchen. Das Leben wird besser für Sie, wenn Sie einen neuen Pflichten- und Erwerbskreis haben. Nur als Offizier gelten Sie für invalid, nicht als Mensch. Und der Mensch ist das Höhere. Nicht der invalide Offizier, der invalide Mensch ist etwas Schreckliches.«

[99] »Top! Ich werde mein Möglichstes thun.«

»Ach, das haben Sie schon oft gesagt ... Und dann ... Und wegen dem Ludwig sollten Sie sich doch endlich an den König wenden, damit er wieder ins Vaterland zurück darf. Der arme Mensch verkommt in der Fremde ... In diesem rohen Amerika ...«

»Brigitta!! Heute kein Wort mehr von diesem Unglücksmenschen, diesem Deserteur ... Und an den König! Bist Du verrückt? Wie kann ich an den hohen Einsiedler kommen? Der sitzt auf seiner Alpenburg wie ein olympischer Gott, den keinerlei irdisches Leid rührt; denn er hat genug mit sich selbst zu thun. Die Götter müssen sich auch um ihre Existenz wehren – das ist der tragische Spaß der Weltgeschichte. Sehe jeder, wie er's treibe, und wer steht, daß er nicht falle!«

»Wenn wir ihm nicht helfen ...« Die Alte schwieg, fast erschreckt, als sie seine strenge Miene sah und seine Stimme rauh und heiser klang.

Aber nach einigen Sekunden lächelte Drillinger wieder, und seinen Schnurrbart streichend: »Dir zu Liebe will ich mir sogar einmal das Unerhörteste überlegen. Der Minister haßt mich zwar, ich weiß nicht warum, ich hab' dem guten Mann nie etwas gethan. Ist heute übrigens auch gar nicht nötig, [100] daß man etwas positiv Unrechtes thue, um nach oben in Mißkredit zu kommen. Es genügt schon, wenn man nicht in das allgemeine Horn tutet; man verlangt noch Uniformität der Gesinnung und des Gehabens, selbst wenn man die Uniform ausgezogen hat. Man haßt die eigenartigen Köpfe – und behandelt sie verächtlich. Meinetwegen. Vielleicht entdecke ich doch einen Mittelsmann. Erlaubt Dein Befinden, daß ich mich jetzt zurückziehe?«

Die Alte nickte und reichte ihm die Hand. »Danke.«

»Auf Wiedersehen zu Mittag. Laß inzwischen mein Täubchen für Dich braten und laß Dir's recht gut schmecken. Mir ist der Hunger vergangen. Im Notfall esse ich unterwegs einen Bissen. Hörst Du, wie frisch und fröhlich die Isar rauscht? Auf Wiedersehen! Ich bin bald wieder zurück, spätestens gegen Eins. Ich habe einige notwendige Gänge.«

Schmerzversunken, rührte sich die alte Brigitta lange nicht von der Stelle. Das Sonnenlicht fiel wärmend auf ihren greisen, müden Leib.

»Nein, nicht länger so hinbrüten,« dachte sie, als sie von draußen plötzlich die Stimme ihres Herrn vernahm, wie er, was allerdings [101] selten genug geschah, das Dienstmädchen ausschalt.

»Ich muß an die Wirtschaft. Wie der Psalmist sagt: Unser Leben währt siebzig Jahre und wenn es hoch kommt, sind es achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen, ist es Mühe und Arbeit gewesen. Ja, eitel Mühe und Arbeit und Sorge ohn' Unterlaß.«

Als es aber draußen im Gang wieder stille geworden war und nichts als das eintönige Rauschen der Isar mit der lauen Frühlingsluft in die Stube drang, da rückte sich Brigitta das Kissen zurecht und wollte sich noch kurze Rast gönnen nach den bösen Stunden.

Sie legte den Kopf auf die Lehne zurück und erhob ihre Augen nach oben. »Ja, Herr Gott, wenn es Zeit ist, dann laß Deine Dienerin in Frieden fahren – sie vermag wenig mehr zu richten in dieser Welt.«

Dann schweiften ihre Augen an den Wänden. Dort hingen auf den dunkel gemusterten olivengrünen Tapeten eine Reihe von alten Kupferstichen in schwarzen Holzrahmen, Städtebilder, zur Erinnerung an liebe Orte, die einst im Leben der Drillingerschen Familie eine Rolle gespielt. Aus freundlicher Aufmerksamkeit für Brigitta [102] hatte ihr Herr auch einige schweizer Landschaften dazwischen gehängt, auch eine Abbildung der Stadt Basel, wo Brigitta bei entfernten Verwandten einen Teil ihrer Jugend verlebt und den guten Grund zu ihrer Erziehung und ihrer fast protestantisch strengen Lebensauffassung gelegt. Auf einer Schweizerreise war es auch gewesen, wo sich ihre ersten Beziehungen zur Drillingerschen Familie an knüpften. Herr Dr. Karl v. Drillinger, Professor in München, hatte eine Schulfreundin Brigittas kennen und lieben gelernt und später zu seinem ehelichen Weibe genommen. Die erste Wiederbegegnung Brigittas mit der Baronin v. Drillinger hatte erst stattgefunden, als Ludwig und Max bereits halbwüchsige Buben waren und ihr nachgeborenes Schwesterchen Amalie, dem ein früh entwickeltes Lungenleiden schon im achtzehnten Jahre den Tod brachte, die Aufnahme einer Erzieherin wünschenswert machte. So war Brigitta als Gouvernante und Stütze ihrer gleichfalls kränkelnden und den Beschwernissen des Ehelebens nicht gewachsenen Freundin Helene in das Drillingsche Haus gekommen. Wie lange war das alles her!

Und doch dieser Schattentanz der Erinnerung, als wäre es gestern erst geschehen!

[103] Und auch von dem alten Familienhause in der Vorstadt ist kein Stein mehr auf dem andern ... Freilich, wie dankbar war damals Brigitta der Fügung, die sie in dieser Familie ein sicheres Asyl und eine festumgrenzte Lebensarbeit finden ließ! Und so fest schlug ihr Dasein hier Wurzeln und so gesegnet war ihr Wirken, daß nach Helenens Tod Herr Dr. Karl v. Drillinger der seitherigen treuen Stütze der Hausfrau die Hand zum ehelichen Bunde bot. Aber nach tiefer Gewissenserforschung mußte sie ablehnend antworten: es genüge ihr Rang und Pflicht der Wirtschafterin – – Im Grunde ihrer Seele war's freilich kein allzu schwerer Verzicht. Ihrer still ehrlichen Natur widerstrebte es, anders als in geräuschloser, nach außen unbeachteter und der gesellschaftlichen Kritik und Bosheit entrückter Weise diesem Hause zu dienen, nachdem über ihre eigene Familie Heimsuchung über Heimsuchung gekommen war.

Drillingers Haus war ihr jetzt ein Refugium geworden – und es wäre ihr als eine Entweihung erschienen, hätte sie's in ein weiches Nest der Liebe verwandelt. Als später der Sturm des Lebens ihre viel jüngere Schwester Afra erfaßt und in die Irrnis der Sünde gewirbelt, wo sie [104] verschollen seit einem sensationellen Skandalprozeß – und als gar die andere Schwester, die arme Magdalena, infolge eines geheimnisvollen, bis heute nicht entschleierten Verbrechens, welches ein namenloser Wüstling an ihr begangen, das Licht der Vernunft verlor: da segnete Brigitta ihren einstigen Entschluß des jungfräulichen Alleinbleibens in hingebender Arbeit für das Wohl anderer und dankte Gott, daß sie den bittersüßen Kelch begehrlicher Mannesliebe nicht getrunken. Das Haus Drillingers, im Garten, draußen in der einsamen Isargegend, war ihr damals wie ein wohlverwahrter Taubenschlag: da konnten keine Geier herein ...

Überkam es aber später ihr Herz doch manchmal wie ein Bedauern, dem Werben des Witwers, der wenige Jahre hernach ganz eigentümlich rasch und plötzlich aus dem Leben geschieden, sich so schroff verschlossen zu haben, so brauchte sie sich nur einen gewissen unbeschreiblichen, wie Höllenglut sengenden und verzehrenden Blick ins Gedächtnis zurückzurufen, mit dem Herr v. Drillinger sie einmal in der Dämmerstunde am Krankenbette seiner Frau angesehen. Nein, nein, nein! An seinem Liebesbegehr haftete zu viel sündhafte Lust und mörderisch Dämonisches ...

[105] O, jener verräterische Blick, der wie eine feurige Schlange ihren jungfräulichen Leib umzüngelte, während sein Weib nebenan mit den Schrecken des Todes rang! Wie viel rätselhaft Unheimliches barg doch auch diese Mannesbrust ...

Von ihrer unglücklichen Schwester bekam sie einmal, als die Fittiche der Schwermut und des Wahnsinns sich schon dicht über die Seele gelegt hatten und auch der Baron längst zu seiner Gattin ins Totenreich hinabgesunken war, die düstern Worte zugeraunt: »Trau' nicht, Brigitta! Keine, die in seiner Gewalt gewesen, hat je wieder gelacht; sie meidet die Menschen und wird gemieden; von ihrem Leben weiß sie nichts mehr und ein ewiger Schmerz zerfrißt ihr Erinnern.«

Ohne Vorwurf durfte die Greisin auf ihre Vergangenheit zurückblicken in lückenlosem Denken; sie hatte wie durch höhere Gnade ihr Einziges und Höchstes, das Glück und den Ruhm ihrer Reinheit, durch alle Anfechtungen des wechselreichen, heimtückischen Lebens bewahrt. Ja, das Leben ist voller Heimtücke, die Welt voll verderblicher Hintergründe ....

Als das Drillingersche Haus seines Hauptes beraubt war, führte Brigitta ganz allein mit einem alten Diener die Wirtschaft. Ludwig v. Drillinger [106] hatte nach Vollendung seiner Studien zunächst ein Lehramt an der polytechnischen Hochschule in München übernommen. Zwar ein herzensguter Mensch, war doch ein schweres Auskommen mit ihm, seiner radikalen Gesinnungen und seines jähen Charakters wegen. Er hatte den Lehrstand plötzlich satt, als er mit einem Vorgesetzten in wichtigen Fragen in Zwiespalt geraten war – und lief dem Wehrstande davon, als er eine Disziplinar-Untersuchung gegen sich im Werke sah. Waren das schreckliche Tage voller Aufregung! Max hatte als Artillerie-Offizier den großen Feldzug zwar mit Glück überstanden, allein seine frühe Außerdienstsetzung hatte ihn verbittert und in allerlei soziale Fährnisse gebracht. Die Ruhe war dahin ...

Jetzt weilte ihr Blick auf dem Bilde der Stadt Basel. Dort rauschte der grüne Rhein wie hier die grüne Isar. Da war sie einst mit Helene durch die alten Gassen gewandert. Plötzlich standen sie vor dem prächtigen Portal des altersgrauen Münsters. Sinnend verfolgten sie die Einzelheiten in dem reichen Bildhauerschmuck. Eine beinahe unscheinbare Figur in dem reichen Schnörkelwerk, die sie lange unbeachtet gelassen, hatte schließlich ihre Aufmerksamkeit aufs stärkste gefesselt. Sieh [107] nur, wie merkwürdig, – Brigitta stieß dabei die Freundin an – diese Gestalt: ein üppiges Weib mit schwellendem Busen, stolzem Nacken und schön gebildetem Haupte, aber der Rücken – o wie häßlich! – mit Schlangen, Nattern und Kröten behangen, mit Beulen und Geschwüren bedeckt. Eine Allegorie, bemerkte Helene. Gewiß, aber was bedeutet sie? Und Helene nach einigem Besinnen: Ich hab' davon gelesen – das ist Frau Welt, die mit all' ihrem Schönheitszauber ihre Häßlichkeit und Krankheit doch nicht zu verbergen vermag. Ein garstig Bild, das gewiß kein Glücklicher erfunden. Uns soll's nicht schrecken ...

Die kluge, mutige Helene!

Ja, Frau Welt, ein garstig Bild .... Helene sieht und hört schon lange nichts mehr davon ...

Langsam erhob sich die greise Träumerin und prüfte vorsichtig ihre Beine, ob sie nach dem langen Sitzen nicht noch schwächer geworden – und bedächtig setzte sie einen Fuß vor den andern und schlich zur Stube hinaus.

»Der gnädige Herr ist soeben ausgegangen,« meldete das Mädchen in der Küche, mit blutbefleckten Fingern eine Taube rupfend. »O, der war bös heute, der hat mich ausgezankt! Ich hätte die arme Taube geschunden, sagte er. Es ist doch [108] nicht meine Schuld, wenn das dumme Vieh mit zwei Stichen durch den Kopf noch nicht hin werden will? Sie flatterte noch, da hab' ich ihr den Kragen umgedreht ....«

Brigitta winkte der Schwätzerin ab. Wie sehr war ihr heute die blecherne, gemeine Stimme zuwider!

Aber das Klapperwerk Resl's ließ sich nicht so leicht stille stellen.

»Der gnädige Herr hat vorhin auch noch eine Depesche erhalten. Vielleicht war die nicht nach seinem Geschmack. Überhaupt ....«

»Was überhaupt?«

»Überhaupt, ich mein' nur so, man weiß oft gar nicht, wie man mit den vornehmen Herren daran ist. Die sind so wetterwendisch. Besonders aber der Herr Baron ....«

Jetzt unterbrach sie sich, warf die gerupfte Taube auf den Tisch, öffnete mit scharfem Schnitt den Bauch und griff mit den blutigen Fingern hinein, das Eingeweide herauszureißen. Dabei schwatzte sie fort: »Man weiß niemals, was der im Kopf hat. Da geht alles durcheinander. Einmal ist er so freundlich, daß man sich ordentlich scheniert, dann wieder ....«

Sie hielt das zerschlitzte Tier unter den Wasserhahn, [109] um es auszuspülen. »Dann wieder sieht er einen so zornig und mit so funkelnden Augen an, daß man sich vor ihm fürchtet.«

»Du hast ja die Taube nicht flammiert!«

»Jesses, ja, das hätt' ich jetzt schier vergessen. G'schwind abtrocknen und über die Spiritusflamme damit! So, jetzt sehen Sie, Fräulein, wie das fein wird; kein Härchen mehr dran. Ein wunderschönes Tier, so zart. Aber ich hab' auch zwanzig Pfennig mehr dafür zahlen müssen, sonst hätt' ich's nicht kriegt. Die guten Sachen werden jeden Tag teurer, je mehr davon auf den Markt kommt. Gleich zwanzig Pfennig teurer – woher kommt denn das?«

»Vielleicht von der Ehrlichkeit der Dienstboten, Schwätzerin.«

»Ja, die Dienstboten müssen's immer büßen. Denen schiebt man alles in die Schuhe. Wie vorhin. Der gnädige Herr bekommt eine schlechte Depesche und die Köchin bekommt dafür ein böses Gesicht.«

»Schweig'!«

Brigitta hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen. Sie fühlte sich zu unkräftig, selbst mit Hand anzulegen, so wollte sie wenigstens die Hantierung der Köchin überwachen. Die Wärme [110] that ihr wohl, die dem knisternden Herdfeuer entströmte und die Küchenluft mit dem lieblichen Duft harzreichen Tannenholzes durchzog. Aber das Wetter hatte sich wieder verdüstert und drückte den Rauch durch den Schlot zurück. Brigitta rieb sich die Augen, hüstelte und jammerte still vor sich hin.

Jetzt jagte Resl die Flammen mit dem Blasebalg auf, daß die Funken stoben und der Rauch in grauen Wolken aufflog.

»Mach's ordentlich, Du weißt schon,« stieß die alte Wirtschafterin keuchend heraus und verließ mühsamen Schritts die Küche.

»Weiß schon, – ist kein Kunststück,« machte Resl mit höhnischer Fratze und salutierte hinter dem Rücken der Abgehenden mit dem Blasebalg.

»Rechtsum oder linksum, gleichviel, die alte Hex' treibt's nimmer lang – und dann werden wir mit dem schönen Herrn Baron wirtschaften, daß es eine Art hat. Ist zum lachen – ich fürcht' mich nicht vor seinen Mucken. Ich kenn' die Sorte schon. Hätscheln und tätscheln hilft immer, und das kann unser eins auch.«

Sie zog einen kleinen Handspiegel mit halbem Glas aus der Geschirrschrank-Schublade und betrachtete sich wohlgefällig, zog die Lippen rund [111] und kraus, schob die Zunge vor und zurück – und warf dann den Spiegel wieder an seinen Ort.

»Und der schöne Herr Baron mag's gewiß recht gern, das Hätscheln und Tätscheln; da wird's ihm wohl von einer Jungen noch lieber sein, als von einer Alten.«

Sie brach in ein freches Lachen aus.

»Hätt' ich nur die Alte vom Hals, diese Aufpasserin und G'schaftelhuberin, die Filzerin, die eine Laus um den Balg schindet und immer verhungern will. Jesses, der möcht' ich doch gleich in die Suppe spucken. Eine solche Hungerleiderin!«

Mit raschem Griff faßte sie einen Wurststrang, schnitt ein Stück ab und ließ es in einer Schachtel, die ihre gestohlenen Vorräte barg, verschwinden.

»Für den Hans! Das heißt, so lang' ich ihn noch mag – und noch nicht zur Baronin avangsiert bin. Ich wollt's erraten, was ihm in der Depesche so ins Geweih gestiegen ist. Ein Tächtelmächtel, ein verunglücktes Liebesabenteuer. Da geht's immer gleich per Telegraph, da pressiert's! Bei mir könnt' er's so gut haben.«

Indem sie mit dem Finger von dem Apfel-Kompot naschte, das sie auf einer Schale zurichtete: »Sehr fein ist's. Das hat der Franzl [112] immer so gern mögen, wenn er von Tölz heruntergekommen ist. Jetzt geht die Flößerei auf der Isar bald wieder an; dann kommt er gewiß wieder mit seinen langen Wasserstiefeln und läßt mir keine Ruh .... O die Mannsbilder – und lauter Schleckermäuler sind's. Jesses, jetzt ist mir vor lauter Gedanken gar die Soss' (Sauce) anbrennt ....«

[113] 4.

Eins der Kontore des Bankiers Weiler lag in einer schmutzigen Seitenstraße des Viktualienmarktes, die erst kürzlich auf den Namen des berühmten patriotischen Schnapsfabrikanten Schienenschneider umgetauft worden war, – im sogenannten Isarwinkel.

»Die fleißige Umtaufe der Straßen, Gassen und Plätze der bayrischen Residenz ist vermutlich deshalb eine der liebsten Beschäftigungen der Stadtväter von Isar-Athen, weil man dabei so viel patriotischen Geist und Geschichtssinn entwickeln kann,« hatte der Bankier bei dem letzten Besuche des Barons auf dessen kritische Bemerkung erwidert. Augenblicklich war dieser jedoch nicht in der Stimmung, die Stadtväter oder andere nützliche Mitgeschöpfe zu kritisieren ....

»Was nur die Depesche des Bankiers bedeuten mag? Sollte dieser Tag lauter Unangenehmes bringen?«

[114] Herr Weiler befand sich gerade auf der Börse. Sein Buchhalter war an den Fernsprechapparat getreten, dem Chef den Besuch des Herrn Barons zu melden.

»In spätestens zehn Minuten stehe zur Verfügung,« telephonierte prompt der Börsenmann zurück.

Max von Drillinger war in die Hinterstube getreten.

»Wünscht der Herr Baron inzwischen vielleicht die Neuesten Nachrichten oder die Frankfurter Zeitung zu lesen?« fragte der Kommis mit fadem Lächeln, indem er einige Zeitungsblätter auf den Tisch legte. Ohne eine Antwort von dem alten Bekannten des Chefs zu erwarten, schlich er katzbuckelnd wieder an seinen Platz zurück. Drillinger ließ die Blätter unbeachtet. Er fand es zwar nichts weniger als behaglich in dem dunklen, dumpfen Raum mit dem abgetretenen grünen Teppich auf dem schiefen Boden, den Eisenbahnkarten, Stadtplänen, Verlosungskalendern und Kurszetteln an den Wänden – allein das Geräusch und Gedränge der Straße war ihm noch widerwärtiger. Also wollte er lieber hier warten.

So warf er sich denn in das klebrige schwarze Ledersofa und ließ seinen Blick bald durch das [115] vergitterte einzige Fenster schweifen, welches auf das alte, winkelige Hebammengäßchen hinauswies, bald durch die halboffene Thür in das eigentliche Kontor, welches gerade knappen Raum bot für den Geldschrank, zwei Schreibpulte und den langen schmalen Zahltisch mit dem Schalter für die Kundschaft. Die beiden Kontoristen saßen stumm über ihre Bücher gebeugt; automatenhaft trugen sie ihre Ziffern und Vermerke ein. Man hörte ein krabbeliges Stahlfederngeräusch – und dann entstand wieder eine kleine Pause, welche der jüngere Kontorautomat durch eine knarzende Bewegung auf seinem Schreibbock ausfüllte.

Drillinger mußte der Zeit gedenken, wo er sich mit dem jahrelangen Versuch abquälte, sich in der Buchhalterei der Malzfabrik zu Pasing zu einem ähnlichen Kontorautomaten umzubilden.

Der steinalte und steinreiche Protz Kesselberger, ein Freund seines Vaters und stärkster Aktionär der Gesellschaft, hatte ihm die Stelle vermittelt und goldene Berge versprochen. Er wollte ihn protegieren, von Stufe zu Stufe höher bringen – bis an die Spitze des Unternehmens! »Die Industrie, das ist das gelobte Land,« pflegte er zu sagen; »Intelligenz und vornehmer Name müssen sich mit dem Großkapital alliieren!«

[116] Freilich dachte dabei der alte Gauner zunächst an eine Allianz seiner erschrecklich häßlichen, aber mannstollen Tochter mit dem schmucken, trotz seiner Invalidität strammen Offizier. Max v. Drillinger dachte aber an die Summen, die er der Erhaltung des wenigstens scheinguten Namens seines Bruders Ludwig geopfert, der damals schon durch seine Exzesse und seine ersten sozialdemokratischen Maulaufreißereien die Drillingersche Familie arg bloßgestellt hatte. Was hatte ihm dieser Thunichtgut nicht für Verlegenheiten bereitet, die er niemand anvertrauen mochte, in ihrem ganzen Umfang nicht einmal der treuen Brigitta! So griff er nach der Hand des berechnenden Protzen Kesselberger und rollte Tag für Tag mit der Eisenbahn nach Pasing hinaus auf das Fabrikbüreau. Da machte das Schicksal einen Strich durch die Rechnung des Besitzers der erschrecklich häßlichen, mannstollen Tochter: Kunigunde brannte mit dem Kutscher durch – und Max v. Drillinger blieb ohne fernere Protektion auf seinem inferioren Posten sitzen, ohne zunächst eine Ahnung zu haben, was ihm eigentlich die Gunst des Alten so schnell verscherzt haben könnte ...

Das war nun eine von den regelmäßigen Beschäftigungen, wie sie der guten Brigitta als [117] Ideal für einen Hauptmann a.D. vorschwebten – das war der regelmäßige Erwerb, welcher die Fettaugen auf die magere Pensionssuppe liefern sollte!

Ein bitteres Lächeln huschte über die Züge Drillingers, als er sich jetzt wieder als Kontorknecht in Pasing sitzen sah unter einem Dutzend älterer und jüngerer Geschäftsbeflissener, die von der Pike auf im Handel gedient hatten und bei denen die Anpassung an den Schreibbock-Beruf normal verlaufen war. Die alte Geschichte von dem edlen Renner voll Feuer und Laune und dem eingewöhnten Ackergaul, der geduldig Furche um Furche zieht! Jeder ist vortrefflich in seiner Weise, aber der eine kann nicht die Aufgabe des andern erfüllen. Und dann: was soll überhaupt ein Leben, das nichts abwirft, als im ewigen Einerlei maschinenmäßiger Arbeit, in Treue und Aufopferung die Möglichkeit etwas besseren Lebensunterhalts?

Wirft denn die bravste Taglöhnerei im Dienste der Millionenhamster jemals so viel ab, daß der Tagelöhner einen nennenswerten Zuwachs an persönlicher Stärke, an Freiheit und Schönheit des Lebens herausschlägt? Und dafür soll man zum systematischen Märtyrer der Phantasie seiner [118] Lebensführung werden und vom freien Mann hinabsinken, zum Heerdentier?

Dann der andere Versuch: er hatte mit dem Baron Almen eine elegante Monatsschrift herausgegeben, »Die Kunst in der Mode« und für das Beiblatt »Das Boudoir« pikante Plaudereien über das Theater unter einem Pseudonym geschrieben. Die Probenummer erregte Aufsehen. Das versprach eine im edelsten Sinne regelmäßige und nutzbringende Beschäftigung zu werden. Allein nach der vierten Nummer krachte das Geschäft des Verlegers zusammen. Es stellte sich heraus, daß das ganze Betriebskapital des unternehmungslustigen Buchhändlers in einem leeren Kassabuch, tausend Briefbogen mit dem Titel der Zeitschrift und der Verlagsfirma und einem Bündel unbezahlter Rechnungen für Plakate, Reklamen u.s.w. bestand. München war offenbar für ein solches Unternehmen noch nicht reif ... Ein Glück, daß sein Pseudonym gewahrt geblieben! Mit einem solchen Schwindler gehen? Lieber den Rest Leben freiwillig auf einmal hinwerfen, als seine bessere Fristung mit dem Opfer persönlicher Würde und unbescholtener Unabhängigkeit zu erkaufen – oder sich als ein Überflüssiger im Wettbewerb der Kräfte zu fühlen!

[119] Das wäre freilich wieder eine jener Gewaltsamkeiten, die wie ein häßlich aufgellender Mißton die Harmonie der Entwickelung zerreißt ..... Und doch, und doch .... Wo sind die alten Menschheitsideale? Wo ist die alte reine Lebens- und Wirkensfreude? Was soll der Machtlose in einer Welt, wo alles nur Hast und Drang nach Macht und Genuß? ....

Wohl: der ideallose amerikanische Mensch als das Produkt virtuoser Anpassung an die entgegengesetztesten und geistig ödesten Lebens- und Arbeitsverhältnisse wird auch im alten Europa der Mensch der Zukunft sein; heute kann man schon in gewissem Sinne den Juden als den Vertreter des Amerikanismus bei uns bezeichnen. Verjudung heißt eigentlich Amerikanisierung ....

Drillinger ließ die Gedankenreihe fallen. Eine zufällige Bewegung führte ihm den Duft des parfümirten Briefes in der Brusttasche zur Nase. Das war wohl schon der fünfzigste Brief. Fünfzig Variationen über das nämliche Thema. Fünf Buchstaben. Ein Zungenschlag, ein Hauch. Teufelsweib! Wäre sie weniger erfinderisch in Variationen gewesen, die Monotonie des Grundmotivs hätte dem Geleier längst allen Reiz genommen. Am besten, man verstopfte sich die Ohren, wie der [120] weise Odysseus, der vielgewanderte, vor dem Singsang der Sirenen .... Vorerst soll wenigstens der Brief unterbrochen bleiben .... Gewiß, jetzt muß ein Ende gemacht werden. Der Ernst der Lebenswende fordert's. Brigitta hat Recht. Das soll das letzte Stelldichein sein. Morgen oder übermorgen – das Wiedersehen eilt ja nicht – erfolgt feierliche Lossagung. Sie wird vernünftig sein; eigentlich sind diese Weiber alle kalt wie une fille de marbre .... Schließlich käme die Geschichte auf und es gäbe noch einen abscheulichen Skandal .... Und die Andere? .... Ja, diese Andere würde der guten Brigitta ebensowenig in den Kram passen. Überhaupt diese Heirats-Marotte. Als ob sich so etwas übers Knie brechen ließe. Und in den jetzigen schweren Zeitläuften, bei der täglich sich steigernden Kostspieligkeit der Lebensführung einen Hausstand gründen auf der Grundlage einer schmalen Pension und einer problematischen Neigung – wäre das nicht Wahnsinn? Und die Hingabe der Freiheit um das Linsengericht einer Mitgift? .... Gut, daß Brigitta nichts von der Andern weiß ....

Drillinger machte einen nervösen Ruck – und siehe da, er war an dem lackierten Ledersofa angeklebt, wie der übertölpelte Vogel an der Leimrute. [121] Er fuhr mit der Hand an den Sitzteil .... Mit leisem Knistern löste sich die Hose von der Unterlage .... Wäre er gewaltsam rasch in die Höhe gesprungen, würde das morsche Cheviotzeug hängen geblieben sein – und er hätte eine weiße Fahne unter dem Rock heimtragen können. Darum niemals Gewaltsamkeiten!

Lachend erhob er sich, um vorsichtig sein Taschentuch auf den Sitz zu breiten.

An dem vergitterten Fenster gegen die Winkelgasse hasteten die Menschen vorüber, die Köpfe eingezogen, die Rockkrägen aufgeschlagen. Schneegestöber! Münchener Frühlingswetter – das bekannte meteorologische Potpourri! Das Fenster lag so hoch, daß man nur die Köpfe sah. Komisches Bild: eine Prozession abgeschnittener Köpfe, die sich da draußen eilig vorbeibewegten im wirbelnden weißen Flockentanz ....

Er griff nach den »Neuesten Nachrichten« und blätterte gähnend im umfangreichen Inseratenteil.

»Ein Student in den höheren Semestern .... edelmütige, unabhängige Dame .... Vorschuß ewige Dankbarkeit .... spätere Verehelichung nicht ausgeschlossen.«

»Ein gut erhaltener Brautkranz, fast neu .... [122] ein Schlafdivan .... ein Papagei .... ein Epheustock preiswürdig zu verkaufen.«

»Armes Mädchen .... Notlage .... Rückzahlung nach Übereinkunft.«

»Zwei fesche Wienerinnen .... fremd in hiesiger Stadt .... älteren Herrn ....«

»Adoptiveltern .... uneheliches Kind (Mädchen von zwei Jahren) ....«

»Damen in stiller Zurückgezogenheit .... Hebamme ....«

»Versetzt .... ausgelöst ....«

»Amusement. Feine Dame sucht Herrn zum Vierhändigspielen oder Begleiten auf der Violine. Exped. 169015.«

Drillinger notierte die Ziffer auf seine Manschette. In der Konfusion der Frühe und der Eile des Ausgehens hatte er sein Notizbuch mit dem modischen schwarzen Krokodill-Ledereinband vergessen.

»Herren aus besseren Ständen .... Konnexionen in bemittelten Familien .... Agenten .... Heiratsbüreau ....«

»Eine Zither .... Trauerkleid .... Maskenanzug .... Kanapee .... billig zu verkaufen. Auenstraße ....«

»Komiker gesucht ....«

[123] »Reichgefaßte Brillantohrringe .... unter der Hand zu verkaufen.«

»Pensionierter Offizier .... Adel .... wirtschaftliche Befähigung .... Vertrauensposten.«

»Kleines Darlehen .... alleinstehende junge Dame .... Rückzahlung nach Übereinkunft.«

»Hübsches junges weibliches Modell ....«

»Schön möbliertes Zimmer bei einer alleinstehenden Dame ....«

»Fräulein .... Zimmer mit ungeniertem eigenem Eingang ....«

»Zwei distinguirte Herren .... Ausländer .... unabhängige feingebildete Dame .... .... Konversation ....«

»Welche gutsituierte ältere Dame wäre gesonnen .... akademisch wie praktisch gebildeten Architekten .... Fortkommen ....«

»Junge Witwe .... Abendstunden frei .... Vorleserin .... älteren Herrn ....«

Drillinger wollte eben das Blatt beiseite werfen, mit einer Miene, die auszudrücken schien: Himmel, wie langweilig, Tag für Tag die nämlichen zweifelhaften Scherze, inszeniert von der Not, der Genußsucht, der Verworfenheit! – als sein Blick zufällig auf den feuilletonistischen Teil des Blattes fiel. An Stelle des gewöhnlichen Nachdruck-Sammelsuriums, [124] stand heute ein großer Originalartikel: »Zola's neuester Roman.«

Nachdem Drillinger einige Abschnitte, worin das deutsche Leben im Vergleich mit dem französischen über den grünen Klee gelobt und Zola wie der letzte Schmierant der schlechtesten Motive bezichtigt war, ärgerlich überflogen hatte, konnte er doch ein Lächeln nicht unterdrücken:

»Ja, ja, die Deutschen sind erhaben über die Schmutzereien der Franzosen; so etwas kommt bei uns gar nicht vor, wir sind die reinsten, ungetrübtesten Tugendspiegel in Lebensgröße, und darum ist auch unsere Litteratur so unschuldig und so schön; jedermann hat bei uns sein gutes Auskommen, bleibt im Lande und nährt sich redlich; die Hohen geben den Niedrigen, die Großen den Kleinen unausgesetzt die wunderbarsten Beispiele von Vornehmheit des Charakters, Adeligkeit der Gesinnung; unsere öffentlichen Einrichtungen sind einfach musterhaft, unser Gesellschafts- und Familienleben voller Geist, Anmut und Heiligkeit; wir haben keine öffentlichen Verleumder und Ehrabschneider, keine Preßbanditen, Prostituirte, gewerbsmäßigen Intriganten und Streber – bei uns ist alles eitel Gold was glänzt, und wenn unsere naturalistischen Dichter auch einmal die [125] häßliche Wahrheit künstlerisch gestalten wollen, so müssen sie die Stoffe aus den Fingern saugen oder vom Auslande beziehen! Ja, ja, die Franzosen, und der ihrer würdige Zola, das sind verkommene Subjekte; an der deutschen Heiligkeit im Leben und in der Kunst gemessen, die reine Fratzenhaftigkeit unseres idealen Reinmenschlichen, das wir so unübertrefflich verkörpern .... Und doch hat der Kritiker der ›Neuesten Nachrichten‹ Recht und der Romanzier Zola hat Unrecht. Es kann nicht die Aufgabe der Dichtung sein, die gute Gesellschaft zu beleidigen, und Zola beleidigt sie durch seine Brutalitäten und Geschmacklosigkeiten. Wir ertragen im Leben vieles, was in der künstlerischen Darstellung einfach unerträglich wirkt. Es gibt im Häßlichen und Wahrhaftigen eine Grenze, die nicht überschritten werden darf. Auch in seinen Büchern darf der Schriftsteller den Vertreter der guten Gesellschaft nicht verleugnen .... Zolas fixe Idee ist die Sinnlichkeit. In jedem Menschen sieht er nur die lauernde schmutzige Bestie. Du lieber Himmel, wenn jedermann mit Zolaschem Wahrheits-Fanatismus den Roman seiner sinnlichen Gedanken, Worte und Werke niederschreiben wollte, das würde nicht bloß die gesamte Litteratur, sondern auch das gesamte [126] Leben verpesten. Wäre das schön? Wäre das zweckmäßig? Litteratur und Kunst sind ja gerade dazu auf der Welt, die Sinnlichkeit zu veredeln und geläutertes Vergnügen zu bereiten. Und dann gar erst dieser grundsätzliche Pessimismus: überall nichts als Verworfenheit und Nichtswürdigkeit in der Menschheit! Nein, nein, wir dürfen uns von diesen trübseligen Naturalisten nicht den letzten Rest behaglichen Lebensgenusses vergällen und jede heimliche Freude mit Schmutz anstreichen lassen.«

Plötzlich zuckte wieder der bittere Zug über Drillingers Antlitz.

Knarrend schlug die Thür zurück. Herr Bankier Weiler wälzte sich herein.

»Bitte vielmals um Entschädigung, Herr Baron, wegen der Störung und des langen Wartens. Böse Abwickelungen gegen den Monatsschluß! Und dieses Hundewetter! Bitte Platz zu behalten.«

Herr Weiler warf seinen Überzieher ab und wischte sich die Brillengläser mit den Fingern. Sein kleines, rundes, pfiffiges Gesicht glühte unter dem dichten schwarzen Kraushaar. Er ließ den kurzen wurstartigen Leib in den Armstuhl fallen und schlug die O-Beine übereinander.

[127] Die Nähe des dicken, schwitzenden, eine ganze Wolke von sehr gemischten Ausdünstungen um sich verbreitenden Bankiers, trieb dem Baron wahre Angstschweißtropfen auf die Stirn.

Er zog sein weißes Reserve-Battisttaschentuch mit dem eleganten, von der Freiherrnkrone überschwebten Monogramm in blaugelber Stickerei aus der Tasche – das andere lag noch auf dem Sitze – und strich und fächerte in nervöser Erregung im Gesichte herum.

»Kommen wir rasch zur Sache, Herr Weiler, bitte! Was sollte eigentlich die Depesche? Es ist doch keine Katastrophe in Sicht? Oder habe ich ein großes Los gewonnen?«

»Hat sie Sie erschreckt, bester Herr Baron? Keine Furcht, ich vermute, etwas Gutes für Sie zu haben. Wollte mir die Ehre eines kleinen Plauderstündchens ausbitten zur Erörterung einiger Fragen, die allerdings einer gewissen Dringlichkeit nicht entbehren. War gerade auf dem Telegraphenamt, als mir der Gedanke kam ....«

»Ohne Umschweife, bitte!«

»Sind so pressiert, heute, bester Herr Baron? Oder ein wenig nervös? Dieses Hundewetter!«

»Ich befinde mich allerdings nicht ganz wohl. Ich habe einen schlechten Morgen gehabt.«

[128] »Sehr bedauerlich; genehmigen Sie den Ausdruck meiner tiefsten Teilnahme. Wird doch nichts Ernstliches sein? Am Ende nur kleine Nachwehen einer lustigen Nacht, eines feinen Soupers à deux im Götterwinkel bei Danner oder Arnold?«

In diesem Augenblick trat ein Kunde ins Kontor: ein böhmischer Musikant, der einige Ersparnisse in österreichische Guldenzettel umgewechselt haben wollte. Hinter ihm folgte eine Kundin: eine verschleierte Dame in einen langen Regenmantel geknüpft, der ihre schmächtige, fast elegante Gestalt in scharfen Umrissen herausstellte.

Drillinger schaute auf und verschluckte seinen Unmut. Er fühlte sich abgespannt. Weiler war aufgesprungen und hatte die Dame vom Schalter weg sanft in eine Ecke gedrückt.

»Pardon, meine Gnädige, das besorgen wir eigenhändig. Große Ehre, angenehme Kundschaft –« und dann im Flüsterton, kurz und pikiert, fast zornig: »Sie hätten auch eine anständigere Stunde wählen können – diese auffällige Zudringlichkeit – ich verbitte mir dergleichen für die Zukunft! Also wieviel macht's?«

Die Verschleierte sprach kein Wort, nur ihre Augen blitzten auf den dicken, bebrillten Krauskopf herab. Sie zog mit einiger Umständlichkeit [129] ein Papier aus der Tasche. Weiler schnitt ein böses Gesicht und wackelte ungeduldig mit dem Kopfe; hastig griff er nach dem Papier.

»Natürlich wieder aus Hirschbergs Modebazar,« knirschte der Bankier und überflog die Zifferreihe. »Gepfeffert! Das hätte man auch um die Hälfte haben können. Vierhundert Mark! Unverschämt ....«

Der Bankier ließ die Dame in der Ecke stehen, wälzte sich, ohne seinen Ärger vollständig bemeistern zu können, an den Geldschrank – die Kontorjünglinge duckten sich ganz in die Bücher – nahm einige Noten heraus, wickelte sie in die Rechnung und drückte sie der Verschleierten in die Hand.

»Heute Abend nach dem Theater!« wollte er ihr ins Ohr zischen, kam aber mit seinem Mund kaum bis an ihre Achsel. Dabei wippte er auf den Zehen des rechten Fußes, während er mit dem linken einen anmutigen Halbkreis zu schleifen versuchte. Der Halbkreis kam wohl heraus, aber nicht die Anmut. Herr Weiler lebte auf einem ebenso großen wie täppischen Plattfuße, den der modische absatzlose Schnabelschuh nach Kräften karikierte.

»Also auf Wiedersehen, Gnädige!« sprach er [130] laut, überlaut dann: »Sehr angenehm gewesen, verehrte Frau, ergebenster Diener.«

Mit einem tiefen Bückling öffnete er die Thür.

Lautlos wie sie gekommen, war die verschleierte Kundin hinausgeschritten.

Die Kontorjünglinge erhoben vorsichtig spähend die Köpfe und tauschten über die Bücher hinweg pfiffig lächelnde Blicke.

Kaum war der Chef im Hinterzimmer verschwunden, flüsterte der jüngere dem älteren zu: »Die versteht's. Mit der verplempert sich der alte Schweinehund doch noch. Die hat ihn fest am Bändel.« Allein der ältere war heute sichtlich nicht in übermäßiger Laune moralischer Überhebung über den Brodherrn und gab dem eleganteren, mit hübschen schwarzen Ringellöckchen verzierten Kollegen die Bosheit zurück: »Sie sind freilich schlauer; Sie verplempern sich nicht, Sie machen die Liebe rentabel, Sie spekulieren in Gefühl. Was hat die blonde Bräumeisterin, der Sie dazu noch in Versen Ihre Liebesaktien offeriert, eingebracht?«

»Sie sind ein Lästermaul; Ihnen sag' ich gewiß nichts mehr.«

[131] »Also Herr Baron, was ich sagen wollte – vielleicht Zigarette gefällig?«

»Ich rauche heute nicht, danke.«

Drillinger hatte der Erschlaffung nachgegeben und war tief in die Sofaecke gesunken. Der müde melancholische Zug trat scharf in seinem Gesicht hervor, die eigentümliche Luft und Hantierung der Umgebung wirkten betäubend auf ihn. In solchen Augenblicken bemächtigte sich seines Geistes eine Empfindung träumerischer Wurstigkeit und wahllos ließ er die Eindrücke auf sich wirken, meinte aber doch, der Führung des Gesprächs sich nicht ganz entschlagen zu können.

»Eine miserable Bude hier, Herr Weiler, ich empfinde das heute mehr als je; aber man gewöhnt sich daran, nicht wahr? Nach Grabbe soll man sich sogar an die Hölle gewöhnen.«

»Ich habe nicht das Vergnügen, Herrn Grabbe zu kennen – war er auch von der Finanz? – aber die Ewigkeit ist gewiß eine ausreichende Frist, um selbst der Hölle Reize abzugewinnen. Gewohnheit ist alles. Übrigens sind wir die längste Zeit hier gewesen, Herr Baron.«

»Wie so?«

»Der Plan ist noch nicht ganz reif, steht aber in seinen Grundzügen fest: ich beschreite mit einem«

[132] Konsortium hervorragender Bankleute und Architekten ein neues Feld der Thätigkeit. Bauspekulationen im großen Stil, verehrter Herr Baron! Ich werde mich hart an der Isar ansiedeln. Die Isar ist der Goldstrom für das neue München. Wir müssen uns der Isar bemächtigen, das heißt: ihrer Wasserkräfte, ihrer Ufer und ihrer Inseln. Was für Baugründe, was für Villen- Viertel, was für pompöse Zukunftsstraßen! Nichts spricht deutlicher für die wirtschaftliche Beschränktheit der Altmünchener, als daß sie für ihre Stadt jahrhundertelang nichts aus der Isar zu machen wußten. Das wird jetzt mit einem Schlage anders: zunächst Ausbau der Quaistraße, Regulierung der Prater–, der Feuerwerks- und der Kohlen-Insel und Einbeziehung in den Bebauungsplan; sodann Ausnützung der riesigen Wasserkraft, welche uns das Hochgebirge gratis in ungeheurem Schwall herunterschickt, zur elektrischen Beleuchtung der Stadt. Die Isar wird das Zentrum einer wunderschönen Verjüngung Münchens, hier wird sich die Kunst, der Reichtum, die Aristokratie ansiedeln in pompösen, komfortablen Bauten; außen herum, auf der Ebene ein Gürtel von Fabriken, von großartigen industriellen Etablissements; sodann banen wir eine Isarthalbahn von hier bis an den [133] Fuß der Alpen, damit das Hochgebirge uns sozusagen vor der Thür liegt ....«

»Herr Weiler, Sie rhapsodieren Finanz-Romantik. Amüsant, Ihr Isar-Ausbeutungsplan. Ich habe gar nicht gewußt, daß Sie zu Zeiten auch phantasieren.«

»Nein, ich rechne, Herr Baron, nichts weiter.«

»Lassen Sie der alten, rauschenden Isar ihre einsame Wildheit, ihre Poesie – Sie nimmersatter Geldmensch! Diese neuen Bauprojekte sind von einer ausgemachten, infamen Häßlichkeit und ihre Rentabilität immerhin fraglich.«

»Warten Sie einmal gefälligst, bis ich mein neues Zentral-Bankhaus mit höchst moderner Barockeinrichtung an der Ecke der neuen Quai- und Zweibrückenstraße erbaut und die Baracken der Wasserstraße für den Abbruch erworben habe. Es gibt nur ein Interesse in der Welt, das wirtschaftliche; alles übrige ist Garnitur. Merkwürdig, Herr Baron, Sie sind trotz Ihrer großen, vornehmen Bildung und Ihrer Lebenserfahrung – erlauben Sie das harte Wort – ein antiker Mensch ....«

»Sie wollen sagen ein antiquierter Mensch, ein veraltetes Möbel .... Reichen Sie mir eine Zigarette für das Kompliment.«

[134] »Bitte, hier! Sie irren, geschätzter Herr Baron; ich meinte, Ihre Anschauung hat etwas Antikes insofern, als Sie sich heldenhaft gegen Dinge wehren, deren Unabwendbarkeit Sie zwar einsehen, aber nicht zugeben wollen. Der moderne, der wirklich moderne Mensch hingegen antizipiert das Unabwendbare, das uns von der Zukunft – ich finde das Wort nicht, den Satz zu vollenden, verstehen Sie mich? Diese Umwälzung in allein, diese .... diese ....«

»Ja, ich verstehe Sie, scheußliches Finanzgenie, schon ehe Sie den Mund öffnen. Haben Sie mir darum depeschiert, um mir hier in diesem Räuberloch zu singen und zu sagen von der Märchenwelt, welche sich der Kapitalismus aus den Ruinen der verwüsteten Natur, der vergewaltigten Schönheit der Isar und der Einfachheit des ländlichen Vorstadt-Lebens hervorzuzaubern gedenkt?«

»Nein, nicht darum!« rief Weiler und brach in ein breites Lachen aus, während seine Augen mit unverhehlter kritischer Überlegenheit über den Baron in der Sofaecke hinstreiften, der mit seiner weichen, müden Stimme so komisch-pathetische Anläufe nahm .... »Nein, nicht darum, Herr Baron. Sie sind ein Edelmann und ich ein Erwerbsmann, [135] wir haben von Jugend auf in grundverschiedenen Büchern buchstabieren gelernt, und so liest auch jeder aus dem Buche des Lebens grundverschiedene Dinge heraus. Sie träumen noch von geistigen Interessen, um die sich hellte im Grunde keilt Mensch kümmert, diejenigen am wenigsten, die sie offiziell zu vertreten berufen sind. Die Erfahrung hat Sie leider noch nicht gewitzigt; Sie lassen sich von der konventionellen Maske immer noch verführen. Ich nicht. Wir werden uns in gewissen Fragen niemals verstehen, fürchte ich.«

»Ist schließlich auch gar nicht nötig,« bemerkte der Baron leise, mit gereiztem Accent. Dann laut: »Lieber Herr Weiler, wir verschwatzen die Zeit und Zeit ist Geld – für Sie, nicht für mich, leider! – Sie müssen heute schon rasend gute Geschäfte gemacht haben, wenn Sie jetzt so verschwenderisch sein dürfen. Und Verschwendung ist hoch sonst Ihre Sache nicht!«

»Sie scherzen, Herr Baron; die Bank-Geschäfte gehen momentan schlecht – man muß zwar viel arbeiten, aber der Nutzen ist gering.«

»Ich würde mich z.B. mit Ihrem geringen Nutzen gern begnügen, wenn ich heute einen passenden Platz unter Euch Erwerbsleuten fände ... Das wissen Sie aus unserem seitherigen Verkehr, [136] daß ich der Not des Lebens Konzessionen zu machen verstehe. Ich habe Ihnen meine und meiner Wirtschafterin Gelder anvertraut; Sie haben mir gewisse Spekulationen erleichtert und aus alter Freundlichkeit manchen kleinen Vorteil verschafft. Dafür bin ich Ihnen verbunden, meine sonstigen Ideen und Meinungen werden davon nicht berührt. Die Pflege Praktischer Beziehungen wird doch durch keine Philosophie beeinträchtigt, nicht wahr? Offengestanden, ich habe alle Hochachtung vor geregeltem Erwerb aus eigener Kraft ....«

Mit einem: »Verzeihung, meine Herren, wenn ich störe, aber ich .... pardon, messieurs!« wurde die Unterhaltung von einem unangemeldet hereinfliegenden Menschen, offenbar Kommis-Voyageur, plötzlich unterbrochen.

Schon an der Außenthür hatte er die Kontorjünglinge angeschrieen: »Herr Weiler ist doch da?« mit dem einen Fuß noch auf dem Wagentritt. Die Droschke hielt hart am schmalen Trottoir. Die vorübergehenden Arbeiter fluchten, sich vorbeizwängen zu müssen.

Es war ein vieux beau, eine Figur, wie aus dem Grévinschen »Journal amusant« geschnitten, mittelgroß, hager, in einen hellbraunen Sackanzug [137] gekleidet, darüber einen eleganten, frêmefarbigen Überrock, aufgeknöpft, zurückgeschlagen, damit das fein abgesteppte blaue Seidenfutter herauskokettieren konnte, und das Beinkleid über den Schnabelschuhen bis an die Knöchel aufgekrempelt, so daß noch ein roter Streifen vom Strumpf sichtbar wurde. Die dünnen, graumelierten Haare, in der Mitte gescheitelt und glänzend glatt gestrichen, bedeckten die halbe Stirn: auf der langen, schlanken Nase saß ein Binocle, das den flimmerigen Glanz der dunkeln, tiefliegenden Augen durch Spiegelung erhöhen half. Zwei schmale Streifchen Backenbart, schwarz gefärbt, wie das keck aufgezwirbelte Schnurrbärtchen, ein kreideweißer Stehkragen und eine grellrote Kravatte vollendeten den Eindruck geckenhaft-liebevollster Pflege der äußersten Modejournal-Schönheit.

Die Herren hatten sich vor dem Ankömmling erhoben. Weiler stellte halbfranzösisch vor: »Monsieur le Baron de Drillinger, Monsieur Paillard aus Paris, Repräsentant des Hauses Trippier und Kompagnie in Bordeaux und Paris, mein alter Geschäftsfreund.«

»Ah!« machte der Franzose. Drillinger verneigte sich stumm, ärgerlich über die Störung. Der Bankier schob hastig seinen Stuhl dein Franzosen [138] hin. Da keiner sich zuerst setzen wollte, zog jedermann vor, im Wettstreite der Höflichkeit einstweilen stehen zu bleiben.

Der Franzose schwatzte fast ohne Unterbrechung: »Bin nur gekommen, Monsieur Weiler, wegen Rendez-vous heute Abend. Superbe Geschäfte gemacht, auch mit Ihrem Konkurrenten da unten an der Isar, in der Quaistraße; große Bestellung in Kognak – hat sich sogar angeboten, Vertretung unseres Hauses zu übernehmen; ja, Monsieur Raßler scheint ein Mann von Welt, hat da magnifikes Haus, splendide Einrichtung, herrliches Weib ....«

Bei dem Namen Raßler fuhr ein schielender Blick über Weilers Brille blitzartig zu Drillinger hinüber.

Drillinger verzog zwar keine Miene, aber seine Hand fühlte unwillkürlich nach dem Brief in der Brusttasche. Zum erstenmale hatte der Name Raßler im fremden Munde für sein Ohr einen unangenehmen Klang und bei der Erwähnung des Weibes fühlte er etwas wie einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Der näselnde Klang des französisch ausgesprochenen Raßläär summte ihm jetzt während der ganzen Unterredung durch den Kopf. Raßläär .... Raßläär ....

[139] »In der That, bedeutende Bestellungen, hauptsächlich in fine Champagne. Ach, München, die Stadt des Bieres, fängt an, sich zu entwickeln, es gewinnt Geschmack an den großen Weinen und Likören Frankreichs .... Also wegen heute Abend, nach dem Theater etwa, Monsieur Weiler ....«

»Das trifft sich unglücklich, Monsieur Paillard; ich bin gerade heute Abend durch dringende Geschäfte abgehalten.«

»Sehr bedauerlich; ich hätte für Amüsement gesorgt. Den ganzen Tag in Arbeit, freute ich mich doppelt auf Ihre angenehme Gesellschaft. Es geht wirklich nicht?«

»Wirklich nicht.«

»Das ist hart. Ah, Monsieur le Baron, es ist schwierig, sich in München zu amüsieren, wenn die besten Freunde ausschlagen. Was soll ich denn ganz allein anfangen? Ins Theater gehen? Gut, ich gehe ins Theater. In welches? Die Wahl ist nicht groß: ich gehe ins Gärtnertheater. Lauter bekannte, alte Gesichter – das reine Konservatorium. Schadet nichts, ich gehe jedesmal hin. Ich ärgere mich zwar, aber das macht nichts. Hernach, wenn das Theater aus ist, von 9 bis 12 Uhr, bis Nachmitternacht – was fangen wir da an in München? Das ist das große Problem [140] für jeden Fremden und zumal für einen Pariser, für einen Boulevardier! Nun hatte ich gerade für heute Abend ein reizendes Programm ersonnen – mein Geheimnis! Und Sie lassen mich im Stich, Herr Weiler? Das ist sehr garstig, gar nicht freundschaftlich.«

»Geschäfte, nichts als Geschäfte, Monsieur Paillard,« entgegnete Weiler und sah sich nach seinem Stuhle um. Der Franzose hatte ihn mit Hut und Überrock belegt.

»Geschäfte, nichts als Geschäfte!« imitierte der Weinreisende und streifte einen Handschuh ab. Er ließ sich auf dem Sofa nieder. »Die Herren gestatten, ich bin ein wenig müde. Geschäfte! Machen wir vielleicht auch ein Geschäft, Herr Baron? Ach, das wäre prächtig. Mein Haus, Trippier und Kompagnie – erlauben Sie, daß ich Ihnen unsere Karte überreiche – würde es als große Ehre empfinden, Sie zu unsern geschätzten Klienten zu zählen. Wir haben die ersten Namen von ganz München .... alle berühmten Künstler; ich komme soeben von .... von, wie heißt er nur gleich, der die wunderschöne Villa da drüben über der Isar hat, neben dem Maximilianeum .... der die lustigen Bilder malt, wo immer getrunken wird ....«

[141] »Grützner meinen Sie?«

»Jawohl, Grützner. Der wird jetzt noch viel lustiger malen, wenn er unsern Kognak dazu trinkt. Das lockt Sie gewiß, Herr Baron, wenigstens eine Probe von unserm Kognak zu nehmen?«

Raßläär .... Raßläär .... herrliches Weib .... Raßläär .... summte es in Drillingers Kopf.

Baron Drillinger lächelte mit einer nervösen Grimasse, indem er den linken Augendeckel zuklappte, und schüttelte den Kopf.

»Unser Produkt ist auf dem ganzen Weltall bekannt. Nicht wahr, Herr Weiler? In Kanada, Indien, Australien, Amerika, Marokko und anderen Erdteilen. Wenn ein Amerikaner oder Australier zwei Worte französisch kennt, sind es diese: Paris und Kognak, kennt er nur eines, so ist es sicher Kognak. Die Ausdehnung unseres Exportes ist erstaunlich. Sehen Sie aber auch einmal diese Preisliste!«

Damit überreichte der beredte modische Weinreisende eine zierlich ausgestattete Karte von Velinpapier. Die kleine Redepause während der Kartenüberreichung wollte der Bankier Weiler, dem ordentlich der Bauch weh that, so lange nicht [142] zu Wort zu kommen, erhaschen, um schnell auch ein Sprüchlein einzuschalten.

Allem er vermochte kaum die braunroten wulstigen Lippen zu einem: »Stimmt, Herr Baron,« zu öffnen, als der Franzose schon wieder weiter schnarrte:

»Unser Haus hat in den berühmtesten Lagen, in Kognak, Agnac-Champagne, Château-Bernard, Saint-Preuil, Segonzac u.s.w., hervorragende Besitzungen. Ach, Herr Baron, Sie sind gewiß Feinschmecker und für das flüssige Gold unseres Nektars begeistert wie ein Brillat-Savarin. Ich fühle mich unfähig, die Güte unseres Produktes nach Gebühr zu preisen. Da gehörte ein Poet dazu. Cela est matière de bréviaire, wie Bruder Jean des Entameurs sagen würde. Sehen Sie sich einmal diese Preisliste an! Da findet sich das Vorzüglichste für alle Börsen, auch für die bescheidenen. Darf ich Ihnen wenigstens eine kleine Probesendung fine Champagne zusammenstellen? Ich biete Ihnen jede Garantie für Echtheit ....«

»Es ist mir in der That unmöglich, von Ihrer Liebenswürdigkeit Gebrauch zu machen.«

»Das Glück verläßt mich. Der Herr Baron lehnt das Geschäft ab, der Herr Bankier, mein [143] alter Freund, lehnt das Vergnügen ab. München steht noch nicht auf voller Höhe, man sage was man will. Erst wenn es dem Zauber des Weinlandes par excellence, wenn es der Seele Frankreichs sozusagen, willfährig sich hingibt, wird es eine wahrhaft geistreiche, künstlerische und poetische Stadt werden. Habe ich Unrecht?«

Die Herren lachten. Im Kontor ächzten die Schreibböcke.

»Nein, antworten Sie, Messieurs, habe ich Unrecht? O Herr Baron, ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber wie ich Sie hier vor mir sehe, hat Sie die gütige Natur nicht für das Bier und seine schläfrigen Freuden bestimmt. Aus Ihren Augen sprüht eine edlere Flamme .... Gewiß opfern Sie nicht auf dem Altar des Bierfasses und Ihr Vaterland ist nicht das Hofbräuhaus .... Besonders unser weißer Bordeaux würde Ihren vornehmen Neigungen behagen ...«

»Verdammter Schwätzer von einem ranzigen Franzosen,« dachte Drillinger – und »Raßläär, Raßläär« summte es in seinem Kopfe.

»Aber, hochverehrter Freund,« fuhr jetzt Weiler entschieden auf, legte die fetten Hände gefaltet auf den Bauch und betrachtete mit wiegendem Kopfe die Spitzen seiner Schnabelschuhe: »man [144] kann doch niemand die Befriedigung einer Neigung aufzwingen. Im Geschäft ist's nicht wie in der Politik, wo man die herrlichen Wohlthaten von oben gar oft hinnehmen muß, auch wenn man nicht die mindeste Lust dazu verspürt. Der Herr Baron hat einen gut assortierten Weinkeller. Hier muß sich Ihre Geschäfts-Politik aufs Abwarten verlegen, wenn Sie einen neuen Kunden gewinnen wollen. Der französische Elan wirkt nicht mehr überall Wunder, wie Sie sehen.«

»Also warten wir ab,« sagte der Franzose mit plötzlich verändertem, kühlerem Tone und griff nach Hut und Überrock. »Warten wir ab. Vielleicht entschließen Sie sich doch noch, mon cher Weiler, für heute Abend. Nachrichten finden mich bis drei Uhr im Hotel Max Emanuel. Au revoir, messieurs!«

An der Thür wandte er sich noch einmal um. »Darf ich mir für später Ihre werte Adresse notieren, Herr Baron?«

»Die können Sie stets bei mir erfragen,« antwortete Weiler und winkte mit der Hand abschiedgrüßend.'

»Bon.«

Weiler schlug eine unbändige Lache auf, als der Reisende verschwunden war.

[145] »Der widerwärtige Schwätzer. Ich bin halb tot,« stöhnte Drillinger und fiel wie vernichtet in die Sofaecke.

»Nicht wahr, der versteht sein Metier? Das ist ein Mann der Zeit, unverschämt bis zum Exzeß, zudringlich wie eine Wanze, aber in höflicher Form, wie Sie nicht leugnen werden.«

»Der echte Franzose, jeder Zoll ein Blagueur.«

»Hat sich was mit der Echtheit! Ein Landsmann vom seligen Jakob Offenbach, ein Kölner Jud,« rief Weiler und durchwackelte mit vergnügten Schritten den kleinen Raum. »Dieser Monsieur Paillard heißt eigentlich Strohsack; ursprünglich war er zum Rabbiner bestimmt, dann wurde er Zeitungsschreiber, dann Theaterdirektor – was weiß ich, was noch alles! – und jetzt ist er Reisender der französischen Weltfirma Trippier und Kompagnie.«

»So, so. Darum auch das gewandte Deutsch in der affektiert radebrechenden Aussprache. Übrigens: Sie haben wirklich interessante Geschäftsfreunde, Herr Weiler, das muß ich sagen.«

»Nun, war das nicht etwa eine lustige Szene, die er hier aufführte? Das Vergnügen ist doch auch was wert!«

[146] »Ich danke.«

»Schätzen Sie eine Gratis-Komödie so gering in dieser verteufelt ernsthaften Zeit, wo der Glücklichste leicht das Lachen verlernt?«

»Mit Unterschied. Dieser Gratis-Komödiant scheint mir ein unverschämter Gauner.«

»Gut, dann nehmen Sie die Komödie für eine lehrreiche Lektion. Ich sage Ihnen, dieser Mann mit seiner Aufdringlichkeit und Beharrlichkeit hat den rechten Weg gefunden. Er kennt die Menschen und hat ein festes System, sie zu behandeln. Es fallen mehr darauf herein, als Sie glauben. Der kluge Raßler z.B. mit seinem herrlichen Weib ....«

»Hören Sie auf mit Raßler. Das ist ein ...«

Ein Zwinkern unter Weilers Brille, und Drillinger unterdrückte das Wort, um ablenkend fortzufahren: »Warum haben Sie denn das lustige Stelldichein für heute Abend ausgeschlagen?«

Und Weiler fuhr brutal heraus mit bewußter Selbstgefälligkeit, nachdem er sich in sein großes rotes Foulard geschneuzt und mit dem Fuß die Thür ins Kontor zugestoßen hatte: »Unter uns, Herr Baron, weil ich diesmal das Glück in der Liebe dem Unglück im Spiel vorziehe. Paillard ist ein leidenschaftlicher Spieler ....«

[147] »Immer schöner, dieser praktische Idealmensch der Zeit.«

»Bah, wenn es ihm einmal gelungen, mir das Portemonnaie zu erleichtern, so hat er mir's durch andere Gefälligkeiten wieder wett gemacht.«

»So, so.«

»Aber das ist mein Geschäftsgeheimnis, gestrenger Sittenrichter.«

»Agropos, Geschäftsgeheimnis – alle Wetter, Sie haben mich wohl mit der Depesche genarrt? Kommen wir doch endlich zu unserem Geschäftsgeheimnis!«

Das klang auffällig scharf und bestimmt. Drillinger hatte sich schlank aufgerichtet.

»Bitte, noch einen Augenblick Platz zu behalten; ich muß etwas in den Büchern nachsehen, lieber Herr Baron. Ich werde Ihnen unser Geheimnis sofort entschleiern.« Weiler ging ins Kontor und kramte in Büchern und Papieren.

Drillinger war an das Fenster getreten und wischte mit dem Zeigefinger ein Guckloch in die beschlagenen Scheiben. Schnee und Regen gingen noch durcheinander, die Luft hatte einen schweren, bleiernen Ton, die Häuser trieften, die Straße war ein grauer, klebriger Brei mit Pfützen und Tümpeln, worin Schneeflocken und Regentropfen [148] verrieselten. Die Vorübergehenden waren hoch herauf mit Kot bespritzt: Marktleute mit Körben und Säcken bepackt, Soldaten, Köchinnen, Zeitungsausträger, Lohndiener. Und alle hatten den nämlichen verdrossenen Zug im Gesicht. Nur ein barhäuptiger, krummbeiniger Schusterjunge mit halbnackten schmutzigen Annen patschte vergnügt durch den Dreck, ließ sich den Regen ins Gesicht schlagen und pfiff in den höchsten Tönen seine Liedel durcheinander vom himmelblauen See, vom alten Peter und der Münchener Gemütlichkeit, die unerschütterlich »so lang die alte Isar durch d' Münchnerstadt noch geht«

Dem Schusterjungen begegnete ein Metzgerjunge und machte ihm eine Fratze. Sofort schwang der Schusterjunge seine Stiefel und stellte sich gefechtbereit – der andere wandte ihm den Rücken und trat seitwärts, um sich scheinbar in den illustrierten brennend roten Maueranschlag einer Kirchenbaulotterie zu vertiefen und, dem davontrollenden gefoppten Fußbekleidungskünstler nachschielend, den neuesten »Meistergesang« vor sich hinzubrummen:


Lehrbua bin i' g'wesen,

Kreuzsapperlot!

Prügelt hab'n mi' d' G'sell'n

Und der Moaster halb tot!


[149]

G'sell bin i' word'n!

Potzelement!

Prügelt hab' i' d' Lehrbuab'n

Mit Füß' und mit Händ'.


Jetzt bin i' Moaster,

Sternsakradi!

I' prügel d' Lehrbuab'n,

Mei' Weib prügelt mi'!


Drillinger setzte sich auf den Fenstersims und gähnte ärgerlich in die hohle Hand. Welt und Menschheit waren heute wirklich nicht dazu angethan, seiner flauen Stimmung aufzuhelfen.

Er blickte gleichgültig durch die Scheiben; der Metzgerjunge schien noch immer in das Studium der Plakat-Litteratur vertieft. Die Mauerwand war mit bunten Zetteln, roten, gelben, grünen, blauen, oft in Riesengröße und mit fußhohen Buchstaben bedruckten, hoch hinauf und der ganzen Breite nach bedeckt. Es war eine wüste, kreischende Kakaphonie der Reklame, wie sie die Gegenwart immer frecher ausbildet. Was wurde da nicht alles um die Wette annonciert! Konzerte, Bälle, Wurstwaren, Kirchenbaulotterien, Schuhfabrikate, Zwerg-Ausstellung, Gemälde-Auktion, Einberufung der Ersatzmannschaften, Staatsanleihen, Rudersport, Bycicle-Klub, Vegetarianismus, Tanzunterricht, Ausverkauf, Zwangsversteigerung, Abzahlungs-Geschäft, [150] Verein für deutsche Interessen im Auslande, Dampfschiffahrt auf dem Starnberger See, Münchener Kindl-Brauerei, Viehmarkt, Pferderennen. Orpheum, Westendhalle, Kils Kolosseum, Mähmaschinen, Zirkus, Kirchweihe, Schuhmacher-Innung, Militärmusik, Kinderbewahranstalt, Ve teranen-Verein, Schlachtviehhof-Eröffnung, Bayerischer Kurier, ungespundetes Klosterbier, Vereinsbank, Panorama Kreuzigung Christi, Komikergesellschaft Geis, Heilige Erzbruderschaft, Madame Dava, Knabenhort: – ein schauderhafter italienischer Salat moderner Kulturbestrebungen, Geistliches und Weltliches gemischt, Gott und Teufel darüber, darunter, in Fetzen, Lärm, Lärm, Lärm, Spektakel, Spektakel, Spektakel – Pfui Kukuk!

Über der Plakatwand, in einer verstaubten Nische des ersten Stockes, zwischen zwei schmutzigen Fenstern mit zerrissenen Vorhängen, trauerte eine Madonnastatuette mit dem Welterlöser auf dem Arme. Der Gottesmutter war die halbe Krone vom Haupt gefallen, in die andere Hälfte hatten. Sperlinge ein Nest gebaut, Nase, Brust und Schultern waren mit ganzen Schichten von weißem Vogeldreck bedeckt; dem Welterlöser war die Hand abgebrochen. Nur die Kugel war noch ganz und die giftig sich windende Schlange, worauf die [151] Madonna stand. Vor der Nische hing an einem verbogenen Eisenstab eine verrostete Laterne mit zerbrochenen Scheiben schief herab.

Weiler hat Recht, wiederholte sich Drillinger in Gedanken, die wirtschaftlichen Interessen, das heißt der Geldsack, beherrschen heutzutage die ganze Gesellschaft vom Höchsten bis zum Geringsten. Kaiser und Könige verzweifeln, wenn sie keinen Ausweg aus finanziellen Verlegenheiten finden. Talent, Bravheit – wenn sie nichts im Beutel haben oder nichts in den Beutel bringen, kein Mensch achtet ihrer! Frömmigkeit, Patriotismus, Ultramontanismus, Freisinn, Konservatismus, Freihandel, Schutzzoll, sie alle fragen sich: was bringt's ein; Gelehrsamkeit, Kunst, Humanismus, sie ziehen am Jahresschluß die Bilanz und gleichen ihr Gewinn- und Verlustkonto und machen eine saure Miene, wenn nicht genug Geld im Kasten klingt. Einer will's dein andern im Erwerb, in der Bereicherung zuvorthun.

Das ist heute die Strömung, eine schweinemäßige, stinkige Strömung, allein sie hat fortreißende Gewalt und kennt kein Hindernis. Lange steht der Weise am Ufer und sieht dem ekelhaften Tumult mit Bedauern und Verachtung zu; da klopft die Not, die Sorge für Weib und Kind [152] auf seine Schultern: Heda, Brüderchen, halt' die Nase zu und hinein und mitgeschwommen! Die Unschuld steht am Ufer und zittert am ganzen schwanenweißen Leib, wenn sie auf den tosenden Schmutz blickt; da übermannt sie die Angst ihrer Verlassenheit, die Sinne schwinden ihr, sie drückt die Augen zu und läßt sich in den Strudel fallen: Schwestern, Erbarmung, ich muß auch mit! ..

Der Bankier war mit einem Päckchen Papieren, Rechnungen, Depeschen zurückgekommen.

Drillinger blieb auf dem Fenstersims sitzen: »Ich bin ganz Ohr, Herr Weiler, und auf alles gefaßt.«

Weilers Stimme klang etwas belegt: »Soll ich Sie erst mit Lachgas narkotisieren, bevor ich zur Operation schreite, Ihnen noch einige Illusionen wie hohle Zähne auszuziehen?«

»Danke, was ich heute erlebt und gedacht, hat mich hinlänglich narkotisiert.«

»Umsobesser. Sie wissen, Herr Baron, daß ich seither keine Mühe gescheut habe und, wenn Sie mir, wie ich hoffe, auch in Zukunft Ihr gütiges Vertrauen bewahren, niemals scheuen werde, Ihre Vermögens-Interessen nicht dem blinden Zufall zu überlassen. Nicht immer waren meine Bemühungen mit Erfolg gekrönt, denn Sie [153] haben mir oft ins Handwerk gepfuscht und die Spekulations-Chancen nicht nach meinen Ratschlägen ausgenützt. Verzeihung! Sie teilen diesen Eigensinn mit allen Spekulations-Dilettanten. Ich will Ihnen eine allgemeine Beobachtung mitteilen. Erfahrene Börsianer haben sich immer die Köpfe darüber zerbrochen, mit welcher Hartnäckigkeit die Spekulation an den einmal ausgewählten Schoßkindern ihrer Laune festhält und wie schwer es ist, neue Devisen im Kreise der Spekulations-Dilettanten einzubürgern.«

»Spekulations-Dilettanten ist gut.«

»Danke. Ein Beispiel: Der Spekulationsverkehr der deutsch-österreichischen Börsen hat noch kein Papier kennen gelernt, das auch nur entfernt ähnliche Beachtung und Liebe gefunden hätte, wie das berüchtigte Kleeblatt: Kredit, Franzosen – oder Staatsbahn – und Lombarden.«

»Mir scheint doch, daß diese Effekten in den letzten Jahren erheblich an Beliebtheit verloren haben.«

»Bei Ihnen, Herr Baron, weil Sie sich einigemale damit in den Finger geschnitten haben. Entgegen meiner Warnung natürlich! Ich will nur konstatieren, daß die verschiedensten Bemühungen es nicht fertig gebracht haben, andere spekulative [154] Devisen in annähernd gleichem Grade in die Gunst des Publikums einzuschmeicheln.«

»Zum Beispiel die Diskonto-Kommandit-Anteile des Liebermannschen Instituts. Angenehme Schmeichelei! Auf Ihr Zureden ließ ich diese hübschen Papierchen sich so lange in meiner Kasse einbürgern und einschmeicheln, bis ich für diese zarte Rücksicht ganz ordentlich Haare lassen mußte. Das war eine unglückliche Liebe, Herr Weiler, und dafür haben Sie keinen Kuppelpelz verdient.«

»Das verstehen Sie wieder einmal nicht. Das war ein ganz besonderer Fall. Übrigens ist's denn der Rede wert, was ich an Ihnen verdiene? Handle ich nicht aus Freundschaft mit Ihnen? Hat nicht schon mein Vater die Geschäfte Ihres seligen Herrn besorgt zu seiner größten Zufriedenheit?«

Herr Weiler fühlte das Bedürfnis einer Kunstpause und schneuzte sich wieder anmutigst in sein großes rotes Foulard, indem er dasselbe mit beiden Händen faßte und die Nase zwischen die Daumen klemmte. Ein Tropfen Unrat blieb im Barte hängen.

»Warten wir's ab, Herr Baron, die Spekulation in Diskonto-Kommandit wird sich noch mächtig entwickeln.«

[155] »Jawohl, wenn ich so weit abgewickelt habe, daß überhaupt nichts mehr zu wickeln ist.« Drillinger mußte immer auf den Tropfen Unrat im Barte des Bankiers blicken.

»Nun haben Sie einen Narren an den Russen gefressen – erlauben Sie das harte Wort, Herr Baron, und sich stark mit dem russischen Staatskredit liiert. Hier wäre ein gesunder Pessimismus am Platz gewesen. Ich war Ihnen zu Willen – und nun berechnen Sie selbst, was Ihnen meine Willfährigkeit und Nachgiebigkeit kostet. Hier die neuesten Depeschen der Berliner und Frankfurter Kurse.«

»Machen Sie mir gefälligst die Rechnung,« antwortete Drillinger kalt, nachdem er die dargereichten Depeschen müden Blicks überflogen. »Also wieder Verluste über Verluste.« Und in Gedanken setzte er hinzu: »Er ist doch ein dummer Schmutzian.«

»Mein Gott, nur nicht gleich diese schroffe Auffassung. Sie haben noch ausreichende Deckungsmittel.«

»So? Hab' ich die noch? Das ist ja ein großer Trost, daß ich noch nicht vollständig auf dem Trockenen bin!«

Wie ein Blitz zuckte ein Bild durch seine [156] Seele: das elterliche Häuschen im Garten vor den Isarauen. Zerstoben .... Der Spielteufel .... Die unseligen Erwerbsexperimente .... Wohin er griff, Pech .... In einem Moment flogen alle Enttäuschungen seines Lebens wieder an ihm vorüber .... Vorüber! Es rauschte und sauste in seinen Ohren.

»Und dann vom Depot Ihrer Wirtschafterin steht auch noch ein erklecklicher Teil unerschüttert da.«

Der Bankier räusperte sich, spuckte in einen Zipfel des Taschentuchs und spitzte dann den Mund, als wollte er pfeifen ....

»Unerschüttert!« Drillingers Stimme stockte; er mußte nach Atem ringen. Dann begann er schwer, fast flüsternd: »Sie sind ein Sprachvirtuos, Herr Weiler. Für einen Finanzvirtuosen traue ich Sie nicht mehr zu halten, was meine Interessen angeht. Das Depot meiner Wirtschafterin muß wieder in seiner Ganzheit hergestellt werden, verstehen Sie?«

Die letzten Worte klangen wie der Schrei eines verwundeten Tieres.

»Ich verstehe sehr gut. Sprechen Sie doch nicht so laut. Aber die gewünschte Herstellung wird sich in diesem Augenblicke bei den obwaltenden [157] Verhältnissen schwer machen. Da müssen Sie sich schon ein wenig Zeit lassen und inzwischen sehr glücklich arbeiten, verehrter Herr Baron!«

»Bester Herr Weiler, versetzen Sie sich doch in meine Lage, ich beschwüre Sie! Ich muß wieder frei und unabhängig werden. Eine ganze große Lebenshoffnung gründet sich darauf: geordnete Finanzen zu haben und niemandes Portemonnaie verpflichtet zu sein. Sie haben ja im Grunde unbestreitbar recht: die wirtschaftlichen Fragen beherrschen alles. Die Lebenslinie bewegt sich aufwärts mit der Kraft des Wohlstandes. Jede Energie erlahmt und versumpft, wenn .... wenn .... Begreifen Sie mich?«

»Kein Mensch begreift Sie besser, als ich, nicht einmal Sie selbst, sonst würden Sie aus dem momentanen Mißgeschick neue Chancen ziehen.«

»Ach, wie Sie wieder orakeln.« Drillingers Stimme wurde bebend und nervös heiser.

»Ich orakle nicht. Ich denke und rechne für Sie. Sie sind im Augenblick überlastet. Wenn wir das Depot heranzögen, wäre die Rechnung glatt. Das wollen Sie nicht – ich ehre Ihre Feinfühligkeit, obwohl ich sie übertrieben finde. [158] Versuchen wir das Glück aufs neue. Ich erweitere Ihnen gern den Kredit. Wie gesagt: ein erklecklicher Teil jenes Depots ist noch intakt.«

»Wie viel?«

»Etwas über fünfzehn tausend Mark, ich weiß es nicht auf den Pfennig. Das genügt zur einstweiligen Deckung im schlimmsten Fall. Hat Ihr alter Schutzgeist keine weitere Erbschaft mehr in Sicht? Das wär' eine angenehme Überraschung für Ultimo.«

»Schämen Sie sich.«

Der Unratstropfen baumelte an einem grauen Haar. Drillinger fand den Anblick scheußlich; er mußte immer hinsehen.

»Wie Sie befehlen. Lassen wir die Alten und denken einmal an die Jungen. Ganz offen, Herr Baron: Sie nützen Ihre Situation nicht aus; Sie haben gute Beziehungen zu meinem sogenannten Konkurrenten in der Quaistraße. Ich nenne keinen Namen, seien Sie ganz ruhig. Der Mann hat mir einmal schwer geschadet. Ich trage ihm nichts nach, ich suche ihn sogar für mich zu gewinnen. Da könnten Sie mir einen famosen Freundschaftsdienst thun.«

»Als Vermittler.« Und dann für sich: »Dieses Schwein.«

[159] »Jawohl, so ungefähr. Als Vermittler – warum sagen Sie das so höhnend und bitter? Als Vermittler und zwar auf einem für Sie ganz bequemen Umweg. Sie verstehen mich, nicht wahr? Mein Gott, was ist daran! Er ist doch nur eine Puppe in der Hand seiner Frau, und seine Frau ist eine Puppe in Ihrer Hand. Brausen Sie doch nicht gleich so auf! Verpflichten Sie mich lieber, damit ich gebunden vor Ihnen stehe: helfen Sie mir das Geschäft einfädeln – und wenn wir Gold gesponnen, sollen Sie wahrhaftig nicht zu kurz kommen. Sobald das Isarbebauungsprojekt feste Gestalt gewonnen, erinnere ich mich Ihrer; Ihr vornehmer Name wird mit Glanz im Verwaltungsrat figurieren. Lassen Sie mich nur machen. Das nächste Geschäft aber ist so beschaffen: Sie machen mir Raßler geneigt, bannt er mir die Hand zu folgendem Unternehmen reicht ...«

»Herrgott noch einmal, muß das alles heute abgemacht sein? Mir ist ganz übel; mir brummt der Kopf ...«

»Mir auch. Umso frischer vorwärts. Im heißen Eifer geht's am besten. Raßler hat heidenmäßig viel Geld und weiß wenig Gescheidtes damit anzufangen. Dazu soll er neulich wieder [160] ganze Strümpfe und Säcke voll alter Gulden und Kronenthaler von einer ländlichen Vase geerbt haben ... Wir aber haben die neuesten lukrativsten Ideen. Was ist vernünftiger, als daß wir unsere Ideen mit seinem Geld zu associeren suchen? Ganz unter uns: Raßler ist ein ... Pardon! Bleiben wir bei der Sache. Ich kürze ab, um Sie nicht zu ermüden. Sehen Sie diesen Brief, den ich gestern Abend erhalten. Ein österreichischer Geschäftsfreund bietet mir die Nennowitzer Brauerei an; in ein, zwei Jahren könnte man sie einer Aktiengesellschaft mit riesigem Gewinn anhängen ...«

»Wollen Sie mir ein Märchen erzählen? Um eine Brauerei zu haben, braucht man doch nicht von München nach Österreich abzuschweifen?«

»Erst recht! Merken Sie denn den Witz nicht: der einheimischen Produktion vom Auslande her energisch und systematisch Konkurrenz zu machen, bis wir die Aktien der hiesigen Brauereien so weit gedrückt, daß sie uns zugänglich werden?«

»Das ist wahrhaftig noch patriotischer, als Ihr Isarverwüstungsplan! Aber es verspricht Profit und Profit macht gut' Gewissen ... Also vorwärts ...«

»Verehrtester Herr Baron, in meinem Katechismus[161] steht nichts davon, daß die Spekulation die Verpflichtung zum Patriotismus habe. Das Kapital ist nicht patriotisch getauft. Kurz und gut: Die Nennowitzer Brauerei ist mir unter der Hand angeboten – schaffen Sie mir den Raßler, und ich habe sie. Gelingt Ihnen dies, mache ich heute noch einen Strich durch Ihr Schuldbuch und erhebe Sie zum Verwaltungsrat.«

Weiler schnaufte kräftig auf und streckte dem Baron die Hand hin.

Drillinger stand mit verschränkten Armen da, aber sein schwermütig irrlichtelierender Blick widersprach dieser herrischen Pose; es war der Blick des verzweifelnden Opfertieres, das sich umsonst das Hirn zermartert, seinem Peiniger zu entrinnen.

Der Bankier zog die Hand zurück, raffte die Papiere zusammen und schob sie in ein Portefeuille.

»Der Teufel soll mich holen, Herr Weiler, wenn ich aus Ihren verzwickten Plänen klug werde. Ich habe nur ganz dumpf die Empfindung, daß unsere Beziehungen nicht mehr die notwendige Klarheit besitzen, um beide Teile zu befriedigen. Das Wasser zwischen uns ist getrübt – und ich [162] fühle, wie die trübe Flut steigt. Ich ringe nach Atem wie ein Ertrinkender ...«

»Ja, Sie können wenig vertragen, Herr Baron. Eine kleine Inanspruchnahme, und sofort werden Sie unwirsch und verdächtigen Ihre besten Freunde.«

»Ich fordere Klarheit.«

»Meine Bücher sind klar und zweifelsohne. Und ich erbitte ruhig Blut und Geduld – und einen ganz kleinen Dienst, und was machen Sie für ein Gesicht? Als ob ich Ihnen eine bittere Medizin eingegeben hätte! Dabei eröffne ich Ihnen Aussichten, wie sie nicht schöner gedacht werden können. Überlegen Sie sich die Geschichte mit Raßler, sie ist für uns beide von Wichtigkeit.«

»Ich bin entschlossen, mit Raßlers überhaupt nichts mehr zu thun zu haben.«

»Ach, eine Neuigkeit! So, so. Ich rate Ihnen, diesen Entschluß auf günstigere Zeit zu verschieben. Machen wir erst das Geschäft – und dann können Sie dem neuen Drange Ihres romantischen Herzens folgen.«

»Sie bestehen also auf Ihrem Wunsche, Herr Weiler?«

»Da er Ihren Nutzen nicht weniger bezweckt, als den meinigen: ja!«

[163] Der Bankier war immer bündiger und nachdrücklicher geworden. Etwas Hartes, Schroffes lag in seinem feisten Gesichte. Jetzt verschränkte er die Arme und fixierte den Baron mit einem kalten, bösen Auge. Der Unratstropfen baumelte und fiel auf den Brustlatz.

»Räumen Sie mir Bedenkzeit ein?« fragte Drillingen, wie hypnotisiert den Tropfen verfolgend.

»Nein, nur die notwendige Frist zur Ausführung des Versprechens.«

»Das ist kategorisch.«

»Wozu Umschweife? Wir kennen uns lange genug, um uns rasch zu verstehen. Entweder wissen wir was wir wollen oder wir wissen es nicht. Da ist nichts zu bedenken, sollt' ich meinen.«

»Bester Herr Weiler, wären Sie vielleicht in der Lage, mir einen weniger kategorischen Bankier zur Leitung meiner kleinen Geldgeschäfte vorzuschlagen?«

»Ein Mißtrauensvotum? Das lehne ich ab, denn ich hab's nicht verdient. Wenn Sie aber eine Lösung unserer langjährigen Beziehungen wünschen, so muß ich bitten, es auch in der üblichen Form vorzubringen.«

[164] Die merkwürdige Wendung, welche die Unterredung genommen, schien jetzt beide Teile zu verblüffen.

Drillinger griff nach Stock und Hut, besann sich einen Augenblick, dann reichte er dem Bankier die Fingerspitze, nachdem er hastig den Handschuh übergestreift: »In vierundzwanzig Stunden erhalten Sie meinen Bescheid.«

»Zusage!«

»Vielleicht – der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb.«

»Also Zusage. Und sobald ich die habe, werde ich Ihnen umgehend meine Absichten ganz genau schriftlich auseinandersetzen. Die Geschichte will sehr geschickt angefaßt sein. Der Raßler soll sich geschmeichelt fühlen, geben Sie Acht!«

»Das werd' ich ...«

Unter der Thür hielt der Bankier den rasch sich Entfernenden nochmal fest: »Nichts für ungut, verehrtester Herr Baron, daß ich Ihre Geduld auf eine so harte Probe gestellt. Es würde mir zu hohem Vergnügen gereichen, Sie noch einige Schritte zu begleiten, allein ich muß noch auf einen Sprung in mein Hauptgeschäft am Marienplatz und ich glaube, wir haben nicht den nämlichen Weg.«

[165] »Gewiß nicht. Vielmehr den entgegengesetzten. Adieu.«

Und Max v. Drillinger war um die Ecke. »Brr,« machte er, in ungleichen, kurzen Schritten dem Schmutz und den Wassertümpeln ausweichend, aus welchen die siegreich hervorgebrochene Sonne ihm entgegenspiegelte. Lange Strecken war er so mechanisch dahingeturnt, über den wimmelnden Markt, durch die schmierige, banale Reichenbachstraße, an den Gärtnerplatz ... Er stieß und ward gestoßen, und achtete es nicht. Luft! Wohin? Er fragte sich nicht. Nur marschieren, die Glieder brauchen, die frische Luft atmen! Dreimal hatte er die Runde um den Gärtnerplatz gemacht, wie einer, der einem Gefängnis entronnen und sich nun in freier Bewegung nicht genug! thun kann ... Endlich hielt er einen Augenblick, vielleicht um die Pferdebahn zu erwarten? Er konnte noch keinen bestimmten Gedanken fassen. Alles Menschliche erschien ihm wie eine verschwommene, häßliche Karikatur. Im Warten schweifte sein Erinnern die Seite des Theaters entlang, haftete eine Sekunde am Ausgangspförtchen, um dann im Nu in die Weilersche Bankbude zurückzufliegen ... »Die Sonne ist in den Dreck gefallen – und ich daneben ... Dieser Weiler[166] entwickelt sich ... Je nun, ich werde ihm zeigen, wo Barthel den Most holt. Der thut ja, als ob ich mit ihm Schweine gehütet hätte!«

Inzwischen war die Pferdebahn vorbeigefahren. Drillinger verspürte Hunger. Er trat ins Café Paul.

Weiler hatte seinen Schreibknechten noch einige Briefschaften zur Erledigung auf das Pult geworfen, dann herrschte er sie an: »Das Kontor wird heute nicht geschlossen, bis ich wieder zurück bin. Wenn Monsieur Paillard in meiner Abwesenheit noch einmal vorsprechen sollte, melden Sie ihm, daß ich ihn morgen zwischen neun und zehn Uhr in seinem Hôtel besuchen werde, und daß ich die Störung von heute bedaure. Verstanden?«

Die Kontorjünglinge nickten.

Eben kam der Ausläufer keuchend zurück und machte vor dem Chef einen tiefen Bückling.

»Einen Wagen, Isidor!«

Bis Isidor mit der Droschke vor der Thür erschien, hatte Weiler seine wurstartige Gestalt in den Überrock geknöpft und dem jüngeren Kontoristen noch eine Strafpredigt über seine schlechte Handschrift gehalten. Den Luxus einer solchen Pfote könne er seinen Bediensteten nicht gestatten. [167] Was das für unsolide Schnörkel seien; die Reellität eines Finanzmannes drücke sich schon in den ebenso eleganten wie festen und schlichten Zügen der Schrift aus!

»Herr von Weiler, (– Isidor war galizischer Import, k.k. Österreicher und Schnorrant in schönem Verein) – der Wagen wartet.«

Dazu ein Knicks, der die Nasenspitze bis an den Nabel brachte.

Nachdem der Bankier mit schwerfälliger Grandezza das Kontor verlassen hatte und mit Isidors Hilfe in die Droschke gekrochen war, ein Kontorist zum andern:

»Der schnappt noch über. Er kann sich einen Sperrsitz im Narrenhaus reservieren lassen. Ich gönn' es ihm.«

»Den Baron scheint er noch gründlich einzuseifen.«

»Dem gönn' ich's gleichfalls. Der ist auch reif für den Doktor Gudden.«

»Die Geschichte mit dem Franzosen ist mir nicht klar.«

»Ich halte den Hanswurst für einen Spion.«

»Silentium! Der Pegasus kommt über mich. Gott wie ungeduldig – er wiehert nach seinem Dichter.«

[168] »Den Pegasus kenn' ich ... Ich wette, er möcht' auch der schönen Frau Raßler einmal seine Kunststücke zeigen.«

»Silentium! Ich bin jetzt ganz Dichtung und Phantasie und umarme alle neun Musen auf einmal.«

»Aufschneider. Isidor, Sie haben das Wort. Erzählen Sie mir den neuesten Münchener Skandal!«

Der Galizier nahm aus seiner hintern Rocktasche eine zerknitterte, schmierige Nummer des illustrierten Witzblättchens »Die Kloake«, glättete sie auf dem Knie und überreichte sie mit feierlicher Geberde.

[169] 5.

Ende der Liebigstraße – am sogenannten »Gries«. Eine alte zweistöckige Baracke mit hohen Dachkammern, wovon die eine als Studierstübchen eingerichtet. Das Fenster gewährt einen prächtigen Blick auf die Isar und die Maximiliansanlagen, die wie ein Wald hart vom Flußufer aufsteigen und den Höhenzug zwischen dem Maximilianeum und dem Dörfchen Bogenhausen mit einem dichten Wipfelstreifen vom Horizonte trennen. Linde Frühlingsluft strömt durch das offene Fenster und spielt leise mit den schlanken Zweigen eines buschigen Rosmarinstocks, der in einer ausgedienten Zigarrenschachtel auf dem äußeren Simse steht. Auf dem weiten Rasenplatz zwischen der Baracke und dem Fluß flattert weiße Wäsche an schwankenden Seilen, von einem Weidenbaum zum andern gezogen. Sanfte Nachmittagsstimmung ruht über der schwach beleuchteten [170] Landschaft. Leichtes Gewölk umzieht träumerisch die Sonne.

Schlichting hockte am Schreibtisch beim Fenster, Kuglmeier auf dem Bettrand, die Füße auf dem Stuhl, in einem alten Buche mit Kupfern blätternd.

»Höre, Deine Geschichte vorhin von dem nächtlichen Menschenpaar im Astloch, nein, auf dem Wurzelast, war sicher nur eine Vision.«

»Vielleicht.«

»Übrigens passieren ja tolle Dinge in der Welt.«

»Unglaubliche.«

Kuglmeier schob den dicken Schweinslederband unter den Kopf und streckte sich im Bette aus. Er trommelte mit den Absätzen auf dem unteren Rand der Lade herum.

»Deine Zelle hier ist recht gemütlich, da kann man wie ein Benediktiner ochsen – aber ein anregender Bummel wäre mir lieber. Übrigens möcht' ich nicht mit Dir tauschen; meine Bude hat den Vorzug eines pikanten vis-à-vis. Darauf sehe ich immer in erster Linie: abwechslungsreiche Aussicht auf holde Weiblichkeit. Hier außen ist man ja wie am Ende der Welt, nichts als Natur ringsum. Und die Einsamkeit! Allerdings [171] die Wäschermadeln ... Wer den Seifen- und Waschküchengeruch mag ... Wenn sie ordentlich ausgelüftet, reinlich sind sie ja gewiß und auch nett gekleidet, einladende weiße Schürzchen, vielversprechende kurze Röckchen und so weiter ... Wie stehst Du denn zur schöneren Hälfte der Schöpfung da heraußen? ... Keine Antwort ... Natürlich so ein Klosterbruder ... Bist Du nicht bald fertig? Die Hockerei am Schreibtisch ist wirklich nicht gesund, glaube mir ... Ich störe Dich, nicht wahr? Hast Du nie den Schreibkrampf bekommen? Ich habe immer gleich so etwas ...«

Der kleine Kuglmeier wurde allmählich ungeduldig. Er sprang auf und beschaute sich im Spiegel, der schief an der Thür hing.

»Mit meiner Nase scheint eine bedenkliche Umfärbung vorzugehen. Das keusche Weiß weicht einem schamhaften Roth. Auch die Augen gefallen mir nicht. Unschöne bläuliche Ringe. Und der müde Schnurrbart ...«

Schlichting, ohne von seiner Schreiberei aufzublicken: »Natürlich, wenn man ganze Nächte durchkneipt ... Als Zecher wenigstens bist Du groß ...Pernoctari ... hm ...«

[172] »Zum Teufel, was schmierst Du denn da zusammen? Dauert's noch lange? Zeig' mal her!«

»Gleich!«

»Ah, mein Lieber, das ist eine harte Geduldsprobe. Weiht was, ich geh' einstweilen allein – die Isar entlang; es schwant mir, als gäb's im ›Ketterl‹ oder nebenan im ›grünen Baum‹ einen famosen frischen Anstich. Meinst Du nicht? Ich lass' Dir eine schäumende Ganze steigen. In einer kleinen Stunde bin ich wieder zurück.«

»Geht nicht, ist gegen unser Nachmittags-Programm,« entgegnete Schlichting mit ruhiger Bestimmtheit und steckte eine neue Stahlfeder in den Halter. »Ich kenne Deine kleine Stunde – hinter dem Maßkrug. Wolltest Du mich nicht auf einen Sprung zum Doktor Trostberg und zum Bildhauer Achthuber begleiten?«

»Gut, so lass' uns gehen! Ehrlich gesagt, bin ich heute recht flau aufgelegt, neue Sonderlings-Bekanntschaften zu machen. Ich habe einstweilen an Dir vollauf genug. Und dann gleich zwei Originale auf einmal, das verdau' ich nicht. Ich meine, der Trostberg allein thut's auch; ich muß mich heute schonen. Es ist ja recht schön von Dir, meine Menschenkenntnis erweitern zu helfen, [173] – aber nicht immer gleich des Guten zu viel. Hoffentlich ist dieser Geheimdichter des Königs und Schopenhauerianer wenigstens ein trinkbarer Mann und setzt uns nicht bloß alte Schrullen, sondern auch einen frischen Suff vor. Also gehen wir, mit Gott, für König und Vaterland!«

»Ist noch um dreißig Minuten zu früh.«

»Du bist ein Pedant. Hätt' ich nur nicht dieses verdammte Brennen im Hals – und dazu dieses durstige Frühlingswetter.«

»Für Deine Kehle ist das ganze Jahr Frühlingswetter.«

»Gott sei Dank ja!« rief Kuglmeier entzückt, drehte sich auf einem Bein und fuhr dann mit den ausgespreizten Fingern seinem Freund Schlichting in das braune Haargelock. »Ewiger Frühling, so lange der Zapfen aus dem Spundloch fliegt – davon verstehst Du Grübler freilich nichts. Eigentlich solltest Du nicht Schlichting heißen, sondern Nüchterling. Bist ein herzensguter Bursch, aber trinken kannst halt nicht. Das fehlt Dir zu Deiner menschlichen und bayerischen Vollendung.«

»O, nicht so ganz! Aber lass' mich doch! Nur noch eine halbe Seite ...«

[174] Kugelmeier legte ihm von hinten den Arm um den Hals und zupfte ihn am Ohr.

»Weißt Du, Du bist wie die Sommervögelein, von denen es im Liede heißt: ›Sie aßen Licht und tranken Tau‹. Drum wirst auch immer schlanker. Dein Kopf ist das Größte an Dir und Deine braunen schwermütigen Augen ...«

»Wie an Dir das. Größte –«

»Der Bauch? Nun, sprich's nur gelassen aus, das große Wort!« Und Kuglmeier lachte und patschte mit beiden Händen auf seinen Leib. »Ja, das verspricht eine imposante Entwickelung. Aber weißt Du, was noch größer ist? Gelt, das errätst Du nicht? Meine Geduld!« Bei diesem Worte versuchte er von hinten den Stuhl zu heben.

Schlichting stemmte sich gegen den Tisch. Dann warf er die Feder weg.

»Quälgeist!«

»Also darf ich lesen?«

»Meinetwegen.«

Kuglmeier nahm die Blätter und kugelte sich damit wieder in's Bett. Schlichting legte sich inzwischen zum Fenster hinaus und ließ die Zweige des Rosmarinbusches durch die Finger gleiten mit [175] zartem Reiben, wie liebkosend. Ein herbsüßer, würziger Duft hauchte ihm entgegen. Gedämpft rauschte die Isar herüber ... Kuglmeier las, auf dem Rücken liegend, halblaut vor sich hin.


* * *


Es ist ein vierstöckiger, neuer Mietsbau im unteren Isarsträßchen, nur vier Fenster in der Front, so daß der Steinkasten, den dazu noch uralte einstöckige Knallhütten mit windschiefen, mosigen Schindeldächern flankieren, viel höher aussieht, als er wirklich ist. Mit seinen fensterlosen, rotbraunen Backstein-Seitenmauern, die immer noch vergeblich auf Anbau harren, ragt er wie ein Symbol moderner Ungemütlichkeit und poesieverlassener, plumper Spekulationsbauerei über das romantische hölzerne Winkelwerk des armseligen Stadtviertels, das sich planlos, von Mühlbächen und krummen ungepflasterten Gäßchen durchzogen, an die Isar nördlich von der Maximiliansbrücke herandrückt, – eine Ansiedelei von armen Teufeln, die instinktiv zusammenrücken, um sich warm zu halten, wenn vor Winterskälte Stein und Bein kracht, und sich den Buckel zu wärmen im traulichen Neben- und Durcheinander, [176] wenn die Sommersonne feuernd über dem Isarthale steht. Eine stille, träumende Welt für sich, in welche erst an einzelnen Stellen die moderne Zeit hineingegriffen hat, um da einen eisernen Gaslaternenpfahl aufzurichten, dort einen hohen Steinkasten als Mietsbau hinzustellen, da einen Bach brückenmäßig zu überwölben, dort ein Stückchen Pflaster auf den Erdboden zu legen, wo sich höckerige Gäßchen kreuzen. Abseits vom Großverkehr liegend, hat sich für die sorgsamen Väter der Stadt noch keine Notwendigkeit ergeben, planmäßig und gründlich umgestaltend sich mit diesem alten Wasservorstadt-Überbleibsel einzulassen.

Die eigentliche Herrschaft über die mehrere tausend Köpfe zählende Bevölkerung dieser romantischen Ansiedlung führen die Franziskaner vom nahen Lehel-Kloster, unterstützt im Notfalle von der kleinen Kriegsmacht der Gendarmerie, und einige betriebsame Sozialdemokraten, die im Stillen mit ihrer Heilslehre den Kirchenleuten zwar Konkurrenz machen, aber praktisch und öffentlich noch keinen Ersatz zu bieten vermögen für die Bettelsuppen aus der Klosterküche und für die schönen Gottesdienste und abendlichen Erbauungsstunden in der prächtigen Klosterkirche. So bleibt vorerst die Mehrheit der wirklich Bedürftigen, [177] der alten Männer und Weiber insonderheit, dem Krummstabe treu und dem Polizeispieß unterthan, während die Jungen, welche als Kleinhandwerker und Fabrikarbeiter ihren knappen Unterhalt verdienen, innerlich voll revolutionärer Mucken sind und auf die Verheißungen der sozialdemokratischen Zeichendeuter bauen.


* * *


»Aber, lieber Schlichting, was ist denn das für eine gefährliche Stilübung? In wessen Auftrag machst Du das? Zu wessen Nutz und Frommen?«

»Lies weiter, wenn's Dich interessiert; leg's weg, wenn's Dich langweilt.«

»Du foppst mich, nicht wahr? Du machst Dir einen Ulk mit der geschätzten Umgegend?«

»Ein Narr kann mehr fragen, als zehn Weise beantworten.«

»Meine Gutmütigkeit ist grenzenlos. Ich lese weiter.«


* * *


Der vierstöckige neue Mietsbau im unteren Isarsträßchen brachte wieder andere, ganz modern [178] stilisierte Bevölkerungselemente in diese wenig bewegte Kleinwelt.

Das Haus gehört einem unter verdächtigen Um ständen pensionierten Steuerbeamten, der mit seiner ehemaligen Köchin in zweiter Ehe lebt, sich Herr Finanzrat titulieren läßt und dabei Wuchergeschäfte treibt. Er bewohnt den zweiten Stock.

Im ersten Stock haust eine der Maitressen eines Grafen aus der Maximilianstraße mit ihrer Tochter. Man nennt sie die »Wappenhure«.

Im Erdgeschosse treibt ein deklassierter Baron sein Wesen mit zwei erwachsenen Mädchen, die er für seine Töchter ausgibt. Von der Beschäftigung dieser sonderbaren Familie weiß die Nachbarschaft allerlei Merkwürdiges zu erzählen: der Baron wasche Handschuhe, stopfe Vögel aus, schnitzle Heiligenfiguren, mehr des Unterhalts als der Unterhaltung wegen, – und seine Töchter, eine Blondine und eine Brünette, die oft wochenlang auswärts kampierten, seien nur zum Scheine in einem feineren Kunstblumengeschäft als Blüten- und Stielmacherinnen angestellt, ihr eigentlicher Erwerb fließe aus unsittlicher Nebenhantierung – kurz, aus der Prostitution besserer Sorte.


* * *


[179] »Schlichting, woher hast Du das? Die Blondine – die Brünette, ja, wie ist mir denn? Verdammter Fabulist, was sind das für Anspielungen?«

»Geht Dir ein Licht auf? Gieb Acht, daß es kein Irrlicht!«

»Saugst Du das aus den Fingern, oder stehst Du mit der Geheimpolizei im Bunde?«

»Keins von beiden. Nimm die Geschichte für den Anfang einer impressionistischen Novelle. Ich hab' so etwas wie Herzweh, und da hab' ich mich aufs Dichten besonnen. Aber ich mache keine Liebeslieder. Die Dudelei freut mich nicht. Ich muß nach authentischen Dokumenten in derber Prosa arbeiten. Das strengt den Kopf mehr an und macht das Herz leichter. Wenigstens hoff' ich das letztere.«

»Du bist ein unglaublicher Mensch. Woher hast Du denn diese Details? Du bist doch kein Urmünchner wie ich, dem so etwas zufliegt ...«

»Und ist mir doch zugeflogen. Zum Teil vor einer Stunde erst. Ganz frisch – und doch schon überprüft. Ich verrate meine Quelle nicht. Bitte, lies weiter, wenn's Dich interessiert.«


* * *


[180] Im dritten Stock hat sich die Verlobte eines Rittmeisters mit ihren drei Kindern, einem Knaben und zwei Mädchen, häuslich eingerichtet. Der Offizier läßt sich nur selten blicken. Doch schickt er desto öfter Körbe mit Wein, gebratenem Geflügel und Naschwerk an seine »ewige Braut« – Sendungen, von denen der dienstthuende Packträger einmal dem lüstern forschenden Baron im Erdgeschosse gestand, daß sie eigentlich nicht aus der Vorratskammer des Offiziers stammten, sondern diesem selbst erst von einer seiner dankbarsten Verehrerinnen, der militärfrommen Frau eines bekannten Weinrestaurateurs, spendiert zu worden pflegen. Die Töchter des Barons wollten den Rittmeister bei einer zufälligen Begegnung im Hallsflur wieder erkannt haben als den Schwerenöter Fra Diavolo, der ihnen auf dem letzten Maskenball im Kolosseum selbst gar leidenschaftlich nachgestiegen.

Im vierten Stock haben sich die beiden eigenartigsten Persönlichkeiten eingemietet: erstens ein einarmiger und einäugiger Zeitungsschreiber, der Herausgeber des sogenannten Witzblattes »Die Kloake«, oder »Das Vaterland der schönen Seelen«, wie es nach einem anrüchig-doppelsinnigen Gratulationsgedicht der ersten Neujahrs-Nummer [181] vom Volkshumor benannt wurde. Den linken Arm will er auf den französischen Schlachtfeldern verloren haben, das rechte Auge wurde ihm bei einer Rauferei zur Nachfeier der Fahnenweihe eines ländlichen Veteranen-Vereins aus dem Kopfe geklopft. Er geht meist nur in der Nacht aus, und die Hausleute, welche dem herkulisch gebauten Einarm-Einaug auf der schwach beleuchteten Treppe begegnen, drücken sich scheu zur Seite.

»Preßbandit« nennen sie ihn. Aber heimlich, weil sie ihn fürchten. Die Frechheit seiner Feder ist beispiellos. Er schont nicht das Kind im Mutterleibe. Wo er hingreift, bleibt ein Schmutzfleck. Seine Tinte ist stinkige Jauche.

Zweitens: der Akt-Photograph Attenkofer, Meister des freien deutschen Hochstifts, Inhaber zweier silberner Medaillen für Kunst und Wissenschaft, Ehrenmitglied des Tierschutzvereins sowie der Gesellschaft zur Verbesserung der Hunderassen, ein Mann mit einem drolligen Löwenkopf, von Gestalt ein Riese Goliath, nach der Tracht, die Sommer und Winter die gleiche, einer der getreuesten Jünger des Stuttgarter Wollenapostels – und dazu eine sanfte Kindesseele, keusch wie, Gletschereis. Seit er neben dem Preßbanditen wohnt, ist die Harmonie seines Gemütes zerstört. [182] So viel Bosheit und Niedertracht bei einem Menschen, der die Feder führt und sich Journalist nennt, hätte er nie für möglich gehalten. Zum erstenmal in seinem Leben hat er einen Menschen hassen gelernt.

Der Preßbandit hat ihn in seiner »Kloake« karikiert als Kohlrabiheiland, der die alleinseligmachende Pflanzenkost öffentlich predige und heimlich Schweinsbraten und Knackwürste pfundweis fresse. Das hat ihn zwar gewurmt, aber er hat's ertragen.

Der Preßbandit hat ihn in seiner »Kloake« als dressiertes vierfüßiges Zirkusvieh abgebildet, ein Ungeheuer, halb Kater, halb Vogel, im grotesken Ringkampfe mit einem ekelhaften, die Zunge herausstreckenden Klown. Ein Blödsinn, eine gassenjungenhafte Unverschämtheit. Es hat ihn wieder gewurmt, aber noch hat er's ertragen.

»Ich bin sein Lückenbüßer,« sagte sich Attenkofer; »wenn ihm nichts Besseres einfällt, nimmt er mich vor, sein Sudelblatt zu füllen; so lange er mich verarbeitet, wird wenigstens ein anderer ehrlicher Mitmensch in Ruhe gelassen. Gut, ich ertrag's und opfere mich.«

Der Preßbandit trieb nun die Frechheit einen Schritt weiter: er brachte in einer der folgenden [183] Nummern den »Traum des Photographen«; in porträtähnlicher Gestalt liegt Attenkofer unbekleidet auf einem Divan, faunisch grinsend im Anblick nackter Mädchengestalten, die ihn umschweben und nach denen er verlangend die Arme ausstreckt. Zu dem scheußlichen Bild gesellte sich noch ein unflätiges Gedicht.

Das ertrug der Photograph nicht mehr. In dieser bübischen Weise seinen reinen Kunstsinn öffentlich verleumdet, mit Kot sich und sein ehrsames Handwerk beworfen zu sehen! Und warum diese Besudlung? Aus purer Lust an der Gemeinheit, am Skandal? ... Sollte er hinübergehen und den Hallunken kurzer Hand niederschlagen? Darf das ein unschuldig Gekränkter, ohne sich selbst zu entwürdigen? Die Gerichte anrufen? ...

Tagelang ging er wie wahnsinnig umher, auf wirksame Mittel zur Abwehr denkend, als plötzlich die Polizei einschritt und – bei dem Photographen eine Haussuchung nach obszönen Bildern vornahm. So schien die Schmähung dem Preßbanditen als Denunziation richtig geglückt ...


* * *


»Das wächst sich ja zu einer ganz unheimlichen Geschichte aus, einer Art Kriminal-Novelle. [184] Diese Richtung hätte ich Deiner Phantasie am wenigsten zugetraut. Du bist zwar eine grüblerische Natur, aber nach der Seite des Ernsten und zugleich Sonnenhaften. Wie mögen Dich nur plötzlich diese dunklen Infamien locken? All' diesen Lumpereien und Schmutzereien zum Trotz: das Leben ist doch viel seliger und schöner und reiner, als es scheint. Das weiß sogar ich, ein Urmünchener.«

»Gewiß, wir haben es nur noch nicht vollständig entdeckt. Es hat noch unendlich viel heimliche Güter und verborgene Werte. Jedoch um zu ihnen zu gelangen, müssen wir uns durch Schutt und Unrat hindurcharbeiten, wie zu verborgenen Schätzen. Und wenn wir nur die innere Gewißheit haben, auf der rechten Spur zu sein – – Ich glaube, man kann schon in Hoffnung des künftigen Besitzes ein fröhliches Genußgefühl vorwegnehmen mitten in der elenden Gegenwart. Wie die wirklich Frommen ihren Himmel schon auf Erden haben, indem sie felsenfest daran glauben. Jawohl, der Glaube macht selig – ob die reelle Seligkeit nachkommt oder nicht, ist eigentlich gleichgültig. Der Glaube ist die Hauptsache. Und darum auch das Notwendige. [185] Es glaubt sich übrigens nicht so leicht, als man oft zu glauben meint.«

»Prächtig gedacht, mein Grübler. Du bist wirklich ein famoser Kopf. Laß Dich umarmen! Nun bin ich doch auf den Fortgang und Schluß Deiner Geschichte gespannt, die sich aus der Lokal- und Personalschilderung herausspinnen wird. Lass' die anderen Blätter sehen! Du hast mich wirklich neugierig gemacht ...«

»Du kannst nicht neugieriger sein, als ich selbst.«

»Wieso?«

»Ich muß das Weitere erst finden. Ich weiß augenblicklich nichts mehr.«

»Du weißt nichts mehr? Ach was, Narrenspossen! Rücke nur heraus mit Deinen Geheimnissen –«

»Visionen!«

»Ich nehme das Wort zurück. Du bist der scharfäugigste Mensch des Jahrhunderts. Ich glaube an Dein nächtliches Menschenpaar auf dem Wurzelast, wie ich an Adam und Eva im Paradiese glaube, oder an die Blondine und die Brünette und die ganze Rotte Korah, oder an den Preßbanditen und seine Kloake. Das läuft ja alles mit und neben uns herum, fährt mit[186] uns auf der Pferdebahn, zecht mit uns in der ›Arche Noah‹, da ist lauter echtes, patentiertes Gesindel – und Du, der stille, schlaue Schlichting, entpuppst Dich als sein Geschichtschreiber. Ich wette, ich bekomm' auch mein Teil ab. Komm', erzähl' mir wenigstens meine geheime Historie der nächsten vierzehn Tage!«

»Ich bin kein Fabulist, erfreue mich auch keines zweiten Gesichts. Ich stehe nur auf Lebenschatsachen und reite nicht in Phantasienebeln herum.«

»Gott sei Dank. Das würde Dir auch schlecht bekommen. Wir sind die positiven Kinder eines positiven Jahrhunderts. Aber das hindert nicht, daß wir uns das wissenschaftliche Ragoût, das uns die Gelehrsamkeit auftischt, heimlich mit etwas Träumerei garnieren. Mach' mir einmal den Spaß und versetz' Dich in meine Haut und träume mir ein Stückchen von meinem nächsten Lebensschicksal mit offenen Augen vor!«

»Dein Lebensschicksal? Offen gestanden, ich glaube gar nicht, daß Du eins hast. Du treibst's einfach wie die anderen, nach der offiziellen Gebrauchsanweisung und den bewährten Mustern: heute noch lustiger Student, morgen ernster Philister, übermorgen kluger Beamter mit Weib und [187] Kind, dann ein gottwohlgefälliger Bureau-Maschinist mit glücklicher Streberei, zuletzt ein protektionsbeflissener, erhabener Troddel, dein schließlich der Staat für treugeleistete Dienste seine höchsten Orden an die Brust steckt und von dem die Kollegen neidvoll-bewundernd sprechen: Da seht den dicken Kuglmeier, der hat eine brillante Karriere hinter sich, der hat's zu etwas gebracht, der ist ein gemachter Mann und eine Zierde unseres Standes, – wenn ihn nur bald der Teufel holte, denn er ist lang genug mit dem faulen Hintern im Schmalztopf gesessen.«

»Wunderschön!«

»Aber das nenn' ich kein Lebensschicksal, das nenn' ich überhaupt kein Leben, sondern höchstens – –«

»'raus damit, göttlicher Grobian!« rief Kuglmeier und schüttelte sich vor Lachen. »Höchstens – –«

»Eine veredelte Affenkomödie, welche das wahre Menschentum mit seinen hohen Zielen und Idealen Parodiert.«

»Auch Du, mein Brutus! Null thust Du mir aber wirklich leid; denn mit einem solchen Begriff vom Leben kannst Du Dich am ersten besten Thürhaken aufknüpfen, – wenn Du nicht [188] irgendwo eine heimliche Million liegen hast, mit der Du höchst souverän nach Deiner Façon leben und selig sterben kannst.«

»Fällt mir gar nicht ein. Ich denke sogar, mich recht und schlecht auch ohne die Million durchzuschlagen, mit ehrlicher Hantierung und ohne auf meinen Begriff vom Leben zu verzichten.«

»Aber nicht bei uns.«

»Dann anderwärts. Raum für alle hat die Erde. Ich bin kein Schollenkleber.«

»Weißt Du, Schlichting, an wen Du mich mit diesen kritischen Extravaganzen und Gedankenausschweifungen erinnerst? An meine Schwester Flora.«

»Das ist ein erlösendes Wort,« dachte Schlichting, und froh, eine so glückliche Wendung des Gespräches erhascht zu haben, fragte er ruhig fast schüchtern: »Hast Du neue Nachrichten von Deiner Schwester?«

»O meine Flora, dieser Prachtkerl von einem genialen Frauenzimmer, denke Dir nur, die nimmt sich jetzt die Welt ordentlich zwischen die Beine. Nachdem sie einige Wochen um den Vesuv herumgeklettert ist und in alle Feuerschlünde geguckt und die Nase an alle Rauch- und Schwefellöcher [189] gehalten hat, will sie auch noch dem Ätna eine Visite machen. Sie ist bereits nach Sizilien unterwegs. Sie hatte immer schon so etwas Vulkanisches – ihre naturwissenschaftlichen und historischen Kenntnisse sichelt nicht hinter ihren künstlerischen Talenten zurück – da kann sie nun da unten auf dem klassischen Feuerboden sich gründlich ausschwelgen. Ja, meine Flora – –« Und Kuglmeier schnalzte mit den Lippen und warf Kußhände in die Luft.

»Du hast keine Angst um sie?«

»Nicht die Spur. Die kleine Hexe hat Kurasche für Zehn; die ist allen Banditen gewachsen.«

»Und sie reist in dem fremden Lande ganz, allein?«

»Ich bitte Dich, Italien ein fremdes Land, diese abgelaufene Gegend! Da wimmelt's voll Einheimischen, wollte sagen, von Deutschen, besonders Münchenern, daß man sich kaum ausweichen kann. Flora sucht ja allein zu sein, um die Eindrücke ganz frisch und intim zu haben und sich nicht von andern vor der Nase weggucken zu lassen. Die will überall etwas Apartes. Und findet's auch. O das ist ein mordsmäßiger Prachtkerl. Ganz mein Ebenbild!«

»Ja, so ungefähr, ich stelle mir's lebhaft vor ... [190] Und sie hat sich unterwegs noch an niemand angeschlossen?«

»Wie komisch Du fragst. Freilich wird sie das, so ab und zu, von heute auf morgen, bei besonders schwierigen Partieen. Mit strengster Auswahl natürlich. O, die ist anspruchsvoll – und eine Menschenkennerin, ganz unglaublich.«

»Du empfindest also wirklich keine Besorgnis um sie? Ich sage Dir, meine Schwester könnte ich nicht so allein hinausziehen lassen. Mich würden die Sorgen umbringen. Ich hätte die schauerlichsten Träume. Unmöglich auf die Dauer.«

»Da haben wir gleich wieder den kühnen Wandrer, der kein Schollenkleber ist! Lass' Dich auslachen, Schlichting! So reise ihr doch nach!«

»Herrgott, ja, auf der Stelle, wenn's möglich wäre.«

»Deiner Schwester, mein' ich.«

»Ja, hätt' ich erst eine ... Sagen wir, unserer Schwester, damit ich wenigstens Sorge hegen kann, wo Du nur Vertrauen und Freude hast, glücklicher Kuglmeier.«

»Komischer Gedanke. Einverstanden: Du bekommst den Sorgenteil. Du könntest übrigens Deine impressionistische Kriminalnovelle so einrichten, daß Du ihr das Manuscript als geistigen [191] Reisebegleiter nachschicktest. Donnerwetter, siehst Du, das ist wieder so eine Idee, wie sie nur mir kommen kann. Flora wird lachen: schick' ihr die Geschichte, sobald Du sie fertig hast. Ich verpflichte mich, zu Deiner Einführung ein Vorwort dazu zu verfassen, das sich gewaschen hat ... Auch einen Titel will ich Dir dazu erfinden helfen, der sich hören lassen soll. Titel erfinden ist meine Hauptstärke – ein Zeichen, daß ich nicht ohne poetische Ader bin. Nur bin ich zu faul, sie auszubeuten. Ein schöner, klingender Titel wäre – wart' einmal – wäre – Merkwürdig, jetzt fällt mir gerade nichts ein ... Weißt Du was? Wir bitten Flora selbst einen zu erfinden. Das giebt einen Vorwand mehr! ...«

»Was ich hier geschrieben, ist doch keine Damenlektüre.«

Das war Ziererei. Der Vorschlag behagte Schlichting über die Maßen.

»Damenlektüre? Na, wenn Du glaubst, daß sich meine Flora für sogenannte Damenlektüre begeistert ... Ihr wird übel, wenn sie auf Kilometerweite einen Marlitt-Roman sieht; nein, mein Freund, diesem zarten Geschöpf ist in geistigen Dingen nichts stark genug. In allem eine Heldennatur ...«

[192] »Ganz Dein Ebenbild!«

»Du hast gut spotten. Ich vertrage auch etwas; im ganze naturalistische Litteratur hat für mich keine Überraschung mehr. Nur mache ich öffentlich keinen Gebrauch davon. Soll ich mich den dummen Menschen am Ende gar als Freigeist vorprahlen? Fällt mir nicht ein. Als neulich der Professor Hirneis – es war in einer seiner berühmten schöngeistigen Soiréen – die Rede auf die Zola-Romane brachte, da protestierte ich empört gegen den Verdacht, jemals dieser After-Litteratur meine Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, obwohl die ›Nana‹ der einzige Roman ist, den ich aus meiner Tasche gekauft und sowohl im Original wie in der Übersetzung mit Eifer gelesen habe. Dafür lobte ich die Bauerngeschichten von Maximilian Schmidt als den Gipfel vaterländischer Erzählungskunst und schwur hoch und teuer, daß mich Dahns Völkerwandrungs-Romane bis zu Thränen gerührt – während ich in der That niemals weder von dem einen noch von dem andern Schriftsteller ein Buch zu Ende lesen konnte. Ich werde ein Esel sein und gegen den Strom schwimmen! Was allgemein gelobt wird, hat auch meinen Beifall; so helfe ich die öffentliche Meinung stärken – und habe in meinen [193] vier Mauern den Genuß, ungestört meiner eigenen Meinung zu fröhnen und mich meiner besonderen Liebhaberei doppelt zu freuen.«

»Du wirst's noch weit bringen. Der Geheimrat ist Dir sicher. Ich bewundere Dich.«

»Das hoffe ich. Und wenn ich Dir als guter Kamerad raten darf, schickst Du Dein impressionistisches Novellen-Manuskript über die Grenze, schon damit Du daheim der Versuchung überhoben bist, es am Ende gar einem Verlagsbuchhändler anzubieten. Ich fürchte zwar nicht, daß Du mit diesen gefährlichen Geschichten Geld verdienen und öffentlich unter die naturalistischen Schriftsteller gehen willst. Aber gut ist gut und besser ist besser. Man muß sich heutzutag sehr in acht nehmen, daß man nicht vor lauter Idealität dumme Streiche begeht. Denken und Handeln ist zweierlei. Frauen können so starkgeistig sein wie sie mögen, das erhöht ihren Reiz, gibt ihnen etwas Dämonisches; starkgeistige Männer hingegen werden als Phantasten über die Achsel angesehen. Mit Recht, sag' ich Dir; sie passen nicht in den Rahmen unseres heutigen Staatslebens. Lass' Dir die Gedanken und die Locken beschneiden, Schlichting, wir florieren in einer glattgeschorenen und kurzfrisierten Zeit – und[194] schicke Dein Manuskript, meinetwegen auch Deine Locken, wenigstens eine Probe davon, nach Italien an Flora Kuglmeier, Du wirst ihr damit Spaß machen.«

»Ich staune; diesen geriebenen Meister der Staatskunst hätte ich nun doch nicht hinter Dir gesucht. Für Dein bemoostes Haupt ist's fast der Schläue zuviel.«

»Ja, der kleine Kuglmeier verkauft Euch zehnmal, wenn's auf's Apropo ankommt, mein Lieber.« Und er wiegte sich auf Fußspitzen und Absatz vor dem schiefen Spiegel und strich seine bürstenartig kurz geschnittenen aschblonden Haare, daß sie knisterten. Dann mit einem Dreher gegen Schlichting, der seine zierlich geschriebenen Manuskriptblätter nachdenklich ordnete und in einen blauen Aktendeckel barg: »Schockschwerenot, ich sterbe vor Durst, und Du verwickelst mich noch in diese endlose Plauderei. Hol Dich der Kuckuck, ich habe Deine Zellenhaft satt. Luft, Luft, Bier, Bier! Kommst nach? Das heißt, wenn Du mit Deinem Doktor des Pessimismus fertig bist, denn daß ich jetzt noch mit Dir diesen trostlosen Trostberg besteigen soll, wirst Du mir im Ernste nicht zumuten.«

»Wir gehen ja am Hause vorbei, am Ende [195] der engen, altersgrauen Sterngasse links im benachbarten Hütten-Viertel. Es ist gar kein Umweg. Es ist das Preßbanditenhaus, Rückgebäude, eine weltvergessene Gartenidylle. Die merkwürdigsten Gegensätze ...«

»Im Erdgeschoß die Blonde und die Brünette? Ich habe allen Blumenmädchen Fehde geschworen – bis ich meinen Durst gestillt. Nicht um eine Welt, nicht um ein Sonnensystem geh' ich da hinein. Behüt' Dich Gott, es wär' zu schön gewesen! Komm' nach; Du weißt, wo Du mich wiedersiehst;« dabei machte er den Versuch, die Phrase nach dem reinen Thorenmotiv pfeifend zu wiederholen und fuhr dann komisch deklamierend mit kulissenreißerischen Armbewegungen fort: »Dort, wo die grüne Isar am farbigsten rauscht, sei Gambrinischer Weisheit mit Wonne gelauscht ... Also, Scherz ohne, beim grünen Baumwirt. Hippokrates wird wahrscheinlich auch hinkommen und uns allerhand Gruseliges vom Kadaver des heute geköpften Lustmörders erzählen, in dessen Eingeweiden er den Vormittag verschwelgt hat. Vielleicht bringt er sogar einige interessante Fetzen vom Gedärm des edlen Sünders mit zu belehrsamer Augenweide. Dess' freut sich das entmenschte Paar ... O Schiller, o Schlichting! [196] Addio, Zukunfts-Oberklassiker deutscher Nation. Addio.«

Und polternd walzte der kleine dicke Kuglmeier die Holztreppe hinab.

»Schauerlich, was für disparate Dinge in in einem solchen Kopfe beieinander liegen,« dachte Schlichting und fühlte ein leises Frösteln über seinen Rücken hinlaufen. »Teilte ich nicht seine schwärmerische Verehrung für seine Schwester, ich wüßte nicht, was ich Gemeinsames mit diesem Menschen hätte. Nun bin ich richtig wieder aus aller Stimmung herausgeworfen ... Am liebsten möchte ich heute keine lebendige Seele mehr sehen ... Aber Trostberg erwartet mich ... Zu Achthuber wird's heute nicht mehr reichen ... Eigentlich wär' mir dieser Künstler-Naturbursche mit seinem trauten, naiven Wesen der liebste. Diese Geschlossenheit und Lebenszuversicht wirkt wie Balsam. Das ist alles so anheimelnd harmonisch, Kopf und Herz ohne Mißton. Und dabei doch voll stärkster Triebe und der höchsten Aufschwünge fähig. Das ist ein Mensch, der wohl thut ... Trostberg regt an, aber läßt das Gemüt unbefriedigt; man geht von ihm mit einem bitteren Geschmack auf der Junge. Was er wohl zu meinem neueren Manuskript sagen wird? Ob[197] er's als eine ernste soziale Studie nach der Natur gelten läßt oder nicht – ideale Gedanken-Bajazzo-Sprünge wird er mir diesmal nicht vorwerfen können. Nach der Natur! Jeder sieht schließlich seine Natur. Wenn er überhaupt nur die Natur sieht ... Armer Trostberg. Einer, der die Menschen haßt, weil er sie zuviel geliebt hat ... Geliebt? Wirklich geliebt? Wer weiß! Es steckt so schrecklich viel Problematisches in allem Pessimismus ... Mein kleiner Eugen Raßler schlägt und beschimpft die Tischkante, wenn er sich unachtsam daran gestoßen und sich eine blaue Beule geholt hat. Die Tischkante ist schuld an seinem Schmerz ... Kuglmeier geht vorsichtig an allen Kanten herum, drum findet er auch den besten Platz am Tisch. Er wählt sich auch immer den geeigneten Tisch, denjenigen, der am reichlichsten nach seinem Geschmack besetzt ist ... Und sein Geschmack richtet sich nach dem Geschmack der tonangebenden Fresser ... Und sein Urteil formt sich nach dem Urteile beutegieriger Lebensschätzer ...«

Während dieses Selbstgespräches hatte Schlichting mit anmutiger Bewegung seiner jugendlich schlanken und doch kraftvoll gehobenen Gestalt sich eilig umgekleidet, eine zerriebene Hose und [198] Jacke, wie er sie nur aus Sparsamkeit im Hause trug, gegen bessere Stücke umgetauscht und sich besuchsmäßig hergerichtet.

Da überkam ihn plötzlich eine eigentümliche Mattigkeit. Waren es die langen Auseinandersetzungen mit Kuglmeier, die ihn ermüdet hatten, oder die nachtwandlerischen Ereignisse von gestern, die erschlaffend nachwirkten? Oder war es der Gedanke an Flora, der mehr und mehr in all' seinem Thun und Treiben spukte, daß er sich säumig und träumerisch wieder am Fenster niederließ?

Wie gebannt hing sein heißer Blick an den phantastischen Wolkenbildern, die sich langsam über das Isarthal hinbewegten, licht von Süden kommend, gen Norden sich dunkelnd. Die Abendsonne schoß einen mächtigen Pfeil in das blauschwarze Gewoge, eine lange, goldne Strahlenfurche zurücklassend. Nun verblaßt sie. Dort baut sich die Wolke wie ein Riesenfragezeichen auf, silbern umrandet, und gleich dahinter bricht ein Stück hervor, so ideal zart in seiner feinen, gleichmäßig leuchtenden Bläue ... Gestern standen die Wipfel noch wie braune Besen, heute färben sie sich freundlicher; ein grünlicher Schimmer geht darüber hin. Und dort der schwingende, wiegende [199] Punkt – jetzt über die Wiese um die alte, kerzengerade Pappel herum? Eine Schwalbe, fürwahr die erste – nein, so früh! Und da eine zweite, dritte – Willkommen, willkommen, daß euch die Reise geglückt! ... Kräftiger setzt der Pulsschlag des Frühlings ein; die alten Saftquellen brechen auf und steigen mächtig ins Licht, von der abgrundtiefen Wurzel bis in das höchste Gezweige der Krone die Welle verjüngten Lebens treibend ... Und der Tod ... Der Tod? Warum mußte Schlichting plötzlich den Gespenstergedanken denken? ... Was durcheist sein junges Blut?

Er springt auf. Lachen und Schreien die Treppe herauf ...

Schlichting eilt an die Thür und horcht hinaus.

»Nein, es ist wahrhaftig zu stark; treibt er sich noch da unten herum und macht seine Possen mit den Schneidersmädchen:.. Der Alte wird auswärts sein ... auf Stöhren ...«

Jetzt rief es herauf: »Schlichting! Schlichting! Komm doch herab!«

Nach kurzem Besinnen griff Schlichting nach seinem Hute, rollte den Aktendeckel mit den Manuskriptblättern, verschnürte die Rolle und steckte sie in die Tasche.

[200] Am Fuße der Treppe bot sich ihm ein unerwartetes Bild. Kuglmeier über das Geländer gelehnt in Hemdsärmeln. Das Beinkleid am Bunde aufgeknöpft. Eine kleine rothaarige Schneiderin lachend geschäftig, am Hinterteile abgesprungene Knöpfe anzunähen. Das übermütige Geschöpf, dem wilde Strähne über die Stumpfnase baumeln, im weiten, weißen, nur halb geschlossenen Kittel, ruft gellend: »So halten's doch still oder ich steche!« Und sie schien wirklich mit der Nadel daneben zu treffen und ins Fleisch zu stechen, daß Kuglmeier vor Vergnügen und wollüstigem Schmerz aufschrie und mit der Hand nach ihrem Arm haschte, dabei aber fehl griff und ihre Brust erwischte, dann ihre Taille umschlang, worauf sich das Mädchen wehrte, den Faden abriß und mit erhobener Nadel nach ihm stach. Aus dem geöffneten Gemach – der Schneiderwerkstatt – drangen lustige Zurufe: »Ohe, nichts gefallen lassen! Wehr' Dich, Monika! Recht so! Hahaha.« – –

Schlichting in seiner ernsten Weise blieb überrascht auf der halben Treppe stehen und schüttelte den Kopf. »Was ist denn das für ein Sodom und Gomorrah?«

»Nicht schelten, Schlichting!«

[201] »Doch, doch!« fiel die kleine rothaarige Schneiderin lachend ein, sich die wilden Strähnen aus dem Gesicht und die Lachthränen aus den Augen wischend. »Der Herr ist so ausgelassen und wir sollen ihm doch helfen. Herr Schlichting, halten Sie ihm die Hände, damit ich die Knöpfe annähen kann.«

Der Angeredete blieb unbeweglich stehen. Die Treppe lag im Dämmer, von aufgejagtem Staub durchzogen.

»Das ist die lustigste Geschichte, die mir in meinem Leben passiert ist, Schlichting, Wie ich mich da an der Treppenwindung vorbei drücken will, begegne ich dem schönen Kinde; es hat einen schweren Bündel Kleider auf dem Arm; ich knüpfe so ein kleines freundschaftliches Gespräch an und erbiete mich endlich, ihm die Last abzunehmen und tragen zu helfen ...«

»O, es war ganz anders, glauben Sie mir, ganz anders, Herr Schlichting,« rief in den höchsten Tönen die Rothaarige mit mühsam geheucheltem Ernst dazwischen und Funken verhaltener Lust blitzten aus ihren Augen, die treppenaufwärts der Gestalt des schlanken Kandidaten entgegenflogen, als wollten sie ihn herabholen. Denn Monika hatte längst diesen stillen, scheuen Dachstubenbewohner [202] in ihr begehrliches Herz geschlossen. Immer war er ihr ausgewichen und hatte kaum einen Dank für ihren Gruß; jetzt endlich war die gute Gelegenheit da, wo er ihrem Wort und Blick stand halten mußte, wo sie die Hand nach ihm ausstrecken und vielleicht im Vorbeigehen sich leise an ihm reiben konnte. Wie ein Traum war's ihr ums Herz ...

»Bitte, es war gar nicht anders – nach meiner Auffassung wenigstens; der schwere Kleiderpack rollt auf den Boden, ich bücke nach rasch darnach, ihn aufzuheben und kracks! springen mir alle hinteren Knöpfe. Nun denke Dir meine Verlegenheit, wenn das holde Mädchen nicht zufällig eine gewandte Künstlerin mit der Nadel wäre – wie stünde ich jetzt da!« Und er suchte die Rothaarige beim Kinn zu fassen, während er mit der andern Hand den Hosenbund hielt.

»Aber Kuglmeier!« machte Schlichting vorwurfsvoll im Nähertreten. »Zieh' wenigstens Deinen Rock wieder an.«

»Kuglmeier, heißt er, Kuglmeier, der Name paßt!« rief's in der Stube lachend durcheinander aus drei, vier, fünf Mädchenkehlen.

»Ihr Vater ist wohl nicht zu Haus, Fräulein Monika?«

[203] »Nein, Herr Schlichting, wir Mädchen sind ganz allein. Er kommt heute erst spät vom Stöhren. Er arbeitet in Föhring.«

»Und die Tante, wo ist die?«

»Auch auswärts, in Freising, bei ihrem Bruder, der Hochzeit macht. Wir erwarten sie nicht vor morgen.«

Jetzt stand sie ihm ganz nahe. Ein süßer Schauer durchrieselte sie. Sie öffnete durstig den Mund, als wollt' sie seine Worte trinken.

»Und was habt Ihr heute den ganzen Tag allein getrieben?«

»O Sie dürfen uns nicht verraten, Herr Schlichting, wir haben schon auch gearbeitet, aber zwei Freundinnen sind gekommen und da haben wir Kaffee gemacht und Bier geholt.«

»Er hört wieder Beicht; er examiniert,« spottete drinnen das älteste Mädchen, eine achtzehnjährige Blondine, und lachte frech.

Schlichting: »Natürlich, wenn die Katze fort, sind die Mäuse Herr.«

Eine Lachsalve antwortet aus der Stube.

»Warum besorgen Sie denn die Näherei nicht in der Werkstatt? Wenn jetzt jemand daher käme und sähe die Geschichte. – So geh' doch hinein,[204] Kuglmeier, und lass' bei verschlossener Thür Deine Hose kurieren!«

»Das wollt' ich ja, ich war schon glücklich d'rin, aber das Weibervolk warf mich heraus. Ich, ein schwacher Einzelner, gegen diese nadelbewaffnete Übermacht ... was soll ich da machen?«

»Leichtfertiges Gesindel,« grollte Schlichting in sich hinein. Die Geschichte gefiel ihm gar nicht.

»So macht jetzt rasch ein Ende, das ist ja skandalös!« herrschte er die Rothaarige an und suchte um die Beiden herum zu kommen und das Haus zu verlassen.

Allein die andern Mädchen hatten sich inzwischen gleichfalls auf den Gang gedrängt und die Thür hinter sich zugezogen. Das Licht, das durch die Fenster der Werkstatt auch den Gang und die Treppe spärlich beleuchtete, war damit abgesperrt, und es herrschte fast vollkommene Dunkelheit, die nur von unten herauf durch die Gasse notdürftigste Aufhellung erfuhr. Die Mädchen, ihrer tollen Laune zügellos folgend, wollten jetzt dem gestrengen Herrn Schlichting, der wie immer gar keinen Spaß verstand, erst recht einen Possen spielen und drückten und stießen sich mit hellem Gelächter, daß bald die eine, bald die andere [205] gegen Schlichting kollerte und ein wildes Gedränge entstand. Kuglmeier verlor jede Zurückhaltung und griff in den Haufen und faßte und schüttelte und raffte an sich, was er gerade erwischen konnte, während Schlichting, durch den Knäuel nach der Thürklinke tastend, plötzlich zwei bebende Arme um seinen Hals geschlungen und einen kußgierigen Mund auf seiner Wange fühlte. Das geschah alles so blitzartig, daß er in dem heißen Zusammenpressen von zuckenden, jugendlichen, leicht bekleideten Leibern, in der dunstigen, warmen Stickluft des dunklen Ganges momentan die Besinnung verlor und ein willenloses Opfer der tollen weiblichen Hetze war. Die großen Katzenaugen der katzengeschmeidigen Rothaarigen funkelten brünstig vor seinem Gesicht und ihre frühreif schwellenden Brüste preßten sich all ihn mit stürmischem, unbewußtem Liebesdrang. Wie ihr Atem fauchte und glühte, wie ihre Muskulatur sich straffte, wie die ganze zierliche Gestalt sich stählte und blutvoll an ihm hinauswuchs in leidenschaftlicher Umschlingung!

»Monika, verfluchte Hexe, willst Du gleich ...«

»Hören's auf, Herr Kuglmeier ...«

»Ich erstick' ... Jessas, er erdrückt mich ...«

»Gebt's Frieden!« schrie die Kleinste, eine [206] kaum fünfzehnjährige Rotznase von zigeunerhaftem Typus, die im Gedränge zu Boden gefallen und zwischen die schlenkernden Beine Kuglmeiers geraten war. Sie zwickte ihn zornig in die Waden, fuhr mit einer ungestümen Bewegung auf, daß Kuglmeier zurücktaumelte, und mit sicherem Griff entklinkte sie die Thür und warf sie weit zurück.

Im hereinbrechenden Licht stob der Knäuel auseinander. Mit Gekreisch, wie wilde Gänse bei'm Aufflug, wenn sie ein Feind überrascht, flatterten die Mädchen mit zerrauften Haaren und ungeordneten Kleidern aus der wirbelnden gelblichen Staubwolke in die still erstaunte Werkstatt.

»Die Monika hat angefangen ...«

»Halt Du's Maul, Pepperl ...«

»Ja, die braucht was zu sagen ...« erwiderte geringschätzig Monika, schleuderte den Pantoffel vom Fuße und warf sich mit ärgerlichem Schwung der Hinterbacken auf den Werktisch, daß es krachte.

»Schön war's, lustig ...« keuchte die Dritte, mit hocherhobenen Armen ihren schwarzen Haarbusch zusammensteckend, während sie die herabgerissene Schürze auf dem Boden nachschleifte.

»Noch ein Bier holen, der Spaß hat mich [207] durstig gemacht,« rief die Älteste und klapperte mit dem Deckel des leeren Maßkrugs.

»Ihr seid schon besoffen!« zürnte die Jüngste. »Was Hab' ich von der Hetz g'habt? Den Zopf hat er mir schier ausg'rissen.«

»Sind sie noch draußen?« fragte Monika mit glühendem Blick und sauste vom Werktisch herunter an die halboffene Thür und steckte spähend den Kopf hinaus ...

Mit heißem Kopf beugte sich Schlichting nieder und hob die zertretene Manuskriptrolle auf ...

»Wohnt in diesem Hause der Herr Kandidat Schlichting?« ertönte eine vornehme, sonore Frauenstimme aus dem Zwielicht des mehrere Stufen tiefer gelegenen Vorraums gegen den Treppenaufsatz herauf.

Schlichting war wie vom Donner gerührt, seine Schläfe hämmerten. Mit dem Rücken gegen die Wand drückend, als ob er eine schützende Anlehnung suchte, stand er da, in der einen Hand den Hut, in der andern die Manuskriptrolle in krampfhafter Spannung. Kuglmeier, nachdem er seinen Rock aus dem Staub aufgerafft, war beim ersten Wort in die Werkstatt geflogen, wie von einer unsichtbaren Macht geworfen – und hinter [208] ihm schloß sich wie durch Zauber die Thür so heftig, daß alle Angeln knarrten.

In die Stille des plötzlichen Dunkels klang wieder die Stimme von unten: »Ist niemand hier? Ich meinte doch ...«

»Zu dienen, gnädige Frau ...« preßte Schlichting hervor in einem Ton, der ihn selbst ganz fremdartig berührte, fast erschreckte. Er stand noch wie angemauert.

»Ah, Sie sind's ja selbst, den ich suche.« Bei diesen Worten nahm die Sprecherin mit vorsichtigem, aber doch resolutem Tritt die Stufen. »Wie dunkel und staubig es hier ist! Und hier wohnen Sie?!«

Jetzt stand sie vor ihm, die hohe Gestalt der Frau Kommerzienrat Leopoldine Raßler, ungewohnt einfach in einen grauen Frühjahrsmantel gekleidet, ein schwarzes Spitzentuch um Kopf und Hals geschlungen, als hätte sie von ihrer Wohnung nur einen Sprung über die Gasse gemacht, um schnell eine Besorgung auszuführen. Sie ließ Schlichting keine Zeit zu weiterem Besinnen.

»Führen Sie mich in Ihr Zimmer. Ist's hier?«

»Nein, zwei Stiegen höher, gnädige Frau.«

»Gehen Sie voran!«

[209] Er glaubte, die Treppe schwanke unter seinen Füßen. Er taumelte wie einer, der seekrank vom Schiff aus Land steigt.

Frau Raßler im Hinaufsteigen halblaut: »Erschrecken Sie nur über meinen Besuch, Herr Schlichting. Ich komme, einen Dienst von Ihnen zu erbitten.«

Beim Eintritt in die Studierstube unterm Dach: »Sie haben keine Zimmernachbarn? Wir haben nicht mit Lauschern zu rechnen?«

»Wir sind vollkommen ungestört, gnädige Frau.«

Er lehnte sich mit den Waden gegen die Bettlade.

»Das ist mir lieb, weniger um meinet- als um Ihretwillen. Ich möchte Sie nicht unnützerweise ins Gerede bringen. Die Welt urteilt ja gleich so entsetzlich schlecht. Und Sie sind so brav, so still und gut. Glauben Sie, daß mich jemand bemerkt und erkannt hat, da unten am Treppenabsatz? Ich hörte Lärm bis auf den Weg hinaus und das bestimmte mich, am Eingang laut zu fragen.«

»O, etwas lauter Scherz vielleicht von den Mädchen in der Schneiderwerkstatt.«

»Sie wechseln die Farbe; Sie sind doch nicht [210] leidend, Herr Schlichting?« fragte sie, ihm nahe ins Gesicht blickend.

»Leidend? O nein, gnädige Frau. Etwas nervös. Die Frühlingsluft, die Überraschung ...«

»Ja, mein Besuch muß Sie allerdings überraschen. Geben Sie mir Ihre Hand, Herr Schlichting, Sie haben mir noch nicht ›Grüß Gott‹ gesagt.«

»Grüß Gott, Frau Kommerzienrat!« Und er drückte die schlanke dunkel behandschuhte Rechte, die sie ihm kordial hinstreckte wie einem guten Kameraden. Nun fühlte er sich wieder frei und sicher.

»Ich darf auch ein wenig Platz nehmen?«

»Hier, bitte« – und er zog eilig einen alten Rohrsessel aus der Ecke am Fußende des Bettes, Kleidungsstücke, Bücher, eine Kaffeebüchse, eine Zündholzschachtel, ein Schachspiel, die darauf lagen, auf den Boden streifend.

»Keine Umstände!« sagte sie mit ihrer klangvoll vibrierenden, heute etwas belegten Stimme. »Ich sitze schon.«

Sie hatte sich auf dem altmodischen Holzstuhl am Schreibtisch niedergelassen, den rechten Ellbogen auf die Kante gestützt, den Kopf halbseits gegen das Fenster gewendet, so daß sich die Umrisse [211] in den reinen Linien einer klassischen Silhouette von dem lichten Hintergründe des offenen Fensters abhoben, während die Stube sich mählich mit den tiefen Dämmerschatten des Abends füllte, aus denen allein das Bett, das Schlichting mit einigen verstohlenen raschen Griffen von den Spuren der nachmittägigen Unordnung säubern wollte, weiß hervorschimmerte.

»Setzen Sie sich zu mir, Herr Schlichting. So. Sie sind so lieb und aufmerksam mit meinen Kindern. Das hat Ihnen mein Herz und mein Vertrauen gewonnen. Nicht wahr, ich kann Ihnen vertrauen, Herr Schlichting?«

Sie sagte das wieder in ihrem eigenthümlichen, gewinnenden Tone, der dem Hörer wie süße Musik klang.

»Ja, gnädige Frau,« erwiderte Schlichting im Brustton der Überzeugung, ganz überwältigt von so viel Güte und Geheimnis. »Womit kann ich Ihnen dienen?«

Dabei rückte er seinen alten Strohsessel so nahe, daß sich fast ihre Knie berührten.

»Schließen Sie das Fenster, es weht kalt vom Wasser herüber. Die Abendluft ist nicht gesund.«

Schlichting sprang von seinem Rohrsessel auf und eilte ans Fenster. Er mußte sich halb über [212] die Frau beugen, um hm zu gelangen; dabei streifte er ihre Schulter und der Duft des vollen dunklen. Haares umwehte ihn. Mit zitternder Hand schloß er das Fenster. Wie blutiger Flammenschein lohte das Abendrot über den Himmel hin und rieselte durch die tiefschwarzen Wipfel der Maximiliansanlagen.

»Es wird so schnell Nacht. Soll ich nicht Licht machen?« Er wurde ganz verwirrt und seine Stimme schwankte unsicher, als ihm einfiel, daß am Ende kein Tropfen Öl mehr in der Lampe und auch die letzte Stearinkerze aufgebraucht sei. »Ich bin blamiert,« dachte er.

»O nein, verhandeln wir nur im Dunkeln ... Also hören Sie. Ich bin hilflos. Sie ahnen vielleicht, wie wenig ich auf meinen Mann rechnen kann in vielen wichtigen Stücken. Nicht wahr, das überrascht Sie eigentlich nicht?« Nun setzte sie etwas höher, aber leiser ein, wie aufseufzend: »Du lieber Gott, man muß die Männer nehmen, wie man sie bekommt ... Da war mir der Baron Drillinger manchmal eine rechte Hilfe. Sie verstehen das, nicht wahr, Herr Schlichting?«

Verstehen? Vorläufig verstand er gar nichts. Es war ihm alles wie ein Traum, ein sehr pikanter, aber noch mehr verworrener Traum ... [213] Wie vom Ewigweiblichen gehetzt, ohne seinen Willen und sein Zuthun ... Aber Schlichting nickte eifrig im Dunkeln; sie rückte unruhig mit ihrem Stuhl.

»Der Baron ist unser Hausfreund ... Sagten Sie etwas?«

Nein, er sagte nichts, der gute Schlichting, nur hatte ihm der Ausdruck »Hausfreund« sonderbar ins Ohr geklungen, verdächtig, fast unangenehm. Die große, schöne, edle, herzensgute Frau – und »unser Hausfreund«; es hatte etwas Banales, Gemeines für sein Gefühl; er gab sich in diesem Augenblick keine Rechenschaft warum, wieso – aber es war seine Empfindung. Der bescheidene Mann hätte nicht an des Barons Stelle sein mögen.

Und doch glich es einer Abbitte, als er weich erwiderte: »O nein, gnädige Frau, ich sagte nichts. Ich begreife, das heißt, ich suche alles zu begreifen.«

»Sie sind immer lieb,« fuhr sie fort und griff nach seiner Hand, die flach und unbewußt trommelnd auf dem Tischrande lag, und zog einen Finger nach dem andern, wie spielend, in ihre behandschuhte Rechte; und indem sie jetzt seine ganze Hand mit ruhigem Drucke festhielt, sprach sie hastig mit vorgebeugtem Haupte und fest auf [214] ihn gerichteten Augen, die durchs Dunkel Phosphoreszierten: »Sie sollen nur helfen, daß er unser Hansfreund bleibe, es ist notwendig für unser aller Frieden und Glück. Er hat plötzlich sein Verhalten geändert. Ich habe ihm heute in aller Frühe geschrieben, ich habe ihm Boten geschickt, ich habe ihm nachmittags telegraphiert, umsonst, ich bin bis zu dieser Stunde ohne Antwort. Und es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit. Er ist hier, er ist nicht verhindert, mir zu antworten. Er schweigt mit Willen. Er hat eine krankhaft reizbare Natur. Wer weiß, was geschehen ist, um ihn gegen uns aufzuhetzen! Und oft fehlt ihm so ganz das Talent, seiner Stimmungen Herr zu werden und sich fremden Einflüssen zu entziehen. Ach, daneben hat er so vortreffliche, so einzige Eigenschaften ... Den Vormittag ist er bei dem Bankier Weiler gesehen worden, mittags hat er in sehr übler Laune im Café Paul gespeist – dann habe ich seine Spur verloren, keine meiner Anfragen wurde beantwortet. In seine Wohnung kann ich persönlich nicht dringen; seine Hausdame hat die stärksten Vorurteile gegen mich und würde mich nicht empfangen. Das ist eine alte, bigotte Jungfer, die schon seit Menschengedenken das Drillingersche [215] Hauswesen wie ein Drache bewacht und immer ihren Willen durchgesetzt hat. Vielleicht hat auch sie wieder ihre Hand im Spiel, wer weiß! O diese gestrenge Jungfer Brigitta ist mir schrecklich aufsässig. Der Baron selbst fürchtet sich oft vor ihr. Das weiß ich bestimmt, aus seinem eigenen Munde ... Und in meiner entsetzlichen Ratlosigkeit hab' ich an Sie gedacht ... An Sie, Herr Schlichting, den lieben, guten Lehrer meiner Kinder, wende ich mich wie an einen heiligen Nothelfer!« Und mit leidenschaftlichem Druck zog sie seine Hand an sich und legte sie auf ihre Brust: »Fühlen Sie, wie's hier klopft? Ich bin in einer entsetzlichen Herzensangst. Ich liebe ihn als meinen besten Herzensfreund und kann ihn nicht missen. Es war mir ein furchtbar schwerer Schritt, zu Ihnen zu kommen und Ihnen das zu sagen – aber ich wußte mir niemand, zu dem ich so viel Vertrauen hätte ... Ich bin von Feinden umgeben ... Ich habe heute in aller Frühe einen Drohbrief erhalten ... Man will meinen Mann öffentlich bloßstellen ... Ich habe einen andern Brief erhalten, der voll hämischen Eifers von einer neuen Liaison des Barons mit einer bekannten Künstlerin berichtet, und in Ausdrücken, o, in Ausdrücken ... Alles hat sich wider mich [216] verschworen ... Und noch viel anderes ist mir zugetragen worden: er soll sich in einer sehr schwierigen finanziellen Lage befinden durch Spekulationen, zu welchen ihn der Bankier Weiler verleitet habe, und so weiter. Ich habe ihn oft gewarnt. Umsonst. In Geldangelegenheiten ist er so optimistisch und vertrauensselig wie ein Kind. Er träumt immer noch von fabelhaftem Erwerb und Gewinn. Seltsamer Widerspruch seiner idealen Natur. Gräßlich, wenn er durch einen großen Verlust plötzlich aus diesem Traum gerissen würde. Dieses Erwachen könnte ihm den Verstand kosten. Er ist ja von einer so krankhaft übertriebenen Feinfühligkeit ... Und alles das stürmt in vierundzwanzig Stunden auf mich ein, während er sich plötzlich mir entzieht ... Ach, ich bin namenlos unglücklich ... Alles verliere ich mit ihm ... Können Sie mir das nachfühlen, Herr Schlichting? Können Sie das?«

Herr Schlichting befand sich in einer ausgesuchten Verlegenheit. Erst war ihm jedes Wort von der Hausfreundschaft wie ein Stachel in die Seele gegangen, dann unterstrich er den Fortgang des leidenschaftlichen Berichtes in kühleren Gedanken mit einem »Auch sie«, und zuletzt gewann sein natürliches Mitempfinden wieder die [217] Oberhand. Und gar als sie seine Hand auf ihre Brust drückte, war er so tiefinnerlich von ihrer Hilflosigkeit, ihrem Leid, der Berechtigung des Schmerzes und der Tücke des Schicksals durchdrungen, daß er ihr hätte zu Füßen sinken und den Saum des Gewandes küssen mögen.

Jetzt, wo sie ihn fragte: »Können Sie das fassen?« da lockte es ihn wieder mit der ganzen überlegsamen Kraft des Impressionisten herauszurücken: »Gewiß kann ich das, denn es ist ein wunderschönes Dokument menschlicher Verirrung; wenn ich Ihnen aber als ehrlicher Mann raten soll, so lassen Sie künftig die Dummheiten der Hausfreundschaft bleiben und lassen den Baron laufen wohin und so weit er will, Ihr Gatte muß Ihnen genügen.«

Nein, das moralisierend zurechtweisende Schwänzchen »Ihr Gatte muß Ihnen genügen« wäre eine bodenlose Anmassung gewesen. Kein Gatte in der Weltmuß genügen. Es gibt Gatten, die keinen Schuß Pulver wert sind. Das Weib hat auch dem Gatten gegenüber das unanfechtbare Recht der auf gründliche Erfahrung und tiefe Wissenschaft gestützten Kritik – und wenn sie kraft dieser Kritik experimentiert, mit einem Hausfreunde vergleichende Studien treibt ... ja ums Himmelswillen, [218] was geht das unbeteiligte Dritte an? Das ist ja alles so unausdenkbar intimster Natur ...

Allein Gefühl und Verstand lagen nur einen Moment in so seltsamem Widerstreit. Die vornehme Frau hatte mit ihrer Herablassung und er Enthüllung ihres Leides schließlich eine solche Gewalt über seine kühlere Einsicht gewonnen und die ganze Luft seiner abendlich stillen Stube so mit elektrischer Spannung erfüllt, daß es ihm in allen Nerven zuckte und prikelte, daß er selbst leidenschaftlich erregt, nur die Worte hervorbrachte: »O, befehlen Sie über mich, was kann ich für Sie thun?«

Dabei liebkosten seine Finger ihren Handschuh und streichelten bis zum Handgelenk, wo durch eine Öffnung des Leders sich ein Stückchen kerniges, heißes Fleisch herauspreßte; er tippte mit den Fingerspitzen darauf, erst zaghaft, dann fest, und wiederholte dringlich: »Was kann ich für Sie thun?«

In solchen Lagen und Stimmungen fallen alle konventionellen Schranken, welche die Gesellschaft sonst mit so steifer Komödienspielerei zwischen den Menschen aufrecht erhält und im Namen der Sitte, des guten Tones und ererbter Gesetze von jedermann respektiert wissen will. Im Leid [219] gibt es keine Standesunterschiede, da bricht das allgemeine, ursprüngliche Menschengefühl hervor wie eine Frühlingsblume aus dein letzten Eis und Schnee. Da steht das Herz zum Herzen auf du und du. Jede Not, innere und äußere, ist eine Gleichmacherin; sie setzt Ich und Nicht-Ich auf die gleiche Linie und rückt sie so nahe zusammen, daß sie in eins verschmelzen. Die fremde Not wird als die eigene empfunden, sie ist nichts Fremdes, nichts Gleichgültiges mehr. Du weinst über das Weh des andern – es ist dein eigenes. Tat-twam asi! Das bist du! Alles was lebt und leidet, das bist du selber. Alle Vielheit ist Täuschung und Schattenbild in Raum und Zeit – und Raum und Zeit sind selbst Täuschung und Schattenbild des einzigen ewigen Wesens. Tat-twam asi! Das ist die Uroffenbarung der Menschheit, Kern und Stern aller Evangelien, aller heiligen Schriften, in welchen Zeichen und Zeiten sie auch geschrieben sein mögen.

War das noch die vornehme, reiche, beneidete Frau des Kommerzienrats, die hier in seinem dunklen, armen Stübchen vor ihm saß auf dem harten Stuhl und deren Hand er in der seinen preßte, er, der obskure Kandidat der Philologie, der »Einsame«, wie ihn die Kameraden nannten? [220] Wie eine Vision erschien ihm jetzt wirklich das Menschenpaar unter dem Weidenbaum am nächtigen Isarstrand, und wie er die Züge erforschte, da waren es keine fremden: es war sein Antlitz und die ihm gegenübersitzende Frau barg ihr Haupt in seinem Schoße ...

Und draußen rauschte leise die Isar ein Trostlied.

Jetzt konnte er auch im Ernste den brüderlichen Sorgenteil haben, den ihm Kuglmeier erst vor wenigen Stunden hier im Scherz zugesprochen hatte.

Und hatte er nicht Herzensnot wie sie? Wie sollte er nicht zu seiner Kümmernis all' ihren Kummer nehmen? Wie sollte er sie nicht trösten, wie ein Bruder seine Schwester tröstet?

Er hörte kaum ihr still verhaltenes Schluchzen, er sah nicht die Thränen, die sich langsam aus ihren schönen, großen Augen lösten und die Wange herabrollten; in dichter Finsternis saßen sie da, Hand in Hand, durchflutet von dem stürmischen Lebensgefühl, das sich seines Anrechtes auf Glück nicht stumpf begeben, nicht feig entsagen will.

»Was kann ich für Sie thun?« fragte er [221] zum drittenmal im lautesten Herzenston, sich zu ihr hinbeugend und ihre beiden Hände fassend.

Ihr Atem vermengte sich mit dem seinigen, als sie schluchzend hervorstieß: »Ich weiß es nicht.«

»Sie wissen es nicht!«

»Nein, ich weiß es nicht. Ich kann jetzt nichts denken, nichts ordnen. Ich bin plötzlich so erschüttert. Ihre warme Teilnahme hat alles in mir aufgerührt.«

Schlichting nach einer Pause: »Ich habe wenig Fühlung mit der Münchener Gesellschaft, ich bin ein einsamer Mann der Studien und der Natur. Die soziale Maskerade interessierte mich seither fast nur als Studienobjekt. Außer meinem ganz kleinen Kreise hatte ich so gut wie keinen Verkehr. Allerdings ist mir doch mancherlei von dem Wirrsal des Stadtlebens durch zuverlässige Mitteilung vertraut geworden. Erst heute Vormittag habe ich die sonderbarsten Geschichten aus meinem Viertel erfahren. Zum Beispiel über das Preßbanditentum hat mich Doktor Trostberg ...«

»Den kennen Sie?«

»Der Sonderling ist einer meiner intimsten Bekannten, soweit man mit ihm überhaupt intim werden kann.«

»Das ist ein Weg!« rief Frau Raßler erfreut.[222] »Baron Drillinger steht mit Doktor Trostberg in Verkehr; sie besuchen sich oft ...«

»Das ist mir nicht unbekannt.«

»Sehen Sie! Ich weiß, der Baron, hält große Stücke auf ihn.«

»Wenn ich's über Trostberg vermöchte, in unserem Sinne auf den Baron zu wirken!«

In unserem Sinne ... sagte der gute Schlichting.

»Gefunden! Das wäre eins. Und das andere: den Preßbanditen auszuforschen, um welchen Preis er uns in Ruhe lassen will. In der gestrigen Nummer hat er eine so schamlose Anspielung gemacht und mich sogar mit dem jungen Engländer in Beziehung gebracht, der in unserem Hause wohnt. Das ist nur das Vorspiel. Er hat angekündigt, in der nächsten Nummer eine vornehme Musterehe in der Quaistraße zu schildern ... Ich habe schon im vorigen Jahr durch meine Dienerin auf zwei Exemplare abonnieren und für zwölf Exemplare bezahlen lassen, ohne das Blatt zu beziehen. Es scheint das genügt dem Hallunken nicht. Daher die Drohung, daß er auch meinen Mann angreifen will ... Mein Mann darf nicht bloßgestellt werden, schon um der Kinder willen ...«

[223] »Das übernehm' ich auch.«

»Und bald!«

»Morgen in aller Frühe.«

»O prächtig, wie Sie Rat und Hilfe wissen. Mein guter Stern hat mich zu Ihnen geführt. Wie soll ich Ihnen danken!«

»Danken? Nichts davon, Frau Kommerzienrat.«

Die konventionellen Masken legten sich wieder über Herz und Gesicht.

»Jetzt reichen Sie mir die Hand und führen mich still und unbemerkt aus dem Haus.«

Schlichting kramte aus der Schreibtisch-Schublade eine Schachtel mit großen Wachszündern – noch ein einziges Stück war darin. Er wollte anstreichen.

»Nicht doch; ohne Licht. Es soll mir jetzt niemand ins Gesicht blicken.« Sie ordnete ihren Schleier.

Schweigend geleitete er sie an der Hand bis zur ersten Treppenstufe, dann trat er vorsichtig einen Schritt voraus; sie legte ihre linke Hand weich und fest auf seine Schulter, mit der rechten tastete sie an der Wand – und so bewegten sie sich Stufe um Stufe die dunkle Stiege hinab, fast geräuschlos. Das Petroleumlämpchen, das [224] sonst vor der Treppenwendung der Schneiderwohnung mit einer trüben, ölhungrigen Flamme in einem halb zerbrochenen, angerußten Cylinder qualmte, hatte sich wohl heute noch keiner lichtpflegenden Hand erfreut? Das Haus schien wie ausgestorben. Vollständige Finsternis herrschte. Und doch verriet beim Nähertreten ein warmer, brenzlicher Dunst, daß das Lämpchen schon gebrannt haben mußte und der Docht erst ganz kurz abgedreht worden war. Sollte die Hand eines Aufpassers ...? Vor der Thür der Werkstatt trat Schlichting unwillkürlich etwas sachter und zager auf. Unnötige Vorsicht. Keine Maus rührte sich. Doch! War's nicht wie eine geschmeidige, jugendliche Gestalt, was sich da fest zwischen den Thürpfosten in die Ecke drückte? Auf den Zehenspitzen sich streckte, um sich dünner und unsichtbarer zu machen? Leuchteten nicht ein paar glühende Augen, atmete nicht eine erregte Brust und hielt plötzlich vor den Vorüberschreitenden den Atem an?

Die Frau Kommerzienrat strauchelte. »Oh!«

»Bitte, gnädige Frau, etwas mehr nach links. Jetzt, so.«

Über die Schwelle der nur angelehnten Eingangsthür hinaus, winkte die verschleierte Dame [225] mit der Hand zurück, was zugleich als Abschiedsgruß und Aufforderung zum Zurückbleiben zu nehmen war, dann eilte sie mit großen, elastischen Schritten davon. Im Hause knallte eine Thür zu, so heftig, daß Schlichting erbebte. Noch kreuzten sich so widerstrebende Gedanken und Empfindungen in seinem Innern, daß er sich über nichts Äußerliches klare Rechenschaft geben mochte. Daß es aber die rothaarige Monika gewesen, die, nachdem sie an seiner Zimmerthüre gelauscht und sich von der Anwesenheit der Frau Kommerzienrat überzeugt hatte, in wütender Eifersucht das Ende des Stelldicheins abwarten, die beneidete und gehaßte reiche Frau das Haus verlassen sehen wollte und doch in einer plötzlichen Anwandlung von Furcht die Treppenlampe auslöschte, – dieser Gedanke wäre Schlichting in aller Ewigkeit nicht in den Sinn gekommen.

Wie ein Träumender wandelte er einigemal vor dem Hause auf und ab, dann kam er in die Liebigstraße, dann in die Kochstraße, dann stand er vor einem niedrigen Gartenzaun mitten im Hüttenviertel, starrte über die kleinen, verwahrlosten Beete auf ein beleuchtetes Fenster, hinter welchem ein alter Mann in weißen Hemdärmeln am Tische saß und laut aus der Zeitung vorlas. [226] An seiner Seite kauerte ein Weib, mit einem Strickstrumpf in der Hand, eingeschlafen, wie es schien, das Kinn aus der Brust. Zwei Rangen, mit frischen, wilden Gesichtern, löffelten ihre Suppe aus der Schüssel. Das Hänschen hockte so tief in der Erde, daß das Fenster fast bis an den Gartenboden reichte. Vor dem Fenster war die letzte Weihnachtstanne in den Boden gesteckt; der wurzellose Christbaum stund wie schaudernd in dem kalten Licht, das die Petroleumlampe durch die Scheiben warf. Ringsum schwarze Nacht. Schlichting starrte noch in das Licht. Ein streunendes Frauenzimmer näherte sich, streifte ihn und flüsterte: »Schatz, komm' mit«. Er antwortete nicht. Er war in einer fremden Welt. Seine Gedanken schlugen sich mit Phantomen herum. Der Hausfreund, Monika, Flora – –

Ein kleines Mädchen, einen schweren Maßkrug mit beiden Händen vor sich hintragend, trippelte an ihm vorüber. Ein Hund lief hinterher, emsig den Boden beschnuppernd. Vor Schlichting schlug er an – wauwau, wau – dann hatte ihn die Finsternis verschlungen.

Schlichting setzte sich wieder in Bewegung, ganz mechanisch. Seine Gedanken drehten sich wie im Karussel. Flora, Monika, der Hausfreund, [227] der Preßbandit, Kuglmeier, die Frau Kommerzienrat. Die Nacht wurde schwärzer. Der Himmel blieb sternenlos. An einer langen Holzbaracke vorbei. Ein grelles Licht liegt als breiter, gelber Streifen auf her Straße. Das kommt aus dem Fenster eines Fleischerladens. Rote Fleischstücke, weißschimmernde Schweinsviertel, braune Wurstkränze hängen im Rahmen, davor eine flackernde Öllampe. Unter der niedrigen Hausthür ratschen zwei Weiber in heiserem Sopran. Ein stinkiger Blutgeruch dünstet aus dem schwarzen Schlund des engen Hausflurs. Weiter. Soldaten mit schweren, rasselnden Schleppsäbeln kreuzen den Weg. Ihr trabender Schritt verhallt, die Schleppsäbel verklirren. Stille. Niemand. Jetzt miaut eine Katze vom Dach herab ihre Liebesschmerzen in die schweigende Nacht. Eine lange Lichterkette blitzt auf. Das ist wieder die Liebigstraße. Links in die Sterngasse. Eine Reihe von zwölf, fünfzehn einstöckigen Häuschen auf der rechten Seite, eins wie das andere, jedes mit einer alten, wurmstichigen Altane. Man riecht den Wurmfraß, das vermorschte, verwitterte Holz. Aus einem Häuschen links, nicht viel größer als ein Ziegenstall, hört man Kinder durcheinander weinen und wimmern. Aus dem niedrigen Eingang bücken [228] sich Männer heraus, in weißen Chorhemden, mit Windlichtern und verschwinden um die Ecke, spukartig, geisterhaft. Ein fernes Klingeln. Vorbei, vorbei. Immer noch die Sterngasse. Wenige Fensterchen beleuchtet, einige mit blendend weißen Vorhängchen. Ein Mädchen auf dem Altan, ein Bursch mitten in der Gasse – und sich doch so nahe, daß das Zwiegespräch flüsternd geführt wird. Ein Fensterflügel geht auf, ein weißgetünchtes Stückchen Wand mit einem Kruzifix, einer Schwarzwälderuhr, einem Kalender blickt vom Stübchen in die nächtige Gasse. Links eine Wirtschaft. Stimmengewirr, Deckelauf- und Zuschlagen, Bier-, Tabaks-und Speisendunst. Ein Gast wird an die Luft gesetzt. Fluchen, Schreien, Gelächter. Davon, davon!

Der Hinausgeworfene holt Schlichting ein und empfindet ein dringendes Bedürfnis, sich dem Unbekannten zu erklären. Eine lange, konfuse Geschichte.

»Nur langsam, junger Herr, wir haben den nämlichen Weg, jawohl, ganz den nämlichen.«

Schlichting wendet sich auf dem Absatz um, der Erzähler schwankt den Weg mit ihm zurück. Die Geschichte wird immer verworrener, was die Führung der Fabel, immer zwangloser und intimer, [229] was den Ausdruck betrifft. Schlichting trabt, der andere mit. Jetzt wieder langsamer.

»Sie müssen meine Rechtfertigung hören, junger Herr, ju – junger Herr. Die Lumpenbande, sag' ich Ihnen. Die Sau – –«!

»Verzeihen Sie, das geht mich nichts an. Erzählen Sie das auf der Polizei. Ich bin Student.«

»Student? Hahaha. Was studieren Sie denn? Gripso-Grapsologie? Sie, das ist eine Wissenschaft! Das ist die einzige Wissenschaft für die mo – moderne Zeit. Die müssen Sie aus dem Fundament studieren, die Gripso-Grapsologie. Wenn Sie die nicht loshaben, hilft Ihnen alles andere nichts, junger Herr. Aber sein, sehr sein. Juristen, Mediziner, Geistliche – alles eins, sag' ich Ihnen. Die Gripso-Grapsologie ist die Hauptsache. Das ist die Grundlage von allem. Aber sein, sehr sein. Und dann im Großen. Verstanden? Nur im Großen. Hahaha. Sollst fallen Sie immer durch und werden in der Frohnfeste aufgefangen oder in der Gruftgasse angeschwemmt. So wahr ich Hans Rindler heiße: das kenn' ich, junger Herr. Glauben Sie mir, die Reichssuppe hinter Schloß und Riegel ist ein verdammtes Fressen; die liegt mir noch im Magen – – –« [230] Er hatte Schlichting beim Rock gefaßt und redete fanatisch in ihn hinein und lallte und röchelte und rülpste – und seine Augen funkelten wie die eines wilden Tieres. Es war eine unheimlich einsame Gegend; eine schmale, lange, nur mit einer Richtungslaterne beleuchtete Straße, links eine mannshohe Mauer, über welcher ein scharfer Gestank herüberwehte wie von einer Pferdestallung, rechts eine hohe Einplankung aus dicken Eichenbohlen. Schlichting vermochte sich nur mit Mühe zu orientieren: die dicke, schwarze Masse jenseits der Einplankung mußte der Holzgarten sein. Der Betrunkene geberdete sich immer aufdringlicher und gemeiner. Schlichting machte sich mit einer geschickten Bewegung los, aber so energisch, daß der gripso-grapsologische Sprecher das Gleichgewicht verlor und zu Boden stürzte.

»Wart' Lump, Tropf, g'selchter Aff' ...« gellte es dem Davoneilenden nach.

Atemlos kam Schlichting vor seiner Behansung an.

Unter der Hausthür lehnte Kuglmeier, rauchend und am Stummel kauend.

»Wo treibst denn Du Dich die ganze Zeit herum, Schlichting – ohne Hut? Und die Pforte zu Deinem Allerheiligsten unter dem Dach unverschlossen? [231] Ich habe Dich oben gesucht, Dein Hut hing am Nagel, Dein Überrock ditto. Ich konnte nicht begreifen. Habe die Mädchen zurückbegleitet. Donnerwetter, das war ein famoser Bummel in der Abenddämmerung im englischen Garten, voller Romantik. Aber so thu' doch auch den Mund auf! ...«

»Laß mich hinausgehen. Mich fröstelt.«

»Die andern warten gewiß noch im ›grünen Baum‹ ...«

»Laß' warten, was warten mag. Gut' Nacht.«

»Dem rappelt's. Wozu hab' ich auch auf ihn gewartet? Ich hätte mir's denken können, daß er wieder einen Moralischen hat.«

Kuglmeier warf den Zigarrenstummel weg und trollte pfeifend davon.

Im »grünen Baum« herrschte noch reges Treiben. Dem kleinen dicken Kuglmeier wurde ganz poetisch zu Mute, als er sich der Wirtschaft näherte. Wie das kleine altmodische Haus mit den engen traulichen Stübchen, das unter dem mächtigen Geäst uralter Kastanien mit seinem moosigen Ziegeldach versteckt lag und seine schlichten Holztische und Bänke hart bis an die Isar hinschob, im Glänze seiner Gasflammen ihm entgegengrüßte! [232] Lag's doch wirklich da wie ein seliges, schimmerndes Eiland, eingehüllt in schwarze Nacht, als wär' es nur den Eingeweihten und Auserwählten auffindbar. Und das delikate Bier, und die stattlichen Portionen saftiger Braten und Haxen und Ripperln, lind die gute altmünchenerische Art der Bedienung, und die allweil fidele Gesellschaft! Lautes Reden und Diskurieren, Zutrinken und Singen, die festen Schläge auf den runden Banzen bei'm Anzapfen, das Fortrollen der leeren Fässer, der Ausruf des behäbigen, schmunzelnden Wirtes mit Posaunenstimme: »Meine Herren, frischer Anstich!« die geschäftig hin und her fliegenden stereotypen Bestellungsphrasen in der Schenke und in der Küche, dazwischen ein lustiges Auflachen der Schenk- und Küchenmadeln, die sonore Kommandostimme der Frau Wirtin am Heerde, wo in weiten Kesseln über dem prasselnden Feuer das Fett zischte und die Braten quietschten und die Dünngeselchten brizzelten und die Haxen dampften und ein warmer lieblicher Schmalzduft durch die offnen Fenster und Thüren das Haus durchströmte und über die Tische hinstrich und der Rauch aus dem Schlot in den überhängenden Ästen und Zweigen der jungbelaubten Riesenkastanien verwirbelte: das [233] alles zusammen gab ein so herzerquickendes Bild frohen Lebensgenusses und gesunder Lebensverdauung, daß des Weltlaufs Elend und Sorgen wie ausgeblasen schienen an den Stammtischen dieser zauberhaften Wirtshaus-Idylle an der rauschenden Isar.

Kuglmeier hemmte seine Schritte und überlegte: Was sollte er den Kameraden sagen, wenn sie ihn wegen seines langen Ausbleibens mit Fragen bestürmten? Soll er ihnen den abenteuerlichen Nachmittag und das Gaudium des Abends haarklein erzählen? Soll er ihnen einen Bären aufbinden? Werden sie ihn nicht mit seinen Schneidersmädchen auslachen und zur Zielscheibe ihrer Witzeleien und Sticheleien machen? Der großartige Rheinländer mit seiner kritischen Preußenschnautze wird ja wohl auch da sein ... Immerhin! Das wird, sich finden. Er schmatzte mit der Zunge und schnupperte mit der Nase und fühlte schon den braunen Labetrunk die Kehle hinabrieseln zwischen den herrlich schmeckenden Bissen eines gelungenen Saftbratens oder Beefsteaks mit Ei ... Das ist das Wunderschöne an einem gesunden Umtrieb mit den drallen Dirnen, daß man so famosen Appetit bekommt, und das Wunderschöne am Essen und Trinken, [234] daß man hernach die Reize der holden Weiblichlichkeit um so genußreicher zu schätzen weiß.

Mit diesem sybaritischen Gedanken stiefelte der kleine, dicke Kuglmeier tapfer auf den »grünen Baum« los, während der Gesang eines feuchtfröhlichen Burschenliedes der »Isaren«, welche zu Ehren eines verdienten Korps-Philisters im ersten Stock Abschied kneipten, aus den offenen Fenstern und die Treppe herab ihn brausend umschallten.

»Ah, der Herr Kuglmeier,« grüßte ihn die Kellnerin mit lachenden, rehbraunen Augen, indem sie vom blechbeschlagenen Schenkbrett sechs schäumende Maßkrüge mit beiden Händen im Schwünge herabrutschte; daß die weißen Schaumflocken weit umherspritzten. »Draußen im Garten sind die Herren. Eine Maß, nicht wahr? Wünschen's auch was zu essen? Ich komm' gleich.«

Der ganze Garten war besetzt und summte wie ein Bienenschwarm. Dazwischen das Klirren und Klappern der Eß- und Trinkgeschirre, das Knirschen des Kieses unter den Füßen. Auch das schöne Geschlecht war vertreten und that im Plaudern, Essen und Trinken sein Möglichstes. Die lichten Frühlingskleider waren allerdings durch vorsichtig umgelegte Mäntel verhüllt, doch gab's [235] in dem dunklen Gewühl manchen kräftigen, hellen Farbenpunkt. Zwischen den schwarzen Hüten der Zivilisten blitzten die Helme einiger Offiziere und die roten Streifen der Dienstmützen zahlreicher Einjährigfreiwilligen, die sich durch ihre scharfen, spitzen Accente als Norddeutsche bekannten, und die bunten studentischen Verbindungskäppchen tauchten gruppenweise an den einzelnen Tischen auf. Ältere Herren, die nahe dem reißenden Wasser saßen, hatten die Rockkrägen aufgeschlagen, um sich vor Zugluft zu schützen. Allerlei hausierendes Volk trieb an den Tischen um die Wette mit den Kirchenbau-Lotterielos-Verschleißern seinen kleinen Handel. Häßliche alte Weiber, wahre Vogelscheuchen, boten die Zeitungen feil, die sie in schmutzigen Mappen oder in alten, schwarzen Ledertaschen, mit Riemen auf dem Bauche befestigt, herumtrugen und mit näselndem Tone ausriefen. Schwarzgelockte italienische Vagabundenknaben mit schmierigen Gesichtern, daraus verschmitzte Spitzbubenaugen leuchteten und blendend weiße Zähne blitzten, priesen in seltsamem Jargon Nüsse und »heiße Maroni« an. Als Frühlingsbotin fehlte auch die triefäugige Alte mit den roten Radieschen nicht. Ein Taubstummer fingerte sich seine Almosen zusammen ...

[236] Nach einigem Hin- und Herspähen hatte Kuglmeier seine Kameraden entdeckt. Etwas abseits, mit dem Rücken gegen den Bretterverschlag, der den pompösen Namen Veranda führte, hatten sie sich kneipfroh eingerichtet; sie konnten von ihrem Platze den ganzen Garten übersehen, und als sie den Spätling sich zwischen den Bänken daherdrücken sahen mit hochgezogenen Ellbogen, empfingen sie ihn unisono mit jubelndem Halloh: »Die Kugl kommt, die Kugl kommt, der Meier ist schon da!« Richtig waren sie noch vollzählig: der Medizinmann hatte sie alle hergeschleppt und festgehalten. Der Stoff war ja ausgezeichnet und der Bierhumor so gediegen wie noch nie.

»Und Schlichting, wo ist er, der Einsame?« fragte der Rheinländer mit seinem lustigen Siegfriedkopf und streckte dem Altkommenden die Hand über den Tisch hinüber.

»Ja, das ist Euch eine Geschichte, eine unglaubliche Geschichte ...« begann Kuglmeier und schnaufte auf. »Aber erst setzen und trinken lassen ... Ich bring' einen kolossalen Durst mit ...«

»Also Platz für den Koloß mit seinem Kolossalen. Hier, nimm einstweilen mit meiner frischen Maß vorlieb und dann erzähle! Prosit!«

[237] »Bitte, dann erst eine solide Unterlage, denn ich bring' auch einen kolossalen Hunger mit ...«

»Herrgott, das kann sich auswachsen. Alles riesig. Das reine Heroenzeitalter ...«

»Was mag ich nur gleich? Weiß einer die neueste Speisekarte auswendig?« fragte Kuglmeier sich behaglich auf seinem Platze reckend.

»Speisekarte? Da hör' nur, wie die kulinarische Litanei aus dem Küchenfenster schallt! Das alte, unausgesungene Münchener Sirenenlied!«

Und durch das Getöse vernahm man deutlich die Stimme der Küchenbeherrscherin, wie sie den dienstthuenden Geistern die bestellten Portionen zukommandierte nach biederber Altmünchener Art: »Dem Herrn Doktor sein Schweinszüngl« – »dem Herrn Nat seine Kälberfüß'« – »dem Herrn Professor seine Ochsenaugen« – »der Frau Offizial ihre Schweinshaxe« – »der Frau Kommissär ihr Kalbsherz« – »dem Herrn Lehrer sein sauer's Leberl« – »der Frau Direktor ihre Dickg'selchten« – »dem Herrn Premier seine Nier'nln« – »dem Herrn Inspektor sein' Kalbskopf mit rote Rub'n« – »die Frau Kassier mit ihr'm Kalbshirn thut mir leid, gibt's nicht mehr« – »dem Herrn Medizinalrat sein [238] Ochsenschweif muß noch a bisl warten« – »dem Herrn Gerichtsschreiber seine Schweinsknöchel werden mer glei' haben« – »ein halber Kalbskopf wär' auch noch da« –

»Haben Sie schon bestellt, Herr Kuglmeier?« fragte die Kellnerin.

»Beefsteak mit Ei, das heißt, mit zwei Eiern. Aber schnell, Kathi, und blutig.«

»Zwei Eier, Donnerwetter, das läßt tief blicken,« spottete lustig der Medizinmann.

»Ich würde raten, das Huhn auch gleich dazu zu nehmen!« sagte der Rheinländer. »Kraftaufspeicherung ist in diesen kritischen Frühlingszeiten immer gut.«

»Der Mensch ist kein Magazingewehr,« wehrte Kuglmeier ab und warf seinen Hut auf einen Baumast. »Ich esse, weil mir's schmeckt. Punktum. Ihr scheint mir inzwischen auch keine Not gelitten zu haben.«

Das Magazingewehr steigerte die Ausgelassenheit und rief die schelmischsten Anspielungen und Deutungen hervor.

Endlich schloß der ›große Schweiger‹ den lustigen Zwischenfall mit der Bemerkung: »Kuglmeier ist, wie männiglich bekannt, allen Strapazen gewachsen. Wenn er sich jetzt mit reicher Atzung [239] versieht, so geschieht dies sicher nur im Hinblick auf die große Geschichte, die er noch zu erzählen hat.«

»Sehr gut! Im Hinblick –«

»Donnerwetter ja, die große Geschichte.«

Und Kuglmeier hielt Wort. Nachdem er das Beefsteak mit den Eiern verschlungen und dazu die erste Maß geleert hatte, erzählte er die große Geschichte. Er ließ sich nicht lumpen. Er log, daß sich die Balken bogen.

Trotz des demokratischen Lustgefühls, das alle vor dem Maßkrug gleich erscheinen ließ, kannte doch auch die alte Wirtschaft zum »grünen Baum« die menschlichen Standesunterschiede. Nicht nur in den gemütlichen Stübchen des oberen Stocks gab's »abonnierte« Abende, an welchen der Zutritt den gewöhnlichen Sterblichen versagt war – eine Zeitlang waren diese Räume der exklusive Sammelpunkt der Brüder in Apoll vom »Krokodil«, dann einiger studentischer Verbindungen, vornehmlich der »Isaria«, zuletzt die Geburtsstätte der geistig sehr zwanglosen Gesellschaft der »Ungespundeten« – sondern auch im Garten, wie der große Raum zwischen der Rückseite des Hauses und der Isar genannt wurde, obschon dort niemals andere Blumen blühten, als die [240] weißen Schaumrosen auf den vollen Maßkrügen, und niemals andere Kräuter dufteten, als die vegetabilischen Beilagen zur Bratenschüssel, gab's »reservierte« Plätze, auf denen die Privilegierten und »Gewappelten« sich's bequem machen durften. Unter anderem war da ein Offizierstisch, ein Schauspielertisch, ein Studententisch, ein Hofstallertisch und so weiter. War der Zudrang groß oder fanden sich Fremdlinge ein, dann konnte freilich auf diese Sonderung nicht immer Rücksicht genommen werden.

Die Bank vor dem Küchenfenster war durch langes Gewohnheitsrecht den Meistern und Oberarbeitern einiger benachbarter Gewerbshäuser als angestammter Sitz geblieben. Die Mannhardtsche Turmuhrenfabrik, die Schwarzmannsche Lohgerberei, die Kunstschlosserei von Moradelli, eine jüngere Filzwaren- und eine Spielkartenfabrik hatten da zumeist ihre Vertreter sitzen. Bei ihnen nahm auch der alte Wirt gern Platz, wenn's das Geschäft erlaubte, und die Frau Wirtin, familiär nur die Mutter genannt, legte sich ins Küchenfenster und diskurierte mit, wenn's am Herde nicht mehr streng ging. Es waren ureingesessene Münchener, Isarthaler, die nicht höher schwuren, als bei ihrem »grünen Baum«. Ja, der war ihre [241] eigentliche Heimat. Sie kannten von Urgroßvaterszeiten her seine Geschichte als wär's ihre eigene Familienchronik. Hier war das Zentrum ihrer bürgerlichen und landschaftlichen Eympathieen. Vom »grünen Baum« aus liefen ihre Interessen in die Stadt und in die Welt und wieder zurück. Isarthalauf- und abwärts kannten sie jeden Baum, jeden Strauch, jeden Stein, jeden Winkel, jede Ecke, jede Baracke. Und das alles war ihnen so aus Herz gewachsen, daß ihnen die leiseste Veränderung weh that. Den Abbruch einer alten Hütte, das Fällen eines morschen Baumes empfanden sie wie einen Schnitt ins eigene Fleisch und tagelang konnten sie darüber hin- und herreden.

Auch die beiden andern Wirtschaften links und rechts in fünfzig Schritt Entfernung, das »Ketterl« und der »rote Thurm«, hatten die altmünchnerische Physiognomie treu bewahrt und erfreuten sich einer Stammgastschaft von untadelhafter konservativer Gesinnung; allein mit dem »grünen Baum« konnten sie sich doch nicht messen. Im »Ketterl« hielten die Floßknechte und Holzhändler und die niederen Lände-Bediensteten mit Vorliebe Einkehr; das waren derbe Hochgebirgler mit gewaltthätigen Manieren und Redeweisen, die [242] sich nicht in die Münchener Bequemlichkeit und Ruhe fügen wollten. Dazu kam noch ein anderes, was den »grünen Baum« in eine höhere Sphäre rückte: die geschichtliche Weihe. Der »grüne Baum« war es nämlich, wo einst der erste königlich bayerische Prinz, auf einem Isarfloß aus dem schönen Oberlande kommend, gelandet war. Eine Inschrifttafel aus graugelbem Sandstein über der Thür auf der Flußseite bewahrte das Datum dieses denkwürdigen Ereignisses: »14. September 1839« und den Namen des Prinzen: »Seine königliche Hoheit Kronprinz Maximilian.« Diese Thatsache verknüpfte gleichsam den »grünen Baum« mit dem Schicksale des erlauchten Fürstenhauses der Wittelsbacher; königlicher Glanz schimmerte über der Wirtschaft, der freilich mehr und mehr zu verblassen drohte, seit der jetzige König sich von der Stadt seiner Väter zürnend abgewandt.

Wie eine wehmütige Erinnerung an entschwundene schönere Zeiten durchzog es auch heute wieder in dieser lauen Frühlingsnacht die Gespräche der biederen Gewerbsmänner am Stammtisch vor dem Küchenfenster. Einem neu eingetretenen Geschäftsführer der Turmuhrenfabrik wurde soeben die kronprinzliche Landungsgeschichte [243] in liebevollster Breite und epischer Ausmalung von dem Senior der vollzähligen Stammtischgenossenschaft zum zehntenmal erzählt. Vater Homer konnte seine Odysseegeschichten nicht nachdrücklicher und anschaulicher darstellen; und jeder nickte mit dem Kopfe und warf in den Kunstpausen, welche der alte Uhrmacher in seiner Erzählung anzubringen beliebte, seinen bekräftigenden Spruch dazwischen.

»Da oben steht's auf der Inschrifttafel.«

»Jedes Wort stimmt.«

»Der selige Hitzelsberger hat sie gestiftet.«

»Ja, ja, das war noch ein Floßmeister aus der guten alten Zeit. Er war immer da gesessen, wo ich jetzt sitze. Das war sein Platz. Hier hat König Ludwig, der Erste natürlich, mit ihm angestoßen und ihn wegen der Gedächtnistafel gelobt.«

Dann folgten die zeitgeschichtlichen Abschweifungen mit zarten, kritischen Randbemerkungen:

»Der alte Ludwig ist öfter hier gewesen und hat mit seinen Münchenern eine frische Maß getrunken, wenn er von seinen Reisen in Griechenland und Italien heimgekommen ist. Damals mischten sich die Könige noch unter das Volk.«

»Es hat sich viel geändert.«

[244] »Leider. Und niemals zum Vorteil.«

»Ja, der alte Ludwig! So einen bekommen wir nicht mehr.«

»Ich weiß noch, wie er ins Hofbräuhaus gegangen ist und sich am Brunnen selber seinen Krug ausgeschwenkt hat. Und aus seiner hintern Rocktasche – man hat damals die langen Schöße getragen – hat er seinen Rettig gezogen. Dann hat er wie jeder andere Bürgersmann seine Maß getrunken, oder auch zwei, und seinen Rettig dazu gegessen und sich leutselig mit den Gästen unterhalten. Ich seh' ihn noch mit seinem hohen, weißen Hut und seinem langen weißgelben Rock. Die Schöße schlenkerten so zwischen den langen Beinen, weil er immer die tiefen Taschen voll hatte. So etwas gibt's nimmer.«

»Ja, ja. Das muß wohl wahr sein.«

»Seht einmal heute die Welt an. Alles ist anders. Drum ist auch bei Hoch und Niedrig keine Zufriedenheit mehr.«

»Der Fürst gehört unter sein Volk, behaupt' ich.«

»Nicht so laut. Dort sitzen Hofstaller. Der mit dem schweren goldnen Uhrgehäng und den Fingern voll Brillanten schaut immer herüber [245] mit seinem verschlagenen Dachsgesicht und spitzt die Ohren.«

»Die haben sich jetzt freilich gut aufprotzen.«

»So ein Kerl bildet sich mehr ein, als ein Minister.«

»Es heißt, daß es in diesem Frühjahr mit dem Theaterseparatgespiel nichts wird.«

»Wo Du nicht bist, Herr Organist, da hört das Musizieren von selber auf. Mit der Schloßbauerei im Chiemsee soll's auch aus sein. Überall stockt's. Die bewußten Millionen wollen nicht anrücken ...«

»So ein Heidengeld.«

»Was hätte man in München damit ausrichten können ... Aber nein, in die Berge wird's vermauert ... Das kracht doch einmal alles zusammen.«

»Ja freilich, das kracht doch einmal alles zusammen,« bestätigte der eisbärtige Aufseher von der Filzwarenfabrik und hob die Neige seiner Maß zum Munde, nachdem er die rauhe, buschige Schnurre, die wie ein Vorhang über den Lippen hing, seitwärts gestreift. »Der Stoff ist wieder vorzüglich heute; ich denke, nur trinken noch eine.«

»Die herzogliche Brauerei in Tegernsee versteht's[246] Geschäft. Überhaupt ... Kathi, mir auch noch eine Halbe, aber wirklich nur eine Halbe,« rief der Uhrmachermeister der vorüberhuschenden Kellnerin zu und faßte sie beim Zipfel der durchnäßten, biertriefenden Schürze, die nur im kurzen Bruststück noch im steif gebügelten Weiß starrte. Darüber baumelte ein welkes Veilchensträußchen, das ihr eilt Student ins Knopfloch der straff gespannten, einen kugelrunden Busen kühn herausmodellierenden Trikottaille gesteckt hatte.

»Nehmen's nur eine Ganze, Herr Rembold,« tief die Kathi zurück, »wir stechen gleich frisch an.«

»Ei natürlich,« ließ sich jetzt die Stimme der Frau Mutter am Küchenfenster vernehmen, »mit einer Halben fängt man so spät nimmer an, Herr Rembold; Sie schlafen dann besser.« Die Wirtin faßte mit ihrer kräftigen Hand die obere eiserne Querstange im Fenster und stützte den Ellbogen ihres nackten, prallen, vom Feuer hochgeröteten Armes auf den Sims. Rembold wandte sich lächelnd nach ihr um und nickte mit dem Kopfe.

»Ja, Mutter, heut' ist's wieder scharf hergegangen.«

»Sagen's, Herr Rembold, was hört man denn Neues vom König? Es wird wieder so allerhand [247] Kurioses herumgeredet. Ist's denn wahr ...?« Sie mäßigte ihre starke Stimme bis zum Flüsterton. Dann auf eine Frage vom Herde her, mit halber Drehung ihres Halses, daß es an ihrem Doppelkinn zerrte, schallend: »Gibt keine Wursteln mehr heute!«

»Das ist's Mutter: es gibt halt keine Wursteln mehr.«

»Der arme König! Ist's wirklich so weit? Und gar unter Kuratel will man ...« Sie drückte ihr Gesicht ans Gitter und vollendete den Satz ganz leise ins Ohr des Uhrmachers.

Vom offenen Fenster des oberen Stocks brauste der studentische Gesang mit jugendlichem Ungestüm in die Nacht hinaus, die Gespräche der Gartengäste mit seiner Klangwucht übertönend: »Ein freies Leben führen wir, ein Leben voller Wonne ...«

Als das Lied verklungen, rief man an verschiedenen Tischen begeistert Bravo und Dakapo und klatschte in die Hände. Der Chor aus der Höhe antwortete mit Wiederholung der letzten Strophe. Die helle Freude wehte wie Frühlingswind hinauf und hernieder und erschloß die Herzen zu Scherz und Lust. Die Bekannten grüßten [248] sich über die Tische hinweg und tranken sich mit hochgeschwungenen Krügen aus der Ferne zu.

Plötzlich hörte man von der Straße hinter der Wirtschaft her eiligen Hufschlag und sausendes Gerassel schwerer Wagen und Glockengeläute, und rotes Fackellicht warf einen blutigen Schein in die dämmerige, gelbliche Gartenbeleuchtung – und wie das wilde Heer war's vorübergejagt im Nu, isarabwärts.

»Die Feuerwehr!«

»Wo brennt's?«

Gäste standen auf, bezahlten und entfernten sich eilig, um nachzusehen. Andere kamen von außen herein. Einer meldete: »Es ist nichts; drunten im Lehel ein Zimmerbrand, kaum der Rede wert.« Später wieder ein anderer: »Ein Schneider soll seine Baracke ausgeräuchert haben.«

»Ein Schneider! Dabei hat er jedenfalls seinen Geisbart versengt; man riecht's bis da herauf.«

Und nun wurden Witze über das Lehel und seine vorsündflutliche Hüttenkolonie gerissen.

»Da wird morgen der Tierschutzverein intervenieren müssen, daß man wieder Russen und Schwaben und Wanzen, die da unten legionenweise [249] so friedlich hausen, grausam geröstet und geschmort hat bei lebendigem Leibe.«

»Es wär' wirklich nicht schade d'rum, wenn das ganze Nest da drunten in Rauch und Flammen aufginge. Das wär' eine zeitgemäße Säuberung.«

Als Kuglmeier hörte, daß es in einer Schneiderwerkstatt brenne, fielen ihm alle seine schönen Sünden vom Spätnachmittag ein. Er ließ sich jedoch nichts merken, um nicht den Neckereien seiner Kameraden zu verfallen. Übrigens hatten ihn die fidelen Aufregungen und der reichliche Biergenuß genügend stumpf gemacht, um der Versuchung zu widerstehen, seine Lokalkenntnis im Lehel jetzt mit romantischen Kombinationen zu verbrämen. Zudem führten seine Kameraden mit einigen Isaren, die sich zu ihnen gesetzt, gerade sehr animierte Untersuchungen über einen schwierigen Beleidigungsfall.

»Der Ausdruck ›Pauksimpel‹ ist grenzenlos beleidigend, das ist über allen Zweifel erhaben,« kreischte ein blutjunger, schmächtiger Isare mit gestutzter Nase und einem dicken, schwarzen Wattverband auf der linken Wange, der noch kräftig nach Jodoform stank.

»Vollkommen einverstanden. Der Ausdruck [250] an sich. Aber sobald er vom Preßbanditen in seiner ›Kloake‹ gebraucht wird, ist er durch die anerkannte Gemeinheit des Skandalblattes neutralisiert. Da wirkt keine Beschimpfung mehr.«

»Überdies ist der Kerl ein Krüppel und gar nicht satisfaktionsfähig.«

»Er hat ja nicht einmal Elementarschulbildung und seine Schmieralien wimmeln von orthographischen und syntaktischen Fehlern.«

»Er ist die potenzierte Nullität, ein ausgemachter Quadratlump,« warf der Medizinmann dazwischen. »Und ein Hornvieh obendrein. Sein sogenanntes Weib, aufgedonnert wie eine alte Schmierenkomödiantin – man hat sie mir neulich gezeigt – soll in ihren jungen Nächten eine komplete Wildsau gewesen sein. Das Paar sieht jetzt aus, als wäre es schon einmal begraben gewesen und halbverfault wieder lebendig geworden. Ausgeschminkte Kadaver. Nicht einmal unter dem Seziermesser möchte ich den Burschen haben, geschweige vor einer ehrlichen blanken Klinge. Das ist meine Meinung von der Sache.«

Allein der gekränkte Isare ließ sich damit noch nicht beruhigen.

»Erschwerend ist der Umstand, daß er unser Korps systematisch mit seinen Ekelhaftigkeiten verfolgt. [251] Das geht ja schon seit Monaten so fort. ›Tätowierte Indianer‹, ›zerkratzte Zifferbläter‹, ›Schweinskotellets‹ und so weiter fast in jeder Nummer.«

»Tunkt das Schwein in ein Jauchenfaß, bis ihm der Dampf ausgeht; wenn Züchtigung sein muß, ist dies die einzig angemessene,« schloß der Medizinmann die Debatte.

»Das ist die Presse in Eurer vielgerühmten Kunststadt München ...« wollte der Rheinländer loslegen, als sich der müde Kuglmeier, der seither nur stumm zugehört, aufraffte und dem Sprecher ins Wort fiel: »Bitte, nicht die Presse, sondern nur ein einzelner Preßbandit, ein zoojournalistisches Unikum, eine Mißgeburt ... eine Sehenswürdigkeit ... eine ...« Da fiel ihm plötzlich nichts mehr ein. Die Kameraden lachten.

Am Tisch vor dem Küchenfenster gab der Brand Veranlassung, die Baufragen im Lehel und an den Isarufern zu erörtern.

»Das Lehel ist zwar ein Stück Altmünchen, wie man's nicht schöner malen kann, aber es paßt nicht mehr in den Nahmen der modernen Stadt,« behauptete der jüngere Kunstschlosser.

»Gehen Sie mir doch mit Ihrer modernen Stadt, das ist ja der reine Schwindel,« grollte [252] der Uhrmacher. »Ich weiß doch auch, wie viel es geschlagen hat und bin kein Rückschrittler, aber was man moderne Stadt nennt, ist keine Verschönerung der Welt. Im Lehel ist manches polizeiwidrig vernachlässigt; das ist richtig. Deswegen braucht man das Alte nicht gleich mit Stumpf und Stil auszurotten.«

»Da ist nichts mehr zu bessern, lieber Herr Rembold,« rief ein befreundeter Handwerksmeister vom Nachbartisch herüber. »Mit dem Gerümpel muß aufgeräumt werden. Dann gibt's Baugründe für wahre Prachtstraßen vom Gries bis an die Maximiliansbrücke.«

»Die Pracht kennt man, die Quaistraße ist so ein Muster von neumodischer Pracht! Ich geb' keinen roten Heller dafür.«

»Die Fortsetzung der Quaistraße wird schon besser werden. Wenn erst einmal das ›Ketterl‹ und der ›grüne Baum‹ wegrasiert sind und eine Palastreihe sich die Isar hinaufzieht ...«

»Was?« schrie der Uhrmacher auf, »der ›grüne Baum‹ wegrasiert? Da, wo wir jetzt sitzen, auf diesem herrlichen Fleck Gotteswelt, ein neumodischer Steinhaufen mit fünf Stockwerken? Und daneben ein anderer und so fort? Nein, das gibt's nicht.« Er schlug mit der Faust auf den Tisch.

[253] Der Kunstschlosser beschwichtigend: »Pläne, nichts als Pläne; wir erleben das nimmer.«

»Das möcht' ich auch gar nicht erleben. Das ist ja der helle Wahnsinn, alles ummodeln zu wollen. Muß denn jetzt auf einmal alles anders sein, als es unsere Vorfahren gehabt haben? Die waren doch auch nicht auf den Kopf gefallen. Und München ist schon berühmt gewesen, als man von dem ganzen neuen Schwindel noch nichts gewußt hat. Und unsere schöne wilde Isar, die soll wohl zwischen Mauern eng und pomade dahinfließen wie ein Bach, daß man mit venezianischen Gondeln darauf herumfahren kann? Und noch mehr Brücken, daß man zuletzt vom Wasser gar nichts mehr sieht? Deckt sie doch lieber gleich ganz zu, dann habt Ihr noch mehr Bauplätze ... Hoffentlich haben da auch noch andere Leute ein Wort mit zu reden, denk' ich.«

»Die anderen Leute haben schon geredet, der Magistrat zum Beispiel. Der ganze Ländeplatz hier ist doch städtischer Boden. Nun gut, die Lände wird weit weg verlegt, die paar Floßmeistershäuser werden abgebrochen, der ›grüne Baum‹ und das ›Ketterl‹ werden von der Stadt erworben und dann kann's losgehn, das ganze [254] Terrain wird planiert und als Bauplatz losgeschlagen.«

»Aber daß Sie das nicht wissen, Herr Nachbar Rembold! Man reißt sich ja jetzt schon um den Bauplatz. Der Bankdirektor und Konsul Schmerold in der Quaistraße hat schon längst ein Auge auf den Komplex geworfen und möcht' ihn dem Magistrat abhandeln. Er hat sich hinter den grünen Baumwirt gesteckt, daß er vom Magistrat eine unmögliche Summe als Ablösung fordert, damit aus der Geschichte nichts wird, bis er mit noch einigen Spekulanten sich alles selber in die Hand gespielt hat.«

»Das glaub' ich wohl, daß die Herrgottsakermenter möchten. Zuletzt möchten sie uns noch den ganzen Himmel verbauen, daß man nicht mehr schnaufen kann. Aber das setzen sie nicht durch. So wird die Isar nicht verhandelt und verschandelt. Da ist die Bürgerschaft auch noch da und der König ... Und mag denn der grüne Baumwirt um so ein Sündengeld sich das anthun lassen? ... Mutter ist's wahr?« wandte er sich erregt gegen das Küchenfenster.

»Es wird uns nicht viel anderes übrig bleiben, oder unsern Kindern. So schnell geht's übrigens nicht, Herr Rembold.«

[255] »Hat man nicht schon hundertfünfzigtausend Mark geboten, Mutter?« fragte der Kunstschlosser.

»Das schon, aber mein Mann thut's nicht unter zweihunderttausend.«

»Ein schönes Stück Geld für die Knallhütte,« sagte unbefangen der eingeführte junge Geschäftsführer.

Der alte Uhrmachermeister sprang auf, warf ihm einen vernichtenden Blick voll unsäglicher Verachtung zu, verließ den Tisch und ging heim. Sein »grüner Baum« eine Knallhütte! Und wegrasiert! Wahrhaftig, die junge Welt kennt keine Pietät mehr ... Das ist der Anfang vom Ende ... Wo soll denn das hinführen, wenn einmal ums Geld alles zu haben ist? Da braucht man ja vor keiner Schandthat mehr zurückzuschrecken, sobald sie nur recht viel Geld einträgt! Und wer das Geld hat, der hat die Macht, alles andere zu Boden zu treten? Da soll doch gleich ein Donnerwetter dreinschlagen oder ... die Sozialdemokratie ... wenn alles ein Teufel ist ...

An seiner Hausthür kehrte der Uhrmachermeister noch einmal um. Nein, mit solchen Gedanken kann er sich nicht ins Bett legen. Ein schwerer Seufzer entrang sich der Brust des [256] greisen Mannes; sein Kopf glühte, seine Schläfe hämmerten. Besser, er macht seiner geliebten Isar noch eine lange Nachtvisite und hält beruhigende Zwiesprach mit ihrem Rauschen und Murmeln, fern von allem Menschenvolk. Und er schlug die Richtung nach der Zweibrückenstraße ein.

Der grüne Baumwirt hatte sich zu den Hofstallern gesetzt, um sie auszufragen und auszuhorchen, was in Hohenschwangau und Neuschwanstein los sei und was es für Bewandtnis mit dem neuen chinesischen Schloß habe, das auf dem Falkenberg errichtet werden soll und ob das französische Schloß auf der Chiem see-Insel ausgebaut werde oder nicht. Letzteres interessierte ihn besonders, weil ein Verwandter seiner Frau, ein Steinbruchbesitzer, große Lieferungen für den Schloßbau übernommen hatte. Freilich hatte der Vetter noch starke Forderungen bei der königlichen Baukasse gut, allein das ängstigte ihn nicht, das Geschrei der Zeitungen über die Schuldenlast des Königs war jedenfalls übertrieben. Wer ein so großes Privatvermögen hat wie die Wittelsbacher und dazu noch eine Zivilliste von vier oder fünf Millionen jährlich, der kann sich schon etwas erlauben. Der König ist nur zu loben, [257] daß er das Geld im Lande läßt und unter das Volk bringt. Das macht nichts, wenn auch langsam bezahlt wird; bezahlt wird ja doch und sehr gut obendrein.

»Also es wird weiter gebaut?« fragte der Wirt befriedigt über die erhaltene Auskunft.

»Warum denn nicht? Meinen Sie, der König läßt sich etwas verbieten?« antwortete der mit dem Dachsgesicht. »Wozu wär' er denn König?«

Die Zahl der Gäste war allmählich zusammengeschmolzen. Die Tische wiesen große Lücken auf. Zwei Gasflammen konnte die sparsame Kathi, auch eine Verwandte der Wirtin, schon ausdrehen.

»Schauen's wer da noch kommt!« sprach der Wirt aufstehend, wandte sich aber noch rasch aus Ohr des herablassenden, auskunftspendenden Stallbeamten und flüsterte: »Die sind von der Gesellschaft der ›Ungespundeten‹ –« Dann ging er begrüßend den späten Ankömmlingen entgegen: »Habe die Ehre, Herr Oberst! Guten Abend, Herr Baron! Grüß Gott, Herr Doktor!«

Die ›Ungespundeten‹ nahmen an dem äußersten Tisch unter dem mächtigen Kastaniengeäst stillschweigend Platz. Der Wirt zog sich etwas pikiert zurück. Kathi erschien, dienstwillig und [258] lächelnd wie immer, trotzdem sie vor Müdigkeit ihre Beine nicht mehr spürte.

Der Baron schob seinen glänzenden schwarzen Cylinderhut in den Nacken, wischte mit dem weißen Taschentuch seinen Zwicker, zupfte seine lange Manschette zurecht, legte Tabakdose und Zigarrettenpapier vor sich hin, rückte sich den Zündholzständer näher, stützte dann die beiden Ellbogen auf den Tisch und begann mit der feierlichen Grazie eines Türken und »Ketters« seine Zigarrette zu drehen. Unter seinen langen, wohl gepflegten Aristokratenfingern rollte sich der goldbraune Sultantabak in dem knisternden Papierchen zu der denkbar elegantesten Form. Die erste Zigarrette reichte er galant dem Doktor über den Tisch. »Ecco, caro Dottore!«

»Remplem!« schnauzte der Oberst und setzte seinen Schlapphut tiefer ins Gesicht, daß unter der breiten Krempe nur noch der leichtgeschwungene Rücken der kraftvoll sinnlichen Nase und der lange graue Knebelbart mit der vom vielen Rauchen in der Mitte angegelbten trotzigen Schnurre ins Licht fielen.

»Hol, Hol, Wotan!« grüßte ein stämmiger Trinker in grüngarnierter Lodenjoppe herüber und that den letzten tiefen Zug aus dem Maßkrug, [259] den er mit Wucht auf den Tisch zurückstellte. Dann trug er auf den kurzen dicken Beinen seinen runden Bauch wie einen lebendigen Vierschlauch vor sich her, trat an den Tisch der ›Ungespundeten‹ und richtete seine fette Stimme mit breitem Grinsen des umbarteten Vollmondgesichtes an den Oberst: »Alter Germane, man sieht Dich ja nicht mehr, ich muß leider schon gehen – weißt, meine Schicksalswalterin wartet am Wehr! – aber nächsten Sonntag solltest Du doch dabei sein: unsere Markgenossenschaft feiert zu ihrem vierten Alting ein Waldfest in Gauting mit Vorführung einer altgermanischen Hochgetid, Speerwerfen, Frauenspielen, Tanz und so fort. Du kommst?«

»Fällt mir gar nicht ein. Remplem. Ich pfeif' auf Eure Germanenkomödie.«

»Gut' Nacht, Wotan.« Und der stämmige Markgenosse wackelte mit seinen nägelbeschlagenen Schuhen knirschend davon. »Grobian ...«

»Was war denn das für ein Mannsbild und ein Kauderwelsch?« fragte der Baron und saugte an seiner Zigarrette.

»Bah! Ein Lumpenhund, der sich auf den Urgermanen dressiert hat. Wo hängt die Wurst? War einst ein schneidiger Bursch, ein flotter Forstmann, [260] hatte eine Menge seiner Liebschaften, schön Hadwig von der Pfalz, schwarz Bärbele von Würzburg – ich erinnere mich noch ganz genau. Dann kamen wir auseinander, als er zu strebern anfing. Mit unglaublicher Rücksichtslosigkeit ist er dabei zu Werk gegangen. Der verstand's, alle Hasen in seine Küche zu treiben.«

»Und ist schließlich doch ein Troddel geworden,« bemerkte der Doktor.

»Er macht mit seinem Urgermanentum einen urdummen Eindruck,« der Baron.

»Laßt mich aus! Die Dummen sind die Gescheidten. Wo hängt die Wurst! Remplem. Prosit!«

»Prosit! Es lebe das Spundloch!«

»Das ist die ganze Lebenskunst: immer das rechte Loch zu finden.«

»Und den unbequemen Kerls immer prompt dasjenige zu zeigen, das der Zimmermann gemacht hat.«

»Wie vorhin dein Markgenossen.«

»Das ist mir der rechte Urgermane, daran erkenn' ich ihn: er fürchtet Gott – und sein Weib. Letzteres thatsächlich, ersteren nur mit dem Maul, und wenn er Zuhörer hat. Am besten einen ganzen Reichstag voll. Gottesfurcht, Weiberfurcht. [261] Dem neumodischen Urgermanen spezifisch wie der preußische Stechschritt. Prosit!«

»Drillinger schon lang nicht mehr gesehen?«

»Eine Ewigkeit.«

»Ist auch kein rechtes Mannsbild. Das Beste an ihm war sein Bruder, der rote Ludwig. Aber der hat in Europa nicht mehr schnaufen können. Hoffentlich hat er das rechte Loch jetzt gefunden.«

»Wie haben sie auch den armen Meister Effenbach gehetzt, bis er in seinem Steinbruch zu Höllriegelskreut untergekrochen ist. Da haust er jetzt wie ein Einsiedler im Urwald. Man hört und sieht nichts mehr von ihm. Das ist ein Glück: vergessen werden. Ein Original, ein Narr! haben sie geschrieen, weil er keine wattierten Röcke, keine Lackstiefeln, keine Glacehandschuhe, keine Angströhre tragen mochte, sondern barhäuptig und barfüßig in seiner weißen Kutte sich wohl fühlte. Ein großer Mensch und ein großer Künstler! Mit dem Malen wird's jetzt freilich Matthäi am letzten sein. In seiner Armut kann er sich weder Leinwand noch Farben noch Pinsel mehr kaufen. Aber seinen Christuskopf malt ihm in der ganzen Akademie doch keiner nach. Welch' eine Apotheose des Leids und der Verzeihung! Das bleibt sein Denkmal.« Des Doktors Augen funkelten.

[262] »Es ist in der That merkwürdig, wie es diesem seltenen Charakter endlich doch geglückt ist, in dieser Welt der Charakterlosigkeit, in diesem Zeitalter der Waschlappigkeit, verbunden mit der Raubtiergier nach Geld, Besitz, Macht, als Mensch für sich zu leben, eine Welt für sich zu schaffen und in frei erwählter Armut in vollkommenster Zurückgezogenheit sich seiner Freiheit zu freuen.«

»Und das zwei Stunden von München.«

»Remplem! Wenn er sich's einfallen ließe, hier wieder einmal aufzutauchen, würden sie ihn wieder auf den Kopf schlagen, daß ihm Sehen und Hören vergeht. Richtig bemerkt, Doktor, es gibt nur ein Glück: vergessen zu werden. Ruhm und Ruhmesgeschrei – blauer Dunst.«

»Es lebe – das Glück!«

»Ah bah, das Spundloch!«

»Zahlen, Kathi.«

»Gut Nacht.«

Die reckenhaften Gestalten des Obersts und des Doktors nahmen den kleinen Baron in die Mitte und schritten hinaus in die Nacht. Als sie sich unter der großen Hängelampe des Ausgangsthores bückten, lief ein bizarrer, dreigezackter Schatten die weiße Wand hinauf.

In der Wasserstraße streunten beutegierige [263] Isarnymphen in großer Zahl am Ufer her und hin, nächtliche Wanderer mit heiseren Kehlen anrufend, scheltend, wenn ein Einsamer verächtlich oder mit hart abweisender Rede ihren Reizen entging, lachend und spottend, wenn ein ehrsamer Philister, der sich im braunen Nektar etwas mehr als die übliche Bettschwere angetrunken, mit strauchelndem Fuß sich in ihren Netzen verstrickt. Es war spät und empfindlich kühl geworden. Nur die Eifrigsten hielten noch aus bis Mitternacht.

»Wer torkelt denn da unten hart am Wasser herum?« fragte eine ihre Genossin und wies aus eine kleine Gestalt, die jetzt kauernd mit den Händen in den Fluß griff.

»Der wird sich waschen wollen, oder abkühlen, oder gar ersäufen. Was geht das uns an?«

Eine Dritte trat herzu: »Das scheint ein Verrückter zu sein. Er wackelt schon lange am Ufer auf und ab und hält Ansprachen an die Isar und die Bäume. Dazwischen hat er geflucht und dann wieder geschluchzt. Laßt ihn in Ruh. Jessas, jetzt hab' ich gar den Schnackler. Ich geh.«

Die Erste: »Und ich bleib', ich bin neugierig, was der macht. Wart' doch.«

Die Zweite: »Geh'n wir wenigstens näher hin, damit wir hören, was er sagt.«

[264] Die Dritte: »Er sagt fast immer das Nämliche, einmal: ›Verhandeln und verschandeln will man Euch, wer am meisten bietet, der kriegt Euch und er kann dann mit Euch thun was er will. O Sünd', o Jammer!‹ und dann: ›Ich geh' mit Euch, ich mag nimmer, nehmt mich mit.‹ Und lauter solche verrückte Reden.«

Die Zweite: »Das ist doch nicht auf uns gemünzt? Es paßt fast jedes Wort.«

Die Dritte: »Bist Du einfältig. Die Bäume und das Wasser spricht er so an. Es ist ein Verrückter. Laßt ihn in Ruh'. Das ist ein bedauernswerter Mensch. Ich geh' heim.«

»Heilige Mutter Gottes,« schrie die Erste. »Jetzt ist er im Wasser, die Wellen reißen ihn fort. Hilfe! Hilfe!«

Die drei Nymphen liefen kreischend hinab, hielten sich an einem Floß und entrissen den Ertrinkenden der Flut.

Ein herbeigeeilter Gendarm erkannte in ihm den alten Uhrmachermeister ....

Auf der Kohleninsel heulte ein Hund ...

[265] 6.

.... »Man merkt's Ihnen an, lieber Schlichting, daß Sie das Erlebnis der vergangenen Nacht angegriffen hat. Kein Zweifel, das war kein Brand von ungefähr. Die Bosheit der Menschen ist grenzenlos. Was in der moderigen Schneiderherberge aufflammte, sengende und brennende Liebe war's gewiß nicht; das hatte seinen Zunder in irgend einer gemeinen Leidenschaft, in Haß, Neid, Rachsucht ... Forschen Sie gelegentlich der Ursache nach. Das alles ist belehrend und läßt sich schriftstellerisch verwerten, sobald man alle Mittelglieder zwischen Ursache, Wirkung und Folgenreihe in der Hand hat ... Ein Glück, daß das Feuer so rasch gelöscht wurde. Sie hätten ja entweder in Ihrem Dachstübchen ersticken oder bei einem Versuch, durch das Fenster zu entkommen, den Hals brechen müssen. Feuersnot ist entsetzlich. Ich wohne darum mit meiner Weltlitteratur [266] und meinen andern geringen Habseligkeiten zu ebener Erde.«

Doktor Trostberg hatte sich eine frische Zigarrette aus Genidze-Tabak gedreht und angezündet – wenigstens die zehnte in dieser Frühe, denn das ganze weitläufige Gemach schwamm in Rauch und hüllte die Büchergestelle an den Wänden und das große Bild Schopenhauers über dem Schreibtische so dicht in blaugraues Gewölke, daß man sie kaum mehr erkennen konnte – dann zog er die gelbe Schnur seines roten Schlafrocks enger um den schlanken Leib und legte sich der Länge nach mit dem Rücken auf das niedrige, breite Ruhebett, das mit einem kostbaren Eisbärenfell, einem Geschenk des Königs – überzähliges Stück aus der Hundinghütte beim Linderhof – bedeckt war.

Er strich sich mit der schmalen Hand über das ovale, gelbliche Gesicht, das von den Augenwinkeln die Wangen herab eigentümlich symmetrische Runzeln hatte, zwirbelte seinen langen, schwarzen Spitzbart und begann wieder, während Schlichting bleich und sinnend an dem halbgeöffneten großen Gartenfenster stand, mit seiner trockenen, etwas schnarrenden Stimme: »Also Punkt Eins wäre geordnet; Sie können sich auf mich [267] verlassen, daß ich mit Baron Drillinger einen Versuch machen werde. Ganz unter uns: ich thu' es aus purer Menschenliebe, nicht aus verstandesmäßiger Überzeugung; ob Drillinger mit der stattlichen Frau Soundso oder der zierlichen X Y Z kost oder schmollt, das sind für den Lauf der Welt ganz belanglose Zwischenaktsscherze. Aber das in ihrer Ehe unbefriedigte Weib hat sich nun einmal unsern Schwerenöter als Tröster in den Kopf gesetzt – gut, thun wir ihr den Gefallen; obschon ich mir, ich wiederhole dies, keinen oder nur einen sehr geringen Erfolg davon verspreche. Drillinger ist eine optimistisch-flatternde Seele, und dabei oft eigensinnig und trotzig wie ein Kind. Es muß ja auch solche Käntze geben. Ich erwarte ihn ohnehin heute oder morgen. Und nun zu Punkt Zwei: in Sachen Preßbandit, Ergänzung des bereits Bekannten. Das ist auch ein Kantz, aber ein bodenlos schlechter. Deshalb jedoch nicht weniger interessant. Nicht als Mensch, denn ich wüßte nicht, was an einem solchen Stegreifritter von Schmierfinkski Interessantes zu finden wäre, sondern als Kulturerscheinung, als soziologischer Typus, als Produkt unserer verrotteten und verpesteten Sittenzustände. An solchen Früchten kann man zunächst [268] erkennen, wohin die Freiheit des journalistischen Gewerbes führt, welch' ein mächtiges Element zur Durchseuchung und Auflösung der modernen Gesellschaft sie darstellt. Das Zeitungswesen! Dieser ständige geistige und moralische Seuchenherd! Der pure Hohn auf den vielgerühmten Willen der Kulturmenschheit, zur Wahrheit und Gesundheit zu gelangen. Haben Sie sich einmal in einem Kaffeehaus die Horde der Baccillenschlucker, vulgo Zeitungsleser, angesehen? Wie sie dahocken und mit stieren Blicken und dummen, vom Qualm der schlechten Luft und des schlechten Gesöffes aufgedunsenen Gesichtern das bedruckte vergiftete Papier gierig hineinschlingen? Wie sie ihre Hohlschädel mit politischem Quark und feuilletonistischem Kohl und Klatsch und Tratsch ausmöbeln? Und haben Sie einmal eine Sudelküche gesehen, wo diese journalistischen Gerichte zusammengeschmiert und gepappt und gekocht werden? Das müssen Sie einmal nach der Natur studieren, mein lieber Herr Schlichting. Da werden Ihnen elektrische Lichter aufgehen! Da werden Sie auch die Verachtung begreifen lernen, mit der ein Bismarck von den Journalisten als von Leuten spricht, die ihren Beruf verfehlt haben. Die Presse! Der Leipziger Professor Wuttke, mein alter Lehrer [269] hat ein Buch darüber geschrieben. Der Unglückliche! Der Menschheit ganzer Jammer packt einen an, wenn man das liest ... Ich sage Ihnen, hüten Sie sich vor der Tages-Zeitungsschreiberei – überhaupt vor dem ganzen politischen Wischiwaschi. Das ist Gift für jede seiner organisierte Natur. Und alles für die Katz'! Von allen irdischen Nichtigkeiten und Dummheiten ist die Tagespolitik die allernichtigste und allerdümmste. Drum blasen sich die Politiker mit ihrem Geträtsche auch so auf, weil sie selbst die Empfindung nicht los werden können, daß sie wie Wolken vom Winde verjagt werden, daß sie nur Schattenbilder von Schatten sind. Betrogene Betrüger, Larifari-Kakaphonisten. ›Ein jeder glaubt ein All zu sein, und jeder ist im Grunde nichts.‹ Lassen wir nur erst einmal den sozialen Cäsarismus, der bereits in der kaiserlichen Botschaft leise präludierte, über das alte, geschwätzige Europa kommen! ... Die Presse ist Großmacht, wenn und wo es gilt, die öffentliche Versimplung und die nichtsnutzigen Keime im Volksleben zu entwickeln; ihr tägliches, unausgesetztes Getröpfel höhlt den härtesten Stein. Sie ist eine Ohnmacht, wenn – – doch davon ein andermal. Kommen wir auf unsern Münchener Fall und [270] erlauben Sie mir – wollen Sie nicht Platz nehmen? nein? nach Belieben! – daß ich etwas weiter aushole, es kann zur Förderung Ihres Manuskriptes nur nützlich sein. Es liegt mir in der That daran, Ihnen meine Erfahrungen und Erkenntnisse gerade auf diesem Gebiete zu novellistischer Verwertung möglichst umfassend mitzuteilen. Sie können ja alles kontrollieren und brauchen sich nichts aufbinden zu lassen. Ja, Sie sollen alles kontrollieren! Man soll keinem Menschen aufs Wort glauben in Dingen, die man mit eigenen Sinnen erforschen und durchprüfen kann. Und nun bietet sich Ihnen ja die denkbar schönste Gelegenheit, Ihre impressionistische, prüfende und nachbildende Kraft zu erproben. Ich habe jetzt keine Zeit und keine Lust, solche Geschichten nach der Natur zu schreiben. Ich hätte vielleicht auch gar nicht das notwendige Handwerkszeug dazu. Ich bin Dramatiker und nicht Novellist. Sie sind noch keines von beiden, aber Sie fühlen den Drang, als Novellist wenigstens einen Versuch zu machen. Wohlan denn! Und Sie wollen keine schon millionenfach geschriebene banale Liebesgeschichte vom Hans und seiner Grete schreiben, sondern – etwas anderes. Auch keine krachledernen Hosenfabeleien aus dem[271] dichterisch schon ganz zermürbten bayerischen Hochgebirg, keine Salontirolerei oder sonst eine troddelhafte Volksmünchhausiade, wie sie noch immer schockweise von den geriebenen Erfolgsspezialisten, die mit anderthalb Ideen zwanzig Bände vollschreiben, auf den Markt geschleudert werden. Das gefällt mir. Was es wird, wird sich ja am Ende zeigen. Zunächst gilt es: frisch zu wagen und nach echten Dokumenten zu arbeiten. Da setzt meine Handreichung ein ... Ohne die berühmte Liebe werden wir dabei freilich nicht auskommen. Denn wenn wir, nur einen Goetheschen Ausdruck zu nehmen, ›ein wahres Bild des beschatteten, buntgrauen Erdenlebens‹ entwerfen wollen, müssen wir unseren Pinsel auch in jenen unheimlich gemischten Farbentopf tauchen, den uns die schlimme Teufelin Venus aus ihrem Schoße darreicht. Was nun dazu Eigenerlebtes gehört, das müssen Sie sich selbst erwerben. Auch die wichtigste Zuthat, warmes, rotes Herzblut, können Sie nicht aus zweiter Hand empfangen, das müssen Sie sich heißdampfend aus der eigenen Brust abzapfen. Aber vergeuden Sie die kostbaren Tropfen nicht. Aphrodite, die schöngelockte, mache es gnädig mit Ihnen! Hüten Sie sich vor den blassen, blonden Lotosblumen, auch vor den roten, berauschend [272] duftigen Nelken: die gehen bis ans Mark. Eine volle, üppige Rose, dornenbewehrt, das erträgt sich am besten. Und für das Studium reicht's. Unsere alten Helden nahmen ein blankes Schwert mit aufs Minnelager: ein Stock, oder eine Peitsche thut's auch – – – Unsere Liebesproblemdichter, die auf kaltem Verstandeswege arbeiten, kommen mir vor wie Prostituierte, die sich dem Liebesakte gewerbsmäßig hingeben, ohne jedwede Innigkeit der Empfindung, die bei der Umarmung nur den materiellen Gewinn fühlen, der in ihr Portemonnaie fällt, oder die stupide Befriedigung einer tierischen Laune, in welche höchstens die schamlos kühle Beobachtung und Vergleichung des gegenwärtigen Falles mit vorausgegangenen einen Zug entmenscht menschlicher Besinnung bringt. Diese sogenannten keuschen Dichter mit ihrer ausgeklügelten Liebesschilderei und Schleierweberei und Andeuterei sind die eigentlich unkeuschen Dichter; sie leisten bei aller anscheinenden Wohlanständigkeit ihrer Darstellung der allzeit regen und aufgestachelten Phantasie ihrer Leser die schmutzigsten Kupplerdienste. Natürlich wissen sie sich sehr gescheidt damit zu decken, daß sie bei aller halbverhüllten Brünstelei und Liebesstöhnerei die legitime Regulierung des Liebestriebes zu fördern [273] vorgeben. Nachdem sie ihr Liebespärchen und mit ihm den Leser und besonders die Leserin mit heißen Blicken, Küssen und anderen noch in den Rahmen der konventionellen Sittlichkeit fallenden Betastungen und Entblößungen weit genug gebracht haben, dann legen sie den Finger an den Mund, ziehen den Vorhang zu und pantomimen als echte Komödianten der Feigenblattmoral: ›So, meine Lieben, jetzt seht euch nach einem legitimen Strohsack oder, wenn's die Mittel erlauben, nach einem schwellenden Himmelbett um, und laßt den Herrn Standesbeamten oder den hochwürdigen Herrn Pfarrer rufen – und damit ist alles in schönster Ordnung, das sonst Zuchtloseste und Verfehmteste ist dann eitel Zucht und Sitte. Form ist alles. Legitimität und Justemilieu! Und die gute, gedrillte Kulturmenschheit weiß sich nichts Erhabeneres in ihren Gedichten, Bildern, Romanen und Theaterstücken, als diese ewigen Liebes-Legitimitäts-Aufschneidereien abzuorgeln und – – – in Wirklichkeit doch alles hinterrücks so geschehen zu lassen, wie's der alten und ewig jungen Natur gefällt. Nein, mein Freund, mit solchem Zeug wollen wir nichts zu thun haben. Das ist den Tropfen Tinte nicht wert, mit dem man's niederschreibt. Herzblut und [274] Wahrheit!‹ – – Haben Sie schon einmal gründlich erfahren, was Liebe ist – himmlische und irdische Liebe, wie sie unsere ästhetisch-sittlichen Spaltpilz-Spalter so weise und klug unterscheiden? Haben Sie ... Ich verstehe Ihr Schweigen zu würdigen, junger Freund. Es ist kräftiger, als ein lautes Ja. Aber wollen Sie wirklich nicht Platz nehmen? Ich spreche leichter, wenn ich Sie gut aufgehoben weiß. Ziehen Sie sich wenigstens den Schaukelstuhl ans Fenster; sitzend hört man nicht nur bequemer, sondern auch besser. Und Sie sind noch müde und nervös von gestern und haben einen Tag voll Arbeit vor sich. Rücken Sie mir das Rauchtischchen näher, bitte! So – Sie lieber Mensch.«

Schlichting hatte sich im Schaukelstuhl am Fenster niedergelassen. Er wandte sein bleiches Gesicht dem Sprecher zu, dessen ruhendes Längenbild sich ihm in phantastischer Verkürzung zeigte, im Nebel des Zigarrettendampfes: zunächst die schimmernde Glatze eines fast kreisrunden Schädeldaches, dann den seinen Nasenrücken, dann die rote Fläche des Schlafrocks auf dem weißen Fell dann zwei gelblederne Pantoffelspitzen.

»Es ist schade, Herr Schlichting, daß Sie nicht rauchen, und es ist zugleich ein Gewinn [275] denn das Rauchen – ich denke dabei nur an die Zigarrette, nicht an den derben Glimmstengel, noch an die klobige Pfeife – ist eins der wenigen wahrhaftigen Vergnügen, die uns das erbärmliche Leben bietet und welches sich auch der Weise gestatten darf; es ist leider aber auch eine Verführung zu erschlaffender Träumerei nicht allein, sondern auch zum Übermaß des Genusses. In letzter Hinsicht bin ich selbst ein abschreckendes Beispiel. Ich rauche viel zu viel, entsetzlich viel. Meine Stube ist ein blaues Wolkenheim, nicht wahr? Und Sie leiden gewiß darunter? Armer Freund, öffnen Sie nur ganz das Fenster. Ja? Sie sagen gar nichts?«

»Mit Ihrer Erlaubnis, Herr Doktor. Ihr blaues Wolkenheim mit dem anstoßenden frisch grünenden Garten und dem plätschernden Springbrunnen ist für mich eine Idylle.«

Schlichtings Stimme klang matt, belegt. Seine Augen waren rot gerändert, seine Lippen blaß. In der Fensteröffnung neckte sich die durchsonnte Frühlingsluft, die stürmisch hereinflutete, mit den Rauchschwaden, die freien Abzug suchten. Hellblauer Himmel spannte sich über die Häuserlücke, in welche das Gärtchen eingebettet lag. Zwei Tauben saßen auf dem Beckenrand des kleinen [276] Springbrunnens und hoben ihre weißen und grauen Flügel, um den erfrischenden Wasserstrahl im Niederstäuben aufzufangen. Gelbe Schlüsselblumen äugelten aus den grünen Rasenbeeten. In der Mauernische sonnte sich des Königs Büste, ein Modell von dem Bildhauer Achthuber.

»Sie sind auch zu gut für diese Welt, mein lieber Impressionist. Und nun endlich zur Sache Letzte Zwischenfrage. Wie viel Uhr ist es?«

»Neun Uhr, Herr Doktor.«

»Recht. Dann, können wir noch eine gute Stunde ungestört plaudern. Die Kanaille da droben empfängt nicht vor zehn Uhr. Und ich bin bis halb Elf auch frei. Hoffentlich überfällt mich den Vormittag kein Kurier des Königs. Ich erwarte nur meinen Leibschneider und einen jungen Tonheros, der sich gestern schon melden ließ – Eleve von Franz Liszt, wie er stolzbescheiden auf seiner Visitenkarte annonciert – Arthur Friedberg mit Namen. Also! Der Preßbandit sitzt jetzt im Bewußtsein seiner redaktionellen Macht und Würde an seinem Werktisch, um die Korrekturen seines Witzblattes zu lesen. Er erwartet seinen ständigen Mitarbeiter, einen vor langen Jahren aus der Armee gestoßenen Leutnant, einen Pfälzer Landsmann von mir, [277] der sich als Winkellitterat und Karikaturenzeichner in der Hauptstadt niedergelassen hat und bei seinem zügellosen Lebenswandel allmählich so in Mißkredit gekommen ist, daß er als Bohémien der Feder und des Stiftes nicht mehr wählerisch in der Art seines Tagewerkes sein kann, will er sich überhaupt noch in dem faulen Sumpfe erhalten, der für ihn das Leben geworden. Aus seiner früheren Zeit hatte er sich wohl noch manche Beziehung bewahrt, die er als galanter Abenteurer und Schmarotzer ausbeuten konnte. Von reich verheirateten Damen, denen er einst zu mancherlei heimlicher Kurzweil behilflich gewesen und die seine Enthüllungen fürchteten, bezog er jahrelang einen Tribut. Allein auch diese Quellen sind im Wechsel der Zeit und der Verhältnisse endlich versiegt. Vom Salonstrizzi und gelegentlichen Mitarbeiter der besseren humoristischen Blätter ist er von Stufe zu Stufe bis zum journalistischen Wegelagerer und Staudenhecht gesunken. Neben manchem guten Fang und fetten Brocken waren es lange Zeit doch nur schmale Bissen, die er zu erjagen bekam, weil er als Einzelner mit seiner Haut einstehen mußte und seine Schleichwege dem Auge der Polizei in allen Krümmungen bekannt waren. Die Münchener Verhältnisse[278] erwiesen sich als nicht großstädtisch und kompliziert genug, um auf eigene Faust das Freibeutertum mit hinlänglicher Regelmäßigkeit, Ergiebigkeit und Sicherheit auszuüben. Mit der Gründung der ›Kloake‹ eröffnete sich ihm plötzlich die glänzende Aussicht eines festen Erwerbs in der Preßbanditen-Branche unter der Verantwortlichkeit eines andern. Jetzt brauchte er seine gefährlichen Schmieralien nicht mehr persönlich zu hausieren; er hatte in der ›Kloake‹ ein gesichertes Absatzgebiet, wo er unter dem Schutze des verantwortlichen Herausgebers und Verlegers darauflos hantieren konnte, ohne der Welt gegenüber im schlimmen Falle mit seiner eigenen Person einstehen zu müssen. In der Redaktion der ›Kloake‹ hat das Schmierantentum eine regelrechte Organisation gefunden, wo jeder einzelne Mitarbeiter in erwünschter Anonymität hinter dem Schilde des einzig verantwortlichen Räuberhauptmannes und Chefs seinem Gewerbe fröhnen, seine Notdurft befriedigen kann. In der königslosen Residenzstadt, wo durch die Abwesenheit eines die höchsten Gebiete des geistigen und geselligen Lebens macht- und glanzvoll umspannenden und befruchtenden Hoflebens auch Litteratur und Journalistik mehr und mehr in die Wege des [279] spießbürgerlichen Industrialismus getrieben und der kapitalistischen Ausbeutung unterworfen wurden, konnte sich in den letzten Jahren besonders in der niedrigeren Tagespresse eine immer entschiedenere Richtung ausprägen, welche die ergiebige Pflege der schmutzigsten Skandal- und Schmähsucht auf ihre besudelte Papierfahne geschrieben hat. Hatte selbst in den glücklicheren Zeiten der noch am Königshofe regelmäßig gepflegten ›Symposien‹ die hauptstädtische Tagesschriftstellerei die größte Mühe, mit der Aristokratie des Geistes und der Geburt in Fühlung zu kommen und dadurch ihr Ansehen und ihren Einfluß in Stadt und Land zu erhöhen, so waren jetzt, in der Epoche der Residenzflucht des Staatsoberhauptes, doppelte Anstrengungen nötig, um in der Journalistik Münchens eine dem hohen Rufe der Kunststadt einigermaßen entsprechende Repräsentation aufrecht zu erhalten. Durch den Mangel einer königlichen Hofhaltung war ja das residenzstädtische Leben der süddeutschen Biermetropole der stärksten Triebkräfte und Anregungen zur Entfaltung vornehmer, reicher Geselligkeit im großen Stile beraubt. Es fehlten die hohen Vorbilder, im Rahmen eines genial pulsierenden Kunststadtlebens die äußeren Lebenserscheinungen [280] im Salon, im Theater, im Konzert- und Ausstellungssaal, auf den Promenaden mit Pracht und Glanz und geistig-vornehmer Grazie auszustatten. In der Tagespresse spiegelt sich der Rückgang echt aristokratischen Wesens am deutlichsten. Die Werkeltäglichkeit des Gehabens, das Hemdärmeltum im Verkehr, die Verachtung der schönen Formen, die Banalität und Verphilisterung, wie sie sonst nur dem platten Materialismus einer Industrie- und Fabrikstadt eigentümlich sind, drücken mehr und mehr auch der königslosen Residenz- und Kunststadt ihr gemeines Gepräge auf – und Isarathen, als lebendige Erscheinung auch im Menschlichen, nicht bloß in toten Bau- und Bildwerken, ist eine Fabel geworden. Ton und Haltung des größten Teils der Tagespresse aber hätten der Münchener Journalistik am allerwenigsten ein Anrecht auf den hellenischen Ehrentitel erwerben und dieselbe als Trägerin atheniensischer Kulturgedanken und Lebensformen erweisen können.

Die Tages- und Wochenblättchen, welche auf die lumpigsten Instinkte einer geistig und sozial herabgekommenen Lesewelt spekulierten, schossen, Dank der Gewerbe- und Preßfreiheit, gleich Pilzen aus dem Münchener Boden. Sie machten [281] sich gegenseitig eine wütende Konkurrenz und bekämpften sich mit Mitteln, auf deren Ersinnung eine indianerhafte Phantasie hätte stolz sein können. Zahlreiche Blattleichen bedeckten quartaliter die Walstatt. Aber wer in diesem Kampfe um Leser, Abonnenten und Inserenten, so oft er auch zu Boden geschlagen schien und von der anständigen Presse ohne jedwede Handreichung gelassen und wie ein Geächteter behandelt wurde, doch immer wieder auf die Beine kam, das war Meister Preßbandit mit seinem humoristisch-satyrischen Wochen-Skandalblättchen ›Die Kloake‹. Bald versuchte er's mit kriechender Schmeichelei, bald mit sinnloser Frechheit sich an die Vertreter der relativ anständigen Presse als echte Schmeißfliege ›heranzuschmeißen‹ und ihre Aufmerksamkeit ›kollegial‹ auf sich zu lenken, jedoch ohne Erfolg. Die großen Blätter nahmen von der Existenz des dunklen Ehrenmannes nur unter der Rubrik ›Gerichtsverhandlungen‹ Notiz, so oft die ›Kloake‹ wegen Erpressung, Verleumdung und Ehrabschneiderei von der Schärfe des Gesetzes getroffen wurde, was in der letzten Zeit glücklicherweise nicht selten der Fall war. Wenn das in München grassierende Vereinsgründungsfieber fünf oder sechs Journalisten erfaßt und so [282] kraftlos gemacht hatte, daß sie sich nur durch die Errichtung eines neuen Klubs oder Bezirksverbandes zur ferneren Ausübung ihres hehren Kulturberufes aufzuschwingen vermochten, da schlich der Meister Preßbandit und Kloaken-Chef jedesmal auf den weichsten Sohlen heran, um seine vortrefflichen Qualitäten in den Dienst der ›guten Sache‹ zu stellen und seine interessante Persönlichkeit mit der kurzgeschorenen Schweinswolle auf dem Denkerhaupte, das mit dem Kopfe des geschätzten Rüsseltieres so erfreuliche Ähnlichkeiten hat, ritterlich anzubieten. Der Schuft braucht einen Putz, der seine Scheuseligkeit den Menschen erträglicher macht. Diesen Putz soll ihm das Herdengefühl, genannt Kollegialität, verschaffen. Er möchte auch am hellen Tage ausgehen und jemand haben, der auf der Straße seinen Gruß erwidert. Verstehen Sie dieses Bedürfnis? Er möchte jemand haben, mit dem er öffentlich per ›wir‹ sprechen kann. Das ist Notdurft und Luxus zugleich. Allein die Vereinsmannen hatten jedesmal trotz aller kollegialen Begeisterung, trotz aller Schwärmerei für den kameradschaftlichen Zusammenschluß aller Ritter von der Feder die Nüchternheit, den Herausgeber und Verleger des ruhmreichen Witzblattes von Isarathen an die [283] Luft zu setzen. Selbst wenn bei einer Journalistenvereinssitzung, die so zahlreich besucht zu sein pflegt, daß der dritte Mann zum Skat durch einen Expreßboten geholt werden muß, der ehrenwerte Kloaken-Chef sich gastfreundschaftwerbend angemeldet hätte, würde man ihm die Thüre vor der Nase zugeschlagen haben. Und er hat eine so empfindliche, viel sagende Nase, wie aus schimmeliger Käsrinde geschnitten! Eine Nase, die nicht nur riecht, sondern auch gerochen wird. Soll ich Ihnen ein Glas Kognak aufwarten?! Ich habe von einem Monsieur Paillard eine Probesendung da. Nein? Also weiter. Dieses gewiß nicht schöne Verhalten der Kollegenschaft bereitet ihm manche kummervolle Stunde. Nicht die stärksten Flüche über die Schlechtigkeit der Menschen, nicht die dreifache Dosis Doppelkümmel nach dem sechsten Liter Metzgerbräu, nicht die zärtlichste Prügelsoiree, die ihm ab und zu seine holde Gattin bereitet – nichts, nichts, nichts vermag in solchen Stunden die gepreßte Seele des Edlen zu erleichtern. Ja, das Dasein wird diesem biedern Kloaken-Chef zuweilen recht sauer gemacht ... Haben wir Mitleid mit ihm, Mitleid auch mit der Kanaille! Was meinen Sie,[284] mein lieber Schlichting? Hab' ich Sie in Schlaf geredet?«

»Nein, Herr Doktor. Ist Ihr Appell an das Mitleid ernsthaft gemeint? Ich bin geneigt zu glauben, daß diese Erzschufte in der That bemitleidenswert sind – um ihres inneren Elendes willen. Tat-twam asi ...«

»Bezähmen Sie diese Neigung, sie führt Sie irre. Pfarrer und Moralphilosophen haben allerdings vom sogenannten ›inneren Elend‹ der Bösewichte ein markerschütterndes Gemälde zusammenphantasiert, ein Gemälde im Schauderstil Wereschagins. Die gründlichere Beobachtung straft sie Lügen. Es ist nichts mit dem Seelenjammer dieser Jammerseelen. Diesen Spottgeburten aus Dreck und Fusel ist unendlich wohler, als den reinen Geistern. Ein Herz- und Nierenprüfer wie Shakespeare hat das eigenartige Glücksgefühl dieser Kreaturen scharf erkannt und an vielen Stellen überzeugend geschildert. Shakespeare, der genialste Analytiker menschlicher Verworfenheit und teuflischer Bosheit! Das Schopenhauersche Mitleid wäre hier Gefühlsentartung.«

»Wie steht es dann damit, daß alles Glück erst mit der Vernichtung der Leidenschaft, mit [285] dem Schweigen des Willens, mit der Askese und Entsagung begründet werden soll?«

»Glück und Glück ist zweierlei. Das Glück der Entsagenden ist die Sehnsucht der Übermenschen, die über den darwinistischen Affensprößling hinaus sind. Das Glück der Untermenschen ist die Befriedigung ihrer ererbten Affentriebe, ihrer Geilheit, Gefräßigkeit, Nachahmungseitelkeit und ähnlicher untermenschlicher Widerlichkeiten.«

Schlichting schüttelte den Kopf, zerstreut, mißmutig, abgespannt.

Doktor Trostberg bereitete sich eine frische Zigarrette aus duftigem Genidzetabak.

»Ja, das Glück der Bösen – das klingt freilich wie ungeheuerlicher Sophismus für sittlich ausgewaschene Ohren. Warum gedeihen denn die Bösen so üppig? Warum entschlüpfen denn gerade die exzessiven Schufte wie dieser Preßbandit viel eher den Quälereien und Quängeleien des Lebens, denen so viele brave Leute täglich unterliegen? Warum können diese Revolvermänner so frech mit ihrer Waffe spielen? Freilich, einmal verunglücken sie damit, aber sie haben doch unendlich lange sich des Erfolges ihres Räuberspiels erfreut.«

»Weil das Publikum so feige ist, sich ihre [286] Praktiken gefallen zu lassen. Das Publikum ist der Mitschuldige. Es läßt sich einschüchtern. Nicht bloß in Italien zahlt man den Räubern ein Lösegeld oder einen regelmäßigen Tribut, damit man vor ihren Überfällen verschont bleibt.«

Schlichting fieberte. Er fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg.

»Nein, nicht bloß in Italien, sehr richtig. Dabei kommt auch noch dies in Betracht: der heilige Florian wird vom Feuerfürchtigen angerufen: ›Ich bitt' dich, heiliger Florian, verschon' mein Haus, zünd' andere an.‹ Wenn das Haus des andern brennt, ist's immer ein Schauspiel, das man sich mit Vergnügen beguckt, weil's die Nerven kitzelt. So bezahlt man als Skandalfürchtiger dem journalistischen Kloakenmann ein Schweigegeld für sich, damit man zugleich als, Skandalfreudiger sich an dem Anblick weiden kann, wenn er mit doppelter Frechheit über die Nichtzahler herfällt und sie von oben bis unten mit Kot bemalt. Dem genußgierigen Mob, auch dem gebildeten, ist jede Gemeinheit willkommen. Ich werde Ihnen einmal mit einer Reihe von Einzelfällen aus der sogenannten besten Gesellschaft aufwarten, daß Sie staunen sollen. Aber Sie müssen erst gehörig Kognak trinken lernen, – [287] wollen Sie einen Schluck? ich habe sehr guten da – damit Sie den Ekel aushalten. Ja, dieser glitzernde Sumpf, dieser duftende Misthaufen ... Und das will sich, wie der Pharisäer im Evangelium, an die Brust schlagen und augenverdrehend den Himmel angrüßen: Ich danke dir Gott, daß ich nicht bin wie die andern Leute aus Sodom und Gomorrah ... Sie sind noch jung in München, lieber Freund. Die schmutzigen Münchener Geheimnisse unter der sozialen Glanzwichse entschleiern sich nicht mit dem ersten Blick. Ich werde Ihnen meine Augen und meine Materialiensammlungen leihen, wenn die Zeit gekommen. Dann werden Sie tief hineinblicken in unser verborgenes Leben. Nur will ich die Stetigkeit Ihrer Arbeiten nicht beeinträchtigen durch Stoffüberladung. Nur eins will ich Ihnen heute noch erzählen, um der Kontrastwirkung willen. Ein Widerspiel exzessiver Güte der exzessiven Schlechtigkeit. Im Gegensatz liegt die Kunst, auch für den Impressions-Novellisten. Wie lange sind Sie in München, Herr Schlichting? Zwei, drei, Jahre, nicht wahr? Also werden Sie den Mann nicht vom Sehen kennen, kaum vom Hörensagen. Ja, doch, ich selbst habe Ihnen neulich andeutungsweise von ihm gesagt, daß ihn der Preßbandit [288] hin und wieder durch seine ›Kloake‹ schleife. Richtig. Es geht mir so viel durch den Kopf. Die Verhöhnung in dem Sudelblatt ist jetzt vielleicht in München noch die einzige Erinnerung an ihn. Effenbach ist ein Verschollener. Er hat sich vor ein paar Jahren müde, abgehetzt, krank vom hauptstädtischen Schauplatz in seinen Steinbruch zurückgezogen, wie ein todwundes Wild, das im Wald einen Unterschlupf zum Verenden sucht. Vielleicht haben Sie meine Andeutung überhört. Wie's heute um den Maler Effenbach steht, weiß ich selber nicht. Welch' ein unzeitgemäßer Mensch! Stellen Sie sich vor: er lebt im Lande des berühmtesten Bieres – und trinkt nur frisches Wasser; er lebt in der Stadt der saftigsten Braten und Kalbshaxen – und begnügt sich mit der schmalen Pflanzenkost des strengsten Vegetarianers; er lebt in der Kunstmetropole, wo die vertraktesten Modebilder in den Straßen herumlaufen und die Künstler in ihrer Tracht sich der sterilsten und geschmacklosesten Schneiderphantasie unterwerfen, um vor dem herrschenden Philister- und Geckentum nicht aufzufallen – und er kleidet sich in ein schlichtes wollenes Kuttengewand wie ein Mönch; alle Welt verbummelt die heiligen Sonntage so sündhaft und vergnügt wie möglich – [289] und er sammelt seine Gedanken bei den Verachteten und Verlassenen und hält Vorträge über die Quellen des menschlichen Elends; alle Welt liegt auf den Knieen vor dem goldenen Kalb und kankaniert den Narrentanz nach Lust, Reichtum, Ehre – er steht hoch aufgerichtet da in seiner Armut und apostolischen Reinheit, beschäftigt sich mit dem Leid der andern und erstrebt nichts, als daß man ihn unbehelligt seinen uneigennützigen Beruf als Menschheitsfreund erfüllen lasse. Heilandhaftigkeit eines Neu-Nazareners im Lande der alleinseligmachenden Maßkrüge! Wo sogar die himmelragenden Thürme der Metropolitankirche zu ›Unsrer lieben Frau‹ die Form von Riesenmaßkrügen haben. Erlösung dem Erlöser! Die andern besorgen sich ihre Erlösung auf ihre Weise. Durch die Jahrhunderte spottet's vom Jordan zur Isar herüber: Wenn du ein Gott bist, so hilf dir selbst und steig' herab vom Kreuze! Und Effenbach schleppt seinen Kreuzbalken ... Dabei arbeitet er im Stillen rastlos an der Vervollkommnung seiner Kunst, denn er ist ein genial veranlagter Maler, und verschmäht es, sich mit seinen Studien der Öffentlichkeit aufzudrängen. Seine Kunstgenossen sehen ihn über die Achsel an. Welch' ein unzeitgemäßer Mensch, [290] nicht wahr? Nein, mehr als das: ein Phantast, ein Narr, ein Unfugtreiber, ein polizeiwidriges Subjekt! Ja, ja. Wiederholt ist er seiner Kleidung und seiner Lebensweise wegen vor die Schranken des Gerichts zitiert und des öffentlichen Unfugs angeklagt worden. Natürlich! Wo er sich blicken ließ, in unserer gebenedeiten Biermetropole und Kunststadt, lief ihm der Pöbel nach, und die Ansammlung der Maulaffen hätte Verkehrsstörungen und Unglücksfälle verursachen können. Welch' ein Malheur, wenn einige Troddeln unter die Räder gekommen wären! Aber die Troddeln müssen geschützt werden, selbstverständlich. Die vereinsmäßigen laxen Vegetarianer hassen ihn wegen seiner Strenge und unbeugsamen Konsequenz; die parteimäßigen, ihren Mantel nach dem Winde hängenden Politiker und Volksbeglücker verlachen und verachten ihn wegen seiner reinen Unabhängigkeit und Selbsttreue; die große Herde der Gaffer und zeitgemäß gebildeten Philister verspottet ihn als einen Dummkopf aus Prinzip; die fanatischen Frömmler verfolgen ihn ... Man kann sich das brutale Verhalten der Allgemeinheit solchen Ausnahmemenschen gegenüber sehr gut erklären. Schopenhauer hat stets darauf aufmerksam gemacht, daß die sogenannte [291] gute Gesellschaft Vorzüge aller Art gelten läßt, nur nicht die geistigen und reinmenschlichen. Und das geht hinauf und hinab durch alle Schichten der konventionellen Bildungswelt. Wie wird beispielsweise unser König seiner geistigen und menschlichen Eigenheiten wegen angefochten – natürlich nur versteckt, insgeheim, denn seine königliche Würde gewährt ihm einen Schutz, dessen sich andere Sterbliche nicht erfreuen. Er ist in dieser Welt des herrschenden Militarismus kein Kriegsfürst, kein Stechschrittfex; er ist inmitten einer den sogenannten ritterlichen Passionen der Jagd und des Sports huldigenden Aristokratie nicht nur kein Liebhaber dieser grausamen Vergnügungen, sondern deren erklärter Feind: er ist bis zu einem gewissen Grade ein geistig überlegener Gegner unserer herrschenden Kunstzustände und schafft sich auf dem Gebiete des Schönen sein eigenes Phantasiereich. Das alles verletzt die anderen, die jeder Thorheit, Narrheit, Verkehrtheit und Stumpfheit grenzenlose Geduld und liebevolle Nachsicht erweisen, sofern sie in den überlieferten Kram passen, die aber durchaus nicht zugeben wollen, daß wir eigenartig wir selbst seien, wie es unserer individuellen Natur angemessen ist. Wir sollen mit diesen anderen[292] im Einklange leben, wir sollen einschrumpfen, uns umgestalten, d.h. uns verunstalten. Welch' eine barbarische Tyrannei! Einem König ist nicht beizukommen. Aber dem Maler Effenbach war beizukommen. Wie hat man ihn gemartert! ...«

Im Verlaufe dieser Erzählung hatte sich Schlichting leise dem Sprecher genähert.

»Ich glaube den Mann zu kennen, Herr Doktor, Ein sonderbarer Zufall ... ich glaube wenigstens ...«

»Hat es nicht geklingelt?«

Doktor Trostberg erhob sich, tief aufatmend von der langen Rede.

»Wir müssen leider abbrechen. Ich erwarte Besuch. Aber noch das: dieser Effenbach ist es wert, von Ihnen gründlich nach der Natur studiert zu werden. Ein Mensch, der noch niemand beleidigt hat, der in stiller Zurückgezogenheit seiner Liebe zur Kunst und zur Menschheit lebt, nicht wahr, das ist ein ausgesuchtes Original? Schreiben Sie einmal seine Lebensgeschichte mit der Strenge des Gelehrten und mit der Zartheit des Dichters. Ihre Manuskriptblätter lassen Sie mir einstweilen da. Also nicht vergessen: was den modernen Gelehrten so hoch über die flunkernden Dichter und Künstler und schöngeistigen Salbaderer[293] stellt, ist dies: er hat Ehrfurcht vor der Natur und ihrer Wahrheit, er ist kein Falschmünzer. Auch Sie sollen als angehender Schriftsteller dem Leben diese Ehrfurcht nicht versagen. Dies sei Ihnen heiliges Gesetz. Was Sie schreiben, schreiben Sie's als überzeugter Naturalist, aber – drucken lassen Sie's erst nach Ihrem Tode! Auf Wiedersehen!«

Er war aufgesprungen und hatte Schlichting beide Hände gereicht.

Und unter der Thür zum Vorzimmer, wo ein buckliges Männchen mit einem Pack unter dem Arm wartete: »Lassen Sie sich das gesagt sein: Nirgends kann man sich durch Wahrhaftigkeit mehr kompromittieren und mehr Unheil auf den Hals ziehen, als im heiligen römischen Reich deutscher Nation. Adieu. Gute Verrichtung.«

Ohne den Wartenden eines Blickes zu würdigen, die Thürklinke in der Hand: »Herr Maximilian Schlichting, Schlichting! Noch ein Wort! Er hört nicht mehr.« An das Flurfenster eilend: »Wie er in Gedanken und Träumen dahinsteigt, ein junger, wie von der eigenen Saftfülle etwas schläfrig ermatteter Frühlingsgott! Ein verdammt hübscher Bursch mit einem wahren Byronkopf. Dieser bebende Schwingungsreiz der jugendlich [294] schlanken Glieder. Ich darf ihn nicht mehr ansehen, sonst mache ich ihm wirklich noch eine Liebeserklärung. Das gibt einen Leckerbissen für ein verliebtes Weib ... Schade ... Ich hätte ihm noch ein Wort über sein Auftreten gegen den Preßbanditen sagen und doch ein Glas Kognak aufnötigen sollen ... Göttin der Klugheit, strenge Pallas Athene, steh ihm bei!« ... Mit hastigen schlurfenden Schritten eilte er an die Thür, die vom Flur ins Schlafgemach führt, und herrschte den bescheiden in der dunklen Ecke wartenden Handwerksmann an: »Treten Sie daherein! Schnell, ich habe keine Zeit zu verlieren!«

Der kleine bucklige Schneider mit der spitzen Nase, den blitzenden Äuglein und einem wehenden flachsartigen Bart unter dem Kinn hinweg von Ohr zu Ohr, trippelte hinein und breitete den Inhalt seines Packets auf dem Bett aus. Es war ein neuer Frackanzug mit wattiertem Unterbeinkleid.

»Hilf, alter Knabe,« rief Trostberg seinem Diener, dem halblahmen Gabriel, einem verunglückten Zirkusklown, den er vor einem Jahre auf einer Reise in der Schweiz aus Mitleid aufgelesen, [295] »hilf, damit wir die Fetzen gleich anprobieren.«

Gabriel humpelte heran, schnitt eines seiner fünfundzwanzig drolligen Gesichter, indem er die Augenbrauen im spitzen Winkel in die Höhe zog und die Unterlippe schwer herabsinken ließ. Er hatte wieder den ganzen Morgen über das »Ding an sich« gebrütet. Seit er in Trostbergs Diensten, hatte er so vielerlei philosophische Brocken aufgeschnappt, daß er sich des Nachdenkens darüber nicht mehr erwehren konnte. Und erst seit der Doktor ihm selbst einen Band Schopenhauer mit den Worten in die Hand gegeben: »Der sei Dein Erzieher!« hatte der Exklown Anwandlungen tiefsinnigster Grübelei. Zirkus-Erinnerungen und Philosophie gaukelten in seinem Kopf gar wunderlich.

»Du schielst ja wieder wie ein Haremstürke. Hier, zieh mir die Beinkleider aus und hilf mir in die neuen hinein. Erst das.« Und er griff nach den Wattons.

»O da könnt' man Blutwurst mit Kraut schwitzen, so eng ist der Schlauch,« ächzte der Diener und preßte seine Zunge in den rechten Mundwinkel.

»Der gnädige Herr werden zufrieden sein, [296] der Schnitt ist gelungen, die Polsterung am rechten Fleck – sehen Sie, jetzt ist Ihr Bein so gerade gewachsen wie ein spanisches Rohr,« beteuerte der Schneider-Gnom und streichelte und zupfte am Knie und an den Waden herum.

»Da oben zwickt's,« bemerkte Trostberg und deutete auf die verfängliche Stelle.

»Werden wir gleich haben,« sagte geschäftig der Bucklige, warf seinen wehenden Flachsbart auf die Schultern und steckte die spitzige Nase an den bezeichneten Ort. »Aha«.

»So, jetzt ist's gut. Nun den Frack her.«

Gabriel faßte den Frack an den Aufschlägen mit Daumen und Zeigefinger und wiegte ihn in der Luft mit einer Grazie und Vorsicht, als käme jetzt eine Zirkusreiterin angesprengt, um den Teppichsprung auszuführen. »Hipp, hipp,« schnalzte Gabriel leise und seine Augen versanken in einem Runzel- und Faltentrichter, um plötzlich wieder wie Glaskugeln hervorzuschießen. »Bravo, gnädiger Herr, süperb geschlüpft. Man kann's nicht schöner machen. Wille und Vorstellung gleich gut, des größten Artisten würdig.«

»Keine Redensarten. Wie sitzt der Frack? Ist er gelungen?«

»Wie das Ding an sich.« Dabei legte Gabriel [297] sein runzliges Klownsgesicht in Falten und nickte dem Schneiderlein überlegen zu.

»Haben Sie die Rechnung bei sich, Herr Zangl?«

»Zu dienen, gnädiger Herr; sie steckt in der Fracktasche.«

»Nimm sie heraus, Gabriel, und leg' sie zu den übrigen. Sie pressieren doch nicht, Herr Zangl?«

»Rechnungen,« brummte Gabriel, »wir machen uns nichts aus dieser Erscheinungsform des Willens.«

Der bucklige Schneider legte sein dunkelgrünes Umschlagtuch zusammen, verbiß einen Seufzer und antwortete zaghaft mit säuerlicher Miene: »Gar nicht, gnädiger Herr, es sind zwar schlechte Zeiten, wir haben leider ja kein Hofleben mehr in München, keine Feste und Gesellschaften, keinen Luxus, es ist alles so einfach bürgerlich geworden wie in der Provinz, alle Geschäftsleute klagen, aber wir müssen so auch zufrieden sein.«

»Natürlich müssen wir das.«

»Es wird wohl auch wieder besser kommen. Ewig kann's doch nicht so fortgehen.«

»Nein, ewig nicht.«

»Wie es Seine Majestät nur so lange hat [298] aushalten können in den einsamen Bergen und Schlössern, siebzehn, achtzehn Jahre oder mehr ...«

»Die großen Geister haben immer die Einsamkeit gesucht. Nur Alltagsmenschen brauchen die Herde zur Gesellschaft, weil sie sonst vor Langweile umkämen, da sie nichts in sich selbst haben. Ein bedeutender Mensch fühlt sich umgekehrt in der Gesellschaft vereinsamt und allein.«

»Mit Erlaubnis: Seine Majestät soll zuweilen ja Gesellschaft in seinen Schlössern haben, aber nicht die passende ... Stallknechte ... Lakaien ...«

»Das ist seine Sache.«

»Majestät soll in diesem Frühjahr nicht nach München wollen. Die Stadt soll ihm noch verhaßter sein, seit er ... Man hört so allerlei. Sonst befindet sich Seine Majestät doch wohl?«

»Danke gütiger Nachfrage. Den Umständen angemessen. Adieu, Herr Zangl.«

»Adieu, Herr Doktor. Entschuldigen Sie. Adieu.«

»Schließ die Thür, Gabriel, und mache, daß ich aus dem engen Zeug wieder herauskomme. Zu allen Martern des Daseins auch noch diese Zwangskleidung, in der man sich eingepreßt fühlt, wie ein Wickelkind.«

[299] »Bah, Herr, eine zufällige Erscheinungsform, nicht das Ding an sich. Aber was ist das Ding an sich? Dem möcht' ich eins hinaufsitzen, wenn ich's mit der Peitsche erreichen könnte ...«

»Das Ding an sich ist der Klowinismus. Der Klownismus muß da sein, und deshalb ist er da. Er ist der Kern von allem. Reiß doch nicht so! Verneinung des Klownismus ist Verneinung des Willens zum Leben. Drum bist und bleibst Du Klown, so lang Du lebst. Du kannst Dich anstellen, wie Du willst, der Klown ist das Bleibende. Nicht so ungestüm sag' ich.«

Der Kammerdiener-Exklown hatte seinen Herrn bis auf's Hemd entkleidet.

Da ging die Klingel.

»Sieh nach ... Nein, bleib' da. Ich bin ja fast nackt ... Sieh doch nach. Wenn's der Tonheros, der langharige Herr von gestern ist, führ' ihn in den Tempel der Weltlitteratur und biete ihm Zigaretten an und ein Glas Kognak. Musikanten haben immer Durst. Ich sei in der Toilette begriffen und käme gleich, sag' ihm.«

»Den werde ich nach Noten behandeln, den Musikanten,« schmunzelte Gabriel, machte ein Schafsgesicht und hinkte hinaus.

Ein überaus schlanker, hochgewachsener, junger[300] Mann mit langen, schwarzen Haaren und glattrasiertem, fahlem Gesicht trat herein.

Es war Arthur Friedberg. Er wurde von Gabriel vorschriftsmäßig empfangen. Es wurden ihm die Zigarretten vorgelegt – Gabriel steckte zur Nachprobe gleich ein Päckchen in die eigene Tasche; auch die Kognak-Karaffe wurde hingesetzt und Gabriel ließ sich's von seinem guten Genius nicht zweimal sagen, zunächst selbst ein volles Glas hinter die Binde zu gießen. Friedberg berührte nichts.

»Wer sind Sie eigentlich, sonderbarer Hausgeist?« fragte der Musiker mit gekräuselter Lippe, von der Höhe seiner sechs Fuß und des Bewußtseins seines inkommensurablen Talentes herab.

»Ich bin nicht, der ich war, und war, was ich nicht gewesen bin. Der Herr Doktor wird gleich kommen; den kann man viel fragen. Gehen Sie einstweilen mit Ihrem Ding an sich im Tempel der Weltlitteratur spazieren.« Und für sich setzte er im Abgehen hinzu: »Und lassen Sie sich mit Notenköpfen in allen Tonarten klystieren, Sie verstopfte Einbildung von einer hohen C-Trompete.«

[301] »Gnädiger Herr, der ist besorgt und aufgehoben,« meldete der Hinkende.

»Also er gefällt Dir nicht, der Tonheros?«

»Nicht so viel. Das ist ein überspannter Tropf.«

»Gabriel!«

»O, Sie werden ja sehen – und kurzen Prozeß mit ihm machen.«

»Schnell, meinen dunkelbauen Promenadenanzug, Gabriel.«

»Mit dem Sonnenblumen-Orden?«

»Laß Deine Zirkuswitze von damals.«

»Ach, Herr, damals war der ›dumme Aujust‹ auch immer mit den schönsten Orden bemalt, von oben bis unten, vorn und hinten. Der Zirkus ist die vornehmste Welt, das Publikum abgerechnet, und die gelehrteste Welt; so gelehrte Hunde und Schweine – bitte, hier in den linken Ärmel – immer diesen gebildeten Umgang – hier die Manschetten. Ein frisches Taschentuch gefällig? München will eine Kunststadt sein und hat nicht einmal einen Zirkus. Die Kravatte sitzt schief, erlauben Sie. Der hochnäsige Musikant da drinn' möcht' sich wohl auch für einen Künstler ausgeben. Die Hose müssen wir wieder einmal glatt bügeln. Der Hochmut dieser Parterremusiker! [302] Die sollen sich erst einmal aufs Trapez schwingen oder auf die schwankende japanesische Leiter, ehe sie von Kunst reden wollen. Wir hatten einmal einen Musikklown – sonst ein ganz gemeiner Mensch, aber wie der in den höchsten Regionen geigte und eine glatte Serie von Saltomortales dazu machte ...«

»Gabriel, hinkender Teufel, Du bist ein unverbesserlicher Schwätzer und Taugenichts.«

»Wie Gott will, das heißt nach Schopenhauer wie der Wille will.«

»Du hast wieder getrunken?«

»–? –!«

»Marsch, pack' Dich mit Deinem Willen auf Deinen Posten!«

»Immer der alte Schnee: der Wille mit der Marschroute. Der Wille will, was er muß. Also ist der Wille nicht das Ding an sich ... Das Ding an sich ist das Müssen. O Schopenhauer, dem dummen Aujust steht der Verstand still.«

»Besser, es stünde ihm das Maul still.«

Der Doktor lächelte dem forthumpelnden Diener nach.

Der Musiker stand mit verschränkten Armen und zusammengekniffenen Lippen vor dem Bilde Schopenhauers. Er trug einen hellbraunen Überrock [303] mit dunklem Samtkragen, etwas zu kurze Beinkleider, absatzlose Schnabelschuhe, gelbe waschlederne Handschuhe und um den Hals ein weißseidenes Tuch lose über dem modischen Stehkragen geknotet. Die Haare waren von der Stirn zurückgekämmt, bauschten sich an den Ohren auf und fielen als wirre Büschel auf die Schultern. Es war ein Gemisch von altfränkischer Künstlerziererei und modischer Sauberkeit in der ganzen Erscheinung. Aus den Zügen des nicht unangenehmen Gesichtes sprach fanatisches Selbstbewußtsein.

Nachdem er die Begrüßung und Entschuldigung des eintretenden Doktors mit feierlicher Miene angehört und mit stummer Verbeugung erwidert, nahm er auf dem ihm angewiesenen Lehnstuhl Platz. Doktor Trostberg liebte es, sich der besseren Beobachtung wegen zu neuen Besuchen so zu setzen, daß sein Gesicht im Schatten blieb, während auf das des Gastes volles Licht fiel.

»Womit kann ich Ihnen dienen?«

Indem Friedberg langsam die gelben Handschuhe abzog: »Ich komme aus Italien, wo ich mit meinem verehrten Meister Franz Liszt den Winter zu verleben pflege. In Neapel habe ich [304] die Bekanntschaft des genialen Architekten und vielseitigen Reisenden Joseph Zwerger gemacht. Aus seinen Andeutungen schöpfte ich das Vertrauen, daß Sie meine Annäherung nicht abweisen würden. Ich glaube, unsere Wege bewegen sich nach dem nämlichen hohen Ziele: der überlegenen deutschen Kunst die Weltherrschaft zu sichern, zunächst durch eigene Produktion, dann durch Förderung des besseren Bekanntwerdens der Meisterwerke anderer, hauptsächlich Franz Liszts.«

»Sie gestatten eine Unterbrechung: Sie sind Raucher? Lassen Sie uns auch auf diesem Wege das nämliche hohe Ziel anstreben: hier Zigarretten aus Genidezetabak, russische Papyros, Feuer, bitte, bedienen Sie sich. Es hört und spricht sich besser beim Rauchen.«

»Ich bin Tondichter – danke, es brennt schon; Sie sind Wortdichter – vorzüglicher Tabak. Ich schlage Ihnen eine gemeinsame Arbeit vor.«

»Ah, Sie wünschen ein Libretto für eine, große Oper.«

»Nein. Wenigstens vorderhand nicht. Ich habe im Stile und unter den Augen und Ohren meines verehrten Meisters Franz Liszt umfangreiche, den Konzertabend füllende symphonische [305] Tondichtungen geschaffen. Dazu bedarf ich eines fein ausgeführten, poetischen Programmes. Es handelt sich um Programm-Musik, verstehen Sie, für großes Orchester.«

»Ich verstehe, Herr Friedberg. Darstellung bestimmter poetischer Stoffe durch Instrumentalmusik, wie die poetisierenden Symphonieen von Liszt, Berlioz, Raff, Romantik mit Pauken und Trompeten und so weiter ...«

»Sie kommen mir wunderbar entgegen, Herr Doktor. Ich gehe aber weiter, als die Genannten, ich erweitere den Gedanken- und Gefühlsinhalt der Programm-Musik in neuen, eigenartigen Formen.«

»Bitte, gehen Sie lieber nicht weiter! Ich ahne alles, was kommt – und verwerfe alles.«

Friedberg, die Zigarrette aus dem Munde nehmend, mit überlegenem Lächeln: »Wie vermögen Sie das?«

»Rund heraus: ich betrachte die ganze moderne Instrumentalmusik als einen kolossalen künstlerischen Irrtum; ich negiere alle von Sebastian Bach bis auf Wagner und Brahms komponierte programmatische Musik grundsätzlich. Für mich ist Bach nicht weniger auf dem Holzweg, als Wagner; Mozart und Beethoven nicht weniger, [306] als Liszt und Brahms. Nur durch die im Verlaufe der Zeit und der Gewöhnung geschaffene Verderbnis des Gehörs sind wir überhaupt im stande, moderne Instrumentalmusik zu ertragen. All' unsere Begriffe von Wohlklang und Übelklang, von melodisch und unmelodisch, von harmonisch und disharmonisch sind das Ergebnis einer grundfalschen musikalischen Erziehung. Späteren, natürlicheren Zeiten und Bildungszuständen wird es ganz unerklärlich bleiben, wie unsere so viel gepriesene Zivilisation diese unsinnige Instrumentalmusik so hoch und wichtig nehmen konnte. Ich finde sie widernatürlich, scheußlich. Was gibt uns denn diese Instrumentalmusik, die von einem siebzig bis hundert Mann starken Orchester in unsere armen Ohren geschmettert, gepfiffen, gestrichen, getrommelt und gepaukt wird, an gegenständlichen Klangfiguren und Klangzeichnungen? Nicht so viel als uns zum Beispiel in der Malerei Tapeten- und Kleidermuster geben. Erwecken denn diese Striche, Linien, Punkte, Tupfen in allen erdenklichen kaleidoskopischen Durcheinanderschüttelungen, die alles malerischen Sinnes und Verstandes entbehren, erhabene Gefühle und Stimmungen in uns? Das wird niemand zu behaupten wagen. Aber in unserer [307] musiktollen Welt gibt es sogar geistreiche Leute, die sich nicht genieren, die musikalischen Striche, Linien, Punkte und Tupfen, die vom Orchester rhythmisch und harmonisch durcheinander gemischt werden, erhaben und entzückend zu finden. Wenn ich aber durch musikalisches Geräusch mich erheben und entzücken lassen will auf dem Wege sinnlich-sinnloser Klangeinwirkungen, so bedarf ich dazu gar keines Kunstapparates, keines kostspieligen Orchesters; dazu reicht das musikalische Geräusch der Natur aus. Ja, ich finde, die einfache Natur wirkt noch viel tiefer und mächtiger. Oder welche Instrumentalmusik reicht denn an die rührenden, beseligenden, erschreckenden Wirkungen heran, welche auf unser Gemüt das Rauschen des Waldes, das Brausen des Sturmes, das Heulen des Windes, das Pfeifen des Hagelschlages, das Rollen des Donners, das Säuseln und Schauern der Luft, der Gesang der Vögel, das Plätschern des Baches, das Murmeln des Quells und so weiter hervorrufen? Für den denkenden und phantasievollen Menschen ist hier auch eine ganz andere Fülle innerer Gesichte und Gedankenverkündungen, als in der wort-und gedankenlosen Instrumentalmusik für großes und kleines Orchester. Sublim, rufen unsere Musiklärmschwärmer! [308] Dann ist die Münchener Bockmusik auch sublim, und die Tanzmusik nicht weniger erhaben, als die prätentiösen Konzert-Ouvertüren Mendelssohns und Schumanns ...«

Der Musiker hatte den Kopf zurückgeworfen, die Zigarrette mit den Zähnen zerbissen und drückte und kneipte jetzt mit den langen, knochigen Fingern an seinem Halse herum, als würge ihn etwas zum Ersticken. Endlich brachte er zerhackt die Frage heraus: »Aber die Verbindung von Wort und Ton, die Verschmelzung von Poesie und Musik zu völliger Einheit, wie in Wagners Musikdramen, lassen Sie gelten?«

»Bedingungsweise, Poesie und Musik vereinigt, aber unter Vorherrschaft der Poesie.«

»So, so. Da werden wir uns hart thun. Übrigens grau ist alle Theorie. Das fertige Kunstwerk entscheidet. Wenn Sie erst einmal eine meiner Hauptschöpfungen gehört, empfunden, sozusagen erlebt haben, denken Sie – ich wage das zu hoffen – über gewisse fundamentale Punkte vielleicht weniger schroff. Aber lassen wir das heute auf sich beruhen. Noch etwas Anderes ließ mich auf des Herrn Zwerger Andeutungen hin die Ehre Ihrer Bekanntschaft suchen ...«

[309] »Herr Zwerger, ja, ja, der ist immer stark in Andeutungen. Er hat merkwürdige Schrullen. Wie geht's ihm denn? Ich habe so lange nichts mehr von ihm gehört. Nach Epochen absoluter Ruhe pflegt er loszubrechen wie ein scheintoter Krater und seine Briefe und Mitteilungen kommen dann glühend dahergerast wie verheerende Lavaströme. Gegenwärtig scheint seine vulkanische Natur in der Ruheperiode zu sein.«

»Ich kenne ihn nur so weit, daß ich ihn als einen ungewöhnlichen Menschen schätzen lernte. Es scheint ihm gut zu gehen. Meine Beobachtung stimmt mit der Ihrigen. Er ist ein wunderbares Gemisch von Sanftmut und Wildheit, von Ruhe und zehrender Ungeduld. Ein scheintoter Krater, wie Sie sehr richtig sagen. Also: er machte mir Andeutungen von Ihren einflußreichen Beziehungen zu Bayerns erhabenem Kunstfürsten in Ihrer Eigenschaft als geheimer Hof-Theaterdichter.«

»Erlauben Sie, da ist er in einem Wahn befangen wie so viele, die wenigstens besser unterrichtet sein könnten. Was für Klatschereien über die Umgebung des Königs und seine intimsten Verhältnisse machen heute die Runde um die Welt!«

[310] »Je nun, Hochachtung vor Ihrer Bescheidenheit, Herr Doktor; mir dürfen Sie in aller Aufrichtigkeit einräumen, daß Sie gute Beziehungen haben. Die haben Sie, nicht wahr? Nun hören Sie. Wie König Ludwig für den Meister von Bayreuth mit seiner königlichen Kasse und seiner königlichen Protektion eingetreten, so wünschen wir – meine Wenigkeit und ein anderer Tonkünstler meiner Schule – daß seine Majestät für unsere Richtung, für die neueste programmatische Zukunftsmusik, uns seine huldvolle Protektion zu leihen geruhe. Nichts weiter als seine ideale Protektion. Kein anderer Fürst in der Welt hat diesen macht- und glanzvollen Namen als Schirmherr der Kunst wie Ludwig von Bayern. Und nur um die Gunst des Namens ist es uns zu thun, um die Weihe unserer Bestrebungen durch sein erhabenes Protektorat. Wie die Fürstin Wittgenstein so treffend zu Wagner sagte: ›Notre art est un art de millionaire‹, so können wir Jüngsten auch von unserer Kunst sagen: sie ist eine Kunst für Millionäre. Wir verschwistern die älteste Weltmacht Kunst und die neueste Weltmacht Kapitalismus zu ideal-praktischem Bunde, das Genie der Millionen mit dem Genie der Muse ...«

[311] »Ihre Zigarrette ist ausgegangen.«

»Die Millionen sind auf unserer Seite ...«

Doktor Trostberg hielt dem Sprecher ein brennendes Streichholz hin und fixierte ihn mit kaltem Blicke.

»Mein Mitstrebender ist ein naher Verwandter Rothschilds ...«

»So. Sie wollen nicht mehr anzünden?«

Friedberg achtete keiner Unterbrechung. Er schüttelte nur seine schwarze Mähne, daß ihm das Haargewirr über die Ohren ins Gesicht flog.

»Auf der einen Seite der König der Finanz, auf der andern Seite – – verstehen Sie? Die Kombinationen sind unabsehbar. Wir gründen zunächst eine internationale Programm-Musikgesellschaft mit dem Sitz in München; wir werben ein internationales Riesenorchester an; wir nehmen der Reihe nach sämtliche erste Konzertinstitute und Musiksäle der größten Kunstzentren in Pacht, mit München beginnend, zur ausschließlichen Aufführung unserer Werke ...«

»Verzeihen Sie, es hat geklingelt. Ich kann nicht länger über mich verfügen.«

»Ich werde Ihnen unseren Plan schriftlich mitteilen. Ich kann auf Ihre Fürsprache bei dem Könige rechnen, sobald Sie etwas Positives [312] schriftlich von uns in Händen haben, Herr Doktor? Ich bin ja nur auf der Durchreise hier, zur Sondierung ...«

»Gestatten Sie, daß ich Ihnen auch etwas Positives schriftlich mitgebe, eine Empfehlung an einen einflußreichen, kunstverständigen Freund ... Sie können davon Gebrauch machen, sobald Sie wiederkehren.«

Friedberg stand hoch aufgerichtet da. Trotz seiner Erregung war während des Redens die fahle Farbe seines Gesichtes nur blässer geworden.

Doktor Trostberg überreichte ihm ein Kuvert mit seiner Karte, darauf er mit Bleistift bloß die Worte geschrieben: »Herrn Direktor Dr. von Gudden.« Den internationalen Tonheros-Millionär zur Thür geleitend, verabschiedete er ihn mit einer Verbeugung: »Die Adresse können Sie im Gebrauchsfalle sehr leicht erfragen. Auf Wiedersehen.«

»Ich habe die Ehre, Herr Doktor.«

»Wer hat geklingelt, Gabriel? Es ist ja niemand da?«

»Verzeihung, ich habe selbst geklingelt, gnädiger Herr, um das Zeichen zum Aufbruch zu geben.«

[313] »Großartig. Du nimmst Dir Freiheiten heraus –«

»Ich habe vergessen, Herr Doktor: der Maler ist auch schon dagewesen und hat das Bild wieder gebracht. Der Herr Süßmann – –«

»Hat's also nicht loszuschlagen vermocht? Das hat man von den Kunstvereinsgewinnsten. Siebenhundert Mark Wert schreiben sie darauf, aber kein Mensch mag's um diesen Preis, nicht einmal um die Hälfte, nicht um ein Drittes. O Kunststadt!«

»Amen. Gerade jetzt hätten wir Baargeld so notwendig. Man kann zwar sehr gut von Schulden leben, wenn man sich's ordentlich einteilt. Aber das ist der Pessimismus: man kann sich's auf die Länge nicht ordentlich einteilen ...«

»Hansnarr! Wo ist das Bild? Lass' mal sehen.«

Gabriel schleppte den Kunstvereinsgewinn aus der Küche herbei: »Wären die Viecher doch nur lebendig, das gäb' ein Schlachtfest ... Was thut man nicht aus Verzweiflung. Man hängt doch lieber Schinken in den Schlot, als ein ungenießbares Oelgemälde ...«

»Geh, Barbar. Stell' es weiter nach links, [314] da ist das Licht besser. Gut. Prächtiger Rahmen. ›Ein Schweinestall im Freien‹ heißt das sinnige Gemälde. Von irgend einem berühmten Polaken, Schubiakowski, oder so ähnlich, mir ganz unbekannt. Moderne Hellmalerei, hm. Das ist ein schlechter Verkaufsartikel. Ein klassisch geschundener Heiliger oder Raubritter oder sonst etwas Ewigdummes aus der Mythologie würde eher einen begeisterten Käufer finden.«

»In der Ecke hockt die Sau.«

»Mutterschwein, sagt man.«

»Diese Frau Mutter von einem Schwein ist die schönste Sau, die ich in meiner Künstlerlaufbahn gesehen; für den Zirkus schon zu fett. Da kommt man mit der Dressur nimmer durch. Ach, wenn ich an sie denke, die Genossin meines Ruhms und meiner Leiden ...«

»Im Vordergrunde tummeln sich drei, sechs, acht, zehn Ferkeln, weiß und zart, ein Bild des Frohsinns und Lebens. Ein ideales Familien-Idyll.«

»Darüber hängt an einer Borste das Schwert des Damokles in Gestalt des unsichtbaren Schlächtermessers. Wollen wir den armen Opfern eine Thräne weihen, Herr Doktor?« Gabriel trat einen Schritt zurück, betrachtete von der Seite [315] seinen Herrn mit einer spöttischen Fratze. Seine Augen gingen vom Bild zum Doktor und vom Doktor wieder zum Bild und machten unterwegs Abstecher nach unten und oben; die alte Klownsnatur bekam so mächtiges Oberwasser, daß alle philosophischen Anwandlungen in grotesker Verzerrung zur gemeinen Spaßhaftigkeit mit fortgerissen wurden.

»Wie viel Schweine haben Sie gezählt, Herr Doktor? Zehn junge und ein altes? Ich bringe mehr heraus ...«

»Ich auch, wenn ich Dich mitrechne.«

»Ich bin nicht so anspruchsvoll, daß ich bei jeder Volkszählung dabei sein muß. Ich zähle nur die sogenannten Menschen auf dem Bilde mit ...«

»Ja, über die Bretterwand hinweg sieht ein Bursche mit einem Kinde im Arm und eine Frau mit einem Kübel, aus dem sie den Trog füllte. Der Maler hat aber offenbar seine ganze Hochachtung und Kunst nur den Schweinen gewidmet. Die Menschen sind den Tieren gegenüber sehr schlecht weggekommen.«

»Eigentlich sind die Menschen die wahren Schweine.«

»Esel, das ist das neue Kunstprinzip der Hellmaler, [316] die Menschen wie die Schweine und die Schweine wie die Menschen darzustellen. Das ist der sogenannte Naturalismus.«

»Das leuchtet mir ein, gnädiger Herr, ohne daß Sie sich in Avancements-Unkosten zu stürzen brauchen meinetwegen. Den Esel hebe ich mir auf, wenn ich wieder Schopenhauer studiere.«

»Sei nur nicht gleich empfindlich, mein kluger Engel Gabriel.«

»Erzengel, Herr Doktor.«

»Erzschuft.« Und der Doktor streichelte dem Exklown die verrunzelte Wange. »Siehst Du, die Menschen sind so ausdruckslos und stumpfsinnig auf dem Bilde und die Schweine so nett und aufgeweckt; auf den Gesichtern der Menschen liegt der Schmutz faustdick und die Schweine sind so frisch gewaschen in ihren weißen, rosigen Borstenhemdchen, so wunderschön glatt und gepflegt, und wie sie sich lustig grunzend zum Troge drängen und sich drücken und die Rüssel sich wie liebkosend an einander reiben. Geh', es ist ein reizendes Bild.«

Gabriel streichelte die gemalte Muttersau, ging mit dem Zeigefinger den Ringeln ihres Schwänzchens nach, tippte an ihrem milchgeschwollenen [317] Bauche herum – und leckte sich dann die Finger, ab. »Suk, suk, suk ...«

»Pfui, Gabrielchen.«

»Schade, daß nichts dahinter ist. Alles nur Vorstellung, wie bei Schopenhauer.«

»Du bist mir der rechte Spiritualist und Metaphysikus; Deine Vorstellungen gehen immer nach der Speckseite, nach dem schweinernen Grund der Dinge.«

Es klopfte an der Thür. Durch das Vorflurfenster spottete das blonde, löwenmähnig umwallte Gesicht des Doktors Erwin Hammer von den »Ungespundeten« herein. Er trommelte stürmisch an die Scheibe.

»Fort mit dem Bilde in die Küche!« befahl Trostberg. »Na, der würde uns schön auslachen. Dem ist nichts heilig, nicht einmal der Kunstschweinsgenuß. Verschließ' es gut. Wir versilbern's doch noch.«

»Ich bringe angenehmen Würzburger Besuch Trostberg. Öffne Dein Zauberschloß!«

»Gleich, gleich. Ein Gedanke, Gabriel! Vergiß nicht, den ›Schweinstall im Freien‹ dem Herrn Kommerzienrat Raßler anbieten zu lassen. Vielleicht heimelt ihn das Sujet an. Aber nicht sagen, wo das Bild herkommt! Preis dreitausend [318] Mark! Der Maler mit dem unaussprechlichen polnischen Namen sei der größte Schweinekünstler des Jahrhunderts, ein Spezialist von Weltruf, sei mehrfach geadelt und Inhaber von neunundneunzig Orden, male nur zu seinem Vergnügen, daher der billige Preis. Das wird dem Kunstfreund imponieren ... Verstanden Gabriel? Heute noch besorgen!«

Während Gabriel den Auftrag seines Herrn beifällig begrunzend, mit dem Bilde in der Küche verschwand, öffnete Doktor Trostberg gravitätisch die Hausthür.

»Ah, was sehe ich, welche Überraschung, ist es denn möglich, sind Sie's – bist Du's wirklich, Oberamtsrichter, Regierungsrat, Finanzdirektor oder wie Du dich sonst betitelst. Du avancierst ja immer. Deine Karriere ist der reine Blitzzug ... Es ist eine Ewigkeit her –!«

»Hab' ich's nicht gesagt, ich bringe angenehmen Besuch?« tenorte der Ungespundete und schob den etwas verdutzten Herrn mit der gestrengen, selbstbewußten, typischen Beamtenphysiognomie und der goldenen Brille und dem provinzlerhaft sorgfältigen Anzug über die Schwelle. »So, jetzt habt Ihr Euch. Empfehle mich. Heute Abend [319] bei den ›Ungespundeten‹ sehen wir uns wieder. Addio, Regierungsrat.«

»Komm' doch auf einen Sprung mit herein, Doktor Hammer!«

»Bedaure, hab' keine Zeit. Bin auf der Suche nach Drillinger. Weißt Du was von ihm?«

Trostberg schüttelte den Kopf, während er die beiden Hände des Regierungsrats aus Würzburg faßte. »Entschuldige nur ...«

»Also nochmals Addio.«

»Das ist kein Haus, das ist ein Taubenschlag,« brummelte Gabriel, indem er das Bild gegen die rußige Wand lehnte; er setzte sich auf den Küchentisch und nahm behaglich eine Zigarrette aus dem Päckchen. »Für den Schnabel. Ei, das schmeckt gut, wie ein Kraut aus dem Paradies. Besser noch, wie ein Kuß, ein frisch gebackener, im Frühling.« Und er blies kunstvolle Ringe und schmatzte den luftigen Gebilden nach und streckte die Arme aus und reckte sich. »Jetzt wär' ich aufgelegt ...« Nach kurzem Besinnen holte er sich aus einer alten Kohlenkiste eine »aufgesparte« Kognakflasche hervor, that einen kräftigen Zug: »Hurrah, es lebe der Zirkus Trostberg!« und noch einen: »Der Zirkus Schopenhauer!« und noch einen: »Was wir lieben!« [320] Nachdem er die Flasche wieder versteckt, warf er den Kopf in den Nacken, klatschte leise in die Hände und rief im Zirkusjargon: »Mjusik, Mjusik!« Dann setzte er sich auf den Tisch und jonglierte mit Korkstöpseln ....

Die Thür weit aufstoßend, war Trostberg inzwischen mit seinem Freund Regierungsrat Arm in Arm in den »Tempel der Weltlitteratur« geschritten ... Der Regierungsrat kniff die dünnen Lippen zusammen, rückte an seiner goldnen Brille auf der scharfkantigen Nase herum, strich sich die glatt gescheitelten, fest an dem birnförmigen, knochigen Kopf klebenden graumelierten Haare und sagte kühl und scharf: »Erlaube zunächst eine Vorbemerkung, verehrter Freund: dieser Erwin Hammer mit seinem geräuschvollen Wesen will mir gar nicht mehr gefallen. Er spricht so laut und frei, daß die Leute auf der Straße stehen bleiben. Unsereiner kommt ordentlich in Verlegenheit. Das geht nicht. Man kann von Kollegen, von Vorgesetzten beobachtet werden. Verstehst Du? Und diese gefährliche Aufspielerei: ›ungespundet‹! Was ist denn für ein Geist in die Leute gefahren? Sie sollten doch mehr Rücksicht auf unsere Situation nehmen. Man muß sich wahrlich scheuen, mit ihnen umzugehen. Zumal [321] jetzt, – wir sind doch unbelauscht? –! – wo so bedeutsame Veränderungen in der Luft liegen. Wir Diener des Staates – ich komme soeben vom Minister – Du verstehst mich doch? Die Zeiten ändern sich. Tempora ...«

»Mutantur, nos et mutamur in illis. Aber das wird sich gleich aufklären. Bitte, mach Dir's nur erst bequem.«

Trostberg eilte in die Küche: »Gabriel, ich bin nicht zu Hause, bis der Lateiner da d'rin fort ist. Ich bin für niemand zu sprechen – hüte die Thür! Nur für den Fall, daß ein Kurier –« Damit war der Sprecher schon davon.

Der Diener vollendete mimisch den Satz, indem er den Kopf ehrfürchtig neigte und die Arme auf der Brust kreuzte. »Seiner Majestät allerunterthänigster Diener.«

Gabriel humpelte an die Hausthür und wollte den Riegel vorschieben. Zuvor steckte er den Kopf lauernd hinaus. »Ah, ah, ah, 's Wäschermädel ... Pst, pst! ... Leise herein; so, weiße Unschuld, das hast Du schlau erwischt, Anna.«

»Die Wäsche für den gnädigen Herrn!« wollte die Prinzeß vom Waschkessel heraustrompeten und [322] ihren Korb auf die Schwelle stellen, um die betreffenden Wäschestücke herauszunehmen.

Schnell hielt ihr Gabriel den Mund zu und zog sie hinter die Thür, schob den Riegel vor und geleitete das erstaunte Wäschermädchen in das Schlafzimmer, immer auf den Zehenspitzen und mit dem Finger an den Lippen Schweigen gebietend. Er schob Anna, die sich leise sträubte, in die Fensternische, hinter den Vorhang; mit großen verwunderten Augen blickte das Mädchen bald auf den drolligen Diener, bald durch die Scheiben in den kleinen heimlichen Garten. »Ja, was ist's denn?« fragte sie schüchtern.

»Jetzt dürfen wir schon lauter schwatzen, hübscher Schneck. Da hört uns niemand. Der gnädige Herr hat hohen Besuch. Ein Lateiner! Da geht's auf Leben und Tod!«

»O Gott,« machte das Mädchen. »Lassen Sie mich gleich wieder fort, ich fürcht' mich. Dort im Korb –«

»Pressiert nicht,« grinste der Exklown, nahm seine süßeste, verführerischste Maske vor, tätschelte Annas Wangen, strich wie zufällig über ihre Hüften hinab und schwatzte dabei in einem Zuge, ein Gesicht dem ihrigen nähernd: »Das ist die merkwürdige Geschichte von dem Ding an sich, [323] Wie der Philosoph Schopenhauer gesungen hat: Es fühlt wohl jeder Mann einmal 'neu Hang zum Wäscherpersonal. Hast gut gewaschen? Ordentlich gebügelt? Recht steif gemacht? Der gnädige Herr mag's recht steif. O, weißt Du, der will's extra; die Hemden, die Kragen, das heißt, besonders die Manschetten recht steif, wie Blech. Du bist ein süßer Schneck.«

Das Mädchen machte sich von dem Zudringlichen los, schlüpfte unter den Vorhang weg, packte eilig die Wäsche aus und legte sie aufs Bett.

»Und da ist die Rechnung, die zwei letzten sind auch noch dabei. Ich soll das Geld ja mitbringen, sagte die Frau Huber.«

»O das pressiert nicht, und dann schau, Schneckerl, Du könntest's verlieren. Wir schicken Dir's mit der Post, mit der Eisenbahn, mit dem Telegraphen, mit dem Telephon, oder mit einem noch neueren Instrument, das g'rad erfunden wird. Heut nicht und morgen auch nicht, schau, Schneckerl, aber im nächsten Schaltjahr, da haben wir einen Tag mehr, den heben wir uns extra auf fürs Schuldenzahlen. Also einen recht schönen Gruß an die Frau Huber.« Dabei bemühte er sich wieder, das Mädchen in seine Arme zu bekommen. [324] Der frische Geruch ihrer Kleider, der warme Duft, den ihr junger, gesunder Leib atmete, dazu ihre Angst, in dem fremden Schlafgemach mit dem dämmerig verhüllten Fenster durch ein zu lautes Wort Skandal herbeizuführen, und zugleich ihr Bemühen, den verliebten Possenreißer abzuwehren, wodurch ihre Aufregung nur vermehrt wurde: das alles berauschte den sinnlichen Menschen und machte ihn kühner und frecher. »Schau,« flüsterte er heiß und seine Augen zwinkerten lüstern, »wir sind abgebrannt, wir brennen immer ab, das Lehel ist überhaupt feuergefährlich, gestern hat's auch in der Schneiderei gebrannt –« Jetzt umschlang er sie mit beiden Armen und zog sie zu sich nieder auf das alte Ledersopha, das dem Bette gegenüber an der Wand stand – »Erzähl' mir von dem Feuer in der Schneiderei, komm' Schneckerl, das interessiert mich. Der Schneider ist ein guter Freund von mir und die Schneiderin ist auch eine gute Freundin von mir ...«

»O Sie Schwindler, es ist ja gar keine Schneiderin da. Die Frau ist längst gestorben.«

»Das macht nichts.«

»Hören Sie auf! Sie thun mir weh ...« Sie preßte die Beine zusammen, machte sich [325] ganz steif und versuchte mit dem Ellbogen zu stoßen.

»Warum wehrst Du Dich denn so?«

»Oh, aber nein ... Pfui. Lassen Sie mich los!«

»Wie ist denn's Feuer angegangen?«

»Ich erstick' ja ...« stöhnte Anna und mühte sich verzweifelt, aus der leidenschaftlichen Umklammerung des Gewaltthätigen sich loszuringen.

»Das Feuer ...«

»Ich mag nicht. Sie halten mich auch für so eine ...«

Schon glaubte der Exklown mit der Ermattenden gewonnenes Spiel zu haben, als Anna durch eine geschickte Bewegung ihren rechten Arm freimachen und dem Zudringlichen eine so saftige Ohrfeige und einen Schlag auf sein Kunstgebiß versetzen konnte, daß er die Engel im Himmel in allen Tonarten singen hörte. Am liebsten hätte sie ihn erdrosselt.

»Mit mir geht's nicht so leicht, wie mit der Monika,« schrie zornig das Mädchen, schüttelte ihre Kleider und steckte sich flink die Haare zurecht. »Wir wissen schon, was Sie mit der gemacht haben, Sie ...«

»Pst, pst!« jammerte Gabriel und hielt sich [326] vor Schreck und Schmerz die Ohren und den Mund zu, während er mit der Zunge einen abgeschlagenen künstlichen Zahn herausstocherte.

Sie riß den Korb vom Boden auf und stürmte spornstreichs davon. Eine Wut hatte sich ihrer bemächtigt, daß sie alles über den Haufen hätte rennen mögen. Wenn's noch ein richtiges, fesches Mannsbild gewesen wäre, aber dieser grinsende Aff'! Ein Wäschermädel darf freilich nicht zimperlich sein und muß sich auf allerhand gefaßt machen, wenn sie mit Herren allein in einem Zimmer zu thun hat, das Mannsvolk kann von der Schmiererei und Druckerei nicht lassen, und die höchsten Herrschaften sind oft die allerunfeinsten und die Gebildeten die allerfrechsten, aber so etwas, wie dieser hinkende Teufel, nein, das war ihr noch nicht vorgekommen. Dieser unverschämte Hund. Na, das wird dem Doktor g'steckt, der soll wissen, was für ein Vieh er zum Bedienten hat. Und die Geschichte mit der Monika soll ihm auch noch eingerieben werden. Und in Geldsachen gar nichts Nobles, niemals ein Trinkgeld, dazu die ewige Pumperei. Was wird nur die Frau Huber sagen, wenn sie heut wieder ohne einen Pfennig heimkommt! Eine saubere Kundschaft! Neulich hat sich der freche Hanswurst [327] wurst gar auf den König hinausgeredet: der König zahle auch nicht gleich und der Herr Doktor hätte selber viel zu fordern ...

Und wütend warf Anna ihren Korb von einem Arm zum andern, daß die weißen, steif gebügelten Hemden aufraschelten. In die Brandversicherungskammer mußte sie noch und in die Hofsägemühle an der Maximiliansbrücke und zum Konsul Schmerold in der Quaistraße. Da hatte sie sich in ihrem Zorn ja richtig verlaufen! Links hinüber beim Jägerwirt! In ihrer Hast hatte sie mit ihrem Korb ein kleines Kind gestoßen, daß es plärrend in die Straßenrinne fiel. Ein altes Weib keifte hinter ihr her. Jawohl, man kann auf jeden Bankert auch noch Acht geben ... Wie sie jetzt scharf um die Ecke bog, rannte sie einen Herrn, gerade auf den Leib.

Es war Maximilian Schlichting.

Nach der langen Sitzung bei Trostberg und dessen ermüdender Rede, die er wie im Halbtraum angehört, schwindelte ihm der Kopf. Er mußte sich noch eine Zeitlang in der Luft ergehen und seine Gedanken sammeln, bevor er den Besuch beim Preßbanditen unternehmen mochte. Am liebsten wäre er auf und davongegangen. Die ganze Welt ekelte ihn an. Was hat ihn[328] nur so glötzlich in ihre schlammige Wirbel gerissen? Was wollte sie eigentlich von ihm? Als er noch abseits stand und mit allen Kräften des Leibes und der Seele seinen stillen Studien lebte, wie fühlte er sich da rein und gesund! Jetzt mußte er knietief in ihrem Schmutze waten, warum? Der Leiden und Leidenschaften anderer wegen. Zwischen gestern und heute dünkte ihm eine Ewigkeit zu liegen und er sich selbst ein Fremder geworden zu sein. Der glückliche Mensch in seiner Steinbrucheinsiedelei, der jetzt allen Stadtunrat hinter sich hatte! Die glückliche Flora, die in Italiens paradiesischen Gefilden schweifen durfte! Aber jetzt nicht daran denken! Der Weg, ist jedem vorgezeichnet; der muß gegangen werden. Jede Zögerung macht ihn nur mühsamer, jede Abschwenkung nur länger. Das Schicksal hat uns am Schopf und läßt nicht aus. Wer nicht gehen will, wird geschleift. An sein Ziel muß jeder, so oder so. Schlichting hieb mit seinem Stock eine matte Hochquart in die Luft, spuckte aus und nahm die Richtung nach der Behausung des Preßbanditen. »Wie mich der wahnsinnige Idiot wohl empfangen wird?«

Der Preßbandit hatte sich heute frühzeitiger! denn sonst an sein ehrsames Handwerk gemacht [329] »Morgenstunde hat Gold im Munde,« schmunzelte er, als er den Stoß Briefe gemustert hatte, den er auf seinem Tische vorfand: »Paillards Hand – und hier der Oberkomödiant Geiling – und hier die Dichterin Thusnelda Wechsler – das edle Kleeblatt seh' ich immer gern, die wissen, was sie einem Manne wie mir schuldig sind – drei, vier, fünf unbekannte Pfoten – hier ein amtliches Siegel, hier wieder eins, die heb' ich mir bis zuletzt auf, die Ämter soll der Teufel holen; die Aktenschmierer sind einem Journalisten von meiner Befähigung immer aufsässig; – hier ein Sendschreiben von meinem juristischen Nothelfer, dem AdvokatenDr. Ofenschlupfer, das ist eine Perle von einem Anwalt, der packt überall an und beißt sich durch wie ein Fuchs. Ohne seine freche Schnautze wär' meine Strafliste noch einmal so lang geworden. Was will denn der Gute? Seinem Klienten guten Morgen wünschen? Das dürfte er schon, ich setze ihn reichlich in Nahrung ... Was? Ein Absagebrief? Er mag nichts mehr mit meinen Rechtsgeschäften zu thun haben? Unmöglich. Das ist ein Irrtum, so sehr kann man sich nicht in einem Menschen täuschen. Da hat man mich bei ihm verleumdet. Ich muß ihn um Aufklärung bitten. Das lass' [330] ich nicht auf mir sitzen. Sofort ad notam. Ein halbes Dutzend Postkarten – zwanzig neue Abonnenten – hussa, das Geschäft blüht. Alte bring meinen Kaffee herein! Der Tag fängt gut an. Heute laß ich mich nicht ärgern. Drei Hörnchen mehr, auch von dem Gugelhupf und viel Butter. Hörst Du, Alte?«

Die Thür seines »Redaktionsbüreaus« war nur angelehnt. Die »Alte«, wie er seine holde Gattin und Gebieterin titulierte, wenn er sie gemütlicher Stimmung wußte, war nebenan in der Küche mit der Zubereitung des Frühstücks beschäftigt. Die brave Dame mußte sich heute dieser Arbeit selbst unterziehen, weil gestern die Köchin plötzlich ins Gebärhaus abgeschoben wurde, allwo sie einer Frühgeburt entgegenbangte. Ein Ersatz war noch nicht gefunden. Das kleine Aushilfsmädchen, das man inzwischen angenommen, reichte gerade zur Stiefelputzerin und Thürsteherin aus. »Der Fetzen hätte uns die Schweinerei freilich ersparen können; aber Jugend hat nicht Tugend,« bemerkte philosophisch der Preßbandit auf das wiederholte Gezeter seiner über diese »Schandweibsbilder« empörten Gattin.

Jetzt erschien sie mit dem Kaffeebrett: Mokka, Rahm, Zucker, Butter, Gugelhupf, mürbe Brötchen [331] – alles in Hülle und Fülle. Sie sah heute womöglich noch verluderter aus, als sonst; sie schien sich eine besonders wüste Nacht geleistet zu haben. Nur mit einem fleckigen, rotwollenen Unterrock und einer weißen, zerknitterten Nachtjacke bekleidet, hingen ihre Brüste, die kein Schnürleib stützte, schlaff herab und die fleischigen Hüften traten, bei der hintern Abplattung ohne Kul, häßlich heraus; die ungeordneten Haare flogen ihr wie eine schwarze Wolke um das gelbe Gesicht, in welchem die blau umränderten, unheimlich glühenden dunklen Augen, die scharf eingeschnittenen Nasenflügel und das geschwollene Oberlippenzäpfchen ebenso wilde Triebe wie die verwilderte Art der Befriedigung verrieten. Es war die Weib gewordene Sinnlichkeit, die Nananatur, gezügelt durch ein Bedürfnis nach hausfraulicher Häuslichkeit und Geschäftigkeit, wodurch das Rouéhafte der Überreife sich nicht zu voller Widerlichkeit zu entwickeln vermochte, so daß für das Wüstlingsauge das Lustweckende ihrer gealterten Erscheinung nicht allzu sehr beeinträchtigt wurde.

»Laß Dir's schmecken, ich muß zum Kind hinüber, es scheint nicht ganz wohl, es ist so unruhig, ich glaub' der rechte Eckzahn kommt.«

»Das ist fatal. G'rad heut, wo vornehmer [332] Besuch angesagt ist; der Paillard kommt und der Geiling und wer weiß was sonst noch Feines. Die mußt Du auf Dich nehmen, verstanden? Ich hab' viel zu thun; ich muß heut auch wieder einen Schmarren zusammen dichten auf die Freibankmetzgerin Streibl, die gestern in Abrahams Wurstsack abgefahren ist. Der untröstliche Gatte und seine Dulzinea, die ich neulich mit dem Dreschflegel auf ihrem Liebeslager freundlich zusammengedroschen, haben die Weltgeschichte begriffen und ordentlich geblecht. Das poetische Märzveilchen, das ich auf das Grab der Seligen pflanzen will, hat er bestellt und hat die Dulzinea bestellt, ohne daß eins vom andern weiß, also springt ein schönes Doppelhonorar heraus. Das wird ein profitlicher Tag heute. Wie gesagt, wir müssen uns in die Arbeit teilen. Mach' Dich nur recht schön, Alte. Du weißt, der Franzos und der Komödiant geben was aufs Äußere, das sind anspruchsvolle Lumpen, aber Lumpen, die sich nicht lumpen lassen. Schön gesagt, nicht wahr, Alte? Aber daß Du mich nicht gar zu eifersüchtig machst! Ah, Du kennst mich ... Einen Kuß! ... Jetzt geh' zu Deinem Kind ...«

Während dieser geschäftsmäßig-zärtlichen Rede kaute er auf beiden Backen; er war ein großer[333] Freßvirtuos. Seine Mundwinkel trieften von Kaffee und Butterfett.

»Was stehst Du denn noch da? Geh' zu Deinem Kind und putz' Dich dann fein heraus, recht anmutig, graziös, duftig, wie es Geiling zu wünschen pflegt, der Weiberfeinschmecker.«

»Ich hab' Dich nur noch etwas fragen wollen, fällt mir aber nicht mehr ein. Es geht mir immer so, man kommt nicht zu Wort bei Deinem langen Geschwatz ... Ja so, wegen dem Attenkofer. Er soll Cheveauxlegers nackt photographiert haben ...«

»Halts Maul. Das ist schon abgemacht.«

»Und wegen der Frau Raßler, die jetzt auch ein Verhältnis mit ihrem Hauslehrer, einem gewissen Kandidaten Schlichting, haben soll. Gestern Abend soll sie bei ihm auf seinem Zimmer gewesen sein.«

»Das ist wichtig. Aber die Person wird erst nächste Woche gründlicher verarbeitet. Das gibt dann ein weiteres Kapitel. Sehr gut. In der letzten Nummer hat sie schon spüren können, wo der Wind herweht. Die Anspielung auf den jungen Engländer war brillant, aber vielleicht zu fein. Na, da können wir ja nachhelfen. Warten wir die Wirkung noch ein paar Tage ab. Nach [334] dem Engländer schlachten wir sie mit dem Hauslehrer ein – schließlich bleibt uns noch der Drillinger. Da wird nicht ausgelassen, bis sie Goldfüchse schwitzt. Bist zufrieden, Alte? Also richte mir einstweilen den Stoff her. Ich will mir gleich den Namen notieren. Das gibt einen Hurenskandal. Jetzt geh' zu Deinem Kind. Eins nach dem andern. Auf meinem Redaktionsbüreau muß Ordnung sein.«

Er sagte stets nur noch zu »Deinem« Kind, seit er sich über die Zweifel der Vaterschaft in einer prügelfrohen Nacht endgültig mit ihr verständigt hatte. Sein Intimus und Adlatus, der Herr Leutnant Kropfer, hatte ihn sehr geistreich getröstet: »Gewisse Kinder sind immer mehr oder weniger Mosaikarbeit; das bringt die Kunst so mit sich. Wenn das Mosaik gelungen ist, merkt kein Teufel mehr die einzelnen Stifte. Schließlich schätzt man das Kunstwerk und pfeift auf den Künstler. Amen Selah. Maraschino und Kompagnie.«

Der Preßbandit hatte alles aufgegessen und aufgetrunken, sich das Maul abgewischt, das Kaffeeservice auf die Komode gestellt und beeilte sich nun, noch schnell ein bischen Toilette zu machen, das heißt: seinen Schnauz- und Kinnbart [335] schwarz zu färben, seinen braunen Künstlersamtrock anzuziehen und seine Filzbabuschen gegen Lacklederschuhe zu tauschen. Das war seine kleine Eitelkeit. Seine größere war: sich jeden Morgen mit dem Helden von Lepanto, mit Cervantes, zu vergleichen. Wie er auf diesen grotesken Einfall kam? Das war ein sinniger Gedanke der Dichterin Thusnelda Wechsler. Nachdem sie sein Schweigen über ihre erotischen Gedichte, richtiger, über ihre zahlreichen Liebschaften, die sie darin besungen, mit Champagnerkörben und Zigarrenkisten glaubte nicht mehr ausreichend erkaufen zu können, packte sie ihn am Eitelkeitszipfel. »Nein, schöner, heldenhafter Mann, wie Sie einem der größten Heroen der Kriegs-und Litteraturgeschichte gleichen, ist in der That wunderbar! Sie sind Cervantes wie er im Buche steht.« »Wer ist Cervantes? Ich erinnere mich im Augenblick dieses Namens nicht,« entgegnete er mit genialer Ignoranz. »O Sie liebenswürdigster aller Schäker, wie fein Sie mich täuschen wollen. Sie möchten Ihren großen Kollegen verleugnen, weil Sie ihm körperlich und geistig auf ein Haar gleichen: auch er war einarmig wie Sie, ein heroischer Soldat wie Sie, er hatte eine ritterliche Statur wie Sie, er gab ein Blatt heraus wie[336] Sie – später wurde es gesammelt und als Buch veröffentlicht unter dem etwas spanischen Titel ›Donquixote‹, kurz: alles stimmt.« Und er: »Natürlich der Donquixote, ah, von dem hab' ich auch gehört, der erfand ja all' die dummen Streiche, die man heute noch Donquixoterieen nennt. Natürlich!« Darauf sie: »Und hier verehre ich Ihnen einen sehr kostbaren Stahlstich, sein Porträt.« Er: »Nach einer ähnlichen Photographie angefertigt, wie's scheint.« – »Selbstverständlich.« –

Seit jener Zeit hängt das Bild des Cervantes unter dem Spiegel im Redaktionsbüreau der »Kloake« – und der Preßbandit stilisiert seinen polizeiwidrigen Vagabundenkopf nach seinem, genialen Doppelgänger und »Kollegen«, dem Helden von Lepanto.

Als seine Alte fragte: »Wen stellt das Bild vor, wer ist das?« antwortete er ruhig-stolz: »Kollege Cervantes; er soll mir sehr ähnlich gesehen haben.«

Der Preßbandit erwog sogar den Gedanken, ob's nicht vorteilhafter und schöner wäre, vom nächsten Semester ab sein herrliches Wochenblatt, statt »Kloake« »Donquixote« oder »Der bayerische Donquixote« zu benennen. Allein die kluge [337] Thusnelda Wechsler riet ihm von der Umtaufe ab. Erstens sei das Blatt unter dem ursprünglichen Namen zu großem Renommee gekommen; zweitens klinge das Wort echt klassisch, denn die weltbeherrschenden Römer hätten schon eine Kloake mit dem Untertitel »Maxima« gehabt; drittens habe das Wort außer der lateinischen Klassizität – was in einer ältlichen akademischen Kunststadt wie München schon an und für sich sehr empfehlend sei – einen Stich ins Naturalistische, wodurch die Sympathieen der allerneuesten Richtung in Litteratur und Kunst unfehlbar gewonnen würden, der französische Romanschriftsteller Zola z.B. sei von liebreichen und witzigen Kritikern schon des öftern der Großmeister der Kloakendichter genannt und seine berühmtesten Bücher mit Kloaken verglichen worden; viertens habe das Wort wie das Blatt, dem es als Überschrift diene, wirklich so viel Lokalfarbe und Lokalgeruch, daß jeder kunstsinnige Münchener die Umtaufe schmerzlich empfinden müßte.

Dem Kloaken-Journalisten leuchteten diese Gründe ein. Da er aber doch von dem Titelblatt seines Witzblattes nicht mehr vollkommen befriedigt war, so wollte er demnächst ein Preisausschreiben zur Gewinnung einer geeigneteren [338] Titelvignette veranstalten; als Prämie gedachte er dem siegreichen Künstler die erschienenen Kloaken-Jahrgänge, stilvoll in Schweinsleder gebunden, sowie eine seidengestickte Fahne und das Prädikat eines Ehrenmitgliedes der Kloaken-Redaktion anzubieten. Jetzt stand noch in der rechten Ecke des Titels ein geharnischter bayerischer Hiesl in einer Positur und mit einem Gesicht, als hätte er Rizinusöl statt Hofbräuhausbier aus seinem Maßkrug getrunken, und links ein Münchener Kindl mit einer so sündhaft verblödeten Fratze, als wäre es vom »Jungferntribut des modernen Babylon« ausgemustert worden. Diese Bilder konnten seinem ebenso originellen wie verfeinerten ästhetischen Gefühl nicht mehr genügen. Um neben seiner lokalpatriotischen und bajuwarischen auch seiner kaiserlich-deutschen Gesinnung gebührend Ausdruck zu verleihen, wollte er schon die Züge des bayerischer Hiesl in die des deutschen Reichskanzlers umwandeln ... Vorläufig mußte das alles Zukunftsmusik bleiben, so lange die wohllöbliche Polizei dem Kloaken-Witzblatt das Leben überhaupt noch so sauer machte.

Lagen da nicht wieder drei Briefe mit unheilkündenden großen Amtssiegeln? Der Preßbandit stierte mit seinem einzigen Auge darauf – [339] nein, er mag sich jetzt seine rosige Stimmung nicht verderben lassen: er wird diese »Uriasbriefe« nicht lesen. Er setzte sich würdevoll in seinen Redaktionslehnstuhl und ließ noch einmal die freundlicheren Briefzeichen auf sich wirken. Dann öffnete er die Zuschrift der Dichterin Thusnelda Wechsler.

»Hochzuverehrender Herr Chefredakteur! Ihre gehorsame Dienerin hat wieder ein neues Buch verbrochen, diesmal einen Band Theaternovellen in Versen – Heyse'sche Schule! Darf ich Ihnen das Werk mit einer eigenhändigen Widmung als schwaches Zeichen meiner Verehrung und Dankbarkeit zusenden? Garniert mit einigen Büchsen russischen Sardinen und Kaviar? Ich versichere Sie, es ist kein ›Kaviar fürs Volk‹ – von der Tante Meier – sondern wirkliche feinste Primamarke. Ein durchreisender russischer Militär, Freund meines Freundes ...«

»Und so weiter,« machte der Preßbandit, den Rest des Schreibens überfliegend. »Das genügt den Kaviar für mich, das Buch für den Antiquar. So gibt's besser aus. Eine brave Frau. Hat sich halt wieder einen jungen Leutnant abgerichtet, der Russe geht drein. Schwamm drüber. Leben und leben lassen. Nein, ich werde doch etwas [340] über sie schreiben, ich werde sie über den Schellenkönig, den hochnäsigen Kollegen Heyse und Konsorten, loben. ›Unsere beliebte vaterländische Dichterin und echt deutsche Hausfrau Thusnelda Wechsler, welche so poetisch und taktfest zwischen Wiege und Schreibtisch Schritt zu halten weiß, ... welche in dem einen Jahr dem deutschen Vaterland einen strammen, das Geheimnis des Stechschrittes und des neuen Exerzierreglements schon im Mutterleibe empfangenden Krieger, in dem andern Jahr einen Band genialer Gedichte, keusch und lieblich wie Maienrosen, schenkt, ... dieses erhabene Muster von einem Dichter-Weib ... hat soeben ein neues Werk ...‹ und weiter, und so weiter. Der Kaviar ist das Beste dran, aber das geht den Schafskopf von Publikum nichts an. Meine Besprechung wird Sensation machen. Mein Adlatus Kropfer muß sie ordentlich durchkorrigieren, wegen der verdammten Druckfehler, die mir von meinen schurkischen Neidern, den sogenannten Schriftstellern, immer als Schreibfehler aufgemutzt werden. Ich will jetzt gerade den litteraturstudierten Schimpansen zeigen, daß in mir ein kritisches Talent ersten Ranges schlummert, das ein paar Dutzend Professorendichter im Nu in die Pfanne haut und wirkliches [341] Talent auf den Schild erhebt. Kloaken-Lob soll bald so furchtbar wirken wie Kloaken-Tadel. Auf den Kaviar freu' ich mich. Das ist halt ein Schatzerl, die Thusnelda ... Wo nur heute mein Leutnant bleibt! Er ist halt ein Liedrian, wenn er Geld hat. Ich muß ihm den Brotkorb höher hängen.«

In diesem Augenblick ging die Thür auf und herein trat eine hochgewachsene Gestalt mit nägelbeschlagenen Bergschuhen, Wadenstrümpfen, nackten Knieen, kurzen Lederhosen, Lendengurt, Lodenjoppe, Filzhütchen mit Spielhahnfeder, das kecke Gesicht von einem mächtigen roten Vollbart umrahmt.

»Grüß Gott, Chef!«

»Wenn man den Wolf nennt, kommt er g'rennt. Aber in dem Aufzug? Sie sind halt der ewige Fex!«

»Nix Fex. Auf den Wendelstein geht's. Einem Hamburger Alpisten muß ich den Führer machen. Es ist auch eine Alpistin dabei, ein schneidiges Weib, mit Waden wie ein Kanonenrohr. Ich wollte den Allerdurchlauchtigsten, Großmächtigsten um zwei Tage Urlaub gehorsamst gebeten haben. Es sind seine Leute, Geld haben sie wie Dreck. So was darf man niemals ausschlagen. Nur zwei Tage Urlaub.«

[342] »Und zwei Tage zum Ausschnaufen, macht vier. Die Redaktionsarbeit, he, und die neuen Bilder? Ganze Berge von Briefen, Manuskript, Korrekturen ...«

»Auf diesen Bergen kraxelt einstweilen der verehrte Chef mit Genuß herum. Bilder bring' ich einen ganzen Rucksack voll mit.«

»Ich danke. Einen Tag höchstens kann ich Sie fortlassen. Es liegt viel Wichtiges vor. Hier, helfen Sie nur wenigstens noch schnell die Korrespondenz erledigen.«

»Eine halbe Stunde, meinetwegen. Her mit dem, Trödel! Ich opfere mich.«

Der Leutnant Kropfer warf sein Hütchen auf den Tisch, setzte sich rittlings auf einen Stuhl und griff nach den hingeschobenen Briefen und Karten.

»Paillard hat sich melden lassen.«

»Hm, hm,« machte der Leutnant aufblickend und den Chef fixierend, während er die Briefe und Karten wie Spielkarten mischte und mit Spielergewandtheit durch die Finger flattern ließ.

»Warum hm hm? Haben Sie etwas gegen den Mann?«

»Gegen den Mann nicht, aber gegen sein Metier, das heißt, eigentlich auch nicht gegen sein [343] Metier, aber gegen die unvorsichtige Art wie er's treibt. Man wittert Unrat.«

»Man ... wer wittert?« fragte der Preßbandit lauernd.

»Rücken Sie erst einmal mit einer seinen Havanna heraus und einem anständigen Glas Schnaps. Mein Magen lechzt nach einer guten Idee. Mein Morgensegen, wollte sagen mein Frühstück hat zu wünschen übrig gelassen. Ich muß die Pepi abschaffen.«

»Das ist Ihre Sache. Bleiben Sie bei der Stange, Kanonendonnerwetter. Dort im Wandschrank. Am End' soll ich Sie noch bedienen?«

»Könnt' Ihnen nichts schaden. Da lernten Sie wenigstens noch notdürftig gute Lebensart.«

Der Preßbandit knirschte mit den Zähnen, »Also wer wittert?«

Kropfer, nachdem er sich gemächlich ein Glas Wisky eingeschenkt und eine Havanna angezündet hatte, setzte sich wieder rittlings auf seinen Stuhl und begann mit aller Seelenruhe: »Sie machen Unsinn über Unsinn. Was gehen Sie die Privatliebhabereien des Königs an? Was sticheln Sie noch auf den Separatvorstellungen herum und auf den nackten Himmelsjungfrauen in dem Königsstück ›Urvasi‹, jetzt, wo der König weder ins [344] Theater, noch überhaupt nach München geht? Was haben Sie sich an dem Kriegsminister mit faden Witzen zu reiben und am bayerischen Generalstab und am Raupenhelm?« ...

Der Preßbandit bohrte sich mit den Fingern in die Nase und strich die grauen Flöckchen an seinem Gesäß ab. »Lassen Sie mich doch mit diesen Geschichten in Ruhe. Das muß ich als alter Haudegen so gut verstehen als irgend einer.«

»Und wie stimmt Ihr bajuwarischer Patriotismus, mit dem Sie immer so dick thun, zu diesen gefährlichen Taktlosigkeiten?«

»Patriotismus! O Sie Kindskopf. Das steckt man zum Fenster hinaus, wenn man's braucht, und stellt's hinter den Ofen, wenn's seine Schuldigkeit gethan. Wie Sie das Geschäft naiv auffassen: gerade durch diese sogenannten Taktlosigkeiten steigen meine Verhimmlungsgedichte im Preis, die ich bei feierlichen Gelegenheiten auf das Herrscherhaus loslasse. Auf meinen Nutzen komm' ich immer.«

»Und ich bleib' dabei: es ist undiplomatisch, das Staatsoberhaupt in die ›Kloake‹ zu ziehen. Wenn's in der Fechtschule stinkt, was geht das Ihr Riechorgan an?«

[345] Der Preßbandit wollte aufspringen.

»Bleiben Sie nur auf Ihrem Allerwertesten sitzen. Das Sündenregister ist gleich zu Ende. Ich beschränke mich mir auf die Hauptsachen, ich habe keine Zeit auf Nebendinge einzugehen. Was haben Sie sich mit dem anrüchigen Baron Schneidmeyer einzulassen, mit diesem Urstrizzi ...?«

Jetzt brach der Preßbandit in ein breites Lachen aus. »Also aus dem Loch pfeift's? Das ist der kurzen Rede langer Sinn? Der Schneidmeyer ist Ihnen unbequem, da streck' ich die Waffen. Persönliche Abneigung, Eifersucht ...«

»Sie haben nie einen vernünftigen Zusammhang begriffen. Da fehlt's halt an den Anfangsgründen. Ihnen muß man mit dem Zaunpfahl winken: Schneidmeyer gilt in den maßgebenden militärischen Kreisen als ein Subjekt, dem man alles zutrauen kann – und man traut ihm alles zu, verstanden? Fragen Sie einmal nach, was man in Ingolstadt für Augen macht, sobald er sich innerhalb des Festungsrayons blicken läßt. Die Spionage hat zudem niemals einen dümmeren Dilettanten gehabt, als diesen unfähigen Leutnant a.D. ...«

»Ich bemerke Ihnen, daß das Wort Spionage [346] in meinem Redaktionsbüreau nicht ausgesprochen wird.«

»Gut. Ich werde es künftig bloß buchstabieren. Nichtsdestoweniger wird man von Oben bald in Ihre Karten blicken, wenn Paillard und Schneidmeyer fortfahren, sich in der Weinrestauration am griechischen Marktplatz mit den bekannten Damen eine Champagner-Schwemme zu leisten – in dem best beobachteten Buen Retiro von ganz München. Fragen Sie doch einmal Ihre Gattin!«

»Also dort wittert man Unrat? Hahaha. Mein lieber Leutnant, steigen Sie auf Ihren Wendelstein und putzen Sie sich die Nase in der Gebirgsluft. Wenn das alles ist, was Sie an Verdachtsmomenten bezüglich Paillard und Schneidmeyer aufgelesen haben, dann können wir ruhig schlafen.«

»Wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit. Ich an Ihrer Stelle ginge in dieser gefährlichen Richtung nicht weiter. Für Paillard und Schneidmeyer würde ich wenigstens meine Haut nicht zu Markte tragen.«

»Fällt auch mir gar nicht ein. Ich bediene diese Kerls mit Dummheiten – und empfange dafür gutes Geld, was ist weiter dahinter? Die [347] kleinen Scherze vermittelt übrigens meine Frau. Wer will mir etwas nachweisen? Alles Schriftliche, was dabei gewechselt wird, liest sich wieder Liebesbrief eines Backfisches.«

Wahllos hatte Kropfer einen der Briefe, die vor ihm lagen, geöffnet und überflogen. »Liest sich das etwa auch wie ein harmloser Liebesbrief?« fragte er leichthin, dem Preßbanditen das Schreiben überreichend.

»Vom Bankier Weiler – französisch? Ich kann ja gar nicht französisch. Der Esel! Übersetzen Sie mir's, bitte.«

»Der Inhalt lautet ungefähr so: ›Habe Sie gestern nicht mehr im Hotel getroffen, wichtige Idee mitzuteilen, Louis findet nach neuesten sicheren Nachrichten fast den ganzen Weltmarkt für Kabinettskassa-Anleihe verschlossen – Französisches Kapital letzte Zuflucht – Brillante Situation – – Welche französische Partei – – bayerische Gegenleistung im Kriegsfall – Schreiben Sie mir sofort Ihre Meinung über dieses Riesenprojekt. Ich muß auf einige Tage verreisen.‹«

»Das an mich? Meine Meinung? Ich verstehe nicht. Als Finanzgenie habe ich mich selbst noch nicht erkannt. Lautet der Brief wirklich so? [348] Das ist ja sehr rätselhaft und zugleich sehr schmeichelhaft für mich. Welche Perspektive – Verbindung mit der großen Finanzwelt, mit dem Weltmarkt, mit den Bankiers der Könige. Nun zittert, ihr Münchener Pimpelhuber, wenn ich mich noch mit den Geldmächten alliiere, sprenge ich euch in die Luft, daß ihr eure Knochen auf dem Mond zusammenlesen könnt ... Was sagen Sie jetzt, Sie Hasenfuß? Imponiere ich Ihnen wieder einmal, he?«

»Das haben Sie immer gethan ... Sie sind ein Koloß an Phantasie und Kühnheit! Aber alle Wetter: da sehen Sie her – hier das Briefkuvert: Herrn Paillard, per Adresse Redaktion der ›Kloake‹. Per Adresse! An ihn, nicht an Sie! Ich drücke mich. Ich wasche meine Hände und Füße in Unschuld. Sehen Sie zu, wie Sie dem Franzosen diese Verletzung des Briefgeheimnisses annehmbar machen. Übermorgen Abend erstatte ich Rapport. Adieu Chef! Und vergessen Sie nicht: in erster Linie wollen wir die werten Mitmenschen nicht amüsieren und nicht ärgern –wir wollen sie ausbeuten! Adieu! Herrgott von Strambach, schier hätt' ich Ihnen zum Abschied das für mich Wichtigste nicht auf die Seele gebunden: hüten Sie sich vor meinem journalistischen [349] und leiblichen Doppelgänger in Tiefschwarz, vor dem schönen Schlemming Peterl. Alle Achtung vor seiner Geschicklichkeit, aber einen erbärmlicheren Hallunken hat die Münchener Sonne noch nicht beschienen. Ich weiß, daß er mich bei Ihnen verdrängen will, daß er Ihnen schon Proben seiner Karikaturen und Reimereien vorgelegt hat um einen Spottpreis ... Sie würden ekelhafte Erfahrungen machen mit diesem Schweinekerl. Als verabschiedetem Leutnant wurde ihm wegen schmutzigster Pumpgeschichten und Zechprellereien das Recht aberkannt, die Uniform zu tragen ...«

»Beruhigen Sie sich, mein lieber Kropfer, Ihr schwarzer Doppelgänger ist mir selbst für die unterste Sparte der ›Kloake‹ zu schlecht.«

»Gott segne Sie für diese Einsicht. Adieu, Chef!«

Unter der Thür begegnete er der Frau des Preßbanditen. Sie war sehr raffiniert geschminkt. Das Korsett arbeitete die schlaffen Brüste monumental heraus und hob sie bis zum Kinn empor. Der Leib hatte durch die geschickte Schnürung fast elegante Formen gewonnen. Das Haar war am Scheitel in krauser Struppigkeit von einem Schildpatkamm gehalten, über die Stirn fielen wilde Ringellöckchen bis zu den hohen, mit einem [350] kräftigen Tuschstrich markierten Augenbrauen herab. »Sie ist wollüstig schön in ihrer roten Trikottaille,« sagte sich der Leutnant, begnügte sich aber, sein Wohlgefallen nur in einem heißen Blicke auszudrücken. »Wollüstigschön,« wiederholte er auf der untern Treppenwendung, indem er zu ihr emporschaute und ihr einen Handkuß zuwarf .... »Viel Vergnügen, Herr Leutnant!« Ihre! Satansaugen funkelten und schleuderten ihm Blitze nach. »Gefall' ich Dir so?« rief sie ihrem Gatten zu, sich mit erhobenen Armen zwischen die Thürpfosten spreitzend und den Leib kokett schwingend, so daß die Linie von der Achselhöhle bis zur schlank erscheinenden Lende und von da über die Schenkel hinweg verführerisch spielte.

Er sah sie an, nickte und atmete schwer. Sie ging in ihr Zimmer zurück, das als Empfangssalon für besondere Gelegenheiten diente und am entgegengesetzten Ende des Ganges auf der Hofseite lag.

Der Preßbandit hatte sich wieder in die Briefschaften vertieft. Er bemühte sich vergeblich, das französische Schreiben des Bankiers noch einmal für sich zu entziffern und legte es dann kopfschüttelnd beiseit. »Für das Mitwissen wenigstens [351] muß der Kravattenfabrikant Weiler Haare lassen, so viel steht fest; bin ich Teilhaber des Geheimnisses, will ich auch Teilhaber des Profites sein, den's abwirft. Mein Leutnant ist in manchen Stücken faktisch gescheidter, als ich, sein General. Ausbeuten heißt die Parole. Was bringt's ein? ist der Hauptgesichtspunkt in allem. Ich bin noch viel zu sehr Idealist. Und auch darin hat der Kropfer recht: man muß sich nach der Gefährlichkeit einer Sache bezahlen lassen. Den Franzosen Paillard muß ich nach ganz anders schröpfen. Daß ich ein Narr wäre, das Nilpferd für ein so Billiges an der Nase herumzuführen. Süddeutschland wimmelt von französischen Spionen, einer dümmer als der andere, aber die in München sind schon die dümmsten und filzigsten. Und wenn alle Informationen, die ihm mein Weib vermittelt, auch keinen faulen Radischwanz wert sind, so muß von nun an doch das Doppelte herausgeschlagen werden. Geld, Geld, Geld regiert die Welt, Kanonendonnerwetter. Das ist das einzige Positive. Ich werde dem Paillard den Standpunkt klar machen. Thu Gold in Deinen Beutel, viel Gold – wie Lessing sagt.«

Und er saß lange in Gedanken und heißen Wünschen und verzehrender Gier nach Geld und [352] Geldeswert, den Ellbogen auf die Briefe, den häßlichen, dicken Kopf auf die Hand gestützt.

Weiter! Das nenne ich eine elegante Zuschrift, fein und duftig wie ein Liebesbriefchen; so drückt sich die Verehrung, welche der Absender für den Empfänger empfindet, schon im Äußern aus. Hören wir: ›Sehr geehrter Herr Redakteur Sie sind ein Meister des subtilen Totschlags; schleichendes Gift, indianerhaft präparierte Pfeilspitzen, Dolche, Nadeln – alle Mordwaffen handhaben Sie mit bewundernswerter Treffsicherheit. Sie sind ein Unikum in der deutschen Presse. Wo Sie hinhauen, welkt die Blüte, verdorrt das Gras. Im Namen eines hohen Sportsmanns heische ich Ihre Dienste. Eine kleine, niedliche Künstlerin soll in seinem Auftrage wie ein Reh in das Revier Ihres Blattes getrieben und dort mit waidmännischer Kunst zu Tot gehetzt werden. Wollen Sie uns das Vergnügen machen? Über das Honorar und das Übrige werden wir uns nach empfangener Zusage sofort verständigen. Antwort unter A.H. hauptpostlagernd München.‹ Kanonendonnerwetter, diesmal gilt's in der That ein Meisterstück um Meisterlohn. Der hohe Sportsman hat sich an den Rechten gewandt. Wir werden mit einander zufrieden sein. (Während [353] des Antwortschreibens pfeift er den Refrain »Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein«). Diesmal hoffe ich mich selbst zu übertreffen. Kanonendonnerwetter, da ist ja noch ein Postskriptum auf der andern Seite. ›Selbstver ständlich verpflichtet sich mein ritterlicher Auftraggeber, seiner Generosität keine Schranken zu setzen, falls Ihnen in Ausübung Ihres Berufes in seinen Diensten irgend ein Unfall zustoßen sollte oder wenn Sie von irgend einem pedantischen Staatsanwalt wegen Jagdfrevels oder Thierquälerei gefaßt würden und ein bischen bluten oder brummen müßten. Sie werden für sämtliche unangenehme Folgen, welche Ihnen das kunstgerechte Tothetzen unseres lieben, niedlichen Rehs etwa zuziehen könnte, vollauf entschädigt werden ...‹ Da sage noch einer, daß es keine Noblesse mehr in der Welt gibt! Dieser Brief ist ein Dokument zum Küssen ...

»Ah, Herr Chefredakteur, guten Morgen! Ist's erlaubt, einzutreten?«

Der Preßbandit fuhr auf. »Sehr angenehm, Herr Paillard! Es ist mir eine große Ehre, Sie wiederzusehen. Wir sind ganz allein, aber ich bin gerade sehr beschäftigt. In der Hitze des [354] Gefechtes habe ich sogar einen für Sie bestimmten Brief erbrochen.«

»Wie das? Das ist ja sehr merkwürdig.«

»Sehen Sie, unsere beiden Adressen standen hier nebeneinander. Der Irrtum ist erklärlich. Sie werden mir glauben, daß keine Absicht im Spiele war.«

»Geben Sie her.«

Nachdem er den Brief flüchtig gelesen, ohne die geringste Bewegung zu verraten, steckte er ihn zu sich mit den Worten: »Eine Kaprice von Monsieur Weiler, ganz ohne Bedeutung.« In Gedanken setzte er bei: »Verdammter Gauner von einem Winkeljournalisten.«

»Verdammter Gauner,« dachte auch der Preßbandit in seinem Sinn.

»Ich habe große Eile. Ihre Frau hat gewiß neue politische Liebenswürdigkeiten für mich? Die bayerische Politik ist ja spannend wie ein Roman. Täglich neue Verwicklungen. Die widersprechendsten Gerüchte durchschwirren die Luft. Man munkelt sogar von einer Regentschaft. Der König soll entmündigt werden. Unerhört. Hoffentlich bestätigt sich das nicht. Das wäre zu fatal für unsere Pläne. Nein, nein. Was ich fragen wollte: was ist's denn mit diesem Baron Drillinger? [355] Ist er gewiegter Militär? Hat er gute Verbindungen? Genießt er Vertrauen? Leicht zugänglich scheint er nicht zu sein. Ich habe ihn gestern beobachtet. Weiler war so gütig, mir seine Bekanntschaft zu vermitteln. Spricht man von seinen Geldverlegenheiten?«

»Mehr von seinen Liebschaften.«

»Das weiß ich. Eine sentimentale, aber verschlagene Natur. Keine üble Disposition für unsere Zwecke.«

»So lang er noch an dem Raßler'schen Weib hängt, ist er schwer für anderes zu haben. Da muß er losgesprengt und mürbe gemacht werden. Ich werde Ihnen den Mann präparieren. Aber umsonst ist der Tod – verstanden, Herr Paillard? Für meine neuen Dienste müssen Sie schon etwas tiefer in den Sack greifen, als seither.«

»Ich sehe Ihren Vorschlägen entgegen.«

»Die sollen Sie ehestens haben, gleichzeitig mit dem Bericht über Drillinger. Das Bewußte liegt bereit. Wollen Sie sich zu meiner Frau bemühen? Sie werden von ihr erwartet.«

»Ich eile zu ihr. Auf später also.«

Der Preßbandit machte sich wieder an seine Korrespondenzen.

»Ein Schmähbrief. ›Dreckseele‹ und ›Nachttopf‹ [356] tituliert mich ein Gekränkter. Ist mir schnuppe, wie der Berliner sagt. Geschäft ist Geschäft. Wenn ich aber den Namen des empfindlichen Schmähbriefschreibers erfahren könnte, würde ich ihm die ›Dreckseele‹ und den ›Nachttopf‹ doch eintränken. Weiter: ein Bittsteller aus Nürnberg; um Honorar für gelieferten Beitrag zu erbetteln, schmiert der Kerl drei Seiten voll. Lächerlicher Mensch. In den Papierkorb damit. – Weiter: noch ein Nürnberger, Göring heißt der Edle; erbietet sich, den ›Ungespundeten‹ Erwin Hammer und seine Kumpanei zu vivisezieren, legt eine Probe seiner Schneidekunst aus dem ›Fränkischen Kurier‹ bei. Das besorgen wir vielleicht besser selbst, sobald sich's rentiert. Einstweilen in die Materialienmappe damit. Als gelegentlichen Handlanger wollen wir den Braven für die ›Kloake‹ notieren. – Weiter: ›Sehr geschätzter Herr, einige Freunde wünschen sich den Baron Drillinger zu kaufen, um ihn in seiner ganzen Schönheit in Ihrem Blatte auszustellen. Was kostet der Mann? Zeichnung und Text wird geliefert. Gefällige Antwort erbeten unter Chiffre X Y Z, Café Paul. Diskretion Ehrensache.‹ Das trifft sich gut. Den Mann sollt ihr haben, aber billig wird er nicht abgegeben. [357] Er gehört dem Meistbietenden. Was ist nur das wieder für ein hungriger Tintenkleckser, der auf diesen abgerissenen schmutzigen Wisch schreibt? Jessas, unser berühmter Meistersinger: ›Dumm darf man schon sein, wenn man nur schon ist.‹ Langt's wirklich keinen anständigen Briefbogen mehr, armer Millionär? Und gelobt möchtest mal wieder sein – um einen Gotteslohn? Nein, mein süßer Dummian, jetzt werden andere Saiten aufgezogen. Da wirst du kurios spitzen, du eitler Falschsinger mit drei Brillanten an jedem Finger. Andere Leute möchten auch einen Brillanten – verstehst Du? – Weiter: die Brauerei zum ›fidelen Klosterbruder‹ meldet ergebenst, daß ihr Bier vorzüglich sei – und schickt zugleich eine Anweisung auf dreihundert Mark für eine entsprechende Notiz. Dem Klosterbruder soll geholfen werden. Durch sechs Nummern meines Organs ist konstatiert, daß der Klosterbruder ein Saugesöff fabriziert, mit dem Dreihundert-Markschein hat er das gute alte Rezept wiedergefunden: die nächste Nummer soll konstatieren, daß er einen unfehlbaren Göttertrank braut. Ich brauch' ihn ja nicht zu trinken und für die Bauchschmerzen der anderen bin ich nicht verantwortlicher Redakteur. Da fällt nur ein, daß mich [358] die Gambrinusbrauerei nicht zur Bockprobe geladen, auch schon lange kein Inserat mehr hergegeben hat. Diese Vernachlässigung soll ihr teuer zu stehen kommen. München wird immer mehr Industrie- und Handelsstadt, und die großen Firmen beeilen sich nicht, der Presse ihren Tribut in klingender Münze zu zahlen? Ich muß einmal strenge Musterung halten. Eine Reihe von Banken und Aktiengesellschaften sind gegründet worden, ganze Straßen haben sich mit neuen großartigen Geschäften bedeckt, ohne daß für mein Blatt eine Reklame oder ein Inserat abgefallen wäre. Ich muß diesen Lausern und Filzern Mores lehren, daß sie heulen und zähneklappern. Von allem, was da fleucht und kreucht, fordere ich meinen Teil. Merkt's. Na, wenn ich drei oder vier von diesen Geldsäcken gehörig zusammenkarwatscht habe, dann lassen die andern schon die Schwänze hängen und kommen herangewinselt. – Weiter: die neue Beamtenkreditbank weigert sich, ihre Rechenschaftsberichte in der ›Kloake‹ zu veröffentlichen und ergeht sich in patzigen Redensarten. Warte, Kanaille, meine Feder wird bei nächster Gelegenheit ein furchtbares Blutbad unter deinem Aufsichtsrat anrichten. Notiert. – Weiter: der Konzertsänger [359] Felix Vollnhals, Mitglied der k. Hofkapelle, verbittet sich jede fernere Kritik seiner Liedervorträge; meine Kritiken seien nur Erpressungsversuche; schon die bloße Nennung seines Namens in einem Schund- und Schandblatte wie die ›Kloake‹ komme einer Beleidigung gleich. Infamer Brüllaffe! Ich werde eine Stimmbandoperation mit dir vornehmen, daß dir die Freude am Singen und noch einiges andere vergehen soll. Was bildet sich denn der unverschämte Kehlenkunstreiter ein? Wer macht denn das Renommee dieser Leute, wer treibt ihnen denn die zahlende und beifallblökende Herde mit den großen Ohren in ihre Konzertställe? Wir Journalisten! Und diese Eintagsberühmtheiten, die wir gemacht haben, wollen sich gegen uns aufprotzen? Sich gegen mich aufprotzen? Kanonendonnerwetter, ich will an diesem Pack einmal ein Exempel statuieren ... Wenn dieser Vollnhals auch nur ein einziges Mal sich als nobler Mensch gezeigt hätte ... Nicht einmal ein lumpiges Zehnmarkstück hab' ich von ihm gesehen. Komm' Bürschchen, laß dich ausbürsten ... Laß dir deine Tonleitern und Triller gründlich um die Ohren hauen ... Zur Exekution vorgemerkt. – Weiter: Was? Der Bildhauer Achthuber, [360] dieser Gipskopf, wagt es, mir den Ignoranten und Schandkerl an den Kopf zu werfen und mir mit diversen Rippenbrüchen zu drohen, wenn ich noch einmal seine Privatverhältnisse berühre? O du verdammter Dreckkneter, eine solche Sprache erlaubst du dir mit mir?! ...«

Der Preßbandit hatte sich in eine blutige Berserkerwut hineinmonologisiert; seine plumpen stumpfen Finger umkrallten den dicken Korkfederhalter, als hätten sie schon die Bösewichte an der Gurgel, die es gewagt, den Kloaken-Chef so bitter an seiner journalistischen Ehre zu kränken. Der Einarm-Einaug sah doppelt scheußlich aus in dieser Erregung; sein Gesicht war graugrün, sein Auge quoll starr aus den rotgeränderten Lidern, sein Mund hing schief, halbgeöffnet, mit dickflüssigem Geifer. O, er hätte Gift speien mögen, Gift ins Angesicht der ganzen Welt ...

»Weiter!« schreit er und greift nach einem andern Brief.

Da klopft's.

»Herrrein!«

»Kann ich das Vergnügen haben, den Herausgeber der ›Kloake‹ unter vier Augen zu sprechen?«

»Bescheidener sein, junger Herr, mit drei Augen vorlieb genommen! Mit wem habe ich [361] die Ehre?« entgegnet der Preßbandit kurz und grob, ohne sich von seinem Platz zu erheben, in zornigen Gedanken noch ganz bei seinen Briefschreibern.

»Mein Name ist Maximilian Schlichting.«

»Schlichting? Sie sind der Hauslehrer der Frau Raßler?«

Verblüfft von der barschen Plötzlichkeit dieser Frage, antwortet er zurückhaltend: »Das wohl auch, doch nur nebenbei. Eigentlich bin ich ...«

»Der jüngste Liebhaber der Frau Kommerzienrat!« fällt ihm der Preßbandit hitzig in die Rede, mit irrem Blick, als spräche er zu einem Phantom. Schlichting war einen Augenblick wie betäubt. Er starrte den geifernden Einarm-Einaug an, als hätte er das grauenhafte Antlitz einer der schlangenbehaarten Gorgonen vor sich. Die Stube schwamm vor ihm wie im Nebel und daraus grinste ihn an das Haupt der Medusa, deren Anblick alles in Stein verwandelt ...

»Der jüngste Liebhaber, hier steht's in meinen Akten!« höhnte der Preßbandit aufs neue.

In dieser Wiederholung empfand Schlichting jedes Wort wie einen Peitschenhieb. Das Blut saust ihm durch den Kopf, in seinen Ohren ist ein Zischen, Pfeifen und Tosen. Er will den [362] Arm erheben, auf den Banditen eindringen, allein er ist wie gelähmt.

»Mein Herr, ich verbitte mir eine solche Unverschämtheit.«

»Zu verbitten haben Sie sich auf meinem Redaktionsbureau gar nichts, hier bin ich Herr.« Der Preßbandit richtet sich in seinem Lehnstuhl drohend auf. »Was wollen Sie?«

»Wie können Sie sich zu einer solchen unerhörten Insinuation erfrechen? Was habe ich gethan, das Sie zu einer solchen Beleidigung berechtigte?«

»Der Beleidigte bin ich, hören Sie? Hinaus! – hinaus, sag' ich!«

»Ich fordere Genugthuung!«

»Hinaus!«

»Sie sind ein Bandit!«

»Hinaus!«

– – – – –

»Hahaha. Wie der Jüngling geflogen ist ... Das hat mir wohlgethan ... Ich fühle mich erleichtert!«

Bei dem ersten Schrei, der zwar durch die Entfernung gedämpft, aber doch vernehmlich in das Zimmer der Kloakenfrau drang, hob Monsieur Paillard seinen Kopf von dem Busen des Weibes, das mit einem Bein auf dem Sopha [363] ausgestreckt lag, während das andere in verführerischem Spiel mit dem Fuße auf dem Schnabelschuh des neben ihr sitzenden Roués wiegte.

»Was ist das nur?« fragte Paillard aufhorchend.

»O, das ist nichts,« erwiderte sie, ein nervöses Gähnen verschluckend, wobei sie ruhig fortfuhr, ihn mit ihren langen Fingern im Nacken zu krauen und zu kitzeln.

»Das ist nichts? Er schreit ja wie ein Besessener.«

»Einer seiner Anfälle, wenn er durch irgend etwas aufgeregt wird. Da kann er ganz sinnlos thun.«

»Aber das ist entsetzlich vulgär, meine schöne, holde Frau,« lispelte der verliebte Agent und legte eine Hand in ihren Schoß.

»So gefällt er mir noch am besten. O, da kann er mit seinem Arm herumschlagen wie ein Epileptischer. Diese Wildheit mag ich. Er ist in diesem Zustand sehr stark, riesig stark; gewöhnlich ist er ja schlaff und feig ...«

Ein Wollustschauer schüttelte ihren Leib.

Im Schlafzimmer mit seiner schwülen, dicken Luft wimmerte das Kind und wand sich, von [364] Krämpfen verzerrt, in seinem engen Bettchen. Mit blödem Auge betrachtete das Dienstmädchen die leidende Kreatur, rüttelte an dem Korbe und näselte dazu mit schläfriger Stimme das alte Wiegenliedchen:


Schlaf, Kindl, schlaf,

Dein Vater ist ein Graf,

Die Mutter sitzt daheim und weint,

Weil das kleine Kindl greint.


Dann die volkshumoristische Variante:

Schlaf Kindl, schlaf,

Dein Vater ist ein Schaf,

Die Mutter eine feine Dirn

Setzt ihm Hörner auf die Stirn.

Schlaf, Kindl, schlaf.


Der Preßbandit hatte sich eine Zigarre angesteckt. Er blinzelte zu dem Cervantes-Bilde hinüber, als wollte er sagen: »Die Helden grüßen sich.« Dann rückte er sich in seinem Sessel zurecht und nahm die letzten Briefe vor.

»Wirklich? Auch dieser Stolze ist besiegt, der gefürchtete parlamentarische Leithammel. Er bietet seinen Buckel willig meiner Redaktionsscheere, damit ich ihm das goldene Vließ ein wenig beschneide. Triumph! Der Gefürchtete hat an mir seinen Mann gefunden. Und ich habe meinen [365] Witz nicht einmal angestrengt ... Ein bischen an der Toga gezupft und die Nase gerümpft: Großer Bürger, da scheint mir etwas zu stinken, ich werde Dir gelegentlich einmal das Prunkgewand und die Hose öffentlich ausziehen und den Leuten geigen, was darunter ist! Das war alles. Kaum gedacht, war dem Stolz ein End gemacht. Es muß vieles faul sein im Staate Dänemark. Ja, Lümmel, jetzt thust Du sanft wie ein Lämmchen ... Ich werde Dich so gnädig behandeln, daß Du mir noch öffentlich die Hand drückst. Fette Inserate versprichst Du? Bravo! ... Nun hätte ich gute Lust, die Schmierereien mit den abgeschmackten Amtssiegeln uneröffnet in den Papierkorb zu schleudern. Ich versteh' gar nicht, was sich diese Leute immer gegen unsereinen herausnehmen! Die sollen mich doch gefälligst in Ruhe lassen; wenigstens so lange ich sie in Ruhe lasse. Das Übrige ist meine Sache. Daß ich das Richtige treffe, beweisen meine Erfolge. Da seht doch hin, wie dieses großmaulige Parlamentarische Tier sich vor mir duckt und um gut Wetter bittet. Seht doch hin! Ich wette, wenn ich ihm morgen in sein Champagnerglas spucke, muckst er nicht, so sehr hab' ich ihn jetzt in meiner Hand ... Die Presse [366] ist eine Großmacht, meine gewappelten Herren! ... Wir werden Euch noch zeigen, wie viel die Uhr geschlagen ...«

Er schob die Briefe beiseite und trommelte mit seinen plumpen Fingern darauf.

Da klopfte es wieder, rhythmisch, in fein empfundener und abgewogener Tonstärke.

Bevor er den Mund zu dem entsprechenden Herein öffnen konnte, erschien ein frisch vom Brenneisen des Haarkünstlers kommender Kopf mit sanftem Grinsen in der Thürspalte. Es war die zärtlich-heroisch-dämonische Charaktermaske des Schauspielers Geiling.

»Darf ich, Allgütiger?« flötete sein sonorer Baryton in der weichsten Höhenlage. »Erschrecken Sie nicht, den Quälgeist wieder zu sehen?«

Der Preßbandit winkte mit der Hand, der Eintretende schwenkte grüßend seinen glänzenden, funkelneuen Zylinder.

»Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit – wahrhaftig, Ihr Dichterkollege Schiller hat nicht Unrecht. Ich kann Ihnen diesen Anblick nicht länger ersparen, Sie böser Mann. Ja, ja, ja, keine Widerrede, das sind Sie. Warum vernachlässigen Sie mich so? Zwei von den acht eingesandten Berichten über meine Gastspieltriumphe [367] – ich sage Triumphe und übertreibe nicht, sie waren einfach phänomenal – haben Sie gar nicht abgedruckt und an den anderen haben Sie Striche gemacht. Keine Ausrede. Habe ich Ihnen jemals Striche zugemutet? Habe ich nicht Ihre Forderungen, Pardon, Ihre Vorschläge in extenso und darüber erfüllt? Habe ich jemals mit meinem Golde gekargt? Habe ich Ihnen nicht immer mit vollen Händen gegeben und lustig dazu gepfiffen: ›Ja, das Gold ist nur Chimäre‹, und ich hab's fürwahr redlich und sauer verdient. Nun, reden Sie doch!«

»Sie lassen mich ja gar nicht zu Wort kommen. Was auch gar nicht nötig ist: Sie, der geniale Menschenkenner, lesen mir's vom Gesicht, was ich sagen möchte ...«

»Ja, das thue ich – und was ich lese ist dies: ›Ich, der allgewaltige Chefredakteur, vor dessen Feder ganz München zittert, bin ein undankbarer Erzschuft ...‹«

»Oho! Da möcht' ich doch bitten ...«

»›Bin nicht wert, daß mich Sonne, noch Mond, noch der Glanz des Goldes bescheint, wenn ich diesem armen Komödianten Geiling nicht volle und rasche Genugthuung gewähre.‹ Hab' ich richtig gelesen oder nicht?«

[368] »Stimmt Wort für Wort.«

»Na also.« Der Komödiant reichte dem Preßbanditen die Hand mit inhaltsschwerem Drucke. »Die werte Frau Gemahlin zu begrüßen, habe ich wohl nicht das Vergnügen?«

»Sie überraschen uns ein wenig früh, großer Gönner; ich glaube, es ist noch Besuch da. Bitte, gütigst Platz zu nehmen, ich will nachsehen ...«

»Um alles in der Welt nicht, daß ich stören möchte. Ich komme wieder. Tauschen wir rasch ein paar Worte über unser Geschäft, dann schlüpfe ich unbemerkt davon wie ich gekommen.«

»Wie Sie befehlen.«

»Was ich zunächst wünsche –« seine Stimme zum kunstvoll accentuierten Säuseln dämpfend: »Sie wissen doch, daß in den höchsten und allerhöchsten Sphären schicksalsschwere Dinge sich vorbereiten, die erhabene Person unseres Königs betreffend?« – Wieder lauter, geschäftsmäßig glatt: »Was ich wünsche, ist daß in dieser Zeit des Übergangs, der Krisis, die ja auch gewissermaßen eine Kunstkrisis ist, sehr sogar, Ihr Organ keine Woche vergehen lasse, ohne meiner zu gedenken und zwar in starker, origineller, sensationeller Weise. Wir haben es leider mit einem ziemlich [369] stumpfen Publikum zu thun, das will kräftig zur Aufmerksamkeit aufgerüttelt werden. Wir müssen das verzettelte Interesse sammeln, konzentrieren. Mit dem abgebrauchten Vokabular erreicht die Kunstkritik das nicht. Wir müssen uns neue Worte prägen. Zum Beispiel: nennen Sie mich das schauspielerische Zentralgenie der kosmischen Kunstindividualität oder ...«

»Bitte, langsam, das muß ich mir gleich aufschreiben. Sie sagten?«

»Schauspielerische Zen-tral-genie der kosmischen Kunst –«

»Etwas langsamer ... ›der kosmetischen Kunst‹ ...«

»Kosmischen, kosmischen! Aber was quälen wir uns? Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen von Woche zu Woche ein kleines Stilmuster schicke, ja? Das wäre das Einfachste.«

»Sehr einverstanden.«

»Aber nichts streichen!«

»Genau wie Sie's wünschen. Ich bürge Ihnen für korrekten Abdruck.«

»Keine sinnstörenden Druckfehler! Darin bin ich sehr empfindlich. Neulich schrieb Ihr Blatt, das heißt, setzte der Dummkopf von einem ungebildeten Setzer: Judentanz statt Intendanz, in [370] lateinischen Zitat Fama crescit eundo – Fauna statt Fama und in einem andern famos statt fames. Oder sollten das auch Witze sein?«

»Mein Gott, zuweilen passieren einem auch solche Witze,« lächelte der Preßbandit verlegen.

»Errare ... wie sagt doch gleich der Spanier?«

»... rurarem est.«

»Ganz genau. Auf das Spanische verstehen Sie sich wie ein zweiter Cervantes. Also bleibt bei dem Verabredeten. Und was noch zur vollen Wirkung meines Namens unbedingt erforderlich, ja nicht übersehen: ›Nacht muß es sein, Friedlands Sterne strahlen;‹ ich fordere nicht, daß Sie meine Kollegen mit dichter Nacht umhüllen, denn da würde man die Pygmäen nicht mehr auffinden, o nein, ich gönne ihnen ein anständiges Halbdunkel, wie es ihren Pfenniglichttalentchen angemessen. Aber was darüber, das mag ich nicht. Die Reklame für mich wird auch Ihrem Blatte nützen, man wird sich an den Zeitungskiosken um die Nummern raufen, in welchen in dieser neuen Weise über mich geschrieben ist, man wird in den Bräuhäusern und Kellern Agio dafür bezahlen, Sie werden Nachdrucke [371] veranstalten müssen, kurz, ich mache Sie zum reichen Mann, zum Millionär! Adieu, Mammonsdiener! Meinen Handkuß Ihrer Frau Gemahlin; sie ist eine Fee, eine Sirene. Ich werde mir ehestens das Glück gestatten, ihr meine Huldigung in einem kleinen Separatbesuch zu Füßen zu legen. Adieu, adieu!« Er winkte die Hinausbegleitung ab und zog die Thür hinter sich zu.

Der Preßbandit schmunzelte, indem er mit der Hand in seine Tasche fuhr und die empfangene Geldrolle nachwog. »Das ist noch ein Künstler! Zwar einen lächerlichen Größenwahnsinn hat der Tropf und eine unverschämt satirische Schnauze, aber diese Formen, diese Lebenskunst! ... Nun muß ich doch einmal nach meiner Alten schauen ... Heute kann sie sich gewiß nicht über Störung beklagen ... So unbelauscht konnte sie den Franzosen schon lange nicht mehr einseifen und über alle möglichen Löffel barbieren. Hoffentlich hat sie ihre politische Rolle gut gespielt ... Ein gesegneter Tag.«

Als er in den Flur treten wollte, öffnete das Mädchen einem neuen Besucher die Thür. Er vermochte ihn in der Dämmerung des Ganges nicht zu erkennen. »Nun wird mir's aber fast zu viel,« brummte er für sich und fragte dann [372] ärgerlich laut: »Wer sind Sie, und was wollen Sie?«

»Ich bin Engländer und will mit dem Redakteur von der ›Kloake‹ sprechen.«

»Hereinspaziert; aber kurz, muß ich bitten.«

Es war ein schlanker, junger Mann, in knapp anliegendem, karriertem Sackanzug nach neuester Insulanermode. Mit langen Schritten storchte er hinter dem Preßbanditen ins Zimmer. Aus seinen seegrünblauen Augen blitzte Wurzelkraft und Entschlossenheit.

»Was wollen Sie?« fragte der Preßbandit, an seinen Sessel gelehnt, den Fremdling kaum eines Blickes würdigend.

»Sie haben eine Frau beschimpft, Frau Raßler.«

»Ah, was Sie nicht sagen! Was geht das Sie an?«

»Sie haben einen jungen Engländer beschimpft, mich, Harry Wood.«

»Beschimpft? Seien Sie vorsichtiger in der Wahl Ihrer Ausdrücke, junger John Bull und machen Sie, daß Sie fortkommen.«

»Gleich. Zuvor aber nehmen Sie das – und das – und das –«

Und mit drei wohlgeführten blitzartig sich [373] folgenden Boxer-Fauststößen auf Aug' und Nase, Mund und Magen honorierte er den überraschten Preßbanditen so kunstgerecht, daß dieser ohne einen Laut in seinem Redaktionssessel zusammenbrach. Die Nase war zu einem blutigen Brei zerquetscht und zerrieben, das Auge hing wie eine dicke blauschwarze Kugel an dem Knochenbogen, die Oberlippe war zersetzt und zerschlitzt. Über den schwarzgefärbten Schnurr- und Kinnbart strömte das Blut und bildete eine dunkelrote warme Lache in dem muldenförmig auf dem Unterleibe aufgestülpten Samtrock.

Der junge Engländer war hinausgestorcht, so still und gleichmütig, wie er gekommen.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Das Gespräch der guten alten Freunde in Trostbergs Bibliothekzimmer hatte nach einer langen und breiten Durchsprechung der neuesten Sensationsbroschüre »Die bayerische Ministerrepublik« von dem Demokraten Heinzelmann, auf welche eine geharnischte Gegenschrift zu verfassen, der Regierungsrat den Doktor vergeblich anzuspornen suchte, wieder eine intimere und lustig sprunghafte Wendung genommen.

»Erlaube mir,« sagte der Doktor, »Deine jetzige kluge Leisetreterei mutet mich doch eigentlich [374] spaßhaft an. Nicht daß Du den Schlapphut mit dem Cylinder, die Joppe mit dem Gehrock vertauscht hast, will ich Dir ungebührlich anrechnen. Das sind Geschmacksachen. Aber geistig und moralisch hast Du doch von dem schneidigen Draufgänger von damals fast gar nichts mehr.«

»Ach, geh, wenn man einen zehnjährigen Kadetten sich angeheiratet hat, der nach preußischer Methode gedrillt wird ... und wenn man selbst noch aus Leibeskräften für Nachwuchs sorgt ... da gilt's pro aris et focis. Da ist's mit Sturm und Drang vorbei, Freund. Ich habe mir die Hörner abgelaufen. Carpe diem, was darüber ist, das ist vom Übel.«

»Und Du bist glücklich in Deiner zweiten Ehe, was man so glücklich nennt –«

Der Regierungsrat nickte: »Gewiß, und was das Beste ist, meine geschiedene erste Frau freut sich ohne Groll unseres neuen Glücks und ist uns eine gute Kameradin geblieben. Die Frömmler und Mucker meinten zuerst freilich, es wäre sittlicher gewesen, wenn wir uns feindlich den Rücken gekehrt oder aus Haß aufgefressen hätten.«

»Das fromme Lumpenpack kennt sich eben, daher seine Kannibalenmoral.«

[375] »Wer mich so sieht, als korrekte Büreaugröße, der ahnt nicht ...«

»Daß auch Du ein Schicksalsmensch bist, ein Katastrophenheiliger!«

»Ja, mein Lieber, was kann man da sagen! Erst muß man alles innerlich überwunden haben; eine frische Rinde muß über die verborgenen Verletzungen gewachsen sein, damit der alte Saftgang nicht mehr stockt, wenn er an der Unglücksstelle vorüberrollt.Quid sit futuram cras, fuge quaerere.«

»So ist es. Erst wenn wir uns als unsere eigenen Überlebenden fühlen, können wir ruhig und männlich des alten Lebens gedenken in milder Gesinnung. Flüche, Gebete, Trostsprüche, Verzweiflung, Hoffnung – alles ist überwunden. Man rollt sich historisch vor sich selber auf wie eine Kartenlandschaft ... Und zum Teufel, es sind doch Punkte drauf, wo man nicht hinsehen mag ohne Schauder und Gruseln.«

»Das Leben ist ein kurioses Ding. Seit Du mir von dem guten Drillinger erzählt, geht er mir immer wieder im Kopfe herum. Diese Offiziere a.D., die uns die neue Ordnung so massenhaft bescheert, sind ein wahres Verhängnis, für sie selbst und für das Volk. Dieser Andrang [376] von inaktiven Offizieren bei allen Ämtern und Stellen, bei unseren statistischen und polizeilichen Büreaus! Eine anständige Beschäftigung, die vor Versumpfung und Verbummelung schützt, und vier bis fünf Mark Diäten sichert, scheint schon ein großes Los. Ein jeder, der sich neu meldet, erfährt aber, daß schon Hunderte vor ihm vorgemerkt sind; er hofft, nach Jahr und Tag doch anzukommen. Und ist er angekommen, was blüht ihm? Eine verknöchernde, geistlose und doch ungewohnt mühsame Arbeit in noch ungewohnteren dumpfen Büreauzimmern Tag für Tag. Er, der bis zu seiner Verabschiedung gewohnt war, hoch zu Roß oder stramm zu Fuß den größten Teil seiner Zeit in frischer, freier Luft zuzubringen!«

»Da mußt Du erst Drillingers Schilderungen hören von den Offiziersbeschäftigungen in Fabriken. Das muß man ihm nachrühmen, er hat nichts unversucht gelassen. Einmal war die Situation einfach grotesk: ein großer Privatunternehmer hatte ihn in seiner Buchhalterei angestellt, um als Hilfsarbeiter einen Menschen neben sich zu haben, an dem er sich, mit Rücksicht auf dessen vornehme Geburt und klingenden Titel, im Gebrauch eleganter Lebensformen üben konnte, während der Oberbuchhalter, ein ehemaliger Unteroffizier, [377] jede Gelegenheit ergriff, den ihm unangenehmen Hauptmann a.D. das Untergeordnete seiner jetzigen Stellung mit ausgesuchter Bosheit fühlbar zu machen. Auf der einen Seite mußte er elender Silberlinge wegen sich den empfindlichsten Kränkungen aussetzen, um auf der andern Seite den Nimbus seines Chefs, eines eitlen plebejischen Emporkömmlings, verstärken zu helfen.«

»Die vis comica einer solchen Situation ist klassisch.«

»Auch in der Publizistik hat er einen Anlauf genommen. Er ist nicht in den Sattel gekommen, trotz seines Talentes und seiner Anstelligkeit. Gar mancher viel weniger Begabte seiner Kameraden hat in der Münchener Presse Glück gehabt. In allen Redaktionen stößt man hier auf Offiziere a.D., von der ›Allgemeinen Zeitung‹ bis herunter zur salva venia ›Kloake‹; bei den Freisinnigen, den Nationalliberalen, den Schwarzen und Roten – überall hantieren Offiziere a.D. mit Redaktionsstift, Kleistertopf und Schere. In diesen Offizieren a.D. verkörpert sich ein großes Stück soziale Frage. Unser guter Drillinger, wie gesagt, kam nirgends an. Er versteht von der Kunst der Streberei [378] nichts; er ist der geborene Pechvogel. Auch die Trambahn, die Panorama-Gesellschaften, die mit Offizieren a.D. wirtschaften, hatten für ihn keinen Platz.«

»Und jetzt Liebelei und Börsenspiel – das scheint mir von allen der verhängnisvollste Versuch, aus dem Sumpf der Unthätigkeit heraus zukommen.«

»Hinsichtlich seiner Liebeleien wird viel übertrieben, wie immer, wenn sich der öffentliche Klatsch solcher Dinge bemächtigt. Was hier an unserer Isar zusammengeklatscht wird, davon macht Ihr Euch in der Provinz gar keine Vorstellung. Du siehst's ja – selbst der König auf seinem Thron ist nicht sicher davor. Es übersteigt alle Begriffe, was ihm nachgesagt wird. Ja, wir leben in einem freien Lande!«

»Darum doppelte Vorsicht in dieser gährenden Zeit. Was sie auch aus ihrem Hexenkessel als angeblich erlösendes Gebild aufsteigen lassen möge, wir sind alt genug, uns durch nichts mehr überraschen zu lassen ...«

»Der Kurier seiner Majestät,« meldete Gabriel mit schwacher Stimme und verbundenem Kopf.

[379] »Wie siehst denn Du aus, Unglücksmensch?« fragte Trostberg überrascht.

»Es scheint, ich kann den Münchener Frühling und den Schopenhauer nicht vertragen: es treibt mir den Kopf auseinander.«

»Bitte, einen Augenblick, lieber Regierungsrat, der Kurier wird gleich bedient sein.«

Doktor Trostberg empfing den Kurier sehr zeremoniös in einem salonartigen Gemach, das zwischen Bibliothek- und Schlafzimmer lag.

»Seine Majestät befehlen das Drama-Manuskript? Hier. Es liegt schon seit gestern bereit.«

Damit überreichte er dem Kurier eine dicke, blauweiß verschnürte, mit Goldschnitt verzierte Rolle.

»Und hier der neue Auftrag unseres allergnädigsten Herrn,« hob der Kurier feierlich an, dem Doktor ein umfangreiches Buch überreichend. »Seine Majestät erwarten, daß Sie die Auszüge aus den bezeichneten Kapiteln spätestens bis Mitternacht abliefern; die französischen Verse im Anhang sollen ins Deutsche umgedichtet werden, so wortgetreu als möglich.«

Trostberg verbeugte sich. Er werde alles thun, die schwierige Arbeit zu allerhöchster Zufriedenheit auszuführen. Sodann mit einigen [380] diplomatischen Zwischenfragen überleitend, kam er auf persönliche Hofangelegenheiten, schlug einen diskret vertraulichen Ton an und wollte den Kurier ein wenig ausforschen. Der Kammerlakai war aber heute zugeknöpfter als je. Er beantwortete verschiedene Fragen mit dem nämlichen lächelnden Grinsen und Achselzucken. Nur als Trostberg auf den neuen Günstling, einen ehemaligen Friseur, anspielte, dem man in Münchener Kreisen großen Einfluß auf den König zutraue, antwortete der Gefragte: »Glauben Sie das nicht, Herr Doktor; dieser Mann ist wie alle andern mit einem Fuß drin, mit dem andern draußen – und morgen vielleicht schon mehr draußen als drin.«

»Und Sie selbst, vortrefflicher Freund ... nicht wahr?« ...

Nun wurde der Kurier gesprächiger.

Der Regierungsrat lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit an der Thür. Er vernahm nichts. »Auch das ist charakteristisch, wie alles was ich seit zwei Tagen in München erlebe, und muß mit anderem gruppiert werden!«

Nach längerem Warten sah er auf die Uhr, machte eine Miene der Überraschung und Ungeduld, dann trat er an den Schreibtisch, schrieb [381] einige Zeilen auf eine Visitenkarte, ergriff Hut und Stock und wollte gehen. An der Thür kehrte er noch einmal um, überlas das Geschriebene und setzte mit malitiösem Lächeln noch die zwei Worte darunter »Cedo maiori«.

Im Hinausgehen, ohne den Gruß des Klowns zu erwidern: »Ich weiche dem Größern – der Regierungsrat dem Kammerdiener. Das ist jetzt unsere Situation ... im Staate Dänemark.«

Zweiter Band

[1] 1.

Ew. Hochwohlgeboren!


Kurzweg so, ohne Ort- und Zeitangabe, oben rechts, geht's? Darf ich Ew. Hochwohlgeboren mit einer Briefcharade necken? Und am Ende auch die Unterschrift des Verfassers weglassen? Wobei ich, um selbst zum Glauben an die volle Wirkung dieses fragwürdigen Briefes zu gelangen, voraussetzen müßte, daß Sie seit unserer langen Trennung auch die Erinnerung an meine Handschrift verloren.

Ich weiß wirklich nicht, ob ich Ihnen gegenüber in dieser schlechtesten aller Welten, wo es besser wäre, gar nicht geboren zu sein, es sei denn, daß u.s.w. – ob ich Ihnen gegenüber den Spaß so weit treiben darf. Zumal da Ihre pessimistische Weltgestaltung – nicht wahr, wir sind in der Ergründung des Warum? Wozu? Woher? Wohin? unseres Daseins endlich weit genug gekommen, daß wir so etwas wie Weltgestaltung [1] auf eigene Faust. Gefahr und Rechnung ins Werk setzen und mit uns und unserer Lebensführung anfangen können, was wir mögen, ohne irgend einem anmaßlichen Hinz oder Kunz Rechenschaft schuldig zu sein? – also: zumal da Ihre pessimistische Weltgestaltung mehr und mehr einen Stich ins Allerdurchlauchtigste, Großmächtigste, Sonnenkönighafte bekommen hat, wie mir jüngst vorübergereiste Freunde im Fluge meldeten.

Blutiger Heiland von Dachau, steh' mir bei. Doktor Trostberg in der Livree eines geheimen Hofdichters, einer Art von dramatischem Minister für die litterarischen Angelegenheiten der königlichen Separatvorstellungen? Bin ich recht berichtet? In der That eine pikante Häutung für einen Studienlehrer a.D., für den gemaßregelten Verfasser radikaler sozialphilosophischer Schriften über den deutschen Bauernkrieg und eines brennend roten Buchdramas »Thomas Münzer«, das anno dazumal seiner Feuergefährlichkeit wegen von keinem Münchener Buchhändler in das Schaufenster gestellt werden wollte ...

Ja, ja, »und neues Leben blüht aus den Ruinen«, wie Schiller deklamierte, der auch mit den Räubern (»In tyrannos!«) und den böhmischen [2] Wäldern begonnen, um mit der geadelten klassischen Hof-Tragödie und einem Platz in der Fürstengruft zu schließen.

Ich empfinde es wirklich als Anmaßung, mir mit Ihnen diesen epistolarischen Scherz zu erlauben, wenn ich Sie nur jetzt studierend, exzerpierend, übersetzend, dichtend auf vertrautestem Fuße mit dem Hofe Ludwig XIV. in Versailles denke, ganz vergoldet vom Strahle der Königssonne jenes großen französischen Jahrhunderts, du auf du mit den schönsten, liebenswürdigsten, galantesten Damen; wenn ich Sie mir vorstelle, wie Sie mit der Madame Pompadour zu Bett gehen und mit der La Vallière aufstehen, wie Sie – – – Nein, das will ich mir lieber doch nicht vorstellen, Ihr deutscher Mannesbusen nähme sich in dieser Entblößung doch gar zu sündhaft aus.

Und dabei hat sich Ihr Pessimismus auch ins Hoffähige hinüberstilisiert und schwebt bei feierlichen ästhetischen Empfangsabenden zwischen der letzten und vorletzten Hofrangklasse zum Olymp empor. Er trägt nicht mehr die krachlederne Kniehose und die wollenen Wadenstrümpfe und die derben Bergschuhe, sondern kleidet sich in die glänzende Hofkavaliertracht des großen Jahrhunderts; [3] er hat sich die ursprünglichen Naturlaute abgewöhnt und spricht jetzt mit der glatten Zunge des vollendeten Höflings. Dreh' dich im Grabe um, alter Onkel Schopenhauer, philiströser frankfurter Isegrimm und Pudelführer!

Allein, schon Sie, Hochwohlgeboren, eben weil mich diese ganze Geschichte eigentlich nichts angeht, finde ich die alte, heitere Freiheit des Geistes wieder, Ihnen diese scherzhafte Epistel zu widmen. Aus der Ferne nehmen sich die Metamorphosen eines Sonderlings vielleicht auch – weniger bedenklich aus, als sie thatsächlich sind.

Und nun bitte, ich Sie, betrachten Ew. Hochwohlgeboren diese Zeilen als eine von meiner phantasielosen Ehrlichkeit schlecht erfundene captatio benevolentiae, als eine diplomatisch mißratene Vorrede zu dem nun folgenden eigentlichen Briefe. Vor Monaten schrieb mir Drillinger (allerdings nur in einem Postskriptum!) die Mahnung: »Richte doch auch wieder einmal einen ordentlichen Brief an unsern verehrtenDr. Trostberg, er rechnet darauf.« Ich kam seither nicht dazu. Schlimmer noch: in meinem letzten Brieffolianten an Drillinger vergaß ich sogar, Ihrer zu gedenken und Ihnen die von Drillinger getreulich an mich übermittelten Grüße zu erwidern. [4] Ich eile, das Versehen gut zu machen, indem ich Ew. Hochwohlgeboren folgenden Extrabrief schreibe. Den versprochenen Pessimistenbaustil werde ich Ihnen leider diesmal noch nicht mit einwickeln können. Doch will ich mein Möglichstes thun, auch dieses Problema zeitgemäßer philosophischer Architektur zu Nutz und Frommen der Mit- und Nachwelt noch zu lösen.

Ich schließe hiemit, nehme ein frisches Blatt – und beginne!


Pompeji, in den letzten Tagen.

Albergo del Sole, Frühling 1886.


Mein verehrter Doktor Trostberg!


Daheim ein Überflüssiger, hab' ich die Jahre her halb Europa durchzogen: Holland, Belgien, Frank reich, Österreich, Ungarn, die Schweiz – und andere von Wissenschaft und Kunst überblühte Naturgebiete, um die tausend und millionenfach abstudierte und abgebrauchte Gedanken- und Formenwelt mit eigenen Sinnen zu mustern und die uns schulmäßig eingepaukten Meinungen, Ansichten, Gemeinplätze und Urteile ein wenig nachzuprüfen. Gar vielen Unsinnskram, den man daheim ehrfürchtig und mühselig weiter schleppt, habe ich unterwegs abgeschüttelt – und es ist mir mit jedem Schritte leichter und wohler geworden. [5] In jedem fremden Wirtshause habe ich mit dem üblichen Trinkgelde zugleich einige Dummheiten zurückgelassen. (In Parenthese: der Leser wird höflichst gebeten, Dummheiten nicht mit dummen Streichen oder sonst mit einer boshaften Doppeldeutigkeit zu übersetzen.)

Ich habe frisches Leben, frische Eindrücke gesucht und wie oft ich auch enttäuscht von dem Äußerlichen war, innerlich habe ich immer das Eine gewonnen: erfrischte Kraft! Was ich jedoch noch nicht gewonnen habe, mein verehrter Doktor Trostberg, das ist die ausreichende Zahl von Motiven, aus denen ich Ihnen den neuen pessimistischen Baustil hätte konstruieren können, den ich Ihnen in einer überschwänglich mißmutigen Stunde – ich weiß das Plätzchen noch: auf einer von blühendem Flieder umbuschten Bank auf der prächtig grünen, mit hohen Pappeln, Ulmen und Linden bestandenen Landzunge zwischen den schäumenden und tosenden Isarwassern, links von der Maximiliansbrücke – zur architektonischen Ergänzung und wohnlich stilgerechten Ausbauung Ihrer Weltanschauung versprochen habe. So nahrhaft und gut die Pessimisten auch das hundeschlechte Dasein ertragen: der Pessimismus selbst lebt noch rein von der Luft der Dichtung [6] und Wagnerischer Musik, sowie von einiger Farbenillusion trübseliger Malermeister. Architektonisch ist er noch ganz und gar obdachlos. Nun werden Sie freilich gleich wieder mit Ihrer herben Spruchweisheit bei der Hand sein: die Baukunst nimmt in der Rangfolge der Künste überhaupt die niederste Stufe ein; sie ist eine bloße Bedürfnis- und Nutzkunst und steht ästhetisch nicht hoher als die Bekleidungskunst – die Wohnstube, das Haus, der Palast sind eigentlich ja nur erweiterte Kleider, um uns vor der Unbill der mörderischen Natur zu schützen; die Architekten sind auch keine philosophischen Köpfe, sondern höchstens Rechnungsmaschinen, ihre Kunst ist nur entwickelte Naturnachahmung und hat im Tierreich zahlreiche, zum Teil unerreichte Muster u.s.w.

Bleibt uns also vorerst nichts anderes übrig, mein verehrter Doktor Trostberg, als unsere Zuversicht auf die Zukunft zu setzen und das Beste von der Ausbreitung und Kräftigung der pessimistischen Idee zu er hoffen. Haben wir erst glücklich einmal ein durch und durch pessimistisches Volk, wie wir ein biertrinkendes, handeltreibendes, kriegführendes, gottverehrendes Volk haben, dann wird neben dem Kneipenstil. Bahnhofstil, [7] Festungs- und Kasernenstil, Kirchenstil u.s.w. auch der echte und gerechte pessimistische Philosophenstil erstehen. Es wird zwar noch viel Hochgebirgs-Gletscherwasser in die Isar fließen, bis wir jene Erhitzung der Köpfe und Herzen herbeiführen, welche die Vergletscherungen des unseligen Optimismus in auflösenden Fluß bringt und mit dem neu erblühenden Pessimistenvolk auch der neue Pessimistenstil siegreich in die Erscheinung tritt; allein Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden. Daß der Pessimismus an sich reich an Konstruktionsgedanken ist, die dereinst bauliche Verwertung finden können, beweisen ja einstweilen die philosophischen Lehrgebäude, die in. den zahllosen Schriften unserer Schopenhauerianer und Hartmannianer auftauchen. Ich selbst habe zwar – zu meiner Schande muß ich's gestehen, auch wenn ich um eine ganze Quecksilbersäule in Ihrer Achtung sinken sollte – diese schriftlichen Lehrgebäude noch nicht in der Nähe beaugenscheinigt, ich habe mich bescheidentlich begnügt, sie wie ferne Nebelformen nach dem Hörensagen anzustaunen; allein ich habe hier eine kleine geniale Person bei mir, eine Malerin in Temperafarben, die sich sehr gründlich im Schrifttum der Philosophen umgethan zu haben scheint, und sie [8] ist es, die mir neulich erst wahre Wunder von den Konstruktionsgedanken der Schopenhauerianer strengerer und laxerer Observanz erzählt hat. Für meinen eigenen philosophischen Hausbedarf bin ich immer noch ganz anständig mit dem kleinen witzigen Gedankenvorrat ausgekommen, den mir die »Lichtstrahlen aus Schopenhauers Werken«, das pikante Kapitel von den Illusionen der Liebe in Hartmanns »Philosophie des Unbewußten« und der belehrende Umgang, dessen ich mich einst mit Ihnen zu erfreuen hatte, in angenehmster Weise lieferten. Zufällig bekam ich neulich ein Bändchen Gedichte von einem gewissen Leopardi in die Hand, der da drüben am Vesuv herumpessimistiert haben soll. Die Gedichte sind sehr schön. Doch war ich sehr enttäuscht, als mir versichert wurde, Leopardi sei wirklich ein genialer Schmerzenreich, ein unheilbar leidender und tief unglücklicher Mensch gewesen. Er soll auch sehr jung gestorben sein. Meine seitherigen Erfahrungen hatten mich zu der Annahme verleitet, daß der Pessimismus seine Bekenner recht gut konserviere und sie ein vergnügtes Alter erleben lasse. Eduard v. Hartmann, der die Niederträchtigkeiten der Liebe und Ehe am schärfsten geißelt, ist bekanntlich sehr angenehm [9] verheiratet und glücklicher Familienvater. Von Schopenhauer gar nicht zu reden, der nach zuverlässigem Zeugnis besonders während seines italienischen Aufenthalts den Wonnekelch der Liebe bis auf die Nagelprobe zu leeren und auch sonst bis in sein hohes Alter vorzüglich zu speisen und zu verdauen pflegte. Dieser Pessimismus hat mir immer imponiert ... Er setzt bei seinen Bekennern eine ungewöhnliche Seelengröße voraus, denn es ist fürwahr kein kleines Stück, Lebenstheorie und Lebenspraxis so taktfest auseinander zu halten und auf der scharfen Kante des Iustemilien dahinzuspazieren, ohne Schwindel zu bekommen. Die oben zitierte kleine Malerin in Temperafarben, ein allerliebster Kamerad mit einem eminent klugen Köpfchen, hat mir diesen Kasus freilich in ein anderes Licht gerückt (sie rückt in ihrer famosen Originalität überhaupt alles in ein anderes Licht, auch in der Malerei, wo sie wie ein Satan auf das plein-air versessen ist); sie sagte nämlich, der Pessimismus ähnle darin den fideleren Religionen, daß auch seine Bekenner sich in Schafe und Böcke, in Gerechte und Ungerechte scheiden lassen ...

Also!

Haben wir zur Zeit noch nicht die Kraft zur [10] Schaffung eines architektonischen Pessimistenstils so haben die herrschenden Baustile unserer ruhmreichen Gegenwart wenigstens die Kraft, uns der pessimistischen Weltanschauung geneigter zu machen. Mir war nie weltschmerzlicher zu Mute, als wenn ich die neuesten Baudenkmäler unserer guten Kunststadt München betrachtet habe – z.B. die Gebäude der Maximiliansstraße. Und erst was da unten an der Isar herumgebaut worden ist! Bei diesem Anblick bekam ich sogar Gräßlicheres, als Weltschmerz, ich bekam Bauchschmerz!

Fürchten Sie nicht, mein verehrter Doktor Trostberg, daß ich aus Rache für die erlittenen scheußlichen Empfindungen Ihnen boshaft zurufe: Stellen Sie sich auf die Maximiliansbrücke und blicken Sie von da nach allen Himmelsgegenden in die Bauwunder des sogenannten Isarathens hinein – da haben Sie eine Ahnung Ihres Pessimistenstils! Was man da an der schönen, wilden, naturwüchsigen Isar an Münchener Kunstoffenbarungen vorgesetzt erhält, mag an Alles in der Welt erinnern, nur nicht an den kraftvoll eigenartigen, harmonischen Schöpfergeist Athens. Und darum glaube ich, daß wenn für München je einmal die Bezeichnung Kunststadt und Isarathen eine segensvolle Wahrheit werden und eine [11] Blütenepoche eigenen, kraftvoll überströmenden Schaffens auf dem Gebiete des Schönen im umfassendsten und höchsten Sinne bedeuten sollte, die entscheidenden Thaten ihren Schauplatz an den Isarufern finden werden. Im Smaragd der Isar werden sich die Siegeswerke spiegeln, und stolzes Rauschen wird den Triumph der neuen Münchener Kunst verkündigen. Was heute von den unerhörten Sehenswürdigkeiten der Kunstleistungen in der königslosen Haupt- und Residenzstadt Bajuwariens oder Viermaniens gerauscht wird, das stammt meistens von jenen geistig dürren Blättern, die mit den Stichworten der von der Klique inszenierten Reklame arbeiten. Das verblüfft, aber überzeugt nicht. Die Botschaft hört man wohl, allein es fehlt der Glaube. Je nun, einstweilen muß uns auch dieses – Wurst sein.

Erinnern Sie sich, mein verehrter Doktor Trostberg, wie unser großer einsamer König dereinst im Bunde mit Richard Wagner und Gottfried Semper den hehren Tempel deutscher Zukunftsmusik am Strande unserer Isar errichten wollte? Drüben auf der bewaldeten, sagenumflüsterten, eichen- und tannenumrauschten Uferhöhe gegen Bogenhausen? Wie er die nüchterne[12] Liebigstraße zur monumentalen Kunstfeststraße umschaffen und in mächtigem Zuge von der Gartenseite des Festsaales der Residenz bis an die Isar bauen, mittelst einer neuen Brücke über die Isar leiten und in malerisch aufsteigenden Terrassen bis an die Schwelle des hehren Festspieltempels führen wollte? Und die deutschen Völker versammeln sich hier, die hohen Feste ihrer nationalen Allkunst zu begehen, in längeren Zwischenräumen, begeisterten Herzens, aller Gemeinheiten und Sorgen des politischen und wirtschaftlichen Werkeltaglebens entladen, rein gebadet an Geist und Gemüt im Äther der großen vaterländischen Kunst ... Sehen Sie, wie sie in Scharen daherziehen, Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen, festlich gehobenen, elastischen Schrittes, beredten Mundes und glänzenden Auges, wie sie an der hohen Freitreppe des Kunsttempels sich wenden und klopfenden Herzens die Herrlichkeit der Landschaft bewundern, und aus der blauen Ferne grüßen die schneeigen Häupter der ewigen Alpen herein, und die Isar rauscht jubelnd herauf, und wie Nibelungenluft saust's durch die Wipfel der Eichen und Tannen, und im Abendrot schwimmt die hehre Kunststadt mit ihren ragenden Türmen und Giebeln ... [13] Und nach diesem Naturvorspiel hebt sich der Vorhang ... Die materielle Welt versinkt, die Sonne des Geistes geht strahlend auf am Firmament der Kunst, die herrlichen Sterne der Dichtung und Musik leuchten und tönen in das Dunkel, und in lebendigen Gestalten schreitet das Schicksal unserer Götter und Väter, zum erhabenen Bilde verklärt, an unserem Blicke vorüber ...

Ein Traum, ein Traum! O, es wäre mehr gewesen. Der Nibelungenring Wagners mit seiner grandiosen Symbolik hätte wie ein Weltgericht der reinen Kunst an dieser Stätte gewirkt. Hier hätte man das wunderreiche Zeitgedicht des Dichter-Komponisten in seiner wahren Bedeutung erfassen gelernt, was weder in dem fränkischen Dorf Bayreuth, noch in den Prunksälen unserer Opernspaß-Häuser jemals vollständig gelingen wird: Die Jagd nach dem Ring, d.h. dem Goldreif, welcher der Welt Erbe verleiht, als das tragische Verhängnis unserer Zeit, der Kapitalismus in seiner Götter und Menschen aufreibenden Besitz- und Machtgier, die Weltherrschaft des Goldes – welch' ein dämonisches Kampfmotiv, in das sich Himmel und Erde teilen, und welch' eine Katastrophe! Ich weiß [14] nicht mit deutlichen Worten zu sagen warum, aber ich habe die Empfindung, daß diese Weltdichtung gerade an der Isar ihre volle Offenbarungsgewalt hätte entfalten müssen. Und hat der junge König nicht eine ähnliche Empfindung haben müssen? ...

Welch' grandiose, eines jugendschönen, idealen Bayern-Königs würdige Künstlerphantasie!

Leider ist das Volk nicht mit seinem König gegangen. Der große Augenblick fand ein kleines Geschlecht. O Jammer, es hat von der goldenen Minute ausgeschlagen, was ihm keine Ewigkeit mehr zurückbringen wird. Der Königswille wurde gebrochen durch den brutalen Kleingeist der Kunststadtphilister, Meister Richard Wagner wurde aus der verdummten Kunststadt vertrieben, Meister Gottfried Semper rollte seine genialen Pläne zusammen und ging, und König Ludwig der Zweite schüttelte Schmutz und Staub seiner Residenzstadt von den Füßen und flüchtete sich in die Alpen und verzauberte sich in eine märchenhafte Welt, aus Dichtung gewoben und Wahrheit ... Großer, armer, unverstandener König, wie wird das enden! ...

Ja, mein verehrter Doktor Trostberg, ich habe Sie in dem Verdacht, daß Sie sich jenes [15] wüsten Münchener Hexensabbates gar nicht mehr erinnern. Damals waren Sie noch wohlbestallter klassischer Schulmeister in der fröhlichen Pfalz. Was kümmerten Sie da die unklassischen Münchener Händel? Sie räsonnierten und zechten mit unserem gemeinsamen Freund Doktor Leyser – Gott hab' ihn selig! – und schlugen sich die ersten pessimistischen Einfälle zwischen zwei Flaschen Jesuitengarten zu Faden, weil die üppige Sarah, die nachmalige Gesponsin meines Münchener Bankiers, Sie nicht erhören wollte. Aber ich habe jenen Hexensabbat in München miterlebt, und als ich neulich meine kleine Reisebibliothek revidierte, fielen mir wieder die Strophen in die Hand, worin der nun fast vergessene Dichter Herwegh jenen Spuk schildert. Ich will zu Ihrer pessimistischen Ergötzung die Hauptstellen ausschneiden und herkleben. Hier!


Vielverschlagener Richard Wagner,

Aus dem Schiffbruch von Paris

Nach der Isarstadt getragner

Sangeskundiger Ulyß,

Ungestümer Wegebahner,

Deutscher Tonkunst Pionier,

Unter welche Insulaner,

Teurer Freund, gerietst Du hier!

Und was hilft Dir alle Gnade

[16]

Ihres Herrn Alkinous,

Auf der Lebenspromenade

Dieser erste Sonnenkuß?

Die Philister, scheelen Blickes,

Spucken in den reinsten Quell;

Keine Schönheit rührt ihr dickes,

Undurchdringlich dickes Fell.

Ihres Hofbräuhorizontes

Grenzen überfliegst Du keck,

Und Du bist wie Lola Montez

Dieser Biedermänner Schreck.

»Solche Summen zu verplempern,

Nimmt der Fremdling sich heraus!

Er bestellte sich bei Semper'n

Gar ein neu' Komödienhaus!

Ist die Bühne, drauf der Robert,

Der Prophet, der Troubadour

München's Publikum erobert,

Eine Bretterbude nur?

Schreitet nicht der große Vasco

Weltumsegelnd über sie?

Doch Geduld – Du machst Fiasco,

Hergelaufenes Genie!

Ja, trotz allen Deinen Kniffen,

Wir versalzen Dir die Supp';

Morgen wirst Du ausgepfiffen –

Vorwärts, Franziskanerklub!«


Ein niedlicher Rummel der Isarathener! Und das war Ludwigs vielgeliebtes Residenzstadtvolk, in dessen Mitte er leben sollte ...

Wenn er dem Zwange des Staatsgrundgesetzes [17] gehorcht und einige Male im Jahre bei Nacht und Nebel nach München kommt, dann schließt er sein Theater für den großen Haufen der Isarathener und läßt sich Separatvorstellungen rüsten, in welchen neben den klassischen Meisterwerken der großen Deutschen mehr und mehr die Louis-Quatorziaden der wälschen Repräsentationskomödie zur Darstellung kommen, und mein verehrter Doktor Trostberg, der bleiche Schatten des einstigen rotblütigen Zeitgenossen und Überlebenden des deutschen Bauernkrieges, taucht seine Schwertfeder in die Schminktöpfchen französischer Übersetzungsdramatik und Pompadourlitteratur ...

Ah, Sie wollen einen Pessimistenstil, geheimer Separatdichter? Da haben Sie ihn!

Und da, wo die Isarwellen scheu und klagend an der Bogenhauser Höhe vorübereilen, da sehe ich einen Stein aus dem Wasser ragen ... Und auf diesem Stein wird einst der Doktor Trostberg seine mißbrauchte Schwertfeder zerbrechen und seine Leier zerschlagen – im Jammer um eine verlorene schöne Welt, und das wird sein erster wahrhaftiger Weltschmerz sein, vor dem ich Hochachtung empfinde, ich, der Weltfrohe.

Und nun lassen Sie uns ein wenig von unseren [18] letzten Tagen und Eindrücken in Pompeji plaudern!

Jawohl, dieses Pompeji, das sich jetzt nach tausendjährigem Todesschlaf wie ein Gespenst am hellen Tag aus seinem Grabe erhebt und sich Asche und Staub aus den hohlen Augen reibt und seine verschollene Zier und seine verblichene Schönheit Stück für Stück aus den Trümmern zusammenliest, das war eine Kunststadt. Fürwahr, ich möchte unsere Kunststadt nicht an seiner Stelle sehen ...

Ach, der Gedanke an die Heimat läßt mir keine Ruhe, und mein Empfinden schweift schon wieder ab ... Es ist ein Sturm, ein Aufruhr in mir, der jedem beschaulichen Genießen spottet.

Meine Feder saust im Fieber über das Papier, und ich breche Ihnen den Hals, Doktor, wenn Sie nicht stille halten und mich nicht achtungsvoll zu Ende hören. Der Sie das Leid der ganzen Welt empfinden und tragen, dürfen nicht widerwillig das Leid des Einzelnen von sich weisen. Und ich leide, wenn ich an unumwundener Aussprache verhindert werde. Aber ich will nicht zu einem Klotz reden, sondern zu einer mitempfindenden Mannesseele. Für letzteres halte ich sie trotzalledem. Täusche ich mich, so [19] sind Sie ein verdammter Egoist. Ich würde es dann nicht einmal mehr für ein Vergnügen, geschweige für eine Ehre halten, von Ihnen angepumpt zu werden. O nicht diese saure Miene, obwohl sie einen geborenen Pessimisten gut kleidet! Ich revanchiere mich und pumpe Sie auch an, sobald ich heimkomme. Nicht um Geld, sondern um einen guten Dienst. Jetzt, wo Sie ein Zipfelchen vom Ohr des Königs haben und ein Mann von allerhöchstem Einflusse sind ... Meine Isarbebauungspläne – ahnen Sie etwas? Ah, ich sehe schon isarauf- und abwärts die Gerüste aus dem Boden wachsen und ein Heer von Arbeitern wimmeln und ganze Wagenburgen mit Baumaterial heranziehen ... Die Lastfuhrwerke knarren und ächzen, Staubwolken wirbeln auf, ein ungeheures Leben erfüllt die stillen Ufer, aus allen Gassen strömen die Gaffer herbei, um das Wunder der Umgestaltung zu sehen. Wie die Göttin der Schönheit aus den Fluten des Meeres, so taucht ein göttlich schönes Neu-München aus den Fluten der Isar auf ...

Und da jagen meine Gedanken in diesem toten Pompeji umher wie aufgescheuchte Vögel, wenn sich der Himmel mit Gewittern überzieht. Warten soll ich! schreibt man mir von daheim. [20] Warten. Der große Zeitpunkt sei noch nicht gekommen. In vier, fünf Jahren erst könne alles in Fluß kommen. Man habe alle Hände voll mit anderen Dingen: mit der Wasserleitung, der Kanalisation, der Pflasterung, der Trambahn, dem Viehhof, den Marktbuden, der Vollendung des Akademiegebäudes, der Auskundschaftung eines Platzes für das Künstlerhaus der »Allotria«, Renovierung und Erweiterung alter Kirchen, Erbauung von Schulkasernen, Erhebung Schwabings zur Weltstadt, Umbau des Hofbräuhauses und des Landtagsgebäudes, »Sanierung der königlichen Kabinetskassa«, Ministerstürzerei u.s.w. Überall, wo ich angeklopft und sondiert habe, die nämliche Antwort: Warten!

Ich habe diesen Winter in Rom eine Denkschrift ausgearbeitet und an den Architekten- und Ingenieur-Verein nach München geschickt; ich habe einigen Finanzgrößen Pläne und Rechnungen vorgelegt; ich habe Fühlung gesucht mit den führenden Köpfen im Stadtbauamt; ich habe Ministerialbeamte mit Anregungen bombardiert: Warten! tönte es im Unisono – laut und leise. Das heißt, einige haben gar nicht getönt, sondern sind stumm geblieben bis auf den heutigen Tag.

Das sage ich nur Ihnen. Nicht einmal [21] Drillinger ist in alle meine Pläne und Bestrebungen eingeweiht. Ich machte ihm nur Andeutungen. Der hat genug mit sich selbst zu thun und wird mit seinem kleinen Zickzack-Schicksal und seinen unsinnigen Lebens-Experimenten und Liebeshändeln nicht fertig. Mich kann nur ein Mann der festen, geraden Linie verstehen. Drillinger ist das nicht, trotz oder wegen seiner naiven Irrwisch-Natur. Aber der sind auch Sie nicht mehr, mein verehrter Doktor Trostberg, seit Sie königsdichterlich flunkern, he? Oder geht Ihre poetische Krumme bald wieder in eine logische Gerade über? Oder läuft sie daneben her, bis sie sich in kurzem außer Atem gelaufen? Dauert sie nicht länger, als Fürstengunst? Als Ludwig'sche Huld? ... Darf man hoffen?

Warten!

Gut, warten wir in drei Teufels Namen der Dinge, die da kommen sollen.

Dieses antike Pompeji, ein Provinznest nach unseren Maßbegriffen, sehen Sie, das war recht eigentlich eine Großstadt und eine Kunststadt zugleich. Was für ein großer, künstlerischer Zug in allem, selbst im Kleinsten und Alltäglichsten! Diese Theater und Bäder und Hallen und Thore [22] und Promenaden haben sicher kein provinzlerhaftes Spießer- und Krämer-und Bureaukratenvolk zu Urhebern und Nutznießern gehabt. Hier freute sich eine geistreiche, elegante Bürgerschaft ihres Daseins und das künstlerisch schöpferische Talent wurde seines Lebens und Schaffens froh. Eine Welt der Schönheit und der Freude auf einem Raum nicht größer, als eine Münchener Vorstadt ...

Es ist mit der Kunststadt genau so wie mit der Großstadt. Was gibt einem Gemeinwesen den Charakter und die Bedeutung einer Großstadt? Etwa bloß die Höhe der Einwohnerzahl? Keineswegs! Der Statistiker kann eine halbe Million Seelen nachweisen, und trotzdem sagt der Kulturforscher: Krähwinkel. Zehn oder zwanzig Dörfer und Märkte nebeneinander gelegt und verkehrs- und verwaltungsmäßig miteinander verbunden, geben eine große Stadt – aber keine Großstadt.

Also was gibt einem großen bürgerlichen Gemeinwesen erst den Charakter einer wirklichen Großstadt? Die großen Schulden etwa, das riesig anwachsende Budget, das fraktionsnärrische Parlamentspielen mit den endlosen Rede- und Rechthaberei-Turnieren der Stadtväter im Rathaus, wo jeder schließlich doch zuerst an den [23] eigenen Sack denkt, wenn er sich als Vorsehung über das große Gemeindeportemonnaie hermacht? Nein. Der Charakter der Großstadt kann nur aus dem großen Sinn der Bürgerschaft hervorwachsen, aus dem großen Sinn, der im Vereine mit dem weiten Blick und dem organisatorischen Genie der Verwaltung aller Hemmungen Herr wird und dem stockenden geistigen, künstlerischen, merkantilen und geselligen Verkehr neue und immer gewaltigere Schwungräder einsetzt.

Und ähnlich verhält sich's mit der Kunststadt. Daß irgendwo ein Dutzend sehr guter, einige Dutzend guter, ein paar Hundert mittelmäßiger Ausüber irgend einer Kunst ihre Werkstätte aufschlagen und mit den Hilfs- und Nebengewerblern, den Modellen, Leinwand-, Farben- und Pinselhändlern, den Kritiken, den Atelierwanzen, den Bilderkrämern, Ausstellungs-Schacherern u.s.w. zusammenhausen und sich täglich mit der Frage quälen: was kunstwerkle ich nur heute gleich zusammen, um Sensation und Geld zu machen und die Kollegen zu verblüffen? – das gibt noch lange keine Kunststadt. Aber das gibt eine Kunststadt, wenn Hoch und Niedrig, Reich und Arm, Meister und Schüler, Schöpfer und Kritiker [24] und Händler, Verwaltung und Bürgerschaft von dem allbelebenden Kunstgeiste kräftiger Kulturentfaltung erfaßt und durchdrungen, miteinander wetteifern, schaffend und genießend, vorbereitend und ausnutzend, die höchsten Triumphe der Schönheit, der Phantasie und des Frohsinns an ihre Heimatstadt zu fesseln, damit von ihr die bahnbrechenden Ideen und Werke ausstrahlen in alle Welt und von allerwärts her Ströme der Bewunderung und goldenen Lohnes zurückfließen.

Die Erziehung des Urmüncheners zum Kunststädter war anfangs eine fast aussichtslose That einzelner Fürsten. Besonders als sich die alte Herzogstadt in die neue Königsstadt umwandelte. Man wehrte sich gegen die Ansiedlung genialer Baumeister und Maler, genialer Schriftsteller und Musiker und Theatraliker oft mit komischer Verbissenheit; der Urmünchener in seinem alten, dumpfen, verpfafften Winkelwerk fürchtete in ihnen die Lichtbringer und Aufklärer, die geistigen Unruhstifter und Bewegungsmacher. Die gewohnte saule Ruhe, mit edelstem Bier genossen, war ja so süß, die geistige Beschränkung half so lieblich die köstlichen Kalbsbraten und Bockwürste und Radi verdauen – – und dabei brachten [25] die kirchlichen und büreaukratischen Koterien so gemütlich ihr Schäfchen ins Trockene.

Nur durch das unverdiente Glück, so außerordentlich hochsinnige, weitblickende Fürsten wie die Könige Ludwig I. und Max II. als Landesväter zu haben, wurden die Münchener zu dem Range moderner Kunststädter erhoben. Alles verdankt München der beharrlichen Thatkraft und Unerschrockenheit dieser großen Könige ... Und erst als der phantasievollste und idealste aller Wittelsbacher, der jugendliche Ludwig II. den Thron bestieg, jubelte jedes echte Künstlerherz ... Das war der psychologische Moment in Münchens Kunstgeschichte, die nach neuen Zielen und Wegen drängte ... Da kam die große unselige Schicksalswende ... Seit der Monarch die Stadt verlassen und ... Berge und Inseln mit Millionen und aber Millionen verschlingenden Phantasiebauten sich bedecken, seit jenem verhängnisvollen Augenblick verlor das Münchener Kunstleben alle Führung und Richtung ins Große. Ein kleinliches, trübes, chaotisches Durcheinander. Es wurde dies und das probiert, allein ein stolzes, sicheres Zentrum, von dem aus die neue Entwickelung zu lenken gewesen wäre, wurde nirgends gefunden. Es ist auch [26] kein Meister aufgestanden, der mit der Wucht seines Genius die Leitung an sich gerissen hätte. Das Kliquenwesen blühte, die Koterieherrschaft, der Intriganten-Unfug. Auflösung, Zerbröckelung. Kein Zug mehr ins Gewaltige. Ach, das Herz könnte einem brechen, wenn man bedenkt, wie ganz anders alles hätte kommen können ...

Pompeji, Pompeji! Wo bin ich denn?

Ja, mein verehrter Doktor Trostberg, Sie thun sich leicht mit Ihrem philosophischen Weltschmerz. Als ein halber Abkömmling jenes auserwählten semitischen Volkes, das wie kein anderes über einen aufgespeicherten, fast unerschöpflichen Schatz von Energie und Seelenkraft gebietet, können Sie ohne Gefahr im Ozean des Weltleids umherplätschern, während wir rassenmäßigen blonden Germanen viel weicherer und empfindlicherer Natur sind. Uns setzen die historischen Katastrophen ganz anders zu. Wir haben selten die feine Gabe, selbst das Unglück zu überlisten und aus verzweifelten Lebenslagen, in welche das Schicksal, der Zufall, die Schuld oder sonst irgend eine geheimnisvoll unverantwortliche Macht uns gestürzt, einen Zugang zu neuen Vorteilen, Freuden und Ehren im Kopfumwenden zu gewinnen.

Merkwürdigerweise sind uns sogar die Frauen [27] in der Ausnützung des Mißgeschickes überlegen. Da ist z.B. die wiederholt zitierte kleine geniale Person, Flora Kuglmeier nennt sie sich im profanen Leben – es gibt ja noch viel dümmere Namen, z.B. den meinigen – ein kleiner Vulkan, ein Dämon, und dabei von kältester Besonnenheit, von eiserner Beharrlichkeit, von unverwüstlichem Vertrauen auf die Kraft des eigenen Geistes, im kritischen Moment das Rechte zu treffen.

»Das würde ich so und so machen,« spricht sie; »den und jenen Erfolg muß man sich vorerst ganz aus dem Sinn schlagen – jetzt herrschen die Übergangsmenschen; kämpfen muß man immer, zum Kämpfen sind wir da, wenn auch nicht immer zum Siegen. Kämpfen heißt aber nicht mit dem Kopf gegen die Wand rennen.«

Dann wieder mit einem unbeschreiblich feinen pfiffigen Zug, der in dem stillen, überlegenen Gesicht gar humoristisch wirkt: »Auf Gott vertrau' – und um Dich hau'! Hauen steht besonders dem Deutschen gut, wenn er's mit Grazie und Schick macht, daß jeder Hieb sitzt und zugleich so betäubend wirkt, daß der Andere sich gar nicht auf den Gegenschlag besinnen kann Hauen, aber weder prügeln, noch fuchteln. Hauen [28] mit Gottvertrauen. Und wenn die Geschichte gefruchtet hat, auch dem lieben Gott sein ehrlich verdientes Lob nicht vorenthalten. Das ist heldenhaft und klug. Das hat mir immer in den preußischen Siegesberichten gefallen: ›Mit Gottes Hilfe haben wir die Mac Mahon'sche Armee aufgerieben; mit Gottes Hilfe haben wir den Kaiser Napoleon gefangen u.s.w.‹ Wie's in dem Fibel-Sprüchlein heißt: Mit Gott fang' an, mit Gott hör' auf. Jeder Sieg ist eine Verantwortung. Es ist klug, bei Verteilung desselben Gott so wenig zu verkürzen wie den braven Kutschke. Bei Sadowa wurde auch der preußische Schulmeister für den Sieg ausdrücklich mitverantwortlich gemacht. ›Der preußische Schulmeister hat den österreichischen geschlagen.‹ Sehr gut. Dann können sich die feindlichen Kriegsherren bald wieder froh in die Augen sehen und sich brüderlich die Hand schütteln.«

Das sprudelt sie aber nicht heraus, auch spricht sie's nicht mit Pathos. Gott bewahre. Die Rede ist langsam, mit nachdenklichen Pausen. Man merkt's: Der Gedanke betrachtet sich den Weg und geht bedächtig im schönen Schrittwechsel, damit er nicht über die eigenen Füße stolpert. Und dann immer dies Entzückende: der Gedanke hat [29] Gefühl in sich, ohne Sentimentalität; über den dunklen, warmen Ernst ist ein leichter, fröhlicher Spott gehaucht.

Von den gegenwärtigen Verlegenheiten des Königs spricht sie mit rührender Teilnahme. Sie ist eine kernechte, kerngesunde Bayerin, entflammt für eine große Auffassung und Deutung der bayerischen Geschichte im Rahmen der deutschen. Mit Betonung des Partikularistischen, Stammeseigentümlichen. Die Flammen schlagen aber nicht zum Dach hinaus und blenden nicht blitzartig den Blick. Ein starkes, ruhiges, inneres Feuer, das sich nicht verregnen läßt und üblen Qualm erzeugt. Für die Beurteilung des Königs fordert sie den tragischen Maßstab und verwirft den banal-kritischen. Sie betont die Ohnmacht des Einzelnen, und wäre er noch so hochgefürstet, gegenüber der unerbittlichen modernen Staatsmaschine. Auch für die Logik des Geldwesens fordert sie Respekt.

»Das kleine Einmaleins hat schon die Größten zu Fall gebracht. Ein Rechnungsfehler ist auch ein Stück Fatum.«

Bitte, nicht dieses Stirnrunzeln, mein verehrter Doktor Trostberg, das offenbar sagen will: Die hat's ihm mit ihrer klugen Hausbackenheit [30] angethan, mit ihrem Gegengewicht zu seiner Kunstschwärmerei! Sie wissen ja noch gar nichts. Ich bin heute außer stande, ein volles, rundes Charakterbild zu zeichnen. Ich gebe nur einzelne Züge, die sich in dieser Abgerissenheit vielleicht zu widersprechen scheinen. Zum Beispiel, fügen Sie in das bisher Gesagte die wärmste Kunstbegeisterung ein, die umfassendste, die mir jemals bei einem Weibe vorgekommen. Noch ein Wort von ihr: »An unserer Isar wird eine Entscheidungsschlacht geschlagen werden: wer in München als der Stärkste die nächsten Generationen beherrscht – der Kunstsinn oder der Kapitalismus, Geist oder Geldsack.«

Kurz, eine ungewöhnliche Person. Und dabei rührend anspruchslos. Und so bescheiden in ihren Bedürfnissen, in ihrer Kleidung. Wie das alles zusammen die Schönheit ihrer Erscheinung erhöht! Wäre sie Schauspielerin geworden, raten Sie einmal, welche Meisterrollen die Pole ihres Wesens bezeichnen würden! Nichtwahr, da reiben Sie verlegen Ihre pessimistische Denkerstirn, mein geheimer königlicher Separatdichter? Ich will Ihnen darauf helfen: der Shakespearische Puck und die Ibsen'sche Nora. Verschmelzen Sie Puck und Nora – die Nora des letzten Aktes, den [31] lichten Sommernachtstraum mit der düsteren Winternachtstragödie – – – Nein, nein, auch das würde nicht ausreichen, die geheimnisvolle Art meines Originals erschöpfend darzustellen. Die Menschennatur hat Mischungszauber, hinter die noch kein Poet gekommen ist. Wie wunderbar ist auch diese Wirklichkeit: ich alter architektonischer Nußknacker träume hier in Pompeji, der schönsten und heitersten Ruinenstadt die einst in der Venus ihre Patronin verehrte, von unsern bajuwarischen Isar-Auen; ich höre den Heimatstrom durch die Stille der Ruinen rauschen und vor meinem süditalischen Sonnenblick, in welchem die Farben und Linien des glücklichen Kampaniens als das herrlichste Landschaftsgemälde der Erde schwimmen, gleitet plötzlich deutscher Mondschein und deutsches Sternenlicht sanft durch die Wipfel unserer hochragenden, im Nachtwinde flüsternden Isar-Buchenwälder und wecken die nordischen Märchen auf, die im grünen Blätterdunkel schliefen, und die Elfen schlingen ihren luftigen Reigen, allen voran Puck, der allerliebste, allerschönste Puck ...

Pompeji! Pompeji!

Ich wollte schon längst diesen endlosen, konfusen Brief schließen, aber im Zimmer nebenan [32] schreibt Puck, ich wollte sagen: Fräulein Flora Kuglmeier, gleichfalls unverdrossen drauf los, ich glaube, an einer Art Reisetagebuch – und sie sagte, ich solle nur ruhig weiter schmieren, bis sie fertig sei und mir klopfe. Da muß ich doch wohl gehorchen. Übrigens regnet's heute in Strömen.

Von Freunden und Bekannten, überhaupt von ihrer Vergangenheit spricht sie nicht gern. Man muß schon sehr viel und gut zu fragen und das Unausgesprochene aus ihren Antworten heraus zu horchen verstehen. Sie denkt von ihrem toten Vater, einem ehemals sehr geschätzten Hofmusiker und Mitglied der königlichen Kapelle, besser und inniger, als von ihrer lebendigen Mutter. Ihr Bruder schlage leider ihrer Mutter nach. Dieses »Leider« muß man sprechen hören und – sehen.

Geistig und körperlich ungewöhnlich. Besonders die Linie von der Nase zum Kinn ist von großer, charakteristischer Schönheit. Der zarte geschmeidige, je doch gestählte Leib, elastisch, von der Biegsamkeit einer Toledaner Klinge, atmet die gesammelte Kraft, den herben Duft der Keuschheit. Frisch betauter Luzerner Klee. Für eine achtundzwanzigjährige Münchnerin – [33] so alt taxiere ich sie – etwas Phänomenales: bei höchstem, natürlichem Wissen noch nicht voll erschlossene Sinnlichkeit, imponierende keusche Ruhe und Ausgeglichenheit den heikelsten Problemen gegenüber. Wichtiger Umstand: sie ist Protestantin, also ohne mystische Aufpeitschung der sexuellen Neugier durch frühzeitige Beichtstuhlerfahrungen u.s.w. (Ich unterdrücke hier eine Parenthese.)

Aber was geht das Sie an? Gar nichts geht Sie's an, mein verehrter Doktor Trostberg. Sie haben nicht das geringste Verständnis für solche verwickelte Reize. Ein geschworener Pessimist. Es ist ja lächerlich – –

Ja, und wenn sie lacht, wozu sie sich freilich selten genug entschließt, erscheinen zwei wonnevolle Grübchen auf ihren Wangen und die kleinen, rosigen Ohren scheinen sich leise zu bewegen. Sie braucht auch gar nicht zu lachen. Seh' ich sie an, lacht mir das Herz im Leibe. Und das genügt, nicht wahr?

Als Paar betrachtet, ich meine, wenn wir so nebeneinander dahinschreiten, in Pompeji, zwischen Ruinen – sind wir freilich hinlänglich komisch. Sie hat mich neulich selbst darauf aufmerksam gemacht. Wir standen auf dem Forum, blitzblauer [34] Himmel, glühende Nachmittagssonnenkugel über dem Meer, auf dem die Reflexe wie kleine Flämmchen hüpften: unser Schatten lag wie eine ausgebreitete Haut dunkelbraunblau auf den weißen, sonnigflimmernden Steinplatten, ich ein riesenlanger Kerl mit einem Kopf in Haar und Bart wie ein Büschel Wirrstroh, sie daneben kaum bis an meine Schulter reichend, wenn sie sich auf die Zehenspitzen ihres Miniaturfüßchens stellt – ja, es war himmlisch komisch. Ich spürte in diesem Augenblick meinen klassischen Schulsack auf dem Rücken und kramte in Gedanken nach einem geistreichen mythologischen Vergleich. Wir haben ja so absurd niederträchtige Gewohnheiten von der blödsinnigen humanistischen Erziehung her. Und in Pompeji, wo man die Probe auf jeden lateinisch-griechischen Unsinn, den wir daheim aus den Büchern gesogen, glaubt machen zu können. Sie hingegen, vielwissende und doch unverbildete, klare Natur, deutete auf mein groteskes Schattenbild und sprach: Wotan, der Wanderer. Wie das in pompejanischer Luft klang! Wotan, der Wanderer! An sich selbst dachte sie gar nicht. Sie sah nur mich.

Ich mußte an den Spruch eines griechischen [35] Alten denken; ich glaube, es war Aristoteles, der gesagt hat: »Ein kleines Weibchen ist ein Paradoxon der Natur.«

Die alten Klassiker haben auch klassische Dummheiten gesagt; das ist vermutlich eine. Ein Paradoxon der Natur! Und eine lange Hopfenstange von Weib, was wär' denn die? Ein Weib, das man förmlich mit einer Leiter erklettern müßte, um im Kopfe doch nur ein leeres Nest zu finden? Der Aristoteles, wenn's der Aristoteles war, was ich in diesem Augenblick ja nicht feststellen kann, war in diesem Punkt ein Esel.

Nun sollten Sie einmal die Archäologin in dieser kleinen, genialen Person kennen lernen! Nichts Muffiges, Schulzwängliches und Schulbängliches, Altjüngferlich-Pedantisches und nach eitler Unfehlbarkeit Mißduftendes, wie wir's mit sehr wenigen Ausnahmen bei unseren fachgelehrten Altertumskrämern finden. Nein, nein, von all' diesen Lächerlichkeiten selbstverständlich keine Spur. Aber dafür ein unverdorbenes Auge voll naiver Spürkraft, einen waldfrischen Sinn für versteckte Schönheit und Wahrheit, einen kecken Bestimmungsmut, ohne Flausenmacherei. Ich kann mir nicht helfen, mein verehrter Doktor und [36] Studienlehrer a.D., abgesehen von unserem modischen, koketten, salonfähigen Wissenschaftlernachwuchse sind mir unsere gelehrten Häuser, sonderlich die Philologen, Rabbiner, Apotheker, Archäologen und verwandte Haarspalter, Geistespillendreher und Gehirnpflasterstreicher immer wie Halbmänner vorgekommen, ausnehmend gelungene Exemplare wie keifende, zänkische alte Weiber, und die vollendeten Fachtroddeln wie Hexen auf nächtiger Haide. Da hab' ich mich oft gefragt: warum überträgt man diese männerverwüstenden Wissenschaften nicht lieber den Frauen? Die Wissenschaften würden ihre widerwärtigen Eigenschaften ablegen und gewiß nicht schlechter dabeifahren ...

Und nun lerne ich diese Archäologin von natürlichen Talentes Gnaden kennen!

Am ersten Tag war ihr Pompeji ein Stilleben, das sie nur von der malerischen Seite reizte. Am zweiten Tag war's ihr ein Kuriositäten-Kabinet, ohngefähr wie das bayerische Nationalmuseum in der Maximilianstraße: sie guckte in dieses Kästchen, in jenes Fensterchen, beäugelte da einen alten Waschtrog, dort eine vorsintflutliche Kochmaschine, hier eine mörderische Bartscheere, dort eine stimmungsvolle Klystierspritze [37] u.s.w. Am dritten Tag streckte ihr archäologisches Spezialinteresse ganz herzhaft die Fühler aus. Nun geben Sie Acht, mein verehrter Doktor: wir schlendern durch eine uralte, krumme, enge Geschäftsgasse, sagen wir die Sendlingergasse von Pompeji – wir bleiben stehen, zur Linken irgend ein alter Schnapsladen, zur Rechten eine Bäckerei, und wie wir so mitten in der Gasse stehen zwischen den tiefausgefahrenen Geleisen im Lavablockpflaster, deutet mein kleiner genialer Kamerad mit der Spitze des Sonnenschirms auf eine Skulptur im Pflasterstein (ich hatte schon meinen Stiefel daraufgesetzt) und fragte mit Augen, Mund und Geste: »Was ist das?«

Und aus mir antwortete schlagfertig, sachgemäß und höflich eine Stimme: »Das ist ein Phallus.«

Und sie darauf: – – –

Ich erlasse ein Preisausschreiben mit einer Prämie von tausend Mark für jedes Wort und fordere das gesamte belletristische und psychologisierende Deutschland auf, das Zwiegespräch sich auszudenken und ehrlich und druckfähig niederzuschreiben, das sich an meine Antwort: »Das ist ein Phallus« an Ort und Stelle zwischen Flora [38] Kuglmeier und mir geknüpft hat – und wer das Richtige trifft, der soll sofort den Preis baar ausbezahlt erhalten. Da sollen einmal unsere vielbeliebten idealistischen Familienromanziers die Probe auf ihren Scharfsinn und ihre Lebenswahrheit machen.

»Das ist ein Phallus,« sagte ich.

Und sie darauf: – – –

Dann ich: – – –

Dann sie: – – –

Und so weiter in Rede und Gegenrede mit ganz kurzen Pausen. Dauer des Gesprächs etwa sechs Minuten.

Es war Vormittags zwischen Neun und Zehn. Wir waren allein. Nur fünfzig Schritte von uns die Nasenspitze eines Aufsehers an der Straßenkreuzung. Der Himmel wolkenlos, von idealer Bläue. Über dem Vesuv ein leichtes, weißes Dampfwölkchen. Die Luft morgendlich frisch, seeduftig, reingewaschen, ozonsatt. Die ganze Natur reckte sich vor Wohlgefühl.

(In Parenthese muß ich Vergessenes mit zwei Worten gutmachen: ich habe noch nichts über die Farbe ihrer Augen, über den Klang ihrer Stimme und über das Tempo ihres Ganges gesagt, was auch von einer Archäologin zu wissen nützlich [39] und angenehm ist. Augen, die man immer auf sich gerichtet sieht, in tiefster Einsamkeit, in dunkelster Nacht, im heimlichsten Traum, die mit einem gehen durch die geräuschvolle Menge am hellen Tag und die vom Himmel grüßen, wenn am Abend die ersten Sterne leuchten. Nun raten Sie ihre Art und Farbe. Und die Stimme? Das Klangbild zu dem Farbenbild der Augen, im Klang übersetzte Seele. Nun wissen Sie die Stimme. Und der Gang? B-dur-Sonate von Schubert erstes Motiv, dann Chopin Präludium in H-moll assai lento, dann – aber Sie verraten gewiß nichts? – das üppige Geschlängel, wenn Kundry den reinen Thoren zum Kusse an sich zieht. Lassen Sie sich diese Sätze einmal vom Hofkapellmeister Levi nacheinander vorspielen – ich horte, Sie hätten Ihre Musikscheu hinlänglich überwunden, seit Sie in den poetischen Diensten des musikliebendsten Monarchen stehen? – und verwandeln Sie die Klangfiguren zur rhythmischen Plastik eines auf zwei gesunden Beinen schwebenden Frauenleibes. Unsinn! Als ob Sie sich in Ihrem ganzen Leben so etwas undefinirbar Schönes vorstellen könnten!)

Und der besprochene, als Symbol der Fruchtbarkeit u.s.w. in den Pflasterstein vor dem [40] Bäckerladen gemeißelte Phallus versetzte uns mit einem Schlag mitten in das blühende Reich römisch-griechischer Archäologie.

Wir bogen in die nächste Gasse ein, wohin uns die enorm lange Nasenspitze des Aufsehers als Wegweiser – verführte. Es war nämlich, wie sich bald herausstellte, eine sogenannte verrufene Gasse.

(In Parenthese: falls Ihre Müdigkeit oder Schamhaftigkeit Sie veranlaßt, hier die Lektüre abzubrechen, so bitte ich Sie, die folgenden Blätter ins Feuer zu werfen, damit nicht einer der unschuldsvollen Jünglinge, die in Ihrer Arbeitszelle, genannt »Tempel der schmerzensreichen Weltliteratur«, studierenswegen verkehren, Schaden an seiner reinen Phantasie oder Tugend nehme. Ich habe vorgebaut – die Verantwortung fällt auf Ihr sündiges Haupt, wenn diese Blätter Unheil stiften.)

Eine sogenannte verrufene Gasse. In der heiter vorsorglichen Venusstadt Pompeji nichts Auffallendes. Nicht einmal in München, das den h. Benno zum Schutzpatron hat.

(Neue Parenthese: Sie kennen doch gewiß auch die historische Antwort, die König Ludwig I. auf das Gesuch gab, in der guten und braven [41] Stadt München ein neues – Bedürfnishaus zu errichten? Man baue, meinte der königliche Pessimist, über die ganze Stadt ein Dach, denn sie sei ja doch schon ein einziges großes ... und so weiter.)

Pompeji war in diesem Punkt so weit voran wie unser Isarathen und doch zugleich viel sittlicher. Obgleich hier zu Lande die Feigenblätter wild wachsen, während sie in unserem nordischen Moralklima aus Blech und anderen spottbilligen Redensarten fabriziert werden, so verschmähten es die ehrlichen Alten doch, die wahre Natur auf so lächerliche Weise zu maskieren und durch ein vorgeklebtes Feigenblatt die Frage herauszufordern: Was steckt dahinter? Und während wir mit Feigenblättern und andern Tugendmaskenzeichen herumlaufen, als wäre unser Kulturleben nur ein unaufhörlicher Karneval, erhebt unser Staat ganz ernsthaft eine Steuer von der gewerbsmäßigen Lasterübung und unsere staatlich bestellten Statistiker fisteln: Schöne Maske, ich kenne dich – und halten uns die Tabellen mit der genauen Berechnung des riesigen Prozentsatzes der unehelichen Kinder u.s.w. unter die hochgetragene Tugendnase. Die organisierte Lebenslüge!

[42] Ah, mein verehrter Doktor Trostberg, in unserem Pessimistenstil werden wir nicht vergessen dürfen, aus dem Feigenblatt und der Faschingsnase und den statistischen Tabellen bedeutsame dekorative Motive zu formen ...

Wunderbar, wie trotzdem dem Reinen alles rein bleibt: meinem kleinen, genialen Kameraden ist es keinen Augenblick eingefallen, die Schritte zu zögern oder sonst das angelernte, scheue Gethue unserer Damen hervorzukehren, als der Aufseher uns mit der höflichen Meldung den Weg vertreten wollte: »Entschuldigen die Herrschaften, wenn ich Sie darauf aufmerksam machen muß, daß die Besichtigung gewisser Häuser in dieser Gasse den Damen untersagt ist.« Der Aufseher folgte uns, und es entwickelte sich folgendes Gespräch:

Mein Kamerad: »Aber das Vorübergehen wird erlaubt sein?«

Der Aufseher: »Das ist es, Signora.«

Ich: »Sind die Häuser wirklich so gefährlich, selbst in ihrer Ruinenhaftigkeit?«

Der Aufseher: »Man sagt's, gewisser Freskobilder wegen.«

Mein Kamerad: »Und hat sie nie eine Dame gesehen, diese gefährlichen Freskobilder?«

[43] Der Aufseher: »Ja, auf heimliche Weise. Mir ist jedoch nur ein Fall bekannt.«

Ich: »Erzählen Sie, bitte.«

Der Aufseher: »Es war eine Russin mit kurz geschorenem Haar und auch sonst sehr männerähnlicher Tracht. Es waren mehrere Herren bei ihr. Der Aufseher – es war mein Vorgänger im Amt – wurde getäuscht. Die Dame schlüpfte mit hinein.«

Mein Kamerad: »Und welchen Eindruck hat sie empfangen? Hat man Ihnen nichts davon gesagt?«

Der Aufseher: »Doch. Man hat in Pompeji lang darüber gelacht ...«

(Hören Sie, mein verehrter Doktor Trostberg: man hat in Pompeji darüber gelacht! Die lachenden Pompejaner – die Mumien mit inbegriffen, welch' ein Bild! Bei uns hätte man Anzeige erstattet, Verhöre angestellt, Zeugen vorgeladen, Protokolle aufgenommen, Polizeiberichte an die Zeitungen verschickt, Urteile gefällt, den Aufseher davongejagt, das Haus unter Siegel gelegt oder demoliert, die Russin des Landes verwiesen, kurz, es hätte einen Mordsskandal gegeben: in Pompeji hat man gelacht! Ist das nicht klassisch?)

[44] ... und das Geschichtchen ist von Mund zu Mund gegangen. Die russische Dame soll nämlich sehr enttäuscht gewesen sein. Sie hatte sich etwas ganz anderes erwartet, etwas Außerordentliches. Ärgerlich soll sie ausgerufen haben: »Und weiter ist es nichts? Das ist alles? Ce n'est que ça? ... Qu'y a-t-il d'extraordinaire? Wir Russen sind wahrhaftig pompejanischer, als diese Pompejaner!«

Mein Kamerad: »Was sind's denn für Sachen?«

Der Aufseher: »Allerhand Unzucht, nur etwas sehr natürlich. Die Inschriften sollen noch deutlicher sein, als die Bilder. Ein deutscher Professor ...«

Ich: »Mommsen.«

Der Aufseher: »Ja, der Signor Mommsen, hat alle Inschriften mit der größten Genauigkeit abgeschrieben; jetzt kann man sie in Deutschland in einem gelehrten Buche lesen; das ist nicht verboten. Die Bilder hat man auch kopiert. In Neapel kann man die Photographieen kaufen; die sind aber eigentlich verboten. Sie sind auch sehr teuer.«

(Auf meine vertrauliche Anfrage, unterstützt durch ein Trinkgeld, hat mir der Aufseher hernach [45] die Adresse des neapolitanischen Photographiehändlers vertraulich mitgeteilt.)

Als wir uns vom Aufseher und seiner verrufenen Gasse mit vieler Rührung verabschieden wollten, bekamen wir noch ein charakteristisches Abenteuer in den Kauf. Auf der Schwelle des letzten anrüchigen Hauses – es duftete aber gar nicht nach Pöckelfleisch oder anderem Schweinernen, sondern roch ganz lieblich nach den würzigen Kräutern, die wild in den Mauerrissen blühten und ihre weißgelben Blumen im Morgenwinde schaukelten – saß ein schwarz gekleideter, hagerer Mann mit dem Rücken gegen die Holzthür, nach seinem ganzen Habitus ein puritanischer Geistlicher irgend einer englischen Religions- und Sittenverbesserungsgesellschaft. Was will der Mensch dort? fragte ich blinzelnd und mit den Blicken deutend den Ausseher. Worauf dieser sich begnügte, mit Blicken und Gesten zu antworten und etwas durch die Zähne zu murmeln, was etwa sagen wollte: Ein verrückter Engländer, der freiwillig den Wächter spielt und die Besucher haranguiert, dem Ort des Verderbens fern zu bleiben.

Darauf müssen wir die Probe machen, dachte ich. Mit raschem Mienenspiel – das lernt sich [46] schneller in Neapel, als das Volapük – verständigte ich den Aufseher, nahm meinen kleinen, genialen Kameraden beim Arm und schritt mit ihm auf die Thür zu. Wie von der Tarantel gestochen, schnellte mein Engländer auf, stemmte den Rücken gegen die Thür, und breitete die Arme aus und mit einem Gesicht, in welchem sich Entrüstung. Bitte, Drohung, Entschlossenheit bis zum Äußersten malten, sprach er in unverfälschtestem Englisch-Italienisch: »Um Gottes Barmherzigkeit, was suchen Sie in diesem Vorhof der Hölle, in diesem Pfuhl schandbarer Lüste?«

»Ein paar verblaßte Bilder, unschuldige Kunstwerke eines lustigen altpompejanischen Wandmalers,« entgegnete ich und machte Miene, den frommen Cerberus wegzudrücken.

»O Herr, ich beschwöre Sie beim Seelenheil Ihres holden Weibes, fordern Sie hier nicht Einlaß, verzichten Sie auf den Anblick dieser heidnischen Teufelswerke; Ihr Auge könnte nicht mehr mit reinem, beseligendem Blicke auf Ihrem jungen Weibe ruhen ...«

Meinem jungen Weibe! Wie mich dies Wort seltsam schüttelte!

[47] Flora Kuglmeier zupfte mich am Ärmel. Nie habe ich in ein lieblicher errötendes Antlitz gesehen. Mit einer schnellen Biegung des Kopfes entzog mir ihr breitschattender Strohhut das süße Gesicht. Ich sah nur ein Stückchen Hals und Nacken, leicht gebräunt, mit einem Kranz gekrauster, wilder Haare, über die ein aschblonder natürlicher Lockenbüschel handbreit hinabfiel. Wie das sonnig schimmerte und duftete! Fürwahr man hätte mir alle Schätze – Indiens, sagen die Romanphrasenmacher – alle Schätze der Reichsbank und des Juliusturms anbieten dürfen, jetzt diesen herzerquickenden Anblick mit der Betrachtung der klassischen Wandklexereien zu vertauschen, ich hätte den Tausch ausgeschlagen. Naturalia non sunt turpia und in der Kunst und Kunstbetrachtung gibt's nichts Obszönes, allein der fanatisch-heilige Thürsteher hatte Recht: alle venusischen Schilderungen der Alten wiegen die Wonnen eines lebendigen, holden, deutschen Weibchens nicht auf.

Wir schlugen uns um die Ecke. In der Nähe war das neue Ausgrabungsviertel. Gestern hatte zu Ehren eines hohen fremden Gastes die Bloßlegung eines Hauses stattgefunden. Wie in Deutschland die hohen Herrschaften einem Gaste von [48] Distinktion eine Jagdpartie anbieten, wird hier von den Behörden einem fremden Besucher von Rang eine Ausgrabungspartie auf das Ehrenprogramm gesetzt. Wir traten in das zuletzt bloßgelegte Haus. Wie da noch die Wände frisch glänzten, die Farben kräftig leuchteten! Und das Vergnügen, zu den Ersten zu gehören, welche an dem frisch Ausgegrabenen herumrätseln dürfen! Es war offenbar eine Weinwirtschaft gewesen. Heda, Padrone, eine Flasche Falerner! Ja, vor achtzehnhundert Jahren hätten wir nicht umsonst gerufen. Der Padrone war leider nicht mehr zu haben. Sie hatten gestern sein Gerippe zusammengelesen und ins Museum geschleppt.

Und jetzt eine Probe der eminenten archäologischen Begabung meiner Flora Kuglmeier. Ich hatte ihr aus der Anordnung des Gemaches, den Löchern für die Amphoren, den marmornen Schenktischen, die auf der einen Seite ein Gesimse für Flaschen und Krüge, auf der andern eine Vorrichtung zum Kochen und Warmhalten der Getränke haben u.s.w. den Schluß auf die gastgeberische Bestimmung des Ortes erklärt. Auch die Wandgemälde standen dazu in entsprechender Beziehung.

»Also eine Weinschenke, eine Kneipe, nichts [49] weiter?« fragte sie. Dabei musterte sie aufs neue die Bilder.

Plötzlich: »Da sehen Sie einmal diese blaue Wand, durch bebänderte und bekränzte Stäbe in Flächen eingeteilt und in den Ecken dieser Flächen je drei Kugeln. Wie deuten Sie diese Dekoration?«

Ich erwiderte: »Das ist ein beliebiges Verzierungsmuster ohne tieferen Sinn.«

Darauf sie mit schelmischer Überlegenheit: »Sie sind bald mit Ihrem Latein zu Ende. Das ist gar kein beliebiges, das ist ein sehr bestimmtes Muster von lokaler Bedeutung. Aller Schmuck und Zierat hat Beziehung auf Gebrauch und Umgebung.«

Ich stutzte: »Sie werden doch nicht in diesen Stäben ...«

»Billardstöcke und in diesen Kugeln Billardkugeln erkennen wollen?« spottete sie. »Freilich will ich das. Dieser Raum war nicht bloß eine Kneipe, er war auch ein Billardsaal ...«

Ich klopfte ihr auf die Schultern und lachte: »Das haben Sie brav gemacht. Ein Billardsaal ...«

»Lassen Sie mir nur ein wenig Zeit und ich [50] werde Ihnen das Nebengemach als, wie sage ich nur gleich ... als ...«

»Als Klavierzimmer oder Gesellschaftssaal mit weiblicher Bedienung und einem Pianino in der Ecke nachweisen – nicht wahr?«

»Nein, für so unvernünftig und unkünstlerisch halte ich die Alten nicht. Villard, ja. Aber das Pianino kannten die Alten nicht, und hätten sie's gekannt, würden sie's polizeilich unterdrückt haben an den Orten, die zur Freude und nicht zur Marter bestimmt waren. Nur die modernen Kulturvölker sind so blödsinnig, was zur Freude geschaffen, bis zur größten Unlust und Schinderei zu übertreiben. Die glücklichen Pompejaner wußten nichts von der Klavierpest. Sie wußten auch nichts von unserer Schultyrannei. Ein griechisches Gymnasium war ein Ort der Lust, ein deutsches Gymnasium ist eine Hölle dagegen; ich hab's jahrelang an meinem Bruder beobachtet. Wir lernen von den Alten hauptsächlich nur, um unsere Dummheiten klassisch zu beschönigen.«

In dieser Weise ließ sie noch lange ihrer Laune die Zügel schießen. Unbewußt führte sie mit allerlei Einfällen die altertümelnden Schriftgelehrten und Klügler und Nachahmer ganz ergötzlich ad absurdum.

[51] »Und jetzt einen Schritt ins Tablinum, verehrte Zeichendeuterin!«

»Sagen wir auf deutsch Wohnstube,« übersetzte sie sofort.

Das war nun freilich etwas voreilig. Allein ich wollte ihr die Freude der freien Übertragung nicht durch pedantische Schulmeisterei verleiden. Ich ließ mich daher zu einem Kompromiß herbei – mein archäologisches Gewissen hielt sich mäuschenstille, ach, selbst das Gewissen wird weit und galant einem solchen herzigen Geschöpf gegenüber! – und bemerkte: Sagen wir lieber die sogenannte »gute Stube« auf Berlinisch, denn das Wohn- oder Familienzimmer lag bei den Pompejanern ganz im Hintergrunde des Peristyls und hieß Ökus; die Alten hielten darauf, ihr Familienleben sorglich von der Berührung mit der Welt abzuschließen.

»Das war brav von den Alten, das gefällt mir,« sagte sie.

»Wieder ein hübsches Bild, ein Lieblingsmotiv der Pompejaner, nach den zahlreichen Wiederholungen zu schließen.«

»Die verlassene Ariadne? Es scheint, daß diese Skandalgeschichte in der alten Welt Sensation gemacht hat. Bei uns ist dergleichen etwas [52] Alltägliches. Ein simples Leutnants-Abenteuer. Welcher Backfisch hat bei uns nicht schon seinen Verzweiflungs-Moment der verlassenen Ariadne gehabt, oder gleich eine Serie von solchen Momenten, bis sich der tröstende und heiratsmutige Dionysos in Gestalt eines begüterten Spießbürgers eingefunden ... Ein passables Mädchen, diese Ariadne – aber der Held ist ein fader Geck. Und diese spaßhafte Ausrüstung: ganz nackt mit einem kolossalen Helm auf dem Kopf. Bei den Griechen findet man so etwas erhaben; ein Neger aber mit einem Cylinderhut erscheint bodenlos lächerlich. Finden Sie einen Unterschied? Ich nicht. Der Tochter des Minos ist übrigens recht geschehen. Warum mußte sie sich mit diesem Hanswurst einlassen. Die Männer sind ja im allgemeinen so feig.«

»Aber, aber!« drohte ich.

»Muß man sich nicht zu jedem angeführten oder sitzengebliebenen Mädchen einen elenden Durchbrenner als Pendant denken?«

»Was würden Sie der armen Ariadne raten, wenn sie nun erwacht und ihre trostlose Situation übersieht?« fragte ich listig.

»O, das ist sehr einfach: ich würde ihr raten, zunächst ein bischen zu tanzen, um ihre verrenkten [53] Glieder wieder in Ordnung zu bringen – sie liegt ja so schlecht, sehen Sie nur, es sind ihr gewiß auch die Beine eingeschlafen – und dann soll sie dem sauberen Helden eine Nase drehen und sich selbst auslachen. Wenn sie das nicht vermag, soll sie sich wieder hinlegen und schlafen bis zum jüngsten Tag.«

»Aber dann hätte ja der gute Dionysos nichts zu trösten gehabt!«

Ein ganz besonderes Vergnügen bereiten meinen genialen Kameraden die Wandinschriften, die Dipinti und Sgraffiti. Die Elemente des Lateinischen sind ihr geläufig, da sie ihrem jüngeren Bruder auf Lateinschule und Gymnasium bei Fertigung der Hausaufgaben fleißig helfen mußte, um den Faullenzer vorwärts zu bringen, und ihre vollkommene Beherrschung des Französischen und Italienischen weiß sie mit feinem Sprachinstinkt auch für die Entzifferung antiker Inschriften nutzbar zu machen. Reicht's nicht, spring' ich mit den Resten meiner Schulgelehrsamkeit zu Hilfe. Im Korridor der Casa dell' Orso haben wir lange nach dem Original des bekannten Doppel-Distichons gesucht, das in jedem Pompeji-Führer steht und von Roßmann so verdeutscht wurde:


[54]

Liebende herbei! Ich will

Venus einige Rippen brechen,

Ihrer Schenkel Götterkraft

Will ich mit dem Knüttel schwächen!

Kann sie mir das Herz zerreißen,

Kann ich ihr den Kopf zerschmeißen.


Wir fanden's nicht. Dafür das andere:

Binde den Wind hier an, wer da Liebende schilt; er verbiete

Munter springendem Quell, daß er zu Thale enteilt.


Ist das nicht ganz reizend? Später hatten wir das seltene Finderglück, ein Distichon einzuheimsen, das allen seitherigen Sammlern entgangen zu sein scheint. Ich bin so freigebig, es Ihnen im Originaltext zu verehren:


Qui quidem amat, vivit; moritur qui nescit amare,

Bis morietur qui saevus amare vetat.


Drei Worte waren nicht mehr leserlich, ich habe sie aus Eigenem ergänzt – und ich will's um des hübschen Inhalts willen gern auf mich nehmen, von Ihnen ausgelacht zu werden, wenn ich gestümpert oder ganz daneben geschossen habe. Ich bin ja so wenig ein Dichter wie ich ein geborener Lateiner bin. Aber diese Todesdrohung für den, der nicht zu lieben versteht – gibt das nicht zu denken? Und ich will leben, langes,[55] reiches, lebendigstes Leben leben! Wie fang' ich's an? ...

Es klopft an der Wand. Das verabredete Zeichen.

Gleich, gleich. Ich bin bereit, meine süße, unvergleichliche Flora.

Ich grüße Sie mit meinen heitersten Grüßen, verehrter Freund und Doktor Trostberg. Fürchten Sie als guter Deutscher Gott und sonst nichts auf der Welt. In wenigen Monaten werde ich Sie in der Heimat wieder sehen. Betrachten Sie inzwischen diesen Brief, mit dem ich mir und hoffentlich auch Ihnen eine rechte Freude gemacht, als ganz vertrauliche Mitteilung. Empfangsbestätigung, Danksagung, goldene Busennadel, Photographie u.s.w. erbitte innerhalb vier Wochen postlagernd Palermo.

Ich unterzeichne in Eile und schleudere die Feder fort. Flora –

Joseph Zwerger.

[56] 2.

Das Kinderzimmer ging immer noch auf den Hof. Als Kommerzienrat Raßler das vierstöckige, mit Balkonen und einem Vorgarten geschmückte Eckhaus der Maximilian- und Quaistraße vor drei Jahren kaufte, sagte er wohl, das sei nur provisorisch, das Kinder-und Schlafzimmer müsse die beste und sonnigste Lage haben, Morgensonne natürlich, und auf der Gartenseite, damit die gute, ozonreiche Luft durch die Fenster ströme, der Vogelgesang aus den Zweigen der Ahorn-, der Kirschen- und Birnbäumchen in aller Frühe erschalle und die kleinen Langschläfer aus den Betten pfeife. Allein Herr Raßler war stärker in guten Meinungen und Vorsätzen, als in deren Ausführung.

Man muß sich ja ohnehin so einschränken in den neuen Häusern: zehn Zimmer, was will das viel bedeuten! Wenn man den großen Salon, [57] den Speisesaal, das Empfangszimmer, die altdeutsche Kneipstube, das Billardzimmer, das Boudoir der gnädigen Frau und das Badezimmer abrechnet, bleiben bloß noch drei Räume zum Wohnen und Schlafen. Damit ist der ganze erste Stock nach seinem Rauminhalt erschöpft. Das Erdgeschoß, ein Hochparterre mit einer Veranda gegen den Garten, ist für empfindliche Leute zum Bewohnen nicht recht ratsam; der Straßenlärm, die feuchte Nachtluft von der Isar herüber, die Nähe des Grundwassers, die Ausdünstung der verschiedenen Kanäle und so weiter – nein, nein, Herr Raßler konnte sich nicht entschließen, da unten zu hausen. Außer zwei eleganten Gesellschaftsräumen, die mit exotischen Gewächsen vollgestellt waren und als eine Art Treibhaus und Anhängsel des Gartens gelten konnten, enthielt das Hochparterre noch die Küche mit den notwendigen Nebengemächern und die Zimmer für das Dienstpersonal nach der Hofseite.

Außer dem ersten Stock auch noch den zweiten zu bewohnen, das erlauben die schlechten Zeiten nicht einmal einem Kommerzienrat. Man hat ja ohnedies noch das teure Landhaus am Starnberger See auf dem Hals. Und den zweiten [58] Stock würde Herr Raßler, der trotz aller, wenn auch nur schüchternen, Versuche mit der Schweningerei immer noch seine wohlgewogenen hundertzehn Kilo wiegt, schon aus dem einfachen Grunde nicht bewohnen, weil er das Treppensteigen als eine der häßlichsten Einrichtungen des Lebens empfindet. Jawohl, eine Aufzugsmaschine! Aber wie viele Unglücksfälle sind schon passiert durch das Zerreißen einer Kette, Brechen des Fahrstuhls und hundert andere Fährlichkeiten, welche das teure Leben bedrohen. Zudem ist auch das Treppenhaus so verbaut, daß sich die nachträgliche Einrichtung einer Aufzugsmaschine nur mit den größten Kosten bewerkstelligen ließe.

Ganz abgesehen von dem riesigen Entgang an Mietzins, den die englische Familie bezahlt, die seit sechs Jahren den zweiten Stock inne hat.

Eine Familie von verrückten Kunst- und Naturschwärmern, die sich alle drei Jahre die unverschämteste Preissteigerung gefallen läßt, nur um die herrlich gelegene Wohnung an der wildbrausenden Isar mit dem Ausblick auf das bayerische Hochgebirge, besonders den mächtigen Alpenstock des Wettersteingebirgs mit der Zugspitze, zu behaupten, obwohl vom Balkon aus nur noch ein hausgroßes Stück davon über dem Isarthal [59] zu erblicken ist, seit die Neubauten der Großbräuer auf dem Auer und Giesinger Höhenzug entstanden sind und die Rundsicht auf die Alpen bis auf einen schmalen Streifen zugedeckt haben. Aber das genügt den Engländern im zweiten Stock: allmorgendlich und allabendlich tummeln sie sich auf dem Balkon, bewaffnen sich mit ellenlangen Fernröhren, strecken die Hälse, begucken sich die schimmernden Alpenspitzen und debattieren ihre Wetterprognose.

Die mächtigste Anziehung nächst dem Blick auf die Alpenwelt jedoch übt auf die englische Familie die Isar selbst: auf die weiblichen Mitglieder besonders zur Floßzeit, wenn die wetterharten Holzknechte von Tölz und Lenggries mit den blauen Falkenaugen, den kühnen Hackennasen, den starren blonden Schnauzbärten und dem gemsbart- und auerhahnfedergeschmückten Filzhut, das Hemd auf der Brust offen, daß die braune Haut mit dichten Haarbüscheln heraussieht, – ihre Flöße dahertreiben und auf dem Floßkanal, hart am Wehr vor dem Raßlerschen Hause, verankern.

Da jauchzt das Herz der Lady Mary Vivian und ihrer Kousinen Misses Wood, wenn die Bursche bei der harten Arbeit mit den blinkenden [60] Holzäxten auf die Tannenstämme einhauen und dabei die derben Wilderer-Waden das Leder der hohen Wasserstiefel durch die Wucht der gespannten Muskulatur zu zersprengen drohen. Und die Rufe und Gegenrufe, die wie wilder Vogelschrei klingen in dem urbajuwarischen Gebirglerdialekt – welch ein erregender, erfrischender Tonwechsel in diesen Naturlauten, wenn die englischen Ohren und Herzen sich den Winter über in den süß berückenden Weisen von Chopin, Wagner, Liszt halb zu tot geschwelgt!

Für die männlichen Mitglieder des Wood-Astonschen Familien-Komplexes liegt der Hauptzauber der wilden Isar in etwas ganz anderem: nämlich in den nicht eben seltenen Szenen der Mordromantik, die sich gerade an dieser Uferstelle am eindrucksvollsten abspielen. Der erste Blick vom Balkon gilt in der Frühe dem großen Wehr am sogenannten Abrecher oberhalb der Maximiliansbrücke: ob hier nicht der Kadaver irgend eines Ertrunkenen im smaragdgrünen Kanalwasser sich bläht und schaukelt. Da gibt es dann Volksauflauf, Gendarmen-Intervention, Rettungsversuche, Polizei-Inspektion; der Kadaver wird mit mehr oder weniger Anstrengung und Lärm herausgefischt, am Ufer niedergelegt, [61] untersucht, dann von schwarzuniformierten Männern auf eine Tragbahre geladen, mit einem braunen Wachstuch zugedeckt und davongeschleppt in die Morgue, gefolgt von einem Gendarmen. Lange bleibt der Volkshaufen noch stehen – die Dienstmädchen und die alten Weiber der Nachbarschaft fehlen niemals; man beguckt die Stelle, bespricht mit einem großen Aufwand von Gesten den Fall und zerstreut sich dann allmählich, das Verdikt von Mord oder Selbstmord oder simplem Unglücksfall in die nächsten Gassen tragend. Welch ein labendes Schauspiel für Mister Harry Wood, dessen Stärke neben dem Dilettantismus in der Malerei gerade die Selbstmordstatistik bildet! Er hat bereits ziffermäßig festgestellt, daß die Isar vor seiner Wohnung im Jahr durchschnittlich zehn Kadaver »produziert«, wovon drei männlichen und sieben weiblichen Geschlechts – die letzteren zu fünfzig Prozent dem jugendlichen Dienstmädchenalter angehörend. Er ist infolge seiner intensiven Beobachtungen und Berechnungen auch gar nicht der Ansicht der Münchener Polizeibehörde, daß die Mehrzahl dieser Ertrinkungsfälle auf Unvorsichtigkeit und ähnliche harmlose Ursachen zurückzuführen sei, sondern behauptet im Gegenteil, daß besonders [62] bei den jugendlichen weiblichen Opfern auf Vergewaltigung aus Lustgier und Raubsucht und auf überlegten Mord geschlossen werden müsse. Seine englische Phantasie, genährt an den Brüsten der kriminalistischen Rothaut-Muse eines Poe und Bret Hart, malt ihm dabei mit lebhaftestem Eingehen auf alle nur denkbaren Nebenumstände die packendsten nächtlichen Schauderszenen an den Brücken, Stegen, Wehren, an den parkartig bewaldeten Stellen der Isarufer und auf den Isarinseln mit ihrer lauschigen Abgeschiedenheit in den grellsten Farben. Das gewährt ihm einen wahrhaft künstlerisch-wissenschaftlichen Genuß.

Seine mächtig erregte Einbildungskraft spielt ihm manchmal auch die abenteuerlichsten Possen. Wenn er lange auf dem Balkon gestanden und in die rauschende Isar gestiert, einen Ertrunkenen zu entdecken, und die heiße Sonne der bajuwarischen Hochebene seinen britischen Insulaner-Schädel zum Krachen geheizt hat, dann geht eine märchenhafte Verzauberung mit ihm vor. Die schmale Isar verbreitert sich vor seinem Blicke zu einem ungeheuren glitzernden Wasserspiegel, zweigt ganze Ströme als Nebenflüsse von der Ausdehnung eines Mississippi ab, dazwischen [63] gaukeln, wie die Luftgebilde einer Fata Morgana, Urwälder und Prärien, bevölkert von kampfeswütigen Rothäuten, die auf blutigen Kriegspfaden wie wahnsinnige Tiger dahinschleichen, die Mordwaffe im Anschlag ...

»Holla,« schreit er plötzlich auf, »ein Leichnam schwimmt daher, noch einer und wieder einer – und dort ein Skalp und noch ein Skalp – heisa! da wieder ein ganzer Kopf, scharf abgeschnitten ...«

Und er beugt sich über den Balkon, klatscht in die Hände, mit rückwärts gewendetem Gesicht frenetisch ins Zimmer rufend: »Miß Vivian, Miß Vivian, sehen Sie doch, wie das purzelt und Wasser schluckt und wieder ausspeit und ruhig schwimmt und wieder purzelt, eins, zwei, fünf, zehn Kadaver – und eine Legion Köpfe und Skalps! Wunderschön, hinreißend!«

Und Miß Vivian springt vom Flügel auf und lacht, und die ganze Familie hält sich den Bauch und lacht: »Mister Harry phantasiert – phantasiert wie toll. Ein paar alte schwimmende Holzscheite hält er für Kadaver, ein Reisigbündel für einen Skalp, einen alten Blechtopf für einen abgeschnittenen Kopf!«

»Aber dort, seht doch, ein bewaffneter Indianerzug!« [64] und er deutet auf den Steg an der Feuerwerksinsel.

»Das sind ja durstige Münchener, die nach den Bierkellern wallfahren und vor Ungeduld, daß ihnen das Bier nicht durch die Luft ins Maul fließt, mit den Stöcken fuchteln ...«

»Aber das breite Wasser da unten, groß wie ein See, mit der feurigen Sonne darüber? Ist das nicht der Mississippi?«

»Kindskopf, nein, das ist die Isar, die I–saa–r!« Miß Vivian lacht ihm immer lustiger ins Gesicht und nimmt ihn mit ihren langen, feinen Fingern ein wenig beim Ohrläppchen.

Nun spielt er die Posse mit Bewußtsein und Absicht weiter. Vivians Griff hat ihn angenehm elektrisiert. »Aber diese beiden kolossalen Mississippi-Dampfer, die da drüben Bord an Bord schaukeln, die müßt Ihr doch gelten lassen?«

Miß Vivian nimmt ihn kräftiger beim Ohr, daß er vor Lust mit den Zähnen knirscht: »Schelm, das ist der Hofbräuhauskeller und die gotische Kirche von Haidhausen!«

Mama Wood, den Kopf in die »Neuesten Nachrichten« vergrabend und nach Unglücksfällen schnüffelnd, erklärt: »Harry ist um seine Phantasie [65] zu beneiden. Die Isar thut ihre Schuldigkeit schlecht; sie hat schon so lange keinen Kadaver mehr gebracht! Es ist recht langweilig ... Man verlernt das süße Gruseln ...«

Kommen aber zu den Ertrunkenen noch einige Erhenkte an den alten, schönen Kastanienbäumen an der Isar-Quai-Promenade unter den Fenstern des Raßlerschen Hauses, dann schmeckt der englischen Familie das Frühstück noch einmal so gut; sie ist dann unsagbar befriedigt von den hohen Naturreizen und Vorzügen ihrer Wohnung, daß sie sich mit Enthusiasmus eine Mietzinserhöhung gefallen läßt, während sie sich mit Händen und Füßen gegen eine Steigerung wehrt in einem Jahre, welches weniger Isar-Ertrunkene oder gar keine Kastanienbaum-Erhenkte »Produzierte«.

»Well,« lispelte im vorigen Jahre Mister George Vivian Aston, das derzeitige Oberhaupt des englischen Familien-Komplexes, als ihm der Herr Kommerzienrat eine neue Steigerung ankündigte, nachdem sich sehr günstig gerade am Morgen des Mietzahlungstags ein erhenkter Packträger am Kastanienbaum befunden hatte: »Well, die dreihundert Mark ist der arme Teufel wert, er war sehr gut gehenkt und sah sehr gut[66] aus in dem Morgennebel, der mich an meine geliebte Insel-Heimat erinnerte.«

Seit der Gründung des Münchener Ruderklubs, der seine Übungen, in den Abendstunden auf dem Isarkanal zwischen der Maximilians- und Ludwigsbrücke abhält, sind die Engländer, besonders die Ladies Mary und Georgina, ganz Feuer und Flamme für die wundervolle Lage ihrer Münchener Wohnung. Auch Mister Harry Wood verspricht sich von dieser aquatischen Erweiterung des Münchener Vereinslebens neue Genüsse; er hat seiner Statistik eine neue Rubrik eingefügt: Ertrunkene Mitglieder des Münchener Ruderklubs bei ihren Schulfahrten auf der Isar an der Quaistraße.

Dieser Harry Wood war in der ersten Zeit ein Gegenstand des Abscheues für die ganze kommerzienrätliche Hauseigentümerschaft. Hatte er doch die satanische Gewohnheit, in den Raßlerschen Garten zu spucken! Und als ihm dieser Gartenspuck-Sport kraft eines neuen Paragraphen, den Herr Raßler extra für diesen unvorhersehbaren Fall in die alte, gedruckte Hausordnung einfügen ließ, untersagt worden war, da ersann er flugs eine andere Unart, um den neuen Hauseigentümer zu ärgern. Der unglaubliche Mensch[67] nahm ein Blasrohr und beschoß, hinter den Spitzen-Gardinen des Balkonfensters versteckt, den Glatzkopf des Herrn Kommerzienrats mit Erbsen, sobald dieser arglos lustwandelnd im Abenddämmer zwischen den grünen Sträuchern und Bäumen seines Hausgartens auftauchte. Erst der heimlichen, aber energischen Dazwischenkunft der Frau Leopoldine Raßler, welche zwar keine besondere Hochachtung vor dem kahlen Haupte ihres Gemahles empfand, es aber doch nicht zur Zielscheibe für englische Blasrohrschützen entwürdigt sehen wollte, gelang es, diesem Unfug zu wehren. Auf Frau Leopoldine hielt Harry Wood große Stücke.

»Wir sollten endlich doch ein anderes Zimmer für die Kinder bestimmen; je mehr die Knaben heranwachsen, desto bedenklicher werden die Störungen vom Hofe her. Die Hofseite hat mir nie gefallen, Du erinnerst Dich?« bemerkte Frau Leopoldine Raßler, mit etwas müden Bewegungen in ein einfaches, knappes Hauskleid, gelb und braun, von echt persischer Wollweberei, die kräftigen Formen pressend, von der Schwelle ihres Boudoirs zu Herrn Raßler hinüber, der sich gedankenlos im amerikanischen Schaukelstuhle wiegte und seine feuchten Bulldoggen-Augen in [68] den goldenen Arabesken des Salon-Plafonds spazieren gehen ließ. Gedankenlos? Vielleicht doch nicht ganz. Im roten Fleisch des Vollmondgesichtes spielte eben wieder ein verschmitzter Zug, offenbar als Nachwirkung eines listigen Gedankenfragments, das durch den Eintritt der fragenden Frau nicht zu Ende gebracht werden konnte. Die Gestrenge! Natürlich. Sie berief sich immer auf den puritanischen Arzt, wenn sie seinen Nachtischscherzchen ausweichen wollte. Die Widerwillige! Aber sie hatte sich doch seiner Laune bequemt ...

»Ich erinnere mich, mein Leo« (er gebrauchte mit Vorliebe die männliche Form der Namenskürzung), »ich erinnere mich, mein Leo!« erwiderte er mit schläfriger Stimme zweimal. »Ich bin ganz Deiner Meinung.«

Er gähnte, ohne die Hand vorzuhalten.

»Das bist Du seit drei Jahren, hast aber bis heute nichts geändert, und Du bist doch der Herr im Hause.«

»Ja, der bin ich, mein Leo. Sind neue Unzukömmlichkeiten vorgefallen?«

Sie trat hinter den Stuhl, hielt mit festem Griff der Lehne die Schaukelbewegung an und sagte, ohne ihr schönes, mattleuchtendes Gesicht [69] zu dem dicken, schläfrigen Gatten niederzubeugen: »Der Harry Wood spricht von seinem Küchenbalkon immer dummes Zeug zu den Leuten in den Hof hinunter, aber so laut, daß es in der Kinderstube gehört wird. Da unterbrechen die Knaben die Arbeit, horchen und lachen. Herr Schlichting hat sich soeben über die Störung beklagt.«

»Der gute Herr Schlichting. Das glaub' ich wohl. Recht, ich werde mir die Sache überlegen. Wenn's gar nicht anders geht, werde ich die Engländer doch noch zum Haus hinaussteigern. Sonst liegen keine Unzukömmlichkeiten vor?«

»Die Hausleute im dritten und vierten Stock beschwerten sich vorhin, daß eine unbekannte Hand in vergangener Nacht die Thürklinken mit gekochten Wursthäuten überzogen und die kleinen, runden Gucklöcher mit Oblaten zugeklebt habe. Als die Frau Professor im dritten Stock vom Theater heimkehrte und im Dunkel die warme weiche Wursthaut an der Thürklinke in die Hand bekam, schrie sie vor Entsetzen und war einer Ohnmacht nahe ...«

Der Herr Kommerzienrat wälzte seinen Fettwanst vor Lachen halb aus dem Schaukelstuhl [70] heraus und quackerte sein Lieblingswort: »Das macht der Liebe kein Kind ... Die gute Frau Professor ... Das glaub' ich wohl.«

Der plötzliche Lachanfall trieb ihm das Blut bis in die weiße Glatze hinauf. Fast ängstigte er sich, daß er der lustigen Erregung nachgegeben. Aber der Spaß war zu gut. Die Frau Professorin, die Vornehmthuerin und Superkluge, statt der Thürklinke eine warme Wurst in der Hand und einer Ohnmacht nahe! Ein gottvoller Jux! Und er lachte aufs neue, daß ihm dicke Tropfen über die runzligen Thränensäcke hinweg die Backen herunterliefen.

»Der Verdacht lenkt sich natürlich auf den tollen Engländer. Aber die Leute im vierten Stock zischeln schon, unser Hermann wär' auch solcher Streiche fähig; der Engländer verführe ihn und stifte ihn zu nichtsnutzigen Streichen an.«

»Wenn das Gesindel vom vierten Stock ...«

»Es sind anständige Leute, die Postoffizials, bitte ...«

»Erlaube, mein Leo, was im vierten Stock wohnt und ein halbes Dutzend Kinder hat, ist mehr oder weniger Gesindel ... Kein anständiger Mensch steigt und wohnt so hoch ... und [71] setzt so viele Kinder den andern Leuten auf die Köpfe ...«

»Wer selbst Kinder hat und seine Kinder liebt, sollte auch vor dem Elternglück und der Elternsorge der andern mit geziemender – ich sage nicht Noblesse, das versteht nicht jeder! – Achtung denken oder wenigstens sprechen. Wer anders handelt, würdigt sich selbst herab ...«

»Du bist heute sentimental, mein guter Leo; das Beamtenpack mit den vielen Kindern ist mir nun einmal zuwider. Das bläht sich und brüstet sich ... Ja, die Bildung! Und die Einbildung! Und dabei nichts im Sack; jeden Monat rennt's mit seiner Quittung an die Staatskasse. Das frißt alles aus der großen Schüssel – und den Kinderluxus muß zuletzt das Volk, das heißt: müssen wir bezahlen. Ewig Gehaltsaufbesserungen, und Witwen- und Waisenpensionen. Das verstehst Du nicht, was das kostet. Wo kein Vermögen ist, gehören auch keine Kinder hin. Kindermacherei auf Regimentsunkosten, das ist was Rechtes! Davon will ich gar nicht reden, wie die im vierten Stock unser Haus abnützen. Immer ist die Treppe beschmutzt, das schöne Stiegengeländer schon ganz verkratzt. Wie die Fußböden und [72] die Tapeten ausschauen, daran mag ich nicht denken. Und dafür zahlen sie die lächerliche Miete von 700 Mark. Na, ich werde den Herrn Offizial mit seinem Kinderpack nächstens hinaussteigern. Zum Saustall ist mir mein vierter Stock zu gut.«

Mit einem zornigen Stoß schnellte Frau Raßler den Schaukelstuhl in Bewegung und verließ das Zimmer, etwas wie »ein ekelhafter Protz!« zwischen den Zähnen.

Der Herr Kommerzienrat versank eine Sekunde in verblüfftes Staunen, dann erholte er sich wieder mit der verlangsamten Wiegebewegung und quackerte für sich weiter: »Der gute Leo hat wirklich wieder einen schlechten Tag. Aber das macht der Liebe kein Kind. Was im vierten Stock wohnt, ist immer mehr oder weniger Gesindel, und wenn es meinen Hermann verleumdet, wird's zum Tempel hinausgesteigert. Das ist einfach. Ich begreife die Aufregung meines guten Leo nicht. Auf den Hermann laß' ich nichts kommen. Absolut nichts. Nächstes Ziel ... Georgi ... kaum noch vier Wochen ... wird ... das Gesindel ... gesteigert ... daß ihm ... die ... Rippen ... kra ... krachen ...«

[73] Und der Herr Kommerzienrat war sanft eingenickt. Er hatte den Mund mit den gelben, angefaulten Zähnen halb offen und schnarchte seinen gediegenen Nachmittagsschlaf. Auf der Maximilianstraße klingelte die Pferdebahn, an der Quaistraße rauschte die Isar, im ersten Stock verklimperte Miß Vivian gar gefühlvoll ihre Seele im Wagner'schen Siegfried-Idyll; durch das offene Balkonfenster über dem Garten flutete Frühlingshauch und Sonnenduft in linden, würzigen Wellen herein: Raßler schlief in seinem weichgepolsterten Amerikaner wie ein feister seliger Engel im Paradies. Nicht einmal der Anflug einer bösen Traumeslaune wagte ihn heute zu stören ... Und wie er dalag, in holder Bewußtlosigkeit das stilwidrigste Inventarstück seines stilvollen Salons! Wie er schnarchte und dünstete! Keine Angst: die Verdauung war wieder wundervoll in Ordnung. Der große Kunstmäzen, als welchen er sich mit Hochgenuß preisen hörte, war vor allem ein großer Künstler im Essen und Trinken. Sein Wahlspruch: »Sehr gut und sehr viel!« Und heute war das Menü wieder geradezu erhaben gewesen. Krammetsvögelsuppe von göttlichem Wohlgeschmack. Poularde mit frühem Riesenspargel [74] aus dem Süden von überwältigender Qualität. Und das Übrige! Und das Unsagbare zum Nachtisch ...

»Er schnarcht wie ein Sägebock,« spottete die Gusti und legte die Korrespondenz nebenan auf das japanische Serviertischchen. »Der platzt doch noch in seinem Dickwanst ...« Dann huschte sie auf den Zehenspitzen wieder hinaus.

Es war keine Zofe mehr in gefährlichen Jahren. Eine Art von abgelagertem weiblichen Faktotum, ebenso allwissend in allen intimen Hausangelegenheiten wie ein Beichtvater in den Sündhaftigkeiten seines Sprengels, und dabei ein seltsames Gemisch von diskreter Unverschämtheit, treuherziger Dienstgefälligkeit und schlauer Berechnung des eigenen Vorteils. Jedermann im Hause schwor auf ihre Zuverlässigkeit, und niemand schwor falsch. Gusti war eine abgefeimte Diplomatin – und, wie alle Diplomaten, wenn's schief ging, nie um eine gute Ausrede verlegen.

Der Herr Kommerzienrat hatte sie aus seiner ersten Ehe, wo sie als Kindsfrau dem kleinen Eugen ihre Wärterdienste leistete, in die zweite Ehe mit herüber genommen. Die zweite Ehe war seither unfruchtbar geblieben; Frau Leo [75] Raßler, keiner Kinderwärterin benötigt, erhob die gewandte Gusti zur Würde einer Zofe – was aber kaum mehr als eine Sinekure bedeutete, da die neue Gnädige merkwürdigerweise ihre Leibesbedienung selbst besorgte. Gusti machte sich im Hause nützlich, wo sich irgend eine Gelegenheit bot. Sie war die Vertraute beider Gatten, bis zu einem gewissen Grade, und sie hatte dabei für jeden ein besonderes Ohr und eine besondere Zunge, wobei sie mit großem Geschick jeder Verwechslung gewachsen war. Nie war ihr in diesem Punkte bis jetzt ein Unfall passiert.

In der ersten Zeit seiner zweiten Ehe, so vor vier, fünf Jahren, hatte der Herr Kommerzienrat sehr viel auszustehen, bis er sich einigermaßen in das fremdartige Wesen seiner neuen Gattin eingelebt. Gusti griff ihm bei diesem Anpassungsprozeß wacker unter die Arme mit dem Schatze ihrer Erfahrungen und ihrem Instinkte für absonderliche Weiberlaunen und deren oft noch absonderlicheren Art der Befriedigung. Daß sie oft fehl griff, lag an den Umständen, nicht an ihrem Witz und Willen.

Wenn ihr der Kommerzienrat sein Leid klagte, daß Frau Leopoldine doch gar so kühl [76] und verschlossen gegen ihn sei, daß er so wenig zärtliches und in der Zärtlichkeit erfinderisches Entgegenkommen bei ihr finde, daß sie die Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten so widerwillig und träge, zuweilen sogar unter Widerspruch betreibe und immer neue Ausflüchten ersinne, um seinen Intimitäten zu entschlüpfen, kurz, daß sie ihn auf die schnödeste Weise behandle und seine Liebe nur wie mit Almosen erwidere, die man einem elenden Bettler hinwirft, um Ruhe vor ihm zu bekommen: dann lächelte Gusti spitzbübisch: »Sie fassen die Sache auch gleich zu tragisch auf, gnädiger Herr; Ihre Frau ist nun einmal anders als die andern, deswegen dürfen Sie nicht verzweifeln.«

»Kalt ist sie wie ein Eisblock,« antwortete Raßler bekümmert.

»Dann müssen wir den Eisblock aus Feuer bringen.«

»Aus Feuer! Wenn er sich nicht von der Stelle rührt! Wenn er daliegt wie angefroren ...«

»Dann bringen wir das Feuer zu ihm, wir erhitzen die Luft.«

Raßler schüttelte den Kopf: »Du redst [77] dummes Zeug Gusti. Das macht der Liebe kein Kind.«

»Freilich nicht, wenn Sie sich immer so abschließen, keine Gesellschaften geben, keinen ordentlichen Menschen zu sich einladen, nichts als so grauslich ernsthafte Gschaftlhuber ... Da wird jede Frau verdrossen, besonders eine so junge und schöne wie die Frau Kommerzienrat. Ein solches Kleinod sperrt man nicht in die Truhe. Da verliert's seinen Glanz. Das muß aus Licht, dann funkelt's und erfreut das Herz.«

»Ja, das Herz der anderen.«

»Was liegt daran? Besitzer bleibt man doch und hat im Besitz den schönsten Genuß davon. Na, die Eifersucht, die läßt freilich keinen gescheidten Gedanken aufkommen.«

»Ich bin neugierig auf Deinen gescheidten Gedanken.«

»Laden Sie Ihre jüngeren Freunde ein, machen Sie wenigstens einmal in der Woche einen lustigen Abend, wo man sich zu einem Spielchen zusammensetzt oder musiziert und tanzt wie in den andern vornehmen Häusern ...«

»Jüngere Freunde! O Du Schlange, sag' [78] doch gleich Verehrer und Liebhaber!« pustete der dicke Kommerzienrat.

»Ei freilich, na, was wär' dabei? Jede schöne Frau von Stand hat ihre Verehrer. Das bringt die Damen in guten Humor und frischt ihre Laune auf – und schließlich schöpft der Mann als der einzig wirkliche Liebhaber den Rahm ab. Jessas Maria, daß doch manche Männer gar so vernagelt sind und so blind ...«

In einigen weiteren Geheimsitzungen verfocht die schlaue Gusti ihren Vorschlag so gut, daß dem Kommerzienrat ein Brett ums andere vom Kopf und eine Schuppe nach der andern vom Auge fiel. Er wurde so frei und so hellsehend, daß die lustigen Abende und Jourfix bei Raßlers bald zum Stadtgespräch wurden. »Liebhaber-Vorstellungen« nannte sie zwar die Bosheit der Krähwinkler, »Rekruten-Musterung« die Offizierskasino-Médisance, »Hornvieh-Rennen« die Hintertreppen-Flegelei, aber die Hauptsache blieb doch, daß der Herr Kommerzienrat an der Sache Vergnügen fand und munter des Glaubens lebte, zur Aufheiterung seiner so ernsten und nachdenksamen Leopoldine das rechte Mittel gefunden zu haben. Obwohl die Frau Kommerzienrat anfänglich von dem Einfall ihres täppischen Grandseigneur-Nachäffers [79] überrascht war und sich gegen die Fortsetzung dieser gewaltsamen Erheiterungsversuche sträubte, so glaubte sie doch, es dem Ansehen ihres Eheherrn schuldig zu sein, die Honneurs des Hauses mit dem vollendeten Maskenspiel der Weltdame zu machen. Ihr Herz blieb unbeteiligt.

Keiner der zahlreichen Gäste aus dem Kaufmanns-, Künstler- und Beamtenstand, so gewandte Kurmacher auch darunter waren, konnte sich eines tieferen Erfolges bei der seltsamen Frau erfreuen. Nichtsdestoweniger trieb die Geckeneitelkeit manchen zu der schurkischen Koketterie, im Kreise seiner Stammtischbrüder mit ahnungsvollen Anspielungen auf genossene Bevorzugungen und Triumphe die Geschichte seiner galanten Abenteuer als unwiderstehlicher Schwerenöter zu erweitern. Besonders der im Rufe eines treffsicheren Frauenjägers und Unschuldmörders stehende Parklas, Beamter im statistischen Büreau, dessen breites, blondbebartetes Maul stets vom Honigseim ranziger Galanterieen triefte, rühmte sich bei seinen Zechgenossen, daß er ein neues Leben begonnen habe: Frau Raßler habe ihm den Geschmack an seiner Spezialität, immer einige zierliche Theatermäuschen an seiner liebegeschwellten [80] Brust zu hegen, ganz und gar abgewöhnt, seit ihn die Sphinx selbst an ihren rätselvoll heißen Busen genommen und mit ihren Löwentatzen halb totgedrückt. Die ganze freiwillige männliche Prostitutions-Kohorte kam darob in Aufruhr: Frau Raßler! lautete fortan ihre geheime Parole.

Frau Raßler selbst in ihrer festen Gefühlsumzirkung, welche noch auf den Rechten wartete, dem das Schicksal die siegreiche Grenzüberschreitung zugesprochen, hatte keine Ahnung von dem Unfug. War doch von je die männliche Prostitution, welche sich gelegenheitslauernd in Häusern und Gassen, auf Promenaden und geselligen Ausflügen herumwälzt, um als williges Werkzeug sinnlicher Befriedigung den zügellose Weibern zu dienen, ein Gegenstand lebhaftesten Abscheus für sie gewesen. Wie viele Verführer hatten schon mit brünstigem Zuwinken und Bocksgemecker ihren Lebensweg umdrängt! Aber was lag ihr an diesen Hundenaturen? Wie oft hatte sie ihrer Freundin Bertha, dieser lüsternen und neidigen braungefleckten Tigerkatze, die ehrliche, aber nie geglaubte Versicherung gegeben, daß alles, was gewöhnliche Frauen von ungestümer Sinnlichkeit zu Falle bringt: ein hübsches [81] Gesicht, ein starker Nacken, ein fesches Bein mit muskulösen Schenkeln, ein appetitliches Fell, ein von innerem Feuer ausgeglühter Teint, ein bald keckes, bald zaghaft glitscheriges Auftreten u.s.w. keine Gewalt über sie habe.

Ja, diese vielerfahrene Bertha, deren zweites Wort war: Willst Du die Wahrheit über die Männer wissen, so frage mich! – Diese schlanke Forstmeisterswittib, die im Wald und auf der Haide, im Salon und in der Dachkammer, im Patschuliduft wie im Mistgeruch mit dem Ewigmännlichen experimentiert hatte, ohne den Schein der ehrbaren Frau der Welt gegenüber preiszugeben: sie hatte ihre liebe Not mit ihrer alten Pensionsfreundin Leopoldine.

Einmal kam eine große Singhalesentruppe nach München. Wochenlang produzierte sie sich in einem Zeltlager auf der Theresienwiese. Die dunkelhäutigen und dunkeläugigen Kerls mit ihren schlangenglatten Leibern und bald träumerisch lässigen, bald leidenschaftlich sprunghaften Bewegungen hatten die ganze Münchener Damenwelt rebellisch gemacht. Frauen vom hohen Adel und Frauen des Erwerbsstandes sahen sich die Augen aus dem Kopf nach diesen asiatischen Wildlingen. Bertha war aus Rand [82] und Band vor exotischer Nächstenliebe; einmal wäre sie und eine blonde Bräumeisterin beinahe im Zeltlager übernachtet, wenn der Aufseher sie nicht entdeckt und mit Gewalt hinausbefördert hätte. Diese halbnackten Singhalesenjünglinge, deren Gewandung, Gang und Reitkunst bald die Beine bis hoch zu den Schenkeln hinauf entblößt zeigte, bald den schmalen, biegsamen Oberleib enthüllte und die edelste Muskulatur den bewundernden Blicken darbot; diese Söhne einer fremden Natur von unverbrauchter Kraft, von verheißungsvollstem leidenschaftlichen Elementarismus: wie wußten sie schon durch den Gegensatz zu der schweren, umständlichen Männlichkeit Bierbajuwariens die sinnlichen Weiber zu entflammen! Zigarren, Näschereien, kostbare Andenken wurden den Fremdlingen heimlich von den Damen zugesteckt als Gegenleistung für das nervenerregende Schauspiel, für einen lodernden Blick aus den indischen Samtaugen, für eine flüchtige Belastung, für einen sehnsüchtigen Händedruck. Bertha ließ ihrer Freundin Leopoldine keine Rube, sie mußte mit ihr hinaus, die Männerwunder einer fremden Zone auf der Theresienwiese zu betrachten.

Bertha entschied sich zuerst für einen jungen [83] Zauberer, dann für einen grotesken Teufelstänzer, dann wieder erkannte sie den Preis sieghafter Männlichkeit einem Priesterjüngling zu; zuletzt blieb sie bei einem märchenhaft zarten Menschen stehen, der auf einem kostbar gesattelten Elefanten unter einem roten Baldachin ritt. »Was meinst Du? Welcher wäre Dir der schönste und begehrenswerteste?« fragte sie wild umherhastend mit den Augen, deren Sehkraft sie noch mit dem Opernglas verstärkte.

Leopoldine: »Da könnte man ebenso gut fragen: welchen Insassen eines Affenhauses ich schön und begehrenswert fände. Interessant ist schließlich alles. Als Schaugericht kann man sich diese Kerls gefallen lassen. Sonst versteh' und will ich nichts davon.« Beim Fortgehen drückte Leopoldine einem kaum zweijährigen, trotz der warmen Umhüllung fröstelnden, hüstelnden Singhalesenkind ein Silberstück ins grauschwarze Händchen. »Das arme Ding sieht seine Heimat auch nie wieder.«

Nachdem der Singhalesenransch verraucht war, trat für Bertha die europäische Kultur mit ihren zahllosen Männertypen wieder ins Vordertreffen.

Es war auf der internationalen Kunstausstellung [84] im Glaspalaste. Die Damen promenierten im Ehrenpavillon; der Springbrunnen warf seine Wasser durch Tannenwipfel und sing sie plätschernd in Felsenbecken auf; hinter einem Boskett schmetterte die Regimentsmusik. Die Rendezvous-Stunde der vornehmen Welt.

»Ach, Leopoldine, sieh doch den dort, mit dem schwarzen üppigen Vollbart, wie muß der auf der Brust und überall behaart sein, ganz zottelig, schau, den möcht' ich haben!«

Und Leopoldine kalt: »Der oder ein glattes Milchschwein – mich lockt wahrhaftig nichts von dieser Sorte; ich wünsche Dir viel Vergnügen.«

Und Bertha darauf: »Ja, ich weiß, Du suchst den keuschen Mann, ein Geschöpf, das nie existiert hat und wenn es existierte, das Dümmste und Unausstehlichste wäre, was ich mir denken könnte ...«

»Und Du den Salonlöwen, der seine parfümierte, an allen Ecken und Enden schon ramponierte Männlichkeit mit faunischem Grinsen Dir auf dem Präsentierteller entgegenträgt – und dann wieder den Bettler, dessen Fleisch Dir aus den Fetzen seines Gewandes lüstern zuwinkt, während seine scheue Miene mit niedergeschlagenem [85] Blick ein Almosen heischt – geh' mir, der eine wie der andere ist der süßen Geheimnisse einer glühenden Umarmung gleich unwert ...«

Dann fauchte Bertha, daß ihre scharf geschnittenen Nüstern über den sinnlich geschürzten Lippen bebten: »O, ich weiß, der Gegenstand Deiner Passion sind unverdächtige, zurückhaltende Individualitäten, an denen sich die sexuelle Neugierde die seltsamsten Befriedigungen verspricht, ich weiß, ich weiß ...«

»Nichts weißt Du! Wie frivol, mir solche Dinge zuzutrauen!«

Gewiß, Frau Bertha wußte trotz aller eigenen Erfahrungen die Natur ihrer Freundin nicht zu deuten. Diese wußte es aber ebenso wenig. Sie war sich in der Liebe selbst ein Rätsel. Vor lauter verhaltener Sinnlichkeit kam sie nicht zur landesüblichen Befriedigung der Sinnlichkeit. Sie jagte dem Phantom einer Liebe nach, das ein Wunder bewirken sollte. Sie fühlte, daß in der Sinnlichkeit ein hohes Menschheitsideal verwirklicht werden könnte, aber sie fand nicht den Mann dazu. So lebte sie ihre erste Jugend in erzwungener Keuschheit dahin, vegetierte in zielloser Sehnsucht, die verschlossenen [86] Samenkörner einer traumhaften Liebe in der einsamen Seele. Oft hatte sie sich den Tod gewünscht.

»Was wird aus mir werden?« fragte sie in bangen Stunden und brach in heißes Schluchzen aus. Dann betrachtete sie sich wieder im Spiegel oder betastete sich auf ihrem öden Lager in verschwiegener Nacht und seufzte: »Es ist schade um mich ...« Und sie konnte sich nicht helfen.

In der Pension, wo sie als die Waise eines wenig bemittelten Hofrats von den wohlhabenden Schülerinnen, deren Eltern im Fett reichen Erwerbes schwammen, ohnehin mit einer gewissen Zurückhaltung behandelt wurde, hatte sie sich inniger an Bertha v. Starkloff angeschlossen und in naiver Hingabe deren ausschweifende Phantasieen geteilt. Sänger, Schauspieler, Dichter, Maler, welche durch ihre öffentlich ausgestellten, recht lecker zugerichteten Photographieen den Verehrungssinn der jungen Damen erhitzt und entflammt hatten, wurden mit bewundernden Briefen und Gedichten heimlich bombardiert. Leopoldine verübte für ihre Freundin Bertha manche liebestammelnde Reimerei, welche diese mit einem fingierten Namen unterzeichnete und [87] zur Anbahnung einer schwärmerisch erotischen Korrespondenz an die rechte Adresse beförderte. Gar mancher von den jungfräulich angedichteten Künstlern fühlte sich so tief in seiner männlichen Eitelkeit geschmeichelt, daß er in entzückten Briefen antwortete, seine Photographie beifügte und sich zu einem Stelldichein bereit erklärte. Ein ebenso geckenhafter als erzdummer mit Familie gesegneter Opernsänger reagierte auf diesen Pensionatskultus in so beharrlicher Weise, daß die Institutsvorsteherinnen von dem Unfug Wind bekamen und, um ein Exempel zu statuieren, die Unschuldige mit der Schuldigen, Leopoldine mit Bertha aus der tugendsamen Anstalt entfernten. Bertha Starkloff genas bald darauf bei einer hilfsbereiten Frau, die sich in den Inseratenblättern den nach zeitweiliger Zurückgezogenheit sich sehnenden Damen nachdrücklich zu empfehlen pflegte, eines Knäbleins. Das kleine Geschöpf hatte aber kaum das Licht der Welt erblickt, als es sofort den Geschmack daran verlor und sich stracks aus dem Staube machte. Bertha kehrte blaß und keusch aus der Zurückgezogenheit in das Getümmel des Lebens zurück und beglückte einen gutmütigen ältlichen Forstmann mit ihrer Hand und anderen hübschen Sachen. Um ihre [88] arme Freundin Leopoldine Klebnikow kümmerte sie sich jahrelang nicht mehr.

Nachdem für Leopoldine die ersten schmerzlichen Folgen jener theatralischen Pensionats-Katastrophe überstanden waren und sie selbst den Weg zur Bühne versuchsweise gefunden hatte, trat eine neue Wendung in ihrem Leben ein. Eines Tages, als sie von einer Theaterprobe heimkehrte, wurde sie unter ihrer Hausthüre von einer fremden, anscheinend vornehmen und würdigen Dame von äußerst zutraulichen, gewandten Manieren angehalten und zu einer Besprechung an einem dritten Orte, einer kleinen Villa in einem Garten an der Briennerstraße, eingeladen, unter der Bedingung, die größte Verschwiegenheit zu beobachten. Die Dame nannte keinen Namen, keinen näheren Zweck. Sie begnügte sich nur, wiederholt zu versichern, daß die wichtige Unterredung, wenn sie zur Zufriedenheit ausfalle, für Fräulein Leopoldine von den glücklichsten und angenehmsten Folgen sein würde. Jede Gefahr sei ausgeschlossen. Die Diskretion verbiete ihr, mehr zu sagen. Fräulein Leopoldine möge Ja sagen, alles übrige werde sich finden. Zögernd gab Leopoldine ihre Zusage. Warum? Was trieb sie zu dem Abenteuer, [89] das eine fremde Dame mit ihr einfädeln wollte? Sie wußte es selbst nicht, woher und wie es plötzlich über sie gekommen, diesem Kitzel der Neugierde nachzugeben. Daß irgend ein Mann im Spiele sei, ahnte sie natürlich sofort. Diese Ahnung verstärkte den abenteuerlichen Reiz. Etwas Unerklärliches, Überraschendes! Eine Begegnung mit einem geheimnisvollen Märchenprinzen? ... Sie hatte eine schrecklich unruhige Nacht ... Ohne daß Mutter und Bruder davon erführen, hielt Leopoldine Wort. In sehr aufgeregtem Zustande kam sie in das bezeichnete Haus – sie schützte daheim Theaterprobe vor – und wurde von der fremden Dame mit bestrickender Liebenswürdigkeit empfangen.

»Himmlisch, daß Sie gekommen sind, ich fürchtete fast schon, daß Sie mich umsonst warten ließen. Aber dann sagte ich mir: nein, sie ist viel zu nett und zu klug, ihrem Glück aus dem Wege zu gehen, auch wenn es sich unter ungewöhnlichen und geheimnisvollen Umständen ankündigt. Ich bin entzückt, Sie zu sehen. Lassen Sie sich umarmen! Und nun zur Sache!«

In den knospentreibenden Bosketts des Gartens flüsterte der Frühling, aus den Wipfeln der Ahornbäume rief die Amsel, aus den Veilchenbeeten [90] wehte süßer Duft. Dazu das hohe Gemach mit der kostbaren Vertäfelung, den schweren Teppichen, auf welchen das Geräusch der Schritte erstarb, den Portièren und dichten Vorhängen, welche nur spärliche Helle eindringen ließen, und den künstlich bereiteten Wohlgerüchen, welche betäubend den wohlig schlummernden Raum erfüllten: das alles vermehrte Leopoldinens Aufregung. Bald überkam es sie wie eine schmerzlich süße Betäubung, welche jeden Willen lähmte, dann wieder wie Gewissensangst und Mahnung, doch ja auf ihrer Hut zu sein und jeder Überrumpelung ihrer Sinne zuvorzukommen. Ihr Blick verschleierte sich, ihr Herz schlug bis zum Halse herauf. Die Dame redete in sie hinein mit den holdesten Worten der Verführung. Bei diesem Wortgeplätscher fuhr Leopoldine plötzlich auf wie aus einem Traume. Am liebsten wäre sie davongeeilt. Allein aus dem Banne der funkelnden Schlangenäuglein der zärtlichen Dame gab es kein Entrinnen. Mit dem Blicke drückte sie Leopoldine auf den schwellenden Sitz des niedrigen Eckdivans. Sie setzte sich an ihre Seite und faßte ihre Hand.

»Ein hoher Herr verehrt Sie, bewundert Sie, liebes Fräulein. Seine Stellung verbietet [91] ihm, sich Ihnen in der gewöhnlichen Weise zu nähern und Ihnen seine Gefühle auszudrücken. O fürchten Sie nichts! Seine Absichten sind die edelsten. Er leidet schwer unter der Entsagung, welche ihm sein Lebensstand auferlegt, unter der Zurückhaltung, welche ihm seine hohe Würde gebietet. Und er fühlt so heiß für Ihre Schönheit, Ihre Jugend, Ihr Talent ... Erweisen Sie sich ihm freundlich, großmütig ...«

»Es ist doch nicht ein –«

»Ein geistlicher Herr, wollen Sie sagen, liebe Seele? Und wenn? Und der höchsten geistlichen Aristokratie angehörend und aus dem Wälschlande stammend, wo eine feurigere Sonne scheint, als in unserem trüben Norden? Ein genialer Freund aller Kunst und Schönheit, dem auch unter dem priesterlichen Kleide das Herz für die Wunder reiner Liebe schlägt? Schreckt Sie das? Ich will Sie zu ihm geleiten; Sie sollen ihn zunächst nur sehen und ihm Ihren Anblick verstatten. Was ihm ein Fest der Augen, soll Ihnen eine Gelegenheit zur Prüfung sein ... Gefällt er Ihnen nicht, je nun, Sie sind frei, Ihre Meinung zu äußern und zu thun was Ihnen beliebt. Ich will Sie zu ihm geleiten ...«

[92] »Heute? Jetzt? O Gott!«

»Diesen Augenblick ... Ach, da ist der hohe Herr selbst. Ich ziehe mich zurück. Seien Sie recht, recht gütig mit ihm ...«

Leopoldine hat später die Szene ihrem alten Beichtvater zähneknirschend mit allen Einzelheiten geschildert und nicht achtend der väterlichen Abwehr des entsetzten ehrwürdigen Greises mit den bitteren Worten geschlossen: »So, da habt Ihr Euere Heiligkeit in Kirche und Haus –! Rein und weiß wie das Kaschmirkleid, das ich an jenem verdammten Tage trug, war mein Herz, und besudelt habe ich die Stätte verlassen, in die mich wälsche geistliche Wollust gelockt, um mich meines köstlichsten Gutes, der Unschuld, mit den Teufelskünsten eines ausstudierten Don Juans zu berauben.« Und als sie einige Jahre hernach dem nämlichen würdigen Seelenarzt als verheiratete Frau Kommerzienrat ihre Osterbeichte ablegte, schloß ihr Schuldbekenntnis nicht weniger bitter: »Was der geweihte Zölibatär an mir begonnen, hat der Weltmensch in kirchlich eingesegneter Ehe an mir vollendet; wenn meine Phantasie vergiftet ist, werfen Sie den Fluch nicht allein auf das sündige Weib, dem Gott in Zukunft gnädiger sein möge, als er's in der[93] Vergangenheit gewesen. Wenn der Himmel das Herz eines Weibes verderben will, gibt er sie einem thöricht schamlosen Manne zur Gattin.«

Einmal, in einer Plauderstunde mit Bertha, als diese die Künste der Männer analysierte, ernsthafte und scheue Frauen zu willigen Werkzeugen sinnlicher Gier zu machen, fand Leopoldine das harte Wort: »In der Liebe scheinen Götter und Bestien Brüder zu sein. Und da soll ein Weib seine Ehre wahren!«

Da wurde Bertha Feuer und Flamme. »Weißt Du, Leopoldine, wer meiner jugendlichen Unerfahrenheit in bezug auf den Umgang mit dem männlichen Geschlecht eigentlich die unverschämteste Aufklärung gegeben hat? Du wirst's nicht glauben: ein Geistlicher im Beichtstuhl, ein fetter Mönch in den Dreißigern. Ich habe niemals in den verrufensten Büchern so schamlose Dinge gefunden wie ich sie als frühreifes fünfzehnjähriges Mädchen im Beichtstuhl zu hören bekam. War das ein Lasterkasten! Als ich alle seine anzüglichen Fragen, die mir das Blut in die Wangen trieben und mich furchtbar aufregten, mit gutem Gewissen verneint hatte, sagte der Mensch, das sei keine Tugend, ich soll's erst einmal probieren – und erst wenn ich aus Erfahrung [94] die wunderbar süße Sünde und das unbeschreibliche Vergnügen, das der geschlechtliche Umgang gewähre, kennen gelernt und dann in Zukunft jedem unerlaubten Genusse mit klarem Bewußtsein aus dem Wege ginge, dann erst könnte ich mich der Tugend rühmen. Unerfahrenheit sei keine Tugend. Hierauf beschrieb er mir, wie ich mich auf diese sündige Lustbarkeit zunächst auch ohne Liebhaber genügend vorbereiten könne. Es war ganz unglaublich. Zuletzt bot er sich in unzweideutiger Weise selber an, diese meine Vorstudien zu leiten; ich solle ihn einmal besuchen ... Ich habe noch ein in Goldschnitt gebundenes Büchlein, ›Die Nachfolge Christi‹, das er mir zum Andenken an einen Besuch geschenkt hat. Die Keuschheit der Frommen, das wußte ich seit jener Zeit, ist ein unglaubliches Ding ... Nein, dieser Pater Evorist ...«

»Was kann noch Großes an der Keuschheit liegen, wenn selbst im Ehestand Schamlosigkeiten als Pflichterfüllungen honoriert werden? Schweigen wir darüber. Auch ich gedenke mit Schaudern eines Kusses von heiligen Lippen ... Ich gedenke mit Schaudern meiner Hochzeitsnacht ... Soviel Schmutziges selbst am Erhabensten. [95] Die Ehe hat mich verdorben ... Übrigens bist Du zu sehr verleutnantet –«

Frau Leopoldine hatte ins Schwarze getroffen. »Verleutnantet« war eine ganz richtige Bezeichnung der neuesten Geschmackslage ihrer Freundin. Vorausgegangen war die Epoche der »Vermalerung«. In den Ateliers junger, genialer Pinselführer ging's so ungebunden und anregend zu! Da war so viel zu sehen – und so Überraschendes. Und es war gar nicht schwer, mit diesen flotten Kunststadtgenossen in Verkehr zu kommen. Mit einigen mußte man sich freilich in acht nehmen, denn sie hielten nicht reinen Mund und brachten böse Reden in Umlauf. Der Herr Schnürle zum Beispiel war so einer. Da hatte man gleich einen Spitznamen weg. »Madame Voulezvous« hatte der Undankbare eine ehemalige gefällige Freundin getauft – und der Titel war ihr lange hängen geblieben. Bei einem andern gab's so schwüle, aufregende Sachen, mythologische Tiermenschen von unerhörter Leidenschaft, Zentauren, halb Mann, halb Roß, von zermalmender Muskelkraft. Einmal malte er ein Zentaurenpaar: das Männchen mit dem Leibe eines schwarzen Hengstes, das Weibchen mit dem Leibe einer isabellenfarbigen Stute; mit den nervigen [96] Menschenarmen hielten sie sich den Oberleib umschlungen, während sie sich hinten aneinanderpreßten, daß die Flanken krachten, und mit hochgeschwungenen, sausend die Schenkel und den Rücken sich peitschenden Schweifen trabten sie im Abendlicht am Ufer hin, der violetten, schäumenden Meeresbrandung entgegen. Es war ein kolossal ergreifendes Bild, eine Verkörperung und zugleich poetische Verklärung unerhörter natürlicher Liebeskraft. Hätte nur der Maler nicht die Indiskretion begangen, seiner Zentauren-Stute die Züge seiner Freundin Bertha zu leihen! So kam's zum Bruch, denn Bertha mußte noch obendrein das Bild um teures Geld erwerben, damit es nicht in fremde Hände gerate. Später wandte sich der Maler einer zahmeren Gattung zu und hatte den Vorteil, von dem König mit einträglichen Bestellungen für das Chiemseeschloß ausgezeichnet zu werden. Bertha hatte inzwischen die Geschmackswandlung vom mythologischen Zentaurentum zum modernen Heldentum der leichten Reiter mit den malerischen grünen Uniformen vollzogen. Sie war »verleutnantet«, wie Frau Raßler sagte.

»Verleutnantet ist schön gesagt,« lachte Bertha frech auf, daß es wie hündisches Bellen klang.

[97] Bertha schwor in der That damals nicht höher, als auf die »feschen Leutnants«, die stets zu allem zu haben und viel ritterlicher seien, als die losen Maler.

»... Ja, zu sehr verleutnantet, um mein Ideal von Liebe und Keuschheit zu begreifen.«

»Ideal! Mich trifft der Schlag. Wo hast Du denn diese Merkwürdigkeit aufgegabelt? Vielleicht als Empfangsdame in der photographischen Anstalt von Albrecht, wo der verrückte Attenkofer als Cerberus Deine Keuschheit bewachte?«

Diese Anspielung gab der Plauderstunde eine böse Wendung. Leopoldine brach den Verkehr mit Bertha ab. Erst nach monatelangem Bemühen gelang es der letzteren, die alten Beziehungen allmählich wieder anzuknüpfen.

Wenn man bei Frau Leopoldine Raßler Sonnenschein in schlechtes Wetter verwandeln wollte, brauchte man sie nur an jene voreheliche Epoche, die empfindlichste in ihrem Leben, zu erinnern. Auch hier barg sogar für ihren nächsten Bekanntenkreis die Empfindlichkeit Leopoldinens ein ganzes Nest von Unerklärlichkeiten. Was lag hier eigentlich unter der Decke? Niemand wußte es. Leopoldinens Mutter war gestorben, mit der Theaterlaufbahn ging es nicht vorwärts, [98] ein mißratener Bruder hing ihr an der Geldtasche, plötzlich war sie vom Schauplatz verschwunden, dann tauchte sie als Empfangsdame im photographischen Salon der berühmten Albrechtschen Anstalt auf: das war die äußere Reihenfolge ihrer Lebensthatsachen, deren innerer Zusammenhang dem profanen Blick verschlossen blieb.

Bei Albrecht hatte der verwitwete Kommerzienrat Raßler Leopoldine kennen gelernt und zur Überraschung aller die Gunst der rätselhaft stolzen und schönen Empfangsdame in so hohem Maße gewonnen, daß sie dem häßlichen Manne in die Ehe folgte als zweite Frau. Natürlich sah die sittsamliche öffentliche Meinung der Schmierblätter, sowie die Klatschsucht der Freunde und Bekannten und sonstiger Maulaffen und Frechlinge, die ihre Nase in alles stecken, in diesem Ereignis nur eine unerhörte Schmutzerei. »Sein Reichtum hat sie verlockt; sie hat nicht ihn, sondern seinen Geldsack geheiratet; sie hat sich wie eine Dirne ihm verkauft,« deutelten die braven Tugendbolde. Der Kommerzienrat Raßler und die Exkomödiantin Klebnikow! Alle Wetter! Das ist ja ein wahres Ereignis! Natürlich war's ein Ereignis im Leben zweier Menschen, die für [99] ihr Handeln in Herzensangelegenheiten nur sich selbst verantwortlich waren. Was ging das die andern an? Gar nichts. Aber eben weil sie's gar nichts anging, stürzten sie sich um so gieriger darüber her und ließen die bösen Zungen weit aus den Mäulern hängen. »Der Raßler, dieser dicke Schweinehund, na, man kann sich's denken ...« – »Und sie erst! Natürlich sie!! Diese durchgewichste Person; wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was man über sie hört, ist's stark genug ...« – »Nun kann sie ihre schönen Arme bis an die Schultern in die Geldsäcke stecken.« »Geld war ihr die Hauptsache; man weiß ja, wie diese Frauenzimmer sind.« »Und er, dieser alte Troddel, statt ein gut bürgerliches Mädchen zu nehmen und glücklich zu machen, wirft seinen Reichtum dieser Abenteurerin nach ...«

»Und Du hättest sie nicht – anders haben können?« fragte der cynische Neffe den Onkel Raßler.

Statt dem Frager mit einer Ohrfeige zu antworten, obwohl's ihm in der Hand zuckte, erwiderte Raßler fast beschämt: »Nein, um keinen Preis der Welt.«

»Unglaublich.«

[100] Wäre dieser Neffe nicht selbst in jeder Faser ein moralischer Lump gewesen, hätte er sein »Unglaublich« nicht über die Zunge zu bringen vermocht. Er erinnerte sich sehr gut, daß er und einige seiner glänzend ausgestatteten Kameraden von der männlichen Demimonde vergebens das Rasendste an verführerischen Angeboten geleistet hatten, um sich die stolze Leopoldine Klebnikow willig zu machen oder wenigstens ihre Zusage zu einer heimlichen Partie zu erreichen, die unter der Leitung eines virtuosen Impresario zu der ersehnten Orgie auswachsen konnte. Der biedere Neffe hatte mit seinen Spießgesellen von der Jeunesse dorée – vergoldete Jugend zu Deutsch, was wiederum mit übertünchten Gräbern oder mit Brokat drapierten Spucknäpfen zu übersetzen wäre – eine Wette eingegangen, bis zum nächsten Vollmond die Widerspenstige so gezähmt zu haben, daß sie ihm aus der Hand frißt. Das waren seine eigenen Worte. Nachdem er seinen Schädel, der schon anfing, vielversprechende Spuren von Kahlköpfigkeit in seinem sechsundzwanzigsten Lebensjahre zu zeigen, mit allerlei Plänen zu diesem Handstreich gemartert hatte, flüsterte ihm ein Kamerad den Gedanken ein, sich als Photographenlehrling [101] ins Albrechtsche Atelier aufnehmen zu lassen, was ja um so unauffälliger geschehen könne, als die Ausübung der Photographie mehr und mehr als Sport auch von vornehmen Weltbummlern betrieben werde. Diese stundenlange unmittelbare Nähe, besonders in der Nacht, wo mit elektrischem Lichte gearbeitet wurde, müßte doch die günstigsten Gelegenheiten schaffen!

Es half nichts. Bis zum nächsten Vollmond hatte der improvisierte Photographie-Dilettant zwar ein sehr stilvolles Samtkostüm, welches alle seine männlichen Reize eines leicht angefetteten, rosigen Blondins von mittlerer Gestalt farbig und plastisch hinreißend zur Geltung bringen sollte, abgenützt, allein sein Kriegsplan hatte sich vollkommen wirkungslos erwiesen. Zum Teil aus Ärger über den Mißerfolg und die verlorene Wette, zum Teil aus Geldverlegenheit, da der Onkel plötzlich das Portemonnaie verlegt hatte, ließ sich der rosig-blonde Neffe von einer reiselustigen Dame als »Mädchen für alles« nach Paris anwerben, wo er sich mit besseren Erfolgen in allerlei Photographie-Sport ausleben konnte. Als er nach zweijährigem Pariser Aufenthalt wieder in den Kreis der vornehmen männlichen Demimonde Isarathens zurückkehrte, war er zwar [102] ein vollendeter Kahlkopf, aber auch ein vollendeter Photograph geworden. Nachdem ihm das Hans seines kommerzienrätlichen Onkels auf Betrieb Leopoldinens bald nicht weniger fest verschlossen wurde als es die kommerzienrätliche Geldbörse bereits war, sah der angenehme Neffe aufs neue Holland in Not – und rasch entschlossen nahm er die Hand und das Vermögen eines dummen und verliebten Bürstenbinderstöchterchens – Schwiegerpapa war k. Hoflieferant – und gründete sich, um endlich doch auch geschäftlich etwas Rechtes vorzustellen, ein eigenes photographisches Atelier, das von seinen ehemaligen Freunden viel besucht und mit der hübschen Bezeichnung »Amor und Psyche oder zum photographischen Damensport« bald in Schwung gebracht wurde.

Der Lebemann a.D., wie er sich im Kreise seiner ehemaligen Spießgesellen und Klubfreunde mit fader Selbstgefälligkeit nannte, spielte sich jetzt auf den Künstler-Erwerbsmann hinaus, um seinem knickerigen Onkel zu imponieren.

An allen Hauptstraßenecken Münchens prangten seine photographischen Musterbilder in reichgeschnitztem Rokokorahmen. Als Spezialität pflegte er das Kostümbild, weil er mit richtigem [103] Instinkt die Kunststadtkomödie der vornehmeren und reicheren Lebenskreise als ergiebiges Feld erkannte, wo die Pfiffigkeit erntet, was die Eitelkeit säet.

Die Frauen und Töchter der Großbräuer und Großhändler und Bankiers wollten um die Wette mit den Frauen und Töchtern der berühmten Maler, mit den Aristokratinnen und Theaterprinzessinnen im Glanze künstlerischer Darstellung ihre Leibesschöne zur Schau tragen. Um sich den Anschein regsten Kunstinteresses und lebendigen Schönheitsgefühls zu geben, genügte es ja bei der zunehmenden Versumpfung echten Kunstgeistes und der Neigung zu leerem Maskenprunk, die großen malerischen Vorbilder der Renaissance zu modischen Toilettestücken karnevalhafter Schaustellungen zusammenzuflicken. Diese herabwürdigende Veräußerlichung der Kunst zum wesenlosen Scheine gelang den Damen der Geldsack-Aristokratie im Bunde mit den Belustigungs-Malermeistern ganz vortrefflich. Zwar protestierte die Natur durch den Schnitt der Alltagsgesichter und den Umfang der oft schwer zu bändigenden Fülle und Plumpheit des Leibes gegen diese renaissanceliche Kunstaffenkomödie, allein der Zug der Mode war stärker, als die [104] Einsprache der Natur. Und dieser Zug der Mode war es, dessen sich Raßlers Neffe als Kunstmodephotograph so gut zu bedienen wußte, daß sein Geschäft bald ein blühendes wurde, jeder Konkurrenz zum Trotz.

Bei aller Befriedigung wurmte ihn nur eins: daß Frau Kommerzienrat Raßler sich immer noch wehrte, seiner Schönheitsgallerie sich einverleiben zu lassen. Mit einer ihm unerklärlichen Beharrlichkeit nahm sie von seinem photographischen Aufschwung nicht nur keine Notiz, auch als er ein neues Atelier in der Quaistraße neben dem kommerzienrätlichen Hause eingerichtet hatte, sondern ignorierte ihn auch vollständig, als er mit unzweideutiger Aufdringlichkeit sich in ihren Mittwochs-Gesellschaftsabenden einstellte.

»Ein rätselhaftes Weib,« murmelte er, »aber der Teufel soll mich holen, wenn ich sie nicht dennoch auf meine Platte zwinge.«

Der Höllenzwang versagte seine Wirkung. Auch den Onkel bekam er nicht vor sein Objektiv, so sehr er ihn umschmeichelte.

»Aber bester Onkel, bei Albrecht hast Du Dich neunundneunzigmal in allen erdenklichen Posen abkonterfeien lassen und Du bist inzwischen wirklich nicht häßlicher geworden ...«

[105] »Ja damals!« grunzte der Kommerzienrat und rieb sich die Glatze.

»Bockbeinige Bande! Der Teufel soll ...«

Vorläufig begnügte sich der durchlauchtigste Höllenfürst, seinen Schwanz in die Raßlerschen Mittwochsabende zu stecken und die schöne Gesellschaft zu sprengen. Ton und Formen des Umgangs waren nach und nach bedenklich ungezwungen geworden. Es riß eine Gemütlichkeit ein, die nichts Arges darin finden wollte, wenn ein Herr Künstler hinter dem Fenstervorhang sich handgreiflich von der Modellfähigkeit einer Dame für sein neuestes Venusbild überzeugen wollte, oder wenn sich eine üppige »höhere Tochter« in höheren Semestern in den kleineren Salon zurückzog und sich auf das Ruhebett warf, während ein Herr Piano- oder Geigen-Zauberer vor ihr auf dem Teppich kauerte und geeignete Teile ihres flott hingegossenen Leibes als Tastbrett für virtuose Fingerübungen benützte.

Frau Raßler erlaubte sich zwar, ihren Gatten mit unmutsvollen Bemerkungen auf diese Exzesse künstlerischer Phantasie aufmerksam zu machen, fand aber wenig geneigtes Gehör.

Das mache der Liebe kein Kind, meinte er [106] lachend, und ein vornehmes Haus in der Kunststadt München sei kein Kloster; es sei ihm erzählt worden, daß es in den berühmten Soireen der Baronin Paurexins, wo auch hauptsächlich Künstler verkehren, und an den Donnerstag-Abenden des Akademieprofessors Franz v. Kraxelheim noch viel bunter zugehe. Das sei nun einmal der herrschende Ton. Es wäre doch lächerlich, sich über Scherze zu skandalisieren, welche bei den feinsten und gebildetsten Herrschaften ganz anstandslos passieren. Gegen ernste Unzukömmlichkeiten würde er der Erste sein sich aufzulehnen. Man dürfe sich nicht in den Ruf der Spießbürgerlichkeit bringen, zumal bei den Gelehrten und Künstlern immer noch die Neigung bestehe, die kaufmännischen und industriellen Inhaber der modernen Million unrühmlich zu behandeln, fast wie Menschen zweiter Klasse ...

»Sei unbesorgt, mein Leo, auch ein Geldmann wie ich versteht sich so gut aus aristokratischen Schliff und Schick wie die Herren Barone und Grafen von Habenichts und wie die großthuerischen Künstler, die ihren Bettelsack erst an unserer Kasse füllen und uns dafür ihre Ölschwarten aufhängen. Also mach's wie ich [107] und drücke anderthalb Augen zu. Ich weiß, Du amüsierst Dich doch, verstell' Dich nicht, mein Leo! Wie gesagt, so lange keine Unzukömmlichkeiten ...«

Der Herr Kommerzienrat wurde erst stutzig, als in der nächsten Woche, am Gedächtnistage seiner Hochzeitsfeier, wo ein Souper und ein Tänzchen die Lustbarkeit des Abends erhöhen sollte und der Kreis der Geladenen erweitert wurde, zahlreiche Absagen einliefen. Der freundnachbarliche Konsul Schmerold schrieb, daß er bedauere ablehnen zu müssen, geschäftliche Verpflichtungen u.s.w. ließen ihn nicht frei über seine Abende verfügen. Das war glaubwürdig. Ebenso, daß sich der Fabrikbesitzer und Handelsrichter Hans Deixlhofer damit entschuldigte, daß er der Entbindung seiner Frau entgegensehe. Die blonde Frau Deixlhofer kam ja überhaupt nicht mehr aus den interessanten Umständen heraus. Kaum eins angekommen, war schon ein anderes unterwegs. Wie die Orgelpfeifen. Und alles frisch und gesund ... Hauptsache ... Der Professor Hirneis und die Dichterin Thusnelda Wechsler dankten, weil sie zur Zeit die Zahl ihrer geselligen Verpflichtungen nicht vermehren dürften. Das waren faule Ausflüchte, offenbar. [108] Der Bankier Guggemoos, den die jüngste Gemeindewahl zur Würde eines Stadtvaters erhoben hatte, dankte, auch im Namen seiner Frau und Schwägerin, ohne sich die Mühe zu geben, seine Ablehnung zu begründen. Das war unhöflich. Der Kunsthändler Feldmann, der Goldwarenfabrikant Zwicker, der Magistratsrat Rohleder, der Oberst a.D. Gotteswinter und die Baronin Kleebach-Kilpo schickten einfach ihre Karten mit dem Ausdrucke des Bedauerns. Das war beleidigend. Was sollte das alles bedeuten?

Rasch wurden die Vorbereitungen eingeschränkt und der Tanz vom Programm gestrichen. Man wollte Unwohlsein eines Kindes vorschützen. Außer dem leichten Volk der gewöhnlichen Jourfix-Gäste waren nur fünfzehn besonders geladene Personen erschienen. Einer der Getreuen des Hauses hatte einen ungeladenen Gast angemeldet und mitgebracht: den Hauptmann a.D. Baron Max v. Drillinger.

»Die ungeladenen Gäste sind die willkommensten,« sagte der Kommerzienrat geschäftsmäßig begrüßend und führte den Baron seiner Frau zu. »Sie sind uns kein Fremder, wir [109] haben schon von Ihnen gehört ... Hier meine liebe Gattin Frau Leopoldine.«

Sie verneigte sich kühl und düster.

Vierzig Personen saßen zu Tische. Den Hauptgenuß des Abends bot der Mehrzahl der Gäste das Essen und Trinken. Alles war in Hülle und Fülle vorhanden. Der Hausherr, um sich aus einer gewissen Befangenheit zu befreien, sprach selbst den sorgfältig ausgewählten und zubereiteten Speisen und Weinen tüchtig zu und versäumte nicht, auf die Güte des Gebotenen mit Eifer aufmerksam zu machen. Auch der Kunstwert der Aufsätze und Gefäße wurde von ihm mit Nachdruck hervorgehoben. Niemand ließ sich durch diese ästhetische Beflissenheit des Kunstmäzens den Appetit verderben. Baron Drillinger kam der auffallend stillen und nach Innen gekehrten Hausfrau gegenüber zu sitzen; an seiner Seite saß der Schauspieler Geiling und die pikante Forstmeisterswittwe Bertha Hohenauer, geborne v. Starkloff (sie versäumte nie, bei Vorstellungen diesen genealogischen Vermerk passend anzubringen).

Drillinger sah an diesem Abend sehr interessant aus; seine dunklen Augen leuchteten in schwärmerischem Glanz aus dem auffallend [110] blassen Gesicht. Es war etwas Weiches, Elegisches in seinen Zügen, etwas Wälsches fast, mit der fröhlichen Derbheit der urbajuwarischen Bierköpfe verglichen, deren es heute einige ältere Musterexemplare an der Raßlerschen Tafel gab. Eigentlich fand er auch gar keinen Gefallen an dieser Schmaus-Gesellschaft. Er war da hereingekommen wie der Heide Pontius Pilatus ins christliche Glaubensbekenntnis. Am Nachmittag hatte er ein zärtliches Stelldichein absolviert mit dem jungen, tollen Weibchen des pensionierten Generals Roller, genannt Rollmops, der freundlich gesinnten Hälfte seines ehemaligen Busenfeindes. Brigitta hatte Wind davon bekommen – und wie gewöhnlich die Schalen ihres gerechten Zornes über das Haupt des argen Sünders ausgegossen. Wie gewöhnlich machte der böse Max die Miene der gekränkten Unschuld zu dieser altjungferlichen Strafpredigt und suchte dann durch allerlei scherzhafte Abschwenkungen den Sinn der Alten auf gemütlichere Wege zu lenken. Zum Beispiel mit dem parodistischen Bibelspruch: »Hasse deinen Nächsten und liebe sein Weib wie dich selbst.« Oder: »Sei unterthan, deinen Vorgesetzten, und sage nicht nein, wenn die Generalin ja sagt.« Oder: »Du sollst dem [111] Ochsen, der kommandiert, nicht das Maul verbinden, aber seine Hörner zu vermehren, ist erlaubt.« Und dergleichen Sündhaftigkeiten mehr. Diesmal jedoch mit einem nicht gewöhnlichen Mißerfolg. Und so war er froh, als Erwin Hammer zufällig Sukkurs brachte. Nur der Vorschlag behagte ihm nicht, sich als blinder Passagier mit zu Raßlers kutschieren zu lassen. Diese Leute interessierten ihn ja gar nicht!

Und jetzt saß er doch da! Er sprach wenig und bemühte sich mit der gefälligen Grazie eines erprobten Weltmannes und Beobachters zuzuhören. Seine Ohren waren zwar heute nicht von besonderer Schärfe, doch entging ihm kein Wort, als Bertha Hohenauer dem Schauspieler zuflüsterte: »Wenn Du das Glück siehst, halt's fest; dies ist die Summe aller Weisheit zum Glücklichsein.«

Dieser Spruch bildete den ganzen Abend das Leitmotiv seiner gemischten Empfindungen. Als nach aufgehobener Tafel ein wenig musiziert wurde und nach einigen künstlerischen Momentsphantasieen auch eine Dilettantin ein bischen à la Liszt rhapsodiert hatte – die Mehrzahl der Herren that sich mittlerweile im Rauch- und Spielzimmer gütlich – setzte sich auch Baron [112] v. Drillinger leise an das Klavier und wagnerisierte in gedämpften Akkorden Götterdämmerungsmotive. Da traf ihn zum erstenmal einer jener rätselhaft hellen Blicke Leopoldinens wie ein Blitz aus einer schwarzen Wetterwolke. Dann plätscherte der Regen der Unterhaltung in hastigem Getröpfel ringsum hernieder und Frau Raßler war wieder verschwunden. »Wenn Du das Glück siehst – – ah bah!« machte Drillinger, harpeggierte einen verminderten Septimenakkord über die Klaviatur hin, daß die Töne harfenartig verklangen, matt und matter, wie ersterbende Herzschläge. Er erhob sich langsam vom Stuhle. Niemand achtete darauf. Man war pianinomüde. Die Maultrommel, ah ja, besonders auf der Damenseite; wie wurde da Wahrheit und Dichtung aus dem Leben der lieben Mitmenschen von gestern und heute flink in Noten gesetzt und durch alle Tonarten gepeitscht! Im Ganzen schien die gesellige Stimmung flau. Drillinger lehnte noch am Pianino und ließ seinen Blick über die schwatzenden Gruppen in dem gelben Salon gleiten. Er kam sich immer noch eigentümlich fremd, fast verschüchtert in dieser Umgebung vor. Was mußte ihn aber auch Erwin Hammer da herein schleppen, um ihn [113] hier stehen zu lassen wie einen Marterstock! Ja, wie einen Marterstock! Drillinger mußte lächeln über sich selbst: wie war ihm nur dieser komische Vergleich in den Sinn gekommen? Ein Marterstock oder kurzweg ein »Marterl«, die frommnaive Bildsäule, welche das Landvolk im einsamen Feld oder Hochgebirg an der Stelle errichtet, wo ein armer Mensch verunglückte durch Absturz, Blitzschlag ... Spaßig, was die Phantasie für Sprünge macht. Er hier ein Marterl ... Blitzschlag ... Es ist zu dumm. Alle Wetter, jetzt eben ging die seltsame Frau wieder an ihm vorüber, diesmal gesenkten Blickes, wie eine trauernde Walküre, wie eine Brunnhilde, der ein unsichtbarer Schicksalsmund die Gottheit von der Stirn geküßt ...

Und hinter ihr drein watschelte der Kommerzienrat. Nein, der hatte nichts Wotanhaftes. »Leo, so hör' doch, Leo!« Frau Leopoldine hörte nicht; sie war in einer Gruppe von Damen verschwunden. Der Kommerzienrat war pustend mitten im Salon stehen geblieben, hilflos, ratlos, mit einem dumm-verlegenen Ausdruck im feisten Vollmondsgesicht. »Leo, Le ...« Da erblickte er den Baron einsam am Klavier.

[114] »Sie haben famos gespielt, Herr Baron; scheinen in allen Sätteln gerecht, hehehe?«

»Die Kunst ist oft ein gar zahmer Klepper, Herr Kommerzienrat, da gehört nicht viel Mut dazu, das heißt, zuweilen nichts als ein gewisser Mut.«

»Schade, daß unser berühmter Tastenschläger heute nicht gekommen ist, der geniale Friedberg, ein ganz junger Mensch, aber von einer unglaublichen Verwegenheit auf seinem Instrument. Der haut Ihnen das Zeug herunter ... Sie kennen ihn nicht?«

Drillinger verneinte lächelnd.

»Er hat meinen Flügel neulich so verarbeitet, daß ich ihn zur Reparatur fortgeben mußte; das Pianino ist nur als Lückenbüßer da. Jüngst hat er meiner Frau vorgespielt was die Isar rauscht. Alles durcheinander, Trauermärsche und Hopswalzer. Besonders in der Tanzmusik ist er unwiderstehlich. Ja, wenn der da wäre und loslegte, da sollten Sie einmal die Damen sehen, keine ist mehr zu halten. Das Frauenzimmervolk, Sie kennen es ja, ganz unberechenbar, hehehe! Ein Rattenfänger auf der Bildfläche – und weg ist's. Na, das macht der Liebe kein Kind ... Apropos, Bildfläche: Sie müssen uns [115] einmal am Tag die Ehre schenken und meine Bildergallerie betrachten.«

»Mit Vergnügen, Herr Kommerzienrat.«

»Wollen Sie nicht ins Rauchzimmer kommen? Wir schwatzen uns hier die Kehle heiser. Ich habe da drin ein exquisites Kraut, auch einen feinen Tropfen dazu. Die Herren qualmen und politisieren, was Zeug hält. Die soziale Frage wurde schon wieder zum ixtenmal gelöst. Kommen Sie doch.«

Drillinger war zwar heute weniger denn je aufgelegt, sich von Hinz und Kunz politische Kannegießereien vorreden zu lassen. Immerhin, dachte er; mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Und da ihn das Ewigweibliche ausnahmsweise einmal gar nicht lockte ...

Der Kommerzienrat schielte noch einmal suchend nach Leopoldine in den Salon zurück. »Kommen Sie, Herr Baron!« Er führte ihn durch einen kleineren Salon, wo zerstreute Gruppen jüngerer Leute drauflos schwadronierten, in das Rauchzimmer. War das dort nicht der Schauspieler Geiling, der sich mit der verliebten Wittwe durch die Portière drückte? Drillinger erhaschte nur noch flüchtige Umrisse des verschwindenden Pärchens. Unbekannt mit [116] der Einteilung der weitläufigen Wohnung und den Gewohnheiten ihrer Benützung, vermochte er nicht zu erraten, wohin sich die Witwe mit ihrem Galan gewandt, um in trauter Ungestörtheit die »Summe aller Weisheit zum Glücklichsein« zu ziehen. Ein anderer Gast, der sich gut auskannte, der Maler Schnürle, eine gallige Natur und ein unermüdlicher Spürhund, hatte mit dämonischer Freude die Davonschleichenden aus seinem Observatorium in der Fensternische beobachtet. Dem Komödianten war er schon lange aufsässig und der geborenen Starkloff war er aus allerlei Ursach auch nicht grün. Hollah, diesmal gilt's, dachte er, und diesmal werden die sauberen Schliche aufgedeckt ... Er schlängelte sich leise hinaus ...

Schon drohte im Bereiche der Damen der Geist der Unterhaltung zu verflüchtigen; die boshaften Gespräche erlahmten, die ungeduldigen Füßchen trommelten zum Aufbruch, es war heute offenbar nichts mehr los. Da hieß es plötzlich: »Friedberg wird noch kommen! Friedberg ist da!«

Hui dada, hui dada, dideldumdei –

»Liebste Frau Kommerzienrat,« röhrte die höhere Tochter in den höheren Semestern, [117] »Friedbergchen muß uns was Lustiges aufspielen, damit wir doch noch ein wenig tanzen können. Sie müssen erlauben ... Wir können nicht mehr an uns halten ... Unsere Beine sind schon den ganzen Abend in Aufregung ... Sehen Sie dort den Herrn Leutnant, der ist schon ganz weg ... Bitte, bitte ... Tanzen ist ja Gottesdienst; der König David hat vor der Bundeslade hergetanzt ...«

Hui dada, hui dada, dideldumdei –

Einige ältere Herren flüchteten vor dem Tanzrummel aus dem gelben Salon in das Rauchzimmer und da sie auch dies schon überfüllt fanden, in den Billardsalon. Hier hatte der sogenannte Wunderdoktor Wendelin Wamperl, seines Zeichens Rechtsanwalt, dessen Schnurrbartenden wie Pfropfzieher ausgedreht waren, eben den Queue auf das Billard geworfen und einer Gruppe Herren, welche, das Weinglas in der Hand, schlechte Witze über einen neuesten Ehebruchskandal rissen, voll sittlicher Empörung zugerufen: »Und ich bin dafür, daß jeder Mann und jedes Weib, auf Ehebruch ertappt, mit Kastrierung bestraft wird!«

»Gewiß, Untreue ist Infamie, sofern man nicht selbst den Genuß davon gehabt hat,« sagte [118] einer aus der Gruppe mit Beziehung, ein sonderbar gestalteter Heiliger, dessen Nasenflügel aufgebläht schienen, als wären sie mit einer kitzelnden Prise Schmalzlertabak gefüllt, während der hochgezogene Nasenrücken und die gefältelte Nasenwurzel den Eindruck eines permanenten Niesreizes machten. Wer dieses gespannte Gesicht ansah, war versucht, immer gleich Helfgott zu sagen. »Da muß ich doch bemerken, daß die tonangebende Presse den Fall viel milder beurteilt hat, als der gestrenge Herr Doktor.«

»Die Presse,« höhnte Wamperl, »diese babylonische Hure; das muß ich als ehemaliger Herausgeber einer Zeitung doch besser wissen, wie so etwas gemacht wird. Milde Beurteilung! Da hat die Bestechung eben nicht bis zum Schweigegeld gereicht.«

»Doktor Wamperl hat Recht: gegen die zunehmende Zerrüttung des Ehelebens müßte mit den stärksten Strafen vorgegangen werden. Die Ehe ist die Basis von allem –« bemerkte ein Dritter.

»Natürlich,« zischelte der gereizte Nasenflügler – »so sehr die Basis von allem, daß kein anständiger Mensch mehr sich damit einlassen [119] mag und das Junggesellentum von Jahr zu Jahr zahlreicher wird. Fragen Sie doch unsern bewährten Statistiker Parklas!«

»Junggesellentum?« fuhr Doktor Wamperl auf, »sagen Sie doch richtiger die männliche Halbwelt. All' diese biederen Junggesellen sind zu haben, wenn eine holde Sirene lockt. Lauter Kuckuckseierfabrikanten, wenn's aufs Apropos ankommt. Biedermänner, die, wenn sie zum Verführen zu faul, nichts sehnlicher wünschen, als verführt zu werden. Und diese Mustermenschen schimpfen auf den Ehestand und auf die Weiber und die Dirnen – und sie selber schlupfen drin herum wie die Maden im Käslaib.«

»Bravo, Herr Doktor!« rief der Kommerzienrat beifällig und schob dem Baron v. Drillinger zuvorkommend einen Rohrsessel hin, während er gleichzeitig einem vorbeieilenden Diener bedeutete, einen frischen Trunk zu bringen.

Der mehr und mehr gereizte Nasenflügler: »Sie gebrauchten den Ausdruck männliche Halbwelt, Herr Wamperl; das wäre ein Thema für Ihre Feder. Schreiben Sie doch einen tief empfundenen Artikel darüber.«

Bei diesen Worten erschien Erwin Hammer geräuschlos unter der Thür.

[120] »Wofür? Für die Tagespresse?«

»Es stehen Ihnen doch die angesehensten Blätter offen.«

»Angesehene Blätter gibt's nur im physischen, nicht im moralischen Sinn. Ich danke. Ich verachte die Presse für das, was sie nicht schreibt und noch mehr für das, was sie schreibt. Ich verachte sie grundsätzlich.«

»Oho!« von verschiedenen Seiten.

Und Doktor Wamperl mit explosivem Cynismus: »Ja, ich verachte sie. Eher pflanze ich coram publico einen Kaktus auf dieses Billard, als daß ich wieder die Feder für einen Zeitungsartikel anrühre ...«

»Probe machen!« riefen einige Übermütige.

»Bitte, meine Herren,« fiel der Kommerzienrat ein, »das Kaktuspflanzen ist unstreitig ein gesundes Vergnügen, aber mein Schleifersches Billard gebe ich nicht dazu her. Haben Sie eine Ahnung, was dieses Möbel gekostet hat? Das wär' ein teurer Blumentopf, mein Lieber.«

Erwin Hammer war leise zu Wamperl getreten und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich komme soeben aus dem Museum; großartige Lobeshymne über Ihre jüngste Verteidigung gelesen.«

[121] »In welcher Zeitung?« fragte dieser ebenso leise wie gespannt.

»Das weiß ich nicht mehr. Ich glaube, im Nürnberger Anzeiger oder in der Frankfurter oder in der Allgemeinen. Man hat sich um das Blatt gerissen.«

»Da muß ich doch nachsehen.«

Und Doktor Wendelin Wamperl drückte sich eilig.

Erwin Hammer sah ihm spöttisch nach.

»Was ist los? Ist er beleidigt, daß er sich französisch empfiehlt?« fragte der Kommerzienrat besorgt.

»Gott bewahre,« erwiderte Hammer. »Ich gehe jede Wette ein, daß unser großer Zeitungsfeind in dieser Nacht noch alle Kaffeehäuser einrennt und alle Zeitungsständer demoliert, um einen Lobesartikel auf seine vorgestrige Verteidigungsrede aufzustöbern.«

»Und der Artikel findet sich nirgends?«

»Natürlich nicht. Ich hab' ihm den Bären aufgebunden, um seiner Eitelkeit einen Possen zu spielen. Der Gute ist so wütend auf die Presse, weil er nicht genug gelobt wird.«

»Das ist gelungen. Bravo, Herr Doktor [122] Hammer!« rief der Kommerzienrat und rieb sich vergnügt die Hände.

Hammer setzte sich zu Max v. Drillinger und entschuldigte sein Durchbrennen.

Inzwischen stellte der Diener eine Batterie schöner schlanker Rheinweinflaschen auf den Kredenztisch. Die Herren schänkten sich selbst ein nach Belieben. Der Kommerzienrat war in einen Polsterstuhl gesunken und hörte schläfrig den Auseinandersetzungen des Prokuristen der königlichen Notenbankfiliale zu.

»Jawohl, diese Entscheidung des Reichsgerichts ist eminent wichtig.«

»Welche Entscheidung?« fragte Raßler und rieb sich die Augen, vom Zigarrenrauch gebeizt. »Das Reichsgericht entscheidet so viel, daß man sich extra einen Gelehrten dafür anstellen muß, wenn man im Geschäft alles beachten will.«

»Zu dienen, Herr Kommerzienrat,« antwortete der junge Prokurist Gottlieb Nordhäuser, ein gewandter Streber, der sich mit Vorliebe den älteren, einflußreichen Kaufherren, besonders wenn sie hübsche Frauen oder heiratsfähige Töchter hatten, angenehm zu machen suchte. »Die Entscheidung lautet so,« dozierte er mit glatter, einschmeichelnder Stimme: »Hat ein [123] Bankier seinem Kommittenten den Kauf von bestimmten Börseneffekten empfohlen mit der Angabe, daß sie steigen werden, obwohl ihm bekannt ist, daß ein verhältnismäßig geringer Umsatz in diesen Effekten stattfindet und dieser geringe Umsatz hauptsächlich von ihm selbst veranlaßt ist, um äußerlich den Kurs derselben eine zeitlang auf einer bestimmten Höhe zu erhalten und somit den Leuten Sand in die Augen zu streuen, so ist er für den seinem Kommittenten durch diese schwindelhafte Manipulation erwachsenen Schaden haftbar.«

Gedämpft tönten die schmachtenden Walzermelodieen »Künstlerleben« von Strauß aus dem gelben Salon herüber und begleiteten die reichsgerichtliche Prosa, daß sie im Munde des gefälligen Prokuristen fast wie Poesie, wie eine rezitierte Romanze klang.

»Ich bewundere Ihr stupendes Gedächtnis, Herr Nordhäuser,« nickte der Kommerzienrat. »Eine sehr gute Entscheidung. Hätte ich dieselbe damals gehabt, wäre ich dem Bankier Weiler anders zu Leibe gegangen. Nun, gedrosselt habe ich den Spitzbuben, daß sein Kragen noch lange blaue Flecken zeigte, aber der Spaß kam mich doch teuer.«

[124] »Dem Kravattenfabrikanten hätte man schon längst den Hals zuziehen sollen. Immerhin hat Ihre Lektion gefruchtet, Herr Kommerzienrat. Weiler ist seitdem viel vorsichtiger geworden. An einen Finanzmann wie Sie wird er sich so leicht nicht mehr heranwagen,« flötete der Prokurist mit seiner einschmeichelnden Stimme.

Raßler fühlte sich sehr angenehm berührt, sich aus solchem Munde als Finanzmann preisen zu hören. Er drückte die Augen zu. Mit diesem freundlichen Eindruck hätte er jetzt schlafengehen mögen. Wenn nur auch Leopoldine diese sachverständige Anerkennung seiner Finanzkapazität gehört hätte! Wo sie nur stecken mag, daß sie sich gar nicht nach ihm umsieht? Er schielte nach der Thür. Diese verdammten Gastgeberpflichten ...

In der Trinkergruppe in der andern Ecke wurde die Unterhaltung immer lebhafter, seit Erwin Hammer seine schneidigen Bemerkungen den Leuten an die Köpfe warf.

»Alles ist Halbwelt,« rief er, anknüpfend an das Wort, das Doktor Wamperl zurückgelassen. »Die Kunst, die Wissenschaft, die Politik, die Finanz – ich bin so frei, auch im Hause des Gehenkten vom Stricke zu reden – überall die [125] nämlichen Halbwelt-Allüren und die nämliche Halbwelt-Moral. Diese industrielle Brutaliät, in allem nur Ware zu sehen, alles nach dem Ausbeutungsgewinn zu taxieren, ist das nicht schmutziger Halbweltsgeist? Ideale –! Wird ihr Preis nicht auch durch Angebot und Nachfrage geregelt? Haben wir nicht eure Menge ererbter Ideale, die, weil keine Nachfrage mehr besteht, jetzt als traurige Ladenhüter verschimmeln? Seht Euch doch einmal in unserer guten Kunststadt München das Zeug an, was als modernes Ideal in die Schaufenster gestellt wird, um zu prunken und zu bestechen und den Blick der Kauflustigen auf sich zu ziehen!«

»Nennt doch das Kind beim Namen und sagt einfach: der Kapitalismus! Der hat jetzt alles im Sack. Was ihm nicht dient, existiert nicht mehr. So ist es einmal. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Man fügt sich oder man fügt sich nicht.«

»Natürlich fügt man sich,« mischte sich der rotnasige Orang Utang Xaver Schwarz, Vorstandsmitglied des Hausbesitzervereins, ins Gespräch.

»Reichtum ist Ehre, Sie müssen das ja am [126] besten wissen, Herr Schwarz, zischte der Nasenflügler.«

»Ach, spotten Sie nicht über den Reichtum und lassen Sie mich mit der sogenannten Ehre aus, Herr Major!« gab Xaver Schwarz zurück. »Die Ehre! Kann ich mit der Ehre Häuser bauen? Kann ich mit der Ehre Steuern zahlen und den Staat erhalten? Kann ich mit der Ehre Geschäfte machen? Man kann von der Ehre so wenig leben als von der Luft.«

»Nun ja, da habt Ihr ja die ganze Herrlichkeit. Herr Schwarz sprach ein großes Wort gelassen aus. Alles übrige ist Lüge, im besten Fall Notlüge,« rief Hammer mit einer großen Geste.

»Der Wamperl hatte wahrhaftig so unrecht nicht.«

»Wahrhaftig nicht. Nur sollte er sich immer gleich bei der eigenen Nase nehmen und sich selber als lebendiges Beispiel zum Besten geben,« höhnte der gereizte Nasenflügler und griff nach einer vollen Flasche.

»Seine Verachtung der Presse ist einfach lächerlich.«

»Das stimmt,« bestätigte Hammer. »Nächst dem Komödianten Geiling ist in ganz München [127] kein Mensch hungriger nach Zeitungslob, als gerade er, der große Kato der Rechts- und Linksumwissenschaft, der große Ehrenretter aller Finanzspitzbuben und anderer Seeräuber.«

»Nicht so laut, der Geiling ist noch im Hause,« beschwichtigte der Prokurist, der, nachdem der Herr Kommerzienrat sanft eingeschlummert war, sich dieser aufgeregten Tafelrunde vorsichtig genähert hatte.

»Aber ich bitte Sie,« dröhnte Hammer mit rücksichtsloser Überzeugungskraft, »dieser Mensch würde nur wieder eine erwünschte Reklame für sich darin sehen, wenn wir uns hier über seine Reklame-Hubereien lustig machen.«

»Wie er sich das Trompeterkorps der Preßhusaren abgerichtet hat, das erzählt er ja gelegentlich jedem selbst, der's hören will,« versicherte der Nasenflügler Major a.D. Fabian v. Pemsl-Schwanegg mit wiegendem Kopfe.

Max von Drillinger hatte getrunken, geraucht, zugehört, – aber alles wie im Traume. Nichts gewährte ihm einen tiefen Eindruck mit folgerichtigem Zusammenschluß aller Umstände, die ganze Gesellschaft und ihr Gebahren erschien ihm so matt und blaß und ganz und gar überflüssig.

[128] »Ja, ganz und gar überflüssig,« wiederholte er halblaut und ging hinaus. »Ich will doch das Weibervolk noch einmal aufs Korn nehmen, in diesem entsetzlich abgetriebenen Revier ... Die Hausfrau schien in der That nicht übel ... Leider fühle ich mich heute so wenig aufgelegt, mich der Bestrickung dieses Weibes mit frischen Sinnen hinzugeben.«

Es bot sich ihm im Hausflur ein seltsames Bild. Frau Raßler hatte eine ältere Freundin bis zur Thür geleitet. Mehrere Herren, darunter einige bekannte Maler, umschwärmten und umwedelten sie mit Phrasen gewöhnlichster Galanterie. Stolz aufgerichtet stand sie da, mit stoischer Stirn und dem unentwegt über die Köpfe der Schmeichler hinweg wie in weite Ferne gerichteten Blick die Galanterie zu überhören. Als sie Max von Drillingers ansichtig ward, trat sie, nicht achtend der anderen, auf ihn zu: »Wollen Sie denn auch schon gehen, Herr Baron?«

Ausweichend lautete seine etwas verlegene Antwort: »Es ist so heiß hier, gnädige Frau.« Und flüsternd setzte er hinzu: »Ich leide.«

»Ich leide auch. Wer leidet nicht?«

Hatte er recht gehört?

[129] Er schwieg, denn er scheute sich, gleich den andern mit einer konventionellen Redensart zu erwidern. Das Weib traf ihn jetzt so mächtig mit dem Eindrucke ihrer hohen Originalität, daß sein Auge aufleuchtete und bewundernd auf ihr ruhte. Sie fühlte die Huldigung, die ihr in dieser stummen Sprache unbewußt und unbeabsichtigt dargebracht wurde, daß sie ihm die Kühnheit verzieh, mit der er ihre Hand ergriff und sie zum Kusse an seine Lippen führte.

Mit dieser Berührung glaubte Drillinger nicht nur die Sicherheit seines Geistes wiedergefunden zu haben, auch seine seitherige Erschlaffung schien einem kräftigeren Pulsschlag gewichen zu sein. Wie neubelebend durchdrang ihn jetzt die Nähe dieses Weibes; es war ihm, als hätte er sie in mystischer Kommunion in sein eigenes Wesen aufgenommen. Und doch trat er wieder zeremoniell einen Schritt zurück, indem er ihre Hand losließ. Ein eigentümliches Mißtrauen umwölkte seine Stirn und setzte sich lauernd in seine Augen und überschauerte kalt seine zärtliche Begierde. Wie ein Ton in eisiger Nacht zerspringt, so zerbrach das süße Sehnsuchtslocken des Herzens an dem frostigen Gedanken: »Sie ist eines anderen Weib und, wie alle, selbst im [130] Leid unheilbar schamlos, sobald man's zu teilen sich anschickt. Was schnarren und schnattern die da hinten?« Und es war ihm, als hörte er die schmutzigen Neid- und Unzuchtsreden der brünstigen Schwärmer, und als sähe er deren giftige Blicke auf sich gerichtet als auf den Erwählten des Augenblicks, den Überlisteten und vom Weibe Beherrschten ...

Klang's nicht so: »Da haben die zwei Rechten einander erraten«?

Und wieder: »Nun kann er zappeln ... Er zittert schon im Paarungskrampf ... Es ist ein Skandal, daß er sich auch da hereindrängt ... Seht die straffen Formen ihres Oberleibes, wie sie beben und sich wölben und wie der Unterleib sich einzieht und zurückweicht ... Und wie dieser Bock sie jetzt anstiert ... Ah, sie thut spröde, die Komödiantin ... Ein Bild zum malen! Das ist was für Dich, Kropfhay ... Wo ist denn der Schnürle? Das wäre sein Genre ...«

Drillinger sprach zu ihr, aber er wußte selbst nicht recht, was er sagte und wie er's sagte, denn der anderen Lasterreden, die wirklichen und die eingebildeten, drangen ihm gleich vergifteten Pfeilen ins Gehirn. »Ich will doch lieber gehen, ich bin wirklich leidend,« schloß er.

[131] Nun reizte sie's, seinen Eigenwillen zu brechen. Und wie sie so mit ihrem Widerspruch in ihn drang, da flößte sie ihm beinahe Furcht ein.

»Lassen Sie sich führen,« sprach sie, daß es wie Bitte und Gebot zugleich klang.

Er folgte ihr und trat am Ende des Ganges mit ihr hinaus auf den Balkon.

»Das ist die Feuerwerksinsel, die hochragenden Bäume da drüben, zwischen den tosenden, Wasserfällen?« fragte er.

»Wie die Böcklinsche Toteninsel. Dieses Nachtbild ...«

»Und was rauscht Ihnen die Isar dazu?«

»Ein Grablied ...«

Mit triumphierenden Mienen, den Finger am Mund, kam Schnürle aus einer Seitenthüre geschlichen und winkte den gaffenden und lachenden Gesellen. »Pst, pst, hier reift etwas!«

Kropfhay deutete nach dem Balkon. Die anderen reckten die Hälse.

»Bewahre!« flüsterte Schnürle und seine bösen Augen funkelten und kniffen sich ein, daß es wie Blitze aus der schmalen Ritze leuchtete: »Da unten – im Gartensalon. Da reift etwas Wunderschönes. Pst ... Geduld! In fünf Minuten [132] wird uns der herrlichste Skandal als saftige Frucht in den Schoß fallen.«

Und er gestikulierte in die fragenden Gesichter hinein und erschöpfte die Andeutungen mit den wüsten Zeichen seiner Geberdensprache ... Dann schlich er mit den Eingeweihten hinaus, wie ein Verschwörerchor in der Operette in den Kulissen verschwindet.

Major Fabian von Pemsl-Schwanegg fuhr mit dem weißen, kronenbestickten Taschentuch, das er um den Zeigefinger gewickelt, in die gerümpfte Helfgott-Nase und brachte endlich einen schallenden Nieser zum Ausbruch. Dann jagte er ein Glas Wein durch die Gurgel und nahm seine Erzählung wieder auf.

Erwin Hammer gähnte und steckte damit die ganze Tafelrunde an. A – i – jah! Hai – ja!

»Der Wein ist ein Erhitzer, aber kein Durststiller, eine kühle Maß Hofbräuhausbier wäre eine rechte Wohlthat. Aber der edle Gastgeber schläft den Schlaf des Gerechten. Da müssen halt wir dem gastlichen Hausregiment ein wenig nachhelfen. Diener! He!« Und Hammer gab dem kommerzienrätlichen Ganymed den entsprechenden Auftrag.

»Sehr willkommen!«

[133] Im Schwung war er hinaus. Ein Zwanzigliterfäßchen auf Eis harrte längst des Anstichs.

Xaver Schwarz brummelte. Die Hammersche Eigenmächtigkeit ging ihm wider den Strich, obwohl er selbst nach einem erfrischenden Trunke lechzte.

»Ach was, Sie alter Frömmler, thun Sie nur nicht so!« lachte ihn Hammer aus. »Man sieht's Ihnen ja an, daß Sie's nicht erwarten können, Ihr ausgepichtes Vaterunser-Loch mit edlem Hofgebräu durchzuspülen. Der Abendsegen wird Ihnen dann herausrutschen wie geschmiert. Also keine Redensarten. Die können Sie sich für den österlichen Beichtstuhl aufsparen.«

»Aber ich meine Geschichte nicht!« schrie der Major-Nasenflügler dazwischen, der immer wütend wurde, wenn er nicht loslegen konnte, »die Dichterin Thusnelda Wechsler nämlich ...«

»Ist im Weiblichen was der Geiling im Männlichen ist, oder umgekehrt, na?« fuhr ihm Hammer ins Gerede.

»Ach, du gerechter Strohsack,« lispelte der Prokurist und schlürfte eine Thräne.

»Kennen wir schon: Thusnelda war eines Tags oder einer Nacht empört, daß ein gewisser [134] Journalist ihr immer am Zeug flickte, am Dichtzeug nämlich, in seinem Schmierblättchen. Da sprach Thusnelda: Dem Kerl muß ich endlich das Maul stopfen – und sie lud ihn zum Essen ein. Aber siehe da, die Abfütterung half nicht. In ihrem Grimm ersann sie eine grausame List. Sie legte sich ins Bett und ließ den kritischen Federfuchser zu sich rufen: Das haben Sie aus mir gemacht! Ich bin halbtot – vollenden Sie Ihr Werk, wenn Sie's vermögen ...«

»Und so weiter. Das ist 'ne alte Geschichte, aber ein probates Mittel. Das Bier, das Bier! Bravo! Prosit!« rief eine speckige Stimme von der andern Seite herüber.

»Prosit!«

Fabian von Pemsl-Schwanegg würgte an seinem Ärger und that einen verzweiflungsvollen Schluck.

»Reden wir von was anderem, wenn überhaupt noch geredet sein muß. Sie kennen das berühmte Wort: Das Bier, das nicht getrunken wird, hat seinen Beruf verfehlt. Helfen wir, daß es seinen Beruf erfülle ... Wie viel Liter? ... Zwanzig? ...«

Herr von Polly, der sogenannte Bierbaron – eine dunkle Sage rannte, daß er, obzwar [135] legitimer Ministerssohn aus einem Großherzogtum à la Gerolstein, doch, durch eine Verkettung romantischer Umstände mütterlicherseits, einem Großbrau-Pascha sein edelgeborenes Dasein, sein plebejisches Bierdimpfl-Ge sicht und den Besitz ansehnlicher Bräuerei-Aktien verdanke – wackelte auf seinem krummen Gebein auch heran, sich einen frischen Maßkrug zu sichern. Er hatte sich den ganzen Abend zwischen dem Büffet und dem Damenflor im gelben Salon herumbewegt, gewohnt, stets das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Wie er seine krummen Beine auf allen Gesellschaftsböden, so hatte er seine langen Hände auf allen gastlichen Büffets, seine Glotzaugen auf allen Nuditäten der weiblichen Galatoiletten, seine langen, roten Ohren in allen Plauderwinkeln. Das Wort bekam er gewöhnlich erst zum Kehraus der Konversation, wenn es nur noch halbschlafende Zuhörer gab, denn sein Geschlapper war allen zuwider. Er vermochte überdies kaum einen Satz sprachrichtig zu bilden.

»Süffig, Herr Baron, nichtwahr? Ausgezeichneter Stoff!« nickte ihm der Major-Nasenflügler Fabian von Pemsl-Schwanegg ermunternd zu, um den Doktor Hammer zu ärgern. »Wie [136] gehen denn jetzt die Geschäfte in der Großbrau-Industrie? Sie sind doch auf dem Laufenden wie kein Zweiter!«

»Ihr könnt Euch die Kinnbacken ausrenken mit Eurem mundfaulen Geschwätz,« dachte Hammer und lachte in sich hinein, eine frische Havanna im Munde, zwischen den aufgestützten Ellbogen den nachgefüllten schäumenden Maßkrug! »Ich gebe jetzt meinen eigenen Gedanken und Träumereien stille Audienz.«

Bunter Lärm klang aus den Nebengemächern immer lauter herein.

Nachdem der Bierbaron von Polly sich den schaumtriefenden Schnurrbart abgeleckt, lümmelte er sich auf einen Rauchstuhl und zog die Schleußen seiner Kehraus-Beredtsamkeit aus: »Die bayerische Bierproduktion hat, wie man zu sagen pflegt, wieder eine beträchtliche Steigerung erfahren, was in der Hauptsache zur Folge hat, daß die Rente eine bedeutend bessere geworden ist ...«

Der Prokurist Nordhäuser nahm seinen Krug und schlich zu zwei Herren auf die andere Seite hinüber. »Wer ist denn jener melancholische Herr gewesen, der sich vorhin entfernt hat, wissen Sie, der mit den interessanten Augen?« – »Ach, Sie meinen den Baron Drillinger, den bald [137] sentimentalen, bald enthusiastischen Schwachmatikus? ...«

Der Herr Kommerzienrat wälzte sich schnarchend in seinem Armstuhl. In seiner dunklen Ecke nahm niemand mehr Notiz von ihm. Man war diese Art von abwesender Anwesenheit bei ihm gewohnt.

Der Bierredner mauschelte blumenreich weiter: »Was der bayerischen Bierfabrikation den Nimbus der Reellität, wie man zu sagen pflegt, erhalten hat, so wie auch den Stempel der Reinheit aufgedrückt hat, das ist bekanntlich das gänzliche Verbot, welchem gemäß keine Surrogate, sondern nur Gerste, Hopfen, Wasser und Hefe zum bayerischen Biere zu verwenden sind. Nichtsdestoweniger haben sich die Absatzverhältnisse im allgemeinen schwieriger gestaltet, so zwar, wenn auch, wie anzunehmen ist, daß sich der Export nach Paris nur einer momentanen Stockung, wie man zu sagen pflegt, zu unterziehen hat ...«

»O heiliger Gallimathias, nun möchte ich dir doch eine über die Schnauze ziehen,« fluchte Hammer, halb belustigt, halb geärgert über seinen Maßkrug hinweg.

»Jedoch die Bierpaläste der Münchener in Berlin, he?« feuerte der befriedigte Major-Nasenflügler [138] den Redner an. »Dieser Bier-Aufschwung im verschnapsten Norddeutschland! Die frommen Preußen thun jetzt, als kriegten sie mit dem Bier zugleich die wahre Religion ins Land ...«

»Jawohl, das ist nicht bloß die Eitelkeit unserer Großbräuer, sondern auch, weil sie die Erfahrung gemacht haben, daß ihre riesig gesteigerte Produktion nicht mehr so leicht unterzubringen ist wie früher. Wer wie ich, meine Herren, einen tiefen Einblick in den Betrieb der Großbrauereien gethan zu haben in der Lage gewesen, der wird mir beistimmen, wie man zu sagen pflegt, daß nur eine starke Erhöhung der Branntweinsteuer hierzu beitragen kann ...«

Der Maler Schnürle erschien unter der Thür, den Kopf wie suchend nach allen Seiten wendend. Dann tänzelte er auf den Fußspitzen auf den schlafenden Kommerzienrat los, rüttelte ihn und bellte ihm einige Worte ins Ohr.

»Wer wäre, wer wäre ... so dreist ... solche Unzukömmlichkeit ...« lallte der schlaftrunkene Raßler. »Mit welcher Frau? Mit meiner Frau?«

»Gleichgültig, mit welcher Frau, Herr Kommerzienrat; ein Haus, in welchem solche Dinge [139] passieren können, ist blamiert vom Keller bis zur Windfahne.«

»Branntweinsteuer, ja, ja, es gibt kein besseres Mittel gegen die Schnapspest unserer nordischen Brüder. Bier wirkt sittlich; das ist das Ol rechtschaffener Denkungsart, die unsern nordischen Brüdern auch nicht schaden kann.«

»Dann ölen Sie zunächst nur sich selbst gründlich ein, Herr Pemsl von Schwanegg und Herr von Polly,« rief Hammer aufstehend, mit einem verächtlichen Blick auf die schwefelnde Kumpanei.

»Sie werden beleidigend, mein Herr!« krähte der Herr von Polly und wollte sich gegen Hammer aufschnellen, fiel aber wieder mit einem schweren Plumps auf seinen Stuhl zurück. Er fuhr mit der Hand an seine weiße Kravatte, deren Schleife unter dem linken Ohre stand, und zerrte, als müsse er sich Luft machen, um einem Erstickungsanfall zu entgehen. Seine schmutzigen Fingerspitzen – die langen Nägel mit den tiefen Trauerrändern waren eine Sehenswürdigkeit – ließen graue Kleckse an Hemd und Kravatte zurück.

Der Major-Nasenflügler wurde grün im Gesicht vor Ärger und Wut. »Das uns? Sie [140] wollen einen Skandal provozieren, Herr Preuße? Sie meinen wohl, uns Bayern kann man alles bieten?«

Der Zank hatte den schlaftrunkenen Raßler vollends ernüchtert und auf die Beine gebracht. In seinem Gehirn schossen die Einflüsterungen Schnürles und die Schreie der anderen durcheinander. Von allen Seiten stürzten die Herren auf ihn zu. »Schaffen Sie doch Ordnung, Herr Kommerzienrat, das ist ja skandalös!«

»Was ist denn los?« gluckste er mit vorquellenden Augen und verstörtem Ausdruck. »Ich versteh' ja gar nicht ... Wo ist denn ...«

»Drunten im Gartensalon, kommen Sie nur, überzeugen Sie sich!« rief Schnürle dringend und faßte ihn am Arm, ihn fortzuführen.

Baron von Polly vertrat ihnen den Weg. Sein Gesicht flammte. »Dieser Mann da« – er deutete auf Hammer, der sich in aller Gemütsruhe eine frische Zigarre ansteckte, als wäre nichts passiert – »dieser Mann da hat den schönen Abend gestört. Er hat alle Bayern beleidigt.«

Herr Xaver Schwarz, der mittlerweile in einer andern Gruppe sein patriotisches Licht hatte leuchten lassen und eben einem bekannten Kirchturmspolitiker [141] seine Bereitwilligkeit erklärte, sich bei der nächsten Wahl in den Agitations-Ausschuß ultramontaner Wähler aufnehmen zu lassen, kam, angelockt durch den Lärm, mit aufgeblasenen Backen angestiegen. »Was? Die Preußen gegen die Bayern? Da sind wir auch noch da! Wir sind zwar alle Brüder, aber hier ehrt man unsern König nur in unsern Landesfarben!«

»Es handelt sich gar nicht um Landesfarben!« schrie ihn Polly an.

Die Verwirrung erreichte ihren Höhepunkt, als aus dem gelben Salon, wo inzwischen der Maler Kropfhay die schreckliche Geschichte mit den Worten verbreitet hatte: »Im Gartensalon ist ein Gespenst, das Shakespearesche Tier mit dem doppelten Rücken erschienen!« mehrere Damen ganz erhitzt anstürmten: »Herr Kommerzienrat, was sagen Sie dazu? Ist's wahr? Solche Dinge in Ihrem Hause? Das ist ja unheimlich!«

Andere drängten lachend nach: »Nein, es ist, unglaublich! Dieser Geiling ...«

»Alle Teufel, wo ist meine Frau? Ich versteh' ja von der ganzen Geschichte nichts!«

Thüren wurden aufgerissen und wieder zugeschlagen. Das ganze Hans schien in Aufruhr, [142] als ob das wilde Heer durch die Räume jage. Eine heiße Luft brodelte vom gelben Salon herüber mit dem Dunst von erhitztem Menschenfleisch und vermischte sich mit der raucherfüllten Atmosphäre des Billardzimmers, wo die Gasflammen unter den grünen Lampenschirmen trübe flackerten.

»Das Tier mit dem doppelten Rücken, verstehen Sie nicht, Herr Kommerzienrat? In Ihrem Gartensalon, auf dem Divan unter den Palmen?« kreischte ihm die höhere Tochter in den höheren Semestern unter die Nase.

In der Angst seines Herzens rief er aus dem Trubel heraus: »Leopoldine! Leopoldine!«

Verschiedene boshafte Bemerkungen schwirrten an seinen Ohren vorüber. Mehrere Gäste entfernten sich kopfschüttelnd ohne Dank und Gruß.

»Leopoldine! Leopoldine! Jean, schnell, suchen Sie meine Frau!« rief der unglückselige Raßler, der völlig den Kopf verloren hatte.

Die Frau Kommerzienrat hatte vorhin noch eine Weile auf dem Balkon in weltentrückter Zwiesprache mit dem Baron Max von Drillinger gestanden.

»Geht es Ihnen auch so, Herr Baron? Nach solchen Erfahrungen wird man immer unpersönlicher. Wie vermöchte man sonst im Dunstkreis [143] der Gewöhnlichkeit weiter zu leben? Was bleibt nach solchen Umwälzungen im Leben übrig, uns aufrecht zu erhalten, als der Glaube an das Ideale, an die Pflicht

»Es kommt darauf an, gnädige Frau, wie man das Leben auffaßt.«

»Und noch mehr, wie man es anfaßt.«

Anfaßt! Mit welcher verhaltenen Energie dieses Wort sich von ihren Lippen löste!

»Ob es gut oder schlecht schmeckt,« fuhr sie fort, »wir müssen mit ihm fertig werden. Das Glücklichsein scheint wirklich nicht die Hauptsache zu sein, worauf es ankommt – – oder?«

Er hätte der hohen, ernsten Frau um den Hals fallen und ihr Berthas Wort zurufen mögen: »Wenn du das Glück siehst, halt's fest, dies ist die ganze Summe aller Weisheit zum Glücklichsein.«

Er wagte nicht einmal mehr, ihre Hand zu berühren. Sein Leutnants-Skeptizismus in Betreff der Frauentugend sah sich in komischer Verlegenheit diesem verlästerten Ausnahme-Weib gegenüber. Eine Heuchlerin oder eine Heldin? Seine Empfindung entschied sich für die Heldin.

Dem Baron wurde es nicht allzu leicht, in der Nähe einer schönen, gesunden Dame seine [144] Empfindung aus diesen abstrakten Ton praktischer Heiligkeit zu stimmen, zumal in einer Umgebung wie sie in diesem Augenblick der einsame Balkon des Raßlerschen Hauses bot: hinter sich die verführerischen Klänge Straußscher Walzer, nach deren wollüstigen Rhythmen verschlungene Menschenpaare sich im Takte wiegten, Männlein und Weiblein Brust an Brust; vor sich die rauschende Isar, etwas rechts die Feuerwerksinsel, wo der kleine, dicke, originelle Heinrich Burg haust, der täglich um die nämliche Stunde mit seinem tief ins Gesicht gedrückten Schlapphut wie ein wandelnder Champignon über den Steg der Überfälle schreitet, um in geheimnisvollen, zwischen Büschen versteckten Laboratorien in Gestalt von alten, verwitterten Bretterhäuschen seiner pyrotechnischen Zauberkunst obzuliegen; links auf der jenseitigen Uferhöhe das phantastische Gebäude des Maximilianeums, hinter dessen luftigen Flügeln soeben der Mond aufging und die Bogenhallen mit seinem silbernen Glänze erfüllte; über sich den tiefdunkelblauen Nachthimmel mit dem Kranze seiner goldenen Sterne ... Und eine Luft fächelte von diesem Himmel mit seinem lächelnden Sternenschein hernieder, so frühlingslind und rein und seltsam erregend.

[145] Die Frau Kommerzienrat lud ihren Gast ein, mit ihr noch einen Gang in den eilte Stiege tiefer gelegenen Gartensalon zu machen. Dort pflege sie oft dem Getöse der Gesellschaftsabende auf einige Augenblicke zu entrinnen. Es sei ein traulicher Zufluchtswinkel, einbuen retiro, dem die lärmfreudigen Gäste freilich wenig Geschmack abgewännen. Einsamkeit und Schweigen, wer suche das heute noch? Der König in seinen sieben Bergeinsamkeiten, wie wenig werde er von den Lärmmachern der Gegenwart begriffen! Ein Heim in der Felsenwelt wie ein Adler – es ist zu außerordentlich, als daß es nicht den Spatzen in den Gassen und auf den Dächern wie Wahnsinn erscheinen sollte ... »Oh, Sie haben ein wunderschönes Heim, Frau Kommerzienrat,« bemerkte der Baron, den Balkon verlassend.

»Haus wollen Sie sagen. Zu einem Heim gehört mehr, als Bequemlichkeit und Glanz, welche der Reichtum verleiht. Die Kraft des Reichtums ist geringer, als man denkt. Das reichste Haus vermag oft kein Heim zu schaffen.«

Max von Drillinger runzelte die Stirn, als ihn diese neue philosophische Randglosse in der plötzlichen Helle des Korridors traf, und dachte, wie es doch auf die Dauer recht langweilig sei, [146] mit einem so herrlichen Weib nicht aus der Tretmühle abstrakter Gedanken und kritischer Klügeleien herauskommen zu können. Einige kichernde Gruppen, an denen sie vorbei mußten, veranlaßten ihn, gerade vor den Augen dieser leichtfertigen Salonpflanzen die Saite geistreicher Koketterie aufzuziehen und nicht den landesüblichen trivialen Kurmacher zu spielen. Die sollten einmal sehen, diese Flachköpfe, auf welchem ästhetischen Fuß ein Max von Drillinger mit dieser offenbar verkannten Frau verkehre.

»O, Sie haben gewiß Recht, gnädige Frau,« sagte er mit absichtlich erhobener Stimme und fuhr, seine Schritte hemmend und ein wenig verweilend, deklamatorisch fort: »Nicht weniger Recht hat aber auch unser Schiller mit seinen berühmten Versen:


Es ist ein altes Wort, doch bring' ich's wieder:

Die Ehre wohnt beim Reichtum. Reichtum übt

Die größte Herrschaft über Menschenseelen.

Der Arme, sei

Er noch so groß geboren, gilt für nichts.«


»Leider, ja!« erwiderte sie einfach, ohne sich umzublicken. »Hören Sie nur diese Unruhe da drinn'. Gehen wir schneller. Ich erfülle heute meine Pflichten als Dame des Hauses schlecht. [147] Aber die Menschen sind mir so zuwider, die kein ernstes Wort vertragen ...«

Schnürte kam eilig die Treppe herauf und drückte sich mit scheuem Grinsen an ihnen vorbei.

»Ein widerwärtiger Schleicher, dieser Sittenbilder-Kleckser mit dem Basiliskenblick,« bemerkte Drillinger.

»Haben Sie die nähere Bekanntschaft der Frau Bertha Hohenauer gemacht?«

»Herr Geiling hatte sie ganz in Beschlag genommen.«

»Das erklärt Schnürles schlechten Humor. Schnürle war einst sehr um sie bemüht. Fatale Liebeshändel ...«

Drillinger lächelte. »Überhaupt die Liebe – nichtwahr, gnädige Frau?«

Eine kühlere Luft schlug ihnen entgegen. Links zweigte die Kellertreppe, ab, rechts war die Thür zum Vorzimmer des Gartensalons. Das Vorzimmer war, wie das Treppenhaus, an Gesellschaftsabenden gewöhnlich hell erleuchtet, während der Gartensalon nur von einigen venezianischen Lampions, die malerisch in den grünen Sträucher- und Palmengruppen hingen, ein mattes Rosalicht empfing. Dicke Läufer bedeckten den Boden.

[148] Frau Raßler schauerte, als sie die angelegte Thür des Vorzimmers öffnete und den Baron so nahe hinter sich fühlte, daß sein Atem ihren Nacken bestrich.

»Überhaupt die Liebe –!« wiederholte Max v. Drillinger leiser. »Ah!«

Plötzlich war Frau Raßler stehen geblieben.

Das Vorzimmer war dunkel. Wie kam das? Wer hatte das Licht ausgelöscht? Der schwarze Raum erschien ihr wie ein Abgrund. War es nicht unpassend und unheimlich, mit dem fremden Manne solche Wege zu wandeln, die zu den schwersten Mißdeutungen verleiten konnten? Aber war ihr Max v. Drillinger noch ein Fremder, nachdem sie ihm ein solches Übermaß von Vertraulichkeit entgegengebracht? Vor wem hatte sie sich überhaupt zu rechtfertigen? Unsinn ... In diesem Augenblick drückte sie aber doch die dunkle Einsamkeit wie stiller Vorwurf.

»Bitte, Herr Baron, lassen Sie mich erst nachsehen, ob der Gartensalon beleuchtet ist. Ich begreife nicht ... Sonst brennt hier immer Licht ... Ich wollte Sie wirklich nicht in Nacht und Nebel hieher führen ...«

»Ich sehe hell, wo ich Sie sehe ... Ihre Lichtgestalt ...«

[149] Er brach ab. Frau Raßler hatte das dunkle Vorzimmer durchschritten und die mit einer Portière verhängte Thür zum Gartensalon leis und hastig geöffnet und war mit einem dumpfen »Oh!« auf der Schwelle stehen geblieben.

Nein, das ging zu weit: das Gewächshaus in einen Venusberg zu verwandeln! An diesem Orte solche Umarmungen! Geiling glaubte sich wohl im Theater ...?!

»Bertha!«

Bevor sie im stande war, die Thür wieder zu schließen, drängten schon lachend und spottend mehrere Gäste den Kommerzienrat die Treppe herunter.

»Frau Kommerzienrat, man kommt!« rief Drillinger erschreckt, er wußte selbst nicht warum. Er schritt auf sie zu und faßte ihre Hand.

»Das ist ja eine Verschwörung!« quackte der Kommerzienrat mit seinen pappigen Lippen und rieb sich die Augen. »Ah, Leopoldine und der Baron,« stieß er heiser heraus, als er mitten im dunklen Zimmer seine Frau Hand in Hand mit Drillinger erblickte, von dem Streifen Rosalicht beleuchtet, das aus der offen gebliebenen Salonthür hereinzitterte.

»Ein Irrtum, meine Herrschaften! Nur vorwärts [150] in den Gartensalon, dort ist das Schauspiel!« pfiff Schnürle mit seiner dünnen, erregten Stimme und stürmte voraus.

Der Kommerzienrat stand jedoch wie angewurzelt und schüttelte den Kopf.

»Ich begreife nicht ...«

»Ich auch nicht, Herr Kommerzienrat,« sagte verdutzt der Baron, indem er die Hand der Frau Raßler losließ. »Es ist ...«

»So? Sie begreifen auch nicht?«

»Ausgeflogen, da, durch den Garten; Donnerwetter, jammerschade, wir sind zu spät gekommen,« kreischte und gestikulierte Schnürle außer sich.

Jean zündete die Lichter des Vorzimmers an und stellte eine Lampe in den rosadämmerigen Gartensalon. Die grelle Helle verscheuchte die Gespenster, welche der hämische Schnürte in der Phantasie der Gäste heraufbeschworen hatte – an Verdächtigem blieb nur das Eine: Frau Raßlers dunkler Verkehr mit Drillinger. Dieses Verdächtige war aber für die Klatschsucht das einzig Positive, was die Zuschauer aus diesem Zufalls-Possenspiel mit nach Hause nahmen.

So endeten die Gesellschaftsabende des Raßlerschen Ehepaars mit einer Faree, deren Unkosten zunächst die Unschuldigen zu tragen [151] hatten. Nur einer ließ sich von der Schuldlosigkeit der Schuldigen wie der Unschuldigen nach einigem Sträuben überführen: der Herr Kommerzienrat. Wenn später durch irgend eine unvorsichtige Gesprächswendung die Rede auf dieses Fiasko der geselligen Abende stieß, pflegte er zu sagen: »Nun ja, das macht der Liebe kein Kind, es war ein dummer Zufall; die Leute, mögen sagen, was sie wollen.«

Der »dumme Zufall« ließ sich's freilich nicht nehmen, in seiner Art weiter zu schalten und für Frau Raßler und Max v. Drillinger an ihre erste Begegnung an jenem Abend das knotenreiche Fädchen intimer Beziehungen anzuspinnen, ein Fädchen, das sich allmählich so verdichtete, daß Frau Raßler den jungen Kandidaten Schlichting in ihrer Herzensnot mit dem Bekenntnisse verblüffen mußte: »Ich kann nicht mehr ohne ihn leben.«

»Warum liebst Du mich eigentlich?« Mit dieser Frage schloß einst Drillinger eine heiße Liebesstunde in Pasing. So ganz leichthin, beim Anzünden der Zigarette.

Leopoldine schüttelte traurig den Kopf. »Ich weiß nicht – vielleicht, weil ich muß, um für [152] meine Untreue als Frau durch meine Treue als Deine Geliebte gestraft zu werden.«

»Warum hast Du Dich zu jener Narrenehe entschlossen?«

»Warum? ...«

Sie zögerte mit der Antwort. Ein Bein über das andere gelegt, mit dem Zuknöpfen ihres Halbstiefels beschäftigt, ließ sie die Hand müde sinken.

»Sonst hast Du mir geholfen, Max!«

Er ließ sich aus ein Knie nieder, stellte ihren Fuß auf seinen Schenkel und zog die letzten Knöpfe zu. »Also warum?« fragte er wieder, ohne die Zigarette aus dem Munde zu nehmen.

»Raßler litt unter seiner Liebe, verstehst Du das? Er hatte unerzogene Kinder zu Haus, die nach einer Mutter schrieen ... Ich hielt ihn für sehr unglücklich ... Er war der einzige Mensch, den ich nicht leiden sehen konnte.«

»Also bloß darum?«

»Weil ich mir selbst nicht mehr traute und keinem Menschen auf der Welt – aus Verzweiflung.«

»Aus Verzweiflung? Vielleicht auch darüber, daß Herr Albrecht selbst ... wie man sagt ...«

[153] »Pfui! Du solltest der Letzte sein, so etwas zu wiederholen.«

Pause. Gespenster gingen um. Husch! Leopoldine fühlte ein leises Schauern.

»Ach, Max ...!« seufzte sie auf.

»Und warum bleibst Du in dieser Ehe, nachdem Du mich liebst?« forschte er kaltblütig weiter, wie ein Vivisektor, der die Herzkammern eines geknebelten und betäubten Versuchstieres bloßlegt, nicht achtend der Qualen, die sein trauriges Experiment schafft.

»Weil ich Dir noch nicht traue ...«

»Ein merkwürdig sophistischer Grund!«

»Und weil ich an den mutterlosen Kindern aus Raßlers erster Ehe sühnen will durch Pflichterfüllung, was ich an Raßler selbst aus Pflichtverletzung sündige. Jetzt weißt Du's.«

»Was würdest Du unter solchen Umständen thun, wenn Du – ein Kind von mir hättest?«

»Mich töten – und Dich dazu.«

»Du bist wahnsinnig.«

»Ich bin nur gerecht und nehme die Konsequenzen, meiner Handlungen auf mich.«

Von den vielen heftigen Szenen wilder Eifersuchtskämpfe war Drillinger besonders eine im Gedächtnis geblieben. Sie fing wie gewöhnlich [154] mit scheinbar harmlosen Fragen, nach unaufgeklärten Punkten in Leopoldinens Vergangenheit an.

»Warum bist Du nicht beim Theater geblieben, erzähle, Leopoldine!«

»Ich hatte nicht genug Talent dazu, meine große Figur war für eine Reihe kleinerer Rollen auch nicht günstig. In die Ecke mochte ich mich nicht drücken lassen ...«

»Geh, das allein kann der Grund nicht gewesen sein.«

»Ich war zu arm und hatte nicht genug Mittel, um anständig vorwärts zu kommen. Ohne Bestechungen geht's einmal nicht.«

»Du hattest Verehrer – waren keine zahlungsfähigen Leute darunter?«

Leopoldine schwieg. Hatte sie überhört? Endlich sagte sie abschweifend: »Das Talent bedeutet so wenig beim Theater. Gunst, Gönnerschaft sind viel wichtiger für das Vorwärtskommen. Zunächst liebt man immer erst das Weib, dann erst das Talent, wenn es ein – gefälliges ist. Das Talent allein entscheidet gar nichts. Von den Gemeinheiten dieser Zustände, besonders bei kleinen Theatern, hat man gar keinen Begriff.«

»Das ist schließlich überall so. Der Unterschied[155] liegt nur in den Nüancen. Erzähle weiter, wir kommen schon auf den Punkt, wo ich Dich haben will.«

»Du tyrannisierst mich, Max. Macht Dir das Vergnügen?«

»Ja. Erzähle weiter!«

»Ich gehorche Dir. Wir werden in vielen Stücken einander nie verstehen.«

»Das liegt an Dir. Erzähle!«

»In meinem Rollenfach hatte ich eine Rivalin, da mals, weißt Du, in Landshut, eine ganz ungebildete, talentlose Hausmeisterstochter. Interessiert Dich das wirklich?«

»Gewiß. In Deiner Vergangenheit interessiert mich alles.«

»Ich forsche doch auch nicht mit diesem peinlichen Argwohn in der Deinigen!«

»Bitte!«

»Also eine urdumme Person, aber sie hatte einen hübschen Puppenkopf, einen zwar ungraziösen, jedoch gewisse Männer lockenden Leib – und war sehr gefällig, beispiellos gefällig; natürlich hatte sie einen reichen Verehrer, einen abgelebten Kaufmann, der ihr die schönsten Toiletten schenkte, und der wollte dann auch seine kostbaren Geschenke auf der Bühne ausgestellt [156] sehen ... Und die Talentlosigkeit bekam die schönsten Rollen, und spielte sie herunter, wie sie ihr von dem Regisseur eingepaukt wurden, und in der Zeitung bekam sie die schönsten Kritiken und der Direktor that, was er ihr an den Augen absehen konnte und trug sie auf den Händen und ließ sie in allen Fächern herumspielen ... Schließlich beherrschte sie den Direktor, der gar nicht mehr aus dem Unterrock hervorkam, und die Regisseure und die Rezensenten und die ganze Schmiere – und der reiche Verehrer zahlte alles und jedes ... Von grenzenlosem Ekel über diese Kunstwirtschaft erfüllt, brach ich das Engagement und lief davon.«

»Mit wem? Natürlich gleichfalls mit einem sogenannten Verehrer ...«

Damit war das Zeichen zu einer fürchterlichen Auseinandersetzung gegeben – – –

All' ihr Elend wägend, sprach Leopoldine für sich selbst: »Das Gräßlichste ist die Vergangenheit. Alles rächt sich. Das Gedächtnis ist die Rache. Ihm braucht wahrlich nicht erst die brutale Eifersucht des Geliebten zu Hilfe zu kommen: es verrichtet sein Henkeramt von selbst. [157] Alles späte Glück ist vergällt, gedenkt man früher Schuld – –«

»Ach, laß doch dieses Herumspintisieren.«

»Wer rührt alles in mir auf? Ich fürchte, auch Dein Gewissen foltert Dich noch für all' die Schrecknisse, womit Du meine große Liebe lohnst. Hast Du etwa eine Sühne in Deiner Reinheit? Bin ich die Alleinschuldige? ...«

Es war dem Baron mit der laxen Leutnantsmoral in allem, was das Liebesleben und seine Folgen betrifft, durchaus versagt, den Grund und Ernst eines solchen Gefühls zu erfassen. Er fühlte sich plötzlich angekältet und so unbehaglich in Leopoldinens Nähe, daß er wochenlang die Begegnung mit ihr zu vermeiden suchte. Dann erfaßte ihn wieder ein jähes Fieber, und er glühte und dürstete nach ihren Küssen und Umarmungen.

»Das Weib pflegte, deine Lust zu sein und du konntest nie der Liebe genug haben,« spottete er in solchen Zeiten des Gefühlsumschlags seiner selbst, »und nun bist du an eins geraten, das dir aus unfaßlich großer Liebe eitel Unlust schafft – und von dem du doch nicht lassen kannst.«

Der Herr Kommerzienrat machte die Beobachtung,[158] daß Frau Leopoldine merklich leichter zu haben sei, seit der Baron im Hause verkehrte. Das that ihm wohl. »Der Baron ist ein Hexenmeister,« sagte er. Und er dankte ihm still für seine Hexerei. »Die Leute sagen ihm Übles in bezug aus die Frauen nach: das macht der Liebe kein Kind – wem sagen sie's nicht nach? Und zumal hier in München, in diesem Krähwinkel-Klatschnest! Wir kennen's ja. Und wir pfeifen drauf. Der Baron gefällt meiner Frau, er gefällt aber auch mir – und das ist die Hauptsache.«

Einmal wußte er beide allein im Zimmer, als er heim kam. Hatten sie ihn kommen sehen? Nicht die Spur. Ahnten sie, daß er vor der Thür stand? Nicht im Traum. Also konnte er am Schlüsselloch lauschen; jedes Wort mußte echt sein. Gusti schlich unbemerkt vorüber, mit einem spitzbübischen Lächeln in den Augen. Und er lauschte. Zuerst vernahm er wenig mehr, als konfuses Stimmengeräusch, ein Zwitscherduett im fernen Busch; aber jetzt hoben sich die Stimmen immer deutlicher und nachdrücklicher, kein Wort ging verloren.

»Sie moralisieren!« schmunzelte er. »Er widerlegt sie, er zahlt ihr odentlich heim. Sie [159] kehrt natürlich die Radikale heraus. Wart', Leo! Ganz ihre Art: ›Den Künstler zwingen, eine Moral anzunehmen, bloß weil sie – moralisch ist? Weil sie zum angenommenen Umgangston gehört? Der rechte Künstler läßt sich nur Künstlerisches aufzwingen ...‹ Und jetzt der Baron. Da bin ich neugierig: – – ›Das heißt, sie bringen es selbst hervor, und wie sie sich ihre eigene Kunst schaffen, so wollen sie sich auch ihre eigene Moral machen! Wo kämen wir da hin, gnädige Frau? Moral ist etwas für sich selbst Bestehendes, alle Menschen ohne Unterschied, das Genie wie den Dummkopf gleichmäßig Verpflichtendes!‹ Bravo, Herr Baron! Der deckt dich gehörig zu, mein Leo! ... Natürlich bleibt sie nicht bei der Stange; sie springt ab, wie alle rechthaberischen Weiber ... Sie ist erhitzt ... ›Man hört jetzt allerwärts das Ziel der Moral ungefähr so bestimmen: Erhaltung der tugendhaften Menschheit, Förderung der Wahrheit, Stärkung der sozialen Ordnung. Erhaltung, Förderung, Stärkung, lauter Sand in die Augen. Die Herrschenden und Besitzenden wollen die Moral von den Andern, sofern sie ihnen Vorteil und Vergnügen verschafft – und sie machen sich blutwenig aus der Moral, sofern [160] sie ihnen keinen Vorteil und kein Vergnügen verschafft ...‹ Aber Leo! Hihihi ... Ah, nun fängt er sie mit Nachgiebigkeit. Der Pfiffikus! ... ›Gnädige Frau, es hat edle und weise Männer gegeben, welche an die Musik der Sphären geglaubt. Wir glauben nicht mehr daran. Sind jene Gläubigen darum weniger edel und weise? Wir glauben nicht an Sphärenmusik, aber wir glauben an die soziale Notwendigkeit der Moral, an die Schönheit ihrer sittlichen Wirkungen. Soll man deshalb dereinst von unserer Intelligenz und unserem Charakter geringer denken?‹ Ich klatsche Beifall mit beiden Händen.«

Und die Thür aufreißend: »Herr Baron, lassen Sie sich umarmen, Sie sind mein Mann.«

Als sich einmal der Baron wochenlang nicht hatte sehen lassen, begegnete ihm Raßler zufällig in den Isar-Auen.

»Aber böser Mensch, was treiben Sie? Kommen Sie doch wieder einmal zu uns und machen Sie meiner Frau ein wenig die Kur! Bitte, ja, kommen Sie! Sie müssen Leapoldine wieder tüchtig moralisieren; kein Mensch kann's so gut [161] wie Sie. Thun Sie ihr und mir den Gefallen!«

Und der Baron that beiden den Gefallen.

Und Raßler war über die Maßen vergnügt.

Als es aber später Sticheleien hagelte, wo sich die Glatze des Kommerzienrats nur blicken ließ, und anonyme Schmäh- und Drohbriefe ins Haus schneiten, da verging ihm oft der Spaß.

»Erbärmlich,« klagte er, »daß man keine Ruhe haben und nicht einmal im eigenen Hause nach seiner Façon selig werden kann!«

Frau Leopoldine selbst war, allen diesen Zwischenfällen zum Trotz, offenbar heiterer und entgegenkommender gegen ihren Gatten geworden, namentlich in jener Zeit, wo die Besuche und Aufmerksamkeiten des Barons ihren Höhenpunkt erreicht hatten. Ein besonders gutes Zeichen sah der Kommerzienrat darin, daß sie öfter als früher seine Geldbörse direkt ansprach zur Gewährung größerer Summen für Unterstützungszwecke. Raßler frohlockte, gewährte sie und begehrte nichts Näheres zu wissen. So ganz selbstlos und aus etwa angeborenem Mildthätigkeitssinn handelte dabei der Kommerzienrat freilich [162] niemals. Er erinnerte gern an seine Gaben, als ob er fürchtete, daß man sie unterschätzen könnte, und war nicht faul, sich eine Quittung in Form von allerlei Extra-Zärtlichkeiten auszubitten. Daß die Empfängerin nicht die Nutznießerin, sondern nur die Vermittlerin seiner Wohlthätigkeit war, kümmerte ihn nicht.

Frau Leopoldine machte sehr oft ganz allein längere Besuche und Spaziergänge in den Nachmittag-und Abendstunden und kam meist recht erquickt, ja lustig heim. Es lag dann etwas so tief Befriedigtes und herzhaft Wunschloses in ihrem Wesen wie bei jemand, der einen brennenden Durst gelöscht hat und noch dankbar an den Quell zurückdenkt, der ihm die köstliche Labe gewährte. Ein frohes Lebensgefühl durchdrang sie; sie spürte ordentlich jeden Pulsschlag, jeden Atemzug wie eine Verheißung immer reicheren Glückes. Wie ein Blütenbaum in lichter Frühlingspracht, so stand sie in Blust und Duft eines verjüngten Lebens.

»Schön ist sie wieder und gütig heute, mein Leo!« lachte Raßler in sich hinein.

Erst in den letzten Monaten schienen diese Solo-Ausflüge nicht mehr ganz die alte Wirkung zu haben; Leopoldine wurde wieder nachdenklicher, [163] grüblerischer, eine gewisse schwermütige Ruhe, ein stundenlanges Hinbrüten wechselte mit plötzlicher nervöser Erregung und Gereiztheit. Verstimmt, wortlos ging sie an ihrem Gatten vorüber.

»Der Teufel verstehe sich auf dieses Abrakadabra der Weiberlaunen!« meinte er, wenn sich Gusti in Tröstungen und Erklärungen erschöpfte.

Mit Gusti schien übrigens die Gnädige nicht mehr so vertraut zu stehen. Gusti ließ sich nichts merken und schluckte den Ärger über die Zurücksetzung hinab.

»Kommt Zeit, kommt Rat; man wird mich schon wieder brauchen,« tröstete Gusti sich selbst. Der Baron gefiel ihr immer weniger. Er war ihr auch nicht spendabel genug.

Gegen die Kinder blieb Leopoldine gleich gut, gleich aufmerksam. War's auch keine tiefinnerliche Zärtlichkeit, sondern sah's öfter aus wie selbstübertriebene, fest gewollte Pflichterfüllung mit einem Stich ins Herbe und Peinliche, so that es dem väterlichen Egoismus doch wohl, einen so zuverlässigen Ersah für die wirkliche Mutter gefunden zu haben, die ja zudem nur ein ziemlich reizloses Geschöpf gewesen. Außer [164] dem Kindersegen hatte er wenig genug von ihr gehabt. Von den Freuden der Liebe, die sie ihm bereitet, war ihm nur eine dürftige Erinnerung geblieben. Und seine Erinnerungskraft ist doch gerade in diesem Punkte allezeit eine so ungewöhnliche gewesen! Ganz natürlich: was sollte sonst seine Gedanken belasten, wenn nicht die wonnigen Genüsse des Lebens? Die Angelegenheiten seines großen Fabrikgeschäftes? Die ordneten sich unter der Leitung vorzüglicher Beamten von selbst. Die Verwaltung seiner Kapitalien? Die Handhabung der Kouponschere macht keine Schwierigkeit. Die Sorge für die Familie? Kleinigkeiten! Beteiligung an den Angelegenheiten der Gemeinde und des Staats? Soweit sie direkten Gewinn bringt, ist sie Sache des Geschäfts und wird, vom Direktor und seinem Stabe von Buchhaltern besorgt; da genügt sein bloßes Mitwissen. Soweit die Gemeinde- und Staatsangelegenheiten nicht direkt gewinnbringende Geschäftssachen sind, läßt man sie überhaupt nur mit Auswahl an sich herantreten. Bei Wahlen, Ausschüssen für gemeinnützige Unternehmungen, Ehrenämtern u.s.w. läßt man die Andern für sich arbeiten und begnügt sich, seinen Namen, ab und zu auch das Repräsentations-Portemonnaie, [165] zur Verfügung zu stellen. Bei Konsortial-Unternehmungen, wie der geplanten Isarnferbebanung, der Isarthalbahn u.s.w., wo natürlich die Firma der Raßlerschen Eisengießerei mitparadieren muß, hat der Herr Kommerzienrat an seinem Kollegen und Nachbar Schmerold einen Zuverlässigen Wortführer und Aufklärer. Kurz, alles kann man von andern besorgen lassen und dafür Gewinn und Ehre einheimsen – nur die Genüsse des Lebens muß man selbst durchprobieren ...

War sie nicht auch eine Betschwester, diese selige erste Frau, die ihm alle Franziskaner vom Kloster im Lehel auf den Hals hetzte, ihm, dem freisinnigen, heiteren Kunstmäzenas? Nein, das rechte Weib nach seinem Herzen war sie nicht gewesen. Ihre Einbildungskraft und ihr guter und belehrsamer Wille waren besonders in bezug auf Liebesgenüsse sehr beschränkt. Auch sonst war sie in zeitgemäßer Bildung sehr zurück und gar nicht mit ihrer Nachfolgerin zu vergleichen.

In einer unglücklichen Stunde schleuderte ihr Raßler das Wort an den Kopf: »Du bist ein frommes Schaf.« Und als sie bei jeder Entbindung sich geberdete, als ginge die Welt aus den Fugen und mit dem Arzt immer gleich den [166] Pfaffen bestellte, da rief Raßler verzweiflungsvoll: »Nein, ein solches Weib zu haben, das gar nichts kann, nicht einmal ein Kind anständig auf die Welt bringen!« Es war ein arges Hauskreuz. Wenn er's recht bedachte, eine Schinderei. Bei alledem hatte sie in ihrer ferneren Verwandtschaft Namen von angesehenen Talenten aufzuweisen, zum Beispiel den gelehrten Professor Hirneis und den in seiner Weise wohl genialen, aber auch aus der Art geschlagenen Bildhauer Achthuber. Aber mit allen diesen Leuten mochte Raßler nichts mehr zu thun haben. Es war immer sein Grundsatz gewesen, sich die angeheiratete Verwandtschaft, die nähere und fernere, möglichst weit vom Leibe zu halten.

Summa: so viel er auch bei Leopoldine mit in den Kauf nehmen mußte, was ihm oft über die Hutschnur ging, die war doch aus ganz anderem Teig!

Zweierlei Kinder sind zwar oft auch eine eigene Sache: aber Leo noch als wirkliche Mutter zu sehen – – Ein Traum!

Die Augen gingen ihm über, wenn er sich das ausmalte.

Warum sie wohl so lange unfruchtbar blieb? Sollte sie ... sollte er ...? Er half sich über [167] diese Fragen mit dem Gedanken hinweg, daß die Natur oft gar geheimnisvolle Wege gehe, daß man Beispiele habe von fünf-, zehn-, ja fünfzehnjähriger Sterilität, bis dann plötzlich aus später Nachblüte noch Früchte reisten.

Und wer weiß – Leo war jetzt in so üppiger Pracht, daß er sie sich gar nicht schöner wünschen konnte – ob die Mutterschaft nicht ihre stolze Erscheinung schädigen, oder den Ernst ihrer Stimmung nicht noch höher treiben könnte?

Komisch: er vermochte sich dieses hohe, stattliche Weib gar nicht in der entstellenden Fülle der Schwangerschaft vorzustellen. Noch komischer: neulich hat er von ihren gesegneten Umständen trotzdem geträumt. Wie eine Kugel stand sie vor ihm, mit winzigen Extremitäten. Und die Kugel wurde immer größer, eine ganze Welt, während er immer mehr zusammenschrumpfte und schwand und schwand. – Er wußte plötzlich vom Traumbild und von sich selbst nichts mehr, es war wie eine Ohnmacht, wie ein Sterben im wonnigen Schlafe.

– – – –

Und jetzt wieder, bei halb offenen Augen [168] und klarem Kopfe schlich sich dieses Traumbild betäubend in sein Bewußtsein.

»Meine schwangere Frau, sie erdrückt mich, sie erdrückt mich!« schrie er und fuhr aus dem Nachschlummer auf.

»Es ist gut, daß mich dieser dumme Traum aufgejagt hat. – Ich habe heute zu lange geduselt. Am hellen, lichten Nachmittag träumen ... Und hier ein ganzer Stoß Postsachen ... Leo ist in der Kinderstube; sie hat nichts gemerkt. Ich müßte mich ja schämen ...«

[169] 3.

Der Kommerzienrat irrte sich: Leo hatte wohl etwas von seiner langen Duselei gemerkt. Zweiwal war sie auf der Schwelle erschienen, sich nach ihm umzusehen. Sie war so voll Unruhe heute, noch mehr als gestern, wenn sie sich auch abquälte, es nicht merken zu lassen.

»Erzählen Sie mir noch einmal, Herr Schlichting, wie es beim Preßbanditen gegangen ... Nein, ich weiß ja ... Es ist schon gut. Gehen Sie nur wieder zu den Kindern. Ich lasse jetzt allem seinen Lauf.« Nach einem unstäten Blick nach der Thür, als müsse der Ersehnte plötzlich hereintreten: »Ja, allem seinen Lauf.« Aber zu den Worten des Mundes fügte das Herz seinen Nachsatz:. »Er muß wiederkehren, es kann nicht anders sein.« Und dennoch widersprach aufs neue der Mund: »Mag werden, was da will! Ich danke Ihnen, Herr Schlichting. Auch bei Dr. Trostberg, bitte, keine weitere Bemühung ...«

[170] Die Kleidermacherin Frau Schmid wurde gemeldet; sie sei auf heute bestellt wegen des neuen Frühjahrskostüms für Frau Kommerzienrat. Sie wurde abgewiesen. Morgen oder übermorgen könne sie wieder nachfragen, die gnädige Frau befinde sich heute nicht wohl.

Frau Schmid zog grollend ab. »So rücksichtslos sind die reichen Leute; ihrer Launen wegen darf man sich die Beine aus dem Leibe laufen und schließlich finden sie jede Rechnung zu hoch, überall wollen sie abzwacken, die reine Lauserei.«

Raßler war einigemal im Salon auf- und abgegangen. Dann klingelte er und befahl, in einer Stunde den Wagen bereit zu halten – »Der Fuchs ist hoffentlich wieder gut zu Fuß?«

»Zu dienen, Herr Kommerzienrat!«

»Also nach Haidhausen in die Fabrik wird gefahren.«

»Zu dienen, Herr Kommerzienrat.«

»Es wäre vielleicht doch besser, den Fuchs noch zu schonen. Das feurige Roß übernimmt sich leicht.«

»Zu dienen, Herr Kommerzienrat. Also lassen wir den Rappen einspannen.«

Der Diener empfahl sich mit einem Bückling.[171] »Alter Schöps,« dachte er, »dir wär' das Laufen auch gesünder, dich trifft doch der Schlag noch, da kannst Gift drauf nehmen. Daß sich deine Rösser nicht überfressen wie du, dafür lass' nur mich mit dem Jean sorgen – uns bekommt der Hafer auch nicht schlecht.« Im Vorzimmer stieß er auf die Gusti. Flink versetzte er ihr einen zärtlichen Klaps auf den Hintern.

»Gehen wäre nützlicher, aber es ist zu mühsam in dieser erschlaffenden Frühlingsluft.« Nachdem er laut gegähnt, nahm er den Pack Briefe vom Serviertischchen und ließ sich nahe dem Fenster auf die Ottomane kugeln. Zunächst entfaltete er einige auswärtige Blätter, Berliner und Frankfurter Zeitungen, den Fränkischen Kurier und die Augsburger Abendzeitung, dann Flugschriften und Preislisten unter Streifband. Die Briefe ließ er noch unberührt; das Lesen von Handschriften ist so anstrengend. Für die geschäftlichen Korrespondenzen hat er sich deshalb die Erleichterung geschaffen, sie erst von einem besonderen Kontorbeamten lesen und mit recht deutlicher und großer Schrift auf einem beigelegten Blatt auszugsweise erklären zu lassen. Der Biswanger war ja der treueste Mensch, der [172] sich denken läßt; noch einer von der alten Generation. Er hat von der Pike auf im Raßlerschen Geschäfte gedient, jahrelang um einen Hungerlohn, aber jetzt stellte er sich ganz gut. Seit einigen Jahren klagte er wenigstens nicht mehr. Seine Kinder sind ihm weggestorben, und mit dem Alter ist er immer bedürfnisloser geworden. Für ihn und sein taubes Weibchen, das zudem viel älter, als er, langt's, und da ihm eine ruhige Stellung, in der er sich in einem langen, arbeitsamen Leben eingelebt, über alles geht, so erhebt er keine Ansprüche mehr. Die jungen Leute sehen ihn freilich oft mit Ingrimm an, daß er sich um ein solches Spottgeld an das reiche Geschäft verkauft und mit einer wahren Hundetreue aushält und dazu noch allen die Zähne zeigt, die nicht mit gleicher Gewissenhaftigkeit ihren Schweiß opfern wollen.

Biswanger hat es dem Kommerzienrat selbst vorgeschlagen, ihm die wichtigsten Postsachen regelmäßig in die Privatwohnung zu schicken, damit er sie bequem nach Tisch durchsehen könne.

»Ach ja, es ist eine schöne Sache um ein geordnetes, bequemes Leben; der Biswanger ist ein braver Kerl,« dachte Raßler heute wieder; »ich muß ihm nächstens doch das Vergnügen [173] einer kleinen Gehaltserhöhung machen, oder die Überraschung einer Gratifikation – vielleicht schenke ich ihm ein Jahresabonnement auf die Pferdebahn – die Aktien gehen ja ganz brillant in die Höhe; hätte, ich nur mehr davon genommen. Biswanger hätte mir mehr zureden sollen. Aber für solche ganz moderne Dinge hat der gute Alte nicht immer den rechten Blick. Eigentlich ist er doch nicht ganz frei von Weißwurstphilisterei. Ich will ihn in seinen alten Tagen nicht, mehr verwöhnen. Er ist noch so rüstig und läuft gern. Die Freikarte wäre wirklich ein Luxus. Lassen wir's lieber. Die Generosität hat auch andere Unzukömmlichkeiten im Gefolge. Jede Bevorzugung erregt nur bei den Anderen neue Unzufriedenheit. Die jungen Leute haben ohnehin den sozialdemokratischen Teufel im Leib. Biswanger ist ja so auch glücklich. Er braucht wirklich nichts, der brave Kerl. Ja, um zwanzig Jahre wenn ich ihn jünger machen könnte, wäre uns beiden geholfen. Der wird einst schwer zu ersetzen sein ...«

Frau Leopoldine spähte wieder durch die Portiere. Sollte sie ihn lieber doch nicht darauf vorbereiten, daß der Preßbandit einen Gaunerstreich gegen ihn plant?

[174] Unschlüssig stand sie eine Weile. »Nein, ich mag ihm nicht wieder mit Drillinger kommen. Er hat doch nur eine rohe Rede für mich ... Ich lasse den Ereignissen den Lauf.«

Im Umwenden begegnete sie dem lauernden Blicke der Gusti, die sich heute auffällig in ihrer Nähe zu schaffen machte. »Na, was denn, Gusti?«

»O, ich meinte nur, gnädige Frau, man könnte sich manche Sorge vom Halse schaffen. Die Männer kann man doch um den Finger wickeln, wenn man's richtig anfaßt. Es giebt nichts Dümmeres auf der Welt, als die Männer, besonders die verliebten. Verzeihung, gnädige Frau, ich spreche nur aus meiner Erfahrung ...«

Die Frau Kommerzienrat schnitt ihr jede weitere Äußerung mit dem Wort ab: »Ich kaufe keine fremden Erfahrungen. Jeder muß schließlich mit sich selbst fertig werden.«

Gusti dachte: »So werde durch eigenen Schaden klug; du kommst doch noch zu mir,« und entfernte sich schweigend, als wäre nichts geschehen.

Ob es wohl nicht klüger gewesen wäre, den Schlichting nicht zum Vertrauten zu machen? [175] Die Aufdringlichkeit Gustis brachte jetzt erst Frau Leopoldine auf diesen Gedanken. Ein zwar guter, aber doch so unreifer Mensch! Und sein jämmerlicher Mißerfolg bei dem Preßbanditen, wird er nicht die Situation verschlimmern? O dieser unselige Rätselmensch, Max v. Drillinger, in welche Lage hatte er sie gebracht! Was war aus ihrem Verstande, aus ihrer Selbstbeherrschung geworden, seit diese rasende Leidenschaft für den Undankbaren von ihrem Wesen Besitz genommen! Und ihre Seele schreit nach ihm, ihr Leib brennt nach ihm – – und ihn kümmert's nicht ... Welcher Dämon war in ihn gefahren, daß er ihr so namenloses Leid bereiten konnte? Was hatte sie ihm gethan, was einen solchen plötzlichen Bruch zu rechtfertigen vermöchte? Denn daß sein jetziges Verhalten einen Bruch bedeute, oder wenigstens die Absicht eines Bruches, daran durfte sie hinfort nicht mehr zweifeln. Schon auf ihrer letzten nächtlichen Spazierfahrt nach dem Gärtnertheater hatte sie unter seinem frivolen Kaltsinn zu leiden. In welch' beleidigender Form stellte er so ganz summarisch die Treue der liebenden Frauen in Frage und sein brutales »Vielleicht auch Du!« ging ihr wie ein Schwert durch die Seele. Und [176] wie stürmisch hatte er um sie geworben – er, der einzige Mann, dem zu widerstehen ihr die schrecklichste Pein schuf, bis sie endlich seiner Leidenschaft und dem unbesiegbaren Zuge ihres Herzens alles opferte, alles, alles ... Wo war ein Traum, in den sie nicht ihn hineingeträumt, wo eine Empfindung, in deren Mittelpunkt sie nicht ihn erhoben, wo eine Freude, eine Hoffnung, eine Erhebung der Seele, die sie im Geiste nicht mit ihm geteilt? Er ihr Abgott, ihr Alles – wie konnte er sich von ihr wenden? ... Sie breitete ihre Arme aus, ihn zu umfassen, an die Brust zu drücken – und sie griff ins Leere. Und wenn sich's bestätigt, was sie seit vier Wochen halb mit Schreck, halb mit Wonne vermutet, wenn die Zeichen nicht trügen? Noch hatte sie ihm keine Andeutung gemacht ...

Die Stunde war wohl vorüber. Schlichting war verstört und müde. Seine Glieder fühlten sich schwer wie Blei. Es war ihm, als müßte er sich zu Bett legen wie ein Kranker. Wer weiß! Aber umsomehr wollte er den Kindern die versprochene Freude machen und ihnen die Briefe an die ehemalige Hauslehrerin Fräulein Flora Kuglmeier anfertigen helfen. Es war [177] ihm jetzt so eigen, wenn er an Flora dachte, so unheimlich, so fröstelnd, wie wenn es in die Blüten schneit und ein rauher Winterswind durch den Frühling fährt, alles so kläglich unzeitgemäß und freudlos.

Die Kinder sahen den Herrn Kandidaten mit verwundert fragenden Blicken von der Seite an. Er war heute ganz anders wie sonst. Das Gefühl seiner Bedrückung hatte sich ihnen mitgeteilt.

»Ja, die Briefe, ach, die Briefe!« riefen sie aufatmend.

»Aber lustig müssen sie werden, sonst mag ich gleich gar nicht,« ergänzte Hermann. »Die Stunde war recht langweilig. Fehlt Ihnen etwas, Herr Schlichting? Hat Ihnen Mama etwas Schlimmes gesagt?«

»O nein, wie kannst Du glauben, die Mama!« begütigte Franz und machte sein drollig altkluges Gesicht, ohne den älteren Bruder anzublicken.

»Nun, mein Gott, es gibt allerhand ›Unzukömmlichkeiten‹, wie Papa zu sagen pflegt. Aber das macht der Liebe – –«

»Willst Du den Mund halten, Hermann!« verwies ihn Schlichting streng. »Du sollst Vater [178] und Mutter ehren, lautet das Gebot – und Du äffst die Redensarten der Eltern nach! Wahrhaftig, ich würde mich schämen.«

»Sie verstehen heute aber auch gar keinen Spaß, Herr Schlichting!« suchte sich der Zurechtgewiesene zu entschuldigen.

»Nein, zum Spaßmachen sind wir nicht da.«

»Wir wollen recht schöne Briefe schreiben,« bemerkte Franz geschäftig einlenkend.

Der kleine Eugen hockte in der Ecke am Tischchen bei seinem Spielkameraden Werner, dem jüngsten Söhnchen des Postoffizials vom vierten Stock. Als er vom Briefschreiben hörte und von Fräulein Flora, legte er das Bilderbuch weg.

»Auch schreiben, auch schreiben!«

Bald saßen die Raßlerschen Sprößlinge über ihre Hefte und Tafeln gebeugt, mit wahrem Feuereifer die Entwürfe ihrer Briefe bearbeitend. Eugen war am ungeschicktesten und darum am aufgeregtesten. Er wischte immer wieder aus und bestürmte Franz mit Fragen.

»Wie machst Du's? Laß sehen, laß sehen!«

Franz wies ihn mit erhobenem Ellbogen und ungeduldiger Geberde ab; er zog die Schultern [179] hoch und legte den Kopf schief und so nahe auf das Heft, daß Eugen nichts mehr sehen konnte. Eugen wurde ganz rot im Gesicht, seine Bäckchen glühten; plötzlich ließ er die Arme mutlos sinken und brach in Schluchzen aus. »Herr Schlichting, kein Mensch hilft mir ...«

Schlichtung fuhr aus seinen Gedanken auf. »Komm' her, armer Kerl; wart' wir wollen zusammenhelfen; unser Brief – na, die Andern werden gucken.«

»O je, das wird was Rechtes werden,« spottete Hermann, ohne böse Absicht, »wenn Eugen dem Herrn Schlichtung an Fräulein Flora schreiben hilft.« Und er tunkte gravitätisch eine frische Feder ein, blickte dabei dem Franz über die Schultern – und als er unachtsam mit der Feder zurückfuhr, fiel ein schwerer Tintentropfen auf das Papier.

»Nun hab' ich gar einen Batzen gemacht.«

»Eine schwarze San,« vergröberte Franz den Ausdruck; »Sündenschuld; warum läßt Du uns nicht in Ruh.« Dabei schrieb er wie wütend und rutschte halb vom Stuhl.

»Meinetwegen, so schick ich halt auch die Sau an Fräulein Flora.«

»Und sagst, es wär' Deine Photographie,« [180] spottete Franz schlagfertig. »Du thust Dich leicht. Ach Gott, ist das Briefschreiben schwer. Ich bin totmüde.«

»Faulpelz!« gab ihm Hermann zurück.

»Ich bin weiter, als Du, gib acht!«

Der kleine Werner saß während dessen mit seinem tiefsinnigen blonden Köpfchen und seinem grauen Wollenwämschen mutterseelenallein in der halbdunkeln Ecke, die Händchen auf die Kniee gelegt, ein Bild der Insichversunkenheit. Das schwarze Mitzikätzchen schlich sich heran und rieb sich an seinen Beinen. Ein leises Lächeln ging über sein Gesicht; dann ergriff er mit der einen Hand das Tier mit der andern das Buch und wollte dem Mitzikätzchen die Bilder zeigen. »Hu, der Bär, Mitzi, der Bär ...«

Franz legte die Feder weg und ging zu dem kleinen Werner. »Du hast es gut, Werni, Du brauchst keine Briefe zu schreiben. Magst Du geigen? Ja, wir wollen geigen, gelt? Musizieren ist viel gemütlicher, als schreiben.«

Er trällerte leise.

»Die droße Deige!« sagte Werner, ließ die Katze los und seine Augen leuchteten vor Vergnügen. Das Geigen war seine Passion. Beim [181] Einschlafen und Aufwachen sprach er von der »droßen Deige« und bat die Mutter, ihn morgen wieder zu Eugen hinabgehen zu lassen, damit er auf der schönen »droßen Deige« spiele. Die Frau Postoffizial stimmte dem Wunsche ihres Lieblings zu: »Ei gewiß, morgen darf Werni wieder geigen und wenn er brav ist, bringt ihm das Christkind selbst noch eine Geige.« Morgen wahrte oft freilich eine ganze Woche, denn sie wußte, daß der Herr Kommerzienrat ihrem Kindersegen gram war und die Güte der Frau Kommerzienrat, von der sie schon so viele Beweise erhalten hatte, mochte sie nicht mißbrauchen. Raßlers Kinder, besonders Eugen und Franz, hatten den kleinen Werni oft heimlich, herabgeholt und ihn auf sein Leibplätzchen in der Ecke postiert. Da gab's Bilderbücher und Spielzeug in Hülle und Fülle, aber, seit er die »droße Deige« in die Hand bekommen, freute ihn die mehr, als alles übrige.

»Nein, jetzt wird nicht gegeigt, das stört uns!« rief Hermann vom Tisch herüber.

»Nur ganz leise,« meinte Franz und nahm die Geige aus dem Kasten. Werner wagte es nicht, das Instrument zu berühren; sein Herzchen pochte. Nun drückte ihm Franz den Bogen [182] in die Hand und blinzelte ihm ermutigend zu. Ganz sachte, mit zitterndem Bogen strich er über die Saiten der vor ihm auf dem Tische liegenden Geige. Bei dem kaum erklingenden, bebenden Ton seufzte der kleine Werner auf vor unfaßlicher Wonne. Sein bleiches Gesichtchen strahlte. Wie anbetend hingen seine Blicke an dem Instrument ...

»Mama, hör' nur, wie die uns wieder stören, Franz thut heute gar nicht gut,« beschwerte sich Hermann, als Frau Leopoldine unter der Thür erschien.

»Sie sind noch beschäftigt, Herr Schlichting?«

»Wir wollen nur einen Brief fertig machen, gnädige Frau.«

»Mama, schau was ich geschrieben habe!« fuhr Eugen auf und schwang stolz seine Schiefertafel. »Das schreib' ich dann auf einen schönen Briefbogen!«

»Wenn nur die mit dem dummen Gegeig' aufhörten, ich wäre schon fertig,« klagte Hermann wieder.

Franz machte mit der Hand eine unmutige Bewegung gegen Hermann. »Was nicht gar! Wir musizieren so anständig, Mama, daß man's [183] beinahe nicht hört – und das nennt der ein dummes Gegeig' – –!«

Ängstlich legte Werner den Fidelbogen weg und stützte seine Händchen aufs Knie. Sein Gesichtchen nahm wieder den scheuen, nachdenklichen Ausdruck an, das Grübchen im kleinen, runden Kinn zitterte.

Die Frau Kommerzienrat hob den kleinen Musikanten auf den Arm. Wie ein verschüchtertes Vögelein huschelte er sich an ihre Brust. Sie nahm die Geige dazu: »So, mein Kind, Du unschuldiger Störenfried, jetzt gehst Du mit der Geige heim und musizierst so viel Du willst. Morgen kommst Du wieder, ja?«

Mit offenem Munde sah Hermann seiner hinausschreitenden Mama nach. »Nein, ist das komisch,« bemerkte er kopfschüttelnd und schob Herrn Schlichting sein Schreibheft hin.

»Nimm wieder Platz, Franz, wir wollen nun hören, was jeder geschrieben hat. Hermann, wird uns zuerst vorlesen! Wozu ich bemerke, daß es niemals komisch ist, was immer eine Mutter thun oder sagen möge – verstanden, Hermann?«

Franz protestierte dagegen, daß Hermann zuerst vorlesen sollte. Wer zuerst fertig gewesen, [184] der habe auch das Recht zuerst gehört zu werden – und das sei er! Das Alter mache gar nichts aus, wenngleich Hermann immer so gewaltig thue, weil er fingerslang älter sei. Hermann möchte überhaupt schon den großen Herrn spielen und im Haus kommandieren!

»Der Klügere gibt nach,« maulte Hermann, fügte aber gleich herausfordernd hinzu: »Herr Schlichting, so befehlen Sie dem Franz, seine Schmiererei zuerst vorzulesen.«

»Oho, Schmiererei, da muß ich bitten!« rief dieser und stellte sich mit seinem Blatt in Positur, nachdem ihm Schlichtung mit stummem Nicken das Zeichen zum Anfang gegeben.

»Liebes Fräulein Flora! Ich will Ihnen ein paar Zeilen schreiben, weil heute Nachmittag Gottlob keine Schule und Herr Schlichting sehr gut ist. Ich thue den ganzen Tag nichts als in die Schule gehen, lernen, schreiben, essen, schlittenfahren. Schlittenfahren hat jetzt aufgehört, weil der Frühling angefangen hat. Geigen hat jetzt auch aufgehört, weil mein Lehrer Herr Kellermann einen bösen Arm bekommen hat. Das kann noch lange dauern. Ich mache mir nichts daraus. Neulich ist ein sehr schöner und lustiger Tag gewesen. Wir durften auf [185] den Maierhof gehen. Bis an die Eisengießerei sind wir gefahren. Wir hatten ein ländliches Mahl bei der Hofbäuerin, da gab es Bier, Brot, Käse und Butter, auch Milch, süße und saure, das schmeckte uns vortrefflich. Von der Hofbäuerin bekamen wir Haselnüsse mit nach Haus, und weil Eugen gar zu gern gelbe Rüben wollte, bekamen nur auch diese – –«

Hier unterbrach Eugen: »Weiße Rüben habe ich haben wollen, keine gelben.«

Franz: »Freilich, aber die gelben schmecken besser und Fräulein Flora mag auch die gelben lieber, als die weißen, darum habe ich gelbe Rüben geschrieben.«

Schlichting: »Das ist sehr liebenswürdig von Dir, daß Du auf den Geschmack von Fräulein Flora Rücksicht nimmst, allein Wahrhaftigkeit steht höher als Liebenswürdigkeit, mithin hat es bei den weißen Rüben zu verbleiben.«

Franz besann sich einen Augenblick, dann machte er einen dicken Strich durch den Satz. »Wenn es keine gelben Rüben sein sollen, lasse ich die Rüben überhaupt ganz weg.«

Schlichting: »Diese Wahl steht Dir frei. Weiter!«

[186] »Der Hermann ist halt wie zuvor, doch nicht mehr ganz so böse – –«

Hermann: »Da fehlt der Übergang von den Rüben zu mir. Was Du von mir sagst, ist mir gleichgültig.«

»Ich weiß keinen Übergang. Ich will nicht verraten, daß Du einige Rüben stibitzt hast und sie dem hochwürdigen Herrn Beichtvater in den Rock gesteckt.«

»Weiter!« mahnte Schlichting.

»Eugen ist recht brav. Er hat einen Schulsack von schwarzem Leder aus den Rücken bekommen. Der Herr Baron hat gesagt, er trägt ihn so stramm wie ein Soldat den Tornister –«

Schlichting: »Ich bitte, den Herrn Baron zu streichen; Fräulein Flora interessiert sich nicht für ihn und für das, was er gesagt hat.«

»Woher wissen Sie das?« fragte Hermann und blickte den Hauslehrer scharf an.

»Woher ich das weiß? Was kümmert Dich das? Ich rate, den Herrn Baron aus dem Spiele zu lassen; er gehört nicht in den Brief.«

»Dann muß ich ihn gleichfalls streichen? In meinem Brief steht er auch.«

[187] »Du thust mir einen Gefallen. Weiter, Franz!«

»Von Postoffizials Fanni habe ich ein schönes Einmerkerl bekommen, worauf steht: ›Aus Liebe‹ und mein Name. Es ist sehr fein gestickt, rosa und grün.«

Eugen, der mit gespanntester Aufmerksamkeit zuhörte, bemerkte hier: »O, die Fanni ist gut, sie hat mir zwei Kartennetze und einen Bilderbogen geschenkt. Soll ich das dem Fräulein nicht auch schreiben?«

»Natürlich schreiben wir das dem Fräulein auch.«

Worauf Hermann: »Damit sie sich ein Beispiel daran nimmt und Dir aus Italien auch etwas schickt. Eigentlich ist es sonderbar, daß sie uns erst zweimal geschrieben und noch gar nichts geschickt hat, außer ein bischen Lavasand vom Vesuv neulich. Neujahr wäre doch eine schöne Gelegenheit gewesen, nicht wahr, Herr Schlichting?«

»O, die bringt es selber mit. In Italien wird das Schicken recht schwer sein,« beruhigte Franz. »Wartet nur, bis sie wieder kommt. Fräulein Flora kommt gewiß nicht mit leeren Händen; ich wette, sie bringt etwas mit.«

[188] »Das wollen wir hoffen,« schnitt Schlichting weitere Abschweife ab. »Und nun komm' rasch zu Ende, Franz.«

»Unsere Gusti hat von Mama zu ihrem Namenstage eine Kapuze bekommen, wie die Ihrige, aber anders, Mutter und Vater sind wie sonst, nur der Vater ist noch dicker geworden – –«

»Unsinn!« rief Hermann dazwischen.

– – »dicker geworden und die Mama ist manchmal traurig.«

»Das läßt Du besser weg, Franz,« bemerkte Schlichting.

Franz schüttelte den Kopf: »Die Rüben bleiben weg, Vater und Mutter bleiben auch weg, da bleibt nicht mehr viel übrig.«

»Was hast Du sonst noch geschrieben?« fragte Schlichting den nachdenklich gewordenen Knaben.

»Ich habe geschrieben, daß wir Zeitlang nach dem Fräulein haben und daß wir uns freuen, wenn wir sie bald wieder sehen –«

»Das ist brav, Franz. Nun schreibst Du noch dazu: Auch Herr Schlichting wird sich von Herzen freuen, Fräulein Flora einmal zu sehen, am liebsten würde er zu ihr nach dem schönen [189] Italien reisen, aber er hat jetzt keine Zeit und kein Geld, eine so weite Reise zu machen. Und dann viele Grüße von ihm und von uns allen. So, mach' das noch. Der Brief ist ganz nett und wird sie freuen.«

»Warum schreiben Sie nicht selbst an Fräulein Flora, Herr Schlichting?« fragte Hermann.

»Das heb' ich mir für später auf. Jetzt genügt es, daß Ihr schreibt. Sie hat ja auch nur an Euch geschrieben, nicht an mich.«

»Also, nun komm' ich an die Reihe!«

Die Frau Kommerzienrat öffnete die Thür: »Auf ein Wort, bester Herr Schlichting, verzeihen Sie die vielfache Störung!«

Das war wieder der tiefe Seelenlaut, der ihm zu Herzen ging wie der Notschrei am unvergeßlichen Abend; wieder begleitet von einem Blick und einer Bewegung, welche die schmerzlichste Überraschung erwarten ließen.

»Tat-twam asi!« Warum kam ihm das so plötzlich wieder in den Sinn wie ein Ton, der unvermutet im Ohr anklingend, ein ganzes schluchzendes Miserere weckt?

»Legt die Briefe in die Mappe, Kinder, bis zur nächsten Stunde. Adieu!«

[190] Schlichting folgte der erregten Frau ins Vorzimmer.

»Aller Selbstbeherrschung zum Trotz, ich kann nicht mehr zur Ruhe kommen, Herr Schlichtung. Es ist wie ein schrecklicher Wirbeltanz, in den ich immer wieder hineingerissen werde. Soeben erzählte mir die Frau Postoffizial, sie habe von einer Bekannten gehört, im Hause des Preßbanditen habe es einen großen Skandal gegeben, der Preßbandit sei in seiner Stube überfallen und fürchterlich zugerichtet worden. Zu gleicher Zeit habe man Sie aus dem Hause gehen sehen. Man bringe mich und Sie mit dem Überfall in Zusammenhang; Sie hätten in meinem Auftrag den Menschen halb todtgeschlagen.«

»Ja, hätte ich das nur!« lächelte Schlichting bitter. »Es wäre gewiß uns beiden wohler. Leider ist mir das nicht geglückt. Beruhigen Sie sich, gnädige Frau. Hat es ein Anderer besorgt, Gott segne ihn! Ich weiß von nichts.«

»Wer könnte dieser Andere sein? Der Herr Baron? Ich wag' es nicht zu denken. Wenn ich es auch seinem leidenschaftlichen Ungestüm zutraute, so wäre es doch noch mehr zu beklagen, denn es verschlimmerte die Sache heillos, [191] würde ich mit ihm im Zusammenhange des Attentates genannt. Hat er sich vielleicht gerade darum zurückgezogen, um diesen Plan auszuführen und mich an den Banditen zu rächen? Rätsel über Rätsel! Wie kann ich da Ruhe finden?«

»Was auch geschehen sein möge, gnädige Frau, direkt haben wir beide nichts damit zu schaffen. Ich erinnere Sie an Ihr Wort von vorhin: Mag werden, was da will ... Beruhigen Sie sich, wir sind ohne Schuld. Ich denke, wir können den Dingen ihren Lauf lassen und abwarten.«

Gusti kam herein: »Gnädige Frau, die Dame mit dem Tituskopf ist wieder in München; sie ließ vorhin ihre Karte abgeben.«

»Sie haben Recht, Herr Schlichting,« sprach Frau Raßler lauter und mit Betonung: »Wie immer haben Sie Recht; ich danke Ihnen.« Indem sie ihm die Hand reichte: »Also bis zur nächsten Stunde! Leben Sie wohl!«

Sich an die im Hintergrunde wartende und beobachtende Gusti wendend: »Für die Dame mit dem Tituskopf bin ich niemals zu Hause.«

Bertha Hohenauer war gemeint.

[192] Gusti stutzte. »Jawohl, gnädige Frau.« Und für sich: »Das heißt Fraktur gesprochen. Was nur da wieder dahinter stecken mag!«

Vor wenigen Tagen erst war Bertha von einem längeren romantischen Aufenthalt in Berlin zurückgekehrt. Sie wollte sich ganz stille in München wieder einrichten. Wie sie die Stille verstand, zeigte das Inserat, das sie am zweiten Tag in die Neuesten Nachrichten einrücken ließ: »Amusement. Feine Dame sucht Herrn zum Vierhändigspielen u.s.w. Exp. Nr. 169015.«

Schlichtung ging nach Haidhausen hinüber, wo er mit dem Bildhauer Achthuber im Hofbräuhans-Keller zum Abendbrod zusammentreffen wollte. Der Gedanke gewährte ihm einige Befriedigung, daß der Auswürfling von einem Preßbanditen den Rechten gefunden habe. So rächt sich früher oder später jede Schuld. Doch gelüstete ihm jetzt nicht, Näheres zu erfahren. Achthuber erschien nicht. Nach einem appetitlos verzehrten Imbiß ging er in die Gasteig-Anlagen. Sein Kopf schmerzte ihn. Er ließ sich auf einer einsamen Bank unter einer Gruppe, von jungen Eichen nieder. War er eingeschlummert in der Stille der Dämmerung? Als er sich erhob, war es später Abend geworden. [193] Millionen Lichter funkelten vom Himmel hernieder. Aus dem Thal rauschte die Isar herauf. Fröstelnd trat er den Heimweg an.

Als er hinter der Grütznervilla den Hügel hinab wollte, rief ihn eine Gestalt an, die auf der dortigen Bank kauerte. Er trat näher. Es war ein altes, zerlumptes Weib, mit einer weißen Binde mitten im Gesicht und einem Korb auf dem Schoß.

»Was wollt Ihr von mir?«

»Hihihi, schöner Herr, ein Bettelweib, das läßt man hocken, da geht man vorüber. Wär' ich noch jung und sauber, ging zu dieser Stunde kein Mannsbild gleichgültig an mir vorbei. Ich hab's erfahren. Da gab's Blicke und Worte und Anträge, nicht wahr, schöner Herr? Eine alte Hexe freilich, hihihi, da drückt man sich. Die kann der Teufel holen.«

»Was fehlt Euch, Frau?«

»Hihihi, die Nase fehlt mir. Oder sie fehlt mir auch nicht. Ich hab' sie nur am unrechten Platz. Ich hab' sie hier im Korb.«

Sie nahm ein Papierpäckchen heraus, wickelte es auseinander und hielt Schlichting ein unförmliches, blutiges Stückchen Fleisch hin.

[194] »Sehen Sie nur her, schöner Herr, das ist eine Nase, war eine Nase, eine feine Nase, aber sie hatte den Krebs, und heute hat man sie mir im Haidhauser Spital aus dem Gesicht geschnitten. Hihihi!«

Entsetzt wandte sich Schlichting ab. Das war zu grauenhaft ... Er lief den Weg zurück ... Immer mehr Sterne beschienen den nächtigen Pfad – und der nasenlose Mond ...

Sollte er den leuchtenden Welten da droben einen Gruß hinaufsenden, er, der Einsame, der Leidende, der Zeuge so vieler Scheußlichkeiten? Was wußten sie von Menschenleid! An dieser Stelle war es, wo er neulich von der Brücke aus das glänzende Meteor gesehen, einen Boten himmlischen Lichtes in tiefdunkler Nacht. Wie anders würde er's heute deuten! Ein kurzes Aufflackern. Glühen und Leuchten, ein Freuden-oder Weheschrei ist alles Dasein. Dann wieder Nacht und Schweigen und ewiges Vergessen. Das ist die Deutung unseres Loses. Tat-twam asi. Es ist nichts. Und wie er milden Fußes über dir Maximiliansbrücke ging, klangen ihm zum Rauschen der Isar die Worte des persischen Dichters in die traurige Seele:


[195]

Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen,

Sei nicht in Leid darüber: es ist nichts!

Und hast du einer Welt Besitz gewonnen,

Sei nicht erfreut darüber: es ist nichts!

Vorüber geh'n die Schmerzen wie die Wonnen,

Geh' an der Zeit vorüber: es ist nichts!


Ein unsagbares Grauen vor allem Menschlichen, wie er's nie gefühlt, hatte ihn erfaßt. Die abgeschnittene Nase der verrückten Vettel ... Ja, es ist ein elend, jämmerlich Ding um alles Lebendige ... Er bog rechts in die Mühlgasse ein. Wie die wie wahnsinnig arbeitende Hofsägemühle mit ihrem kreischenden, schneidenden Pschßpschß ihm die Ohren zerriß und durch Mark und Bein ging! Früher hatte er dieses höllische Sägen und Schneiden kaum wahrgenommen. Alles bereitete ihm jetzt Schmerz. Er eilte heimzukommen in seine stille, dunkle Kammer ...

Kommerzienrat Raßler hatte heute länger als gewöhnlich sich in die Lektüre der Zeitungen vertieft. Die Artikel »Zur Sanierung der königlichen Kabinetskasse«, die sich nun schon seit Wochen bandwurmartig durch die Neuesten Nachrichten wanden, hatte er seither kaum beachtet. »Das ist Kurpfuscherei,« sagte er; »auch ist die [196] Kassa gar nicht krank, ganz wo anders sitzt das Übel und zwar an einer Stelle, wo überhaupt kein Arzt hinkommen kann. Die Kasse hat ein böses Loch, das ist wahr, aber das verstopft man nicht mit Zeitungspapier. Das geht bloß das königliche Haus an und da hat sich kein Unberufener einzudrängen. Das sind Familienangelegenheiten, die nicht in die Öffentlichkeit gehören; die Prinzen werden schon wissen, was sie zu thun haben. Sie sollen's nur machen, wie ich's mit meinem Neffen gemacht habe. Aber freilich, Unzukömmlichkeiten sind da nicht zu vermeiden. Man muß keck zugreifen.«

Nachdem jedoch auch die Berliner und Frankfurter Blätter Betrachtungen über die bayerische, Kabinetskasse anstellten und lange Auszuge mit allerhand Glossen aus den Sanierungsartikeln brachten, faßte der Kommerzienrat die Sache schärfer ins Auge; heute zum erstenmal hat er einen solchen Artikel ganz gelesen und sich bemüht, seinen Inhalt zu durchdringen. Er glaubte das seiner Stellung als Münchener Finanzgröße schuldig zu sein.

»Eine verwickelte Geschichte. Der König baute eben, wie er aus Geschäft kam, meinen alten Biswanger haben sollen. So ein junger [197] Monarch ohne volkswirtschaftliche Erfahrungen und Kenntnisse und den Kopf voll Wagelaweia ... ein kompletter Phantasiemensch ...«

Er griff nach einem anderen Blatt.

»Nein, jetzt wächst mir die Volkswirtschaft selber zum Hals heraus. Wie diese armen Schlucker von Zeitungsschreibern mit ihrer Finanz-Gescheidigkeit sich aufspielen, übersteigt alle Begriffe. Das ist heute nun schon der dritte Artikel über das Thema ›mobiles Kapital und Grundbesitz‹ ... Ich wette, daß der Schreiber weder Kapitalist noch Grundbesitzer ist, also gar keinen Dunst von der Sache hat. Wer etwas hat, der hält's zusammen und macht keine Redensarten, und wer nichts hat, der schaue, daß er etwas bekomme, inzwischen kann er mir mit seiner Weisheit gewogen bleiben. Übrigens lese ich da doch einen guten Satz: ›Einstweilen ist die übliche Schimpferei auf die Kuponsabschneider und die Rentenbesitzer, welche angeblich vom Schweiße der ehrlichen Arbeit leben, geradezu eine Lächerlichkeit.‹ Natürlich ist sie das. Das habe ich meinen Leuten immer gesagt, wenn sie mir mit ihren sozialdemokratischen Flausen gekommen sind. Der Eine muß im Schweiße seines Angesichtes seine Renten erarbeiten, der Andere [198] muß im Schweiße seines Angesichts seine Renten verzehren. Ich sehe da keinen so großen Unterschied ... Hier schon wieder ein Wischiwaschi-Artikel: ›Die volkswirtschaftliche Mitleidenschaft des Rentenkapitals.‹ Das ist der Zeitungsgenuß in einer Kunststadt! Als ob sich die Kerls das Wort gegeben hätten, von nichts anderem zu schreiben, damit ja diese Dinge dem unzufriedenen Volk immer im Kopf herumgehen, bis sie an gar nichts anderes mehr denken und die rote Drehkrankheit kriegen und ihr bischen Verstand vollends verlieren. Alle besseren Empfindungen sterben ab, wenn die Menschen immer an den Geldsack denken. Wo will denn das noch hinaus? Wer keine Kinder hat, dem kann, schließlich die ganze Lumpenkomödie Wurst sein, wenn doch einer den andern auffrißt – wer aber Kinder hat, der besinnt sich, solche brennende Fragen ins Volk zu schlendern, die niemals gelöst werden können, so lange der Menschheit Besitz und Eigentum noch heilig sind. Wer an das Gut meiner Kinder tastet, Kapital, Fabrik, Grundbesitz, den schlag' ich nieder: das ist meine Sozialpolitik ... Hier ein Artikel über ›Das Wohnungselend der arbeitenden Klassen‹. Den les' ich nicht. Schade für die Druckerschwärze. [199] Jeder wohnt halt so gut oder schlecht als es seine Verhältnisse erlauben. Daran ändert keine Salbaderei etwas. Nach der Bibel hatte Jesus Christus nichts, wo er sein Haupt hinlegte. Und er war Gottes Sohn! Wir sind nur armselige, Menschen. Gottes Sohn war eigentlich obdachlos und wenn er heutzutage und in Bayern lebte, wäre er in schöner Verlegenheit, wenn ihn ein Gendarm nach seinem Unterstand und seinen Existenzmitteln fragte. Dagegen bewohnt sein dermaliger Stellvertreter auf Erden, der Papst in Rom, einen Palast, der elftausend Wohngemächer enthält, und erfreut sich einer Jahreseinnahme von mehreren Millionen. Man spricht jetzt wieder so viel von praktischem Christentum. Ich sehe aber nicht, daß es die Wortführer desselben anders als wir treiben. Also möge man uns in Ruhe lassen.«

In einem andern Blatte fand er einen Aufsatz »Volkswirtschaft und Schule.« Der kam ihm über alle Maßen lächerlich vor. »Also die Schulkinder möchten's auch schon mit ihren Theorieen verhetzen. Großartiger Fortschritt! Wenn jetzt zum Beispiel der Schlichting da hinten, ein gutmütiger und gelehrter Bursch, der [200] keinen roten Heller von Haus aus hat, meinen drei Söhnen seine Volkswirtschaft auskramen wollte! Das wär' ja so dumm, daß eine alte Kuh den Lachkrampf kriegen mußte. Solchen Schulmeistern wollt' ich aber heimleuchten. Ei, da kommt ja eine Musterlektion, die muß ich des Spaßes halber doch lesen. Hören wir!«

Raßler pflegte Geschriebenes oder Gedrucktes, das er rasch seinem Verständnis näher bringen wollte, sich halblaut vorzulesen, um mittelst des Ohres sich die Auffassung zu erleichtern. In eintönig singender Weise las er folgendes:

»Für wenige hundert Mark erwirbt jemand eine Bodenfläche, abseits gelegen und wenig fruchtbar, ohne sonderlichen Wert für irgend einen Zweck. Einige Zeit später wird durch Neuanlage einer Straße, einer Eisenbahn, eines Kanals jene Gegend dem Verkehr erschlossen. Die Stadt dehnt sich nach jener Richtung hin aus und der Wert des Grundstücks wächst mit jedem Jahre. Bald ist die jüngst noch wertlose Fläche ein vielbegehrter Baugrund und der Eigentümer erhält für eine Quadratrute einen höheren Preis als ihn einst der ganze Morgen gekostet. Der Grundwert ist hier in wenigen Jahren verzehnfacht, vielleicht verhundertfacht. [201] Und was hat der Eigentümer für ein Verdienst um diese beträchtliche Erhöhung seines Kapitals? Gar keins. Er hat nicht durch Arbeit oder sonst welche Aufwendung den Wert seines Eigentums erhöht; ohne sein Zuthun ist dies geschehen. Durch wessen Verdienst? Durch das Verdienst der Gesamtheit – des Staates, der Gemeinde. Nur durch die gemeinsame Unternehmung, durch die Schaffung von Verkehrswegen und Verbesserung der Verkehrsmittel auf gemeinsame Kosten, durch Erhöhung des Kulturzustandes unter allgemeiner Mitwirkung, kommt die Werterhöhung des Grundbesitzes zu stande. Es wäre nun recht und billig, wenn der erhöhte Wert auch von der Gesamtheit in Anspruch genommen würde. Jetzt macht thatsächlich die Gesamtheit in solchen Fällen dem Einzelnen ein Geschenk, das er nicht verdient; ja sie macht sich sogar noch zum Schuldner des Beschenkten, denn dieser fordert für den erhöhten Wert seines Eigentums einen erhöhten Zins. Die Mieter auf dem im Werte gesteigerten Grundstück müssen dem Eigentümer das hohe Kapital verzinsen, das ihm dieGesamtheit erst geschenkt hat ...«

Nachdem er tief Atem geholt, ein Glas Kognak getrunken und sich eine feine Havanna [202] angesteckt, sagte er, sich spöttisch die Glatze reibend: »Mein lieber Herr Kommerzienrat, folglich bist du ein Gauner, wenn du in Isarufergründen spekulierst und das miserable Erdreich draußen an der Auenstraße und am Scheyernplatz aufkaufst, um es eines Tages wieder mit Profit als Bauplatz loszuschlagen oder selbst zu bebauen! Solchen Unsinn muß man sich in unserer aufgeklärten Zeit bieten lassen. Die Unternehmungslust wird zum Verbrechen gestempelt, die kapitalistische Entwickelung wird gebrandmarkt! Da muß ich schließlich noch den Konsul Schmerold aus Moralität zum Haus hinauswerfen, wenn er mich zu größerer Rührigkeit in der Ausnützung meiner kapitalistischen Stellung freundnachbarlich antreibt ... Wär' ich noch um zwanzig Jahre jünger, ich wollte ganz anders ausgreifen. Mit dem Schmerold zusammen würde ich das ganze Isargebiet aufkaufen, ohne erst die Zeitungsschreiber zu fragen. Und was wäre erst mit der Kunst zu machen, die ohnehin auf Privatunternehmungsgeist angewiesen ist: den ganzen Münchener Kunstbetrieb könnte man auf Aktien gründen wie die Vierbrauerei ... Ach was, fort mit diesen blödsinnigen Blättern!«

[203] Er nahm jetzt die Briefe zur Hand. »Schöner Zufall, da ist gleich eine Zuschrift von Schmerold. Was sagt Biswanger dazu? ›Schmerold hat Recht, das Kapital der Münchener Lokalbahn-Aktiengesellschaft muß um die vorgeschlagene Summe erhöht werden, nur durch Vermehrung der Mittel kann so gearbeitet werden, wie es für das Unternehmen von Vorteil ist.‹ Brav, Biswanger, du wirst in deinen alten Tagen doch noch ein schneidiger Spekulant. Hätt' ich mir nicht gedacht. Weiter: ›Wegen der Isarthalbahn Unterredung mit dem Minister gepflogen; sehr günstige Stimmung für Privatausführung mit eventuellem Staatszuschuß. Aber keine Zeit zu verlieren, da der Bankier Weiler die größten Anstrengungen macht, eine Gruppe von Finanzleuten für das Projekt zu interessieren, sich an die Spitze zu stellen und alles was mit der baulichen und verkehrsmäßigen Umgestaltung des Isarthals zusammenhängt, an sich zu reißen. Besagter Weiler ist überhaupt in Beobachtung zu nehmen: auch auf dem Gebiete der Bräuerei-Spekulation trägt er sich mit Plänen, welche im Interesse des Münchener Vierexports schleunigst durchkreuzt werden müssen.‹ Nur durchkreuzt? Dieser Schuft muß endlich am hiesigen [204] Platze vollständig unmöglich gemacht werden. Ich könnte mir ja alle Haare ausraufen, daß ich früher dieser Filzlaus geholfen habe, sich immer tiefer hier einzufressen mit Filialen in allen Spelunkengassen. Wenn ich denke, wie bescheiden der alte Weiler angetreten ist ... die kleine Wechselstube am Dracheneck des Marienplatzes, bei der alten Hauptwache ... Aber an der Offiziers- und Beamtenkundschaft hat er sich frech gemästet ... Ganze Offiziersheiratsgüter hat er verschluckt ... Weiter: ›Die bayerische Brauindustrie hat zweifellos ihren Höhepunkt erreicht; es liegt im Interesse der Aktionäre – –‹«

»Verzeihung, Herr Kommerzienrat, ich habe zweimal vergeblich angeklopft; der Wagen ist vorgefahren,« meldete der Diener.

»Ich fahre nicht. Ich habe noch zu viel zu thun. Fragen Sie in einer halben Stunde nach meinen Befehlen.«

»Zu dienen, Herr Kommerzienrat.«

Dieser für sich: »Ich habe schon lange nicht mehr mit so viel Vergnügen gearbeitet. Wenn mich jetzt Leo sähe, wie ich in meinem Element bin! Das wäre mein Ehrgeiz: sie müßte mich noch in das Gesicht ihres Barons hinein bewundern. [205] Was der alles mit Redensarten zusammenwurstelt – und wo man ihn anfaßt, da hat er nichts, und wo er hingreift, da findet er nichts. Es scheint, Leo hat ihn selber satt. Seit dem Karneval kommt er seltner ins Haus. Ich mein' fast, er weicht mir aus. Auf dem Faschingsball wollten mich die Esel mit ihm auf ziehen, dann schickten sie mir anonyme Briefe. Jawohl, der Kommerzienrat Raßler wird so dumm sein, auf euere Sticheleien und Angebereien 'reinzufallen! Daß ihn Leo gern gesehen hat, daß seine Suada ihr Ohr kitzelte, das macht mich noch lange nicht bedenklich. Ich kenne Leo; ich kenne auch diese Sorte von Süßholzrasplern. Der Rasp, die ser lächerliche Börsianer, und der Parklas, diese hölzerne Zählmaschine, und zum Schluß dieser Drillinger, der alle Vierteljahr einen andern Beruf verfehlte! Ja, diese eleganten Kurmacher – die sind akkurat wie die Zeitungsschreiber: ihre Hauptstärke ist das große Maul. Damit wollen sie Berge versetzen. Herrgott, beinah' möcht' ich einen Witz machen. Aber das Geschäft ruft. Wo bin ich stehen geblieben? Ah so, da: ›es liegt im Interesse der Aktionäre, nicht nur die Produktionssteigerung nicht höher zu treiben, sondern auch der Finanziierung [206] auswärtiger Brauereigeschäfte auf dem hiesigen Markte entgegenzuarbeiten. Nach letzter Richtung müssen dem Weiler die Hände gebunden werden. Er will uns mit einer österreichischen Brauerei auf den Buckel steigen und sucht überall nach kapitalkräftigen Dummköpfen, die ihm die Leiter halten sollen. Details nächstens. Übrigens soll er sich tief mit der Diskonto-Gesellschaft eingelassen haben, deren Wirtschaften mit den gewagtesten, ja, zweifellos unerlaubten Mitteln im finanziellen Verkehr einen baldigen Zusammenbruch wahrscheinlich macht.‹ Gott gebe, daß er dabei den Hals bricht. Wie unsinnig hat mich der Kerl damals mit seinen faulen Aktien beschwindelt! ... Lieber Nachbar Schmerold, du kannst auf mich rechnen ... Jetzt wär' mir aber eine kleine Erholung doch willkommen ...«

Gähnend öffnete er einen anderen Brief.

»Aus der ›Hölle!‹ Ja, das ist noch eine lustige altmünchnerische Gesellschaft und eine vornehme obendrein. Das verdank' ich meinem Kunstmäzenatentum, daß die Herren bei feierlichen Veranlassungen mich niemals übersehen. Was ist's diesmal? Eine Einladung zum Frühlings Diner, oder wie sie es nennen: zum [207] ›Höllenfraß‹! Nun ja, da hab' ich ja gleich meine Erholung – leider nur in Gedanken einstweilen. Hier das Menn in ihrer Geheimsprache:


Höllenfraß.
Teufelsbrühe.
Kleine Drachen mit Nachtschatten-Knollen
Hexenlenden mit Zubehör.
Pech und Schwefel.
Mephistoschweif mit feurigen Kohlen
Lasciate ogni Speranza-Pudding.
Großmutterkäse.
Früh-Obst aus Sodom und Gomorrah.
Gesöffe:
Satansblut M. 2. –
Grüneberger Auslese M. 2. –
Fünfmalhundertausend Teufel-Wein M. 5. –
Ditto M. 10.50.

Das verspricht einen höllisch fidelen Abend. Schade, daß man keine Satansweiber einführen darf. Da würde mein Leo Augen machen, wenn ich sie mit mir in diese Unterwelt schleppte ... Aber so gut geht mir's auf keinen Fall mehr in diesem Leben – Leo's Sinn ist nicht mehr umzustimmen; alles Gesellschaftliche ist ihr verhaßt. Wie einsiedlerisch hat sie mich gemacht! Oft kenn' ich mich selbst nicht mehr ... Das lustige Vereinsleben in meiner Jugend ...«

[208] Er saß einen Augenblick nachdenklich und seufzte. Der rot und schwarz gedrückte, mit allerlei Teufeleien zeichnerisch verschnörkelte Höllenspeisezettel zitterte in seiner Hand.

»Und nun rasch den Rest der Korrespondenz erledigt, damit ich endlich an die Luft komme,« fuhr er ärgerlich auf ... »Eine umfangreiche Denkschrift über die Bebauung der Isarufer, Ausbau der Quaistraße vom Lehel bis zu den Isarauen u.s.w. von einem gewissen Joseph Zwerger, begutachtet vom Architekten-und Ingenieurverein. Das soll ich doch nicht lesen? Nein, lieber Schmerold, das hättest du behalten können. Und was sagt mein Biswanger dazu? ›Verfrüht, kann erst in Erwägung gezogen werden, wenn der geschäftliche Teil erledigt ist; überdies scheinen Zwergers Pläne für Münchener Verhältnisse viel zu großartig und zu spezifisch künstlerisch. Wir müssen erst Praktiker von bewährtem Rufe hören, bevor wir mit Künstlern und Theoretikern ohne Namen uns einlassen.‹ Ich begreife den Schmerold nicht, daß er mir so etwas schickt ... Wir wollen doch nicht bauen, um den Künstlern einen Spaß zu machen? Was architektonische Phantasieen losten, das zeigt uns das Beispiel des Königs. [209] Das kleine Stückchen Quaistraße, das wir jetzt haben, ist doch wahrhaftig nicht übel. Wenn wir so fort bauen, wird die neue Isarstadt schön genug und wir kommen auf unsere Rente ...« Ein anderes Schreiben überfliegend: »Hab' ich's nicht gesagt, die Zeitungsschreiberei ist nur Wasser auf die Mühle der Sozialdemokraten? Jetzt marschiert das Lehel bereits gegen die Quaistraße an und verlangt Paläste für die Arbeiter! Dieses Schriftstück sollte ich eigentlich dem Xaver Schwarz, dem ewigen Vorstande des Hausbesitzervereins, vorlegen, der während der Gemeinde-und Landtagswahlzeit nicht müde geworden ist, als frommer Ultramontaner ein sozialistisches Mäntelchen umzuhängen, und den Noten um den Bart zu gehen. Jetzt sitzt er in der Kammer und im Reichstag und dünkt sich wunder was. Schwarz heißt er und schwarz ist er wie ein Schlotfeger – und er segt und scharrt auch fleißig, für seinen Sack wenigstens. Warum wenden sich die roten Lehelbrüder nicht an dieses Volksvertretungsmuster? Was wollen sie von mir, der ich weder Stadtvater noch Land- und Reichsbote bin, sondern einfacher Geschäftsmann? Meinen diese roten Lehelbrüder, in meinen [210] Geschaftsbüchern hätte ich eine Rubrik für ihre Wünsche und Hirngespinnste? Warum belästigen sie mich, da ich niemals etwas mit ihnen zu schaffen hatte? Und dieses Zeug soll ich lesen?«

Er wog den dicken Brief, aus dem er flüchtig einige Stichproben gelesen, in der Hand.

»Wie unverschämt diese Leute gleich ins Zeug gehen! ›Unser Volksverein hat vernommen, daß nächstens der Ausbau der Quaistraße, d.h. die vollständige Umgestaltung und Neubebauung des linken Isarufers in München, in großem Stile durchgeführt werden soll; das halbe Lehel, die Ländstraße, die Wasser-und Auenstraße werden diesem Plane zum Opfer fallen. Hunderte von armen Familien, die seit undenklichen Zeiten still und zufrieden da gewohnt, werden von den, Isarufern vertrieben oder in ungesunde Kellerwohnungen oder in entlegenere Pesthöhlen des Proletariats gedrängt werden. Der Grund und Boden, an den uns so viele Familienerinnerungen knüpfen, der uns gewissermaßen heilig ist, wird uns von der Bauspekulation entrissen, um ihn mit glänzenden Straßen, mit Villen und Zinspalästen zu bedecken. Uns einen Ersatz dafür zu bieten durch die Anlage von gesunden und billigen Arbeiterwohnungen in nicht zu großer[211] Entfernung von dem Weichbilde der Stadt und dem uns liebgewordenen Flusse, daran scheint keiner der Herren Spekulanten, die doch auch unsere Mitbürger sind, zu denken. Dabei wäre ja wenig oder nichts zu verdienen! Das Gesindel mag zusehen, wo es in Zukunft Obdach findet! Es kann ja in irgend einer Arbeiterkaserne Unterschlupf suchen! Luxuriöse Herrschaftswohnungen herzustellen, das verspricht diesen Herren vom Raubbauwesen ein besseres Geschäft, als das Erbauen von zweckmäßigen Wohnungen für Arbeiter, kleine Beamte und andere Angehörige unserer Weißen Kultursklaverei. Was brauchen diese armen Schlucker überhaupt zu wohnen und Familienwohnungsbedürfnisse zu entwickeln? Es ist auch weit sicherer und angenehmer, eine Wohnung um 1200 Mark zu vermieten an eine sogenannte seine Partei, als drei Wohnungen zu 400 Mark an Leute, die es trotz aller Anstrengung nicht weiter bringen, als von der Hand in den Mund zu leben. Dies ist der Standpunkt des Münchener Hausbesitzervereins, der natürlich nicht müde werden wird, die Bebauung der Isarufer so zu beeinflussen, wie es in seinen Interessenkram paßt. Die Vertreter von Gemeinde und [212] Staat kümmern sich ja nicht um die soziale Seite der Bausachen. Daß bei dieser Wohnungsfrage hohe sittliche Güter des Volkes auf dem Spiele stehen, kommt keinem dieser Herren in den Sinn. Die Macht des Kapitals rechnet nicht mit sittlichen Werten. Trotzdem wagen wir's unsere Stimme zu erheben ...‹ Wagt es immerhin, ihr Krakehler vom Volksverein im Lehel ... Was geht denn mich diese ganze Geschichte an? Sehe ich denn aus wie einer, der die Rolle eines Wortführers für die sozialdemokratischen Wühlhuber spielen und ihre umstürzlerischen Bestrebungen bei der Münchener Finanzwelt vertreten möchte? Oder soll ich Baugesellschaften für Arbeiterpaläste gründen, wo sich die armen Teufel einnisten und ihren Mietzins schuldig bleiben können? Es ist unglaublich, was sich diese Leute für freche Abgeschmacktheiten in den Kopf setzen. Sind das Zustände: auf der einen Seite wird man von den Künstlern und Architekten mit der Forderung belästigt, möglichst großartig und kostspielig zu bauen und die Millionen nur so auszustreuen, auf der andern Seite wird man von den roten Arbeitern ermahnt, in erster Linie auf ihre Bequemlichkeit [213] zu denken ...! Da soll man nicht wild werden.«

Eben wollte Raßler dem Diener klingeln, als dieser schon hereinkam und meldete, daß ein Herr Pfaffenzeller den Herrn Kommerzienrat zu sprechen wünsche.

»Nichts da, jetzt wird ausgefahren. Pfaffenzeller? Den kenn' ich gar nicht. Er soll in die Fabrik kommen, wenn er Geschäftliches vorzutragen hat.«

»Der Mann kommt von der Fabrik. Er bittet dringend. Er will sich nicht abweisen lassen.«

»Er will nicht? Den Menschen möcht' ich mir doch ansehen, der nicht will, wenn ich will. Ich bin nicht da, verstanden?«

»Doch, Sie sind da, Herr Kommerzienrat,« sprach mit wohlklingender Stimme ein junger Mann, dessen intelligentes Gesicht schmerzliche Entschlossenheit ausdrückte. Sein Anzug wie sein Auftreten verrieten den gebildeten, selbstbewußten Arbeiter. »Ich muß Sie sprechen, denn mir ist Unrecht geschehen.«

»Hier ist kein Gerichtshof!«

»Verzeihung, Herr Kommerzienrat, in meinem Falle doch. Mein Name ist Pfaffenzeller. Auf [214] die Empfehlung des Herrn Baron v. Drillinger habe ich vor kurzem Stellung in Ihrer Fabrik gefunden – und heute Vormittag hat mich Ihr Verwalter Nordhäuser kurzer Hand entlassen, ohne daß ich mir etwas im Geschäft hätte zu Schulden kommen lassen.«

»So? Davon weiß ich nichts. Es geht mich auch eigentlich nichts an. Aber wenn Sie von Drillinger empfohlen worden sind, so kann ich einmal eine Ausnahme machen und Ihre Geschichte anhören. Erzählen Sie!«

Während sich der Kommerzienrat in seinem Amerikaner wiegte, erzählte der junge Mann: »Infolge eines Antrittes mit dem Direktor des Kohlenwerks in Penzberg und weil ich dort schon lange gern weggegangen wäre, kündigte ich und ging nach München. Hier hatte ich das Glück, durch die Empfehlung des Herrn Baron v. Drillinger einen passenden Posten in Ihrem Geschäfte zu finden. Am ersten dieses Monats trat ich ein, Bezahlung und Arbeit gefiel mir, nur mußte ich eine Erklärung unterschreiben, von der mir vorher nichts gesagt worden war, nach welcher ich bis zur weiteren Regelung des Verhältnisses sofort entlassen werden konnte ... [215] Ich habe die Handelsschule und das Polytechnikum besucht, Herr Kommerzienrat ...«

»Das geht mich nichts an, bleiben Sie bei der Sache! Der Arbeiter ist für mich nur Arbeiter, so lange er mein Brot ißt, und nicht Privatmann, studiert oder unstudiert.«

»Wie es Ihnen beliebt, Herr Kommerzienrat. Also ich unterschrieb die Erklärung, weil ich sah, daß andere Neueintretende sie gleichfalls unterschreiben mußten. Heute Vormittag nun kam Ihr Herr Verwalter auf mich zu und zeigte mir an, daß ich sofort entlassen sei. Als ich ihn um den Grund fragte, wollte er mit der Sprache nicht herausrücken, zuckte mit den Achseln und sagte endlich, weil ich Handschuhe bei der Arbeit angehabt hätte. Als ich ihm bemerkte, daß dieses der wahre Grund nicht sein könne, wurde er hochfahrend und äußerte, mehr könne und wolle er nicht sagen, ich sei entlassen und damit wäre die Sache abgethan.«

Der Kommerzienrat: »Wie, war denn das mit den Handschuhen?«

»Mit dem Handschuhanhaben verhält sich's so: Ich arbeitete im Gußwarenmagazin selber mit, um alles genau kennen zu lernen. Das hätte ich ja nicht nötig gehabt, aber ich bin der [216] Meinung, daß man überall mit handanlegen und so viel als möglich alles praktisch lernen müsse zur Ergänzung der theoretischen Studien ...«

Raßler fuhr in seinem Stuhle herum und betrachtete den Kopf des Sprechers. Das Benehmen des jungen Mannes überraschte ihn, es lag etwas im Klang und Tonfall seiner Stimme, was ihm sogar imponierte. Die Stimme hatte metallischen Klang und zugleich etwas Kommandomäßiges, Herrisches, ohne Überhebung; der Kopf hatte scharfes Relief, wie aus Eisen gegossen.

Unbeirrt durch den prüfenden Blick Raßlers fuhr Pfaffenzeller fort – so ruhig und bestimmt, als verfechte, er die Sache eines Dritten: »Ich habe bemerkt, daß auch die anderen Leute mit schwieligen Händen bei ihren Arbeiten im Gußwarenmagazin sich der Putzwolle oder gewöhnlicher Lumpen bedientest, um ihre Haut zu schützen. Da meine Hände doch noch etwas mehr empfindlich sind, weil ich jahrelang vorwiegend in Büreaus thätig gewesen, und ich mit Lumpen nicht ordentlich zugreifen konnte, so zog ich ein Paar alte Handschuhe an. Das war's.«

[217] »Und Sie glauben nicht, wenn Ihnen Nordhäuser sagte, der Handschuhe wegen hätte man Sie entlassen? Warum glauben Sie nicht?«

»Weil der Grund ein kleinlicher wäre, ein so kleinlicher, daß ein richtiger Geschäftsmann sich schämen müßte, ihn ihm Ernste vorzubringen. Meine Vermutung, was der wirkliche Grund meiner Entlassung sei, wurde bald bestätigt. Ein Kollege teilte mir heute Mittag mit, Herr Nordhäuser habe schon vor einigen Tagen die Bemerkung fallen lassen, ich wäre vom Polizeikommissär und noch von anderer Seite – sehr wahrscheinlich vom Direktor in Penzberg – als Sozialdemokrat bezeichnet worden und in der Arbeiterliste auf der Polizei stände schon längst hinter meinem Namen das böse Zeichen SD, womit ich der besonderen Ausspionierung angelegentlichst empfohlen sei.«

»Und das sagen Sie so ruhig, junger Mann?«

»Gewiß, denn es ist eine elende Verleumdung. Wäre ich je Anhänger der heutigen Sozialdemokratie gewesen, meine Beobachtungen hätten mich davon geheilt.«

»Also verkehrten Sie mit Sozialdemokraten?«

[218] »Ich habe über die Sozialdemokraten und ihre Lehren die maßgebenden Schriften gelesen und zur Ergänzung meiner Studien habe ich an einigen sozialdemokratischen Versammlungen teilgenommen als stiller Beobachter. Neulich im Lehel in der Sankt Annabrauerei, wo sie über die Arbeiterwohnungsfrage debattierten, bin ich zum letztenmal dabei gewesen; man hat mich als verdächtiges Subjekt gemustert und beinahe hinausgeworfen. Ich bin von selbst gegangen. Die Leute konnten mir nichts mehr neues bieten. Es ist wie der Hund, der, wenn ihn die Flöhe beißen, nach seinem Schwanz schnappt und wie toll im Kreise herumfährt; der Grund dieser Bewegung ist einleuchtend, aber bei der Art der Bewegung kommt nichts heraus. Die Flöhe beißen- sich nur um so tiefer ins Fleisch. Ich bitte um Entschuldigung, Herr Kommerzienrat, wegen des drastischen Vergleichs.«

»So, so, bei den Sozialdemokraten im Lehel haben Sie Ihre Abende zugebracht ...«

»Verzeihung, nur wenige Abende und bloß studierenswegen.«

»Das ist gleich. Die Thatsache genügt, daß man Schlimmes von Ihnen denkt.«

»Mir genügt sie auch, jedoch in einem andern[219] Sinne. Traurig genug, daß man sich bei den herrschenden Klassen in besseren Geruch bringen kann, wenn man die Abende, statt sie mit sozialen Studien und Beobachtungen auszufüllen, in den Kneipen totschlägt oder mit Vereinssimpeleien und lüderlichen Frauenzimmern verbringt. Das gilt nicht für staatsgefährlich, denn es ist in den besten Kreisen Sitte. Hätte ich Geld dazu, wurde ich am Abend die besseren Abführungen im Theater besuchen und gute Vorträge hören. Allein das Gute ist zugleich das Teuere und das Teuere können sich nur die wohlhabenden Leute leisten. Ich bin leider noch nicht wohlhabend.«

»Nein, Sie sind jetzt der freie Mann mit dem leeren Portemonnaie und dem Kopf voll sozialdemokratischer Studien und ihre Stellung ist futsch.«

»Sehr gütig, Herr Kommerzienrat. Zunächst liegt mir nicht an der Stellung, sondern den wahren Grund zu erfahren, warum ich sie verloren habe. Daß ein fleißiger Mensch davongejagt werden kann wie ein Hund, ist schon stark genug von einer Geschäftsverwaltung, die sich selbst respektiert, daß man aber auch noch [220] mit Lügen, Verleumdungen und Ausreden davongejagt wird, ist beleidigend.«

»Was wollen Sie also, kurzgesagt?«

»Ich will, daß Sie Ihren Verwalter Nordhäuser veranlassen, den wahren Grund und die Quelle zu nennen ...«

»Dazu kann in meinem Geschäfte niemand gezwungen werden.«

»Gut. Der Herr Kommerzienrat ist also als Chef gegen seine eigene Beamtenmaschinerie machtlos oder hat nicht einmal den Willen zur Macht, was auf das Gleiche hinausläuft. Ich bedauere, meine Zeit mißbraucht zu haben.«

»Was haben Sie vor?«

»Ich werde nun den Baron v. Drillinger aufsuchen und ihm die Sache vortragen, vielleicht kann er für mich erreichen, was Sie ablehnen, vielleicht mir auch zur Wiedererlangung einer Stellung behilflich sein. Vorläufig druckt mich keine Not als das mir widerfahrene Unrecht.«

»Unrecht! Unrecht!« rief Raßler phlegmatisch. »In einem großen Geschäfte mit hunderten von Arbeitern muß auf Disziplin gehalten werden. Das verstehen Sie nicht.«

»Im Gegenteil, das verstehe ich sehr wohl. [221] Aber ich gebe nicht zu, daß man sich auf Disziplin hinausredet, wo man ein handgreifliches Unrecht begeht. Die Soldatenschinder kennen ja auch den Kniff.«

»Sind Sie mit dem Baron verwandt?«

»Nein.«

»Sie kennen ihn schon länger?«

»Ja und nein, je nach dem, was man unter kennen versteht.«

»Was halten Sie, von ihm?«

»Was ich von ihm halte? Das kann wohl für Sie gleichgültig sein, für meine Sache ist es gleichgültig.«

»Ihr Urteil interessiert mich. Ich lege sogar Gewicht darauf.« Dein Kommerzienrat kam es jetzt komisch vor, den Baron v. Drillinger in diese Sache, gezogen zu sehen. Aber er fühlte ein seltsames Bedürfnis, gerade die Meinung dieses Mannes über ihn zu hören.

»Er ist ein guter Mensch – alles in allem.«

»Weiter nichts?«

»Mir genügt er so.«

»Mir auch ... Wie sind Sie mit ihm bekannt geworden?«

»Ein Verwandter von nur, der Architekt und frühere Genie-Offizier Joseph Zwerger, zur Zeit [222] in Italien, ist als Studiengenosse mit dem Baron altbefreundet, daher datieren unsere Beziehungen. Ich bin in Franken geboren, ein Maingrüuder aus der Würzburger Gegend ...«

»Architekt Zwerger, so so, das interessiert mich. Und aus der Würzburger Gegend – na, das macht der Liebe kein Kind. Von dort stammt die Familie meiner zweiten Frau her. Bitte, wollen Sie nicht ein wenig Platz nehmen, Herr Pfaffenzeller, Sie sind so lange gestanden, wir können ja noch ...«

Sich unterbrechend, gegen den eintretenden Diener gewendet, der mit der Mahngrimasse eines unverschämten Bücklingmachers zur Ausfahrt drängte: »Ich weih schon. Lassen Sie wieder ausspannen; ich gehe zu Fuß.«

»Herr Kommerzienrat, ich habe in der That keinen Grund, Ihnen länger lästig zu fallen. Sie können und wollen mir nicht zu meinem Rechte verhelfen, damit ist meine Angelegenheit an dieser Stelle vorerst erledigt. Das Weitere wird sich finden. Ich habe die Ehre, Herr ...«

Diese Klarheit und Entschiedenheit, verbunden mit höflicher Form und Frische des Ausdrucks, berührten den Kommerzienrat immer sympathischer. Das war vielleicht eine Gelegenheit, [223] seinen Verwaltern und Aufsehern einmal zu zeigen, daß er ihnen auch als Menschenkenner überlegen sei ... Der Biswanger steht hoch in den Sechzigern ... Wenn dieser Pfaffenzeller sich an dessen Seite zu seinem einstigen Nachfolger ausbilden ließe! Der scheint ja ganz das Zeug zu haben, einen solchen wichtigen Vertrauensposten auszufüllen zum Vorteile des Geschäftes. Den Nordhäuser würde es freilich entsetzlich wurmen. Das schadet aber nichts. Nordhäuser kehrt neuerdings immer eine gewisse Überlegenheit heraus, spielt den Unfehlbaren, zieht fremde, besonders preußische Elemente mit Vorliebe ins Geschäft – in München haben ohnehin die alten Münchener bald nichts mehr zu sagen, wo eine einflußreiche Stelle offen ist, wird ein Ausländer untergebracht, alles wird verpreußt, überall werden Nordlichter auf die bayerischen Leuchter gesteckt, das hat ja dem König sein Land und seine Hauptstadt so entfremdet, in den Bergen hat er doch noch echte, treue Bayern um sich – –, jawohl, mein lieber preußischer Nordhäuser, der bayerische Pfaffenzeller wird dir sehr gut bekommen ...

»Herr Kommerzienrat, ich muß gestehen ... warum halten Sie mich denn auf?«

[224] Raßler hielt ihn am Ärmel und betrachtete ihn gedankenvoll mit seinen wässerig schimmernden Bulldoggenangen. Jetzt lächelte er ihn an, klopfte ihm auf die Schultern und quakte gemütlich: »Also die Bezahlung und die Arbeit hat Ihnen in meinem Geschäft gefallen? Wissen Sie was? Sie gefallen nur auch in meinem Geschäft. Ihre Entlassung scheint mir jetzt selbst eine Unzukömmlichkeit. Auf der einen Seite sind Sie entlassen, dabei bleibt's, der Disziplin wegen; auf der andern Seite stelle ich Sie wieder an, weil ich Sie für einen brauchbaren Menschen halte. So befriedigen wir beide Teile. Sagen Sie mir, wo haben Sie schon gearbeitet? In Penzberg und wo noch?«

»Nach kürzerem Aufenthalt in Belgien und im Elsaß, wo ich mich noch einmal als Architekt ohne genügende Erfolge erprobte, schlug ich mich in die Schweiz, wo ich zwei Jahre in Genf, zuletzt in der Girardschen Eisengießerei, Rue du Petit-Salève, thätig war. Damit glaubte ich meine Auslandsstudien vorerst abschließen zu können und ich kehrte wieder nach Bayern zurück.«

»Sie verstehen fremde Sprachen?«

»Des Französischen bin ich, soweit wir's im [225] Geschäft brauchen, vollkommen mächtig, mit dem Englischen bin ich gleichfalls genügend vertraut.«

»Sehr gut. Das wird dem alten Biswanger recht sein.«

Pfaffenzeller lächelte: »Warum dem alten Biswanger?«

»Das sollen Sie gleich erfahren: Biswanger braucht einen Adlatus sozusagen, und dazu werde ich Sie ernennen, sobald Sie eine gewisse Probezeit in meinem Privatbüreau bestanden haben.«

»Ich stelle nur eine Bedingung: meine Sache mit Herrn Nordhäuser muß vorher ins Reine gebracht werden. Ich bin nicht der Mann, der sich zur Thür hinauswerfen und zum Fenster wieder hereinziehen läßt.«

»Selbstverständlich, wenn Sie darauf bestehen. Darüber wie über alles übrige werden wir morgen in meinem Büreau einig werden. Jetzt sagen Sie mir nur noch eins: wissen Sie etwas von den Plänen Ihres Vetters Zwerger? Es sind mir da durch zweite und dritte Hand ein ganzer Stoß Denkschriften, Zeichnungen, Risse, Kostenvoranschläge und so weiter von ihm zugestellt worden. Haben Sie von seinen Absichten [226] oder Unternehmungen schon etwas gehört?«

»Sie meinen seine Pläne zur baulichen Umgestaltung Männchens an der Isar, am Marienplatz und auf der Theresienwiese?«

»An der Isar, bloß an der Isar. Das ist das nächste Projekt, das uns interessiert.«

»Gewiß, Herr Kommerzienrat. Seit Jahren beschäftigt ihn eigentlich nichts anderes. Diese Pläne sind sein Lebenswerk sozusagen. Bei seiner großen künstlerischen Begabung fehlt ihm nur die Geduld und Leidenschaftslosigkeit des praktischen Geschäftsmannes, um endlich im rechten Zeitpunkt an den rechten Platz zu kömmen. Seine Isarpläne, so unausführbar großartig sie auch auf den ersten Blick scheinen – ich war noch ein grüner Polytechniker, als er mir die ersten Aufschlüsse gab, aus denen ich damals allerdings nichts zu machen wußte – haben – unzweifelhaft eine Zukunft, vorausgesetzt, daß die bauliche Entwickelung Münchens nicht von der Spekulation verdorben oder von architektonischen Stümpern verpfuscht wird.«

»Wie meinen Sie das, Herr Pfaffenzeller?«

»Wenn man weit in der Welt herumgekommen ist, gewöhnt man sich, auch die Heimat [227] mit kritischen Blicken zu betrachten. Man lernt vergleichen und verlernt blind bewundern. Ludwig I., der Schöpfer der Kunststadt München, hat eine Reihe von klassischen und mittelalterlichen Bauwerken in Griechenland und Italien kopieren und den Münchenern als Musterbauten aufrichten lassen. Nach der Ludwigschen kam die Maximilianische Bauperiode für München; da verlegte man sich auf eigene Witzes- und Erfindungskraft. Damit ging es schon bedeutend abwärts. München ist aber durch beide königliche Bauherren wenigstens eine interessante architektonische Mustersammlung geworden und hat neue Straßen und Plätze für das gesteigerte Großstadtleben gewonnen.«

»Sehr richtig. Die Maximiliansstraße ist doch eine Pracht, dazu die Maximiliansbrücke und das Maximilianeum und ...«

»Nun, das ist sehr Geschmackssache, Herr Kommerzienrat. Die Maximiliansbrücke zum Beispiel ist die einzige von den drei oder vier Isarbrücken, die noch einigermaßen Stil hat und gut aussieht. Aber sie entbehrt doch wie die andern jedes bildnerischen Schmuckes, sie hat gar keinen monumentalen, skulpturalen Zierat, kein Bildwerk, sie ist in dieser Beziehung so [228] kahl als möglich. Für eine wirkliche Kunststadt sind sämtliche hiesige Brücken viel zu schmucklose Nutzbauten.«

»Sie wollen doch keine Heiligenfiguren auf der Maximiliansbrücke aufstellen, wie es neulich der fromme Xaver Schwarz zur Verschönerung der Isar im Gemeindekollegium vorgeschlagen hat? Etwa die zwölf Apostel, sechs links und sechs rechts, jeder mit seinem Marterwerkzeug, damit die Münchener ihr christkatholisches Bewußtsein stärken, wenn sie zum Hofbräuhauskeller hinüberwandeln?«

»Nein, für diese ultramontane Kapellen-Zucker bäcker-Plastik danke ich. Die fehlte gerade noch in der Kunststadt München! Da wäre es stilgemäßer, gleich die wirklichen Ortsheiligen Münchens, die Apostel der Bierbrauerkunst, geschart um Seine Majestät vom Spundloch, den heiligen Gambrinus, auf der Maximiliansbrücke aufzustellen ...«

»Der Gedanke ist gar nicht dumm,« meinte der Kommerzienrat; »der alte Schleibinger, der Sternecker, der Pschorr, der Sedlmeyer und so weiter würden sich ganz gut dort ausnehmen; sie haben für den Ruhm Münchens mehr gethan, als sich die Frommen träumen lassen.«

[229] »Einverstanden, Herr Kommerzienrat.«

»Ich sehe auch gar nicht ein, warum man München nur den Fürsten und Feldherrn, den Dichtern und Philosophen, wie dem Schelling, oder den Optikern, wie dem Frauenhofer, oder den Lithographen und Stenographen und dem Liebigschen Fleischextrakt-Erfinder Denkmäler setzt und nicht auch den großen Industriellen und Bräuern. Hätten Sie etwas dagegen?«

»Nein, Herr Kommerzienrat. Aber wir kommen von der Sache ab. Wir sprachen davon, was sich an den neuen Straßen aussetzen läßt ...«

»Haben Sie etwas an meiner Quaistraße auszusetzen?«

»Mit Ihrer Erlaubnis allerdings, Herr Kommerzienrat. In dieser von der Natur so bevorzugten Stadtgegend wäre mir keine Architektur lieber, als diejenige, welche Ihre Münchener Baumeister an dieser Stelle produziert haben.«

»Da muß ich Ihnen sagen: das verstehen Sie nicht. Die Quaistraße ist ein kleines Weltwunder. Fragen Sie nur einmal meine Engländer im zweiten Stock!«

»Dann sind diese Engländer sehr viel weniger [230] anspruchsvoll als ich. Das gebe ich zu. Diese aneinandergeklebten acht oder neun Häuser von gleicher Höhe, gleicher Schablonenhaftigkeit, gleicher Eintönigkeit der Verhältnisse, gleicher Schäbigkeit im Schmuck der klotzigen Stukornamentik mit den angeleimten Schwalbennester-Balkonen – ein kleines Weltwunder? Ihr Haus, Herr Kommerzienrat, macht allerdings eine Ausnahme.«

»Gut, dann soll Ihnen die Kritik der anderen geschenkt werden. Also Sie verlangen von den Neubauten mehr Schönheit und – – und –«

»Überhaupt mehr originelle Großartigkeit, jetzt wo die historischen Stilarten glücklich abgewirtschaftet haben. München ist darin noch sehr weit zurück.«

»Da kann später nachgeholfen werden.«

»Später! Das ist der Haken. Seit über zwanzig Jahren, das heißt während der ganzen Regierungszeit des jungen Königs Ludwig II. ist meines Wissens von staatswegen zur baulichen Verschönerung Münchens so gut wie nichts geschehen, wenigstens nichts, was sich mit dem messen ließe, was in dieser langen Zeit in anderen deutschen Großstädten gebaut worden ist.[231] Nun hat inzwischen eine radikale Umwandlung der geistigen Richtungen und des Verkehrs platzgegriffen – wovon sich natürlich unser Landesvater in seinen Märchenschlössern in den Bergen nichts träumen läßt. Auch in München ist die Industriestadt über die Kunststadt hinausgewachsen. Die Zahl der Einwohner und ihre Betriebsamkeit hat eine ungeheuere Steigerung erfahren. Nach allen Seiten dehnt sich der Nahmen der Stadt. Auch die landschaftlich reizvollsten Partien, wie die oberen Isarufer, die seither vollständig vernachlässigt blieben, lenken jetzt die Augen der Baulustigen auf sich. Alles spricht dafür, daß wir am Anfang einer neuen Bauperiode stehen, die an Umfang und Bedeutung alle ihre Vorgängerinnen weit übertreffen wird.«

»Sehr richtig.«

»Aber gerade hier liegt eine große Gefahr. Während der langen Stockungspause sind die großen Baukunsttraditionen verkümmert, dafür die industrielle und kapitalistische Spekulation und der dem Idealen abgewandte Sinn mächtig erstarkt. Welches wird also das Gepräge der neuen Periode sein? Welcher Geist wird sie beherrschen? Der kunstwidrige Geist der Spekulation, [232] der Geldmacherei. Und er wird die Architekten in seine Dienste zwingen und die Stadtverwaltung wird Ja und Amen dazu sagen, wenn nur die sicherheitspolizeilichen und gesundheitlichen Vorschriften nicht gar zu auffällig umgangen werden. Diese neue Bauperiode und die ihr anhaftenden eigentümlichen Gefahren hat Joseph Zwerger in seinem vorausschauenden Künstlergeist erkannt – und eine Frucht dieser Erkenntnis und des reinen Willens, sie der Entwickellung Münchens in segensvollster Weise dienstbar zu machen, sind die Zwergerschen Isarpläne. Die kleinen Rechen- und Baumeister werden zwar die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber sie werden nichts an der Thatsache ändern, daß Zwerger sich als einer der kühnsten Baukünstler des neuen Münchens in seinen Entwürfen ausgewiesen hat.«

»Wissen Sie das so gewiß, Herr Pfaffenzeller?«

»Ich begreife, Herr Kommerzienrat, daß Sie geneigt sind, mich der Übertreibung, vielleicht gar der Schwärmerei zu zeihen; Sie kennen mich noch zu wenig. Es genügt mir, wenn Sie daraus wenigstens den Antrieb schöpfen, die Zwergerschen Pläne eingehend von Sachverständigen [233] prüfen zu lassen und sie nicht unbeachtet von der Hand zu weisen. Ich habe schon in der Fabrik gehört, daß Sie mit bedeutenden Kapitalien sich an einer Baugesellschaft beteiligen, wollen ...«

»Ja, das will ich ... Die Überproduktion im Fabrikbetrieb treibt das Geld notwendig auf andere Wege. Da sucht man den besten, und als Kunstmäzen und Münchener Patriot – verstehen Sie –«

»Glaubt man ihn in der baukünstlerischen Spekulation erblickt zu haben, was ich vollkommen richtig finde.«

»Ihre freie Aussprache gefällt mir. Schade, daß wir Herrn Zwerger nicht persönlich hier haben. Auf schriftlichem Wege kommt man nicht ans Ziel.«

»Das Nämliche habe ich meinem Vetter längst gesagt. Ich werde ihn auskundschaften und herzitieren. Man muß zur Stelle sein und für sich selbst und seine Sache persönlich eintreten.«

»Wie Sie, Herr Pfaffenzeller! Sie haben mir schön zugesetzt! Glauben Sie mir, ein solches Auftreten hätte sich der Kommerzienrat Raßler sonst nicht leicht von einem andern bieten [234] lassen. Sie haben ein ganz verwünschtes Glück, mich heute gerade in so guter Laune getroffen zu haben. Na, ich werde Ihnen später noch einmal ordentlich Grobheiten dafür machen, daß Sie mich so erwischt haben ...« Und der Kommerzienrat schwappelte mit seinem dicken Bauche und lachte, aber plötzlich wurde sein Gesicht ganz blaurot und er sank, mit den Armen um sich schlagend, in den Stuhl. Pfaffenzeller ergriff die Wasserflasche auf dem Serviertischchen und bespritzte ihm die Stirn ... Alle Wetter! Das hat man von der Fettleibigkeit. Und von dem da: Pfaffenzeller schob eine halbgeleerte Kognakflasche auf die Seite und die Kaffeetasse und die Havannaschachtel ...

Als sich Raßler wieder erholt hatte, reichte er dem jungen Manne mit dem eisernen, glattgeschorenen Kopf, dem festen und klugen Blick und dem nervigen Arm seine dicke, feuchtkalte Hand: »Sie haben mir geholfen, ich danke Ihnen. Das kommt davon, wenn man seinem Arzt nicht folgt und sich überarbeitet. Morgen im Büreau wollen wir weiter verhandeln.«

Pfaffenzeller wollte sich eben verabschieden, als die drei Knaben hereinstürmten.

»Papa, wir machen jetzt mit der Mama den [235] Abendspaziergang. Gehst Du heute nicht mehr aus?« rief Franz.

»Wo ist die Mama?« fragte Raßler, ohne sich aus dem Sessel zu erheben.

»Sie erwartet uns unten im Garten,« antwortete Hermann.

Raßler seufzte: »Sie geht fort, ohne mich zu grüßen ...« Zu Pfaffenzeller: »Meine Söhne! Drei schlimme Buben, aber tüchtig. Die werden mich einmal im Geschäft übertrumpfen ... So, geht jetzt. Hermann, gib auf die Brüder acht und macht keine dummen Streiche. Begrüßt den Mann hier, das ist Herr Pfaffenzeller. Adieu jetzt, adieu.«

Nachdem sich auch Pfaffenzeller entfernt hatte, blieb der Kommerzienrat noch lange in trüben Gedan ken sitzen. Dem fragenden Diener sagte er bloß: »Schließen Sie die Fenster. Ich will heute weiter nichts. Ich bleibe daheim.«

Die Sonne war im Untergänge. Aus dem Feuermeere ihres Verscheidens zuckten die letzten goldenen Strahlen am Abendhimmel auf, der in mattem Blau schimmernd, sich allmählich mit braunen und grün-grauen Wolken streifte, bis der Dunst der Großstadt nach einem ungewöhnlich schwülen Nachmittag alle Farbenpracht in [236] einen trüben Dämmer hüllte. Ein letzter Sonnenstrahl hatte über Raßlers Wohnung hinweg die hohen Bogenfenster im Mittelbau des Maximilianeums getroffen und auf dem Spiegelgrunde blutig lodernde Glut entfacht. Raßler starrte gedankenvoll in das gleißende Gefunkel, bis ihm die geblendeten Augen schmerzten; im Wegsehen noch verfolgte ihn der Feuerzauber, glühende Scheiben rollten vor seinen geschlossenen Lidern. Als er nach einer Weile die Augen wieder aufschlug, war alle Beleuchtungsherrlichkeit verschwunden. In bleichem Dämmerlicht ragte der kalte Bau mit seinen stolzen Säulen und Loggien. Die Dunkelheit kroch gespenstisch durch die hohen Bogengänge der Seitenflügel und füllte sie mählich mit tiefstem Schwarz, die Formen und Farben der pompejanisch bemalten Hintergründe verschlingend.

Raßler hatte seinen Stuhl an das Balkonfenster gerückt. Das Maximilianeum dünkte ihm jetzt eine grandiose Theaterdekoration, eine Riesenkulisse, und in seinen schweifenden Gedanken tauchte plötzlich die Erinnerung auf an die letzte Vorstellung der »Götterdämmerung«, der er vor einem Jahr im Hoftheater mit Leopoldine beigewohnt. An ihrer Seite saß Drillinger. »Das [237] ist erhaben,« sagte der Baron und drückte Leo die Hand, als Brünhilde auf ihrem treuen Roß dem Flammentod entgegensprengte; »das möchte ich von Ihnen sehen« ... »Meine Frau soll für Sie durchs Feuer springen, Herr Baron?« hatte er dem begeisterten Kurmacher hingeworfen; »weiter haben Sie keine Schmerzen?« Was der Herr Baron oder Leopoldine darauf geantwortet, dessen entsann er sich nicht mehr, nur die schmerzliche Empfindung war ihm jetzt wieder gegenwärtig, die ihm jenes letzte gemeinschaftliche Theatervergnügen verbitterte: das Brennen in der Magengrube, der Druck im Genick, der gallige Geschmack auf der Zunge. Was er aber in jener Nacht in der Verschwiegenheit des ehelichen Schlafgemachs über sich ergehen lassen mußte, das überstieg alles Maß der Erinnerungsfähigkeit ... Leopoldine hatte sich seitdem verbessert; sie trieb die Unart nicht mehr so weit, ihm seinen Bettschweiß und schlechten Geruch ins Gesicht vorzuwerfen und damit ihren Ekel vor seinen zärtlichen Annäherungen zu rechtfertigen; sie begründete ihre Kälte und ihren Widerstand mit der Rücksicht auf seinen gesundheitlichen Zustand und auf das ärztliche Gebot, sich ja aller tieferen Aufregungen zu enthalten. [238] Das ließ sich eher hören und erleichterte eine Verständigung. Zuweilen hatte ihm ihr Widerstand sogar Spaß gemacht, besonders in der letzten Zeit, wo sie wieder mit ihrer angebornen Verschämtheit kokettierte und steif behauptete, daß sie gar keine sinnliche Natur sei und kein Bedürfnis nach männlichem Umgang habe ... Daß ihr auch das Glück der Mutterschaft versagt sein mußte! ...

Das Isarwehr war aufgezogen, so daß der Schwall des Wassers mit vermindertem Geräusch thalwärts abströmte. Auch von der Straße her kündigte sich die abendliche Stille an. Die von acht zu acht Minuten verkehrende Pferdebahn klirrte heller auf den Eisenschienen und das Schellengebimmel war in der Einsamkeit klarer, als im Lärmkonzert des Tages. Die hohen Schornsteine der Bräuereien und weiter zurück der Ziegeleien von Haidhausen wälzten ungeheure schwarze Rauchschwaden durch die Abendluft; getrieben von einem leichten Südost, nahm das kohlendunstige Gewölke seine Richtung über das Isarthal in die innere Stadt. Raßler pochte an den Fensterrahmen, ob er auch gut geschlossen; er fühlte sich so beengt auf der Brust, es war ihm, als müsse er selbst in dieser [239] erstickenden Rauchatmosphäre atmen ... Von den Schlöten seiner eigenen Fabrik konnte Raßler vom Fenster aus nichts gewahren. Wenn er heute doch hinausgefahren wäre! Vielleicht befände er sich wohler. Mußte ihm dieser Pfaffenzeller in die Quere kommen ... Ein merkwürdiger Mensch, eine Kraft – und für das Geschäft jedenfalls einmal von großem Wert. Was der alle Biswanger zu diesem Mitarbeiter sagen wird? Wo jetzt Leo mit den Kindern herumspazieren mag? Ach, Leo ...

So wirbelte dem Kommerzienrat alles bunt durch den Kopf. Es duldete ihn nicht mehr im Zimmer. Wenn er zum Nachbar Schmerold hinüberginge und sich erkundigte, ob der Herr Konsul schon von der Reise zurück sei? Die Angelegenheiten der Isarbaugesellschaft, die Vorlagen des Architekten Zwerger und die Wühlereien des Bankiers Weiler machen eine mündliche Unterredung dringend notwendig. Schmerolds sind nur so förmlich, die ungewöhnliche Besuchsstunde wird ihnen auffallen. Und Raßler mochte heute keinem kritischen Blick, keinem kritischen Wort mehr begegnen. Ja, die Schmerolds, die haben noch ein strenges Familienleben, das Respekt einflößt ...

[240] Er trat aus Balkonfenster und öffnete es leise, um die Abendlust zu prüfen. Der Wind wehte das Abendgebetläuten vom Giesinger Berg in die Stadt; jetzt ertönten die Glocken von der Mariahilferkirche in der An dazu, es war ein feierlicher Zusammenklang, und nach und nach sielen die ehernen Stimmen der näheren Kirchen ein, vom Gasteig, von Haidhausen, vom Lehel, von Bogellhausen – die Lust des ganzen Isarthals schien sich in Glockenklang anfzulösen, über den rauschenden Wassern und frühlingsgrünen Wipfeln wogten die feierlichen Harmonieen dahin, bald wie ein heller Psalm, bald wie klagende Geisterchöre ...

Raßler lauschte. Er unterschied zuerst die hohen und die tiefen Klänge der einzelnen Glocken, ihre Einsätze, ihren kürzeren oder breiteren Rhythmus, dann ihr Aussetzen und Verstummen. Am mächtigsten summte es vom Haidhauser Thurm. Schließlich war er selbst so bewegt von der ergreifenden Schönheit des Gebetläutens, daß er noch lange lauschend stand, als die letzten tönenden Schwingungen verhallt waren. Hob er nicht langsam die Hand zu den Augen, eine Thräne auszuwischen? Zitterte es nicht wie ein Nachhall frommer Empfindung [241] durch seine Seele, wie ein verwehtes Gebet aus seiner Jugendzeit?


Liebster Mensch, was mag's bedeuten

Dieses Abendglockenläuten?

Es bedeutet abermal

Deines Lebens Ziel und Zahl.

Dieser Tag hat abgenommen,

Bald wird auch der Tod herkommen ...


Wie ging's weiter? Er erinnerte sich der übrigen Verse nicht mehr. War's nicht unheimlich, daß sie ihm überhaupt heute in den Sinn gekommen? Sein Vater hatte sie ihm einst gelehrt; sein Vater hatte sie auch in den letzten Zügen gesprochen, als er unter dem Geläute der Abendglocken seinen Geist aushauchte – nach fürchterlicher Krankheit, nach fürchterlichem Todeskampfe. Er hatte ein böses Wüstlingsleben auf langem Schmerzenslager abzubüßen ... Der Geistliche hatte traurig den Kopf geschüttelt, als er seine letzte Beichte gehört. Dienstboten, junge Mädchen und Frauen, nichts war vor seiner Gewaltthätigkeit sicher gewesen. Das wußten die Kinder – und schämten sich des eigenen Vaters. Ein besudeltes Familienleben! Weg mit den Erinnerungen!

Nein, er mochte heute nichts mehr von Geschäften[242] wissen ... Zu Schmerold konnte er morgen hinübergehen. Er wollte seine Kinder und seine Frau erwarten.

Unter den alten Kastanienbäumen vor dem Raßlerschen Hause wandelte seit einer Viertelstunde Max von Drillinger unschlüssig auf und ab. Die tiefhängenden Äste mit den halbentfalteten Blätterknospen verbargen ihn dem Auge der Frau, die mit den Kindern vorübergegangen war. Ihr Anblick hatte ihn nicht gerührt. Eine völlig Fremde hätte er nicht gleichgültiger betrachten können. Er hat die Probe bestanden. Es war aus. Diese Episode, seines Lebens hatte ferner keine Macht mehr über seine Entschlüsse ... Seiner Unterredung mit dem Bankier Weiler waren noch schlimme Wahrnehmungen im Café Paul gefolgt. Er hatte dort den Baron Polly getroffen, den unleidlichen Schwätzer, der ihm allerlei Dinge zurannte, die seine Beziehungen zu Frau Raßler nach der Meinung allwissender Leute als katastrophenreif erscheinen ließen. Gerade jetzt ein Skandal, wo er mit sich einig geworden, seinem Leben eine andere Richtung zu geben? Er trug die letzten Zuschriften der Frau Kommerzienrat in der Tasche, uneröffnet, wie er sie empfangen. Was ließ sie [243] ihn nicht in Ruhe? Was drang sie sich ihm noch auf, da sie längst wahrnehmen konnte, daß das Abenteuer für ihn den Reiz verloren, daß er nur noch aus Gutmütigkeit ihr zu Willen gewesen? Früher hatte sie ihm von Schuld und Sühne vorphilosophiert und ihm manchen Genuß mit ihren kalten moralischen Sprüchen verdorben – und jetzt, wo er sie wieder in die alte Ordnung und in die Arme ihres unerschütterlich verliebten Gatten sanft zurückgleiten lassen wollte, jetzt – ach, es ist ja zu abgeschmackt. Was die Weiber ihre Leidenschaft und Treue nennen, ist oft nur ihre Eitelkeit und Trotzköpfigkeit. Daß der Streber Parklas, der sich nun bis zum Regierungsrat hinaufgeschleimt, ein Schurkenstücklein gegen ihn und Frau Raßler im Schilde führen solle, wie Polly auszuplaudern wußte, daß man den Preßbanditen gegen ihn Hetzen und dem Kommerzienrat öffentlich eine Schimpf- und Schandsuppe ein brocken wolle, das wäre doch zu infam. Welchen Vorteil könnten sich diese Menschen denn davon versprechen, sich in eine Abrechnung zu mischen, die nur ihn, den Kommerzienrat und seine Frau anginge? Abrechnung, ja, das sollte sein. Wenn er jetzt zu Raßler hinaufginge und ihm die [244] ganze Unterredung mit Weiler berichtete und zugleich auf etwaige Schurkenstreiche, die gegen seinen Geldbeutel und seine Reputation im Anschlage, diplomatisch vorbereitete? Und dann dankbare Verabschiedung und in den nächsten Tagen einen Ausflug, von dem kein Mensch wüßte, wozu und wohin? Als Geburtstagsgeschenk, das er sich selbst macht, dem vollen Frühling entgegen, nach diesem langen Winter des Mißvergnügens? Hinaus in die freie Ferne und die Stadt mit ihren Fesseln und Quälereien weit hinter sich? Wahrhaftig, der Bosheit der lieben Mitbürger zu entkommen, muß man ihnen den Rücken kehren, sich vergessen machen, untertauchen, verschwinden. Und weil die Bosheit immer irgendwen und irgendwas haben muß, sich daran gütlich zu thun, wie der räudige Hund an einem Knochen, den er sich in der Gosse erschnüffelt, so wird sie für das entwischte Opfer sich flugs ein neues suchen. Die verfolgende Meute der menschlichen Bluthunde muß die Spur verlieren ... Ja, er wird sich der Hetze durch eine Frühlingsfahrt entziehen ... Brigitta hat sich ja wieder erholt und die Einsamkeit wird auch ihr doppelt gut thun, wenn sie von seinen Nervositäten nicht mehr zu leiden [245] hat ... Und dem Weiler einen geharnischten Schreibebrief zum letzten Gruß, der Zähne und Hörner haben soll, damit er sich sputet, den verfahrenen Finanzkarren wieder auf glatte Bahn zu bringen ... Vielleicht wäre es auch empfehlenswerter, mit dem Raßler die Sache schriftlich abzumachen; da weicht man unangenehmen Gegenreden aus und hat die eigene Rede vollkommen in der Gewalt; zudem ist es nicht klug, noch einmal das Haus zu betreten, das so störende Erinnerungen weckt ... Im übrigen soll der dicke Kommerzienrat sich selber seiner Haut wehren ...

»Aber dem Tristaniden Doktor Trostberg, dem könnte ich den erbetenen Besuch abstatten. Wenn ich nur nicht seine Redseligkeit fürchtete, heute, wo mir ohnehin der Kopf summt. Ich werde ihm ein willkommenes Studienobjekt sein. Eine abstrakte Natur, wird er sich wenigstens nicht in meine persönlichsten Angelegenheiten eindrängen. Er sieht im Einzelnen nur das Allgemeine. Er ist ein kühler ein frostiger Schematisierungsfanatiker. Seine Art, das Leben zu betrachten, wird mir gerade jetzt wohl thun, wie ein kaltes Sturzbad einem – erhitzten Kopf. Ich geh' zu ihm ... Na, er [246] wird Augen machen ... Mit meinem optimistischen Widerpart wird's freilich nicht weit her sein ...«

Als Drillinger aus dem Schattenkreise der Kastanien treten wollte, kam eine lebhaft plaudernde Gruppe über den Steg am Wehr geschritten. Es waren drei Männer mit Cylinderhüten und hellfarbigen, kurzen Frühjahrsüberröcken. Drillinger trat rasch ein par Schritte zurück und lehnte sich an einen Stamm. In der Mitte des Steges blieben die Cylinderhüte stehen, vor der altertümlich aus Stein gehauenen Statue des heiligen Nepomuk mit dem, dürren Mooskranz, der im Scheine der nahen Gasflamme den Hals der grauen Bildsäule wie ein braungoldener Wulsttragen umschloß.

»Teufel noch einmal,« sprach Drillinger für sich, »die stehen genau so da, wie das Cylinderkleeblatt, das ich einigemale an der Ecke des Gärtnertheaters bemerkt habe. Die reißen Witze über den armen Brückenheiligen, wie man an der Bewegung der Cylinder und an dem Lachen merken kann. Die Worte verschlingt das tosende Wasser. Ich stehe selbst so da wie ein Marterl ...« Daß ihm das dumme Bild von damals wieder in den Sinn kommen mußte. [247] Er ärgerte sich über sich selbst und die Andern.

Jetzt kamen sie näher. Er verstand zuerst nicht jedes Wort, aber immerhin mehr, als ihm lieb war.

»Die vornehme G'weih-Straße ...«

»Wenn ich Raßler wäre, beantragte ich die Umtaufe ...« Es war eine meckernde Baßstimme. Der Sprecher trug einen semmelgelben Überrock.

»Raßler ... Laus der Gute ... Laus der Gute ...«

»Menelaus-Straße! Das machte sich verflucht klassisch ...«

»Das Spotten ist umsonst. Wenn die Quaistraße je einmal umgetauft wird ...«

»Das wird sie sicher, denn in München wird alles umgetauft – nicht bloß die Straßen –«

»Auch die großen Politiker: die Schwarzen in Patrioten, die Patrioten in Zentrumsmänner ...«

»Zentrümmer klingt schöner und kürzer ...« Dabei schwang der Sprecher einen Rohrstock mit silbernem Knauf, der im Gaslicht schimmerte.

»Dann wird aus Quaistraße Raßler-Straße, [248] da schwör' ich drauf, denn in der sogenannten Kunststadt siegt die Industrie über Geist und Witz und Verstand und wer den straffen Geldbeutel hat und zur rechten Zeit mit Geräusch zu öffnen versteht, der zieht ein in die Ruhmeshalle des Münchener Spießbürgertums und bekommt Statuen und Straßennamen, er mag ein Hornvieh sein in Folio ...«

»Ach, Schnürle, hören Sie doch auf mit Ihrem Künstlerneid ...«

»Bei Raßler ist noch kein Licht ...«

»Im Dunkeln ist gut munkeln. Drillinger, wißt Ihr, liebt das stimmungsvolle Dunkel für seine Schäferstunden.«

»Na, dem werden wir jetzt in der ›Kloake‹ für öffentliche Beleuchtung sorgen.«

»Wenn ihm diesmal das Schäfern nicht verleidet wird, dem stolzen Wiedehopf ...«

»Dann will ich dem Preßbanditen als einem dreckigen Stümper eigenhändig den Kragen umdrehen ...«

»Seien Sie ohne Sorge, die Abbildung allein genügt, daß den alten Hahnrei Raßler der Schlag trifft.«

»Das wär' des Guten zu viel. Da hatte ja der schöne Max gewonnenes Spiel!«

[249] Sie waren auf die Quaistraße hinübergeschritten. Die Stimmen erstarben in der Ferne.

»O ihr infamen Schweinehunde!« knirschte Drillinger. »Also ihr! Dieser Schnürle, dieser Fabian Pemsl ... der wie oft meine Kasse und meine Arbeit in Anspruch genommen ...«

Den Dritten hatte er nicht erkannt.

Er hätte sie erwürgen mögen, die Haut über die Ohren ziehen, in eine Pfütze treten, in die Isar schmeißen, – allein er konnte nicht von der Stelle, es war ihm, als wäre er knietief in den Erdboden gesunken, sein Oberleib schwankte, er mußte sich am Stamm festhalten. »Diese infamen ...« Die Wut preßte ihm die Zähne aufeinander, daß er kein Wort mehr hervorbrachte. Er starrte in der Richtung der Quaistraße den Cylindern nach und obwohl sie um die Ecke der Maximilianstraße verschwunden waren, schien es ihm doch, als wackelten sie noch unter der letztem Gaslaterne gleich schwarzen Gespenstern neben Raßlers Gartenthor. Nach einer Weile brach er in ein nervöses Lachen aus. »Zu Trostberg!«

Die Frau Kommerzienrat war mit den Kindern nun wohl schon eine starke Stunde unterwegs. [250] Zuerst hatte sie keinen festen Plan. Nur an die Luft und möglichst fern von jedem menschlichen Antlitz! Hermann und Franz gingen voraus – Hermann trug einen hellen Überrock und ein steifes schwarzes Hütchen mit geschwungener Krämpe, wie ein junger Herr; Franz dagegen war in seinem Matrosenanzug von leichtem dunkelblauen Tuch und Eugen in seinem braunen Jägertrikot.

»Wohin zu, Mama?«

Sie zeigte mit der Hand über den Steg. Eugen blieb an ihrer Seite; das Zischen, Broddeln und Tosen der Isar-Wasserfälle an der Feuerwerksinsel erfüllte ihn mit freudigem Grausen, mit süßer Angst. Er kam sich in seiner Furchtsamkeit doch so kühn vor, über die alten, morschen Balkenlagen, die jüngst erst mit frischen Stämmen ausgeflickt worden waren, dahinzuschreiten, unter sich die ungeheuren Strudel, deren Gewoge in weißem Schaum aufspritzend, donnernd von Absatz zu Absatz hinab springend, auf der anderen Seite der Insel das tiefer liegende, ruhige Bett erreichte. An der wildesten Stelle, wo der Wasserschwall am unheimlichsten tobte, daß vor lauter schaumigem Gischt und glitzernden: Sprühnebel das grüne Isarwasser [251] nicht mehr zu erkennen war, hielt sich Eugen auf der einen Seite an der Hand der Mutter, auf der andern an der dünnen, grauen Holzstange, welche das Geländer vorstellte, denn die Stadtväter, hatten sich aller Unglücksgefahr zum Trotz noch nicht entschließen können, diese Ufer- und Wegstellen des doppelarmigen, reißenden Flusses mit zuverlässiger schützenden Eisengeländern zu umgeben.

»Mama, sieh, hier ist die grüne Isar ganz weiß.«

»Ja, mein Kind.«

»Wie Milch.«

»Ja.«

»Es gibt ein Land, Mama, wo Milch und Honig fließt, sagte Herr Schlichting. Das muß schön sein. Da möchte ich hin. Du auch, Mama?«

»Ja, mein Kind.«

Hermann und Franz blieben bisweilen im Gespräche stehen, lehnten sich über die Geländerstange, riefen den Nachkommenden Bemerkungen oder humoristische Warnungen zu, ließen sich aber von Mama und Eugen nicht mehr einholen; sie fühlten sich als freie Spaziergänger, die nach eigenem Geschmack dahin und dorthin [252] schlendern konnten. Ein rückwärts gewandter Blick genügte ihnen, immer den geziemenden Abstand wieder herzustellen, wenn sie etwas zu weit vorangeeilt waren. Die Richtung, die fortan einzuschlagen war, konnte ja nur die eine sein: zwischen den Wassern, auf den Stegen und Landzungen der zwei Isarläufe bis hinauf an die Reichenbachbrücke. Frau Raßler ging gleichmäßigen Schrittes, die großen, ernsten Augen gesenkt, ihr feines, bleiches Gesicht von dem schwarzen, mit Schmelzperlen besetzten Hut umrahmt, die stolzen Lippen ein wenig schlaff geöffnet, manchmal in den Winkeln krampfhaft bebend. Sie hielt einen Augenblick die Schritte inne und atmete kräftig.

»Mama, bist Du müde?«

»Nein, mein Kind.«

»Mama, was ist unter dem Wasser, daß es immer so aufstrudelt?«

»Es wird über Löcher und Steine und Felsen gejagt und da überschlägt sich's.«

»Wer jagt's denn?«

»Es jagt sich selber, weil's abwärts will.«

»Warum will's denn abwärts?«

»Weil's muß, es kann nicht anders. Sein Lauf ist so.«

[253] Nach einigem Besinnen fing Eugen wieder an: »Ist es wahr, sind Hexen unter dem Strudel? Die Gusti sagt, es sind Hexen darunter und die machen das Wasser so wild, daß es strudelt.«

»Das sind Dummheiten.«

»Gusti sagt oft Dummheiten, Du hast Recht, Mama.«

Die Abendsonne warf helle, warme Flecke aus die gelblichgrünen Wipfel der Uferweiden am Gasteigabhang, während die städtische Baumschule unten am Flußrand schon im Schatten lag. Frau Raßler schloß ihren weiß und schwarz gestreiften Entontcas.

»Sieh, Mama, wie das goldene Kreuz auf dem Auer Kirchturm funkelt.«

Der durchbrochene Helm des gotischen Turmes der Mariahilfkirche aus rotem Sandstein stand wie verklärt in seinem lichtrosigen Scheine und erhob sich in majestätischer Ruhe aus der geräuschvollen Flußlandschaft; etwas weiter rechts schwang sich der schlankere Giesinger Kirchturm in dunklerer Färbung und anmutigen Lullen in den grausilbernen Duft des von gelben Schleierwölkchen durchwobenen Himmels.

Jetzt waren Hermann und Franz an der [254] Reichenbachbrücke angelangt; sie blickten rückwärts: »Gehen wir da hinüber?«

Die Mama war so in Gedanken, daß sie nicht auf die Frage achtete.

Im Wirtshaus an der Ecke der Frühlingsstraße spielte eine fidele Musikbande »Ach ich hab' sie ja nur auf die Schulter geküßt.« Hermann pfiff die Melodie mit und blieb bei der zerlumpten Händlerin stehen, die unter einem grauleinenen Schirmdach am Brückeneingang auf einem schmutzigen wackeligen Tisch ihre Waren feilbot: gebratene Fische und Schmalznudeln, schichtweise aufgehäuft, von schöner dunkelbraunroter Farbe mit gelblichen Tupfen.

»Einkäuft, junger Herr, einkauft!«

Hermann hätte gerne in seiner Laune irgend eine scherzhafte Ansprache an die Handelsfrau halten oder sonst einen Possen mit ihr anfangen mögen, – allein die Mama! Und es waren auch zu viele Leute da; das war auf der alten Holzbrücke ein Gewühl von Arbeitsvolk, das in die Stadt zurückkehrte oder nach der Vorstadt hinaus ging, die meisten mit spaßlosen, vergrämten Gesichtern und schlechten Kleidern, daß dem vornehmen Kommerzienratssohn die Lust verging. Franz hatte sich auf den hohen [255] Wurzelast eines alten riesigen Weidenbaumes, der mit seinem weitausladenden Astwerk hart am Ufer stand, voll turnerischer Behendigkeit aufzuschwingen bemüht und rief jetzt dem herbeieilenden Eugen zu: »Hilf ein wenig, da oben ist's lustig zu sitzen!«

Eugen faßte den Kletterer unter dem rechten Knie, dann unter dem linken Knöchel und machte hup, hup. Richtig war Franz mit brüderlicher Nachhilfe hinaufgelangt. Er that noch ein übriges und stellte sich hoch auf – auf dem originellen Wurzelsitz.

»Jetzt mußt Du eine Predigt halten, wenn Mama vorüberkommt!« rief Eugen voll freudiger Selbstbewunderung seiner Stärke und seines Einfalls. »Gelt, Franz?«

»Ja, wenn mir etwas einfällt.«

»O nur so etwas – wie das Einmaleins oder das Vaterunser, das wird Dir schon einfallen,« meinte der kleine Eugen in seiner drolligen Klugheit, während er sich bückte, um ein zart gedrechseltes Schneckenhäuschen aus, dem frisch sprossenden Gras aufzuheben.

Frau Leopoldine fühlte sich ermüdet; ihr Gang war schleppend geworden. Hier in diesen jungen Anlagen war sie einst mit Max von [256] Drillinger spazieren gegangen – war's wirklich erst vor einem Jahr? Ja, wirklich – und es dünkt ihr doch so weit, so weit zurück. Und auch zur Frühlingszeit war's. Und auch eine böse Szene war vorausgegangen. Allein die Umstände waren damals ganz anders. Der Baron schien wirklich in seiner Liebe neue Läuterung und in seiner Treue neue Kraft gewonnen zu haben, sein ganzes Leben ernster zu erfassen. Auch die Beziehungen zu Raßler hatten vieles Entwürdigende abgestreift. Freilich wagte man noch nicht an die Zukunft zu rühren: wie denn aus diesem Gesetzlosen ein Gesetzliches, aus dem Unerlaubten ein Erlaubtes werden könne ...? Aber es gab eine Versöhnung, eine Verständigung ... Wie viel blendende Wunder bot damals die verjüngte Welt, der neu erblauende Himmel ihrem Auge! Es war, als rauschte die Isar ihr das Echo all' der bezaubernden Reden und Schwüre Drillingers ins Ohr ... Ach, wo ist sie hin, die Poesie jener Abende am Isarufer, wo sie und er, ein verbrecherisches, aber überseliges Liebespaar, im grinsen Blätterschatten ihre Wonnen bargen ... Nein, nicht mehr daran denken, nie mehr! ... Unselige Welt! ... Wie verfliegt aller Zauber, [257] sobald sich die Sonne der Liebe verdunkelt, wie kalt und häßlich wandelt sich alles Leben ... Einst hatte sich Leopoldine das Wort aufgeschrieben: »Wem nie von Liebe Leid geschah, geschah von Lieb auch Liebe nie.« Das war mehr als Leid, was ihr Max v. Drillinger jetzt zugefügt, das war Beleidigung, Infamie! Und Zorn und Ekel wollten sie erfassen ...

»Eugen? Wo bist Du?« rief sie ängstlich und ärgerlich zugleich, als sie sich plötzlich allein, sah.

»Hier, Mama! Such mich!« antwortete der Schelm mit verstellter Stimme hinter dem Weidenbaum hervor.

Und als sie sich nun näherte und Franz seine Predigt beginnen wollte, fiel ihm wahrhaftig nichts ein als das Einmaleins, das Vaterunser und ein Bibelspruch. Und er deklamierte mit naivem Pathos den Spruch: »Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm.«

Klang's ihr nicht wie Hohn aus Kindesmund?

»Gelt, Mama, der Franz predigt gut? Ich schenke ihm ein Hans zur Belohnung.« Er warf ihm das Schneckenhäuschen hinauf. Franz fing [258] es geschickt auf – und da fiel ihm plötzlich etwas wunderbar Poetisches ein: »Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar!« Er wußte nicht mehr, wo und von wem er das gehört hatte, vielleicht von der Gusti oder vom Jean, wenn sie abends an den Hoffenstern ihre Gefühle austauschten und die Buben mit brennenden Wangen lauschten, – aber famos war es gewiß. Den Zeigefinger auf das emporgehaltene Schneckenhäuschen richtend – »Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend –« Was war das? »Ach Gott, Mama, warum schlägst Du mich?« Und mit einem Satz war er auf dem Boden und stand totenbleich vor ihr. »Mama, was hast Du gethan?«

Hatte sie wirklich mit dem Schirm nach dem deklamierenden Kind geschlagen? Sie konnte sich im Augenblick nicht deutlich Rechenschaft geben vor Erregung. Ein furchtbarer Vorwurf drohte ihr aus dem entsetzten Gesichte des Knaben. So waren sich Stiefmutter und Stiefkind noch nie gegenüber gestanden.

Hermann kam herbei. Er hatte den Vorgang nur halb gesehen. »Was gibt's denn?«

Um sich Fassung zu geben in dieser seltsamen [259] Ratlosigkeit, herrschte sie ihn an: »Geh mit dem Franz heim, er war unartig. Eugen bleibt bei mir.«

Hermann betrachtete bald die Stiefmutter, bald den Bruder. Dann schüttelte er den Kopf, faßte Franz am Arm und sagte: »Gut, gehen wir heim. Komm!«

»Darf ich nicht auch mit heim?« fragte Eugen schüchtern, mit einem fragenden Blick auf die Hand in Hand davongehenden Brüder.

Was wollte sie eigentlich nun selbst?

Sie reichte Eugen schweigend die Hand und ging mit ihm der Brücke zu. Kaum war sie in der Mitte derselben angelangt, stieß sie in einer Lichtung des Gewühls auf den Professor Hirneis. Seine Freunde hatten immer behauptet, daß er zwei linke Beine habe, denen schwer auszuweichen. Diesmal schien die Unmöglichkeit des Ausweichens auf beiden Seiten gewesen zu sein. Sie waren sich fast schon auf die Füße getreten, als sie sich erst erkannten.

»Ah, Frau Kommerzienrat, sieht man Sie auch wieder einmal; welch' angenehme Überraschung!«

»Die hätten Sie sich früher verschaffen [260] können, Herr Professor, wenn Ihnen daran gelegen wäre ...«

»Gnädige Frau, das Leben stellt Ansprüche ... Wollen Sie sich gütigst erinnern, daß ich einmal fünf Einladungen ausgeschlagen habe, nur um einen Abend in Ihrer Gesellschaft zubringen zu können.«

»Das muß sehr lange her sein, Herr Professor?«

»Ja, nach den vielen Veränderungen, die wir seitdem erlebt, gewiß einigermaßen lange ... Wie geht es dem Herrn Gemahl?«

»Danke ...«

»Was führt Sie zu so später Stunde in diese Vorstadtgegend? Darf man so indiskret fragen als alter Freund?«

»Das Bedürfnis eines längeren Spaziergangs, Herr Professor,« antwortete sie nicht ohne Verlegenheit und Überraschung. Was berechtigte ihn zu dieser Aushorcherei? War ihr Privatleben etwa wie ein Buch, in dem jeder blättern und nach Belieben Fragezeichen und Randglossen anbringen durfte? Hat nicht jeder genug zu thun, sein eigenes Lebensbuch zu studieren und in Ordnung zu halten? Oder erwirbt [261] mit der Berufung auf alte Bekanntschaft jede Rücksichtslosigkeit einen Freischein?

»Wohnt nicht auch der Herr Baron von Drillinger hier in der Nähe? In der Auenstraße?«

Er konnte sich diese unverschämte Anspielung nicht schenken.

»Sie können versichert sein, daß mir das sehr gleichgültig ist. Mein Besuch in der Auenstraße gilt einer ganz anderen Person – einer – einer Kindspflegerin.«

Das war ihr wie eine Eingednug gekommen. Vor einer Minute hatte sie selbst noch nicht daran gedacht. Aber jetzt war's doppelt gut, daß ihr diese Absicht nachträglich zu ihrem Spaziergang eingefallen. Die Kindspflegerin! Der Gedanke an Elisa v. Hutzler war ihr durch den Kopf geblitzt. Aber warum Kindspflegerin? Richtig, Eugens Amme wohnte mit ihr im nämlichen Häuschen. Und beiden Frauen stand sie als Wohlthäterin schon lange nahe. Jetzt, wo alles im tollen Wechsel kreist, wird es auch da eine Veränderung geben. Es ist gut, darauf vorzubereiten.

Der Professor aber dachte: »Natürlich rückt sie ihm auf die Bude und schleift den armen [262] Jungen als Aushängeschild der Harmlosigkeit mit.« Er stellte sich jedoch möglichst befriedigt von dieser Antwort: »Freilich, ja, ja, ich kann mir's denken; ein Werk der Barmherzigkeit, so en passanr, wie es unsere im Wohlthun nie ermüdenden Frauen zu üben pflegen. Ich will Sie nicht länger aufhalten. Es ist mir eine große Freude gewesen. Habe die Ehre, Frau Kommerzienrat, habe die Ehre!«

Die, Ehre! Ja, ja.

Das war der berühmte Gelehrte und Schriftsteller, um den sich die, schöngeistigen Damen rissen, ihre Gesellschaftsabende mit ihm zu schmücken – und in seinem Gemüte doch nur ein roher Egoist und rüpelhafter Geck. Wie so viele andere hatte er auf den ersten kommerzienrätlichen Soireen Frau Leopoldine umschmeichelt und manch ein glühendes Gedicht in professorlichem Zopfstil gewidmet, sogar ein komisches Epos »das bräunliche Schinkenbein« hatte er sich's kosten lassen, sie wenigstens zur Bewunderung seiner universellen Begabung zu entflammen und ein dankbares Lächeln von ihr zu erhaschen; denn ihr Lächeln, behauptete er damals, sei noch schöner, als ihr wunderschöner Mund, ihr Blick noch schöner, als ihr wunderschönes [263] Auge ... Als sich jedoch sein von Frau Raßler nicht genügend gewürdigtes Genie zu innigerem Bunde mit der holden Psyche der Thusnelda Wechsler vereinigt hatte – »ich schwärme für das Abnorme,« rechtfertigte Thusnelda ihre neue Neigung – zog sich der Vielbegehrte zurück. Seine Besuche wurden seltener, dann hörten sie ganz auf. Und jetzt haderte – Frau Leopoldine mit sich selbst, daß sie ihm bei dieser zufälligen Begegnung noch Rede gestanden, statt sich auf eine förmliche und flüchtige Erwiderung seines Grußes zu beschränken. Ja, sie hatte ihn nunmehr im Verdacht, daß er vielleicht dem in Hexametern verfaßten anonymen Spottgedicht nicht ganz ferne stehe, das sie vor wenigen Tagen erhalten und worin in ziemlich schmutziger Geistreichelei auf das angebliche Verhältnis Drillingers mit einer kleinen Gesangskünstlerin angespielt war: nachdem er sich lange gemüht, mit markigem Strich der hochgereckten Baßgeige wonniges Getön zu entlocken, presse ein zierliches Violoncell er jetzt zwischen die ermüdeten Kniee – Leopoldine erinnerte sich der gekünstelten Wortfolge nur noch ganz lückenhaft und undeutlich, denn sie hatte das boshafte Pasquill im er sten Zorn sofort verbrannt.

[264] »Mama, gehst Du noch weit? Du gehst so schnell!« stieß der kleine Eugen hervor mit Thränen in der Stimme.

»Armer Kerl, Dir geht's heute auch schlimm. Nein, wir gehen nicht mehr weiter. Nur noch ein paar Schritte. Wir fahren dann ein großes Stück mit der Trambahn zurück.«

Sie beugte sich zu ihm nieder und streichelte ihm tröstend die Wangen und küßte ihn.

Am äußersten Ende der Auenstraße lag hinter dem großen, eingeplankten Platze, der im Sommer als Nennplatz für die Radfahrer, im Winter als Eisbahn für die Schlittschuhläufer diente, eine Reihe von uralten, einstöckigen Hänschen, umgeben von Gärten, Gemüsefeldern und Schuttablagerungen. Die Bauart war die denkbar einfachste, ländlichste. Die Wände waren wettergrau, die Thüren und Fenster ohne Symmetrie, die Ziegeldächer saßen windschief. Aber es sprach etwas Trauliches, Anheimelndes aus diesen anspruchslosen Gebäuden. Das eins hatte eine gedeckte Treppe gegen den Garten, mit wildem Wein oder Epheu umrankt, das andere eine Art von Veranda, wo Rosmarin, Goldlack und rote Nelken in Töpfen blühten, das dritte eine Holzaltane, – wo seit Generationen die [265] treue Hausschwalbe ihr Sommernest bezog – kurz, jedes hatte etwas, was die Freude seiner Bewohner an dieser stillen ländlichen Natureinsiedelei im Rücken der Stadt und fünfzig Schritte von der Isar, die zwischen hohen Bäumen und Büschen eilig dahinrauschte, zur Lust am Romantischen im stimmungsvollen Kleinleben der Armut erhöhen konnte.

Meist wohnten hier Leute, die eine lange, billige Miete genießend, ein Stückchen Feld dazu gepachtet hatten und eine bescheidene Gemüsegärtnerei trieben, oder Schiffbrüchige des kleinen Gewerbestandes, die sich hieher wie auf ein Wrak gerettet hatten, oder solche, die in der Zurückgezogenheit ihr Leben fristen und die Wunden vernarben lassen wollten, welche ihnen der Kampf um ein eigenwillig, von der gewöhnlichen Ordnung abweichend gestaltetes Dasein geschlagen hatte.

Zur letzten Gattung gehörten die Bewohner des abseits vom Landwege liegenden, nur auf einem schmalen, holperigen Pfade zu erreichenden Gartenhäuschens, über dessen vermorschte, ausgetretene Holzschwelle jetzt die Frau Kommerzienrat Raßler mit ihrem Söhnchen schritt.

»Elisa v. Hutzler singt,« sagte sie und blieb [266] einen Augenblick im dunklen Flur stehen, tief Atem holend und den seufzerartig anschwellenden und verwehenden Tönen der Sängerin lauschend. Es war eine kranke, müde Stimme, die sich an einem wenig bekannten pietistischen Liede aus dem vorigen Jahrhundert abmühte. Auf einem ausgespielten Harmonium wurden weinerliche Akkorde dazu angeschlagen. Der Text, soweit ihn Frau Raßler verstehen konnte, war sonderbar genug, rührte sie aber in seiner frommen Naivetät fast zu Thränen. Sie ließ sich auf die Treppe nieder und zog das Kind auf ihren Schoß. Draußen waren die Lichter des Sonnenuntergangs verglommen. Die Nacht sank dunkelnd hernieder ... Der seufzerartige Gesang, klang wie aus einer andern Welt ... An einzelnen Stellen fiel eine tiefe, zitterige Männerstimme mit ein, ganz geisterhaft ...


Wo ist mein Schäflein, das ich liebe,

Das sich so weit von mir verirrt,

Und selbst aus eigener Schuld verwirrt,

Darum ich mich so sehr betrübe?

Wißt ihr's, ihr Auen und ihr Hecken,

So sagt mir's, eurem Schöpfer an:

Ich will seh'n, ob ich's kann erwecken

Und retten von der Irrebahn.


[267] »Mama, wer singt so? Mama, Du weinst?« Und ängstlich umschlang das Kind den Hals seiner Stiefmutter. »Mama, müssen wir lange da bleiben? Erwartest Du jemand, Mama?«

Sie preßte den kleinen, scheuen Frager an die leidenschaftlich wogende Brust. Von oben klang der Gesang fort:


Ich will dir keine Ruhe lassen,

Ich will dich locken bis du hörst

Und dich von Herzen zu mir kehrst;

Ach, wie will ich dich dann erfassen

Und an mein Herz ganz sanfte drücken,

An Liebesseilen sollst du gehn,

Dann wird kein Feind dich mehr berücken,

In meinen Hürden sollst du stehn.


»Mama, ist eine Kirche da droben? Das klingt wie eine Orgel.«

»Das ist mehr als Kirche und Orgel, mein Kind. Das ist ein frommes Herz in einem frommen Haus ... Komm jetzt!«

Das Stübchen lag im Dunkeln. Der Abendgruß Leopoldinens wurde zunächst mit dem Anzünden einer Stearinkerze beantwortet. Elisa v. Hutzler leuchtete dem späten Gaste ins Gesicht. »Ach Sie!«

»Ja, ich und hier mein Eugen.«

[268] Von der Ecke hinterm Ofen her eine zitterige Stimme: »Danken Sie Gott für Ihr Kind. Wo ist das meinige? Räuber und Mörder ... Ich werde es nie wieder sehen ...«

»Wenn es Gottes Wille ist, Knöbelseder, ja!« unterbrach ihn beschwichtigend Elisa von Hutzler. Und sich zu Frau Raßler wendend, flüsternd: »Ach, es ist noch schlimmer mit ihm geworden, seit Sie zuletzt hier waren, edle Wohlthäterin. Er ist ganz erblindet und der Wohnungswechsel damals hat seinen Verfolgungswahn neu genährt. Und auch hier ist kein Bleibens. Es wurde uns fürs nächste Ziel gekündigt. Wie uns das bekümmert. Wir müssen fort und wissen nicht wohin.«

»Ja, wir sind heimatlos auf heimischer Erde,« hob die zitterige Stimme hinter dem Ofen wieder an. »Wo man sich unter einem Dache glaubt, wird's abgerissen. Wir sind obdachlos. All' die schönen, alten Häuschen ringsum an der Isar werden abgerissen – ist's wahr? Zuletzt müssen wir armen Leute in den Steinbruch, wie der Maler Essenbach, wenn wir nicht vorher ins Grab sinken. Die Geldmenschen kennen kein Erbarmen. Warum verfolgt Gott die Armut so?«

[269] »Lästere nicht, Gregor. Die Frau Kommerzienrat hat uns viel Gutes gethan, sie wird auch ferner ihre Hand nicht von uns abziehen. Wie dankbar müssen wir ihr sein ...«

»Ich bin ja selbst bettelarm, und was ich Ihnen gegeben habe, war nicht von meinem Eigenen; mir haben Sie nichts zu danken, außer der Vermittlung, denn nicht die Gabe war mein, nur die Hand, die sie dargereicht hat.«

»Und das Herz! Ihr großes, gutes, edles Herz!« rief das alte, verrunzelte Fräulein mit einer Gewalt, der Empfindung, der ihre Stimme nicht gewachsen war, so daß sie überschlug und quicksend und weinerlich klang wie die eines Kindes. »Gott wird es tausendfach an Ihren Kindern lohnen, Frau Kommerzienrat!« Und sie legte, ihre welke Hand segnend auf den Scheitel Eugens, der sein Köpfchen ängstlich senkte. »Wie ist der Junge gewachsen und schön geworden, seit wir ihn nicht mehr gesehen ...«

»Ja, das Kind, das Kind, wie ist es schön geworden ... Wißt ihr's, ihr Auen und ihr Hecken? O mein Schäflein ... Räuber, Mörder ... Mitmenschen ...«

Frau Raßler kannte diese Jammerausbrüche [270] des alten Mannes, aber nie waren sie ihr so zu Herzen gegangen wie heute. Eugen hing krampfhaft an ihrem Arm. Ja, sie mußte den Besuch abkürzen und gehen. Es war auch schon so spät. Nur noch die Frage nach der Barbara und ihren Pfleglingen – aber ob sie es über die Lippen bringen wird, eine mögliche Verkürzung der seither gewährten Unterstützung anzudeuten?

»Und Eugens Amme, die Barbara?«

»Das Mädchen von der Tochter des Barons in der untern Isarstraße hat sie aufs Land gegeben, nach Thalkirchen. Sie nimmt ein Geringeres an. Heut Abend ist sie fortgegangen, es abzuholen. Sie wollte der gnädigen Frau schon Mitteilung machen. Wenn wir umziehen müssen, o gnädige Frau, das vermehrt auch für die Kinder die Kosten; wir haben wenig genug für uns übrig.«

»Wie viele Pfleglinge hat jetzt die Barbara?«

»Drei mit dem, das sie heut Abend abholt; sie wird Ihnen die Adresse der Wöchnerin schreiben.«

»Nein, nicht schreiben, Fräulein Elisa; es könnte doch einmal ein Brief in die Hände [271] meines Mannes geraten, und wir stehen nicht so, daß ich ihm ohne Hader und Vorwürfe Aufklärungen geben könnte. Er hat jetzt noch weniger Verständnis für arme Kinder und Mütter als früher. Das muß alles heimlich bleiben, wie bisher, verstehen Sie? Kein Mensch auf der Welt braucht, zu wissen, was ich für die Andern thue.«

»Heimlichthun ist Unglück,« murmelte der Greis in der Ecke.

»Ja, Frau Kommerzienrat, wie es in der Bibel heißt: die Rechte soll nicht wissen, was die Linke thut. Ach, wenn Sie nur noch zwanzig Mark zulegen wollten im Monat ... Die Not ist groß ...« brachte Elisa zaghaft heraus, aber man merkte doch, daß sie, zu fordern gewohnt war.

Frau Raßler schüttelte traurig den Kopf: »Wüßten Sie, wie viele Verpflichtungen ich habe und wie schwer es mir oft wird, die Almosengelder zusammenzubringen ...«

Nein, sie konnte heute nicht davon anfangen.

»So sind die reichen Leute,« dachte Elisa v. Hutzler, denn sie hatte wirklich keine Ahnung, daß sie seit Jahren für sich, für Barbara und [272] deren Pfleglinge nicht nur reiche Spenden, sondern schwere Überwindungen und Opfer von Frau Raßler geheischt und in unerschöpflicher Güte empfangen hatte.

»Überlegen Sie sich's, gnädige Frau, nur zwanzig Mark ...« hob die Bittende wieder an. »Um der armen Kinder willen ...«

»Wir wollen sehen. Gute Nacht. Einen Gruß an Barbara.«

– – – –

Gleichzeitig mit Hermann und Franz, die ohne Säumen heimgegangen waren, schritt ein modisch aufgeputzter, höchst eleganter und selbstbewußter Herr – in seinem Äußern eine Mischung von Künstler und Stutzer mit hochmütiger Bravour zur Schau tragend – die Treppe zu Raßlers Wohnung hinauf: der Neffe des Kommerzienrats, der berühmte Modephotograph. Er nickte den beiden Knaben nur flüchtig zu und im Vorzimmer angekommen, ging er sofort zur Thür, dem Diener von der Seite die Frage zuwerfend: »Der Herr Kommerzienrat ist allein zu Hause, wie ich unten hörte?«

»Zu dienen, aber ...«

Der Neffe hatte die Thür bereits hinter sich geschlossen.

[273] Die Knaben legten ihre Hüte ab und sahen sich fragend an: sollten sie zu Papa hinein, oder sich still auf ihr Zimmer zurückziehen?

»Ich will Papa begrüßen,« entschied Hermann; »Du kannst hintergehn.«

»Bitte, einen Augenblick, mein lieber Neffe,« sagte der Kommerzienrat weich, denn die sentimentale Stimmung hatte den ganzen Abend vorgehalten, »Du brauchst keine Entschuldigungen für Deinen Besuch und keine Vorreden, ich bin ganz allein und stehe Dir zu Diensten ... Guten Abend, Hermann! Habt Ihr einen guten Spaziergang gemacht. Wo ist die Mama?«

»Ich bin allein gekommen mit Franz. Mama hat uns unterwegs plötzlich heimgeschickt. Sie ist mit Eugen weiter gegangen, wohin, weiß ich nicht.«

»Heimgeschickt? Allein weitergegangen? Erzähl'!«

»Sonst ist nichts zu erzählen. Ich weiß nur, daß Mama den Franz geschlagen hat; er sei unartig gewesen, sagte sie, und dann hieß sie uns sofort heimgehen.«

»Geschlagen?« fragte der Kommerzienrat gedehnt und mit eurem Gesicht, als habe er falsch [274] verstanden. »Geschlagen sagst Du? Wirklich geschlagen?«

Der Neffe hatte voll angenehmster Überraschung diese Meldung gehört, sich dann geräuspert und in die Unterredung gemischt: »Erzähl' nur, Hermann, verschweige nichts!«

»Ich weiß weiter nichts. Übrigens geht das nur Papa und uns an.«

»Recht, mein Sohn. Franz soll nachher, hereinkommen!«

»Gewiß,« sagte der Modephotograph, »ich will mich in diese Kindergeschichten auch gar nicht eindrängen, aber sie können die Sache bestens beleuchten helfen, die ich Dir vortragen muß, verehrter Onkel. Ich werde mich kurz fassen. Ich habe nur wenig Zeit ...«

Hermann war hinausgegangen mit der festen Miene eines Zeugen, der seine Schuldigkeit gethan.

»Geschlagen?« quackte der Kommerzienrat wiederholt und behielt den Mund offen. »Begreifst Du das, Neffe? Ich kenne meine Frau nicht mehr.«

»Das stimmt. Ich kenne sie um so besser und will sie Dich mit zwei Worten kennen lehren, denn es ist allerhöchste Zeit, daß Du erfährst, [275] Onkel, was die ganze Stadt schon längst weiß und was jetzt die Spatzen von den Dächern der Quaistraße pfeifen.«

»Schweig'! Keine Verleumdungen, keine Skandalgeschichten ... Davon will ich nichts hören ...«

»Skandalgeschichten wohl, aber keine Verleumdungen, nur die pure Wahrheit, Onkel, hab' ich Dir zu melden.«

»Die Wahrheit der Kloake. Wer kennt die nicht? Dort ist der Spucknapf, wenn Du ein Bedürfnis hast. Ich verstehe vieles nicht an meinem Weibe, aber das ist kein Grund, daß ich sie vom ersten besten begeifern lasse. Das mit dem Franz wird sich aufklären. Hast Du sonst noch Schmerzen?«

Etwas pikiert fuhr der Neffe fort: »Ich hab' Dich seither für einen Mann von Ehre gehalten – – o, bitte, ich halte Dich noch dafür!« Die Männer fixierten sich ...

Unangemeldet war Gusti hereingetreten, eine Lampe in der Hand.

»Was willst Du?« schrie sie der Kommerzienrat an.

»Verzeihung, gnädiger Herr, jene Lampe [276] hat nicht genug Öl, ich will diese dafür hinstellen.«

»Scher' Dich zum Teufel, Du kluge Jungfer! Ist Dir das Schlüsselloch zum Horchen nicht groß genug? Hol' mir den Franz herein!«

Franz erschien. Er strich verlegen mit der Hand durch sein Kraushaar.

»Also, wie war's?«

Der Knabe wurde bald bleich, bald rot. Daß auch der unbeliebte Vetter da sein mußte!

»Ich, habe zum Spaß deklamiert, auf einem Baum, da hat die Mama zornig nach mir geschlagen mit dem Sonnenschirm ... Dann hat sie mich fortgejagt ...«

»Und sie ist mit Eugen weitergegangen?«

»Ja. Hermann hat sie noch mit einem Herrn auf der Brücke stehen sehen.«

»Mit was für einem Herrn?«

»Das weiß ich nicht. Hermann hat ihn auch nicht erkannt. Es war zu weit und schon dunkel.«

»Geh'!«

Franz ging. Er fühlte sich erleichtert, daß das Verhör so gut abgelaufen war.

Der Neffe: »Arme Kinder!«

»Was soll das heißen?«

[277] »Du wirst mir erlauben, Onkel Kommerzienrat, daß ich mir ein Bild von dem Vorgang mache. Deine Frau hatte, gleichgültig, ob zufällig oder verabredet, in der Dämmerung wieder einmal eine Zusammenkunft mit einem Herrn. Ohne Zweifel mit Drillinger. Um keine verständigen Zeugen zu haben, entledigte sie sich der älteren Knaben, selbst um den Preis einer Mißhandlung. Eine Stiefmutter – und eine Kurtisane! Es ist dunkle Nacht – und sie ist noch nicht daheim.«

Der Kommerzienrat schrie auf und drohte dem Sprecher mit der geballten Faust.

Mit kaltem Hohn, unbekümmert um die Drohung, fuhr der Neffe fort: »Ich bin leider nicht so naiv, von der Geliebten eines Drillinger etwas anderes zu erwarten. Du freilich, eine so glückliche Natur! Es würde Dir nur eine lustige Viertelstunde bereiten, wenn Du sie einmal zusammen im Bett überraschtest, so à la Venus und Mars. Du würdest Dir die pikante Szene vielleicht von Kropfhey oder Schnürle noch malen lassen und in Deiner Gallerie aufhängen ... Andere Leute haben nicht so viel Kunstsinn, dafür etwas mehr Sittlichkeit. Und diese andern Leute scheinen jetzt entschlossen zu [278] sein, ihren Standpunkt dem Deinigen öffentlich gegenüber zu setzen. Einige Deiner Konkurrenten, sagt man, sollen sich der Sache schon bemächtigt haben, um Dich in der öffentlichen Meinung tot zu machen. In die nächste Ausstellungs-Jury wirst Du nicht mehr gewählt werden. Numero eins. Numero zwei: – – –«

»Schweig, schweig!«

Raßler sank in den Polsterstuhl und hielt sich die Ohren zu.

»Numero zwei: man wird allen städtischen Unternehmungen, wo Dein Name mit an der Spitze steht, Schwierigkeiten über Schwierigkeiten bereiten. Numero drei: man wird zur Durchführung der Isarthal-Pläne ein neues Konsortium bilden, in welchem Du nicht vertreten bist, man wird den Bankier Weiler gegen Dich ausspielen – –«

»Blödsinn, Tollhäuslerei!« röchelte Raßler und fuchtelte mit den Händen in der Luft.

»Nein, mein verehrter Onkel,« fuhr der Neffe fort, die Einbläsereien des Bierbarons Polly zum Teil wörtlich wiederholend, »man wird sich auch in den neuen Brauerei-Aktiengründungen ohne Dein Kapital recht gut zu helfen wissen, nachdem es auf der Börse ruchbar [279] geworden, daß Du mit Hilfe einiger Winkelspekulanten Fühlung mit böhmischen und mährischen Gesellschaften gesucht hast, um mit ihren Papieren den hiesigen Markt zu verderben – –«

Der Modephotograph hielt inne. Raßler lag mit geschlossenen Augen im Polsterstuhl, die dicken Lippen einwärts gekniffen.

Der Neffe trat hinten an den Stuhl heran und setzte leiser ein: »Damit Du alles weißt: man hat mir den königlichen Hoftitel, um den ich eingekommen, verweigert, und als ich nach dem Grunde forschte, Hindeutungen auf Dich gemacht und auf die Entwürdigungen, welche Dein Familienleben Deinem Kommerzienratstitel bereite. Deine Schande fällt auf die ganze Verwandtschaft. Dein Weib hat den Fluch der Lächerlichkeit über alles gebracht, was Raßler heißt. Man scheut sich, persönlich mit Dir zu verkehren. Ich weiß, daß Konsul Schmerold, obwohl er nur zwei Schritte zu Dir hat, den schriftlichen Weg vorzieht. Das alles dankst Du der blinden Vergötterung eines Weibes, das keine Frau, keine Mutter, keine Wirtschafterin, kurzum, das nichts ist als eine stolze Kokette, die sich in Deinem Reichtum walzt und in den Armen ihres Buhlen. Ich habe gesprochen [280] – nun ist es an Dir zu handeln. Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Gute Nacht.«

Über dem Lampencylinder zündete sich der Modephotograph eine Havanna an und schritt hinaus wie ein Held, der eine große That vollbracht hat und sich nun ein Vergnügen gönnen darf.

Raßler lag wie betäubt, er hörte die Schritte des Fortgehenden nicht mehr.

Frau Leopoldine sah bei der Heimkehr von ihrem Samaritergang – sie hatte auf dem Rückweg noch flüchtig eine Wöchnerin besucht – den Neffen das Hans verlassen. Nachdem sie Eugen der Dienerin übergeben, ging sie sofort in das Zimmer, ihren Gatten aufzusuchen. Er merkte es nicht, daß sie jetzt hinter seinem Stuhle stand.

»Dein Neffe war da,« sagte sie nach kurzem Besinnen mit leiser, fester Stimme.

Raßler fuhr auf, starrte sie an wie ein Gespenst, die Augen quollen ihm aus den Höhlen, sein Gesicht war verzerrt ... Er packte sie roh an beiden Armen: »Kurtisane! Fluch über Dich! Verdammte Buhlerin! Du bist keine Frau, keine [281] Mutter ... O meine Kinder! ... Fort von hier, fort!«

Die Stimme versagte ihm.

Regungslos stand sie da, den Wütenden um Haupteslänge überragend und ihn mit einem hoheitsvollen Blicke messend, dann kamen von ihren bleichen Lippen die Worte, tonlos, gemessen: »So geberden sich die Raßler, wenn sie gegen ein wehrloses Weib zusammenstehen, eine Ehre zu verteidigen, die zu besitzen sie niemals sich stark und würdig genug gezeigt.«

Kraftlos ließ er die Arme sinken.

Leopoldine schwankte hinaus. Im Kinderzimmer suchte ihr brennender Blick den geschlagenen Franz, der in der dunklen Ecke am Spieltischchen saß, die großen blauen Augen erwartungsvoll auf die eintretende Mutter gerichtet. Sie ging auf ihn zu und kniete sich zu ihm nieder, ihn mit Ungestüm an ihre Brust drückend. Das Kind schlang seine Arme um ihren Hals und schluchzte: »Verzeih, Mama, ich hab' Dich ja so lieb, so lieb ...«

[282] 4.

An der Maximiliansbrücke angekommen, schwankte Drillinger, ob er ins Lehel hinunter gehen und den Doktor Trostberg so spät am Abend aufsuchen solle, oder ob es nicht mannhafter wäre, dem Fabian Pemsl direkt auf den Leib zu rücken. Jetzt oder nie müsse etwas Entscheidendes geschehen ... Aber das Entscheidende in diesem Falle, welche Gestalt würde es annehmen? Wie will man sich mit diesem Viehvolk ritterlich auseinandersetzen? Durch eine richterliche Klage, durch den Spruch eines, Ehrenrates, durch ein konventionelles Duell – was ist mit alledem gewonnen? Der Skandal wird nur um so ärger und es läßt sich gar nicht absehen, wie weit die Bosheit und Rachsucht der Menschen die einmal öffentlich in Fluß geratene Geschichte treiben wird ... Ja, lebte man in einem wirklich freien Lande, wo der Einzelne sich selbst die Unverletzlichkeit seiner [283] Person und seines Privatlebens sichert und mit den Frechlingen summarische Abrechnung hält, so würde er diesen schmutzigen Ehrabschneider auf offener Straße niederschießen wie einen tollen Hund! Aber so – in einem sogenannten geordneten Staatswesen mit seiner verzwickten Maschinerie, seinem büreaukratischen Apparat, seinen Sackgassen von Traditionen, seinen Bergen von Vorurteilen, wie will man sich da für alle die gekränkten feineren Empfindungen einer stolzen Individualität Recht verschaffen? Und das Recht allein, wenn man's nach den haarsträubendsten Prozeduren endlich zuerkannt erhalten hat, wie kahl und zugestutzt und armselig nimmt sich's aus im Vergleich zu der vollen, satten Rache, die sich der Mann ohne Umweg und ohne aktenschmierende Mittelsperson selbst an seinem hundsföttischen Beleidiger nimmt, indem er ihn mit dem Fuß zertritt wie ein ekelhaftes, giftiges Insekt!

Drillinger konnte nicht weiter denken, so sehr hatte ihn aufs neue die Wut übermannt. Das Rauschen der Isar weckte ein tosendes Echo in seinem Gehirn; es war als schäumte sein Blut in Sturzbächen durch seinen Kopf und vor seinen Augen hüpften die Gaslichter auf der [284] Brücke und verbanden sich zu feurigen Schlangen, die sich in die eigenen Schwänze, bissen, dann zischten und züngelten sie wieder nach allen Seiten auseinander, verschlungen von der schwarzen Nacht.

Alles schwankte. Er mußte sich, nachdem er links an der noch geschlossenen Sodawasserbude vorbei war, an die steinerne Brüstung lehnen. Der Wind war umgesprungen und trug ihm kräftigen Geruch von der Essigfabrik herüber. Allmählich sänftigten sich seine Gefühle wieder. Er betrachtete sich die Lebensbilder, die im Halbdunkel der Gasbeleuchtung vor ihm über die Brücke gaukelten – Lebensbilder, die ihm nicht wesenhafter dünkten als ein Schattentanz, womit man die Phantasie der Kinder äfft. Da ein Fähnlein bierseliger Philister mit schweren Hängebäuchen, dort ein Häuflein schwatzender Bummler, dann wieder Einzelwesen im Gänsemarsch hintereinander, keines sich um das andere kümmernd, jedes sein unsichtbares Kreuz auf dem wundgedrückten Rücken schleppend, dann wieder der schäkernde Leichtsinn, das rollende Laster, die tugendhafte Gedanken- und Trieblosigkeit, dazwischen auf den Schienen der Pferdebahn ein Glaskasten wie ein vorüberfliegendes [285] Wachsfigurenkabinet. Und unten rauscht der Fluß, unablässig, wahnsinnig, eine Welle jagt die andere, und darüber hängt der schwarze Himmel mit seinem flimmernden Sternenschmuck ... Brigitta wird daheim am Fenster sitzen ... Und Frau Raßler ... Dort ist ihr Erkerfenster, unbeleuchtet ... Nein, es darf kein Zurück geben. Abgethan ist abgethan. Hui, die Toten reiten schnell ... Die Toteninsel – mitten in dieser Frühlingslandschaft – hatte sie's damals bei der ersten Begegnung nicht selbst gesagt in ahnungsvollem Vorgefühl?

Vom Erkerfenster schwebt's herab, hinüber, wallende schwarze Schleier vom Haupt bis zu den Füßen, von der Luft gebläht, sich windend, flatternd, zerfließend – vorgestreckte, weiße, schlanke Hände, so bleich, so bleich, ein Urne umklammernd, darin liegt ein Herz, sein Herz! Still setzt sie's bei auf der Toteninsel, es klagen die Wipfel, es wimmern die Wellen ...

Unsinn! Das ist das Leben: ein Soldat geht mit seinem Schatz vorüber, beide sind benebelt; sie hat seinen Pallasch über die weiße Schürze geschnallt, er trägt ihren Korb – ein Gendarm hält sie fragend an und zieht sein ledernes Notizbuch. Ein Musikant – das Weib [286] humpelt mit der Baßgeige hintendrein – ein frommer Spießer lüftet seine Schwiegermutter aus, eine alte Jungfer ihren stinkigen Mops ... »Leben! Ordnung! Ideale!« kreischt ein Studentlein; »ich pfeife auf den Krämpel, so lange man mir den in der Natur verkörperten Nihilismus nicht widerlegt ...« »Sittliche Weltordnung, Nihilismus, lauter Redensarten: das Leben ist das Leben und die Natur ist die Natur – einerlei, was Ihr für Kommentare dazu schwatzt: Ihr ändert nichts, Notwendigkeit ist! alles, wie's werden muß, so wird es, Amen. Aber meinen Alten soll der Teufel holen, er hat mich mit dein Wechsel nun wieder schön aufsitzen lassen ...« »Die Kathi, ein famoser Besen ...« »Der Dingsda, patenter Kerl ...« »Schweinehund ...« »Leibfuchs! ...« Eine salbungsvolle Stimme: »Geistige Gesundheit ist ein Ergebnis der Erziehung ...« »Die Zahl solcher Geisteskranker, welche auf Kosten der Armenpflege unterhalten werden, müssen, ist fortwährend im Zunehmen begriffen ...« Grell schmetternd: »Die Welt war immer ein Narrenhaus; sobald die Narren die Mehrheit haben, geben sie den Ton an und wir werden als verrückt eingesperrt ...« »Ganz in Ordnung, die [287] Majorität hat überall Recht ...« »Erbliche Neurose ...« »Größenwahnsinn bei Künstlern, Herrschern ...« »Bei ganzen Völkern sogar« ... »Kriegslust zum Beispiel, ist sie nicht auch Wahnsinn?«

Eine andere Gruppe in diesem nächtlichen Gestaltenzug, der sich wie ein lebendiger Fries vor dem nervös spähenden Auge Drillingers entrollte: »Diskontogesellschaft? ... Ich gebe kein Pfund Lumpen dafür ... Der Weiler? Unkraut verdirbt nicht ... Schlamassel ... In der Isarthalbahn – Unternehmung kommt er gegen den Schmerold doch nicht auf ... Der Halsabschneider am Dracheneck? ...« »O Jemine!«

»Ja, mit dem bindet nur an ...«

Drillinger fühlte sich der Wirklichkeit wieder näher, als er diesen Namen hörte, und empfand eine gewisse Schadenfreude, als einer kläglich von der üblen Behandlung wisperte, die er von dem geriebenen Bankier erfahren. O, auch er wird ihm künftig ganz anders auf die Finger sehen; ein gebranntes Kind scheut das Feuer. Mit großer, fast erschreckender Klarheit wollten in Drillingers Kopf die Erinnerungen an die Morgenstunde in Weilers Winkelbude hervorschießen. Zuletzt sind Finanzfragen für eine [288] neue Lebensordnung viel entscheidender, als aller Liebes-und Familientrara, als alle Empfindelei für den Ehrschnickschnack und das, »was die Leute sagen« ... Wer Geld hat, hat alles. Nur mit Geld und mit dem, was Geld bringt, kann man diesem Viehvolk noch imponieren, mit nichts anderem. Der Geldsack weiht und heiligt alles. Sei ein Hundsfott und habe Geld, sehr viel Geld, rasend viel Geld – und sie vergöttern dich. Brauchte, er sich das noch zu wiederholen? Was er sich zu wiederholen brauchte nach diesen nichtsnutzig aufregenden Tagen war dies, daß man felsenfestes Vertrauen auf sein Glück haben müsse. Ja, das Glück, es mußte auch ihm noch sein lächelndes Antlitz zeigen ... Wenn er an seinem vierzigsten Geburtstage ein Gelübde hätte ablegen müssen, es hätte kein anderes sein dürfen, als nie und nimmer am Glück verzweifeln zu wollen – allen Schikanen zum Trotz. Auch Brigitta soll noch mit ihm zufrieden sein ...

Zwei junge Dämchen schlenderten an ihm vorüber und drehten ihm die wiegenden Köpfe mit den auffallend hohen Federhüten zu. Er glaubte sie zu erkennen. »Ach die! Die Töchter des verrückten Barons – wie die Gläubigen [289] wissen, Jugendsünden des Kommerzienrats Raßler – wie die Wissenden glauben. Wo ist in solchen Dingen überhaupt Gewißheit? Leopoldine wehrte sich immer gegen diese Schleierlüftung; die Jugend ihres Herrn Gemahls interessierte sie nicht ... Natürlich! Sie wollte über ihre eigene Jugend niemals interpelliert sein und so oft ich daran rührte, hätte sie in alle Lüfte fahren mögen ... Die Weiber, die Weiber! O du alter, weiser König Salomo, der du an neunhundertneunundneunzig noch nicht genug hattest und noch die tausendste nehmen mußtest, was für ein grandioses Hornvieh bist du gewesen!«

Nun wollte er sich doch zu seinem SchmerzenreichDr. Edgar Trostberg auf den Weg machen; jetzt fühlte er sich wieder in der Stimmung, diesen Nachtbesuch bei dem lebensfeindlichen Dichterdenker und neuesten Königsgünstling – der Komödiant war nach kurzer Herrlichkeit im Sonnenschein der Gnade auch wieder kaltgestellt, ja, ja, dem ewig strebernden Geiling war der Purzelbaum zu gönnen! – mit Ehren zu bestehen.

Die Dämchen sahen sich um; sie glaubten offenbar, die Nachfolge Drillingers gelte ihnen. [290] Als sie in die Mühlstraße einbogen, schlug Drillinger den nämlichen Weg ein. Er kreuzte sich mit dem Doktor Wendelin Wamperl, der die Straße heraufpustete wie eine marode Lokomotive. Wamperl blieb stehen und blickte den Frauenzimmern und dem ihnen folgenden Herrn teilnahmsvoll nach.

Auf der Maximiliansstraße begegnete er dem Oberst Wotan von den »Ungespundeten«.

»Ich glaube, Oberst, soeben Deinem ungespundeten Drillinger auf der Schürzenjagd begegnet zu sein.«

»Das sieht Dir gleich, Remplem.«

»Mir? Ihn, bitte!«

»Da dreh' ich die Hand nicht 'rum. Du willst, wenn Du kannst, er kann, wenn er will: das ist der ganze Unterschied. Ich gönn' Euch das Vergnügen. Gut' Nacht, heiliger Wendelin, wünsche angenehme Matratze!«

»Grobian,« murmelte Wamperl. Fünfzig Schritte weiter stieß er auf den Professor Hirneis. »Lieber Hirneis, mit dein Sittenverfall, geht's mit Eilzuggeschwindigkeit. Begegne ich soeben dem Baron Drillinger, wie er zwei anrüchigen Frauenzimmern in einer verdächtigen Gasse nachsteigt – und hinter ihm drein der [291] Oberst Wotan. Das sind die Ungespundeten! Der Drillinger könnte weiß Gott mit seiner skandalösen Liaison mit der – na, Du weißt ja, es genug sein lassen.«

»Mir scheint, das thut er auch. Ich war sozusagen Augenzeuge, wie die stolze Frau Kommerzienrat, es ist kaum eine Stunde her, in der Auenstraße ihm aus die Bude nachgerückt ist. Die Seele dreht sich einem im Leib herum.«

»Bist Du sicher? Vor einer Stunde? Gut, so besorgt er sich jetzt einen Nachtisch. Unerhörte Zustände. Sodom und Gomorrah war ein Musterstaat, verglichen mit den heutigen Halbweltsitten. Dazu die Schlechtigkeit der Presse, die Laxheit der Gesetze ... es ist rein zum Verzweifeln.«

»Entschuldige –«

»Wo gehst Du hin?«

»Auf einen Sprung ins Café Roth, die neuesten Pariser Blätter durchzusehen. Im ›Figaro‹ soll ein sensationeller Artikel über den König und die Kabinetskassa-Affaire stehen.«

»Erlaube, daß ich mich anschließe. Ich kann mich bei der Gelegenheit über die Obszönitäten des ›Journal amüsant‹ ärgern, dessen Bilder ich in dieser Woche noch nicht gesehen habe.«

[292] Drillinger war hinter den wartenden Dämchen ins Haus getreten, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Er ging über den Hof, durch den Garten, und klingelte an Trostbergs Thür.

»Kennst ihn, Nanni?«

»Da hätten wir uns den Weg sparen können. Ich hab' ihn für einen andern gehalten. Daß Du's nicht früher gemerkt hast!«

»Bleiben wir oder gehen wir wieder?«

»Heute ist schon ein ganz lumpiger Tag. An: liebsten legt' ich mich ins Bett.«

»Ich auch. Aber dann macht der Alte wieder Spektakel.«

»Also vorwärts. So schlecht ist das Geschäft schon lang nicht mehr gegangen.«

»Meinetwegen. Der Alte soll sehen, wie er diesmal den Hauszins zusammenbringt. Ausziehen müssen wir doch. Uns kann's eigentlich Wurst sein.«

»Ich hab' die Sauwirtschaft schon lange dick. Wenn's nicht wegen dem Kind wär', ich ging auf und davon. Das ist wirklich kein Leben.«

»Wenn man bedenkt, wie gut es die Wappenhur' im ersten Stock hat ...«

»Ja, die hat's getroffen. Glück muß man haben.«

[293] »Und wir haben halt kein Glück ... Da kommt er wieder ...«

Drillinger schritt hinaus, wie er gekommen, ohne die Dämchen zu beachten. Gabriel hatte ihm gemeldet, daß der Herr Doktor verreist sei, nach Hohenschwangau oder Neuschwanstein, er wisse es nicht so genau, wo sich der König gerade aufhalte – und vor morgen Abend werde er nicht zurückkehren. Der schieläugige Klown that sehr weinerlich und weltschmerzlich und hatte den Kopf eingebunden.

»Wir haben den Herrn Baron schon so lange vergeblich erwartet – und jetzt sind Sie endlich da und er ist nicht da. Sollt' man nicht gleich Händ' und Füße über den Kopf zusammenschlagen? O mein Kopf! Kommen Sie übermorgen wieder ...« Der Klown verzerrte sein Gesicht, daß die Haut wie mit kleinen Löchern besät war und aussah wie eine Streusandbüchse.

Drillinger war herzlich froh, wie er wieder auf der Straße war. Nun wollte er ohne weiteren Aufenthalt heimgehen. Er hatte jedoch noch keine zwanzig Schritte gemacht, als er seitwärts an einem Bachübergang einige Studenten mit einem rabiaten Menschen in eifriger Verhandlung [294] gewahrte, der in einemfort beteuerte: »So wahr ich Hans Rindler heiße.« Was wollen die hier, in dem stillen Lehel? Unwillkürlich blieb er stehen und horchte.

»Nicht so laut!« ermahnte der studentische Wortführer. »Also Sie kennen ihn?«

»So wahr ich Hans Rindler heiße und heute so nüchtern bin wie jener Laternenpfahl.«

»Und Sie wollen uns die Geschichte prompt besorgen?«

»So wahr ich Hans Rindler heiße. Mit was für Marterwerkzeugen soll ich ihn traktieren? Soll ich ihm die Gedärme aus dem Leibe haspeln und zu Baßgeigensaiten verspinnen?«

»Sind Sie Darmsaitenfabrikant gewesen?« fragte ein aufgeschossener Jüngling spottend, der nämliche, der auf der Brücke in der Natur den verkörperten Nihilismus entdeckt hatte; Drillinger erkannte ihn an Gestalt und Stimme.

»Jawohl, so wahr ich ... Ein musikalisches Geschäft ... Oder soll ich ihm das Herz ausreißen und ums Maul schlagen? Oder ihm die Zunge durch den Nabel ziehen? Oder Riemen aus seinem Bauch schneiden und seine Banditenlarve damit zerpeitschen? Das alles hat er verdient.«

[295] »Patente Phantasie, Rindler, an Ihnen ist ein Dichter verloren gegangen.«

»Meine Herren, verkennen Sie mich nicht. Dieser Preßbandit ist der Schrecken vom ganzen Lehel. Wenn ich einmal mit diesem Helden anbinde, muß es glorios gehen. Soll ich das Schwein kitzeln, daß es ein Rad schlägt wie ein besoffener Pfau? Oder soll ich mit seinem Schädel Läuse aus dem Asphalt der Maximilianstraße stampfen?«

»Hören Sie auf, entsetzlicher Mensch. Etwas viel weniger Poetisches: Sie sollen ihn in eine Mistpfütze tunken, bis ihm der Dampf ausgeht. So ist's beschlossen. Wollen Sie das machen unter den vorgeschlagenen Bedingungen?«

»So wahr ich ... Herrgott, wenn uns nur Niemand hört.«

»Seien Sie nicht feig, Hans!«

»Ich mein' nur wegen der Konkurrenz. Daß mir kein anderer die schöne Arbeit vor der Nase wegschnappt. Wissen Sie, die Gripso-Grapsologie ...« Dabei zog er schnell die Finger mehrmals krallenartig ein und machte eine kreisende Armbewegung dazu.

»Eine dämonische Komödie, Schurken über Schurken! Mir kann's recht sein, hundertmal [296] recht; sie besorgen meine eigene Rache ...« dachte Drillinger und suchte unbemerkt davon zuschleichen. Es gelang ihm, sich durch ein enges, stinkiges Gäßchen zu drücken und unbehelligt in die Sternstraße zu kommen. Ganz in Gedanken über das soeben Erlebte kam er noch einmal an dem Hause vorüber, das er vor wenigen Minuten verlassen. Gabriel stand unter dem Thor bei den Dämchen. Als er den Baron im Eilschritt des Weges kommen sah, rief er ihn an: »Noch in unserer Gegend, Herr Baron?« Die Mädchen kicherten verlockend und wichen seitwärts, als wollten sie dem Baron den Platz freimachen, hereinzukommen.

»Ich habe Sie vorhin zu fragen vergessen: Warum haben Sie denn eigentlich den Kopf eingebunden, Gabriel?« warf Drillinger stehenbleibend hin, nur um etwas zu sagen.

»Ach, Herr Baron, ein kleiner Schlaganfall, heute früh ...«

»Ein Schlaganfall?«

Nun machte die Brünette einen Vorstoß, sich in scherzhaft insinnierender Weise am Gespräche zu beteiligen und das Interesse des Barons auf ihre sich lüstern darbietende Gestalt zu ziehen.

[297] »Wär' ich dabei gewesen, es wäre ihm nichts passiert.«

»Sie sind wohl seine kleine Schutzheilige?« fragte der Baron und maß die Sprecherin mit kritischem Blick

»Heilige weniger,« antwortete sie mit schamlos aufdringlicher Schlagfertigkeit, »aber bei mir wäre er sicher gewesen.« Drillinger trat einen Schritt näher. Sie deutete das als Entgegenkommen und fuhr schmeichelnd fort: »Da drin habe ich ein trauliches Zimmer – o, das sollten Sie ansehen, da ist man aufgehoben wie im Himmelreich.« Gabriel hüstelte und räusperte sich und schielte zum Thorweg hinaus wie eine Schildwache. Als der Baron sie schweigend fixierte, nahm sie wieder das Wort und flötete innig: »Wollen Sie sich nicht bei uns ausruhen? Ich erzähle Ihnen die Geschichte von dem Preßbanditen und was dem heute geschehen ist.«

»Preßbanditen? Nein, da danke ich ... Ich bin heute gar nicht mehr neugierig.«

Er drehte sich auf dem Absatze herum, gab dem Klown einen Schlag auf die Schulter und mit einen raschen: »Gut' Nacht, Gabriel!« war er verschwunden. Er eilte, als fürchtete er eine Verfolgung, er wußte nicht deutlich warum ... [298] Es war ihm bei dem starr begehrlichen Blick der glutäugigen Brünette plötzlich alles so unheimlich, schemenhaft und totentanzähnlich erschienen ... Er jagte die Isar entlang in die Nacht hinein wie in einen schauerlich schwarzen Abgrund, höhnende Stimmen und Blicke ringsum, Kreischen und Geschrei aus den tosenden Wassern, den rauschenden Wipfeln, dem Flüstern der Luft, dem Pochen des eigenen Herzens ... Mit zerschlagenen Gliedern, in Schweiß gebadet, kam er vor seinem Hause an, verwundert wie ein Irrender, der plötzlich am Ziele steht ...

Als er am Morgen nach einem langen, wirren, wenig erquickenden Schlaf vor Brigitta erschien, empfing ihn die Alte mit kurzem Wunsch und Gruß. Sie sah noch hinfälliger aus, als gestern. Er betrachtete sie forschend von der Seite ... Merkwürdig, die Alte kam ihm so fremd vor ...

»Sie haben mir gestern viel Zeit zum Alleinsein und Nachdenken gegönnt.«

»Soll das ein Vorwurf sein, Brigitta?«

»Ich habe ein wenig gelesen und viel gehört.«

»Du machst wieder Vorreden. Ich ehre Deine Gewohnheit. Du änderst Dich doch nicht [299] mehr. Was hast Du gelesen?« Er setzte sich an den Tisch, den Kopf in beide Hände gestützt mit den kleinen Fingern an der Stirn trommelnd.

»Ja, das Ändern! Da müßte Gott ein Wunder thun – auch bei andern Menschen. Ich habe ein trauriges Kapitel gelesen. Sie, die Heldin der Geschichte, eine reife, leidenschaftliche Frau, war in Liebe zu einem jungen Manne entbrannt, und in der Thorheit ihres Herzens glaubte sie, sich zu entsühnen, wenn sie den Geliebten, in andern Dingen auf bessere Wege brächte, wenn sie ihn erziehen könnte. Er war ein sehr verwickelter Charakter, alles gemischt, aber seine Energie war geschwächt. Zuletzt zog seine Schwäche ihre Stärke herab und sie sank tiefer und tiefer, jemehr ihre Liebe durch sein sinnliches Wesen in sündige Lust ausartete ... Ach, es ist eine zu traurige Geschichte. Das Weib, das seine Führerin und Meisterin werden wollte, wurde sein Werkzeug, seine Sklavin, bis sie am Ende beide im Laster verdarben. Ich kann das nicht so wiedergeben, mein alter Kopf ist zu schwach ...«

Er sah auf. »Ja so geht's in der Welt. Eine sehr lehrreiche Geschichte, Brigitta ... [300] Also das war die Vorrede, eine Dichtung. Und nun laß uns zur Wirklichkeit kommen, obwohl ich heute weder Dichtung noch Wahrheit hören möchte ... Nur Stille, Stille ... Alles Wirkliche ist so schauderhaft laut, so grell ... Ich bin nervös, Brigitta.«

»Ja, zur Wirklichkeit, die noch schlimmer ist, als die schlimmste Dichtung,« sprach sie für sich weiter, ohne seine Abwehr zu beachten.

Er schnellte empor und unterbrach sie hastig, aufgeregt: »Weißt Du, Alte, ich gebe keine saure Gurke für die ganze Wirklichkeit; die ist jeden Tag anders, verschiebt sich fortwährend, dehnt sich, schrumpft zu sammen, kräuselt sich, ist jung, lebendig, greisenhaft, maustot, ein Scheusal, ein Unsinn, ein Nichts. Was habe ich nur gestern wieder für skandalöse Wirklichkeits-Erfahrungen gemacht ... Aber im Grunde sind das alles nur dumme Träume ... Siehst Du, ich bin eine künstlerische Natur, das ist so im Blut, die Unruhe, die Phantasterei. Da hält man das Geträumte für wirklich und das Wirklichste zerfließt wie Träume und Schäume. Wo ist eine feste Grenze? Nirgends. Man könnte ja sein bischen Verstand darüber verlieren, wenn man nachdenkt. Ich mag nicht mehr. Mir ist alles [301] zuwider. Ich muß aufs Land, ins Gebirg, in die Einsamkeit, drei, vier Wochen, ich weiß nicht wohin, wie lange, es wird mir aber wohl thun ... Nicht wahr, Du findest auch, daß es mir wohlthun wird? Dir wird es auch wohl thun, wenn Du den unausstehlichen Teufel eine zeitlang los hast, gelt? Ach, die Menschensippe! Ich könnte mir die Lippen blutig beißen, die Fäuste auf dem eigenen Schädel in Splitter schlagen, aber es hilft nichts. Und dann die kleinen, nichtigen Sachen des materiellen Lebens, diese Widerborstigkeit, wenn man ihrer habhaft werden will, und die man doch erringen, die man meistern muß, wenn man der Knechtung entgehen will, all' dieser Quark, dieser Dreck, der doch wieder die Hauptsache, ein teuflisches Machtmittel ist, und dieses dämonische Unvermögen, sich von all' dem Verachteten und Gewünschten, von all dein Gehaßten und Ersehnten als anständiger Mensch loszumachen! Als anständiger Mensch, hörst Du? Denn daß wir anständig sind, oder dafür gelten, das ist für uns auch eine Art Rache an diesem hundsföttischen Philistertum. Ich muß aufs Land, aufs Land, aufs Land! Halte mich nicht zurück, Brigitta,[302] ich beschwöre Dich, hier werde ich verrückt ... Die Erbärmlichkeiten der Stadtmenschen ...«

»Gehen Sie nur, in Gottes Namen, aber vorher eine Abrechnung ...«

»Natürlich, freilich, versteht sich – mit dem Weiler meinst Du doch?« fuhr er der Alten erregt in die müde Rede. »Ja, das wird besorgt, soweit sich's nicht in wenigen Wochen von selbst erledigt; da kannst Du ganz ruhig sein. Du bekommst Deine Abrechnung.«

»Ich meinte anders ...«

Er atmete aus. Also wenigstens keine gemeinen Geldfragen, kein widerlicher Finanzkrieg in Sicht ...

»Eine moralische Abrechnung ...«

»Mit jener Frau? Donnerwetter, laß mich in Ruhe, ist längst erledigt.«

»Ich begreife Ihre schreckliche Hitze und Aufregung nicht. Kann ich ruhiger reden, als ich's heute thue? Ich sage kein Wort von jener Frau, keine Silbe mehr. An Ludwig hab' ich gedacht, an Ihren unglücklichen Bruder, an den drangsalierten Menschen in Amerika.«

»An den hab' ich schon mehr gewendet, als Du weißt. Ich hab' jetzt kein Geld für ihn, in diesem Augenblick wenigstens nicht. Nach [303] der andern Abrechnung! Er soll sich einstweilen von seinen Sozialisten und Anarchisten und ähnlichen Menschenfreunden helfen lassen ...« Seine Stimme war düster wie sein Blick.

»Ach, es ist ja alles anders. Seit gestern hab' ich neue Botschaft. Er ist in Texas, auf einer Farm, Mac Girk bei Hamilton, fern von allen sozialistischen Verbrüderungen. Es war einer hier, der bei ihm gewesen; Sie waren ja nicht zu Hause den ganzen Tag und die halbe Nacht. Da ist der Brief ...«

Sie zog mit zitternder Hand mehrere unregelmäßig gefaltete, zerknitterte Briefblätter aus der Tasche – das Schreiben, das ihr Ludwigs Leidensgefährte überbracht.

»Nein, ich mag nichts lesen, ich kann seine Handschrift nicht sehen ... Buchstaben wie züngelnde, tanzende Schlangen, unheimlich ... Du kannst mir's ja sagen.« Er warf sich aufs Sopha und starrte die Wand an.

Brigitta schüttelte den Kopf Was hatte er nur? Das war keine gewöhnliche »Krisis« – so nannte sie diese unerklärlichen Gemütszustände, welche oft in längeren Zwischenräumen bei ihm eintraten und sein Wesen verstörten.

[304] »Aus Chikago hat er uns das letztemal geschrieben, dann ist er nach Saint Paul, dann nach Hamilton. In Saint Paul war er bei einer deutschen Schauspielergesellschaft, in Hamilton ließ er sich anwerben, gegen kriegerische Indianerstämme zu ziehen; da wurde er verwundet und traf den Landsmann, der jetzt wieder glücklich heimgekommen ist, er aber ist auf einer Farm bei Mac Girk zurückgeblieben. Dort diente er als Knecht bei einer Kolonistenfamilie aus Franken, die erst kurz zuvor dahin gekommen war und den Pacht übernommen hatte. Die Hitze ist dort fürchterlich, der Boden braun und trocken, oft Monate lang kein Tropfen Regen; Nachts arbeitet er nackt in den Baumwollenfeldern ... Er lebt von dem Wild, das er schießt oder totschlägt, Brot giebt es selten, den Trunk Wasser muß er oft meilenweit holen. Die fränkische Familie hat den Pacht wieder aufgegeben und ist fortgezogen, weil sie zu verhungern und zu verdursten fürchtete ... Er will die Farm allein halten, bis neue Pächter kommen. Aber es traut sich gewiß kein Mensch in die schreckliche Gegend, und die feindlichen Indianer stehen auch wieder an der Grenze. Das wird sein Letztes sein. Und wenn wir ihm da [305] nicht bald heraushelfen ... Wir haben ihn auf dem Gewissen ... Die Abrechnung vor dem ewigen Richter ...«

Sie konnte nicht weiter sprechen. Ihre Stimme erstickte im trockenen Schluchzen ... Drillinger drehte sich um mit einem so teilnahmsleeren Gesicht, als hätte ihm ein Unbekannter eine Geschichte von einem Mondbewohner erzählt. »Ja und dann? Lieber von Indianern aufgefressen, als von Europäern subtil gemordet!« sagte er und spielte mit seinem Schnurrbart.

»Ach, Sie konnten sonst so liebreich sein – und nun sind Sie hart wie Fels. Nehmen Sie von meinem Geld. Ich will mein Testament umstürzen. Meine Verwandten kommen auch ohne mein Weniges zurecht ... Magdalena, ich weiß gar nicht wo sie ist, seit sie aus dem Irrenhaus entlaufen, Sie haben es ja nicht für gut gehalten, die Nachforschungen fortzusetzen, und Afra ist verschollen und von ihren Kindern hört man nichts ... Nehmen Sie von meinem Geld und schicken Sie es dem Ludwig ... Ich will ihn zu meinem Erben einsetzen ... Dann kann ich ruhiger sterben, auf Ihre Umkehr zu eigener Häuslichkeit wag' ich doch nicht mehr [306] zu bauen ... Auch darauf nicht, daß Sie ihm die Rückkehr nach Deutschland erwirken ...«

»Wie oft muß ich Dir noch wiederholen: die Rückkehr nützt ihm nichts, wenn wir ihn nicht vor dem Gefängnis vorbeidrücken können. Und diesen Gnadenakt erreiche ich jetzt weniger als je. Und eine Wiederaufnahme des Prozesses und ein Herumziehen in allen Blättern und dann ein Drillinger, mein leiblicher Bruder, drunten in der Frohnfeste ... Das mutest Du mir zu?«

Beide schwiegen. Brigitta betrachtete mit kummervoller Miene die Briefblätter. Es war schlechtes, graues Papier, mit blasser Tinte, an der Sonne von Texas getrocknet, zum Teil nur mit Bleistift beschrieben. Jetzt faltete sie die Blätter zusammen, es waren dicke Thränentropfen darauf gerollt, und steckte sie mit bebender Hand wieder in die Tasche.

»O, ich hatte mir eine andere Lebenswende von Ihrem vierzigsten Geburtstag erwartet,« sagte sie leise und sah ihn mit einem vorwurfsvollen Blicke an. »Meine bitterste Leidenszeit beginnt ... Gott steh' mir bei.«

Drillinger hatte sich erhoben. Er ging auf Brigitta zu. Sein Gesicht nahm wieder einen [307] wärmeren Ausdruck an. »Hier meine Hand, Brigitta, gönne mir die Erholungsfrist, dann will ich, wenn ich's nicht aus Eigenem vermag, Dein großmütiges Gebot annehmen und dem Ludwig eine gewisse Summe schicken; bis dahin wird er weder verhungern noch verdursten auf seiner Farm. Du nimmst die Sache zu tragisch. Schließlich: das Leben ist der Güter höchstes nicht.«

»Wenn es keinen Inhalt mehr hat, freilich.«

Drillinger war betroffen. War das Wort auf sein Leben gemünzt? Sollte er zu guterletzt auch noch Brigitta beargwöhnen, daß sie schlimme Gedanken über ihn denke, obwohl sie seine Bemühungen kannte, seine zahlreichen Anläufe, um seinem Leben Inhalt zu geben? Wie leicht wäre es ihm gewesen, sich vor ihr einen Heiligenschein anzuschwindeln, seiner Leistungsfähigkeit ein höheres Gewicht anzufälschen – kurz, vor ihr die ganze angenehme Komödie aufzuführen, die heutzutage überall in der Gesellschaft, in Gemeinde und Staat mit so viel List und Würde gespielt wird, daß das liebe Publikum schon anfängt, die wirklich Ehrlichen und Ungeschminkten als dumme Teufel und einfältige Spielverderber auszuzischen und ihnen den [308] Rücken zu kehren. Niemals mehr als heute wollte die Welt betrogen sein und das Mitwissen um den Betrug und zugleich die Heuchelei des Nichtwissens als süße Zukost genießen ... War er nicht allzeit ehrlich und aufrichtig wie ein Kind gegen die alte Wirtschafterin gewesen? Mit welchem Rechte konnte auch sie Hintergedanken gegen ihn hegen? Hat er nicht das ganze Spiel seines Lebens mit offenen Karten vor ihrem wachsamen Auge gespielt? Das Spiel –? Herrgott, nein, hier war eine Karte, die er mit scheuem Verbrecherblick vor ihr verborgen gehalten. Unmöglich, sie aufzudecken! Wenn Brigitta den letzten Teil seiner letzten Unterredung mit dem Bankier Weiler hätte belauschen können, wie müßte er jetzt vor ihr erscheinen! Nein, nein, nein – auch das geht vorüber, und wenn wieder Ordnung geschaffen, wird er ihr auch in diesem Punkte ein volles Geständnis ablegen. Die gute, gute Alte!

Er legte seinen Arm schmeichelnd um ihren Hals, drückte ihren Kopf gegen seine Brust und hauchte ihr die Worte ins Ohr: »Ich verspreche Dir, gegen den armen Ludwig ein anderer zu werden, ihm zu helfen, ihm Geld zu schicken, ihm einen Fürbitter bei dem König zu bestellen [309] – alles, alles, was in meinen Kräften steht, damit er den Weg in die Heimat und zu einem ehrlichen, glücklichen Leben wieder finde!«

Weinend vor seliger Befriedigung lag die alte Frau an seiner Brust. Er geleitete sie sanft an den Armstuhl und setzte sie hinein. Sie bedeckte seine Hände mit Küssen.

»Das ist meine glücklichste Stunde ...« Und sie erhob das thränende Auge voll unendlicher Dankbarkeit gen Himmel.

»Aber erst nach meiner Erholungsfahrt! Diese Pause ist notwendig.«

»Nur das Geld ...«

»Das sei Dir gewährt. Ich werde es durch den Bankier Weiler anweisen lassen.«

Drillinger saß neben ihr und schloß die Augen. Es war ihm so wirbelig im Kopf. Er wußte nicht, was Wirklichkeit, was Gedanke war – alles schwamm ineinander. Allmählich nahm sein Denken so körperliche Kraft, so herausspringendes Relief und brennende Farbe an, – daß er das Gedachte wie ein längst vollzogenes Wirkliches empfand, dem er jetzt nur wie in träumerischer Erinnerung nachhänge ...

Es war Mittag geworden. Resl meldete, [310] daß das Essen bereit sei und legte die angekommene Post auf den Tisch.

Ein guter Freund – wozu hat man gute Freunde? – hatte sich beeilt, die letzte Nummer der »Kloake« zu senden und eine Stelle mit Blaustift anzustreichen. Drillinger hätte sie ja übersehen können! Ein hundsgemeiner Blödsinn: »Wie Frau Raßler Englisch lernte.« Nur fünf Zeilen. Drillinger zerriß das Schmierblatt und warf es unter den Tisch. Übrigens sehr vernünftig von Leopoldine, wenn sich's wirklich so verhielte; der junge Engländer wird ihr mit den Feinheiten seiner Muttersprache manche Stunde angenehm verkürzen. Himmel, wenn er seiner einstigen Eifersuchtsanwandlungen gedachte – wie dumm er sich ausgenommen haben muß! Ja, es war endgiltig vorbei: er konnte sich Leopoldine im Arme des Engländers vorstellen, ohne einen Schatten von Erregung zu verspüren. Wirklich? Harry Wood ist schlechter Geschmack. Unreifes Obst. Und das sein Nachfolger! ...

»Die Kartoffelsuppe ist ausgezeichnet, Brigitta, nur noch einen Tropfen Essig. Schade, daß mein Appetit so gering.«

»Was ist das für ein dicker Brief?«

»Gleich, gleich, Brigitta, eins nach dem andern. [311] Es ist ein unvernünftiges Zusammentreffen, Mittagstisch und Mittagspost. Eine einzige Zeile ist oft imstande, einem die schönste Mahlzeit zu verderben. Ich habe mir schon oft vorgenommen, während des Essens keine Zuschrift mehr anzusehen, aber immer siegte wieder die Neugierde. Eine einzige Post im Tage genügte; früh nüchtern oder abends abgestumpft wäre sie am ungefährlichsten. Viermal im Tage, welch' ein Wahnsinn! Viermal Empfangsstunde täglich für Krethi und Plethi! Siehst Du, das nennen die Affen die Triumphe des Fortschrittes.«

»Es sind viele Sachen heute, wohl auch noch Gratulationskarten.«

»Hier: von der ›Hölle‹ – Unsinn; hier: von Bankier Weiler, Einladung ihn zu besuchen. Ich bin nämlich gestern erst in Geschäftsangelegenheiten bei ihm gewesen. Er kann mir gewogen bleiben. Die Sache wegen Ludwig mache ich schriftlich ab. Du glaubst nicht, wie ekelhaft so ein Geldkrämer sein kann. Hier: eine Anfrage von einem gewissen Pfaffenzeller, einem Verwandten von unserem Architekten Zwerger, wann er mich besuchen dürfe in einer sehr persönlichen Angelegenheit. Ich habe ihm zu einer Stellung [312] verholfen, nun soll er mich gefälligst ungeschoren lassen. Das ist auch so ein moderner Nimmersatt auf allen Suppen. Hier: ein Pumpgesuch von Peter Schlemming. Lächerlich. Weißt Du, der vor zehn Jahren beim Künstlerfrühlingsfest in Höllriegelskreut den wilden Mann vorstellte, splitternackt, nur mit einem Blätterschurz und über und über mit Isarschlamm beschmiert? In Großhesselohe hat er in einem Jahr drei Kellnerinnen unglücklich gemacht. Kurz, ein Wildschwein. Und ewig mit der Polizei in Fehde. Mich anpumpen! Seit Jahren grüße ich ihn nicht mehr. Du hast doch von seinen Skandalen gehört?«

»Gehört und wieder vergessen. Solche Menschen sind nicht wert, daß man ein Gedächtnis für sie hat. Der Braten wird kalt, bitte.«

»Und nun zum Nachtisch den dicken Brief.«

»Da bin ich neugierig,« sagte Brigitta und rückte Schüsseln und Teller zusammen.

»Von Zwerger, von Joseph Zwerger!«

Brigitta hielt den Atem an. Also hatte sie doch richtig geahnt.

»Ein ganzes Buch! Das sieht dem Sonderling ähnlich,« lachte Drillinger, das Siegel lösend.

[313] »Lesen Sie nur den Anfang und das Ende und eine Stichprobe aus der Mitte und sagen Sie mir, ob es Gutes ist,« bat Brigitta.

»Der Anfang ist ganz Zwergersche Art: eine Gewitterschilderung, der Schluß – warte nur! – Bewunderung der heldenhaften Brigitta, die das Unerträglichste erträgt, mich! – dann noch eine lange Nachschrift. Aus Neapel datiert. Und eine Stichprobe aus der Mitte ...«

Drillingers Augen fielen zufällig auf die Stelle: »Und wenn Du nach einer seligen Stunde am Busen des süß verbuhlten Weibes.« Er schlug hastig das Blatt um, dann las er: »Flora Kuglmeier scheint mich mit ihrer Besuchszusage ...«, noch ein Blatt überschlagend.: »Nun glaubst Du aber selbst, daß die geheimnisvolle Flora Kuglmeier ...« das letzte Blatt mit der Nachschrift hervorziehend: »Flora hat nicht aufgeschrieen, ist nicht in Ohnmacht gefallen ...«

Mit humoristischem Lächeln zu Brigitta, indem er die Blätter zusammenschob: »Liebe Alte, ich glaube, das ist nichts für Dich. Dein Platoniker ist in der heißen Sonne Süditaliens vom Pfade der Enthaltsamkeit gewichen. Der dicke Brief ist ein erotischer Roman, nach den Stichproben zu schließen ... Aber mit dem Lobe, [314] das er Dir zollt, kannst Du wahrhaftig zufrieden sein. Du hast's ihm angethan.«

»Ach, Sie scherzen. Ich bin sehr glücklich, daß er wieder geschrieben und so viel. Gewiß stehen schöne und erhebende Gedanken darin. Wenn Sie den ganzen Brief gelesen haben, teilen Sie mir mit, was Ihnen passend dünkt,« schloß sie lächelnd. Und im Aufstehen: »Ich will Gott danken für den schönen Tag, den er mir in seiner Gnade beschieden hat.«

Am Abend setzte sich Drillinger hin, eine Antwort an Zwerger zu schreiben. Der Brief hatte ihn seltsam gepackt. »Ja, ich muß mich aufraffen, aufraffen!« rief er ein ums andere mal, voll Unruhe das Zimmer durchmessend. Dann setzte er sich wieder an den Schreibtisch und ordnete mühsam seine fliegenden Gedanken mit der Feder in der Hand. »Lieber Zwerger, wenn wir uns mit dem Blick ansehen könnten, mit dem andere uns ansehen, es wäre nicht auszuhalten. Jeder liefe vor sich selbst davon. Aber ich glaube, jeder Verkehr, auch der freundschaftlichste, beruht auf einer Illusion. Jedes Urteil eines Menschen über einen anderen, und wenn es noch so ehrlich, hat ein Mißverständnis zur Grundlage. Wir ergründen und verstehen uns [315] selbst nicht – und dennoch bilden wir uns ein, andere zu ergründen und zu verstehen! Dein Brief hat mich an einem Scheideweg getroffen. Ich bin entschlossen und hoffe zuversichtlich, richtig gewählt zu haben. Auch Du scheinst mir an einem Wendepunkt in Deinem Leben angelangt zu sein. Nimm Dich in Acht und traue Dir nicht zu viel zu! Wenn Du so viel Widersinn über Dich zusammenträgst und in die Wagschale wirfst wie Du über mich zusammgehorcht und ausspintisiert hast, dann –«

Er legte ermüdet die Feder weg.

»Ich will erst morgen den Achthuber aufsuchen und ihn über die Flora Kuglmeier ausholen, bevor ich weiter schreibe. Ich will erst einmal darüber schlafen. Es eilt übrigens gar nicht. Der Zwerger könnte Wunder glauben, welches Ereignis von größter Tragweite sein konfuser Brief in meinem Leben bedeute ... Und diese architektonischen Schnurren! Macht denn die Isar plötzlich alle Menschen verrückt?«

Am nächsten Tage war ein harter Witterungsumschlag eingetreten; der Frühling war wie ausgelöscht. Ein niedriger, grauer Wolkenhimmel mit kalten Regenschauern umfing die [316] Isarlandschaft und nahm ihr allen Glanz, allen Duft und alle Wärme. Eisige Windstöße fegten über die bayerische Hochebene, pfiffen in den Münchener Straßen um alle Ecken, peitschten die Isarwasser gegen ihre Strömung und ließen die Gesichter der Menschen, die sich schon auf laue Sonnentage eingerichtet hatten, blau und rot anlaufen. Erstarrt hing das junge Grün an den Allee- und Uferbäumen, und die ersten Knospen und Blüten waren von den Eisesschauern des Todes bis ins Herz getroffen.

Brigitta ließ das Zimmer heizen und jammerte: »Das wird ein böses Jahr. Ein Unstern waltet über diesem Frühling. Erst die heiße Luft zur Unzeit und jetzt sibirische Kälte. Meine Ahnungen trügen nicht; sie prophezeien Schlimmes.«

Richtig verschlechterte sich das Wetter von Tag zu Tag. Drillinger fühlte sich sehr elend. Er fröstelte in seinem Winterpelz. Zwergers Brief ging ihm nicht mehr aus dem Sinn. Die Beantwortung war stecken geblieben. So oft er die Feder ansetzte, bemächtigte sich seiner Stimmung eine unerklärliche Zagheit. Er war entrüstet über Zwergers »Anmaßung« – wie er's nannte – sich in die intimsten Herzens- und [317] Gemütsangelegenheiten anderer einzumischen. Das verdiente eigentlich keine Antwort, aber wenn eine, dann die schneidendste und abweisendste gegen dieses aufdringliche Genieprotzen- und moralisierende Zuchtmeistertum ...

Brigitta sah mit wahrem Schmerz diesem inneren Kampfspiele zu, das sich immer deutlicher in Drillingers Gesprächen, Monologen und wechselnden Launen abspiegelte. Jetzt riet sie selbst zur Abreise. Die Antwort auf Zwergers Brief dränge auch nicht, ja; sei ganz überflüssig, da der Architekt in einigen Monaten selbst komme. Mündlich verständige man sich viel leichter. Zwerger sei doch ein ganzer Mann, wenn auch etwas derb und hochfahrend; sie verspreche sich sehr viel Gutes von seiner Rückkehr, auch für Drillingers Lebensführung. Sie erinnere sich noch, wie er ihr einmal den Plan eines Familienhauses entwickelt habe, das er mitten im Buchenwald auf dem höchsten Punkt der Isarufer, weithin die Landschaft, Alpen und Ebene beherrschend, erbauen und dem er den Namen »Lugtrutz« geben wollte. Ja, etwas Trutziges hat er ...

»Ach, alle Welt ist wider mich!« rief Drillinger aus. »Es giebt keine uneigennützige [318] Freundschaft mehr, nur lauernde Feindschaft in der Maske des Wohlwollens, um uns in einer schwachen Stunde um so sicherer zu verderben. Traust Du dem Zwerger, Brigitta? – Sei still, ich traue ihm nicht. Er ist ein Spekulant, wie der Weiler, der Schmerold, der Raßler ...«

Der Name war heraus. Er biß sich auf die Zunge. Schnell fuhr er fort in klagendem Tone: »Lauter Industrieritter, jeder in seiner Art, Künstler und Unkünstler, Christ und Jude, Millionäre und andere Schelme ...«

Brigitta suchte zu seiner Sänftigung einigermaßen auf seine Anschauungen einzugehen: »Was mir an Zwerger auch nicht so ganz gefällt ist, daß er aus der Ferne auf München schimpft. Das ist unschön und unklug, nützt auch gar nichts. Er soll herkommen und sich seinen Platz erobern und dann zeigen, daß er das Bessere leisten kann. ›Ich bin eine Kraft‹, das ist leicht gesagt. Eine Kraft muß sich in der That und Wahrheit bewähren. Und das mit der gewissen Flora Kuglmeier, die wir freilich gar nicht kennen, scheint mir auch ein frivoles Abenteuer. Aber das wird sich alles mit der Zeit aufklären ... Wollen Sie nicht zum Bildhauer [319] Achthuber gehen? Der Besuch wird Sie zerstreuen. Gehen Sie hin.«

»Den ersten besseren Tag. Meinetwegen. Obwohl mir vor neuen Bekanntschaften bangt« ... Und der Tag kam. Die Frühsonne durchbrach mit majestätischer Strahlengewalt das bleischwere Gewölkdach, das über die durchweichte, triefende Erde gespannt war, zerteilte die Rauchschwaden, die sich aus den Fabrik- und Bräuereischlöten über dem Isarthale zusammengeballt hatten, daß die Frauentürme und der Petersturm mit ihren Spitzen wie in einem dicken, schwarzen, stinkigen Nebel staken; die Kette der Alpen hellte sich auf und erschimmerte in tiefem Blau mit den weißleuchtenden Schneefalten, und im kräftigsten Grün jagten die Isarwellen durch die wie erlöst aufatmende Frühlingswelt. In wenigen Stunden hatte die Sonne alle Nässe aufgesogen und alles prangte wieder in warmer leuchtender Farbe.

In gehobener Stimmung machte sich Max v. Drillinger auf den Weg, den Bildhauer Achthuber zu besuchen. Recht sonderbar: er hatte schon allerhand von diesem Künstler gehört, der zur äußersten Linken von der Partei der »Unabhängigen« gehörte, auch manches seiner Porträtwerke [320] hatte er schon im Kunstverein gesehen und bewundert, manche lobende und noch öfter manche niederträchtig herunterreißende Kritik über ihn gelesen, allein es war ihm bisher nicht in den Sinn gekommen, sich um die persönliche Bekanntschaft dieses Mannes zu bemühen. Jetzt schreibt ihm dieser unangenehme, weil in alles dreinschwatzende Zwerger aus Neapel: Flora Kuglmeier wünscht, Du möchtest die Bekanntschaft des Bildhauers Achthuber machen – und flugs zieht er aus, dem Wunsche zu willfahren. Was geht ihn eigentlich Achthuber und die ihm gänzlich unbekannte Jungfrau Kuglmeier an? Kuglmeier! Es ist zum totschießen: eine ixbeliebige Kuglmeier die neueste Flamme dieses Platonikers Zwerger, des nämlichen Zwerger, der seit seiner Leutnantszeit die unerhörte Marotte kultivierte, sich in den weiberfeindlichen Schopenhauer zu verlieben, um in der Philosophie dieses Pessimisten ein Gegengift gegen weibliche Verführung und ein Schonungsmittel seiner moralischen und physischen Kraft zu finden, Pessimist zu werden, um Optimist bleiben zu können! Als wenn sich einer im Falschschreiben üben wollte, um im Rechtschreiben sattelfest zu bleiben!

[321] Drillinger brach diesen Gedankengang ab, als er beim Garten des Floßwirts in der Mühlgasse, beim Eingang ins Lehel, einem ihm ehemals befreundeten Polizeirat begegnete. Der Anblick dieses mehr geheimen als öffentlichen Organs der staatlichen Ordnung jagte ihm eine neue Idee durch den Kopf.

»Aus ein Wort, Herr Polizeirat!«

»Ach, Sie, Herr Baron, eine Ewigkeit ...« antwortete der geschmeidige Beamte in Cylinder, Überrock und Glacéhandschuhen.

»Nein, ich will Sie nicht belästigen, nur eine Frage ...«

»Bitte, ich begleite Sie gerne ein paar Schritte.«

»Die Sache ist die: ich wünsche Ihren Rat. Ich habe neulich im Café Paul zufällig eins unserer Kutscherblätter, die ›Freie Volkszeitung‹ angesehen und im sogenannten humoristischen Teil, wo die bestellten Ehrabschneidereien und Skandalgeschichten florieren, eine lansbübische Schnaderhüpfelei gefunden, in welche mein Name verwebt war. Gleichzeitig erfuhr ich von einem Bekannten, daß mir die Ehre zugedacht sei, in der ›Kloake‹ in der bekannten Weise verherrlicht zu werden. Was hat ein ruhiger Staatsbürger [322] unserer Haupt- und Kunststadt zu thun, um sich dieser journalistischen Wegelagerer in anständiger Weise zu erwehren?«

»Entweder sie zu ignorieren oder sie beim Gericht zu belangen.«

»Das Ignorieren geht in gewissen Fällen schwer, Herr Polizeirat, zum Kadi zu laufen und allen Chikanen unserer Prozeßordnung in Beleidigungsklagen sich auszusetzen, noch schwerer. Und was erreicht man? Im besten Falle eine Verurteilung des Hallunken zu einer kleinen Geld- oder Freiheitsstrafe. Die Ehre wird ja in unserer neuen deutschen Gesetzgebung so billig taxiert, billiger, als ein gestohlenes Paar Stiefel! Und dann? Der Preßbandit rächt sich für seine Verurteilung durch neue Angriffe, nur daß er sie jetzt so stilisiert, daß ihm auch das Gericht mit der schwerfälligen Paragraphenmaschinerie nicht mehr beikommen kann. Nein, das ist nichts. Wissen Sie mir keinen andern Weg?«

Der geschmeidige Polizeirat zuckte die Achseln und blickte seitwärts.

»Vor die Mündung einer Pistole fordern kann und darf man diese Schufte auch nicht. Gewöhnlich sind sie ja durch ihren Überfluß an [323] Bildungsmangel und getrübter Vergangenheit überhaupt nicht satisfaktionsfähig; der Kloakenchef ist zudem noch ein Krüppel und bezieht ein Almosen aus dem Reichsinvalidenfond. Wie soll sich ein Offizier zu diesen Bettelsuppen-Kreaturen stellen! Ganz unter uns, Herr Polizeirat, was würden Sie in meinem Falle thun?«

Der Polizeirat blickte sich erst vorsichtig um, dann machte er mit lächelnder Miene mit der Rechten die pantomimische Bewegung des Durchprügelns: »Aber sich nicht erwischen lassen!« lüftete grüßend den Cylinder und empfahl sich.

»Gut,« dachte Drillinger, »als erste Abschlagszahlung werden das ja die Herren Studenten durch ihren Hans Rindler besorgen lassen.« Und er setzte seinen Weg nach dem »Gries« fort, nicht ganz unzufrieden mit dem Ergebnis seiner Unterredung.

Der gewürfelte Polizeirat aber resümierte in Gedanken Begegnung und Gespräch so: »Dem Drillinger brennt seine Situation auf die Nägel und nun möchte er sich als unschuldiges Opferlamm hinstellen. Für so herzhaft hätte ich ihn aber wirklich nicht gehalten, seinem schlechten Gewissen auf diese Weise Luft zu machen. Ohne [324] Zweifel hat er Wind davon, daß wir durch eine wertvolle Denunziation seiner verräterischen Verbindung mit dem Agenten der französischen Spionage, dem Kognak – Musterreiter Paillard, auf der Spur sind. Nun spielt er bei der ersten persönlichen Begegnung mit einem Polizeiorgan den Naiven! Der wird Augen machen, wenn wir einmal das Material soweit beisammen haben, daß wir ihn mitsamt seinem Bankier Weiler aufheben und einspunden können ... Und dann zu guterletzt, als den Dritten im Bunde, den Preßbanditen selbst!«

Das Atelier des Bildhauers Achthuber lag an dem Knie, welches die Wäscherinstraße »Gries« mit dem Gäßchen »Zum Rosenbusch« bildete, ganz am nördlichen Ende des Lehel-Stadtviertels. Es war ein hoher, neuer Bau, der, von außen erkennbar, außer der Werkstatt nur noch wenige Räume zum Wohnen enthielt. Die weißgetünchte Wand gegen die Straßenseite zeigte neben der Eingangsthür ein sehr großes Atelierfenster und daneben einige kleinere schmale Fenster. Jenseits der chaussierten Straße, die vom Englischen Garten hinaufführte, dehnten sich hinter einem niedrigen Plankenzaun Rasenplätze, die der Bebauung harrten, und Wiesen, [325] mit alten Pappeln beseht und von Bächen durchzogen, die in die nahe Isar mündeten, nachdem sie ihrer Dienstbarkeit als treibende Kraft in den städtischen Mühlen und Fabriken entronnen waren.

»Ich störe bei der Arbeit? Verzeihung, Herr Achthuber!« sagte Drillinger, die Thür in der Hand behaltend, unentschieden, ob er eintreten oder sich wieder zurückziehen solle. »Mein Name ist Max v. Drillinger. Ich kann wohl später vorsprechen ...«

Am Modelliertische mitten im Atelier stand ein mittelgroßer Mann von echt germanischem Typus in nachlässig stolzer Haltung, den hellen, durchdringenden Blick fest auf den Eintretenden gerichtet, in der einen Hand einen nassen Thonbatzen, in der andern das Modellierholz, die Ärmel aufgestülpt, den Kopf mit einer Richard Wagner-Mütze bedeckt, die der Künstler jetzt mit dem Handgelenk in den Nacken streifte.

»Nein, bitte, eintreten! Man stört mich immer, aber das schadet, nichts. Ich arbeite ruhig weiter. Kommen Sie nur herein, Herr Baron. Willkommen!«

Das klang so fest, ruhig und herzlich zugleich, daß Drillinger entschlossen die Thür hinter [326] sich in die Klinke drückte und mit ausgestreckter Hand aus den Bildhauer zutrat.

»Ja,« lachte dieser, »die Hand kann ich Ihnen noch nicht geben, die ist ganz voll Schöpfungsdreck, Erdenkloß, wie's in der Bibel heißt. Das können wir dann nachholen. Bitte, suchen Sie sich einen Platz, dort am Vorhang, da ist noch ein leidlicher Stuhl. Nicht wahr, es sieht schrecklich unsauber bei mir aus? Entschuldigen Sie, mein Modell wird unruhig. Nur noch ein Viertelstündchen, dann sind wir mit dem Hiob für heute fertig.«

Das Modell, ein alter Herr mit verwildertem Kopf und entblößtem Oberleib, hockte auf einem Tritt in der Ecke.

»So, jetzt wieder stillehalten, Mister John, reden dürfen Sie jetzt auch wieder, dieser Herr hier verrät nichts, das ist ein Kunstfreund und Menschenfreund zugleich.« Und gegen Drillinger gewendet: »Mister John ist nämlich kein Professionsmodell, Herr Baron, sondern ein guter alter Freund von mir aus meiner amerikanischen Zeit. Er leistet mir einen großen Dienst, indem er mir sitzt.«

Der alte Herr seufzte. Seine Stellung war so, daß er den Baron nicht sehen konnte.

[327] Während Drillinger dem Künstler in rücksichtsvoller Entfernung über die Schulter blickte, flüsterte ihm dieser zu: »Sie haben es gut getroffen, Herr Baron. Der alte Herr ist nämlich nicht ganz ...« Achthuber deutete mit dem Modellierholz nach seiner Stirn. »Sie werden es gleich hören. Ein toller Weltpilger.«

»Fahren Sie nur in Ihrer Erzählung fort, Mister John, ich arbeite ganz gut dabei, Sie wissen ja, wie mich jedes Wort interessiert.« Und sich wieder flüsternd gegen Drillinger neigend: »Es beruhigt ihn nämlich, wenn er vor mir seine Wahnideen auskramen kann. Ich kenne die närrische Geschichte längst auswendig. Hören Sie nur, es ist psychologisch nicht ohne Reiz, oder wenn Sie lieber wollen, sehen Sie einstweilen meine Sachen an.«

Drillinger stäubte den Stuhl mit seinem Taschentuch ab und setzte sich nieder. Achthuber schaffte emsig weiter und nahm vorerst keine Notiz mehr von ihm. »In was für eine Gesellschaft bin ich da geraten?« fragte sich Drillinger kopfschüttelnd und betrachtete sich die merkwürdige Umgebung. Von den Wänden grinsten allerlei Karikaturen in Köpfen, Reliefs und Medaillons auf ihn herab ...

[328] »Nun, Mister John, wo sind wir stehen geblieben?« ermunterte der Bildhauer sein noch immer in Schweigen verharrendes, nur unruhig mit dem Kopfe wackelndes Modell. »In Amerika, nicht wahr?«

Jetzt ertönte eine leise, hohle Stimme wie aus dem Grabe, ohne Betonung über die Sätze hingleitend: »Mittlerweile war meine Familie aus Amerika zurück. Nur Afra war drüben geblieben. Schreitet man unentwegt über tausend Steine zum Ziele menschlicher Harmonie, so erscheint man dünkelhaft oder verrückt. Tadelt man begegnendes Unrecht in jeder Gestalt, so schreien die Gestörten und die Feigen: Bösewicht! 1862 hat ein Herr hier auf der Maximiliansbrücke im Vorbeihuschen mir – warum? – zugeraunt: Kommen Sie nur einmal wieder nach Newyork, dann sollen Sie etwas erleben, und der nämliche 1870 auf dem Broadway meiner Afra: You only come to Munich again you shall see!«

»Ziehen Sie die linke Schulter ein wenig hinauf, mein lieber John!« mahnte Achthuber.

Die warme, feuchtdunstige Luft und das Atelierlicht wirkten auf Drillinger einschläfernd. Die Rede des Alten tönte ihm wie Ammensingsang. [329] Er empfand nur einen körperlichen Eindruck und wußte nichts daraus zu machen. Eine wunderbar ergreifende Medusa über der Thür faszinierte ihn.

Mister John fuhr fort: »Afra war mir damals noch nicht nahe getreten. Heute erinnere ich mich an allerlei Münchener Redensarten aus meiner ersten amerikanischen Zeit. Dann mußte ich das Klima und das Leben dort meiden. Ich ging über den Ozean und das war unser Unglück; sie konnte meine Abwesenheit nicht ertragen. Die Familie, in deren Schoß sie Aufnahme gefunden, verlangte Garantien für meine Rückkehr. Bei Mißtrauen soll sie mitkommen, hatte ich erwidert. Und dann war sie tot, tot, tot ... Dann kam der Teufel über sie: Du hast sie gemordet, und sie drohten. Beobachtung, Argwohn, Flüstereien überall, wohin ich kam, in London, Paris, Berlin. Um so satanischer, als ins Kalkül fielen meine Einsamkeit, Unthätigkeit, Nervosität, Provokationsgruben, der Chauvinismus, royalistische Verbindungen ... Die in weiter Welt auf Revanche oder Ranküne lauernden Widersacher; endlich die Hoffnung, ich möchte irgendwo noch irgendwas begehen, woraus man Greifbares gegen mich [330] schmieden kann. Aber Mister John thut das nicht ...«

»Nein, er thut das nicht,« sagte Achthuber fest und gütig, »aber mein lieber John, neigt jetzt den Kopf ein wenig nach links, dann sind wir gleich fertig.«

Drillinger wandte den Blick auf den Boden und scharrte mit dem Fuß ein zerrissenes Zeitungsblatt näher heran. Achthuber gewahrte es und lächelte. Es war eine Nummer der »Kloake«.

Das Hiobmodell sprach unermüdlich weiter: »Bald hatte man gleichgestimmte Seelen, Flachköpfe, Schufte auf Seite der Hetzlustigen. Gewohnheitsverbrecher scheinen davon angeekelt worden zu sein, sonst hätte deren Augenblicknutztrieb mich auf einem entlegenen Weltgange beseitigen gekonnt. Endlich stutzten die Braven in der Millionenstadt und rückten. In München rauscht die Isar, der Andere ist jetzt stille. Manche gaben mir ihre Sympathieen zu verstehen. Was seitdem in der Umgebung sich abgespielt hat, davon wissen viele Vieles. Verrückter Mann! Abschaffen, asylieren, exilieren – Weltstadttöne, die hier nicht klingen. Hochstehende werden überall düpiert, meiden direkte [331] Kenntnisnahme, sind ohne Gegengewicht. In ihrem durchseuchten Hohlraum werden die Martern als verdiente betrachtet. Mich als schuldig hinzustellen! Hahaha. So lang die Kleine lebt ...«

»Und jetzt sind wir fertig für heute. Danke, alter Freund John. Darf ich Sie morgen Vormittag wieder erwarten?«

Der Alte ordnete seine Kleider und verschwand leise. Achthuber nickte ihm einen stummen Gruß nach, dann deckte er ein nasses Tuch über die Figur auf dem Modelliertischchen, wusch und trocknete sich die Hände und ging auf Drillinger zu. »Und nun erst Grüß Gott, Herr Baron, Ihr Besuch ist mir angenehm; er wurde mir schon von Italien aus avisiert. Sie selbst sind mir ja kein Fremdling. Ich bedauere nur, daß ich Ihre Geduld auf die Probe stellen mußte.«

»Das macht nichts, Herr Achthuber; das nichtsnutzige Frühlingswetter liegt mir ein wenig in den Gliedern und macht mich schlaff, sonst hätte die interessante Szene, der ich beiwohnen durfte, mich gewiß mehr angesprochen.«

»Ja, dieser Mister John ist ein unbezahlbares Studienobjekt. Sein eigentlicher Name [332] ist Flocker. Man siehts dem harmlosen Verrückten nicht an, was er schon alles hinter sich hat. In jedem Frühjahr kommt er zur Kur nach Brunnthal. Ein familien- und heimatloser Kunstgelehrter, durch eine kleine Rente unabhängig gestellt, durchpilgert er die Welt. Als ich vor drei Jahren in Amerika weilte, machte ich seine Bekanntschaft. Seitdem besucht er mich regelmäßig. Herzensgeschichten, die ihm den Verstand angebrannt haben, fesseln ihn auch ein wenig an mich. In meiner kleinen amerikanischen Braut – sie ist gegenwärtig in einem Dresdener Pensionat – will er das Abbild seiner zu Grunde gegangenen Geliebten erkannt haben; auch der Zufall des Namens scheint ihm imponiert zu haben. Aber was schwatze ich da von deutsch-amerikanischen Abenteuern, kommen wir zu unsern gemeinsamen Freunden, unserm Architekten Zwerger und seiner Verlobten Flora Kuglmeier!«

Drillinger machte große Augen: »Seiner Verlobten, sagen Sie?«

»Ich plaudere vielleicht aus, was er noch geheim gehalten wissen will. Aber es ist so. Fräulein Flora hat mir die überraschende Nachricht [333] erst diesen Morgen geschickt und mir zugleich Ihren Besuch angekündigt.«

»Ich finde den Zusammenhang nicht ...«

»Den werden Sie gleich haben. Wollen Sie sich da herauf bemühen? Hier sitzt sich's besser.« Achthuber war die Treppe an der Schmalwand des Ateliers hinaufgeeilt und hatte den grünen Vorhang zurückgeschlagen. »Hier ist mein Plauderwinkel und mein Observatorium.«

Es war ein lauschiges Gemach, zeltartig aus bunten Binsenmatten und Teppichen gebildet und mit einem fellbelegten Divan ausgestattet.

Nachdem sich die Herren niedergelassen hatten nahm Achthuber seinen Bericht wieder auf: »Meine nähere Bekanntschaft mit Zwerger verdanke ich meinem kurzen Rom – Aufenthalt im letzten Winter. Wir sprachen viel über die Münchener Kunstzustände, tauschten unsere Zukunftspläne aus, – ein genialer Mensch, voll Feuer und Phantasie! – weitgereist und viel erfahren wie wir beide waren, gewohnt, die Dinge von großen Gesichtspunkten zu betrachten, fanden wir uns schnell; ich stellte ihm noch meine ehemalige Schülerin – im Zeichnen und Modellieren – die nicht weniger geniale Flora Kuglmeier vor, Exhauslehrerin eines weitläufigen [334] Vetters von mir ...« (hier hüstelte der Sprecher unwillkürlich ein wenig) »und reiste dann wieder ab. Dringende Aufgaben riefen mich nach München zurück. Ich machte mir überdies nicht übermäßig viel aus Italien ... Ja, ja, Herzen haben ihre Schicksale: Zwerger schien mir das Ewigweibliche etwas von oben herab zu nehmen, schopenhauerisch infiziert, wie mir schien – und jetzt, wie's halt jedem beschieden ist, wenn sein Stündlein der Einkehr und der definitiven Entschlüsse geschlagen hat. Ich gönn' ihm das seltene Glück.«

»Von alle dem hat er mir nichts geschrieben. Sein letzter Brief schien mehr eine übermütige Humoreske, worin allerdings der mir bis dahin fremde Name Flora Kuglmeier gar sonderbar gaukelte. Wer ist denn die Dame eigentlich?«

»Fragen Sie vielmehr, Herr Baron, was ist denn die Dame eigentlich, und ich antworte Ihnen: eine Perle! Ah, Sie schütteln den Kopf? Ich war auch lange ein sündhaft ungläubiger Thomas. Sie können sich ja denken, ein Künstler, nicht wahr, der Verkehr mit den Modellen, den professionsmäßigen und – den andern; da kommen die Damen nicht, uns ihre Tugend und Keuschheit anzubieten oder uns mit frommen [335] Bußgedanken zu ködern. Und wir sind ja allzumal Sünder – ich muß Ihnen nur gelegentlich einmal meine intimeren Skizzen zeigen, proh pudor! – aber ich schwöre Ihnen bei meiner Künstlerehre, bei der kleinen Flora Kuglmeier lernte ich Respekt.«

»Das ist allerdings seltsam,« sagte Drillinger in Gedanken und ließ seinen Blick über die prachtvolle Figur des Künstlers gleiten.

»Glauben Sie mir, Herr Baron, diese Erfahrung war mir eine wahre Herzstärkung. Zuerst freilich war ich ein wenig beschämt, dann aber jubelte ich auf: Gott sei Dank, es giebt noch reine Frauenherzen und Frauenleiber! Besonders für einen Künstler ist diese Erfahrung notwendig und dieser Glaube ... Im Keuschen liegt eine göttliche Kraft. Unser Zwerger ist ein seliger Mann. Jetzt ist er geborgen. Jetzt wird er sich auch zum rechten Zielbewußtsein aufschwingen, nachdem sein Leben ein Zentrum in der Liebe gewonnen. Wenn ihm die Umstände nur ein wenig hold sind, wird er mit der Ausführung seiner Isarpläne seine Künstlerlaufbahn krönen.«

»Was ist es denn eigentlich mit diesen Isarplänen?«

[336] »Das ist leicht und schwer zu sagen, je nachdem. Im Prinzip handelt es sich darum, diese landschaftlich einzigen Bauplätze an den Isarufern der gemeinen Zinshaus-Bauspekulation zu entreißen und sie einem dem künstlerischen Ruhme Münchens würdigen Zwecke zu weihen. Es gilt da freilich zunächst einen heißen Kampf mit dem barbarischen Mammonismus, der alles phantasievoll Grandiose, sofern es nicht sofort rentierlich im kapitalistischen Sinne, mit Füßen tritt. Und hier soll für die Kunststadt München eine Entscheidungsschlacht geschlagen werden, welche die künstlerische Vorherrschaft Bayerns auf Jahrhunderte hinaus in Deutschland befestigen oder vernichten soll. Ein halbes Dutzend lumpiger Millionen und der königliche Schutz – und die Isarufer bedecken sich nach den Zwergerschen Entwürfen mit Kunstausstellungsbauten, Museen, Galerieen, dazwischen Privathäusern im reichsten Pavillonstil, Gärten, Anlagen, Brunnenwerken, Statuen und so weiter, wie die Welt nichts Ähnliches gesehen ...«

Drillinger lächelte: »Millionen und königlicher Schutz! Unter den bekannten obwaltenden Umständen!«

»Vorerst heißt's nur Zeit gewinnen – für [337] die Veränderung der augenblicklichen Umstände. Von heute auf morgen kann ein ungeheurer Wechsel eintreten. Der König ist krank, weltflüchtig, regierungsmüde. Er hat Außerordentliches für das Kunstgewerbe geleistet, ja, man kann sagen, daß er das bayerische Kunstgewerbe geschaffen und auf die gegenwärtige Höhe gebracht hat. Aber jetzt sind seine Mittel erschöpft. Er ist am Ende seiner Kraft. Ultra posse nemo obligatur. Nicht einmal ein König. Lassen Sie die Krone auf ein anderes Haupt übergehen ... In diesem Sommer feiert Münchens Künstler- und Bürgerschaft das Ludwigs – Jubiläum, die Hundertjahrfeier der Geburt Ludwigs I., des größten Kunstkönigs. Sein zaubermächtiger Geist ist im Wittelsbacherhause noch heute lebendig; stellen Sie ihn im rechten Mann auf den rechten Fleck und Sie werden Wunder erleben!«

»Ich bewundere ihren kühnen Gedankenflug, obwohl ich ihm nicht zu folgen vermag. Industriealismus, Kapitalismus, sie haben nun einmal das Heft in Händen und werden sich's nicht durch die glänzendste Künstlerphantasie entwinden lassen ... Selbst königliche Macht ... [338] Die Zeiten Ludwigs des Ersten sind nicht mehr die Ludwigs des Zweiten ...«

Es klingelte. Achthuber eilte an die Thür und steckte den Kopf hinaus.

»Nein, Isidor, melden Sie dem Herrn Bankier Weiler, daß ich ihn jetzt unmöglich befriedigen kann ... In vierzehn Tagen wollen wir sehen ... Wie? Pfand? Er soll sich selbst oder den Gerichtsvollzieher herausbemühen und sich nehmen in drei Teufels Namen, was ihm gefällt. Bargeld hab' ich jetzt nicht. Den Wechsel nehmen Sie nur wieder mit. Adieu ... Nochmal: nein! Vorwärts, sag' ich ... Betrachten Sie sich meinetwegen als hinausgeworfen ...«

Die Thür flog zu. Zwischen den dichten rötlich-blonden Augenbrauen des Künstlers stand eine düstere Falte.

Zu Drillinger zurückkehrend: »Ich bitte um Vergebung. Ja, ja, das Geld im Kleinen ist ein schändliches Ding. Mein Bankier hat eine wahnsinnige Inkasso – Wut ... Mit Millionen! ist bequemer arbeiten, die sind weit nobler und gefügiger, als die Tausender. Kleine Summen sind immer plebejisch ...«

Drillinger hatte sich schweigend erhoben. [339] Der Zwischenfall, von dem er unfreiwilliger Zeuge gewesen, drückte auf seine Stimmung und ließ die kaum verscheuchte Schwermut wieder die Oberhand gewinnen.

»Wollen Sie einen Blick auf meine Arbeiten werfen?« fragte Achthuber sich zusammennehmend. »Es sind Einfälle darunter, die Ihnen nicht mißfallen werden. Einzelne frühere Werke werden Sie bereits vom Kunstverein her oder aus Kritiken kennen. Was ich im Kunstverein ausstellte, war natürlich dummes Zeug, Schaugericht für Krethi und Plethi; ist auch längst verkauft. Dergleichen mache ich nie wieder. Konzessionen schwacher Stunden und gewisser Bedürftigkeiten, deren man sich besser schämt. Die Kritik pflegt solche Sünden natürlich mit höchstem Lobe auszuzeichnen. Waren Sie nicht selbst eine zeitlang kritisch thätig? Es ist mir als ... kurz vor meinem Abstecher nach Amerika ...«

»Meinen Sie mein journalistisches Unternehmen mit dem Baron Almen? Ein unglücklicher Versuch. Seitdem habe ich die Hand von der Presse gelassen ...«

»Das verdenke ich Ihnen nicht. Unsere Preßverhältnisse lassen viel zu wünschen übrig.«

[340] »Wo ein Preßbandit möglich ist, wie dieser Kloakenhäuptling ...«

»Den rechne ich nicht zur Münchener Presse. Nein, das möchte ich unserer Journalistik nicht anthun, so wenig ich mich ihr zu Artigkeiten verpflichtet fühle; sie hat mich, besonders in meinen Anfängen, oft gemein genug behandelt. Jetzt schweigt sie mich fleißig tot, das nehme ich ihr weniger übel. Aber dieser Preßbandit ist für mich doch nur eine lustige Person. Neulich wollte er sich auch an mir reiben, aber ich habe ihm einstweilen einige Hiebe brieflich aufgesalzen, die fruchten werden. Ich stehe nämlich in gewissen Beziehungen zu ihm, sehr sonderbarer Natur, von früher her, durch sein Weib ... Nicht wahr, da staunen Sie? Kennen Sie sein Weib? Ich meine nur so ...«

»Vom Sehen? Allerdings.«

»Natürlich nur vom Sehen. Ich auch. Nur habe ich sie besser gesehen, als irgend einer, als Aktmodell nämlich, in ganzer Figur, wie sie Gott geschaffen und ein Tätowierkünstler verbessert hat. Das ist eine furchtbar komische Geschichte. Nach der Anrempelei des Preßbanditen habe ich keine Veranlassung mehr, sie länger geheim zu halten. Also die Donna kam aus[341] Hamburg hieher, aus irgend einem Matrosen-Paradies. Eine teufelmäßige Schönheit, die hier zuerst mit Modellstehen ihren Weg machen wollte. Die wenigsten Künstler wußten etwas mit ihr anzufangen; auch wollte sie sich nicht weiter als bis zu den Lenden hergeben. Da kam sie zu mir – und beehrte mich mit einem unfaßlichen Vertrauen. Das heißt: Hofbräuhaus-Bock drei Glas, hierauf Marsala anderthalb Flaschen und einige Fingerhüte voll Chartreuse hatten sie beschwipst ... Daran war ich nicht ganz unschuldig ... Gewisse Frauen sind erst im beschwipsten Zustande zu ergründen, dann aber unfehlbar ... Und meine Entdeckung! An der Innenseite beider Schenkel von der Kniekehle bis oben hinauf tätowiert: einen Löwenkampf unter Palmen darstellend! Die Bestien fletschen die Zähne, hauen mit den Schwänzen um sich, packen sich im Nacken, in den Flanken – ein dämonisches Kampfbild, naiv aufgefaßt, grotesk dargestellt, aber von unerhörter Wirkung an dieser Stelle ...«

»Das möcht' ich wahrhaftig ... nein, nicht in natura, aber in einer beglaubigten Abschrift sehen.«

»Der Wunsch ist berechtigt und soll erfüllt [342] werden. Sie sind zwar nicht der Erste, dem ich's zeige, aber der Erste, dem ich den Namen der Besitzerin des lebendigen Originales mitteile. Kommen Sie!«

Achthuber führte den Baron in eine verschlossene Abteilung des Ateliers.

»Das ist mein Raritätenkabinet, das ich nur ganz Intimen öffne. Einem Freunde Zwergers biete ich den Eintritt als Gastgeschenk.«

»Ich werde diese Auszeichnung zu würdigen wissen,« antwortete der Baron verbindlich.

»Das, ist der Tempel der Natürlichkeit oder sagen wir schöner: Vermählung von Natur und Kunst. Für klassisch verdorbene Akademikeraugen ein Ort des Schreckens und der Qual ...« fuhr der Bildhauer fort, nachdem er von einigen Gruppen und Statuen die schützende Hülle, grobe, staubgraue Tücher, genommen. Längs der Wand standen auf einem niedrigen Simse eine Reihe von kleineren Skizzen. »Suchen Sie!« rief Achthuber.

»Hier das Frauenzimmer auf dem ominösen Stuhl? Erlauben Sie, das ist unerhört, das ist kein Vorwurf für die bildende Kunst!«

Der Künstler verzog die Lippen. »Das müssen die Herren Nichtkünstler doch wohl den [343] Künstlern zu entscheiden überlassen ... Sehen Sie nur genau hin, Herr Baron, das ist wirklich der ominöse Stuhl; Sie haben richtig geraten. Die genaue Kopie des Stuhls, der im ärztlichen Untersuchungsbüreau von der Polizeibehörde bekannten Damen allwöchentlich angeboten wird. Der Künstler, dem nichts Menschliches fremd sein darf, hat ein Recht, sich für Personen, Dinge und Zustände nachschöpferisch zu interessieren, welche in der profanen Alltagswelt noch als die Domäne des Arztes, des Polizisten, des Richters betrachtet werden. Ei freilich, Venus, die Schaumgeborene – die Verführerin als strahlende Göttin – und ihr mit Mars erzeugter Sohn Amor oder Kupido oder Eros, dargestellt als neckischer Knabe mit Flügelchen an den Schultern, bewehrt mit Bogen und Köcher, aus dem er Liebespfeile schießt, oder mit einer Fackel, dem Sinnbilde brennender Liebe, diese mythologischen Kinderstubenscherze, das sind Vorwürfe für die echte, die ideale Kunst, nicht wahr? Nein, mein Herr, mit diesem verlogenen, konventionellen Schnickschnack wollen wir modernen Künstler nichts mehr zu schaffen haben. Unsere Seele schreit nach Erlösung von Unnatur und Lüge, wir sehen die [344] hehre Schönheit nicht in der klassischen Schablone, sondern in der Wahrheit, die vor unsern Augen liegt. Wir kehren uns nicht an die alten Muster, wir halten uns an den Geist, der in uns selbst lebendig ist und beugen uns in Ehrfurcht vor dem ewigen, erhabenen Urtext der Natur. Und darum schildern wir unsere Zeit und unsere Menschen, unsere Irrtümer, Thorheiten, Leiden, Hoffnungen und Ideale, wie die Alten die ihrigen geschildert haben. Dieser Stuhl hier und das Weib darauf mit den ausgespreizten Schenkeln und der Gerichtsarzt davor mit dem kühlen Aktendeckelgesicht – das sind Abschnitte aus der echten, wirklichen Venuslegende unserer Zeit, mit hoher obrigkeitlicher Approbation, ein Aufzug aus dem hundertaktigen Drama unseres modernen sozialen Elendes, das nur diejenigen nicht sehen, die es aus Feigheit oder eigener Niedertracht nicht sehen wollen ...«

Drillinger musterte die Gruppe aufmerksamer. »Ich kann mir nicht helfen, Herr Achthuber, so vollendet Ihr Werk auch sein möge und so frei von frivoler Effekthascherei – man wird Sie doch der Verirrung, ja der Freude an der Schweinerei bezichtigen ...«

»Lassen Sie sich ad vocem Schweinerei eine [345] Anekdote erzählen, Herr Baron,« sagte der Künstler gelassen, indem er eine reizende nackte Mädchengestalt auf der Drehscheibe so rückte, daß das hellste Licht auf die Rückenseite fiel. »Als der große französische Schauspieler Talma zum erstenmal den Brutus mit entblößten Armen und Beinen und echter römischer Tunika statt in dem bisher üblichen Phantasiekostüm spielte, da verließ seine Partnerin, Madame Vestris, empört die entweihte Bühne mit dem Rufe: ›Schwein!‹ ... Heute ertragen wir nicht nur, sondern wir fordern sogar echte Kostüme im Theater und das prüde Publikum findet sich mit nackten Schultern und Armen ganz gut ab, während es gegen nackte Füße oder Beine noch entrüstet aufschreien würde. Von dem Dichter oder bildenden Künstler hingegen verlangt es nach wie vor das lächerliche Phantasiekostüm der Konvention. Die Schwachköpfe mögen es ihm geben, die starken Naturen, die suveränen Künstler-Individualitäten, kümmern sich keinen Pfifferling darum, und wenn man ihnen auf Schritt und Tritt die, blödsinnige Insolenz entgegenschleuderte: ›Was, du kannst es wagen, uns zu schildern wie wir sind – du Schwein?‹ Lieber Herr Baron, aus der Perspektive des modernen Künstlers gesehen, [346] sind alle diese Moralitätsanfälle pure Kindereien, und die ganze konventionelle Moral, die den Leuten angedrillt wird, eitel Schwindel und Humbug. So lange diese Moral herrscht, ist kein Raum für die Sittlichkeit in der Welt. Und Sittlichkeit thäte uns so wohl wie echte Natur.«

»Wer ist diese herrliche Lichtgestalt?« fragte Drillinger träumerisch, längst nur noch Auge und den Ausführungen des Künstlers kaum ein zerstreutes Ohr leihend.

»Meinem französischen Lieblingsschriftsteller Flaubert zu Ehren habe ich sie ›Salambo‹ getauft. Ich weiß nicht, ob Sie die Geschichte von dem Töchterlein Hamilkars kennen. Salambo ging in das feindliche Lager, schlief die Nacht über im Zelte des feindlichen Heerführers, um den Schleier der Göttin Tanit, den dieser geraubt, wieder zurück zu holen. Eine unbefleckte Jungfrau, wie sie gekommen, soll sie wieder nach Karthago zurückgekehrt sein.«

Drillinger seufzte ironisch. »In Karthago muß dann wenigstens die jungfräuliche Keuschheit intensiver, oder die Weiberlust der Heerführer bedeutend impotenter gewesen sein, als bei uns ... Je nun, die Welt ist so groß und [347] so verschieden ... Salambo hin, Salambo her, das ist ein wundersüßer Frauenleib. Ach, ich hätte ihn nicht ungenossen aus meinem Zelte entweichen lassen – Sie wohl auch nicht, Herr Achthuber ...«

»Meine keusche Salambo verführt Sie!« sagte der Künstler in vorwurfsvoll singendem Tone mit drohend erhobenem Finger. »Herr Baron, das ist patentierte und garantierte Jungfräulichkeit ... aller Liebe Müh' umsonst. Betrachten Sie hier mein ›asketisches Ideal‹, das wird Sie abkühlen, oder dort meine Gruppe ›Leben aus dem Tode‹, die Entbindung einer Sterbenden, das wird Sie erschrecken. Auch meine ›Würde der Arbeit‹, wie ein verunglückter halbverhungerter Künstler einem Parvenü-Protzen die Stiefel putzt, ist ein gutes Ableitungsmittel für wollüstige Gedanken. Das ›asketische Ideal‹ ist eine Charakterstudie nach dem Leben des Einsiedlers im Steinbruch von Höllriegelskraut. Lauter moderne Stoffe! Hier ›die kleinen Propheten‹ sind aus unserem Landtag, Abteilung, für klerikal – mittelalterliche Halluzinationen, geholt ...«

Das war umsonst geredet. Max v. Drillinger lag in Salambo's Fesseln, daß er alles [348] andere übersah und überhörte. Diese Welt von jugendlich knospender, taufrischer Schönheit, hat er sie nicht schon beglückt in seinen Armen gehalten? Erinnerte dieser wonnesame Leib der Karthagerin nicht in jeder Linie, jeder Schwellung, jeder Bebung an die zierliche Huldgestalt seiner kleinen Sängerin Fifette? Und wie hat er sie in diesen Tagen vernachlässigt! Konnte er nicht jeden Augenblick niedertauchen in ihre Liebe wie in einen Jungbrunnen und alles Leid vergessen? Er hatte einen Entschluß gefaßt – diese Nacht bei ihr! Nun riß er sich von dem Bilde los.

»In der That, Sie haben entzückende Sachen hier. Wenn Sie gestatten, werde ich mir das alles später einmal mit Muße betrachten. Ich muß in diesen Tagen einen kleinen Erholungsausflug machen; wenn ich zurückkehre ...«

»Sie sollen mir stets willkommen sein, Herr Baron. Inzwischen werden wir hoffentlich auch neue Nachrichten von unserem gemeinsamen Freunde Zwerger erhalten haben ...«

»Wer ist das hier?« fragte Drillinger im Hinausgehen, mit flüchtigem Blicke auf eine Porträtbüste weisend. »Den sollte ich kennen.«

»Ein moderner Antinouskopf, nicht wahr? [349] Das ist ein junger Philologe, ein Unglücksmensch von einem Ideologen. Schlichting heißt er.«

»Und das hier?«

»Eine Engelmacherin, sagt man. Ich will nicht darauf schwören. Man sagt ja so vieles.«

»Was Sie für seltsame Bekanntschaften haben ... Eine Engelmacherin!«

»Der Thiergarten Gottes und seiner Künstler ist groß.«

Es war der Kopf der Elisa v. Hutzler.

»Und das?«

»Eine Blumenmacherin und angebliche Baronesse dazu. Als Baronesse hatte sie gar nichts, als Blumenmacherin drei bis vier Mark in der Woche. Ihre Schwester desgleichen. Um nicht zu verhungern ... die alte Geschichte ... Die satte Tugend geht vorüber und hält sich die Nase zu. Die Polizei stellt eine Karte aus und erhebt die Taxe.«

Drillinger stand sinnend, als suche er nach einer Ähnlichkeit mit einer von zwei jungen Dämchen, die ihm kürzlich begegnet ... auf der Maximiliansbrücke und unter einem Thorweg ... Es ging ihm so vieles im Kopf herum. Das Leben wird mit jedem Tag komplizierter.

[350] An der Thür sich umwendend, gewahrte er auf einem kunstvoll gearbeiteten Postamente eine jugendliche Frauenbüste, die ihm schon beim Eintritte aufgefallen war, weil sie abseits von den anderen Bildwerken wie auf einem Ehrenplatze stand. Es war ihm auch gewesen, als hätte ihr der verrückte Flocker beim Hinausgehen heimlich eine Kußhand zugeworfen.

»Verzeihen Sie eine letzte Frage, Herr Achthuber: wer thront dort gleichsam als der weibliche Schutzgeist dieser kunstgeweihten Stätte?«

Über das edle Gesicht des Künstlers flog ein siegesstolzes Leuchten und mit feinem Lächeln sagte er, die Kraft seiner Stimme zu geheimnisvollem Flüstern dämpfend: »Meine Herzensliebschaft, meine Afra!«

»Afra?« fragte Drillinger nachdenklich wie einer, der sich auf verblaßte Träume und erloschene Zusammenhänge besinnt. »Die im Roman des Mister John eine Rolle spielt?«

Die Art des Fragens belustigte den Künstler; sie sprach ihn an wie frauenhafte Neugierde. Nun wollte er zum Schluß mit dem Frager eine kleine Komödie spielen: »Ich vermute sogar, daß sie eine der Ursachen von Johns Irrsinn ist, insofern, als Johns etwas überempfindliches Hirn [351] durch die Abweisung, die er von Afras Mutter auf sein hitziges Liebeswerben erfahren, übergeschnappt ist ... Mister John leidet zeitweilig auch an der Wahnvorstellung, er sei Afras, meiner Zukünftigen, leiblicher Vater ...«

Nein, das Fabulieren wurde ihm doch zu schwer und es stritt auch gegen seine Gewissenhaftigkeit, ein ihm so teures Wesen wie seine Afra in eine romantische Komödie zu verflechten. Was wußte er auch von Afras Vorgeschichte mehr, als daß ihre Kindheit im Findel- und dann in einem Erziehungshaus für Waisenkinder in Newyork verflossen ist? Also genug des grausamen Spiels!

Drillinger erwiderte: »Hm, seltsame Schicksale. Die Geschichte müssen Sie mir einmal deutlich erzählen, wenn ich wiederkomme, Herr Achthuber. Afra, sonderbar ...«

»Mit Vergnügen, Herr Baron. Es ist zwar schauderhafte Romantik, und ich weiß nicht, ob ich, der Naturalist, sie Ihnen zu Dank vortragen kann. Immerhin!«

»Wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, Mister John als Modell zu einem Hiob zu benutzen?«

»Er hat mich selbst darauf gebracht. Mit [352] Vorliebe, das heißt mit der den Verrückten eigenen Hartnäckigkeit verglich er sich mit dem alttestamentlichen Dulder. Gleich dem Hiob habe ihn der grausame Gott, der überhaupt der Grund alles Übels in der Welt sei, weil er mit dem Menschen experimentiere wie ein Vivisektor mit seinen Versuchstieren – ihm, dem Mister John, seine Familie und seine Reichtümer genommen und, nicht zufrieden mit dem angestifteten Unheil, auch noch seine Freunde gegen ihn aufgehetzt und seine Gesundheit geschädigt. Außer sich selbst und dem Pechvogel Hiob wisse er niemand, dem Gott so sinnloses und grausames Leiden auferlegte ...«

»Und das alles um einer Afra willen, die ihn nicht einmal erhört hat! Das ist freilich göttlicher Widersinn. Wenn wir andern um der Weiber willen leiden, wissen wir wenigstens warum ...« Dem Künstler die Hand reichend: »Sie haben mich mächtig angeregt, Herr Achthuber. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis komme ich wieder. Ich wohne am südlichen Ende der Stadt, Sie am nördlichen. Uns beiden rauscht die nämliche Isar, die es unserer Zwerger« ... auf einen andern Gedanken überspringend: »Herrgott, daß er sich verlobt hat, wirklich verlobt, [353] ist doch eine riesige Neuigkeit ... Leben Sie wohl, Herr Achthuber. Ich fliehe ...«

»Gleichfalls. Das heißt: ich bleibe! Wiedersehn, Herr Baron!«

»War Drillinger bei Ihnen gewesen?« fragte der Photograph Attenkofer eintretend. »Bin ihm an der Ecke begegnet, er schien aber so in Gedanken und machte so lange, eilige Schritte, daß er mich gar nicht sah.«

»Ja, das ist auch so einer, dem der liebe Gott die Füße mehr zum Davonlausen, als zum festen Schritt oder zum Zustoßen und Zertreten gegeben hat. Der richtige Modejournaloffizier außer Dienst in seinem Äußern. In seinem Innern? Wer weiß! Ich hatte mir ihn anders vorgestellt, weniger abgenutzt und effeminiert, weniger ermüdet und zerfahren. Er hat einen Stich ins Hysterische. Künstlerisch ist er nicht uninteressant. Ganz klug werde ich erst aus ihm werden, wenn ich ihn einmal unter mein Modellierholz bekomme ... Helden nur unter scharfem Kommando, in Reih und Glied, wo's kein Entrinnen gibt; auf sich selbst gestellt, schändliche Zärtlinge ... Und so etwas macht das Weibsvolk toll ... Ich hab' das Motiv ... Ein guter aktueller Typus. Der [354] soll mir nach Mister John an die Reihe kommen.«

»Schon wieder in Gedankenarbeit? Ich will Sie nicht lange stören. Ich wünsche Ihren Rat, lieber Freund. Raßlers Neffe hat mir diesen Morgen angetragen, in sein Geschäft einzutreten. Soll ich annehmen? Er bietet mir eine sehr angenehme Stellung. Ich wäre damit vielem aus dem Wege, was mir bisher das Leben verbitterte.«

»Natürlich sollen Sie annehmen. Aber mit klarem Kontrakt. Alle Raßler sind mehr oder weniger Tröpfe und Spitzbuben.«

»Sie sind streng, aber ich danke Ihnen für den Wink. Mein ganzes Unglück war meine Armut. Und als armer Teufel wurde ich immer noch ausgebeutet und wo man mich nicht ausbeuten konnte, verfolgte man mich.«

»Selbstverständlich. Den Armen traut man stets das Erbärmliche zu. Die Wohlhabenden gelten zugleich als die Wohldenkenden. Sie Narr des Mitleidens und der Entsagung! Nur der Erfolg, je materieller er sich in Besitztümern ausspricht, desto besser – gibt moralische Autorität.«

»So klug bin ich endlich auch durch Schaden [355] geworden. Im Raßlerschen Geschäfte hoffe ich die Mittel zu erwerben, um ...«

»Ich wiederhole: strammen, klaren Kontrakt. Was gibt's sonst Neues?«

»Ihr Kollege Echter ...«

»Verzeihung, Konkurrent wollen Sie sagen. Unter den Künstlern gibt's heutzutage keine Kollegen, nur Konkurrenten. Nur Stümper und Lumpe trumpfen sich altfränkisch als Kollegen auf. Echter ist wenigstens kein Stümper. Er ist ein Konkurrent, den man ernst nehmen muß. Was ist's mit ihm?«

»Echter hat richtig den Auftrag bekommen, für den König den großen Relief-Fries, ›Triumphzug des Bacchus und der Ariadne‹ auszuführen. Er hat mich gestern ersucht, den Karton zu photographieren.«

Achthuber runzelte die Stirn. »Also hat er mir richtig die schöne Beute abgejagt ...«

»Professor Schnürle, der alle Schleichwege kennt, die zum König führen, soll ihm wacker geholfen haben. Ein unermüdlicher Wühler ...«

»Das überrascht mich weniger. Dieser Pinselmeister ist ja mit den Füßen und der Schnautze geschickter, als mit den Händen, daher seine raschen Erfolge. Schnürle und die andern akademischen [356] Dunkelmänner sind ja wütend auf mich und haben allen Grund dazu, seit ich allmählich mit meiner Richtung durchdringe und die jungen Talente sich um mich scharen, obwohl ich weder Ämter noch Ehren und Würden und Aufträge zu vergeben habe. Aber dieser Echter! ... Wie ist denn seine Arbeit?«

»Nicht übel. Das Durcheinanderwogen von liebestrunkenen Gestalten ist sogar vortrefflich. Allein gewisse Gruppen scheint er Ihrem Entwurfe direkt gestohlen und nur wenig umgeformt zu haben, um's nicht merken zu lassen, zum Beispiel die zwei Frauen, die sich taumelnd in die Arme sinken, – wissen Sie, wozu Ihnen die Bertha Hohenauer damals Akt gestanden – und die andern, die vom Veitstanz des Rausches ergriffen. Auch die Szene, wo ein Triton die eben errungene Geliebte jubelnd in die Höhe hebt, daß ihre ganze unverhüllte Schönheit sichtbar wird, während ein Satyr lüstern nach ihrem Fuße hascht, erinnert an Ihre Konzeption; nur ist bei Echter alles geleckter und ohne Ihr Leben und Ihre Kraft.«

»Mag's ihm wohl bekommen! Beim Künstlerfestzug zu König Ludwigs Zentenarfeier werde ich ihm doch einen Possen spielen ...«

[357] »Echter und Schnürle sollen auch von den Zwergerschen Plänen durch Konsul Schmerold Wind bekommen haben und nun Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um den Leuten den Geschmack daran zu verderben.«

»Das wird ihnen schwerlich gelingen, wenn sie nicht dem ganzen Architektenverein von heute auf morgen andere Köpfe aufsetzen können – Köpfe nach dem Strohwischkopfmuster des Herrn Professors Schnürle. Zwerger hat das Votum des Architektenvereins und – sein Genie für sich. Daran werden die Sturmböcke zerschellen.«

»Aber einen rechten Hexensabbat wird's doch geben.«

»Hexensabbat, ja ...« Und nach einigem Nachdenken: »Lieber Attenkofer, wenn nicht alle Wetterzeichen trügen, liegt ein ganz anderer Hexensabbat in der Luft, ein viel größerer, klassischerer – und dieser größere wird den kleineren verschlingen. Vor Schnürles Lakaienpolitik braucht uns nicht bange zu sein. Wir gehen einem Umschwung entgegen, mit Riesenschritten, glauben Sie mir – und dieser Umschwung, wird die Lakaienwirtschaft auch in der Kunst wegfegen wie Spreu. Dann werden wir wieder [358] reinen Tisch und reine Luft haben. Sagen Sie nur, der Achthuber hat's gesagt. Vielmehr: sagen Sie gar nichts. Halten Sie nur Augen und Ohren offen. Reifsein ist alles – und arbeiten und sich nicht vor Tod und Teufel fürchten. Ich gehöre ja ohnehin zu jenen, die immer Feinde nötig haben, um scharf bei der Arbeit und fröhlichen Herzens zu bleiben; Feinde sind mir so notwendig wie das tägliche Brot; sie sind meine Wohlthäter, meine Lustmacher, meine Hofnarren, meine Sklaven. Nur ganz schmutzige, ekelhafte und insipide Gesellen wie der Preßbandit sind mir zuwider wie Läuse und Wanzen ... Inzwischen photographieren Sie ruhig Echters Triumphkarton, ausgeführt ist er deswegen, doch noch nicht, und lassen Sie sich ordentlich bezahlen. Nichts mehr aus Gratis- Kunstbegeisterung und um einen Gotteslohn, verstanden?«

»Ach ja, Herr Achthuber,« setzte jetzt der Photograph mit einer Stimme ein, die ins Falsett umschlug, was gar spaßhaft mit seiner Hünengestalt kontrastierte: »Eine Bitte hätte ich auch noch, speziell für mich. Wenn ich jetzt mein Geschäft auflöse, habe ich eine Menge alter Verbindlichkeiten zu bereinigen ...«

[359] »Und dazu brauchen Sie Geld – und das soll ich Ihnen pumpen? O Sie Schwärmer!

Gedulden Sie sich bis heute Abend, wenn's dunkel wird, will ich mit Ihnen fechten gehen ...«

»O, das würde schwerlich ein Triumphzug werden.«

»Ich fürchte auch. Vielleicht schinde ich morgen etwas von dem Bilderwucherer in der Maximilianstraße heraus, der mein ›Hofbräuhaus-Idyll am Tisch der Ungespundeten‹ zur Vervielfältigung erworben hat. Der Hund Weiler lauert zwar auch schon auf den Knochen und zeigt die Zähne ... Der soll sichs Maul wischen. Also morgen – vielleicht!« – –

Max v. Drillinger war auf dem Nachhauseweg in das Café Viktoria eingetreten, hatte sich Papier und Tinte geben lassen und bei einem Glas Marsala an einem stillen Ecktischchen folgende Zeilen an seine kleine Fifette geschrieben: »Nur einen Augenblick des Glücks in Deinen üppigen, süßen Armen, mein liebes, blühendes Herzensweibchen! Ich brenne vor Ungeduld nach Dir, nach Deinem Leib, nach Deiner Seele! Du sollst dieses Mal keine Jeremiade von mir hören, mein niedliches, braunes Reh, [360] unser Wiedersehen soll eitel Wonne und Trunkenheit sein und seligster Rausch. Nach der Zuchthausexistenz dieser letzten Woche und den Höllenqualen, die ich erduldet, laß mich eingehen in Deinen Himmel. Kein Weib der Welt weiß zu beglücken wie Du: Beglücke mich, Du Holde, Einzige! Heut Nacht zur bekannten Stunde im bekannten Hause in der Buttermelcherstraße. Ich werde die Wirtin benachrichtigen, daß sie alles bereit hält. Willst Du mich überselig machen – mein Blut rast nach Dir, wenn ich Dich mir so vorstelle! – so komme etwas früher und erwarte mich in Deiner betäubenden Anmut und Deinem Liebreiz mit aufgelösten Haaren, ohne Korsett, in dem blauen Schlafrock, vorn offen, und in den durchbrochenen blauen Strümpfen. Du einziger, duftiger, unaussprechlich süßer Engel – Dein, Dein, Dein Max.«

Dann schrieb er einige Worte an die Wirtin und übergab beide Briefe einem Expreßboten. In der Maximilianstraße – der Weg an der Isar, durch die Quaistraße, war ihm unheimlich – suchte er dem Oberst Wotan auszuweichen, allein der grimmige Degen schnitt ihm den Seitengang ab. Den Schlapphut bis zu [361] den borstigen Brauen herabgezogen, schwarzgallige Worte auf den verächtlich aufgeworfenen Lippen, hatte er den leichtfüßigen Baron gestellt.

Nachdem sich Drillinger hoch und heilig, verschworen hatte, weder mit einem gewissen Paillard eine mehr als rein zufällige Begegnung, noch mit dem Schlemming, Schneidmeyer und tutti quanti seit einer Ewigkeit überhaupt eine persönliche Beziehung gehabt zu haben, fuhr der Oberst fort: »Gut, dann hat man mich wieder angelogen. Aber lassen Sie sich das als Warnung dienen: Sie haben rührige Feinde, denen kein Mittel zu schlecht ist, Sie mit dem anrüchigen, der Spionage verdächtigen Gesindel in Zusammenhang zu bringen. Jetzt, wo in Bayern ohnehin so viele Wasser getrübt sind – Sie verstehen mich. Semper aliquid haeret. Weit vom Ziel ist gut vorm Schuß.«

»Ich verreise morgen ohnehin auf einige Wochen.«

»Da thun Sie gut daran. Ich bin auch höllisch hauptstadtmüde, zeitungsmüde, klatschmüde. Ewig diese Königs- und Kabinets- und Künstlergeschichten, das wird ja so langweilig, daß einem das Schilfrohr zum Bauch herauswächst. [362] Remplem. Ich geh' fort. Dieses nüchterne Pendantenvolk mit seiner Arroganz und unheilbaren Troddelose ... Hab' auch das Bier satt, will meine Eingeweide mit Rotwein auswaschen. Ist ja auch gar kein Bierwetter, immer Kälte und Regen; eine Salvator- und Maibock-Saison ohne lachenden Sonnenschein, das ist gegen alle Weltordnung. Ich rutsche über den Brenner nach Südtyrol hinab; da gibt's noch Frühling und lustige Menschen und trinkbaren Wein.«

»Aber die ›Ungespundeten‹, Herr Oberst, wenn alles geht?«

»Hören Sie damit auf! Wer ist heute noch ungespundet? Alle halten den Knebel im Mund und den Zapfen im Loch, weil sie der nächsten Viertelstunde nicht trauen ... Apropos, gestern bin ich die Isar hinauf, um in den Buchenwäldern von Großhesselohe und Grünwald ein wenig nach dem Frühling zu sehen. Zufällig kam ich auch nach Höllrieglskreuth und in den Steinbruch, wo der Meister Effenbach seine ›Werkstatt für freie Religion und Menschlichkeit‹ aufgeschlagen hat. Wenn der Mann so fortfährt, wie ich ihn gefunden habe, gehört er nicht mehr in die Philosophie und in die Soziologie, [363] sondern in die Komödie. Hält dieser Mensch jetzt, der selbst nichts zu nagen und zu beißen hat, auch noch ein Asyl für verrückte Weibsleute! Machte mir da eine uralte büßende Magdalena, die's jedenfalls längst nicht mehr juckt, mit Bibelsprüchen und mystischen Prunkworten die Honneurs! Remplem. Die Weiber verderben alles. Wo ein Unterrock weht, wird die Luft unrein. Und noch dazu alte Weiber, die ihre Jugendsünden nicht vergessen können und über die Verderbtheit der Welt seufzen ... Auch eine vegetarische Kinderbewahranstalt plant dieser Heilige im Steinbruch! Heutzutage, wo man nur durch furchtbare Kraft und Rücksichtslosigkeit noch einigermaßen mit der Welt fertig wird! Ich hab's ihm auch gesagt: wenn Ihr durchaus Kinder machen und großfüttern wollt, so säugt sie wenigstens mit Blut und bestellt ihnen Löwinnen und Tigerweibchen als Ammen, so bekommt Ihr vielleicht einen Nachwuchs, wie man ihn heute brauchen kann. Anders nicht. Remplem. Was geht's mich an? Also ich geh' fort. Andere Luft, andere Menschen, anderen Trunk!«

»Und andere Weiber, Herr Oberst, trotz alledem.«

[364] »Remplem.« – –

Zwei Tage später hatte auch Max v. Drillinger mit seiner Fifette ein Billet über den Brenner genommen. In einem Geheimfach seines Reisekoffers ruhten drei unerbrochene Briefe von der Frau Kommerzienrat Leopoldine Raßler. Er hatte keine Ahnung davon, daß seine verschmähte Geliebte seit dem letzten Zusammenprall mit ihrem Gatten den ersten Stock der kommerzienrätlichen Wohnung verlassen hatte und in den Gartensalon hinabgesiedelt war, wo sie in schwerer Krankheit darniederlag. Vorerst wußte nur der Hausarzt und der alte Beichtvater aus dem Lehelkloster, daß die Folgen einer Faussekouche die Kranke zwischen Tod und Leben schweben ließen. Im Interesse seines Familienlebens hatte der Kommerzienrat ausstreuen lassen, daß seine Frau auf Weisung des Arztes aus dem ersten Stock ausgezogen sei und die Gartenwohnung mit Rücksicht auf die größere Stille und ozonreichere Luft gewählt habe; ein Nervenleiden habe zu dieser Veränderung des Aufenthalts Veranlassung gegeben. Die Teilnahme im Hause an dem Leiden der Frau Raßler war eine allgemeine. Die Postoffizials, ließen sich täglich nach dem Befinden der verehrten [365] Kommerzienrätin erkundigen. Auch die englische Familie bezeigte ihr Mitgefühl in ihrer Weise, obwohl sich Mister Aston und Mistreß Wood über den dummen Zufall ärgerten, der ihre angenehme Emotion über die vor einigen Tagen aus der Isar gefischte Leiche mit der abgeschnittenen Nase nun mit der betrübten Stimmung über einen schweren Krankheitsfall im eigenen Hause kreuzte. »Sie wird doch nicht sterben?« fragte Mama Wood ihren Familien-Statistiker Harry; »das wäre der erste Todesfall in München, der uns nahe ginge – oder ging schon ein anderer voraus, mein Sohn?« Worauf Harry lakonisch erwiderte: »Nein, Mama.« Seit Harry seiner Kusine Vivian gestanden, daß er den Preßbanditen regelrecht niedergeboxt habe, und die zarte, aber heldensinnige Dame dieses Geständnis mit einer enthusiastischen Liebeserklärung erwidert hatte und dem nichts Schlimmes ahnenden Harry an den Hals flog, war der glückliche Statistiker und Boxer sehr wortkarg geworden. Auch hatte er über Frau Raßlers Leiden eigene Gedanken und Empfindungen, die er niemand anvertrauen mochte. So Trübes hatte ihm die Isar noch nie gerauscht wie in diesen Tagen.

[366] Max v. Drillinger hatte vor seiner beschleunigten Abreise – in Hetz und Hast – andere Sorgen. Er mußte den Bankier Weiler schriftlich um einen Tausendmarkwechsel ersuchen nach Riva am Gardasee, nachzusenden gegen Schluß des Monats – »Alles Übrige ordnen wir nach meiner Rückkehr.« Er hatte seiner Köchin Resl die kränkelnde Brigitta auf die Seele zu binden und der unter Thränen Abschied nehmenden Alten die tröstliche Versicherung zu geben: »Alles Übrige wegen Ludwig und was ich Dir von Afra angedeutet, erkunden und ordnen wir nach meiner Rückkehr.« Er hatte infolge seiner Antwort auf ein Inserat in den Neuesten Nachrichten noch in aller Eile ein Stelldichein am »Chinesischen Turm« im englischen Garten zu erledigen – und als die geheimnisvolle Dame »Amüsement« im Dämmer des Abends sich als Bertha Hohenauer entschleierte und mit feurigen Reden von seinem »schönen, edlen und kunstsinnigen Wesen, das stets einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht« die Annäherung abrunden wollte, gab er auch ihr die Antwort: »Alles übrige Vierhändige ordnen wir nach meiner Rückkehr.« Jawohl, auch die Bertha Hohenauer möchte mit ihrer abgegriffenen Klaviatur zu den [367] schönen Künsten zurückkehren ... Mit rauchendem Kopfe jagte er heim. Davon mit der Schmerzstillerin, mit der entzückenden Fifette! Davon!

Den Doktor Trostberg hatte er vor seiner Abreise nicht mehr besucht. Er hätte ihn auch nicht angetroffen. Drillinger war schon über alle Berge, als Trostberg eines Abends von seiner Fahrt in die Königsschlösser aus den Alpen ganz verstört heimkehrte. Bemühungen, den König zu sehen und zu sprechen, waren erfolglos gewesen. Hatten ihn die Lakaien nur zum Besten gehabt, als sie ihn drei Tage lang nicht aus dem neuen Frackanzug kommen ließen und ihn von Schloß Berg am Starnberger See nach Schachen und von da nach Neuschwanstein und Linderhof sprengten, immer mit der Versicherung, dort würde er endlich auf das wandernde Hoflager treffen? Nein. Die guten Leute wußten's selbst nicht besser. Der König war wie von einer wilden Phantomjagd ergriffen und fortgewirbelt, in dieser Zeit bald da, bald dort in den Voralpen, ohne verfolgbaren Plan, ohne längeren Aufenthalt, zuletzt in dem halbfertigen Schloß auf der Herreninsel in Chiemsee während einiger Nachtstunden. Alle [368] Wasser- und Beleuchtungskünste mußten plötzlich spielen, tausend Kerzen flammen, aufblitzen die Wunder einer Märchennacht – und dann war wieder alles vorbei, ausgelöscht und verweht wie ein mitternächtiger Geisterspuk ... Leise krachten und bebten die Fundamente ...

Auf der Heimfahrt machte Trostberg einen Abstecher nach Forstenried, einen befreundeten Arzt zu besuchen, der dort als Irrenpfleger des geisteskranken Bruders des Königs in dem Jagdschloß des einsamen Waldes seinem traurigen Amte lebte. Was mußte er da aus dem Munde des Arztes hören! Der König sei geisteskrank, so geisteskrank wie sein wahnumnachteter Bruder, eine Hilfe gebe es nicht mehr, und ein Wechsel in der Regierung des Landes sei nur noch eine Frage von heute auf morgen! Aus dem Flüstern der Dienstleute in den Vorgemächern und Korridoren, aus dem geheimnisvollen Kommen und Gehen hoher Staatswürdenträger, die hier in der Stille des Waldes mit berühmten Irrenärzten über das Schicksal des Königs beratschlagten – des Königs, der schon von Wahnsinnsfurien von Schloß zu Schloß gehetzt, noch seinen herrscherstolzen Allmachtstraum träumte – aus allen Mienen, aus Reden [369] und Schweigen konnte er lesen, daß Ungeheures sich vorbereite ...

Wie eine unheimlich drohende, schwarze Gewitterwolke am sonnenbeglänzten Himmel über einer stillblühenden Frühlingslandschaft, so schwebte jetzt das Schicksalsbild des flüchtigen, von Schloß zu Schloß rasenden Königs vor seiner Seele, und tief erschüttert in seinem Gemüte, mühte sich Doktor Trostberg vergebens, wieder heimgekehrt in seine Klause, seiner eigenen unstäten Gedanken Herr zu werden.

Zu verschiedenenmalen in der Nacht war er an das Bett seines Dieners getreten und hatte den schnarchenden Klown geweckt mit Fragen wie: »Gabriel, was macht Dein Kopf? Gabriel, sind meine Freunde auch bei Sinnen? Gabriel, ist Baron Drillinger nicht dagewesen? Gabriel, hat Maximilian Schlichting nichts von sich hören lassen?«

Was der Diener von dem Besuche des Barons Drillinger zu melden wußte, klang wenig beruhigend. Er unterbrach ihn mit der Frage nach dem Kommerzienrat Raßler, und ob dieser das Schweinebild gekauft habe.

»Nein,« antwortete Gabriel schlaftrunken, »Raßler ist nicht mehr zurechnungsfähig, er hat [370] das Bild nicht einmal angesehen, obwohl ich ihn daran erinnert habe, daß an der Stelle der Quaistraße, wo heut sein Hans steht, vor zehn Jahren noch mein Zirkus wie in einer Wüstenei gestanden habe, mein Zirkus, wo ich mit den ersten gelehrten Schweinen Furore machte und man weder an die Erbauung der Quaistraße noch an den Kommerzienrat Raßler dachte. Alles half nichts, er mochte nichts von dem Bilde wissen, er ist unzurechnungsfähig. Ich schwöre einen Eid darauf, er ist verrückt.«

»Und mein Maximilian Schlichting, wie steht's mit ihm? Erzähl' mir's!«

»Ich weiß es nicht anders, als wie mir's die Monika erzählt hat. Monika hat bittere Thränen dazu geweint und wollte sich von mir nicht trösten lassen. Der Herr Schlichting sei auf den Tod krank, habe den Typhus und Delirien. Und dann sei ein Herr Kuglmeier, ein böser Mensch, zu ihm gekommen und habe dem Kranken erzählt, seine Schwester Flora habe sich verlobt, und auf diese Nachricht ist's mit dem Kranken noch ärger geworden. Die Monika, nämlich des Schneiders Tochter, bei dem Schlichting wohnt, pflegt den Kranken und weicht nicht von seinem Bett. Wenn er stirbt, hat sie gesagt, [371] dann bringe sie sich ins Zuchthaus. Warum? hab' ich sie gefragt. ›Ich habe das Haus angezündet aus Eifersucht‹, hat sie gesagt ›und ich zünde es noch einmal an‹, hat sie gesagt, ›und brenne alles nieder‹. Gute Nacht, Herr Doktor, jetzt kann ich nichts mehr erzählen von diesen Leuten: die sind alle verrückt, weil sie keine Philosophie im Leibe haben ...«

Und der Diener warf sich auf die andere Seite und schnarchte weiter.

»Verrücktheit fragt nichts nach Philosophie, Gabriel.«

Er horchte noch lange nach der rauschenden Isar zum Fenster hinaus. Der Tag graute, als er sein Lager aufsuchte.

»Paranoia, Paranoia! Da soll man den – Mut haben einzuschlafen, wenn man nicht weiß, wie man in der Frühe aufwacht ... Wenn man nicht sicher ist, daß man im Schlafe sich nicht selbst verliert ... daß man von der Morgensonne als Narr angeschienen und angeschrieen wird. Paranoia ...«

Nach einer Weile erhob er sich wieder vom Bette und tappte mit bloßen Füßen in die Schlafkammer des Klowns und rüttelte und schüttelte ihn, bis er erwachte. Ein trübes, [372] fahles Licht kam durch die Scheiben, ein gräßlicher Wind umwimmerte das Haus.

»Ach Herr, es war ein schöner Traum ... Festzug im Zirkus ... ich war König mit einer wunderschönen Krone, und die Schleppe meines Purpurmantels umtänzelten und umgrunzten mit Frohlocken und Vivat meine gelehrten Schweinchen, alle in Gala-Uniform ...«

»Gabriel, hattest Du stets Vertrauen zu Dir selbst?«

»Im Zirkus immer, Herr!«

»Hattest Du nie Mißtrauen gegen Dich, gegen Deinen Verstand?«

»Im Zirkus und mit meinen Schweinen nie, Herr! Das Publikum jubelte uns zu und bewarf uns mit Blumen, Äpfeln und Orangen. Es war der schönste Festzug meines Lebens. Die Krone stand mir sehr gut, nur mit dem Szepter that ich mich hart, es war zu lang, zu schwer ... Und die Schweine, ach die Schweine, alle in goldener Uniform, und so gelehrt, so ... graziös ... so ...«

Er schnarchte wieder ein, in seinen glücklichen Traum wie in ein weiches Kissen zurücksinkend.

Still rauschte die Isar.

[373] »Paranoia!« sagte der Doktor und ging kopfschüttelnd in sein Schlafzimmer zurück. »Ich hätte ihn doch in seinem Zirkus lassen sollen, in seinem Festspielhaus, bei seinen gelehrten Schweinchen ... Armer Gabriel, glücklicher Narr! Ach, und wir andern, die Schauspieler der Vernünftigkeit, die Theatraliker der Weltweisheit!«

Doktor Trostberg ging vom Schlafzimmer ins Studierzimmer, in den »Tempel der Weltlitteratur«; von allen Bücherrücken glaubte er das Wort »Paranoia« zu lesen. Er trat aus Gartenfenster.

Wie traurig des Königs Büste in der Mauernische lächelte! Wie der Wind an dem dürren Lorbeerkranz auf dem hoheitsvollen Haupte zerrte und zauste! Und jetzt – nein, zurück ins Schlafzimmer!

Er zog die Fenstervorhänge dicht zu, vergrub sich tief in die Kissen und schlief und träumte in den düstersten Regentag hinein. Was er geträumt? Als er sich beim Frühstück seine Traumbilder ordnen wollte, kam er nicht über Bruchstücke hinaus. Zwei riesig aufgebauschte Gestalten, die eine in bunten, die andere in schwarzen Gewändern, Frau Welt und Frau [374] Vernunft, die gute Hur', wie Luther sie nennt – umschwebten die Thore und Zinnen der Königsschlösser und begehrten vergeblich Einlaß ... Dann wiederum die schwarze Wolke am blauen Himmel – Transfiguration derselben über dem Starnberger See in lichte, klagende Engelschöre, wie die Götterjungfrauen auf dem Himalaya im Urvasi-Theater – die Roseninsel steigt aus dem See aus, höher und höher, wie in einer Apotheose, verwandelt sich in ein Purpurkissen, darauf Krone und Szepter wie Sonnen glänzen – dann ein zuckender Blitz hinab in den See, dann ein Donnerschlag weithin hallend, dann ein nachtschwarzer Schleier, der alles bedeckt, die Alpen, die Königsschlösser, den See, München, die ganze Welt, – das Geheimnis des Todes ...

Dem Zufall sei Dank: Zwergers Brief, den er unter den während seiner Abwesenheit eingelaufenen Postsachen fand, gab seinen Gedanken eine andere Richtung. Zuerst muteten ihn die Blätter ganz anachronistisch an, wie eine uralte Handschrift, die man in dem verschütteten Pompeji ausgegraben und die so seltsame Mähr kündet von Menschen und Schicksalen, die seit tausend Jahren verschollen. Aber [375] je weiter er las, desto gewaltiger und heiterer faßte ihn der Geist der Modernität, der aus diesen Zeilen spottete, scherzte, klagte, fluchte, segnete, hoffte. Er legte von Zeit zu Zeit die Blätter weg, lachte vor sich hin, drehte sich eine frische Zigarette und sprach für sich selbst: »Dieser Umfang, diese Fülle! Ich schwatze gewiß auch mein ehrlich Teil zusammen, wenn ich einmal im Zug bin – das bringt das Jahrhundert der parlamentarischen und publizistischen Schwatzsucht so mit sich – aber was zu viel ist, ist zu viel. Das flutet und rauscht ja daher wie die Isar bei Hochwasser! Das ist ja ein Buch, eine Parlamentsrede! Eine Parlamentsrede zum Fenster hinaus ins zeitungsfressende Land hinein! Armer Zwerger, auch du hast deinen Beruf verfehlt, du, ein Mann der Baukunst, der schweigsamsten, vornehmsten, diskretesten, aller Künste! Ich weiß wohl, es ist ein Vergnügen, in ungezügeltem Plauderton über fremde Thorheit herzufallen, in suveräner Kritik an allem Menschen- und Affenwerk kein gutes Haar zu lassen – es ist sogar ein lukratives Vergnügen, wenn man wie unsere Landtagsschwätzer und Kritikschmierer noch dafür bezahlt wird ... Ach, dem heimatfernen Einsiedler kann man's [376] eigentlich nicht verdenken, wenn ihm das Herz mit der Zunge und der Feder durchgeht ... Einsiedler? Was? Mit einem Frauenzimmer? Auch du, Brutus? Mein keuscher Joseph? Nun wird auch dir mit deiner Gottähnlichkeit bald bange werden! So spottet der Stärkste seiner selbst und weiß nicht wie ... Wie ein Simson will er die Welt der Kunst aus den Angeln heben – und liegt einer Delila im Schoße und merkt's nicht, wie sie sacht die Schere erhebt und seine Locken bedroht und mit seinen Locken seine Kraft vernichtet ... O komm' nur und sieh, wie die Natur selbst die Könige vernichtet, du König aus eigener Kraft, du Suverän von Talentes Gnaden!«

Und immer wieder drängte sich das Bild des unglücklichen Fürsten in seine Gedanken. Er vermochte nicht, den pompeijanischen Brief des Freundes heute zu Ende zu lesen.

»Ein Wahnsinnswind geht durch die Welt und bläst mit seinem Gifthauch die besten Köpfe an ... Lauter Hysteriker der Phantasie ...«

Mit diesem schwermütigen Wort legte Doktor Trostberg den Brief aus der Hand.

Den leise hereintretenden Klown mit einem [377] langen, kalten Blick fixierend, schrie er ihn in plötzlicher Wallung an: »Versiegle Deinen Kopf mit einem großen Siegel und umpanzere Dich mit siebenfachem Erz, Hanswurst!«

Und dann: »Geh und stelle mir einen Bürgen für die Vollsinnigkeit unserer Irrenärzte! Einen Bürgen, hörst Du? Ich trau' ihnen nicht. Woher nehmen sie das Vertrauen in ihre eigene Gesundheit? In ihre eigene närrische Unfehlbarkeit? ...«

Eine tiefe, düstere Traurigkeit hatte sich des Doktors bemächtigt.

[378] 5.

Vom Petersturme, dem altersgrauen Senior der zwanzig oder fünfundzwanzig Türme Münchens und seiner Vororte, schlägt die siebente Stunde; sonor, wuchtig, wie mit des schönsten Bierbasses tönender Allgewalt schmetterts durch die heiße, dumpfe Abendluft der bayerischen Kunst- und Biermetropole. Der erste strahlende blitzblaue Frühlingstag geht zur Ruhe und schenkt den Werkleuten in Schreibstuben und Ateliers, in Fabriken und Handwerksbuden den ersehnten Feierabend – den Feierabend vor dem Himmelfahrtsfeste Christi.

Sieben! Und nun brummt's und tönt's in die Runde mit eherner Stimme von Turm zu Turm Erlösung von Staub und Hitze und Schweiß ... Erlösung beim frischen Anstich, beim schäumenden Maßkrug in der gemütlichen Kneipe, im traulichen Kellerschatten.

Ja, das war ein Tag, den man loben [379] konnte nach einem traurigen Mai voll Regen und Frost, voll Blütentod und Blättersterben, voll Kot und Unlust – einem wahren Schimpf- und Schandmonat, wie man ihn selbst in München und auf der ganzen bayuwarischen Hochebene seit Menschengedenken nicht mehr erlebte. Und morgen ist Himmelfahrt! Wenn nur das schöne Wetter nicht wieder trübe Miene zeigt! Und in zehn Tagen ist Pfingsten, das liebliche, lockende Fest mit seinen Ausflügen an die anmutigen Gelände des Starnberger Sees, an den lächelnden Kochel- oder den melancholischen Walchensee, hinein in die blauen Berge mit ihren Thälern und Schluchten und himmelanstarrenden Felsen, zu Wiese und Wald, zu Jägern und Adlern und Gemsen, zu allen Wundern der unaussprechlich reichen und schönen Hochlandswelt! Da steht man, der verlogenen, unheimlich widerspruchsvollen Kulturmaskerade entrückt, endlich wieder auf du und du mit dem ewigen Naturgeist, da badet man sich die bedrückte und bestaubte Seele rein und frisch im unverdorbenen Äther, der die Zinnen der Alpen umflutet wie an ihrem Schöpfungstag.

Pfingsten! Morgen ist erst Himmelfahrt, wie vieles kann sich bis dahin noch ändern! [380] Man ist so geängstigt in dieser trüben, unheilbrütenden Zeit, hinter jeder Hoffnung droht ein Fragezeichen – und die Krankheit des Königs und die nicht länger zu verschleiernde Notwendigkeit eines Wechsels im obersten Landesregiment wirft einen verdüsternden Schatten auf jede Freude. In ganz München verhehlt sich's fast kein Mensch mehr, daß von heute auf morgen die Katastrophe der Entmündigung des Königs und seiner Thronenthebung eintreten kann, und je tieferes Schweigen die sonst so lauten Zeitungen sich plötzlich auferlegt, desto vernehmlicher spricht jetzt die Stimme des Volkes und unheimliche Mähr geht von Mund zu Mund ...

Aber heute war doch ein goldner, ein sonniger Tag!

Meister Achthuber legte sein Werkzeug aus der Hand, um sich zur Ausschußsitzung für die Zentenarfeier König Ludwigs zu rüsten, die eine glänzende, epochemachende Huldigung der Künstler, für das erhabene Fürstenhaus und die gesegnete Kunststadt München, die fröhliche Heimat so vieles Großen und Gewaltigen, was je menschlicher Schöpfergeist ersonnen, werden sollte. »Saure Wochen, frohe Feste«, zitierte er aus [381] seinem Goethe und fügte improvisierend hinzu: »Hell Gemüt bleibt doch das Beste!« Dann steckte er seinen Atelierschlüssel in die Tasche.

Biswanger schloß sein Kontor und rief im Vorübergehen seinem jungen Freunde Pfaffenzeller, der sich in seiner neuen Vertrauensstellung im Raßlerschen Geschäft nicht genug thun konnte und noch emsig in seinen Kontrollbüchern hantierte, einen guten Abend zu. »Was ich Sie fragen wollte, Herr Pfaffenzeller, haben Sie an den Architekten Zwerger geschrieben, daß er den Termin nicht versäumt?«

»Zu dienen, Herr Biswanger, ich weiß sogar schon aus seiner heutigen Privatmitteilung, daß er noch vor Pfingsten mit seiner Braut Flora Kuglmeier in München eintreffen wird.«

»Sehr gut. Je eher, desto besser. Man kann nicht wissen, wie sich der Zustand des Kommerzienrats nach dem letzten Schlaganfalle macht. Weiler ist definitiv beseitigt, das steht fest. Es ist notwendig, daß die neue Gesellschaft keine Zeit verliert und so bald als möglich in Aktion tritt. Die Bodenerwerbungen sind dem Abschluß nahe. Also das Eisen geschmiedet, ich meine Raßler, Schmerold und Kompagnie, so lange es heiß ist.«

[382] »Ganz meine Meinung, Herr Biswanger.«

»Wissen Sie, wenn jetzt über kurz oder lang der Thronwechsel ...« der alte, etwas verwachsene Herr sah sich vorsichtig um. Pfaffenzeller nahm seinen Gedankengang auf: »Natürlich tritt er in kurzem ein und wir bekommen neue Verhältnisse, neue Menschen, die großen Münchener Plänen und Unternehmungen gewiß nur günstig sein können.«

»Wir verstehen uns,« schloß Biswanger befriedigt.

Es ist halb acht Uhr. Die Büreaus, Werkstätten, Läden und Gewölbe sind geschlossen. Die Quaistraße ruht im tiefen Schatten, während in der Maximilianstraße die Abendsonne mit blendender Helle ihre letzten Strahlen verfeuert. Der Häuser lange, verstaubte Reihe steht wie ausgestorben. Aber in allen Straßen und Gassen, die ins Freie führen, wogt ein ungezähltes Heer, ein phantastischer Auswandererzug: Männer, Weiber und Kinder, Vornehme und Geringe, viele bepackt mit Körben und Bündeln, wimmeln in der nämlichen Richtung: hinaus, hinaus! Und neben dem Fußvolk in Civil-, Militär- und Studententracht rasseln in hochaufwirbelnden Staubwolken, sonnig durchglüht, [383] die Droschken, die Pferdebahnwagen, bis auf den letzten Platz, manche darüber hinaus besetzt, Privatfuhrwerke und die sausenden Vehikel der Radfahrer. Hier in bedächtigerer Wallfahrt, dort in hastigem Eilschritt mit Rippenstößen rechts und links, drängt alles aus dem Zentrum der erstickend heißen Altstadt nach der freieren, luftigeren Peripherie: nach dem Gürtel der Bierkeller diesseits und jenseits der Isar, wo den Durstigen und Ermattenden die erquickende Labe winkt.

Der »große Unbekannte« mit dem frischen Siegfriedsgesicht aus Schlichtings studentischem Freundeskreise, Herr Bonzhaf aus Köln, der so ungern seinen Namen nannte, weil ihn seine Kameraden immer mit einem rollenden R erweiterten und das O zu einem U herabtönten, war heute in besonders glücklicher Laune. Er hatte guten Grund dazu. Er hatte ein glänzendes Examen hinter sich und die Anwartschaft auf die Hand des Fräuleins Elsa Schmerold vor sich. Er glaubte es wenigstens im Übermute seines allzeit so siegreichen Herzens. Warum nicht? Sein Vater, ein ansehnlicher Kölner Fabrikant und alter Geschäftsfreund des Konsuls Schmerold in der Quaistraße, war zu [384] Besuch gekommen. Seit dem Tode des Königs Max hatte er München nicht mehr gesehen.

»Nun Junge,« sagte der joviale alte Herr zu Bonzhaf junior, als sie über die rauschende Isar schritten, »sag' mir einmal, was Du von der Kunststadt München hältst? Du hast sie nun wohl genügend studiert. Mir ist hier alles neu.«

Dabei suchte Bonzhaf senior seinen Sohn auf eine Bank in einer Ausbiegung der Maximiliansbrücke zu ziehen, denn der Alte war nicht mehr gut zu Fuß und wollte die Frage und deren umständliche Beantwortung als geschickten Vorwand für längere Rast ausnützen.

»Kunststadt? Bierstadt willst Du sagen!«

»Meinetwegen Bierstadt. Nun mal los!«

»Aber das ist lang und macht unerträglich durstig.«

»Schadet nicht; das Hofbräu wird uns dann um so besser munden. Setz' Dich!«

»Gut,« dachte Bonzhaf junior, »so will ich dem maroden Alten ein Loch in den Bauch reden – Strafe muß sein.« Dann setzte er sich und hob an, während Bonzhaf senior gemächlich eine Zigarre in Brand setzte: »München ist die erste Bierfestung der Welt. Ganz [385] im Mittelpunkt ragt die klassische Gambrinus-Zitadelle aus urbayuwarischer Zeit: das königliche Hofbräuhaus. Rings um die Stadt legt sich wie ein undurchbrechbarer Ring der Wall der Bierkellerbauten mit vielen trutzigen Vorwerken und Sperrforts nach allen Himmelsgegenden. Auf welchen Straßen, Land-, Wasser- und Schienenwegen der Fremdling auch nahen möge, er muß durch den Gürtel der Kellerburgen; überall knallen ihm die Spundpfropfen, entgegen, kriegerische Biergesänge mit Banzenschlag und Deckelgeknatter umbrausen und betäuben ihn. Die Trommeln wirbeln, die Zinken schmettern, von uniformierten Militärkapellen wird der Sieg des alles bezwingenden Nationalgebräus von den hohen Kellerbasteien in die Welt hinausgeblasen. Gleich bei der Einfahrt in den Zentralbahnhof ragen rechts auf cyklopischem Gemäuer die mächtigen Kellerburgen der Spaten-, Pschorr- und Hackerbräuerei, flankiert von unzähligen, Tag und Nacht fürchterlich qualmenden, hohen, runden Feuertürmen, wahrend links auf natürlichem Hügel, gar traulich bewaldet, der Augustiner-und Kandlerkeller sich recken in der anspruchsloseren Form antiker Bierstadel. Naht der Fremdling auf der Nymphenburger [386] Straße, so stößt er auf die wuchtigen Fortifikationen des Arzberger- und Löwenbräukellers, ausgeführt im reichsten Renaissancestil; kommt er von der Rosenheimer Landstraße, so ist erst recht kein Entrinnen: da liegen links und rechts hart am Wege, der sich isarthalwärts zu einem förmlichen Engpasse gestaltet, der umfangreiche Zengerkeller (jetzt bürgerliches Bräuhaus genannt, im Biedermannsstil), der Kuppelhallenbau des Münchener Kindls, der Eberl-und Sternecker – Keller, der alte Franziskaner- und Stubenvollkeller, an der abzweigenden Preysing- und Wienerstraße der Dürnbräu- und Metzgerkeller und gegenüber der Leistbräu- und der neue riesige Hofbräuhauskeller. Wer aber vorsichtig die großen Heerstraßen umgehen und sich zum Beispiel vom Bavariapark und der Theresienhöhe her in die Stadt, schleichen wollte, der würde plötzlich von einer ganzen Kellerflanke aufs Korn genommen: Bavaria-, Pollinger-, Hirschbräu- und andere Keller – wer nennt die Namen alle? – kämpfen hier Schulter an Schulter. Nicht weniger kellerbefestigt ist der Flußlauf der Isar, die nicht müde wird, die Wunder und Siege des berühmten Salvatorkellers zum Zacherl am Nockher-Berge, wo die [387] mörderischsten Bockschlachten zur Zeit der Frühlingstag- und Nachtgleiche geschlagen werden, den Schwerhörigsten in die Ohren zu rauschen. Damit in früheren Zeiten der weniger biergelehrte Fremdllng wußte, wessen er sich von der Eigentümlichkeit der guten Stadt München zu versehen habe, erbauten die Ureinwohner die bis in die Wolken ragenden Doppeltürme der Frauenkirche in Gestalt von zwei kolossalen Maßkrügen, so da weithin über die bayerische Hochebene sichtbar, das fromme Wahrzeichen von München geblieben sind bis auf den heutigen Tag. Wessen Gehirnzentren aber nicht von der bierologischen Wissenschaft erleuchtet, wessen Augen und Ohren nicht durch den ungeheuren, auf ein Ziel zuwogenden, von Gesang und Musik und Anzapfungslärm empfangenen Menschenstrom der rechten Erkenntnisvermittlung fähig wären, der vermöchte schon durch sein Riechorgan die Nähe der verborgensten Keller und Bierkasematten erraten; denn eine ungeheure Duftwolke von Malz und Hopfen, Rettig und Käse, Schinken und Knoblauchwurst, Kalbsbraten und Dünngeselchten mit Sauerkraut und Senf umhüllt in nie geahnter Stärke diese biergesegneten Orte. Hat sich aber ein Fremdling in [388] den entlegeneren Gassen verirrt und strebt er sehnsüchtig ins Freie zu einer klassischen Gambrinuskultstätte, so darf er sich nur dem ersten besten Pilgerchor anschließen und sich vertrauensvoll fortziehen und drängen und treiben und stoßen lassen, schließlich wird er ganz unfehlbar an der rechten Stelle angeschwemmt. In Sälen, Hallen, Gärten, die oft über zweitausend Biergläubige fassen, wird auch er noch einen Platz und einen Maßkrug, etwas Schweinernes oder Kälbernes finden, um sich für alle Fährlichkeit und Drangsal des Weges zu entschädigen und seines wahren Münchener Lebens und Strebens froh zu werden. Amen.«

»Brav, mein Junge, Gott hat Deine Münchener Studien gesegnet. Der Münchener ist aber nicht nur Bier-, er ist auch Kunststädter erster Ordnung. Sag' mir auch über die Kunststadt Deinen Spruch!«

»Ach, die Kunst ist zu lang – und es mischt sich so viel Fabel und Dichtung hinein, daß man bei der herrschenden Hitze und Meinungsverschiedenheit nur im Schatten der Maßkrüge davon reden soll. Also laß uns erst Deckung suchen. Du kommst ja doch zur Königsfeier wieder, da kannst Du Dir aus der großen[389] Künstlerparade mit ihrem Drum und Dran selbst Belehrung schöpfen. Ich glaube übrigens, daß in München mehr vorzügliche Biere gebraut, als vorzügliche Bilder gemalt werden und daß der Bierexport weit mehr Geld nach München bringt, als der Bilderexport. Die Industrie hat die Kunst überflügelt, was auch kein Unglück ist.«

»Hör' mal,« sagte der alte Bonzhaf, sich mühsam erhebend, »an diese Königsfeier glaub ich nicht. Wie soll sich so etwas mit der schauderhaften Geschichte von des Königs Irrsinn und Entmündigung zusammenreimen lassen? Den, Bayern möcht' ich mir doch ansehen, der noch Lust verspürte, unter solchen Umständen Jubelfeste zu begehen ...«

»Also glaubst auch Du, daß Ludwigs Regierungstage gezählt sind?«

»Jawohl, glaub' ich das. Es geht nicht mehr anders.«

»Mir kommt's unglaublich vor. Ich fass' es erst, wenn man's mit allen Glocken läutet, an allen Straßenecken verkündigt ...«

– – – –

Eine Woche später verkündeten Plakate an allen Straßenecken, daß sich das Ungeheuere und [390] Unabwendbare vollzogen. Der Schicksalsspruch war gefallen. In dumpfer Trauer, sprachlos, verwirrt von so viel Unglück im erhabenen Königshause, vernahm ihn das Volk. Dunkel sind die Wege der Vorsehung.

Max v. Drillinger saß mit Fifette am Frühstückstische des Gasthofes zur Sonne in Riva am Gardasee. Er war in denkbar schlechtester Laune, sein Blick war bald stumpf nach innen gekehrt, bald irrlichtelierte er in jähem Glanze. Sein Gesichtsausdruck war übernächtig, verzerrt, die Farbe käsig; strohern hingen die Haare über die durchfurchte Stirn. Seine blasse Hand zitterte, als er die Tasse an die blutleeren Lippen führte. Fifette stocherte sich die weißen Zähnchen und blätterte zerstreut in den Zeitungen. Nicht die bösen Nachrichten von Brigittas verschlimmertem Zustande, die ihm Resl in kaum entzifferbarem Köchinnendeutsch geschrieben hatte, waren es allein, die ihn so verstörten und an seinen unmäßig strapazierten Nerven wie mit glühenden Zangen zerrten; es kam noch etwas anderes dazu. Am Abende vorher hatte er eine Eifersuchtsszene mit seiner Reisegesellschafterin auf radikale Weise dadurch abzukürzen versucht, daß er die drei letzten unerbrochenen Briefe von [391] Frau Raßler aus dem Geheimfach seines Koffers hervorholte und vor Fifette hinlegte. »Wähle einen, erbrich und lies ihn – und urteile dann selbst, wie ich das sogenannte Verhältnis mit jener Frau gelöst habe, wer der Abschiedgeber gewesen, sie oder ich. Sieh her, alle drei Siegel sind unverletzt. Ich kann Dir also kein X für ein U vormachen.«

Schweigend ergriff Fifette das kleinste Briefchen, erbrach es und las, dann schob sie es Drillinger hin. Er wurde bald rot, bald blaß und ein konvulsivisches Zittern schüttelte seinen Körper, nachdem er die wenigen Worte gelesen: »Erinnere Dich Deiner Frage, was ich unter gewissen Umständen thun würde ... Mich töten und Dich ... Die Umstände sind eingetreten ... Ich hoffe nicht, daß Du so feig sein wirst, Dich dem Urteil durch die Flucht zu entziehen ...«

Fifette sprach: »Ich verstehe nicht, ich ahne nur. Ich hasse den Feigling. In dieser Stunde noch würde ich abreisen, hätte ich das Geld dazu. Schaff' das Geld!«

»Morgen früh.« –

Drillinger sah auf die Uhr und fühlte nach dem Wechsel in seiner Brusttasche. In einer [392] halben Stunde konnte er zum Bankier gehen. Dann war's aus.

Als er sich erheben wollte, wies Fifette mit dem Zahnstocher auf ein Telegramm in der Zeitung. »Es ist entsetzlich, der König wegen Wahnsinn abgesetzt.« Sie stand auf und ging, in ihr Taschentuch schluchzend, hinaus. Der König, vor dem sie gesungen, von dem sie ein kostbares Andenken am Arme trug, von dem sie wie von einem Gotte dachte und schwärmte ... Entsetzlich!

Seiner Sinne kaum mehr mächtig, stürzte eine halbe Stunde später Max v. Drillinger aus der Wechselstube. Der Bankier hatte ihn mit dem Bedeuten abgewiesen, die vorgelegte Geldanweisung sei ein ganz wertloser Kellerwechsel, der Aussteller Weiler in München sei nach einer soeben eingetroffenen Depesche bankrott und flüchtig und werde von der Polizei gesucht, auch wegen Verdachts der Spionage u.s.w. Drillinger hörte den Geldwechsler gar nicht zu Ende. Bankrott! Das Wort traf ihn wie ein Donnerschlag.

Fifette brachte durch Versetzen ihrer Pretiosen, auch des Königs Armreif war darunter, die notwendige Summe auf, um Drillingers Rechnung [393] zu bezahlen und ihm eine Fahrkarte nach München zu kaufen. Sie selbst blieb bis auf Weiteres im Gasthof zurück, wo sich ein blutjunger Leutnant von den österreichischen Kaiserjägern vergeblich bemühte, sie zur Annahme seiner, guten Dienste zu bewegen. – –

»Weißt Du's gewiß, Gabriel, das Preßbanditennest ist von polizeiwegen aufgehoben worden?« fragte Doktor Trostberg seinen aufgeregten Diener.

»Hier steht's schon in der Zeitung.«

»Wahrhaftig, da steht's: wegen eines unflätigen Artikels über den entmündigten König ... Jetzt will ich doch noch einmal nach dem Baron Drillinger fragen. Es ist unglaublich, daß er sich auf abenteuerlichen Wegen irgendwo im Auslande herumtreiben sollte, nachdem in seiner Vaterstadt alle Gemüter in Aufruhr sind und die folgenreichsten Ereignisse Schlag auf Schlag folgen. Ich bitte Dich, Gabriel, nimm Deinen wurmstichigen Kopf zusammen und mache mir jetzt keine Dummheiten.«

»Ja, wir sind merkwürdige Zeitgenossen, Herr.«

Doktor Trostberg klingelte noch vor Abend an Drillingers Thür. Er hörte Rufen und [394] Schreien aus heiseren Kehlen. Endlich wurde ihm von einem Menschen mit gerötetem Gesicht und wilden Manieren aufgethan. »Wer sind Sie?« fragte Trostberg den fremden Mann, der offenbar betrunken war.

»Geht keinem Menschen was an, aber wenn Sie's wissen wollen, ich, ich bin der Floßerfranzl von Tölz. Was wollen Sie?«

Nachdem er den Betrunkenen mit den Worten »Ich bin der Doktor Trostberg« beiseite geschoben, trat er ein.

»Ja, der, der Doktor wenn Sie sind – Sie, da kommen's fein zu spät. Die Alt' liegt in, in den Zügen.«

Während der Floßknecht in die Küche zurücktaumelte, ging Trostberg auf das Zimmer zu, aus dessen halb offener Thür ihm wüstes Lachen und Gekreisch entgegentönte.

»Alte Hex, jetzt bist hin, hahahi; magst noch ein Schlückerl von dem Roten? Hast mir so lang das Maul sauber g'halten, gelt, hihi, aber jetzt sind wir Herr, Du Sakra.« Und das besoffene Weibsbild warf sich über das Bett der Sterbenden und lachte und tobte, schlenkerte die Beine und schüttelte die alte Frau, die unter [395] diesem bestialischen Angriff ihren letzten Seufzer aushauchte.

»Resl, nimm Dich z'amm, der Doktor!« schrie der Floßknecht aus der Küche.

Entsetzt war Trostberg davon geeilt, um polizeiliche Hilfe zu holen.

Am nächsten Morgen stand Max v. Drillinger im Büreau des Münchener Polizeidirektors. Er besann sich und besann sich, allein er vermochte sich nicht zu sagen, wie er dahin gekommen und was er wolle. Nachdem er dem Beamten seinen Namen genannt, stellte dieser eine Reihe von Fragen nach dem Grunde seiner Reise, seinen Beziehungen zu dem Bankier Weiler und dem Franzosen Paillard – merkte aber sofort, daß der Gefragte lauter verkehrte Antworten gab. Der Polizeidirektor, anfänglich kühl wie ein Untersuchungsrichter, sagte jetzt bestürzt: »Aber ich bitte Sie, Herr Baron, verstehen Sie nicht, was ich frage oder wollen Sie nicht verstehen? Warum geben Sie mir so ungereimte Antworten?« Nun blickte Drillinger dem Direktor starr ins Gesicht, wackelte mit dem Kopfe und begann bitterlich zu weinen. Endlich stotterte er: »O über mich Unglücklichen, ich fühle, daß ich wahnsinnig bin, Herr ... [396] wahnsinnig, ein armes Marterl ...« Dann brach er kraft- und besinnungslos zusammen.

Der Chef der Polizei klingelte einem Unterbeamten. »Der Mann hier ist in Gewahrsam und ärztliche Beobachtung zu nehmen. Ich habe jetzt keine Zeit, mich mit ihm weiter zu befassen.«

– – – –

Der Pfingstmorgen brach an, aber es wollte nicht Tag werden. Der Himmel war wie mit dichten Trauerflören verhangen, wie unendlicher Thränenerguß rieselte es aus den schweren Wolken hernieder.

Der König ist tot! Des Königs Leiche und die seines Arztes v. Gudden wurden im Starnberger See gefunden! Die Schreckensbotschaft ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Die unerhörte Tragik dieses königlichen Lebens- und Todesrätsels beherrschte alle Geister mit lähmender Wucht.

Im Hause des Konsuls Schmerold in der Quaistraße war die Abendmahlzeit still beendet worden. Man hatte kaum die Speisen berührt, jeder Bissen quoll im Munde. Wie ein Bann lag es auf den Gemütern. Der große, eichene Tisch wurde abgeräumt, das Fenster mit den [397] Butzenscheiben im Erker der altdeutschen Speisestube geöffnet, damit belebende Luft hereinströme. An der dunkel getäfelten Decke zuckten die Flammen des Lüstreweibchens. Draußen rauschte die Isar und der Regen ging wie eine Sündflut nieder, klatschte auf die wildwogenden Gebirgswasser und erfüllte die Straße mit grauen Pfützen. Die Abendglocken klangen so verweint, so tieftraurig wie ein gramzerwühltes Chopinsches Nokturno ... Schweigend hatte sich die Familie mit Herrn Biswanger und Pfaffenzeller und den Gästen aus Köln in den Salon zurückgezogen, den eine schwere Draperie von der Speisestube trennte. Bloß der Großvater, jetzt noch eine hohe, rüstige Gestalt im silberweißen Greisenhaar, war in der Stube zurückgeblieben, um in seinem alten Lederstuhl sein gewohntes Dämmerstündchen zu verträumen.

Die schöne, blonde Elsa, die gestern erst ihren achtzehnten Geburtstag gefeiert, kam aus dem Salon zurück und warf sich dem Großvater weinend an die Brust. Dann beugte sie sich zum Erkerfenster hinaus; ihre Thränen vermischten sich mit den Regentropfen. Isarrauschen und Glockengeläute erfüllten ihre Seele mit Schauder. Sie trat zurück und setzte sich zu[398] Füßen des Großvaters. »O dieses Nachtlied des Wahnsinns! O der unglückliche König!«

Der Großvater holte tief Atem. »Ja, Kind, solche Pfingsten habe ich in meinen sechsundachtzig Jahren nie erlebt. Je älter man wird, desto unglaublicher erscheinen alle Dinge und Verhältnisse. Des Himmels Ratschlüsse sind unerforschlich; dieser Welt Weisheit ist Thorheit vor Gott ... Ich versteh's nicht, ich versteh's nicht ... Gott schütze Bayern, Gott schütze den Prinzregenten ...«

Als Pfaffenzeller den alten Herrn, dessen Tüchtigkeit und Rüstigkeit einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatten, sprechen hörte, ging er leise in die Speisestube zurück. Elsa bot ihm freundlich einen Stuhl neben dem Sitz des Großvaters.

»Wann haben Sie den unglücklichen König zum letztenmal gesehen, Herr Schmerold?«

»Ach, das ist lange her, Herr Pfaffenzeller. Beim Siegeseinzug anno Einundsiebzig, abends bei der Festvorstellung im Hoftheater. Es ist mir noch alles im Gedächtnis. Wallensteins Lager wurde gegeben. Haufenweis war das Volk ins Theater geströmt. Als der junge König mit seiner Mutter und dem deutschen [399] Kronprinzen in der Hofloge erschien, brach alles in Jubel aus und das Orchester spielte die Nationalhymne. Bei jeder patriotischen Stelle des Schillerschen Stückes erschallte brausender Beifall. Als schließlich Kindermann das Reiterlied anstimmte ›Wohlauf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd, in das Feld, in die Freiheit gezogen‹ und dann die Wacht am Rhein gesungen wurde, ging's wie Sturmesbrausen durchs Haus und alles jubelte zur Königsloge hinaus. Der König und der deutsche Kronprinz faßten sich bei der Hand und verneigten sich. Zwei. herrliche, stolze, deutsche Männer ... Und jetzt nimmt unser König ein solches Ende ...«

Dem Greis versagte die Stimme. Dicke Thränen rollten ihm über die Wangen. Elsa schluchzte. Herr Pfaffenzeller konnte sich nicht enthalten, dem alten Herrn die Hand zu küssen. Dann faßte er die Hand des Mädchens mit leisem Drucke. Elsa sah unter Thränen auf und ihr schönes kindliches Auge ruhte eine Weile wie trostsuchend im Auge des jungen Mannes, dessen energische Physiognomie heute einen einnehmenden Zug milder Empfindung zeigte.

Jetzt trat der Konsul herein. »Wenn es Ihnen recht ist, Herr Pfaffenzeller, gehe ich mit [400] Ihnen auf den Bahnhof.« Und zu seinem Vater gewendet: »Der Architekt Zwerger hat uns nämlich seine Ankunft telegraphiert. In der allgemeinen Verwirrung weiß er vielleicht gar nichts, wohin. Also gehen wir, Herr Pfaffenzeller, es ist Zeit. Der Kufsteiner Zug kommt in einer halben Stunde.«

Lebhafte Bewegung und lautes Gespräch im Salon: der Enkelsohn Franz war mit Raßlers Hermann soeben mit dem letzten Zuge von Starnberg zurückgekehrt. Die Knaben hatten die Unglücksstätte besichtigt, die Leiche des Königs und Guddens im Schloß Berg gesehen und berichteten jetzt in atemloser Hast. Auch ein Bildhauer namens Achthuber sei da gewesen und habe des Königs Totenmaske und einen Abdruck seiner Hand abgenommen. Und viele Landleute und Gebirgler mit Alpensträußen und Kränzen von Edelweiß ... Vom Schmerz über die furchtbaren Geschehnisse und das Geschaute überwältigt, unterbrachen sie ihre verworrene Erzählung und weinten laut auf.

In tiefer Ergriffenheit saßen die Familienmitglieder und ihre Gäste da. Als hätte das Schicksal an die Pforte des eigenen Hauses gepocht, als hätte ein teurer Angehöriger der [401] eigenen Blutsverwandtschaft in Nacht und Grauen geendet, so schauderten die Herzen bei dieser Königstragödie. Nun hatte der Tod diesen weltscheuen, so lange in geheimnisvoller Höhe thronenden König mit einem Schlag zum Gast eines jeden Bürgerhauses gemacht, zum beweinten Liebling eines jeden Herzens. In diesem Allgemeingefühl des innigsten Mitleides, das die guten Menschen verbindet und über die Bedeutungslosigkeit der flachen Werkeltäglichkeit in Stimmungen und Thaten erhebt, versank auch der Schmerz über die eigenen kleinen Leiden und Bekümmernisse.

»Wie geht es bei Euch zu Hause?« fragte die Frau Konsul Schmerold den Hermann Raßler und legte ihre Hand dem Knaben mütterlich treuherzig auf die Schulter.

»Gott sei Dank, Papa ist viel besser und Mama erholt sich wieder. Der Doktor ist recht zufrieden.«

»Vergiß nicht, meinen Wunsch andauernder Besserung Deinen Eltern zu melden und einen schönen Gruß. Ich werde mir nächstens erlauben, die Frau Kommerzienrat zu besuchen.«

Des Knaben verweinte Augen leuchteten dankbar auf. Es war das erste Mal, daß er [402] seine Eltern von der gestrengen Frau Konsul grüßen durfte, und ihr Besuch erst, wie wird der die einsame, traurige Mama freuen!

– – – –

Maximilian Schlichting, kaum notdürftig genesen, verbrannte sein Novellen-Manuskript, verabschiedete sich herzlich von seiner treuen Pflegerin Monika und zog zu Meister Effenbach in das Steinbruch-Blockhaus nach Höllriegelskreut, um in der Einsamkeit und stärkenden Waldluft seine volle Wiederherstellung abzuwarten.

»Und wir sehen uns nie wieder?« fragte das Mädchen, seine Hand in der ihrigen haltend mit leidenschaftlichem Drucke und ihn mit einem Blicke innigster Liebe betrachtend.

»Gewiß sehen wir uns wieder, gute Monika. Ich werde immer an Dich denken. Laß mich nur erst ganz gesund werden und meine Studien vollenden, dann sollst Du sehen, wie dankbar ich sein kann. Inzwischen behalte mich lieb und bleibe brav.«

Schlichting und Effenbach wandelten unter weißblühendem Hollunder an der Isar hin, als ein Fischer von Pullach die Nachricht von der Königskatastrophe brachte.

Magdalena saß auf einem Felsblock am [403] Ufer und sagte Bibelsprüche vor sich hin. »Nun will ich mich aufmachen, sagt der Herr, nun will ich mich erheben, nun will ich hochherkommen. Mit Stroh gehet ihr schwanger, Stoppeln gebäret ihr; Feuer wird euch mit eurem Mute verzehren. Denn die Völker werden zu Asche verbrennet werden, wie man abgehauene Dornung mit Feuer anstecket ...«

»Der König ist tot, Magdalena,« meldete ihr Effenbach tief erschüttert.

Die Irrsinnige blickte zu ihm auf. Sie verstand ihn nicht. Erst nach einigem Sinnen ging es wie ein Glanz halben Verständnisses über ihr Gesicht; dann sprach sie fest: »Der Herr ist König. Ehe denn die Berge worden und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.«

Schlichting weinte. Die eine Hand auf Effenbachs Arm gelehnt, wies er mit der andern auf die reissenden Schnellen und zischendbrausenden Wasserwirbel des mit starkem und raschem Wellenschlage dahinjagenden Flusses. »Wie trauert doch Hyperions Schicksalslied?


›Es schwinden, es fallen

Die leidenden Menschen

Blindlings von einer

[404]

Stunde zur andern,

Wie Wasser von Klippe

Zu Klippe geworfen,

Jählings ins Ungewisse hinab‹ ...«


Als das trübe Wetter, der Regen und das Hochwasser wieder vergangen waren und das breite Isarthal mit seiner smaragdgrünen Flut und den weißen Kiesbänken und dem dunkelgrünen Saume mächtiger Buchenwälder dalag im Glanze des wundersamsten blauen Sommertages, der weite Himmel wolkenlos in tief schimmernder Leuchtkraft seines reinen Äthers, da wählten Schlichting und Effenbach einen aufragenden Felsblock mitten in der Isar zum Denkstein der gemeinsam verlebten ereignisschweren Tage und meißelten darauf die Worte des griechischen Weisen:


Ράντα ῥεῖ


Alles fließt.

Der wiedergesundete Jüngling kehrte mit frischer Kraft und neuem Vertrauen aus der Einsamkeit des Steinbruchs an der Isar in das brausende Leben zurück.


Ende des Romans. [405]

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TextGrid Repository (2012). Conrad, Michael Georg. Roman. Was die Isar rauscht. Was die Isar rauscht. Digitale Bibliothek. TextGrid. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0002-58BA-4