[294] Bruchstück aus einer noch ungedruckten Komödie:
Die alte und die neue Mode

(Das Theater stellt ein modern meublirtes Zimmer vor. Der Tisch ist mit plattirtem Geschirr und Leuchtern besetzt; auf einem Spieltische liegen Karten. Die neue Mode ist in Petinetflor, mit goldnen Flittern gestickt, gekleidet, trägt ein Hütchen, und hat um den Hals Glaskorallen. Indem sie auf und niedergeht, hält sie folgenden Monolog.)


Wo er wohl bleiben mag, der muntre Herr von Sode?
Ich ennuyre mich auch heute noch zu Tode,
Die Karten sind gewählt, der Theetisch ist servirt,
Der gute Herr Gemahl recht listig abgeführt,
Sein bestes Kleid versetzt, und die Schatull' erbrochen,
Schon hör' ich, wie er schreit: was hast du mir versprochen?
Doch daraus mach' ich nichts, hab' ich doch nun das Geld,
Es zu verdienen, sind die Männer auf der Welt.
Von Arbeit sprach er heut! wohl gar von Strümpf' und Hemden?
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Haha! das hiesse mir gemein die Zeit verschwenden!
Ist nicht ein Beutelchen mit Perlen, und ein Tuch,
Mit Stickerei garnirt, der Arbeit schon genug?
Wohl mir! die Kinder sind (das läst'ge Volk) zu Bette,
Die kranke Tochter pflegt die höhnische Lisette,
Kein Mahner quält mich heut' und droht mit dem Gemahl,
Und niedlich aufgeputzt ist Kabinet und Saal.

Sie tritt vor den Spiegel.

Wie prächtig seh' ich aus, wie flimmern nicht die Flittern,
Gewiss wird Sode heut' vor Lieb' und Freude zittern;
Wie herrlich lässt dies Kleid, wie inponirt der Hut,
Schon seh' ich Ida's Neid und Karolinen's Wuth.
Wo Sode bleiben mag? er lässt mich lange warten.
Horch! knarrt der Riegel nicht am Pförtchen in dem Garten?

Sie sieht sich um, und erblickt die alte Mode. Diese ist in schwarzen Moor gekleidet, trägt einen Spitzenschleier, und um den Hals und die Arme Diamanten.


Mon Dieu! wer kommt denn dort so sittig her gegangen?
Fi donc! wie marmorirt und rund sind Arm und Wangen,
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Wie nonnenhaft verhüllt hat sich nicht die Figur,
Ich glaube, sie ist toll, was will die Kreatur?

Sie neigt sich verbindlich gegen die alte Mode

Was wollen Sie, Madam?
Alte Mode:

Mir geht es, wie den Blinden,
Ich weiss mich überall nicht mehr zurecht zu finden.
Neue Mode höhnisch:

Wo kommen Sie nur her? Sie werden ausgelacht
Mit diesem starken Zeug, in dieser steifen Tracht.
Alte Mode ehrlich:

Das glaub' ich wohl, ich komm' aus Franz des Ersten Zeiten,
Da wusste man noch nichts von solchen Kleinigkeiten,
Sie zeigt auf das plattirte Geschirr

Noch nichts von solchem Zeug, wie Eure Form umwebt,
So luftig, wie der Geist, der oft die Form belebt!
Wahr ist es, mehr Geschmack verkünden Eure Kleider,
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Doch dies verdankt ihr ja nur mehrentheils dem Schneider.
Was kostet nicht der Flor, wie bald ist er dahin-
Wir kauften immer schon für unsre Enkelin;
Was nützt dies Flittergold, was diese Glaskoralen?
Bei uns war alles ächt, vom Haupt bis auf die Schnallen;
Die Kisten füllten sich mit selbstgespon'nem Lein,
Mit glänzendem Damast, so dauerhaft als fein;
Die Spindel und der Strumpf bewegten stets die Hände.
Und uns're Stickerei bekleidete die Wände.
Die Sorge für das Haus gehörte für die Frau,
Die Rechnung führte da die Erste in dem Gau,
In unsrer goldnen Zeit, da nahte sich die Jugend
Dem Alter ehrfurchtsvoll, und Pflicht hiess keine Tugend.
Die Frauen lebten froh im Kreis der Häuslichkeit;
Bei Harfenspiel und Fleiss entfloh die goldne Zeit.
Beseligt durch das Glück der edlen höhern Liebe,
Gehörten dem Gemahl die seligsten der Triebe;
Zu stillen Freuden zog ein zarter, edler Sinn
Das liebevolle Weib, das holde Mädchen hin.
Da nannte man noch nicht den innern Lohn Chimäre,
Und Frauenwürde ward erhöht durch Zucht und Ehre.
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Als Vorwurf sah man nie da Andrer Urtheil an,
Wie, schuldbewusst, der Thor jetzt träumt in eitlem Wahn.
Da war die Konvenienz noch nicht des Willens Meister,
Der Egoismus nur ein Sporn für kleine Geister.
Zuweilen tönte wohl zu laut der Becherklang,
Doch weihte Freundschaft ihn und froher Rundgesang.
Die Treue war noch nicht zum Schattenspiel geworden,
Und unbekannt die Kunst, von rückwärts her zu morden.
An Menschenkenntniss, ja, gewinnt man jetzt weit mehr,
Als einst, zu meiner Zeit; doch ach! das Herz bleibt leer.
Und welch' ein'n Unterricht erhält nicht eure Jugend!
Wie schreibt ihr schön und wahr von Wissenschaft und Tugend! -
Nichts wussten wir davon, wir liebten nur die That;
Wer weniger bedarf, vermisset keinen Rath -
Verachtet wurde die, die Fleiss und Arbeit scheute,
Und darum wurden auch aus unsern Mädchen Bräute;
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Jetzt ist es anders – doch vergleichen will ich nicht,
Die Wahrheit sag' ich nur, uns war sie kein Gedicht.
Was war da heiliger, als der Geliebten Name;
Der Ritter focht für ihn, und starb für seine Dame,
Ihr Beifall und ihr Ruhm, das war sein schönstes Ziel,
Er spornte ihn zur That und machte sie zum Spiel:
Jetzt, o ihr Götter, helft! wenn sie euch wollten rächen,
Ihr sähet täglich nichts, als Lanzen um euch brechen.
Neue Mode entrüstet:

Allez! Madam, allez! ich hasse die Moral,
Bei uns logirt man sie sehr oft in das Spital.
Alte Mode mit dem Tone des innigsten Mitleidens:

O Einfalt, Religion, Solidität und Güte,
Wo find' ich wieder euch, wo duftet eure Blüthe?
Die Frucht der unsren prangt noch segnend überall;
Hier spricht's ein Waisenhaus, dort zeugt's ein Hospital,
Da eine Stiftung – ach! oft würden eure Söhne –

Herr v. Sode tritt mit Geräusch sehr anmassend herein; er macht unter spöttischer [300] Pantomime eine graziöse Verbeugung; die alte Mode scheint es nicht zu verstehen, und sagt mit Beziehung:


Gewiss der Herr Gemahl?


v. Sode empört:

Ich ein Gemahl? fi donc! ich suche meine Schöne;
Ich hasse jeden Zwang und alle Sklaverei –
Wir thun, was uns beliebt, von Strafe sind wir frei!
Alte Mode sieht ihn mit Erstaunen an, und sagt im Abgehen:

O sittenlose, Zeit! entartetes Geschlecht!
Die Strafe folgt der Schuld, und ihr tragt sie mit Recht! –

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TextGrid Repository (2012). Sommer, Elise. Gedichte. Gedichte. Die alte und die neue Mode (Bruchstück). Die alte und die neue Mode (Bruchstück). Digitale Bibliothek. TextGrid. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0005-0FA1-D