An Ebendesselben Hochfürstl. Durchl.

Den 19. October 1773.


Durchlauchter Fels, der ehemals den Wogen
Des Krieges mächtig widerstand,
Warum ist Dir nicht jüngst die Muse zugeflogen,
Als sie den bittern Schimpf empfand,
Den König Friedrichs Kammerknechte
Ihr höhnisch lachend angethan.
Ich schrieb an Ihn und sprach: daß Er bedenken möchte,
Wie zehnmal schon auf seiner Bahn
Sich Phöbus umgewandt, seitdem mir Friedrich sagte
Er wollte mein Versorger seyn.
[152]
Ich hatte Recht, daß ich Ihn zu erinnern wagte,
Er aber schätzt die Deutschen klein.
Man siegelte auf Sein Befehlen
Zwo ganze Friedrichsthaler ein,
Und wollt' es öffentlich erzählen,
Indem man auf den Umschlag schrieb:
»Zwey Thaler zum genädigen Geschenke
Für Deutschlands Dichterin.« Dies that man, wie ich denke,
Aus eignem schadenfreuden Trieb.
Ich faßte kurzen Schluß; ich lächelte catonisch
Auf dies Geschenk herab, und schrieb
Mit kaltem Blute ganz laconisch,
Weil mir nichts weiter übrig blieb:
»Zwei Thaler giebt kein großer König;
Ein solch Geschenk vergrößert nicht mein Glück,
Nein, es erniedrigt mich ein wenig,
Drum geb ich es zurück.
A.L.K.«
So sprach ich, und so mußt' ich sprechen,
Und siegelte die Thaler ein,
Und sandte sie zurück, und will sich Friedrich rächen,
So mag Er Dir an Großmuth ähnlich seyn
Und mir ein Jahrgeschenke geben.
Er sündigte bei Seinem Leben
[153]
An Seiner eignen Ehre durch die That,
Und ich betrug mich, wie ich sollte,
Für mich war gar kein andrer Rath.
Denn wenn ich dies Geschenk behalten wollte,
Mit solcher niedern Art gesandt,
Alsdann verdient' ich künftig nimmer
Die Ehre, daß der große Ferdinand
Sich meiner kühnen Sangart immer
Mit günstiglichem Auge neigt.
Ich folgte einem meiner Freunde,
Der ehrlich denkt und ehrlich sich bezeigt,
Und schrieb dem Könige, der tausend neue Feinde
Mit tausend neuen Dörfern sich erstrebt.
Der Freund hat's gut gemeint, indem Er mich belebt,
Den König an Sein Wort zu denken
Nach zehn verflogner Jahre Frist,
Und ich bin ohne Philosophengründe
So ruhig wie ein Weiser ist.
Rings um mich her blick ich und finde
Viel Tausend mir an Glück nicht gleich,
Und auch nicht gleich an Ruhm und Würde.
Hab ich nicht eine Goldesbürde,
So bin ich doch an Briefen reich,
Die mir mein göttlichgroßer Gönner,
Held Ferdinand von Herzen zugeschickt,
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Und stolzer bin ich drauf, als Weiber auf die Männer,
Die sie mit Steinchen ausgeschmückt
Und ihnen Titeldunst gegeben –
Ich brüste mich mit ganz erhabnem Geist,
So oft der Held, für den noch jezt die Franzen beben,
Mich »Seine liebe Karschin« heißt.
[155]

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TextGrid Repository (2012). Karsch, Anna Louisa. Gedichte. Gedichte (Ausgabe 1792). Episteln und Erzählungen. An Ebendesselben Hochfürstl. Durchl.. An Ebendesselben Hochfürstl. Durchl.. Digitale Bibliothek. TextGrid. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0003-8F65-F