[963] 1047.

Mel. 101.


1. Du heil und theil der ganz entblösten sünder! du kraft und saft vor die, so elend sind; du weg und steg der schwachen kleinen kinder! gesicht und licht, so bald man gar erblindt, der abgejagten seelen, und aller, die sich quälen, rat, führer, aufenthalt! was mehr? was kan man von dir noch erzehlen? die art der treue ist so mannigfalt.

2. So ists, du bists! so hab ich dich erfahren, du herz vol schmerz auch wegen meiner not, ich wil dis pfand wohl suchen zu bewahren, dis bleibt mein grund und veste bis in tod. Ich wil von nichts mehr wissen, als daß ich ganz zerrissen und elend in mir bin, und alles das von ganzem herzen missen, was mich nicht blos zum Nichtsseyn führet hin.

3. Denn das ists, was die ganz bekante sachen, die deutlichste erkäntnis in der welt, kan dunkel und fast unbegreiflich machen, wenn man noch einige gestalt erhält. Das Wasseynwollen lebet, darin man sich bestrebet zu wachsen tag vor tag, und nicht so wol um grund nach grunde gräbet, als daß der grund ins auge fallen mag.

4. Wer weis, wie heis die treue liebe brennet, und ohne ruh die seelen suchet auf, und ob sie gleich die grosse härte kennet, sichs [964] auch nicht hemmen läst im liebeslauf; der kan sonst nichts beginnen, als daß er herz und sinnen vom Wasseyn leeret aus; er gibt sich hin, verliert sich zum gewinnen, kriegt ort und raum, und dienst in JESU haus.

5. Du nie alhie genug gepriesne liebe! o mache dich doch allen recht bekant, thu kund den bund der freyen gnadentriebe, der überzeugt den menschlichen verstand: daß du die sünder liebest, und ihnen dich ergiebest, (sie greifen dann nicht zu:) und sie vom ban zu lösen nicht verschiebest, wenn sie nur los verlang'n, du liebe du!

6. Solt ich wol mich um deine treu bekümmern, als ob du deine pflicht vergessen soltst? nein, eh zergeht die welt in tausend trümmern, als daß du nicht jedwedem helfen wolest, du lässest dich kaum bitten, und gehst mit starken schritten den armen schaafen nach, du stelst dich in der armen sünder mitten, verstehest die vor angst gebrochne sprach.

7. Ach ja! du A und O des schwachen glaubens, der bald gewalt durch deine treue kriegt, daß er sich nicht besorgt des wiederraubens, weil er die furcht und zagheit schon besiegt, wer diese kunst gelernet, dem ist ganz ausgekernet die tiefe Gotteslieb, er ist nicht mehr vom sünderfreund entfernet, er sieht sein herz, er fühlt den feuertrieb.

8. So ruht mein mut in dieser leibeshöle, es lebt und schwebt in ihm das ganze Seyn, es walt und schalt die durchgebrachte seele nach dem, bey dem die seligen gedey'n; Mein herze wird zu enge, und kommet ins gedränge, wenns von dir lallen solt, es ist des dings zu viel und eine menge, daß ichs nicht zehlen kan, so gern ich wolt.

9. Drum sey ganz frey und ohne alles zwingen, mein ruhn und thun der Ausdruk deiner gnad; gekehrt, geehrt auch in den kleinsten dingen, was hier an mir geschehn, der armen mad; es müsse alles sterben, was noch wil was erwerben mit eigner heiligkeit, ich wil umsonst das theil der kinder erben, [965] vor allen bit ich um ein buntes kleid.

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TextGrid Repository (2012). Zinzendorf, Erdmuthe Dorothea von. Gedichte. Geistliche Lieder. 1047. Du heil und theil der ganz entblösten sünder!. 1047. Du heil und theil der ganz entblösten sünder!. Digitale Bibliothek. TextGrid. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0005-B3DA-6