[157] XIII.
Der blöde Schäfer.

Oft sind die Schäferinnen spröde,
Und fliehn aus Eigensinn des Hirten Zärtlichkeit;
Oft aber machen sie zur Lust Gelegenheit,
Und da ist oft der Schäfer gar zu blöde.
Doch, welcher dieses ist,
Sein Glücke nur aus Furcht vergißt,
Und nichts bey seiner Liebe waget,
Der ist hernach nicht werth, daß ihn ein Mensch beklaget.
Ein junger Hirte, Phylimen,
War von Natur verliebt, auch zum Gefallen schön;
Es eiferten die Schäferinnen,
Die Gunst des Jünglings zu gewinnen.
Wie mancher Strauß, wie manches Band
Ward seinetwegen nicht zum Putzen angewandt?
Die Eine sang ihm oft ein zärtlich Hirtenlied,
Die Andre war bemüht,
Sein Herze durch den Tanz zu fangen:
Allein zuletzt bereuten sie
Doch Alle die verlorne Müh,
Nebst dem verrathenen Verlangen.
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Die Furchtsamkeit
Hielt jederzeit
Den Antrag Phylimens zurücke.
Kaum sprach sein Herz noch durch die Blicke.
Er gieng zu mancher Schäferinn
Oft mit dem festen Schlusse hin,
Ihr nichts als Zärtliches zu sagen.
Umsonst, er konnt' es niemals wagen.
Und hätt' ihn Eine nur um seine Gunst gefragt,
So hätt' er, glaub' ich, Ja gesagt.
Doch, welche Nymphe wird hierum den Schäfer fragen?
Nur Daphne war zu sehr in ihn verliebt,
So daß sie auf die stärksten Mittel dachte,
Wodurch sie sich den Schäfer eigen machte.
Was sie beschloß, ward standhaft ausgeübt.
Das, was die Schönen sonst nur zu erwarten pflegen,
Vergaß sie ihrer Liebe wegen.
Was allemal die Hirten selbst gethan,
That sie, und redete den blöden Schäfer an.
Sie sagt' ihm, daß er unter Allen
Ihr einzig und allein gefallen.
Nichts fiel ihr zu bekennen schwer,
Sie sagt' ihm dies, wer weiß, ob nicht noch mehr.
Er dankt' ihr für die Zärtlichkeit,
Und war vergnügt, und that erfreut,
Allein zu mehrerem sich zu entschließen,
Fiel ihm zwar öfters ein,
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Jedoch sein Muth war viel zu klein,
Sie auf das erstemal zu küssen.
Was dachte Daphne wohl hierbey?
Sie sprach ihn zwar nicht von dem Fehler frey,
Doch glaubte sie, anstatt ihn höhnisch zu verlachen,
Ihr Umgang würd' ihn wohl noch endlich herzhaft machen.
Umsonst, er kam, sprach nichts, gieng furchtsam wieder fort,
Und was er ja noch sprach, war ein erfragtes Wort;
Doch ließ er stets die Klage hören,
Wie grausam das Geschick und seine Daphne wären.
Man mußte hier so stark, als Daphne, zärtlich seyn,
Ihm statt der Rache noch beständig zu verzeihn.
Sie nahm sich endlich vor, das letzte zu probieren,
Und ihn durch eine kleine List,
Die in der Liebe sonst ein sichres Mittel ist,
Zu seinen Pflichten anzuführen.
Einst warf die junge Schäferinn
Sich, noch bevor er kam, bey ihrer Heerde hin,
Als wäre sie bey ihren Schafen
Vor Hitz' und Müdigkeit ein wenig eingeschlafen.
Ihr runder Arm macht' ihr das harte Lager weich,
Und ihre Hand vor ihren Augen Schatten,
Die mehr zu lauschen, als zu schlummern hatten.
Dem Busen war mit Fleiß das Oberkleid zu kurz,
Ihr kleiner Schäferschurz
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Ward noch daneben
Der warmen Mittagsluft zum Spielen übergeben.
Sie hatte sich die Stellung ausgedacht,
Die blöde Schäfer klug, und kluge lüstern macht.
Sie lag und lernte schon, wie sie erschrecken wollte,
Wenn Phylimen sie küssend wecken sollte.
Er kam, doch weil er sie in diesem Schlummer sah,
So trat er ihr kaum noch mit leisen Schritten nah.
Der Anblick war zu schön, sein Herz fieng an zu schmachten.
Er konnte hier
Die Nymphe nicht genug betrachten.
Ihr meynet, daß er nun einmal verwegner war?
Er machte Daphnen nicht sein Daseyn offenbar.
Er sprach nichts mehr als dies: Wie sanft ist ihre Ruh!
Ihr schönen Augen, bleibt in eurem Schlummer zu.
Ihr Blätter, rauschet nicht, und blöcket nicht ihr Heerden,
Die schöne Daphne muß durch nichts gestöret werden.
Und hierauf schlich er sich nun ohne Kuß und Wort
Mit leisen Schritten wieder fort.
Doch Daphne, die er hatte schlummern lassen,
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Fieng ihn auf einmal an zu hassen.
Die fehlgeschlagne List hielt sie für ihre Schmach,
Drum sprang sie auf, und schickt' ihm diese Worte nach:
Du hast dein eignes Glück vermieden,
Und bist der Lust nicht werth, die Daphne dir beschieden.
Er hörte dies, und lief zurück.
Doch ein versäumter Augenblick
Wird keinem Hirten wieder kommen.
Auch Daphne hatte hier bereits die Flucht genommen.

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TextGrid Repository (2012). Heinse, Wilhelm. 13. Der blöde Schäfer. Digitale Bibliothek. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0003-4D4A-3