[339] Der Tod der Waschfrau

Vittoria ist eine kluge Person. Alle Leute klagen, daß die Geschäfte so schlecht gehen. Vittoria kann nicht klagen. Nein, sie kann durchaus nicht klagen. Freilich, Verstand muß der Mensch haben. Die Tauben fliegen Einem nicht gebraten in den Mund. Fleißig muß er auch sein. Jeden Morgen steht sie um fünf auf. Aber die Arbeit macht ihr auch Freude. Wer ein Geschäft hat, der nehme sich seines Geschäftes an. Feine Leute können von ihren Zinsen leben. Es muß auch Leute geben, die arbeiten, denn wo sollte die Welt sonst wohl hinkommen.

Die Waschanstalten schicken einen Wagen herum mit einem Pferd davor, mit einem Kutscher, der auf dem Bock sitzt und einer Kassiererin neben ihm, welche eine Geldtasche auf der einen Seite und den großen Drücker zu der Wagentür auf der anderen Seite hat. Die Hausfrauen geben ihre Wäsche an die Waschanstalten, aber sie zittern dabei. Sie zittern nicht mit Unrecht, denn in den Waschanstalten wird die Wäsche mit harten Bürsten gerieben, wird von den Rädern der Walzen zerrissen, wird mit Chlor gebleicht, wird ruiniert, wird in Grund und Boden ruiniert.

Vittoria fährt am Morgen mit ihrem Hundewagen fort. Sie stellt den Hausfrauen vor, daß die Arbeiterinnen in den Waschanstalten sich schonen, denn das tut freilich weh, wenn man sich die Knöchel durchwäscht, und die Bürste fühlt nichts. Vittoria schont sich nicht. Sie wäscht nicht mit Bürste, Walze und Chlor, sie wäscht mit Knochenfett und Muskelkraft. Sie verläßt sich nicht auf ihre Leute, sie wäscht selber. Die Wäsche ihrer Kundschaft ist ihr heilig. Sie sagt sich: arm, aber ehrlich. Das ist auch was wert. Nicht ein Wischtuch geht bei ihr durch fremde Hände, sie macht alles selber. Da kann sie freilich garantieren. Sie hat früher noch zwei Frauen gehabt. [340] Was geschieht? Sie bringen den Chlor morgens unter der Schürze mit. Vittoria hat geweint, wie sie das gesehen hat. Und dann die Löhne jeden Sonnabend! Was bleibt ihr übrig? Die Sorgen, weiter nichts. Nein, jetzt macht sie es anders. Sie hat nur ihre guten Kunden beibehalten, die Kunden, die was verstehen von der Wäsche, die unterscheiden können, was Wäsche von der Waschfrau ist, und was Waschanstaltswäsche ist; an den andern liegt ihr nichts. Sie holt die Wäsche selber ab mit ihrem Hundewagen und bringt sie selber wieder; zurücklegen kann sie sich ja nichts, sie arbeitet von morgens vier Uhr bis in die Nacht hinein, und die Miete, und die Steuern, und die Abgaben, und was man kauft, alles ist teuer geworden; aber sie denkt, der liebe Gott wird sie nicht verlassen, wenn sie ein mal alt ist, der wird schon für sie sorgen, wenn sie nicht mehr kann.

Wenn sie an diese Stelle ihrer Rede kommt, dann wischt sie sich eine Träne aus dem Auge, und die Herrschaften werfen begütigend ein, daß sie ja doch noch eine junge Person ist, erst Mitte Zwanzig, und daß sie noch viele Jahre vor sich hat; damit zählen sie ihr denn die Wäsche vor, und Vittoria ergeht sich darüber, daß das viele Planschen im Wasser früh alt macht, denn die Säfte werden erschreckt durch die Nässe. Und wenn sie lauter solche Kunden hätte, wie diese gerade ist! Das ist Wäsche! So ein Hemd hat die Herrschaft vielleicht drei Tage angehabt. Das läßt man einweichen, seift es ein, wäscht es einmal über, zieht es durch das Wasser, wringt es aus und bringt es auf die Leine. Aber da gibt es Herrschaften, vierzehn Tage, drei Wochen tragen sie ihre Hemden! Ja, da kann man sehen, was wirklich seine Herrschaften sind. Das sieht bloß die Wäscherin. Der Schein trügt. Sie könnte viel erzählen!!

Vittoria weiß, wie die Herrschaften wünschen, daß man mit ihnen spricht, denn natürlich hat sie eine richtige Waschanstalt; sie hat fünfzehn Arbeiterinnen und arbeitet selber [341] nicht mit, denn das hat sie nicht nötig. Aber das ist eben die Hauptsache für den Geschäftsmann, er muß das Schmeichlerische haben, denn das wollen die Herrschaften hören. Dann macht er auch Geschäfte.

Wer das menschliche Herz kennt, denn wir wissen ja doch, daß Vittoria eine Frau Mitte der Zwanzig ist, der wird es verstehen, daß Vittoria ihre Bücher nicht mehr führen kann. Das Geschäft wächst ihr über den Kopf. Und mit Büchern wissen die Frauen eben nicht Bescheid. Also Lange Rübe kommt jeden Sonntag vormittag zwei Stunden und führt ihr die Bücher. Sie erzählt den Herrschaften von ihm. Er schreibt eine Hand wie gestochen. Die Wäsche hat er ja nun bei ihr, jeden Tag ein frisches Hemd. Der Anzug – eine Herzogin braucht sich nicht zu schämen, am Sonntag nachmittag mit ihm zusammen auszugehen. Und so höflich, so zuvorkommend ist er! Und so ein hübscher Mensch! Die ganze Straße ist in ihn verliebt. Aber der macht sich nichts aus den Andern, der weiß, was er hat. Sie hat sich ja schon gedacht, ob die Leute auch nicht über sie reden? Aber dann hat sie sich gesagt: Wer ein reines Gewissen hat, der braucht sich um das Gerede nicht zu bekümmern, sie ist Witwe, sie hat keinen Anhang, sie steht allein in der Welt.

So geht das nun einige Wochen, Vittoria lobt Lange Rübe immer mehr vor den Herrschaften und beschreibt ihn von Kopf bis zu Fuß, erzählt seine Gewohnheiten, teilt sein Lieblingsessen mit, und die Herrschaften kennen endlich Lange Rübe, ohne daß er je ihren Klingelzug in der Hand gehabt hat, so genau, als ob er täglich mit ihnen an einem Tische säße, Gänsebraten mit Grünkohl äße und seine Weltanschauung entwickelte.

An einem Tage nun macht Lange Rübe einen Rundgang bei den Kunden, die er sich aus den Büchern Vittorias auf einen Zettel zusammengeschrieben hat.

[342] Das Dienstmädchen öffnet ihm und steht vor einem feinen Herrn, der den Hut lüftet und fragt, ob er die Ehre haben dürfe, die gnädige Frau zu sprechen. Das Dienstmädchen ist so begeistert, daß es ihn in den Salon führt. Die Dame erscheint, und nun erzählt Lange Rübe mit gebrochener Stimme und schwermütigem Gesichtsausdruck, daß nichts im Hause ist, kein Laken, in das man die Leiche legen kann, kein Geld für das Grab, für den Sarg, für die Träger, nichts, gar nichts. Das nackte Elend. Vittoria ist ein Opfer ihres Berufs. Sie hat nie an sich gedacht, sie hat immer nur an ihre Herrschaften gedacht. Er, Lange Rübe, ist ein Ehrenmann; er würde ja die Kosten tragen, aber seine Verhältnisse sind augenblicklich durch widrige Umstände in einer gewissen Verwirrung. Er weiß nicht, was geschehen soll. Die Verstorbene hat niemanden gehabt, der ihr nahe stand. Einer muß sich doch um die Dinge bekümmern. Er bittet die gnädige Frau um Rat; er ist selber ratlos.

Die Herrschaft begreift, daß Vittoria plötzlich gestorben ist und schlägt die Hände überm Kopf zusammen. So eine junge Frau! Wie ist denn das nur möglich! So eine kräftige, gesunde Person! Ist es denn ein Unglücksfall gewesen?

Lange Rübe erzählt eine verwickelte Geschichte von einem Kessel mit kochender Wäsche, der auf dem Herd steht, einem Hund, der Vittorien zwischen die Beine rennt, einem großen, gelben Fleischerhund, er beschwert sich über die Polizei, die sich um Dinge bekümmert, wo man sie nicht gebraucht, aber, wo man sie gebraucht, da ist sie nicht zu finden; es folgt noch eine Geschichte vom Bader, der Vittoria zur Ader lassen will, aber so erschrickt, daß er sein Werkzeug fallen läßt und fortläuft, und ein Bericht über ihre letzten Augenblicke, und die Worte, die sie noch gesprochen hat; sie hat nämlich immer von ihrer Wäsche gesprochen und hat Lange Rübe das Versprechen abgenommen, daß er den Herrschaften, von denen sie [343] gerade Wäsche im Haus hat, alles ordentlich bringen will, denn sie war arm, aber ehrlich, und das war ihr Stolz. Hier trocknet sich Lange Rübe eine Träne ab, die er ihrem Andenken nachweint.

Die Herrschaft ist bestürzt. Sie hat während der langen Geschichte Zeit gehabt, sich zu überlegen, was Lange Rübe eigentlich möchte, und es ist ihr klar geworden, daß ein Beitrag zu den Beerdigungskosten erwartet wird. Die Herrschaft deutet zart an, daß sie einen solchen bezahlen werde, Lange Rübe weiß nicht, wie er sich in einer solchen Lage benehmen soll, denn für sich selber würde er ja natürlich nie Herrschaften um etwas bitten, und wenn nicht augenblicklich, wie er schon die Ehre hatte, zu sagen, seine Umstände in einer gewissen Verwirrung wären, so hätte er natürlich als Ehrenmann die Kosten für die Beerdigung allein getragen, und er hat bloß einen Rat einholen wollen von der Herrschaft, und die anderen Herrschaften würde er ja gar nicht bemühen, aber von dieser hatte die Verstorbene ihm immer erzählt, daß sie so edel war, und so zieht denn die Herrschaft beschämt die Börse und sagt sich, daß sie doch ein größeres Silberstück opfern muß, denn sonst wirkt sie zu schäbig.

Man kann sich vorstellen, daß Lange Rübe bei den sämtlichen Herrschaften Vittorias herumgeht und eine reiche Ernte hält.

Vittoria kommt pünktlich, um die schmutzige Wäsche abzuholen. Die Herrschaft erschrickt, erstaunt, ist betroffen, wird argwöhnisch; Auseinandersetzungen und Erzählungen kommen; Vittoria erklärt, daß sie Lange Rübe der Polizei anzeigen wird, die Herrschaft teilt mit, daß sie den gespendeten Beitrag für die Beerdigung von der Rechnung abziehen muß, sie muß das aus sittlichen Gründen tun; und Vittoria weint. Die Szene wiederholt sich in allen ihren Häusern.

Ob Lange Rübe seine Stellung bei ihr damals schon aufgegeben hat, weiß man nicht.

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TextGrid Repository (2012). Ernst, Paul. Erzählungen. Komödianten- und Spitzbubengeschichten. Der Tod der Waschfrau. Der Tod der Waschfrau. Digitale Bibliothek. TextGrid. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0002-A257-E