Das Waldes Seele

Es war im Wald. Die Bäume alle schliefen;
Der Mond belauschte lächelnd ihren Traum.
Die Schatten lagen ruhig in den Tiefen;
Die Welle küßte still des Weihers Saum.
Da kam ein linder, milder Hauch gezogen,
Des Träumenden gewürzger Athemzug,
Der in des Maienduftes zarten Wogen
Des Waldes Seele auf zum Himmel trug.
Dort schwebte sie zur ewgen Gnadenquelle,
Vor der die Bitte um das Leben kniet,
Und wie vom Vöglein an der Waldkapelle
Erklang ihr sanftes, frommes Klagelied:
[258]
»Es preisen dich des Firmamentes Heere,
Auf deren Licht dein Ruhm herniederschallt.
Von ihm erfüllt sind alle Weltenmeere;
Im Thau und Regen trinkt ihn auch der Wald.
Von da soll er aus tausend Quellen fließen,
Dem Erdenland zum Heil und Segen sein,
In alle Flüsse, Ströme sich ergießen
Und dich verkünden, Vater, dich allein.
Doch schau hinab! Die Menschen, die du segnest,
Begreifen deine Gottesweisheit nicht.
Die Liebe, die du ihnen niederregnest,
Wird ihrem Unverstand zum Strafgericht.
Sie haben weder dich, o Herr, verstanden,
Nach deines freundlichsten Gesetzes Sinn;
Drum handeln sie, als sei ich nicht vorhanden,
Obgleich ich ihnen unentbehrlich bin.
[259]
Laß mich nicht sterben, laß mich nicht verschmachten,
Sonst ists auch um ihr eignes Heil geschehn.
Lehr sie, den Wald mit Liebe zu betrachten,
Damit sie endlich seine Seele sehn!«
Sie schwieg und senkte wartend ihren Schleier;
Der Traum entfloh; es war die Nacht vorbei.
Die Erde lag in stiller Morgenfeier;
Ein Glöcklein kündete, daß Sabbath sei.
Der Wald erwachte, und der Vöglein Lieder
Erklangen jubelnd über Berg und Thal.
Die Seele kehrte aus dem Himmel wieder,
Getragen von dem ersten Sonnenstrahl.
Sie tauchte in des Weihers klare Welle
Und stieg sodann ans thauesfrische Land,
Empfangen von dem Kehlchen der Kapelle,
Bei dem sie nun des Vaters Antwort fand:
[260]
»Ich ließ für dich das Sabathglöcklein läuten:
Es läutete den Waldesfrieden ein.
Das hat für dich Erhörung zu bedeuten;
Du sollst fortan dem Menschen heilig sein.
Er wird nun deine Sänger nicht nur hören;
Er wird das, was sie singen, auch verstehn:
›Hör auf, hör auf, die Wälder zu zerstören,
Sonst wirst mit ihnen du auch untergehn!‹«
[261]

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TextGrid Repository (2012). May, Karl. Gedichte. Himmelsgedanken. Das Waldes Seele. Das Waldes Seele. Digitale Bibliothek. TextGrid. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0004-2E94-2