[35] Apollo, ein Patient, wurde, als der wohledle, großachtbahre und wohlgelahrte Herr Johann Siegmund Hahn die wohlverdiente Würde eines Doctoris Philosophiae den 2. Februarii A. 1717. in Leipzig rühmlichst erlangte, in einem eilfertigen Gedichte vorgestellet

Pictoribus atque Poetis

Quaelibet audendi semper fuit aequa potestas.

Horat. Art. Poet.


Vergebliche Gedult! Die Hofnung beßrer Zeiten
Speist mein Verlangen nur mit faulen Fischen ab.
Man log vom Juppiter, in Creta sey sein Grab,
Mir wird man's in der That in Deutschland zubereiten.
Kein Gönner liebt mein Volck, kein Prinz zieht wie August
Der Dichter Lorbeerkranz aus dem Verachtungsstaube.
Der Neid quetscht ihren Ruhm mit seiner Lästerschraube
Und sezt der Poesie das Mordheft auf die Brust.
Vor dem lebt' eine Welt, die meine Diener ehrte,
Da Delphus noch nicht schwieg, Rom in der Blüthe stand,
Mir bothen Könige die gnadenreiche Hand,
Wenn ihr geübtes Ohr gebundne Sprachen hörte.
Jezt, seit der Bober-Schwan mein deutsches Kleid gemacht,
Thät es warhaftig noth, den Magen zu bedencken,
Ich lief um Fastnachtszeit in alle Krüg und Schencken
Und leyrte vor ein Brodt vom Mittag in die Nacht.
Mein wohlgestimmtes Spiel, das manchen Held besungen,
Steht kaum noch diesem an, der nach dem Bocke springt.
Wenn die von Wachs und Rohr gemachte Pfeife klingt,
So wird mein Flöthenschall durch ihren Thon verdrungen.
Warum? Die Thorheit schlägt dem groben Midas nach,
Der von der Pfuscherey des Pans aus Unverstande,
Zum Nachtheil meiner Kunst, sich selbst zur Straf und Schande,
Ein seiner Unvernunft gemäßes Urtheil sprach.
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Mit solchen Worten schmiß der Fürst der Pierinnen
Den Unmuth aus der Brust, die Glieder auf die Banck
Und ward vor Ärgernüß nicht so geschwinde kranck
Als die Calliope nicht seiner Ohnmacht innen.
Sie stuzte, schwieg und schrie, die Schwestern liefen zu,
Doch nein, sie liefen nicht, sie flogen mit den Füßen:
So lernt ein leichtes Reh, wenn es das Nez durchrißen,
Was Schröcken und Gefahr vor weite Sprünge thu.
Euterpe kam zuerst und strich die kalten Schläfe
Mit einer Kostbarkeit von Nardenwaßer an.
Die andern hätten gern ein laut Geschrey gethan,
Wenn nur der Schlag nicht auch die Zungennerven träfe.
Nur eine faste sich und sprang zum Aesculap,
Der durch ein kräftges Salz die Schlafsucht flüchtig machte
Und den gerührten Gott so weit zurechte brachte,
Daß er mit welcker Hand ein Lebenszeichen gab.
Dies war der Musen Trost. Doch weil in lezten Zügen
Ein jezt Verscheidender gar oft gesünder scheint,
Sich starck und munter macht, bis, eh man es vermeint,
Die Geister des Geblüts aus ihrer Wohnung fliegen,
So blieb die Schaar dabey halb furcht-, halb hofnungsvoll
Und wanckte wie ein Stamm, der manchen Hieb gefühlet
Und, eh der lezte Schlag das Garaus mit ihm spielet,
Mit sich nicht einig ist, worauf er fallen soll.
Des Zweifels Traurigkeit must endlich Abschied nehmen,
Als Athem, Farb und Geist dem Krancken wiederkam,
Der, da er neben sich den Arzt ins Auge nahm,
Sich also hören ließ: So starck ist Leid und Grämen,
Daß Götter selbst dadurch dem Tod entgegengehn.
Doch weil nun, wie es scheint, die Noth fast halb verschwunden,
So bin ich dir, mein Sohn, vor diesen Fleiß verbunden
Und finde mich geschickt, mir selber vorzustehn.
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Ich krancke, wie man sieht, am Leib und am Gemüthe,
Weil ich die Nordenluft nicht recht gewohnen kan.
Der Anstoß wandelt mich mit einem Frösteln an
Und zeiget ein von Gall und Gift verderbt Geblüte.
Des Magens erster Weg ist gleichfalls sehr verstopft,
Daher empfind ich oft ein eckelhaftges Grauen.
Wie kan es anders seyn? Ich muß so viel verdauen,
Wenn mich die Tadelsucht auf Mund und Finger klopft.
Durch eine Reinigung den Schleim hinwegzuführen,
Wird also folglich wohl das beste Mittel seyn.
Doch brauch ich, solchen Wust und Unrath wegzuspeyn,
Nicht ein Galappenharz noch Weinstein anzurühren,
Der Finger in den Hals ist eben noch zu schwach.
Halt! Jezt besinn ich mich, was ich jüngsthin gefunden,
Es heist dies Vomitiv: Vergnügung müßger Stunden
Und giebt an Würckung kaum dem stärcksten Pulver nach.
Die Tugend dieses Buchs ist nicht genug zu preisen,
Ich weis, wie dienlich es zu solchen Curen sey.
Wer einen Mund voll list, dem wird so wohl darbey
Als Jungfern kaum nicht wird, wenn sie ins Bad verreisen.
Dies kan ich wohl gestehn: Als ich von ohngefehr
Es auf dem Trödel sah, wohin man's neulich schickte,
Schien es, als wenn die Gicht mir jeden Darm verrückte
Und Juppiters Geschüz in meinem Leibe wär.
Die Musen wurden roth, sie fingen an zu lachen
Und fielen ungescheut dem Phoebus in das Wort:
Ach Vater, nenn uns doch den grundgelehrten Ort
Und die verschlagne Faust, die solche Schriften machen,
Ein Schif voll Niesewurz kommt von Anticyra,
Den Lästrern unsrer Kunst die Nasen vollzureiben.
Wir wollen einen Rieß des schönen Buchs verschreiben;
Denn an den Tütten ist ein großer Mangel da.
Die Antwort gab Bericht: Dort unter den Sudeten,
Wo Aganippens Quell sich in die Weistriz geußt,
[38]
Liegt ein Hyopolis, das sich gar sehr befleißt,
Durch manch gelehrtes Kind den bleichen Neid zu tödten.
Hier scheint die Wißenschaft auf ewig einzubaun,
Hier zeigt so mancher Kopf die Kräfte des Verstandes;
Das herrschende Latein, die Anmuth Griechenlandes
Kan hier von ihrer Zunft nicht wenig Meister schaun.
Der Weizen trägt auch Spreu, kein Gold ist sonder Schlacken.
Sagt mir ein Handwerck her, das keine Stümper führt.
Drum lebt auch hier ein Kiel, der minder schreibt als schmiert
Und geile Boßheit hegt. Die Unschuld anzuzwacken,
Den Lehrern Leides thun, das Priesteramt beschreyn,
Des Nechsten Ehrenkleid mit fremder Scheere kräncken,
Viel wißen, nichts verstehn, erzehlen und erdencken
Ist seine ganze Kunst und müßges Fleißigseyn.
Vor nennt ich euch das Buch, jezt kennt ihr den Verfaßer,
Erwegt nunmehr, ob nicht der Vater und das Kind,
Wie eins des andern werth, einander ähnlich sind.
Kein wohlgeschmackter Fisch kommt doch aus faulem Waßer.
Es ist kein Ding so schlimm, es ist zu etwas gut;
Mir dient die saubre Schrift, daß ich mich übergebe.
Dies aber schieb ich auf, weil ich das Übel hebe,
Wenn mir nur jezt jemand vergnügte Posten thut.
Gleich war ich im Begrif, die Zunge loszudrücken,
Brach Aesculap heraus, weil mich das Schweigen quält.
Gieb Achtung auf den Trost, den dir mein Mund erzehlt,
Es wird kein Perlentranck dein Herz so starck erquicken.
Minerva zog bisher in angeführter Stadt
Von gut- und edler Zucht vier ungemeine Hähne,
Vor die ihr Cypris oft zwey Tauben und zwey Schwäne
Und Juno gar den Pfau umsonst gebothen hat.
Der Jüngst' ist noch gar zart und spielt in ihrem Schooße;
Die Themis, kommt mir vor, verspizt sich schon auf ihn.
Den einen lies sie mir mit Sorgfalt auferziehn,
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Der ist ohn Ursach nicht nach der Geburth der Große.
Mercur, der insgemein gar lange Finger braucht,
Stahl ihr den dritten weg und flog mit dieser Beute
Nach jenem Tyrus zu, wo auf der Abendseite
Des fetten Schlesiens der Strand der Oder raucht.
Heut aber, als mein Fuß, den Kriegsgott zu besuchen,
Der nechst bey Temeswar den Türckschen Hieb empfing,
Aus meinem Hause trat und zu verbinden gieng,
Hört ich ein Weibermaul hart und entsezlich fluchen.
Mein Aug erfuhr es bald, daß es die Misgunst war,
Die scheusliche Gestalt schien ein verdorrt Gerippe,
Ein gelb- und halber Zahn biß in die blutge Lippe
Und ihre Schmähsucht warf die Klauen in das Haar.
Was, was! so klafte sie, daß mir das Ohr noch klinget,
Was, steigt der Jüngling schon die Ehrenstufen auf?
Was, crönt man einen Mensch, der seinen Lebenslauf,
Wie ehmahls bräuchlich war, noch nicht auf dreyßig bringet?
Ich merckte kurz darauf, wen dieses Luder schalt,
Da man den vierten Hahn zu einem Tempel führte
Und mit Kleinodien, doch nicht so reichlich, zierte,
Daß sein Verdienst nicht mehr und weit darüber galt.
Ich schlich dem Jubel nach, trat furchtsam auf die Schwelle
Des großen Heiligthums, in dem Sophia sizt.
Die Pracht strahlt überall, wie wenn es nächtlich blizt,
Die Ampeln machten es in jedem Winckel helle,
Die Sänger stritten schön, der Weihrauch dampfte scharf,
Die Decke war Saphir, der Jaspis lies sich treten,
Und mitten prahlt' ein Tisch mit köstlichen Geräthen,
Worzu die Weißheit kam und ihren Mantel warf.
Sie nahm der Pallas flugs den Vogel aus den Händen,
Die ihn mit Folgendem ihr als ein Opfer gab:
Nimm hier mein Schooskind hin und richt es weiter ab,
Ich kan dir meine Gunst nicht herrlicher verpfänden.
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Ihn hat Apollo längst die Singekunst gelehrt
Und seiner Stimme Schall vor Tausenden gepriesen,
Er ist nicht obenhin in allem unterwiesen,
Was zu der Gründligkeit der Wißenschaft gehört.
Sie schwieg; und sieh, ein Bild des schönsten Frauenzimmers,
Es schien den Göttern gleich, doch nicht von unsrer Art,
Fuhr durch den Tempel hin, der fast zum Himmel ward
Von wegen des von ihr geworfnen Sonnenschimmers.
Ihr Mund, der mehr ins Ohr als zum Gesichte drang,
Erhob der Stimme Kraft: Wer Ohren hat, der höre
Den Spruch Eusebiens! Der Hahn soll mir zur Ehre
Ein Wächter Zions seyn, womit sie sich verschwang.
Hier schloß der Aesculap. Sein Vater sang vor Freuden
Und rief: Die Leyer her! Ich bin bereits gesund.
Schlägt mich bisweilen gleich das Schwerd der Neider wund,
Muß ich schon als ein Gott mehr als die Menschen leiden,
Vielleicht kommt einst die Zeit, da mich ein Fürst erhebt,
Damit der blinde Schwarm mein Volck nicht mehr verhöhne;
Vorjezt bin ich vergnügt, da einer meiner Söhne
Im edlen Pleiß-Athen der Ehren näherstrebt.
Gelehrt- und kluger Freund, eröfne dies Gedichte.
Den Schlüßel reichet dir die wahre Redligkeit,
Die dir dies Unterpfand getreuer Sinnen weiht
Und sich daran nichts kehrt, daß man sie splitterrichte.
Die Thorheit wird sich zwar hiermit beleidigt sehn,
Allein man fürchtet nicht den Bliz von ihrem Dräuen.
Wer Hecheln schmieden will, muß keine Funcken scheuen.
Was sie an mir ersucht, mag ihr zum Schimpf geschehn.
Wie manchmahl denck ich nicht an die verstrichnen Wochen!
Der andre Winter schneit den Bergen auf das Haupt,
Seit das Verhängnüß uns dem süßen Lande raubt,
In welchem wir der Welt am ersten zugesprochen.
Dort schloßen du und ich den festen Freundschaftsbund,
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Dort war Vertraulichseyn der Drittmann unsrer Herzen
Und lies die Einsamkeit auf dem Parnaßus scherzen,
Wenn seine Castalis uns zu Gebothe stund.
Du flogst nicht vor der Zeit, wie mancher, aus dem Neste,
Der, wenn die Schul ihn brennt, nach hohen Schulen lauft
Und eher wiederkommt, als er den Bart gekauft;
Du legtest starcken Grund und baust daher auch feste.
Der Hundertste bekommt der Weißheit Meisterrecht
Und weis von ihr wohl nichts als nur den bloßen Nahmen,
Weil der in seiner Brust bekliebne Hochmuthssaamen,
Wie etwan Bilsenkraut, der Sinnen Kräfte schwächt.
Er zwingt sich, die Vernunft mit Macht zu unterdrücken,
Hält ihren Rath vor toll, verhüllt ihr helles Licht,
Sich selbst hört er nicht an, gläubt, was ein Heuchler spricht,
Dem Schein und Schwanenschnee der Seelen Schwärze
Denn übereilt er sich, greift, eh es ihm gehört, [schmücken.
Mit ungewaschner Hand an die so heilge Biebel,
Er eifert ohn Verstand, nimmt es nicht wenig übel,
Wenn ihn sein Schwager nicht als Schriftgelehrten ehrt.
Nähm er dein Beyspiel wahr, so würd er beßer lernen,
Wie uns die Creatur den Schöpfer ofenbahrt,
Wie manches Wunderwerck Meer, Erd und Luft verwahrt;
Durch dies begehrstu dich dem Pöbel zu entfernen:
Was dieses Ganze fast, wie richtig alles geh,
Wie aller Fäll Erfolg an einer Kette hänge
Und wie sich ihr Geschehn so ordentlich vermenge,
Ja wie, was noch nicht ist, schon im Vergangnen steh,
Das muß, gelehrter Hahn, dein reifer Fleiß begreifen.
Erwege, was hieraus vor Lohn und Wollust springt.
Man wird sich selbst bekand, man ruht, man lacht, man singt,
Wenn Unglück und Gefahr der Leute Thränen häufen.
Man sieht mit Frieden an, was Krieg und Eintracht thun,
Fragt todte Lehrer aus, spricht mit den klügsten Seelen,
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Die nun dem Leibe nach in ihren Grabeshöhlen
Mehr als zweytausend Jahr so west- als ostwärts ruhn.
Forthin erwarthet auch der Leibrock deine Lenden,
Die Gottes Vorsichtszug deßelben würdig preist.
Dein innerster Beruf, der sich so früh erweist,
Wird dir bald eußerlich die Wahl der Kirchen senden.
Sieht ihm ein Gärtner Lust, der einen Baum erzielt,
Der die genoßne Müh mit reicher Frucht bezahlet,
So wüntscht ich mir vorjezt die Regung abgemahlet,
Die über dir das Herz hochwerther Eltern fühlt.
Indeßen blick ich dir aus des Parnaßus Auen
Der Sonnenstraße nach, worauf dein Eifer rennt
Und durch den Sternenflug die blauen Lüfte trennt,
Darf aber nachzugehn den Federn noch nicht trauen.
Sollt einmahl Delius mich höher aufwärts ziehn
So wird mein Pegasus sich aus den Thälern wagen
Und deinen Freundschaftsruhm bis an die Hügel tragen,
Wo der Acarnan blizt und beide Hunde glühn.
Las einen frechen Kerl die Musenpriester schimpfen!
Sein Zahn reißt uns vorwahr nicht eine Sayth entzwey.
Apollo zwingt so gut des Pythons Raserey
Als ehmahls Hercules das Thier in Lernens Sümpfen.
So redlich wir vordem einander wohlgewollt,
So leicht kan, glaub es nur, in den auch künftgen Jahren
Dein schönes Violet sich mit dem Lorbeer paaren,
Um den die Poesie mein junges Haar gerollt.

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TextGrid Repository (2012). Günther, Johann Christian. Gedichte. Gedichte. Freundschaftsgedichte und -briefe. Wittenberg November 1715 - Dresden Anfang September 1719. Apollo wurde in einem Gedichte vorgestellt. Apollo wurde in einem Gedichte vorgestellt. Digitale Bibliothek. TextGrid. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0003-26B1-3